Rezension: Sunstone

Es heißt, dass sich Erotica von Pornographie darin unterscheidet, dass man bei Erotica weiterlesen möchte, nachdem man gekommen ist. Nachdem Pornographie im Internet überall zu erhalten ist, war es sehr erfrischend zu sehen, dass es auch erotische Webcomics gibt, die man lesen möchte. Als ich das erste Mal über das, was jetzt Sunstone ist, stolperte, war es nur ein Bondage ((Ich mag sowas durchaus. Man spare sich jegliche Meinung. Wenn ihr keinen Kink habt, dann habt ihr ihn nur noch nicht gefunden.)) Bild auf Deviantart. Doch als ich weiterlas stellte sich heraus, dass hier glaubhafte Charaktere agierten, auch wenn es erst einmal nur Bondagebilder waren. Nicht nur mein Interesse wurde geweckt und so sah sich der Autor und Zeichner Stjepan Sejic auf einmal einer Fangemeinde zu einem Comic gegenüber, den er so nie geplant hatte. 

Sunstone ist jetzt in der Papierversion erschienen und macht als Paperback einen schicken Eindruck. Themengerecht werden hauptsächlich warme Farben verwendet, allerdings merkt man auch dem ersten Buch an, dass es hier nicht nur um fantasievollen Bondagesex zwischen zwei jungen Frauen geht. Wer nach dem ersten Buch noch glaubt, dass es hier keine Liebesgeschichte sondern nur harten Sex gibt, ist innerlich noch abgestorbener als ich.

In Sunstone geht es um die Geschichte von Ally und Lisa, die sich über das Internet kennenlernen und den gemeinsamen Fetish Bondage teilen. Lisa ist hierbei die submissive Partnerin, während Ally die dominante Rolle einnimmt. Dazu kommen noch ihre Bekannten und Freunde, die sich auch zum Geschehen äußern und schon ist ein ansprechendes Ensemble an vielschichtigen Charakteren dabei miteinander in gegenseitige Konflikte und Liebschaften zu treten. Dabei ist, wie bei jeder guten Romancenovel, klar, dass sich am Ende alle kriegen, egal wie groß das Drama dazwischen ist.

Ich kann Sunstone also nur empfehlen, denn es ist sehr schöne Erotica ohne die großen Klischees und mit mehr Tiefe als Pornographie.

Projekte 2014 – Endabrechnung

Ich hatte mir für dieses Jahr verschiedene Projekte vorgenommen und es wird Zeit mal zu schauen, wie es denn damit so gelaufen ist.

Naturfotografie

Das lief erstaunlich gut. Die Menge meiner Fotos, die irgendwie ansehnlich sind, sind auf meinem Flickrstream zu finden. Nebenbei wurde ich mit Hipstamatic angesteckt. Das war also alles sehr erfolgreich.

Infinity

Ich habe tatsächlich angefangen und sogar schon eine Miniatur bemalt. Das neue Regelbuch ist draußen und ich habe das neue Starterpaket gekauft, sowie schon Mitspieler. Läuft.

Rollenspielcon

Hat stattgefunden, war leider weniger besucht als gewünscht, aber wir werden das wohl wieder tun. To be continued…

Kurzreisen

Ich war in Wien. Die Fotos finden sich auch im Flickrstream. Das lief ganz gut.

Und nun?

Neue Projekte werde ich mir bald ausdenken.

Sachen, die okay sind…

Es ist Wintersonnenwende und der dunkelste Tag des Jahres. Auf meiner Terrasse versucht die Plane für die Gartenmöbel Flug aufzunehmen und eine einsame Kerze erleuchtet das Wohnzimmer. In dieser dunklen Nacht möchte ich etwas positives verbreiten. Es ist eine Liste mit Sachen, die okay sind. Das wird viel zu wenig gesagt und man sollte sich öfter daran erinnern. Die Reihenfolge ist komplett zufällig, wie mir die Sachen einfallen. Wenn euch noch etwas einfällt, dann schreibt es in die Kommentare, ich füge es gerne hinzu. 

Es ist okay, verrückt zu sein.

Es mag erscheinen, dass wir uns möglichst konform verhalten sollen. Der Druck dies zu tun ist auf jeden Fall vorhanden und kriecht uns gerne den Rücken herauf, wenn wir uns im Alltag befinden. Sei normal und angepasst, aber wir haben alle das, was Edgar Allan Poe als den Imp of the Perverse bezeichnet hat. Okay, damit meinte er eine Entschuldigung für Mord, aber auch diese Gedanken dürfen wir halt eigentlich nicht haben. Was noch weniger geht ist, sich irrational und eigenartig zu verhalten. Doch es ist okay, denn alles was als normal geht ist eigentlich ein unmenschliches Ideal und viele der großen Fortschritte unserer Welt kommen aus dem, was ungewöhnlich oder schlicht verrückt ist. Normalität ist die Angst vor Veränderung und die Hoffnung, das Erwartbarkeit dem Leben einen Sinn verleiht, den es nicht hat.

Es ist okay, nein zu sagen.

Etwas total verrücktes ist, wenn man auf eine Anfrage „nein“ sagt. Dabei sollte es vollkommen okay sein. Die meisten sozialen Beziehungen zwingen uns die Idee auf, dass wir eine soziale Verpflichtung haben etwas zu tun. Dies ist sogar im Arbeitsleben weitaus weniger der Fall, als wir es uns einbilden. Nicht „nein“ sagen zu können hat mehr damit zu tun, dass wir uns selbst meist nicht wert genug sind. Deswegen sagen wir an Stellen, an denen wir für uns „nein“ sagen sollen, gerne mal nicht „nein“ oder müssen erst Gründe herbeirationalisieren, dabei ist es okay „nein“ zu sagen und das ohne Gründe angeben zu müssen.

Es ist okay, Menschen zu verlieren.

Wir lernen so viele Leute in unserem Leben kennen, manche davon näher, manche davon auch eine längere Zeit. Es gibt die Idee, dass wir diese Menschen ewig in unserem Leben haben, doch leider verändern sich soziale Beziehungen und wir verlieren Menschen aus den Augen, wenn nicht sogar final. Wir möchten vielleicht gerne, dass es immer so bleibt, aber Menschen gehen weiter und Beziehungen verändern sich oder enden. Die Menge an Leuten, die wir wirklich lange in unserem Leben haben, ist wirklich klein und meiste dauerhafte Partner. Es mag weh tun, aber Leute zu verlieren ist okay.

Es ist okay, normal auszusehen.

Mit normal ist hiermit gemeint, dass eigentlich jegliche Art von Aussehen von Menschen normal ist. Wir müssen nicht dafür entschuldigen, wie wir aussehen oder was unser Kleidungsgeschmack ist. Die von den Medien verbreiteten Schönheitsideale sind komplett illusorisch und reden einem nur blöde Ideen ein. In Wahrheit ist es okay so auszusehen, wie man aussieht, nämlich normal.

Es ist okay, nicht alles richtig zu machen.

Fehler sind menschlich, aber die Erwartungen an uns von uns selbst sind hoch. Die Angst keine Fehler machen zu dürfen lähmt viele Menschen mehr, als sie sollte. Wir haben teilweise mehr Angst vorm Versagen als davor, dass unsere Inaktivität die Situation verschlimmert. Natürlich lässt sich diese weitaus schlechter sehen, ist aber in vielen Fällen das größere Risiko. Uns wird so oft eingeredet, dass wir alles immer richtig machen müssen, dass wir vergessen, dass das nicht einmal technisch möglich ist. Wir leben in einer imperfekten Welt, zu der wir nicht alle Informationen haben und deren Funktionsweise uns nur vertraut erscheint. Betrachtet man das alles, dann ist es vollkommen okay Fehler zu machen. Inaktivität ist schlimmer als ein Fehler.

Es ist okay, Angst zu haben.

Wir sind tief irrationale Wesen und das zeigt sich bei unseren Ängsten. Wir reden uns gerne ein, dass wir die Kontrolle über diese Welt haben und deswegen keine Angst zu haben brauchen. Wir haben aber eigentlich jedes Recht diese Ängste zu haben. Die Arroganz der Moderne ist in der Idee, dass wir die Welt beherrschen. Wir tun das nicht, und wir sollten Angst davor haben. Es ist ein Wunder unseres Gehirns, dass wir diese Angst durch Langeweile ersetzen können. Deswegen ist es okay, wenn man Angst hat. Sogar irrationale Ängste sind in Ordnung, weil niemand anders einem sagen kann, ob sie komplett unrealistisch sind.

