Literaturdidaktik braucht kein Big Data

Mir kam vorhin dieser Artikel unter die Nase und ich möchte mich da mal ein bisschen zu äußern. Er ist insofern ein gutes Beispiel, weil er mehrere Dinge zeigt, die ich immer wieder im Bereich der Didaktiken beobachte. Zum einen wird hier einem Trend sinnlos hintergerannt, der dann strukturelle Probleme als Allheilmittel der Didaktik lösen soll. Zum anderen beruhen die Ideen, wie immer auf nichtüberprüften Prämissen, die über die Welt, das Thema und die Schülerschaft gesetzt werden. Also, eigentlich alles wie immer, aber das hält mich jetzt nicht davon ab, das einmal abzuhandeln. ich hab ja Ferien und so.1

Distant Reading ist kein Reading

Okay. Es geht in dem Artikel um „distant reading“, das allein schon für seinen Namen einen Preis verdient. Es ist nämlich gar nicht mehr “reading“.2 Also, „close reading” heißt anscheinend das, was man ansonsten so im Deutschunterricht macht. Das ist diese sinnlose Zerlegen von literarischen Texten unter der Lupe des angeblich Wissenden. Es ignoriert den Text als kulturelles Artefakt genauso, wie den Rezipienten und nimmt damit eigentlich nur die Interpretation ernst. Die kommt dann in der Schule meist noch gefühlt von oben und damit ist das alles eher unglücklich. „Distant reading“ macht das anders. Es ignoriert sogar die Interpretation des Textes und schmeißt sich an der Hals der Big Data. Damit wird ist das Name dann auch falsch. Es ist gar nicht mehr lesen sondern computergestütztes Wörterzählen. Das hat durchaus seinen Sinn. Die Computerlinguistik, Korpuslinguistik und ähnliche Disziplinen tun sowas schon lange und haben ihre Berechtigung, da sprachliche Strukturen sich in Verfahren mit großen Datenmengen zeigen können. Doch hier geht es jetzt um dieselben Verfahren als Methode der literarischen Analyse. „Distant reading“ ist also gar kein „reading“ mehr, sondern wir schmeißen einen Text in einen Computer, lassen diesen Wörter zählen und mache Wortwolken und ähnliches. Daraus soll dann eine literarische Analyse folgen und das nachdem die Literatur weggelassen wurde.

Die Idee geht auf einen amerikanischen Literaturwissenschaftler Franco Moretti zurück, der mit Big Data herausfinden will, welche Gefühle mit verschiedenen Londoner Stadtteilen in Verbindung gebracht werden3 oder ein Netzwerk der Figuren in Hamlet.4 Die Frage, die sich hier für mich anschliesst und die nicht beantwortet wird ist: „Und dann?“ Ähnlich wie mit dem Boom der Neurowissenschaften, wird hier auf Teufel komm raus Big Data gemacht ohne sich die Frage zu stellen, was denn dabei rauskommen soll. Ist das mit sprachlichen Strukturen in Texten sinnvoll, stellt sich für die Literaturanalyse die Frage, wie etwas, das eigentlich hermetisch ist, durch das Anhäufen von Daten besser gehen soll.

Literatur ist wie ein Glas Wein

Der Literaturwissenschaft wird zurecht vorgeworfen, dass sie von Alchemie nicht zu unterscheiden ist. Alles ist Text, alles ist hermetisch, alles ist möglich, solange es argumentiert werden kann. Der Text trägt die Möglichkeiten aller Blickwinkel in sich. Das scheint beliebig und genau darin liegt die Stärke der Literaturwissenschaft. Ähnlich wie bei der Philosophie geht es hier um die Frage des Menschlichen, im Text, in der Rezeption wie auch im Leser. Die Leitfragen sollten sein: was sagt uns dieser Text über die Welt aus der er stammt, die Welt hinter den Augen des Autors und die Welt hinter unseren Augen. Das sind alles Fragen, die nur uneindeutig beantwortbar sind und genau das ist das Spannende. Das lässt sich vielleicht am besten mit dem Streit der Alchemisten mit den Chemikern vergleichen, der in folgendem einfachen Gleichnis zusammengeführt werden kann:

Wir können ein Glas Wein aufteilen und in seine Bestandteile zerlegen, doch wenn man diese wieder zusammenfügt, dann ist das nicht derselbe Wein. 