Es ist okay, keine Lust zu haben.

Wir tun vieles, das wir nicht dringend wollen. Die Idee, dass wir diese Sachen auch noch gerne tun müssen ist etwas eigenartig. Trotzdem wird es implizit von uns verlangt, dass wir viele Sachen auch gerne tun. Man soll immer motiviert sein und eine positive Einstellung haben. Das ist aber eigentlich Terrorismus, denn das Verlangen von guter Laune und Motivation ist das Verlangen nach etwas, das wir als Menschen selbst nicht immer beeinflussen können. Trotzdem ist der Druck da, dass man Sachen immer gern zu machen hat. Dabei ist es vollkommen okay, wenn man keine Lust hat. Das bedeutet nämlich nicht, dass man etwas schlecht macht.

Es ist okay, keine Ahnung zu haben.

Die Menge an Wissen, die in diese Welt kommt ist enorm. Je älter man wird, desto mehr erkennt man, dass man eigentlich sehr wenig weiß und nur auf wenigen Gebieten ein unvollkommener Experte sein kann. Allerdings leben wir in einer Welt, die Kontrolle für ein hohes Gut und damit vollkommenes Wissen für notwendig hält. Dabei haben wir keine Ahnung, wir wissen nur besser wie groß die nichtvorhandene Ahnung ist, die wir haben. Jedenfalls ist das in der Wissenschaft so. In der Alltagswelt soll man möglichst allwissend und perfekt sein. Das ist gar nicht möglich, also ist es okay, wenn man mal keine Ahnung hat. Sogar in seinem eigenen Fachgebiet.

Es ist okay, zu versagen.

Das schliesst sich an viele andere Sachen auf dieser Liste an. Es wird immer erzählt, dass Erfolg einen Menschen definiert, dabei ist es eigentlich die Art, wie er mit Misserfolg umgeht. Man muss versagen können, damit Erfolg eine Relevanz hat. Wenn man immer nur Erfolg hat, dann ist dieser Erfolg wertlos, denn entweder ist er zu einfach errungen worden oder man hat betrogen. Das Stigma, das durch die protestantische Ethik der westlichen Welt auf Misserfolg gelegt wird, ist wahrscheinlich eine der größten Bremsen individueller Entwicklung. Wir müssen versagen um zu wissen, was wir nicht können, denn dann wissen wir auch, was wir können. Dieser Freiraum wird aber niemandem mehr gelassen. Man muss performen oder man ist unwert. Diese Denke führt zu immer mehr jungen Menschen mit psychischen Störungen und Ängsten, denn Versagen ist keine Option mehr. Das wird jedenfalls erzählt, dabei ist es okay zu versagen.

Ohne Schule geht es (leider) auch nicht – eine Replik

Beim Deutschlandradio Kultur findet sich ein Text eines Vaters, der sein Kind nicht zur Schule schickt. Dies ist meine persönliche Antwort als Lehrer und Mensch mit soziologischer Bildung.

Zuerst einmal eine generelle Einleitung zu der Tatsache, dass Jakob nicht in die Schule geht:

Artikel 7, GG

(1) Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates. ((http://dejure.org/gesetze/GG/7.html))

Warum ist das so in Deutschland? Weil wir eine wehrhafte Demokratie haben und diese haben wir, weil wir einmal erlebt haben, wie gefährlich es ist, wenn der Geist von jungen Menschen vergiftet wird. Es ist richtig, dass dies auch über das Schulsystem stattgefunden hat, aber die Gefahren, denen sich die Demokratie heute ausgesetzt sieht, haben allesamt ihre Wurzel in mangelndem Verständnis der Komplexität der Welt. Nur, wenn ich komplexe Systeme verstehen kann, kann ich auch komplexe Sachverhalte der Moderne beurteilen und mich emanzipieren. Diese Emanzipation ist das Ziel von Bildung und die Chancen dafür sind in einer sozialen Institution für Bildung höher als wenn jeder Mensch seine Kinder selbst bildet. Das Hauptargument hierfür kann man in dem Spruch von Isaac Newton sehen: „We are standing on the shoulders of giants.“ ((Nebenbei auch noch eine kleine Schmähung… er bezog es anscheinend auf einen sehr kleinen Mathematiker…)) Meine Expertise in Sozialkunde und Englisch ist das Ergebnis von organisierter Wissensvermittlung. Ohne das Weitergeben von Wissen in der Masse hätten wir heute nicht die Errungenschaften, die unser Leben so kuschig machen.

Doch nun zu den Argumenten, die in diesem Text vom Vater genannt werden.

Unterricht ist eine unglaublich ineffiziente Art der Wissensvermittlung. Kinder lernen von Natur aus, freiwillig, sie saugen Wissen geradezu auf!

Nach welchem Standard ist Unterricht das? Haben wir Vergleiche? Spielt das überhaupt eine Rolle? Für mich gibt es wichtigere Kriterien als Effizienz, zum Beispiel, dass Kinder gesichertes Wissen lernen. Ja, Kinder in Jakobs Alter saugen Wissen geradezu auf, nein, das bleibt nicht so. Dazu kommt, dass sich Jakob die Welt nur in dem Maße erklären und aufnehmen kann, die er im Rahmen seiner Möglichkeiten erhält. Sein Vater gibt ihm nichts zum entdecken jenseits einer Kleinbürgerwelt und das Kind erhält einen weitaus selektierteren Blick auf die Welt als in einer Grundschule. Eine Vielzahl des Wissen, dass er aufsaugen könnte, wird Jakob nie zu Gesicht kriegen, weil er nicht einmal weiß, dass er sich für etwas interessieren kann, dass sein Vater nicht kennt. Der Pluralismus der Welt bleibt ihm fremd. Aus Effizienzgesichtspunkten ist es damit auch fragwürdig, ob Jakob so viel besser dran ist, wenn er ein kleineres Angebot frei lernen kann.

Unterricht der Grundschulen leiden unter zu engen Korsagen und Vorgaben. Das Potenzial der Kinder wird tatsächlich nicht genutzt. Aber es gibt auch sowas wie Montessorischulen, die dieses Argument irgendwie dann entkräften, weil sie das beste beider Welten zu sein versucht.

Mathematik? Sage ich dann – spricht das wirklich für die Schule? Geh auf die Straße und frag irgendwen nach dem Mathestoff der siebten, achten Klasse. Bei den meisten ist kaum etwas übrig, viele können nicht einmal sicher schriftlich dividieren! Die meisten Menschen fragen mich genau deshalb nach Mathematik: Weil ihnen die Schule so große Angst davor eingejagt hat. Und darum soll Schule notwendig sein? Das finde ich absurd. Studien haben gezeigt, dass zwei Jahre nach Schulabschluss 90-95 Prozent des mühsam gelernten Stoffs schon wieder vergessen sind.

Ich sehe hier kein Gegenargument gegen das System Schule. Ich möchte hier darauf hinweisen, dass Mathematik nicht dazu da ist, dass jeder das alles behält. Es ist dazu da abstraktes Denken zu schulen und ja darin versagt der Mathematikunterricht gerne mal. Er versagt, weil Kindern früh der Spaß genommen wird, weil Eltern wie oben diese Klischees reproduzieren und weil jeder denkt, dass Mathematik so schlimm ist. Dazu kommt das Problem, dass moderner Mathematikunterricht gerne weltfremder ist, als er sein müsste. Diese Probleme sind alle erkannt, dass sie nicht gelöst werden ist ein Problem im System, nicht ein Argument gegen das System.

Das mit dem Stoff wird gern erzählt. Dafür, dass dieser Vater das System so nicht befürwortet bedient er sich aber gern derselben Denkwelt. Der grundlegende Fehler, den er hier fröhlich mitmacht, ist, dass Wissen noch einen Wert hat. Es hat immer weniger Wert. Verstehen und Anwenden sind die Werte, die in der modernen Welt zählen und es ist hier wo nicht nur die Schule sondern auch er als Elternteil versagt, wenn man sich auf Wissen konzentriert. Jakob kann übrigens diese Skills auch nicht allein lernen, denn dazu braucht es auch jemanden, der ihm die Anreize zum denken gibt.

Aber es geht ja in der Schule nicht nur um Wissensvermittlung! Schule hat andere Ziele, Sozialisierung, Toleranz, Auseinandersetzung mit anderen!

Ist Schule wirklich ein guter Ort für soziales Lernen? Sie reglementiert Kommunikation streng, die meiste Zeit sind soziale Interaktion und Auseinandersetzung in der Schule ja verboten – man darf nicht einmal miteinander reden, weil das den Unterricht stört! Alles, was für soziales Lernen fruchtbar ist, muss die Schule aufgrund organisatorischer Notwendigkeiten minimieren, Statistiker haben errechnet, dass jedes Kind sich in einer Schulstunde durchschnittlich ungefähr zwanzig bis dreißig Sekunden äußert. Der Frontalunterricht überwiegt nach wie vor bei weitem. Und in einer sozial so sterilen Umgebung soll soziales Lernen funktionieren?

Sozialisation ist nicht soziales Lernen. Soziales Lernen findet in Gruppen trotzdem mehr statt als wenn Jakob den ganzen Morgen allein daheim mit denselben Menschen rumhängt. Der Bolzplatz ist nicht die Schule mit ihren größeren Mengen an verschiedenen Kindern und Jugendlichen. Es sind alles kleine soziale Räume in denen er sich da bewegt. Er sieht keine Unterschichtkinder, keine Armut, keinen Pluralismus.

Zu der Sache mit dem Äußern im Unterricht möchte ich aus meiner Perspektive sagen: dafür gibt es die meistgehasste Sozialform: die Gruppenarbeit. Wir können das gerne mal so machen, dass alle Fächer immer arbeitsteilige Gruppenarbeit mit offenen Fragestellungen machen und dann nur Ergebnispräsentationen. Die Schülerinnen und Schüler kotzen im Strahl, die Eltern laufen Sturm, denn die Arbeitslast erhöht sich enorm. Komischerweise hat da keiner Bock drauf von den Jugendlichen. Frontalunterricht ist eben auch bequem, denn dauerhafte soziale Interaktion ist sehr anstrengend. Deswegen hat Jakob ja auch einen ruhigen Morgen. Und dann ist da noch das kleine Faktum, dass manchmal eine erzählte Geschichte die beste Art der Wissensvermittlung ist.

Eine befreundete Mutter hat mir einmal gesagt, als ihr Sohn sich auf die Mittlere Reife vorbereitete, der war vorher nie auf der Schule: Mein Gott, dieser Stoff ist so dürftig, wie schafft die Schule es bloß, die Kinder zehn Jahre lang hinzuhalten, bis sie diese lächerliche Prüfung machen dürfen?

Die Arroganz dieser Aussage lasse ich unkommentiert stehen. Das kann nur jemand sagen, der von der Schichtung, die er gleich lamentiert Vorteile hat. Nebenbei: dann macht doch nen Abi!

Aber diese Kinder sind doch gerade die Verlierer des Schulsystems! Das zeigen alle Studien, seit Jahrzehnten, alle Reformen haben daran kaum etwas geändert: Bildung ist gerade in Deutschland sozial hoch selektiv. Ich finde das auch logisch, denn Schule ist von ihrer Grundstruktur her als Wettrennen um die guten Noten organisiert, und wer vom Elternhaus her mit einem Vorsprung in dieses Rennen einsteigt, der geht auch eher als Sieger daraus hervor. Darum wehren sich ja gerade Eltern aus der Mittelschicht mit Händen und Füßen gegen die Abschaffung von Noten, obwohl längst wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass die zum Lernerfolg nichts beitragen.

Soziologisch gesehen, ist Schule ein System gesellschaftlicher Reproduktion – und eine Gesellschaft, die sozial geschichtet ist, wird sich durch diese Institution auch immer als geschichtete reproduzieren. Dass man ausgerechnet die Schule aus Heilmittel dafür anpreist, ist ein Widerspruch in sich!

Hierzu gibt es zwei Sachen zu sagen… erstens soziale Selektion ist ein Problem. Sollten wir deswegen das System abschaffen und alle daheim erziehen? Setzt die Selektion sich da nicht fort? Bullshit!

Und gesellschaftliche Schichtung basiert auf der Ungleichheit der Menschen. Schule kann sie reproduzieren, aber muss es nicht tun. Hieran zu arbeiten ist sinnvoller als die einzige Institution abzuschaffen, die uns die Möglichkeit bietet. Jakob wird soziale Schichtung als Phänomen nicht erfahren, wie es andere Grundschulkinder tun. Er kennt ja nur sein gehegtes Umfeld.

Das Wort „fördern“ kommt aus der Sonderpädagogik, darum heißt es ja „Förderschulen“. Letztlich steckt darin eine seltsame Bevormundung. Früher herrschte das Bild vom wilden Kind vor, das die Pädagogik bändigen musste. Das war autoritär, aber immerhin eine klare Sache.

Dieser Förder-Diskurs hat dazu geführt, dass Kinder eher als hilflose, defizitäre Wesen gesehen werden, wie Autos, die man ständig anschieben muss. Man sagt so gern, die „Förderschulen“ gehören abgeschafft, der Inklusion wegen – ich würde umgekehrt sagen: Dieser bevormundende Gestus der heutigen Schule macht tendenziell alle Schulen zu Förderschulen.

Verräterisch finde ich, dass man in den Leitbildern vieler Schulen heute steht, man wolle die Kinder „fördern und fordern“ – das ist eine Formel aus der Hartz-IV-Debatte über Langzeitarbeitslose! Dieses ganze fürsorgliche Zwangssystem hilft in Wahrheit benachteiligten Kindern überhaupt nicht. Es schreibt die Unmündigkeit, aus der es sie angeblich befreit, eigentlich nur fort.

Das Wort fördern kommt auch aus dem Bergbau. Man kann sich natürlich seine Welt so stricken wie sie will. Wenn wir nicht fördern, haben wir unsere Verantwortung für die Gesellschaft und die jungen Menschen abgegeben. Der Vergleich mit HARTZ-IV ist zynische Hetze und diese Aussage über Förderschulen zeugt von einer nahezu sozialdarwinistischen Idee, dass jeder was kann und beantwortet nicht die Frage, was mit denen ist, die es nicht können.

Kinder sollten mehr Freiheiten haben. Ihnen aber mit diesen Milchmädchenargumenten Unterstützung zu verweigern, weil ihnen dadurch angebliche Freiheit fehlt ist schon eine spannende kognitive Dissonanz. Freiheit kommt durch Emanzipation, ohne die sie keiner nutzen kann. Hier redet der Autor wieder aus einer kuschigen Perspektive desjenigen, dem es besser geht.

Irgendwann landet jedes Gespräch über Schule an diesem Punkt: Freiheit schön und gut, aber später muss man sich arrangieren. Ich finde das schockierend! Angeblich geht es um Bildung, Mündigkeit, Demokratie, aber am Ende sagt fast jeder, mit dem ich spreche, das Gegenteil: lernen, sich unterzuordnen.

Die menschliche Erfahrung ist, dass unsere Freiheit in allen möglichen natürlichen und sozialen Grenzen endet. Sie ist grundlegend, schmerzhaft und bitter. Die Idee, dass jeder so frei wie möglich sein soll, endet an der Nasenspitze des anderen. Der anarchische Kapitalismus, der die Grundlage vielen Leids in dieser Welt ist, argumentiert genauso, wie es hier getan wird. Demokratie bedeutet sich auch dem Willen der Mehrheit unterzuordnen und sie bedeutet auch gegen diesen Willen aktiv zu werden. Die Erfahrung unterlegen zu sein ist der Antrieb für den Drang nach Mündigkeit und Freiheit. Schule versagt nur dann, wenn sie vorgibt, dass das was sie darstellt unveränderlich istDas ist mir bisher nicht untergekommen.