Ich will nicht in den Streit einsteigen, aber die Idee dahinter ist, dass es jenseits aller rationaler Analyse auch etwas gibt, dass eben nicht durch Naturwissenschaft erklärbar ist. Das ist eben genau das, was in unserem Kopf abgeht und was Menschen besonders macht: die Welten hinter den Augen. das ist der Fehler, den „distant reading“ macht. Es versucht mit Daten an ein Phänomen heranzugehen, das sich eben nicht mit Daten erfassen lässt. Die Häufigkeit eines Wortes in einem Text lässt eben keine Rückschlüsse darauf zu, was der Text mit einem macht und nur weil ich weiß, welche Gefühle Autoren mit Londoner Stadtteilen verbunden haben, erschließt sich mir eben keine weitere Bedeutung. Der naturalistische Fehlschluss, dass nur Messbares die Welt bestimmen soll, der Fehlschluss auf dem das Silicon Valley zu Fußen scheint, ist hier sehr gut sichtbar. Literaturanalyse ist eben mehr als Wörter zählen.5

Literaturdidaktik braucht vieles, aber kein Big Data

Eine grundlegende Erkenntnis des Literaturunterrichts ist, dass sich die Schülerinnen und Schüler wenig mit Literatur auseinandersetzen möchten. Wer kann es ihnen verübeln? Für den digital Native ist toter Baum total unsexy. Verschwurbelte und lange (mehr als 1000 Zeichen!) Texte sind ungewohnt und die Sprache vergangener Zeiten unverständlich. Das sind alles Hürden, die tatsächlich überwunden werden müssen. Die Schülerinnen und Schüler per Computer Wörter zählen lassen und dann Hypothesen bilden hat mit Literatur aber nichts zu tun. Wie auch die Interpretationshechelei des restlichen Literaturunterrichts. Beide vergessen, dass Literatur etwas in unserem Kopf anstellt, etwas mit uns tut. Jede sprachliche Botschaft hat mehrere Ebenen, die im Sendenden und Rezipierenden angelegt sind. Diese sollten der Mittelpunkt von Literaturunterricht sein, genauso wie die Beschäftigung mit der Frage als geschichtliche Artefakte, denen nicht vertraut werden kann. Und jetzt nochmal zum mitklöppeln: Das sind alles Dinge für die man ein menschliches Gehirn braucht, und keine riesigen Datenmengen. Diese können bei den Fragen, die Literatur an uns stellt und an die Welt nicht helfen. Diese Fragen sind aber die Legitimation von Literaturunterricht.

Wenn moderne Medien benutzt werden um sich mit Literatur zu beschäftigen, dann sollte man doch vielleicht mal mit Big Data aufhören und produktiv werden: schreiben, vertonen und aufnehmen sind doch viel besser um sich mit den Welten hinter unseren Augen auseinanderzusetzen als zu versuchen alles über das Wenden von Datenhaufen zu gestalten. Literatur kann Wunder zeigen, die man mit Daten niemals sehen kann.

  1. Um euren Hass auszudrücken, klickt einfach auf den grünen Knopf oben im Artikel… []
  2. Vor allem: der Text beschäftigt sich mit dem Deutschunterricht und nicht mit Englisch. []
  3. Pro-Tip: das kann man nach der Vorlesung zur sozialen Mobilität aus dem Wikipediaartikel ableiten… Wahlweise: einfach nur Dickens lesen. []
  4. Das ist übrigens eine Aufgabe, die Schüler in der Schule regelmäßig aufbekommen. []
  5. Sprachwissenschaft übrigens auch! []

Aus der Zeitung – die Generation Z liegt auf der Gamescom rum…

„Pointiert gesagt: Man wurde – nach der „Prosumenten„-Phase des Web 2.0 – mit Haut und Haar wieder zum Konsumenten. Kann das ohne soziale Folgen bleiben? Schon heute halten es viele Jüngere ja für weniger absurd, große Umwege auf sich zu nehmen, um Pokémons einzusammeln, als sich etwa gegen den Zerfall Europas zu engagieren. Mit dem Übergang in die neue Epoche der Virtual-Reality-Spiele könnte der Abstand zur Lebenswirklichkeit noch einmal zunehmen. Innere Emigration darf man es vielleicht nicht nennen, wenn ein ganzes Subsystem der Gesellschaft diesen so viel logischer als die Wirklichkeit strukturierten Raum kollektiv aufsucht. Weltflucht aber allemal.“

Aus: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/auf-der-gamescom-in-koeln-herrscht-die-virtuelle-realitaet-14396612-p3.html

Oder um es anders zu sagen: die Generation Y hinterfragt gerade die Welt, während die Generation Z die Gegenbewegung ausführt und sich in eine konservative Duldungsstarre ergibt in der sie hofft, dass die schöne alte Welt, die ihre Vorgänger aus der Erkenntnis der dauerhaften Veränderung hinterfragen, wieder zurückkommt und sie auch alle tolle 9-5 Jobs mit Einfamilienhaus und Garten haben können.

Diesen Traum hat aber die Generation der Babyboomer mit ihrem Raubbau an der Welt zerstört und jetzt deren Verhalten zu simulieren dreht die Uhr nicht zurück.