Ich glaube, darum hängen wir so an der Schulpflicht. Es ist der tief in uns verwurzelte Glaube, dass Menschen Zwang brauchen, es ist Angst vor der Freiheit.
Wir sichern alles ab, versuchen alles zu planen, zu managen, unsere Gesellschaft ist so angstbesetzt und kontrollversessen – und ein Symptom dieser Angst ist Schule. Frei aufwachsende Kinder, dafür hat dieses Land, das angeblich so kinderfreundlich ist, in Wahrheit panische Angst. Selbst wenn ich die Zukunft meines Kindes planen könnte, ich würde es nicht tun, das darf ich gar nicht, das wäre ein Verbrechen! Der große Pädagoge Janusz Korczak hat das einmal als Grundrecht des Kindes formuliert, das „Recht auf den heutigen Tag“. Ich darf die Freiheit meines Kindes keiner Zukunft unterordnen, die ich doch gar nicht kenne!

Schule ist kein Symptom irgendeiner Angst. Sie ist basiert allerdings auf dem Wunsch einen funktionierenden Bürger zu erschaffen, den wir so nicht mehr brauchen. Sie gibt keine Kontrolle mehr, sie gibt keine Garantie mehr. Die schulischen Abschlüsse werden immer mehr entwertet und Noten werden immer unwichtiger in der Wirtschaft. Es ist klar, dass Sozialstatus produziert wird, es ist egal was die Menschen können, die den Zettel am Ende haben. Schule kann gar keine Garantien mehr geben. Die Tatsache, dass der Auto glaubt, dass da das Problem ist, zeigt, dass er sich seit langem nicht mehr in eine Schule begeben hat.

Freiheit bedeutet Ungewissheit, und es ist meine Pflicht, sie auszuhalten, meinem Kind den Raum dieser Ungewissheit offenzuhalten – erst dann kann Bildung entstehen, als aktiver Prozess, der vom Kind ausgeht. Wir kennen viele Familien, die in Deutschland heimlich, illegal ohne Schule leben. Das Recht darauf ist ein Bürgerrecht. Es ist ein Kinderrecht. In den meisten anderen Ländern Europas gibt es dieses Recht.

Bildung ist nach dem unten zitierten Humboldt ein Zuwachs an Fähigkeiten und Wissen, nach dem man die Welt neu verstehen kann. Dies halte ich ohne einen Partner, der einem Anreize gibt unmöglich. Schule mag nicht der beste Ort dafür sein, aber sicher besser als eine x-beliebige Familie. Ein System wegen seiner Fehler zu boykottieren ist nicht die Lösung.

Ich fordere es auch für mich, für meine Kinder – als das, was das Grundgesetz jedem deutschen Bürger garantiert, das Recht auf ein Leben in Selbstbestimmung und Freiheit. Wir haben das Recht auf Bildung in einer geradezu orwellschen Sprachverdrehung in einen paternalistischen Bildungszwang verdreht, der Lernen behindert und Mündigkeit erstickt. Bildung aber, so hat es schon Wilhelm von Humboldt gesagt, und die wunderbare Entwicklung unserer Kinder bestätigt das für mich täglich – Bildung braucht Freiheit.

Na dann, engagieren Sie sich bitte! Und stellen sie sich nicht in ihre kuschige auf dem Wissen der anderen aufgebauten Mittelschichtidylle hin und verweigern sich einem System, das defizitär, aber immerhin noch besser als keines ist. Denn Ihr Glück ist genauso wenig ein Bürgerrecht wie die Armut und die schlechteren Bedingungen der anderen.

Das Schulsystem hat seine Fehler und ich habe hier in diesem Blog genug darüber geschrieben, wo diese Fehler sind. Sie sind allerdings kein Argument gegen das System an sich, sondern dagegen, dass es verkrustet ist und weder die wissenschaftliche Didaktik, noch Pädagogik sich einig ist, wie dieses System aussehen soll. Im Widerstreit zwischen Eltern, Wirtschaft, Verwaltung und unendlich vielen diffusen Erwartungen der Gesellschaft kann dieses System nur scheitern. Schule abzulehnen weil sie fehlerhaft ist, ist genauso blind, wie das Nichtbetreten der Strasse, weil es einen Unfall geben kann.

Von Molchen und Lurchen…

Die Behandlung der Menschen als Molche und Lurche führt dazu, daß sie sich wie Molche und Lurche verhalten. (Th. W. Adorno)

Es gibt ein Phänomen, das mir immer wieder und immer häufiger im Schulalltag begegnet. Es gibt junge Menschen, die da vor einem sitzen und nicht in der Lage sind eigenständig Entscheidungen zu treffen oder aber eigenständig zu handeln. Nun könnte man sagen, dass das damit zusammenhängt, dass die jungen Leute von heute halt keine Interessen mehr haben und soundso total verblödet sind. Das ist aber nicht der Fall. Intelligenz ist generell gaußverteilt und damit sind die meisten Leute auch schlau genug abwägende Entscheidungen zu treffen und eigenständig zu handeln. Die Frage ist also, warum es die Menschen, die sich im Schulsystem befinden nicht tun.

Mangelndes Wissen

Gut, das sollte bei Schülerinnen und Schülern eigentlich keine überraschen und es ist auch kein Problem, wenn die Kinder irgendwie zehn oder auch fünfzehn Jahre alt sind und am Anfang oder auch in der Mitte ihrer Schulerfahrung stehen. Kritisch wird es wenn die Schülerinnen und Schüler nahezu oder schon erwachsen sind. Dann muss man sich die Frage stellen, warum am Ende der Schullaufbahn so wenig Wissen über die Welt hat, dass einem die meisten Konzepte fremd sind. Eigentlich sollte da ja erwartet werden, dass die Leute zum einen umfangreiches Wissen durch Schule und auch Lebenserfahrung durch, nunja, Leben erworben haben.

Ich habe ehrlich gesagt keine belastbare Ahnung, woher dieses Phänomen kommt, aber ich habe ein paar Hinweise entdeckt, die mir plausibel erscheinen. Zum ersten ist Wissen an sich in der Schule eine Massenware, die zu behalten a) schwierig ist und b) strukturell nicht forciert wird. Stattdessen wird das schnelle Auswändiglernen und Wiedergeben belohnt und es wird da auch gern leicht gemacht in dem die Strukturen der Leistungstests vom auswändiggelernten Inhalt meist nicht unterschiedlich sind und keine praxisorientierten Kriterien entsprechen. Ein Beispiel hier wäre das Abfragen von Vokabeln deutsch-englisch nach Listen. Ein Lückentext mit dem Kontextualisierung geübt werden muss ist sinnvoller. Zum zweiten nimmt Schule einen sehr großen Teil des Lebens von Schülerinnen und Schülern ein, ist aber gleichzeitig nicht relevant für die Realität in der sich die Kinder und Jugendlichen befinden. Soziale und technische Neuerungen erreichen die Schule meist mit mindestens zehn bis zwanzig Jahren Verzögerung und Lehrerpläne sowie Schulstrukturen halten nicht dazu an relevante aktuelle Themen und Denkweisen in den Unterricht einfließen zu lassen. Moderne Einflüsse sind das Vorrecht der jungen Lehrergeneration und die wird dafür auch gerne mal belächelt.

Erlernte Hilflosigkeit und Angst

Ein anderes Phänomen findet sich ziemlich nachweisbar. Schülerinnen und Schüler geben ungern Meinungen von sich, da sie glauben, dass die Lehrkraft sie für diese Meinungen bestraft, wenn sie nicht der Meinung der Lehrkraft sind. Dazu fehlt auch, dass da auch das Hintergrundwissen über die Gesellschaft und die Welt fehlen. Also genau das, was man den jungen Menschen beibringen möchte, ist nicht vorhanden und man es zur Basis für einen Test macht, dann sind die Schülerinnen und Schüler aufgeschmissen, weil Wissen schlecht verankert ist und Weltwissen eigentlich nicht stattfindet. Das schafft natürlich Angst, zum einen ist eine Meinung schwer zu bepunkten und damit für den notenorientierten Menschen in der Schule ein Horror, zum anderen benötigt sie eine hohe kognitive Leistung, die normalerweise gar nicht gefordert wird. Da reicht das Auswendiglernen von Inhalten aus. Das kann dann auch gleich anständig vergessen werden. Dementsprechend ist die Hilflosigkeit der Schülerinnen und Schüler groß. Doch sie wird eigentlich nur in den Strukturen der Schulen so erlernt. Es wird mit bester operanter Konditionierung dafür gesorgt, dass eigenständiges Mitdenken kaum eine Rolle spielt. ((Wer jetzt glaubt, dass das an Gymnasien sicher besser ist als an Hauptschulen, hat nur teilweise recht. Es ist besser, aber nicht so sehr wie man sich das denkt.))

Aus den Strukturen des Lernens an Schulen entsteht also erlernte Hilflosigkeit und (Existenz-)ängste, die aus Menschen, die alle Möglichkeiten ihrer Entwicklung erst einmal haben, willfährige Ausführungsroboter, die weder für eine komplexe moderne Welt noch die, darunter liegenden, Anforderungen der Wirtschaft geeignet und generell keine Menschen, die diese Gesellschaft weiter bringen. Dafür aber Leute, die sich scheuen Entscheidungen zu treffen und die es nicht gewohnt sind, diese Entscheidungen auch zu begründen. Dazu werden sie nicht nur nicht gebracht, es wird ihnen sogar aktiv abgewöhnt. Die hierarchische Struktur der Schule führt eben dazu, dass das was die moderne Wirtschaft möchte und ein demokratischer Staat dringend braucht: offene, flexible und entscheidungsfreudige Menschen, eben nicht durch Schule geschaffen, sondern verhindert werden.

Fremdsprachendidaktik – ein Rant

Das ist der hundertste Eintrag in diesem Blog und ich habe mit Erstaunen festgestellt, dass ich mich noch nie über die eine oder andere Idiosynkrasie der Fremdsprachendidaktik, wie man sie so als Englischlehrer beigebracht bekommt, ausgelassen habe. Dabei rante ich da relativ gern drüber. Falls ihr Kinder im schulpflichtigen Alter habt, dann seid gewarnt: das mag nicht wirklich erbaulich sein.

Didaktische Reduktion

Das Meiste, das mich an der modernen Fremdsprachendidaktik stört hat mittelbar mit den Prämissen zu tun, die sie sich unter anderem von der Pädagogik holt. Diese Prämissen sind aber teilweise eher skeptisch zu sehen. Pädagogik ist zwar heutzutage immer mehr empirischer Natur, aber etliche Idee kommen tatsächlich direkt aus reiner Philosophie oder aber Ideologie. Dazu gibt es ein paar grundlegende Ideen der Didaktik, die ich in ihrer Ausführung für problematisch halte. Allen voran ist die Frage der didaktischen Reduktion. Didaktische Reduktion bedeutet, dass man einen Sachverhalt so reduziert, dass er einfacher zu verstehen ist. Das ist an sich nicht dumm. Schließlich wollen wir Schülerinnen und Schüler „dort abholen, wo sie sind“ und da hilft es nicht, gleich die komplette Komplexität der Welt über ihnen auszukippen.

Doch ist es eigentlich immer nötig Sachverhalte zu vereinfachen, nur weil Kinder oder Jugendliche vor einem sitzen? Bei vielen naturwissenschaftlichen Inhalten bin ich durchaus dieser Meinung, bei Mathematik auch, aber bei Sprachen ist das problematischer. Sprachen sind nämlich sozial vereinbarte Zeichensysteme, die zwar durchaus Regeln besitzen, aber weder müssen diese Regeln konsequent, noch sachlogisch oder überhaupt sinnvoll erklärbar sein. Die infiniten -ing Formen im Englischen lassen sich gut analysieren und klassifizieren, es gibt aber nahezu keine Möglichkeit eine ernsthafte Regel zu entwickeln an denen sich die Schülerinnen und Schüler festhalten können. Denn dafür sind die Regeln eigentlich da. Als Haltegriffe bis man das System internalisiert hat. Und dort ist dann auch gleich das Problem. Es wird auch bei fremdsprachlichen Regeln didaktische Reduktion angewandt, dabei ist das meist kontraproduktiv, da eine Vereinfachung der Regeln zu falschem Sprachverhalten führen kann. Das klassische Beispiel hier sind die Zeitformen. Das System ist eigentlich gut beschrieben und wenn man dieser Beschreibung folgt erstaunlich einfach. Allerdings erfordert es eine gewisse Menge kognitiver Vorleistung um die Regeln dann richtig anzuwenden. Oder wahlweise, es braucht eine didaktische Aufbereitung, damit Kinder im Alter von 11 Jahren (5. Klasse) diese Konzepte verstehen. Teilweise kann man diese schlicht richtig einüben, es hilft aber auch spielerisch heranzugehen. Das klingt ja alles nicht so schlecht, bis man sich anschaut, was stattfindet.

Denn was stattfindet, ist das Angeben von festen Regeln (zu diesem Teil komme ich gleich noch einmal), dann eine mehr oder minder kurze Übungseinlage und dann wird weitergegangen zum nächsten Thema. Zusammenhänge zwischen den Zeitformen werden nicht gegeben, es gibt keine Systematik und die Regeln werden meist so angegeben, dass es den Lernenden so erscheint, als seien diese Formen alle separat zu betrachten, was sie eben nicht sind. Das zieht sich dann über mehrere Jahre, dabei kann man das System in 45 Minuten erklären und wenn man es didaktisiert sicherlich in einem Schuljahr strukturiert an das Kind bringen, so dass es gesichert weiß, was es tut und sogar das Prinzip verstanden hat. Anstatt Regeln einfach nur aufzustellen, werden diese dann auch verständlich und können so sogar für mehr Motivation und Mündigkeit der Sprecher sorgen. Das ist ja gewollt.

Didaktische Reduktion wird also auf Sachen angewendet, die man besser nicht reduziert und stattdessen mit Zeit und Feedback kognitiviert und einübt.

Induktive Grammatik

Ich habe oben schon gesagt, dass die Regeln den Kindern vorgestellt werden und diese die dann einüben. Leider stimmt das nicht ganz. Derzeit ist ein Trend in der Fachdidaktik Englisch, den Lehrern zu sagen, dass man Grammatik induktiv unterrichtet. Induktion bedeutet, dass man vom Beispiel auf eine allgemeine Regel schließt, während Deduktion das Anwenden allgemeiner Regeln auf ein Beispiel bedeutet. Beim Sprachenlernen geht beides eigentlich kaum. Zwar kann ich Regeln deskriptiv festlegen, aber diese treffen dann nie hundertprozentig zu und man hat Ausnahmen über Ausnahmen. Das bedeutet Deduktion ist nur begrenzt möglich und je fremder die Sprache, desto weniger ((Nunja, es gibt darunter noch Regeln, denen nahezu alle Sprachen gehorchen zu scheinen, aber diese sind auch nicht perfekt. Wer sich für diese Idee interessiert schaue sich die generative Transformationsgrammatik an.)). (Wir haben da mit Englisch noch Glück.) Induktion ist aber komplett unmöglich. Denn Sprache ist ein willkürliches Zeichensystem und was sich andere Leute mit ihren Zeichen gedacht haben, sagt uns meist nichts. Das ist der Grund, warum wir nicht automatisch Kyrillisch lesen können.

Doch Grammatik soll im Unterricht induktiv unterrichtet werden. Die Idee dahinter ist, dass man herausgefunden hat, dass eigene Erkenntnisse Wissen besser verankern. Das ist auch richtig und sollte bei Naturwissenschaften mehr verwendet werden. Bei Sprachen ist es eher eigenartig. Woher sollen die Lernenden wissen, was sich die englische Sprachgeschichte dabei gedacht hat? Das wissen nicht einmal die Sprachwissenschaftler. Es wird hier also das Unmögliche gefordert: nämlich, dass Kinder die richtigen Regeln weissagen. Spannenderweise funktioniert es dann immer. Dafür gibt es aber einen eher zynischen Grund: die Schülerinnen und Schüler lernen früh, dass sie besser mal im Grammatikkapitel vorher lesen, worum es geht. Ansonsten raten sie fröhlich rum, sind unpräzise und es endet dabei, dass die Lehrkraft frustriert die Regeln an die Tafel klatscht. Eine Handlung mit der man das Thema auch hätte beginnen können anstatt 30 Minuten Rätselraten zu spielen, bei dem die Schülerinnen und Schüler eigentlich keine Chance haben. Da kann man sich auch hinstellen und fragen: „What is the difference between a raven and writing desk?“

Dazu ist diese Vorgehensweise menschlich fragwürdig. Unseren Schülerinnen und Schülern wird ein krankhafter Leistungsgeist und teilweise panische Angst vor mündlichen Noten eingeredet, um ihnen dann Aufgaben vorzulegen, die sie realistisch nicht erfüllen können ohne zu betrügen oder Glück zu haben. Erwachsene, wie ich sie unterrichtet haben im Übrigen keinerlei Verständnis für diese Ratespiele, weil sie erkennen, dass man da keine Lösung finden kann. Trotzdem wird einem immer wieder diese didaktische Fehlentwicklung in die Hand gedrückt. Sie wird genauso weitergetragen, wie die Übergeneralisierung der Handlungsorientierung in alle Fächer hinein. Es wird dabei nicht vom Menschen und vom Inhalt sondern vom Prinzip her gedacht. Was an einer Stelle modern und damit offiziell gut ist, muss an jeder Stelle modern und gut sein.