Review – Ghostbusters (2016)

Ich war in Ghostbusters und es gibt viel darüber zu reden. Zum einen natürlich den Film an sich, zum anderen über die ganze eher so Metadiskussion und die gesellschaftliche Wirkung, sofern Filmesowas haben können. Doch, zuerst einmal zu Werk, bevor wir zur gesellschaftlichen Analyse kommen.

Ghostbusters ist ein genialer Film neuer Machart. Schnell geschnitten, guter Humor und er ist der erste Film, bei dem 3D wirklich etwas funktioniert hat. Die Effekte fand ich gut, aber die Interaktion war besser.1 Die vier neuen Geisterjäger sind coole Frauen, die gut miteinander interagieren. Der Film schafft es auch binnen von ungefähr zehn Minuten den Bechdel Test zu absolvieren. Die Charaktere sind eigenständig und haben auch für eine Komödie eine entsprechende Tiefe. Okay, bis auf Kevin. Kevin ist strunzdumm, aber sieht unheimlich gut aus. Seine ganze Erscheinung wird tatsächlich auf einen Stereotyp reduziert, der aber liebevoll präsentiert wird. Die Damen wollen ihn retten, obwohl er eigentlich nur hohl und hübsch ist.

Die Hauptcharaktere sind coole Frauen, die New York retten. Was interessanterweise gegenüber dem Original geändert wird, ist dass die Ghostbusters ein eigenständiges Unternehmen sind. Sie werden sehr schnell vom Staat subventioniert. Der Bürgermeister ist auf ihrer Seite, öffentlich allerdings gegen sie. Das entspricht aber irgendwie den Ideen einer USA im Jahr 2016. War man 1984 als Geisterjäger noch ein Entrepeneur, hat das heute halt gleich Sicherheitscharakter und wird vom Staat bezahlt.

Es gibt am Ende natürlich eine große Kampfszene, die an Bombast kaum zu übertreffen ist, allerdings auch erstaunlich viel Spaß macht, weil die Damen sich nicht unbedingt ernst nehmen.

Der Film macht also Spaß, ist locker wegzusehen und gut gemacht.

Soweit so gut, jetzt kommt der ganze gesellschaftlich-soziale Kram im Metabereich. Wen das schon jetzt nervt, der liest bitte nicht weiter.

Der Film hat ja viel mit Geschlechterrollen und verletzten Kindheitsillusionen zu tun. Deswegen muss das jetzt mal auseinandergelegt werden. Es gab da so drei grundsätzliche Kritikpunkte:

Ihr habt mir meine Kindheit kaputt gemacht!

Bullshit. Ich habe Ghostbusters in den frühen 90ern auf VHS2 gesehen. Es ist ein anderer Film. Eine dunkle, fantastische Komödie aus den 80ern, in der vier Underdog-Wissenschaftler die Welt retten. Es gibt weitaus mehr sexuelles Innuendo, als man das heute in einen Film ab 12 packen würde. Die Geisterjäger waren die Helden der Nerds und man kann das verstehen. Aber die neuen Geisterjäger sind eigentlich genau dasselbe. Drei von den Damen haben einen akademischen Abschluss und die Vierte kennt aus unerfindlichen Gründen die Geschichte einzelner Gebäude in New York bis in die Frühzeit. Die Tatsache, dass die neuen Geisterjäger noch mehr Wert darauf legen ernstgenommen zu werden, hat vielleicht etwas mit ihrem Geschlecht zu tun, ist aber auch etwas, das den alten Fan durchaus anspricht.

Die Filme sind ähnliche Geschichten, aber es geht hier eben nicht um meine Kindheit, die ist vorbei. Es geht darum, ob der Stoff in der modernen Welt funktioniert und das tut er ausgesprochen gut. Zerstört es Erinnungen? Nein…

Kevin ist voll die Hohlbirne und ein dummes Stereotyp als Mann!

Ja, schön, dass das auch mal meinem Geschlecht passiert. Ich persönlich fand es teilweise so übertrieben, dass es wirklich nur noch lustig war, und habe deswegen kein Problem mit Kevin. Interessantweise hätte ich den aber auch draufgehen lassen. Er ist echt zu dumm zum leben. Interessanter ist aber, dass sich Männer davon angegriffen fühlen, dass man unser Geschlecht dran ist, ein negatives Stereotyp zu sein. Das ist ja eigentlich nur gerecht. Kevin ist ausnehmend hohl, wird von Erin objektifiziert und generell als das dumme Blondchen hingestellt. Allein die Ironie ist köstlich und er wäre ein Mensch, mit dem ich mich nicht eine Minute beschäftigen würde.