Einsprachigkeit im Unterricht

Dabei steht einem das alte oft genug im Weg. Einsprachigkeit ist die Maxime im Fremdsprachenunterricht. Die Idee, die Schüler nur der Zielsprache auszusetzen ist super. Schließlich lernt man Sprache da am besten. Leider kommt hier jetzt das große Aber.

ABER: Es ist komplett behämmert dies zu fordern, wenn man vier 45-minütige Einheiten die Woche hat. Denn das bringt rein gar nichts, außer dass die Schülerinnen und Schüler dauerhaft weder die Einsprachigkeit ernst nehmen noch einen Erfolg davon haben. Es gibt auch keine Emulation der Lehrkraft, weil die Lernenden schnell erkennen, dass dies eine reine Scharade ist. Die Idee, dass ich 45 Minuten lang einen Engländer spiele, um dann  die nächste Nase auf deutsch dafür anzumotzen, dass sie ihr Handy wegpacken soll, ist komplett hirnrissig. Wenn es einsprachige Projekttage oder generelle Immersion gäbe, wäre ich sofort dabei. Das ist nämlich sinnvoll und macht die Fremdsprache relevant und nicht den Unterricht zu einem Theaterstück mit einem englischsprechenden didaktisierenden Schauspieler, der einem dann, wie oben erklärt, unbeantwortbare Fragen stellt.

Einsprachigkeit ist dazu durch die knappen Zeitpläne schlicht unpraktikabel möchte man seine sprachtheoretischen Inhalte vermitteln oder, wie es mir oft geht, Menschen vor sich, denen man die komplexen Sachverhalte, die man ihnen vermitteln sollte, in der Fremdsprache nicht verstehen würden. Natürlich haben wir teilweise sehr viel Zeit ((Das ist der Segen der Vorklasse: wir bestätigen als Ausnahme mit 10 Stunden die Woche die Regel des zeitlich knappen Unterrichts.)) aber selbst dann kann man nicht alle Sachverhalte in der Fremdsprache abhandeln, denn man möchte auch am Ende, dass die Botschaft ankommt. Manchmal sind deutsche Regeln der Anfang englischen Sprechens. Denn nicht einmal 280 Stunden im Jahr reichen hier wirklich.

Auf der Bühne – und Abgang

Und so wirkt Englischunterricht oft wie Theater. Wir spielen Engländer, wir tun so, als könnte man sprachliche Features einfach so erraten oder erfühlen und wir tun so als wären die Regeln, die da erraten werden so schwer, dass wir sie nicht in ihrer Tiefe lehren können. ((Merkt ihr was? Das ist mir vorher nicht mal aufgefallen, wie schizophren das ist.)) Und dann schreiben wir denen allen C1 oder gar C2 auf die Zeugnisse und fragen uns, warum das keiner ernst nimmt.

Kommunikationsproblematiken

Ich möchte mich mal etwas darüber auslassen, wie Kommunikation in öffentlichen Organisationen so funktioniert, und was man, theoretisch, beachten sollte, wenn man das irgendwie mit Software lösen möchte. Wie immer, keine neuen Erkenntnisse, aber diese vielleicht mal konzise aufgeschrieben.

Kommunikationsformen

Doch wie wird primär kommuniziert heute? Natürlich immer noch face-to-face und das mehr als die Jugend sich so ausdenken kann. Schließlich gibt es ganze Teile der Gesellschaft, die digitalagnostisch sind. Doch für die Teile, die es nicht sind hat sich viel geändert. Es wird mehr geschrieben als geredet und das nicht nur auf Social Networks oder Blogs (qed!), sondern auch in SMS und Messengerservices. Klassische Bilder sind junge Menschen, die im Café gegenüber sitzen und in ihre Telefone starren und sich Nachrichten schicken oder das Pärchen, das sich per SMS auf der Couch streitet. Non-verbale Kommunikation hat zugenommen, sei es Email, Chat oder Microblogging. Die Erklärung hierfür ist zweiseitig: zum Einen kann sie asynchron stattfinden. Man muss nicht mehr zeitgleich mit einer anderen Person an einem Gerät oder an einem Ort sein um kommunizieren zu können. Zum Anderen ist textbasierte Kommunikation viel ambivalenter weil viele der Heuristiken, die Menschen zum Deuten von Aussagen des Gegenübers verwenden, nicht auf Text anwendbar sind. Deswegen gibt es Emoticons und deswegen kann man mit Emoticons so schön lügen.

Die Tatsache, dass wichtige Kommunikation immer mehr nicht direkt stattfindet, kann damit zusammenhängen, dass man direkte Konsequenzen fürchtet und dass man sich mehr traut, wenn die andere Person nicht im Raum ist. Dazu kommt die Bequemlichkeit aus jeder Situation und aus der Entfernung kommunizieren zu können. Es verbindet die Unverbindlichkeit des Indirekten mit der Bequemlichkeit der zeitlichen und örtlichen Unabhängigkeit.

Synchronizität

Diese Unabhängigkeit führt zu einem weiteren Phänomen, dass moderne Kommunikation schwierig machen kann. Die verbale Kommunikation egal ob face-to-face oder Telefon ist immer synchron, die textbasierte muss es nicht sein. Hier hat man die Wahl von synchronen und asynchronen Modi. Während IRC und klassischer Chat synchron ist, ist E-mail asynchron. Chatnachrichten können nur gelesen werden, wenn man da ist und verlieren mit verstrichener Zeit an Relevanz. Ähnlich verhält es sich mit Tweets, die zwar nachgeschlagen werden können, aber schon nach kurzer Zeit kaum noch eine Antwort wert sind. ((Insbesondere, wenn man bedenkt, dass viele Leute unfähig sind eine Diskussionsansicht zu benutzen.)) E-mail und auch die Postingnetzwerke wie Facebook sind allerdings asynchron. Eine Nachricht wird platziert, ist persistent und kann, sofern sie einem überhaupt angezeigt wird, auch mit Verzögerung beantwortet werden. Diskussionen spannen sich damit über mehrere Tage, solange die Leute das Posting finden. Das hat auch alles seine Verfallsdauer, aber man bekommt tatsächlich mit einem Jahr Abstand auch noch Antworten auf ein Posting.

Spannend sind hier Kommunikationsmethoden die technisch asynchron sind, aber sehr oft als synchron betrachtet werden. Der Klassiker ist SMS, aber natürlich sind es heute SMS-like Messenger wie iMessage, WhatsApp oder Threema, die natürlich Nachrichten vorhalten, aber von den Benutzern meist so benutzt werden, als würden sie eine sofortige Antwort benötigen. Man lässt sich also gerne in eine synchrone Unterhaltung hineinziehen, obwohl es technisch eine asynchrone Unterhaltung ist.

Es schleichen sich aber auch andere Einstellungen zu Kommunikation ein, die von diesen technischen Bedingungen informiert sind. Zum einen gilt synchrone und direkte Kommunikation als immer übergriffiger, zum anderen ist asynchrone Kommunikation immer vorhanden. Da man davon ausgehen kann, dass die Person gegenüber die Nachricht nicht sofort bekommt ((Okay, kann man? Heutzutage bekommt der Gegenüber die Nachricht sofort, aber es wird eben nicht erwartet, dass er antwortet, weil die Nachricht eben vorgehalten wird.)) oder nicht sofort antwortet, lässt einen freier Nachrichten versenden, aber bedeutet auch, dass es keinen Moment mehr gibt in dem man eben nicht mehr kommunizieren kann. Das ist allerdings nur die eine Seite des Problems.