Für die Männerschaft ist das anscheinend total schlimm, wenn ihre Männlichkeit mal untergraben wird. Aber ist das nicht der Zwecke von Humor und Ironie? Und ganz unter uns Jungs: wenn wir so unsicher sind, dass wir uns nicht von Kevin distanzieren können, dann haben wir ein ganz anderes Problem.

Im übrigen sind alle anderen männlichen Charaktere in dem Film etwas, was uns mehr zu denken geben sollte:

  • Der Dekan, der von Anfang an nur Verachtung für Erin übrig hat und sie dann wegen einer Lappalie feuert.
  • Der College Chef, der einfach nur ein infantiles Arschloch ist.
  • Der Big Bad, der eigentlich ein weinerlicher Egozentriker ist, der glaubt, dass er der Welt dringend mit Gewalt zeigen muss, wie sehr sie ihn verletzt. Hier ist besonders spannend, dass er auch ohne Gadget auf das Metalkonzert hätte gehen können und vielleicht Gemeinschaft gefunden hätte, aber dafür war er dann zu arrogant.
Alles klassische Männerrollen, die Gewalt, Macht und Arroganz zeigen. Nur leider sind diese Leute eben nicht die Helden. Wenn sie das wären, würde sich aber keiner daran stören.

Das ist feministischer Dreck!

Nein, das ist schlicht ein Film, der kulturellen Fortschritt zeigt. Und dieser ist doch gar nicht so groß, wie man denkt. Es gibt jede Menge coole Wissenschaftlerinnen da draußen. Das ist Normalität.

Was nicht normal ist, dass es irgendwie niemand erträgt, dass diese Wissenschaftlerinnen in einem Film Overalls tragen und Monster jagen. Dabei ist das eine sehr gute Botschaft. Es wird schon seit Jahrzehnten geweint, dass in den MINT Fächern Mädchen unterrepräsentiert sind und wenn man dann mal coole Rollenvorbilder anbietet, wird geweint, dass die cool sind, Mann keine Titten sieht und die doch ernsthaft keine Kerle brauchen. So fucking what? Das brauchen die Heldinnen in unserer echten sozialen Welt doch auch nicht! Ich helfe meinen Kolleginnen nicht beim Kopieren, ich trage ihnen nicht die Tasche und den besseren Unterricht bereiten die meist auch noch vor. Ich wusste nicht, dass das meine Männlichkeit beschneidet.

Wenn Ghostbusters dafür sorgen kann, dass wir mehr coole junge Frauen haben, die sich für Wissenschaft interessieren und ihr Ding machen, dann ist das ein reiner Gewinn für diese Gesellschaft.

Die Einzigen, die das problematisch finden, sind diejenigen, die eine Welt nicht verstehen in der sie schon seit mindestens fünfzehn Jahren nicht mehr leben. Die Regeln haben sich schon lange geändert und Ghostbusters ist ein Symptom dafür und ein Symptom für die Verzweiflung, die die Reaktion erreicht hat.

Also alles in allem: genauso wie der Vorgänger ein wichtiger und dazu absolut unterhaltender Film.

  1. Ich kann jetzt schon sagen, dass ich die deutsche Synchro scheiße finde. []
  2. Ja, ich bin so alt. []

Unverhoffte Projekte – Namenspuzzle

Es begab sich, dass ich in den Ferien eine Freundin wiedersehe, die ein kleines Kind hat. Und weil dieses wiederum Geburtstag hat, brauche ich auch wieder ein Geschenk. Eine kurze Recherche bei Pinterest (Danke Tine!) brachte mich auf die Idee ein Namenspuzzle zu basteln.

Nach einem etwas längeren Kampf gegen Inkscape, der hauptsächlich der Tatsache geschuldet ist, dass sich das nicht erwartbar verhält, konnte ich mir im Hackerspace alles lasern lassen, was es so braucht. (Danke an Tine, Chris und ptflea!) Das sah dann so aus:

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Und so, wenn die Teile draußen sind:

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Da das jetzt noch total langweilig aussieht, habe ich mal meine Infinity Farben rausgeholt und die Teile bemalt.

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Nach einer Lage Lack, der für Kinderspielzeug geeignet ist, war dann auch alles fertig:

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Ich hoffe es macht dann auch Spaß. 🙂

Textwelten – Der Betroffenheitsartikel

So, weiter geht es jetzt auch hier in diesem kleinen Projekt mit einer der ekligeren Textformen. Es gibt da im journalistischen Bereich den Betroffenheitsartikel. Der ist relativ nett, aber stilistisch von einem Groschenroman nur daran zu unterscheiden, wo er abgedruckt wird. Hart am Boulevard, immer mit der Behauptung der Relevanz, und der kruden Idee, dass die Personalisierung und Emotionalisierung sozialer Probleme dazu führt, dass Menschen sie besser verstehen und vielleicht sogar in der Intention des Autors handeln. Es ist also eine hoch-manipulative und zutiefst predatorische Textsorte. Zum einen müssen ja Beispiele her, an denen das Problem gezeigt wird, zum anderen wird hier nur die gefühlte Realität der Menschen angesprochen. Doch, wie auch zuvor schauen wir uns mal ein Beispiel an. Da diese Textsorte mehrere Abschnitte hat, gibt es das auch abschnittsweise.

Die Finger fallen schwer auf die Tastatur des silbernen Notebooks. Der Blick ist angestrengt auf den Monitor gerichtet. Die kurzen Sätze sind wichtig. Sie beleidigen nicht nur die Intelligenz der Leserschaft sondern sollen Dramatik erzeugen. Eine Dramatik, die keiner wirklich braucht. Der Autor spürt die Macht der Manipulation und genießt sie.

Der Stil, der hier gepflegt wird, ist aus meiner Sicht zutiefst manipulativ und würdigt den Leser herab. Es geht hier nicht um die Vermittlung von Inhalten oder eines Standpunktes, sondern um das Erzeugen von Betroffenheit als Gefühl. Der Glaube, dass dies die Leserschaft besser zugänglich für das Thema macht, oder gar die Idee, dass sie deswegen das Phänomen besser verstehen kommt aus der selben spannend-verwirrten Annahmenwelt in der Lehrer voraussagen können, was ihre Schülerinnen und Schüler verstehen, ohne das mal getestet zu haben. Diese Ideen sind verstörend arrogant und diese Art von Text ist es auch. Man soll emotional manipuliert werden, damit sich dann auch schön eine zumeist einseitige Botschaft festsetzen kann.

Das Problem hierbei ist, dass das alles von einer schlechten literarischen Kurzgeschichte nicht zu unterscheiden ist, und sich die Frage stellt, warum sowas überhaupt produziert wird. Wenn das Problem gesellschaftlich relevant ist, dann steht es für sich allein, wenn es das nicht ist, warum wird hier Lebenszeit von Leserinnen und Lesern verschwendet?

Die zweite Seite dieser Art von Text ist, dass es hier auch immer um Personen geht. Das bedeutet es werden zumeist Schicksale vermittelt. Das wiederum heißt, dass es auch Menschen geben muss, die diese erlebt oder produziert haben.1 Und deren Geschichten erscheinen dann überall und sie müssen sie erzählen. Dabei ist für den Autor vollkommen egal, wie es der Person dabei geht. Hauptsache es gibt den Betroffenheitseinstieg. Und der ist gar nicht so wichtig, weil es geht ja angeblich um den Inhalt.

Wie so viele Autoren hat auch diese/r das Problem, dass er/sie glaubt relevante Inhalte nur an die Frauen und Männer zu bringen, in dem es eine emotionale Ansprache gibt. Laut Prof. Pummeluff scheint das nicht nur ein Gefühl der eigenen Relevanz zu geben, sondern auch die Illusion der eigenen Wichtigkeit. Er sagt, dass diese meist dadurch bestärkt wird, dass Menschen aufgrund der emotionalen Ansprache die Qualität des Textes als höher und relevanter einstufen, als sie tatsächlich ist. Er nannte dann zum Beispiel die Arbeit von Prof. Raichu und Prof. Woingenau, die beide die These vertraten, dass diese Artikel ein Zeichen von Narzissmus und übermäßiger Selbsteinschätzung waren, die wiederum meist eine Kompensation zu Grund hatten.

Okay, jenseits der dreifachen ironischen Brechung, geht es im zweiten Teil des Textes auf einmal um ein wirkliche soziales Problem. Das soll der eigentliche Aufhänger sein, steht aber dank der ganzen persönlichen Laberei am Anfang nicht mehr im Mittelpunkt und wird in seiner sozialen Tragweite auch gar nicht reflektiert, denn das Beispiel grenzt die Menge an erzählbaren Informationen ein. Die volle Breite des sozialen Problems ist vor der Folie einzelner Geschehnisse und Schicksale eben nicht mehr erklärbar. Im verzweifelten Versuch der besseren Ansprache wird eine vollständige Erklärung des Phänomens geopfert. Nun kann man sagen, dass das bei journalistischen Texten soundso immer der Fall ist, aber erstens ist das unehrlich und zweitens entsteht aus einer fragwürdigen Praxis keine Selbstlegitimierung. Wir verbrennen ja auch keine rothaarigen Menschen mehr, weil das früher zu besseren Ernten geführt haben soll. Es könnte also überlegt werden, ob es denn überhaupt persönliche Betroffenheit als Vehikel für die Vermittlung gesellschaftlich relevanter Inhalte braucht und wie bei allen rhetorischen Fragen ist die Antwort auf diese auch schon vorher klar und lautet: nein.