Push vs. Pull Kommunikation

Die andere Seite ist, dass es nicht nur wichtig ist, ob man zeitgleich dasselbe Medium benutzt, sondern auch wie einen Nachrichten aus diesem Medium erreichen. Denn asynchrone Nachrichten werden nahezu synchron wahrgenommen, wenn sie einem per Push dargereicht werden. Push bedeutet hier, dass ich Nachrichten, die wichtig sind ((Oder die Facebook und Co. für wichtig für mich halten…)) automatisch bekomme. Ich hole, also pulle, die Nachrichten bei meinem Emailserver oder sonstwo selbst. Doch was bedeutet das für unsere Kommunikation?

Push scheint ja das Allheilmittel zu sein. Und natürlich hilft die Technologie dabei die eigene Informationsflut zu managen in dem man sich genau aussucht, was denn nun gepusht werden soll. Tut man das nicht, also hat man eben keine technische Medienkompetenz , dann macht Push einen zum Opfer der eigenen Informationssucht. Man wird großflächig genervt und von Nachrichten eingedeckt, von denen man wohl einen Großteil gar nicht empfangen wollte. Weswegen Pull seine Berechtigung hat. Man kann sich hier aussuchen, wann man Nachrichten empfängt und wann nicht und aus welchen Quellen. Auf der anderen Seite ist Pull sinnlos und sogar eine Belastung, wenn es um wichtige Informationen geht, die man zeitkritisch und direkt erfahren will. Gerade im Berufsalltag möchte man Systeme, die verlässlich Informationen verbreiten und zustellen anstatt die zweifelhafte Freude immer wieder auf Verdacht auf Internetseiten oder ähnliches zu blicken. Während Push Stress bedeutet, weil man mit Informationen zu sehr eingedeckt wird, ist Pull stressig, weil man eben gar nicht weiß, dass es eine wichtige Nachricht gibt. ((Die Lösung ist einfach: wenn man mir es nicht pusht, war es anscheinend nicht wichtig.))

Auswirkungen auf die Kommunikationskultur

Bisher war das ja alles mehr so geschichtlich oder technisch, aber diese ganzen Features haben natürlich einen großen Einfluss darauf, wie wir heutzutage kommunizieren. Zum einen gibt es die offensichtliche Botschaft: es wird weitaus mehr kommuniziert und davon weitaus mehr digital mit textbasierten Medien. Diese dringen durch Asynchronizität und Push immer mehr in unser Leben ein. Dafür haben wir immer mehr Kontrolle darüber, wie wir Informationen konsumieren und wie wir kommunizieren. Diese Kontrolle wird aber besonders von Menschen mit niedriger Medienkompetenz nicht wahrgenommen, so dass man Kommunikation entweder nicht wahrnehmen oder nicht entkommen kann.

Projekte: Rollenspielcon

Im Rahmen des 25jährigen Jubiläums der Kirchgemeinde St. Urban hier in Bamberg haben wir uns im Jugendtreff überlegt eine Rollenspielcon auszurichten. Eine Rollenspielcon ist eine Versammlung von Rollenspielnerds und ähnlichen Menschen, die fantastische Spiele spielen. Es wird gespielt und über das Spielen gesprochen. Hier bisher das Planungsfazit, allein schon, damit ich mir das nochmal durchlesen kann.

Vorbereitungen

Nunja, wir haben da sehr viel Glück. Da der Jugendtreff zur Kirche gehört, bekomme ich da einfach mal einen Gemeindesaal, einen Clubraum und drei Gruppenräume für lau. Allerdings brauchen wir Jugendliche, die mitarbeiten und Werbung. Das ist gar nicht mal so einfach. Einfacher wurde es durch Easy-Con ein Con-Anmeldungssystem von Daniela Festi, die ich über meinen Hackerspace und Rollenspielverein kenne. Damit kann man so eine Con organisieren und sogar noch vieles mehr als wir für einen Tag mit ein paar Räumen brauchen. Dann habe ich mich mit der Leiterin des Jugendtreffs zusammengesetzt, den Gemeinderat beredet und Plakate erstellt. Jetzt machen wir gerade Werbung und hoffen, dass Leute kommen.

AfD übersetzen – Das Kurzwahlprogramm zur Bundestagswahl 2013 (5)

Letzte Runde.

Bildung

Wir fordern bundesweit einheitliche Bildungsstandards orientiert an den besten Schulsystemen Deutschlands.

Die Forderung an sich ist nicht neu und durchaus anerkannt. Das dezentrale Bildungssystem in Deutschland ist ein Problem. Doch der Nachsatz mit den „besten Bildungssystemen“ ist spannend, denn das sind die aus den südlichen Bundesländern und diese sind vor allem für eine starke soziale Selektion und konservative Ausrichtung bekannt.

Wir fordern, Bildung als Kernaufgabe der Familie zu fördern. Kitas und Schulen müssen dies sinnvoll ergänzen. Nichts ist für unsere Zukunft wichtiger als die Bildung unserer Kinder.

Das ist dann der konservative Wunsch, dass die Familie nicht durch Schule und Kindertagesstätten ersetzt werden soll. Das Problem hier ist, dass dieselbe wirtschaftsliberale Politik, die die AfD propagiert auch dazu führt, dass viele Familien zwei Einkommen in Vollzeit haben und davon nicht überleben können. Dann soll am besten die Mutter daheim bleiben und Brötchen schmieren. Die Bildungsunterschiede in unserer Gesellschaft lassen sich auf die sozialen Unterschiede der Familien zurückführen. Es würde also den Aufstieg von geeigneten Menschen aus den unteren Schichten behindern. Es scheint also gar nicht um die Bildung aller Kinder, sondern nur derer als ordentlichen Familien zu gehen.

In erster Linie sind die Eltern für die Bildung und Erziehung ihrer Kinder verantwortlich. Der Staat muss ihnen dabei helfen, diese Aufgabe zu erfüllen. Frühkindliche Bildungsangebote sol- len unabhängig vom Familienhintergrund verfügbar sein.

Die Struktur mit dem Nachsatz kennt man auch von der NPD. Hier wird meist ein Feigenblatt versteckt, also eine Abmilderung versucht. Spannend ist, dass alle anderen Bildungsangebote durchaus vom Familienhintergrund verfügbar sein können. Also bitte keine Arbeiterkinder am Gymnasium. Die Eltern sind immer noch verantwortlich und dumme Kinder bedeutet verantwortungslose Eltern. Der Staat soll Ungleichheiten eben nicht ausgleichen, sondern die Eltern nur unterstützen.

Spannend ist hier, dass diese Argumentation zum einen Artikel 7 des Grundgesetzes unterminiert, weil sie implizit Heimunterricht rechtfertigt und damit Evangelikalen und anderen Spinnern diese Tür öffnet, und zum anderen die Arbeit von Laien an Kindern als wichtiger heraushebt als die von Fachkräften.

Wir fordern ein qualitativ hochwertiges Universitätssystem, das den Studenten angemessene Betreuungs- und Fördermöglichkeiten bietet. Auch eine Rückkehr zu bewährten Diplom- und Staatsexamensstudiengängen muss möglich sein.

Da steht nicht dabei, dass das Universitätssystem für jeden ist und hochwertige Systeme muss man am Ende durch Studiengebühren bezahlen. Exzellenz und so. Das Diplom und Staatsexamen sind der wunde Punkt alter Akademiker. Bologna war Blödsinn und stinkt, aber das heißt nicht, dass die ursprüngliche Idee eines europäischen Universitätssystems mit einer vergleichbaren Basis dumm ist. Hier wird Vergangenheitsverklärung mit aktuellen Schmerzen und Europafeindlichkeit verbunden. Und viele Menschen werden hier aus einem Grund nicken, ohne zu wissen, dass sie auch zu den anderen Aussagen nicken.