Am Ende bleibt wieder festzuhalten, dass hier Relevanz durch soziale Konstrukte hergestellt wird, anstatt durch Inhalt. Diesmal ist es im Gegensatz zum ersten Beispiel dieser Serie reine emotionale Manipulation und nicht ein angeblich neutraler Stil. Das Persönliche wird als Mittel benutzt um etwas Sachliches zu erzählen und der Text verliert dabei seine komplette Legitimität und Relevanz. Wenn es nur noch um die gefühlte Realität geht, dann ist der Wahrheitsgehalt egal und damit sämtliche Ziele, die vielleicht zur Entstehung des Textes geführt haben, entwertet.

  1. Das ist ja schließlich Journalismus, da kann man sich die nicht einfach wie in der Literatur ausdenken. Okay, man lässt dann alles weg, was nicht passt, aber das ist natürlich nur zulässige Zuspitzung. []

Berlin

So, ich war dann mal in der Bundeshauptstadt. Die ist im Sommer weitaus erträglicher als im Winter und generell war es ja schönes Wetter.

Ich habe nicht viel gemacht, aber das durchaus intensiv. Der Samstag war hauptsächlich davon geprägt, dass ich Jella getroffen habe und wir uns wunderbar unterhalten haben. Nochmal danke dafür.

So, und dann gab es ja touristisches zu tun. Das folgt dann jetzt mit Bildern und so.

Ich war im Magicum einem Museum für Mystik und Magie. Es ist sehr klein, privat, aber eigentlich ganz spannend. Es wird neben der klassischen Zauberei auch die verschiedenen mystischen Traditionen von Alchemie, Theosophie bis keltischer Naturreligion thematisiert. Allerdings alles nur sehr kurz und etwas populärwissenschaftlich, was aber auch etwas mit der geringen Größe des Museums zu tun hat. Ich fand es erhellend, aber etwas ambivalent.

Dann war ich noch nachts unterwegs und habe ein paar Bilder gemacht:

Berlin at Night 2

Reichstag

Der Rest findet sich in der Fotogalerie, die man erreicht wenn man auf die Bilder klickt.

Luna…

Bitte einmal hier drauf klicken, ich rede eh nur über dieses Lied.

Das ist die Neuaufnahme eines sehr alten Liedes von Omnia. Das Original war auf der ersten CD, die ich je von der Band gekauft habe. Es ist mit mir schon seit mehr als zehn Jahren unterwegs und diesmal schreibe ich darüber, warum dieses Lied etwas besonderes für mich ist.

Zuerst einmal können wir die Gestaltung abhaken. Es ist ein Harfenlied, gespielt auf einer keltischen Harfe. Die neuere Version hat auch noch ein paar andere Instrumente, aber die Harfe steht im Mittelpunkt. Harfen sind an sich schon Instrumente, die sich eher fein anhören, aber hier steht auch noch eine simple iterative Melodie im Vordergrund. Diese baut sich immer weiter auf, bis sie kurz vor dem Ende in einen Rhythmuswechsel kippt um dann wieder zu verschwinden. Mir hat es der Rhythmuswechsel angetan, weil diese Gegenstellung dem Stück eine Spannung gibt. Aber jenseits dessen gibt es da noch die Ebene an Musik, über die Leute so selten schreiben: was sie mit einer Person macht.

Luna ist ein Stück, dem eine Ruhe innewohnt. Meine Assoziation, und ich bitte gerne um weitere Kommentare, die da mitassoziieren, ist das, was ich gerade erlebe: eine Sommernacht mit Kerzen, klarem Himmel und der verklingenden Wärme des Tages. Man kann in einer wahnsinnigen Welt mal Atem holen und seinen Frieden finden. Das tut man glaube ich viel zu wenig.

Allerdings ist Luna auch ein melancholisches Lied. Das Booklet zur ersten Version erwähnte, dass es zum Tode einer Person geschrieben wurde und man kann das auch in dem Lied finden. Ruhe und Tod haben ja ein gemeinsame Basis. Also ist es auch Lied mit dem man zur Ruhe kommen kann und das einem Ruhe gibt.

Und Ruhe… haben wir ja leider immer zu wenig.

Berlin Calling – Hörer- / Leserinnentreffen

So, also ich bin vom 6.-8. August in unserer wunderschönen Hauptstadt. Ich habe am Sonntag, dem 7. August Zeit und würde mich bereit erklären, die verehrte Leser- und Hörerinnenschaft kennen zu lernen.

Dafür würde ich hier bitte um ein virtuelles Handzeichen und einen Vorschlag bitten, wo es sich am besten so trifft. Bevorzugt irgendwie in der Innenstadt1 Es gibt keine Versprechen für Verpflegung oder ähnliches, aber ich rede gerne mit euch.

  1. Ja, ich weiß, dass die groß ist. []

Omnia – Prayer Review

Wer hier länger mitliest mag wissen, dass ich großer Fan  der niederländischen PaganFolk Band Omnia bin. Die haben nun ein neues Album herausgebracht und damit gibt es hier auch ein Review.

Omnia spezialisiert sich in Musik, die grob als akustische World Music mit Folkeinschlag gesehen werden kann. Dabei stehen sich verschiedene Instrumentierungen mit Gesang in verschiedenen Sprachen gegenüber.

Das Album heißt „Prayer” und beginnt auch mit einem Stück, das so genannt ist. Es ist dem Introsong der Band und dem Song Xtatica vom Album Musick and Poetry ähnlich und ein sehr perkussives Stück, das einen in das Album zieht, aber an sich nicht sonderlich heraussticht.

Ihm folgt mit „One Way Living“ eine an Native American music angelehnter meditativer Song, darüber, dass es nur einen Weg zu leben gibt. Die komplexen polyrhythmischen Gesänge sorgen dafür, dass man sich in diesem Song verliert, bevor mit dem „Freedom Song“ ein straighter Rap/Rocksong folgt, der mit seinen langen Gesangsharmonien zum einen nach Endlosigkeit und Sommer klingt, dessen Rappassagen aber eine klare emanzipatorische Botschaft haben, auch hier lässt sich wieder eine gewisse Komplexität in der Musik erkennen, die mich persönlich sehr anspricht.

Mit dem „Wolf an Dro“ folgt eine Bearbeitung eines bretonisches Volkslieds, dessen Text außer, dass er auf bretonisch ist, soundso keinen Sinn hat. Es ist ein mittelalterliches tanzbares Folkstück, das definitiv Spaß beim Zuhören bietet. Es ist die Art von zirkulärer Melodie, der man ewig zuhören kann und bei der das Ende des Liedes einem Verlust an Lebensrhythmus gleichkommt.

Mit „Harp of Death“ folgt ein Stück, das sich auf das Harfenspiel von Jenny konzentriert, das nur von einer Ballade begleitet wird. Die Kombination aus gesungener Geschichte und zarter Harfe lässt eine gewisse Ruhe einkehren, aber fokussiert den Hörer auch auf den Inhalt des Textes, der wie in vielen irischen Folksongs eher grausam ist und von Geschwistermord handelt. Das Original ist eine Ballade mit dem Namen Twa Sisters, die in verschiedenen Varianten erhalten ist. Omnia hat sich, mal wieder, für die grausame Variante entschieden.

Das nächste Lied „Freya“ ähnelt in seinem Charakter dem vorher erschienenen „Epona“, in dem es ein flötenzentriertes Instrumental mit schneller Schlagzeugbegleitung ist. Allerdings ist entsprechend der Göttin die Musik weniger rasant und stürmisch, aber dennoch erstaunlich tanzbar.

Tanzbar ist auch der „Alan Lee Tango“. Der klassische Tango, gewidmet dem Künstler und Omnia Freund Alan Lee, beschreibt dessen Leistungen als Designer für die Herr der Ringe Filme und ist eines dieser Stücke, bei denen man merkt, dass Omnia nicht nur sehr begabte Musiker sind, sondern auch einen gewissen schrägen Humor mitbringen.

Vom spanischen Tanz geht es zu orientalischen Klängen in „God’s Love“, einem orientalisch-klingenden Lied über die Liebe eines Gottes oder zu einem Gott. Ganz ehrlich, ich kann die Sprache nicht, aber es ist ein toller orientalischer Tanz.

Nachdem Wahnsinn immer wieder ein Thema für Omnia ist, gibt es auch einen Nachschlag an Musik zum Thema. Mit „For Alice“ bearbeiten sie mal wieder den Stoff von Lewis Carroll diesmal mit einem eigenständigen Text, der den Alicestoff aufnimmt und neu thematisiert.

Vom Wahnsinn geht es in die mongolische Steppe, aus der das Lied „Mongol“ mitreißt. Nachdem ich keine kyrillische Schrift lesen kann, vertraue ich jetzt mal darauf, dass Steve mir keinen Quatsch erzählt, wenn er sagt, dass es da um Pferde geht. Mir als altem Schlagzeuger gefällt natürlich der Perkussionsteil gegen Ende, ein beschwingtes Lied.

Aus der Steppe geht es mit dem „Green Man Blues“ und „Blood and Bone“ zurück zu den neo-keltischen Wurzeln der Band. Ist der Blues für einen Blues eher beschwingt, nimmt „Blood and Bone“ die gebetsartige Struktur des ersten Liedes auf. Es ist eine Art Ritual, das die Götter für den Kampf beschwören soll.