Energiepolitik
Wir fordern ein nachhaltiges Energiekonzept für bezahlbare Energie. Es ist unzumutbar, dass die Bevölkerung mit drastisch steigenden Preisen für die kopf- und konzeptionslose Politik der Bundesregierung büßen muss.

Wenn wir die Energie verstaatlichen würden, wäre sie billiger. Das möchte die AfD nicht. Diese Aussage ist reiner Populismus und öffnet allen Möglichkeiten von erneuerbaren Energien bis zu Kernspaltung oder Braunkohle. Es geht nur um den Preis für den Bürger, nicht langfristigeren Wirkungen. Politik sollte eine größere Vision haben als die niederen Instinkte der Bürger zu befriedigen.

Wir fordern eine Reform des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG). Es ist unsozial, Subventio- nen für Sonnen- und Windenergie durch die Strompreise zu finanzieren.

„Wir fordern eine Abschaffung des EEG, weil wir der Meinung sind, dass gesellschaftlicher Fortschritt nicht von der Gesellschaft bezahlt werden sollte und wir verstecken uns für diese Aussage in einer unpassenden Marktanalogie.“

Wir fordern, dass Subventionen für erneuerbare Energien stattdessen aus dem allgemeinen Steueraufkommen finanziert werden. Es muss offengelegt werden, welche Energieart wie stark
subventioniert wird.

„Und wenn wir die Steuern dafür heben müssten haben wir ein gutes Argument wieder die Atomkraft mit dem Argument einzuführen, dass sie billiger sei und wir ja nicht in den Markt eingreifen dürfen. Dann werden wir argumentieren, dass gesellschaftlicher Fortschritt im Sinne erneuerbarer Energien zuviele Subventionen kostet und es geht zurück zu Energien, bei denen nach uns die Sintflut kommen kann.“

Integrationspolitik

Wir fordern eine Neuordnung des Einwanderungsrechts. Deutschland braucht qualifizierte und integrationswillige Zuwanderung.

„Wir fordern nur noch Menschen einwandern zu lassen, die fließend hochdeutsch reden und schon Schweinebraten essen, bevor sie da sind. Eine Konvertierung zum Christentum ist wünschenswert, aber wenn das mit dem Schweinebraten klappt und die weniger Geld wollen als unsere Arbeiter bei gleicher Bildung, nehmen wir sie gern. Außer sie sind Fußballer, dann fällt das mit dem deutsch weg. Artikel 16a Grundgesetz existiert nicht, wenn die nicht Fußball spielen können, brauchen sie auch kein Asyl. Und soundso brauchen wir keine Ausländer, weil wir Deutschen sind eh die besseren Menschen.“

Wir fordern ein Einwanderungsgesetz nach kanadischem Vorbild. Eine ungeordnete Zuwande- rung in unsere Sozialsysteme muss unbedingt unterbunden werden.

„Die Kanadier haben ihre Fremdenfeindlichkeit hinter einem Punktesystem versteckt und das könnten wir ja auch machen.“

Ernsthaft politisch Verfolgte müssen in Deutschland Asyl finden können. Zu einer menschenwürdigen Behandlung gehört auch, dass Asylbewerber hier arbeiten können.

„Und da kaum jemand eine ernsthafte politische Verfolgung nachweisen kann, schmeißen wir die ganzen Schmarotzer wieder raus. Wenn es doch mal jemand schafft, dann darf er unsere Straße kehren anstatt einfach nur versorgt zu werden.“ Es gibt von mir einen Perfidiebonuspunkt für den Konjunktiv im ersten Satz. Es ist schon toll, wie man Fremdenfeindlichkeit so formulieren kann, als hätte man nur deren Bestes im Sinn.

AfD übersetzen – Das Kurzwahlprogramm zur Bundestagswahl 2013 (4)

So. Weiter geht es.

Staatsfinanzen und Steuern

Wir fordern, die Schuldenbremse zu achten und die Schuldenberge abzubauen. Auch Deutsch- land hat viel mehr Schulden als zulässig.

Also das ist natürlich so eine Hülse, die auch von anderen Parteien herbeigeredet wird. Es wird nicht deutlich, warum eigentlich Staatsschulden etwas schlimmes sind, jenseits dessen, dass wir unsere Währung nicht austauschen können und sie im Zweifel nicht los werden. Die Aufgabe des Staates ist ja nicht eine gute Bilanz zu haben, sondern das Gemeinwesen zu stützen.

Wir fordern, dass die Haftungsrisiken aus der Euro-Rettungspolitik endlich in der Finanzplanung berücksichtigt werden. Derzeit wird den Bürgern bewusst Sand in die Augen gestreut.

Der zweite Satz ist reine wissende Demagogik. Die AfD weiß, dass wir da „belogen“ werden. Hier wird ein aufklärerisches Interesse vorgeführt, aber die Argumentationslinie ist diejenige, die man auch von Esoterikern kennt. Wird gesagt, dass diese Forderung erfüllt ist, kann man immer noch behaupten, dass die Zahlen nicht stimmen und dass die Politik weiter lügt, weil man selbst wisse es ja ohne Angabe von eigenen Zahlen besser. Man kann sogar fiktive Zahlen anführen und sich dafür anfeinden lassen und damit besser stehen. Heimlich wird hier die Autorität von Herrn Lucke als Wirtschaftsexperten angeführt, die natürlich auf die ganze Partei abfärbt. Es ist also eine Kombination aus: „Wir sind schlauer als ihr.“ und „Ihr lügt alle!“

Wir fordern eine drastische Vereinfachung des Steuerrechts in Anlehnung an das progressiv wirkende Kirchhofsche Steuermodell. Der Bürger muss verstehen können, warum er in welcher Höhe besteuert wird.

Kirchhoffsche Steuermodell ist eine sehr liberale/libertäre Idee. Es beruht auf einem Konzept der Gerechtigkeit, bei dem Gleichbehandlung als gerechter gesehen wird als unterschiedliche Behandlung. Derzeit gilt in Deutschland die Idee, dass je mehr Einkommen Menschen verdienen, sie auch mehr Steuern bezahlen. Dabei sind aber viele Einkommensarten wiederum ausgenommen. Im Kirchhoffmodell zahlt man immer auf alle Einkommensarten eine feste Steuer, damit zahlen die „Reichen“ definitiv mehr Steuern als bisher, die „Armen“ im Zweifel aber auch. Die Frage ist ob dies gesellschaftlich gewollt ist. Der Bürger will vor allem verstehen, warum der andere weniger besteuert wird als er selbst.

Alterssicherung und Familie

Die Eurokrise gefährdet alle Formen der Altersvorsorge durch Überschuldung und minimale Zinsen. Die Schulden der Eurokrise dürfen nicht zu einer Rente nach Kassenlage führen.

Diese Aussage geht von einer starken privaten Rentenvorsorge der Bürger aus. Das Rentensystem in Deutschland ist vom Steuersystem und den Staatsfinanzen theoretisch getrennt. Die Schieflage des Rentensystems entsteht durch den demografischen Wandel und nicht durch fehlerhafte Finanzpolitik. Die macht es vielleicht schlimmer. Die Europolitik hat damit erstaunlich wenig zu tun, aber die Europolitik ist das einzige Thema der AfD.

Wir fordern, Kinder stärker bei der Rentenberechnung zu berücksichtigen.

Wie, warum und ob das bei Schwulen auch gilt, steht da dann ma nicht. Aber gut.

Deutschland hat zu wenige Kinder. Renten- und Krankenversicherung stehen deshalb auf tönernen Füßen. Deutschland muss kinder- und familienfreundlicher werden.

Man könnte natürlich auch das Renten- und Krankenversicherungssystem verändern. Hier steht eine konservative Haltung dahinter, die unser Sozialsystem als gegeben betrachtet und denkt, dass sich die Welt dem System anpassen muss und nicht das System der Welt. Da ist die AfD aber jetzt nicht allein.

Wir stehen für den Schutz der Familie als Keimzelle der Gesellschaft. Eine solidarische Förde- rung der Familien ist eine Investition in unsere gemeinsame Zukunft und wesentlicher Teil des Generationenvertrages.

Und Familie bedeutet Mutter, Vater, Tochter, Sohn, mit einem arbeitendem Vater und einer Hausfraumutter, die Tochter lernt Ballett und der Sohn ist im Schützenverein und spielt Fußball.