Zuletzt kommt das Lied „Auguries of Innocence“, das eher wie ein langsames Gedicht daherkommt und uns darin erinnert, was wir an Unschuld in dieser Welt verloren haben…

Und mit diesem nachdenklichen Satz kann ich es dann auch bewenden lassen. Das Album erst eines der besten, die ich von Omnia im Schrank habe und es ist jedem zu empfehlen.

Über Explosionen, Amokläufe und Geschichten…

Seit ungefähr zwei Wochen scheint die Welt aus allen Fugen. Scheint. Die Welt ist nie gut, sie war es nie und wir Menschen sind daran ursächlich schuld. Soweit die depressive Realitätseinschätzung. Doch in Deutschland ist erst seit drei Wochen die Welt nicht mehr in Ordnung. Ungefähr seit wir gegen Frankreich aus der WM rausgeflogen sind.

Von da an ging’s bergab mit der Welt. Jedenfalls aus der Sicht der Mehrheitsgesellschaft. Erst Nizza, dann Militärputsch in der Türkei inklusive großem Aufräumen des Staatspräsidenten, dann Axtangriff in Würzburg, Amoklauf in München, heute Explosion in Ansbach. Das schöne heile Leben ist medienwirksam erschüttert worden. Die Welt wird nicht mehr verstanden, am besten daran zu sehen, wie bei der Sache in München die Tagesschau und das heute journal einmal geschlossen durchdrehen, nur damit sich danach rausstellt, das whopping 80% der geäußerten Theorien (Islamismus, Terror, Anzahl der Täter…) kompletter Quatsch waren.

Wenn wir eigentlich was hätten faktisch lernen sollen, dann ist es, dass unsere Polizei gut arbeitet und dass die Zivilbevölkerung gut reagiert. Die Kopflosigkeit aus anderen Ländern

Aber das ist langsam scheißegal.

Wir brauchen uns gar nicht erst damit beschäftigen, dass das alles Quatsch war, dass es da draußen Fakten gibt. Es geht hier nur noch im die Geschichte. Und weil man sich in einer Welt voller Geschichten am besten mit Literaturwissenschaft kratzt, schauen wir uns mal an, wie gut die Geschichten sind.

Los geht es mit Nizza. Ein Traum aus der Horrogeschichtenbude. Wir haben alle klassischen Möglichkeiten ausgeschöpft, die Angst erzeugen: Schusswaffen und Bomben sind doch nun ein alter Hut. Jetzt fährt jemand Amok und juhu, eine neue Dimension des Horrors, als sei es geskriptet worden. Und natürlich brauchen wir Videos von vor Ort und so weiter. Damit wir auch wissen, wie schlimm der Terror ist. Da wird dann sofort erzählt, dass es der IS ist, der sich zu allem dann auch automatisch bekennt. Ein klassischer Bösewicht, ein besonderer Modus operandi, alles super. Da kann man nochmal eine alte Story neu aufkochen.

Dann kam der Militärputsch. Hier ist jetzt schon schwierig, wer da der Böse und der Gute ist. Immerhin schreiben wir Erdogan die ganze Zeit als Demokrator runter, gleichzeitig ist der nunmal gewählt und wir in der „Flüchtlingskrise“ auf ihn angewiesen. Also, einmal abwarten und dann so tun, als wäre die Demokratie gerettet, weil Erdogan an der Macht geblieben ist. Man hätte das Gegenteil erzählt, wenn das Militär gewonnen hätte. Hauptsache wir waren immer auf der richtigen[™] Seite.

Würzburg, Ansbach und München sind dreimal dieselbe Geschichte. Menschen, die aus verschiedenen Gründen unzurechnungsfähig sind, üben Gewalttaten aus. Diese werden dann unter kompletter Ignoranz als Geschichten der Betroffenheit gestaltet. Natürlich nicht für die wirklich betroffenen Personen, sondern für die Mehrheitsgesellschaft, die a) nicht direkt betroffen und b) wahrscheinlich sogar ein Teil der Ursache des Problems ist. Aber die Geschichte ist natürlich die des verrückten Einzeltäters. Es ist wichtig, dass er nicht zu uns gehört, obwohl jeder durchknallen kann und dass es natürlich ein Versagen der Normalität ist, und nicht die Normalität. Es hat nichts mit uns zu tun und wenn die Person am Ende der Geschichte tot ist, gibt es keine Konsequenzen und man kann in Ruhe zum Freitagabendkrimi übergehen.

Es geht nur noch um die Geschichte: der islamistische Terror ist eine, die Demokratie zu retten, in dem man sie abschafft, die nächste und der verrückte Einzeltäter, der einfach so durchknallt, die nächste.

Denn nach solchen Geschichten kann man weiter in Ruhe schlafen, ohne sich je die Frage zu stellen, ob die Welt eben generell nicht in Ordnung ist.