Archiv der Kategorie: Soziales

Über Teams und Kollektive

Was ist eigentlich ein gutes Team? Je nach philosophischer Ausrichtung ist die Antwort auf diese Frage sehr unterschiedlich. Eine Antwort, die ich letztens bekommen habe ist aus der holistischen Fraktion. Da heißt Team eigentlich nur, dass man gut zusammenarbeitet. Das Ziel ist festgelegt, man arbeitet gemeinsam darauf hin. Alles ist schön. Man versteht und unterstützt sich, alles ist gut.

Diese Art von Team kann man auch als Kollektiv begreifen. Das Wort ist etwas verbrannt, weil es auch in den sozialistischen Staaten des 20. Jahrhunderts für die Gruppe der Allgemeinheit benutzt wurde. In der DDR war jeder Betrieb ein Kollektiv. Man arbeitete gemeinsam auf die Planerfüllung hin und soll diese aber nicht hinterfragen. Denn das Kollektiv hat vorher eine Entscheidung getroffen und geht jetzt diesen Weg.

Diese Idee scheint gut zum monolithischen Charakter der DDR zu passen, doch heute wo alles irgendwie agile ist, scheint es bessere Wege zu geben. Im Zuge der Postmoderne wurde die Idee des Kollektivs durch die Idee des Individuums nahezu verdrängt. Man ist heutzutage ich-zentriert und damit ist auch schwer zu vermitteln, dass man sich einer festen Struktur, der das angebliche WIr entgegenstrebt unterordnen muss. Es muss in einem modernen Team jedem Mitglied klar gemacht werden, dass es in dessen Interesse ist, auf das Ziel zuzuarbeiten. Eine a-priori Setzung von im Zweifel engen Zielen ohne demokratischen Abgleich ist, wenn man die größtmögliche Unterstützung haben möchte, nicht mehr zielführend. Stattdessen sind breite Ziele und Mitbestimmung der Weg um zu einem Gruppenerfolg zu gelangen.

Breite Ziele und Mitbestimmung sind dann aber auch genau das Problem, das es bei diesen Prozessen zu managen gilt und dessen Management zu oft noch mit Autokratie versucht wird zu erschlagen anstatt durch Kommunikation zu lösen. Kommunikation bedeutet hierbei auch, dass die Projektführung eine oppositionelle Meinung versucht zu integrieren und nicht einfach Akkomodation oder gar Assimilation des Oppositionellen verlangt. Das kann am Ende dazu führen, dass sich die Gruppenziele ändern. Der Oppositionelle ist dabei nicht per se teamunfähig, sondern weißt mit seiner Anwesenheit auf das strukturelle Problem der Gestaltung eines Teams als Kollektiv hin: um erfolgreich arbeiten zu können muss das Ziel der Arbeit auch immer zur Debatte stehen. Denn nur dann kann man Pyrrhussiege oder komplette Debakel vermeiden. Die Systemfrage muss immer stellbar sein und befriedigend beantwortet werden können, sonst hat sich das Team mitsamt seiner Aufgabe als soziales Konstrukt überlebt.

Diese Idee des Hinterfragens ist übrigens nicht neu. Schon in den polytheistischen Religionen finden sich Trickstergottheiten, deren Aufgabe die Bildung durch Hinterfragen und Karikieren war. Die Aufgabe, meist übernommen durch Schmanenen und ähnliche soziale Sonderrollen, war hier immer, den status quo zu hinterfragen und damit die Leitenden und Führenden ehrlich gegenüber ihren Zielen und Aufgaben zu halten. Für einen guten Plan war es immer auch wichtig jemanden zu haben, der die Löcher in ihm findet. Der Narr war frei zu sprechen, damit er einen davon abhielt zu scheinheilig zu sein.

Immunisiert man aber die Ziele einer Gruppe von der Kritik der Beteiligten, dann erwartet man schlicht dumpfe Loyalität für ein Ziel, das im Zweifel nicht jedes Mitglied der Gruppe teilt und schafft sich damit auch das Problem an, dass diejenigen, die man auf ein Ziel angesetzt hat nicht zurückmelden können, wenn dieses Ziel seinen Zweck verfehlt. Das Ziel ist nämlich sakrosant und der Kritiker daran stellt nicht nur das Ziel sondern das System in Frage und das kann ein starres System nicht zulassen, da solche Angriffe seine Existenz direkt bedrohen.

Aus einer wirtschaftlichen Perspektive ist so ein Vorgehen höchst unklug, da man zwar eine Investition tätigt, aber sich vor jeder Überprüfung des Sinns dieser Investition immunisiert. Den etwaigen Verlust hat man dann zwar nicht gegenüber sich selbst zu verantworten, aber man hat auch alle Möglichkeiten aufgegeben genau diesen Verlust abzuwenden. So wird aus einem Team eine Schicksalsgemeinschaft, die dann am Ende auch nur noch dem Schicksal ausgeliefert ist.

Es ist also wichtig, dass in einem Team immer auch das Ziel zur Disposition steht, da man ansonsten weder mit einer vollständigen Mitarbeit der Mitglieder noch einer Anpassung des Zieles an eine sich ändernde Realität rechnen kann.

Machen wir 2015 zum Jahr der Empathie!

Ich habe vor ein paar Tagen mit Holgi über das Phänomen PEGIDA geredet. Im Nachgang und vor allem im Lesen des einen oder anderen Kommentars fiel mir auf, dass das grundlegende Problem Empathie zu sein scheint. Empathie nicht nur für diejenigen gegen die PEGIDA demonstrieren sondern auch diejenigen, die da als PEGIDA demonstrieren. Im Zentrum des ganzen Problems steht das Missverstehen der Protestierenden für die Fremden und das Missverstehen der Gesellschaft für den Protest und die Sorgen, die da verbalisiert werden.

Soundso muss man sagen, dass Empathie an vielen Stellen in diesem vergangenen Jahr 2014 eine vermisste Eigenschaft und Einstellung war. Der Netzfeminismus kippte durch mangelnde Empathie jeder Seite in ein verlorenes Thema. Das Wort Putinversteher wurde zum Schimpfwort für Menschen, die eine zweite Sichtweise zur sozial erwünschten Meinung gegenüber Russland einnehmen. Armut als Schicksal empfängt bis heute keine Empathie, genausowenig wie die Flüchtlinge aus Bürgerkriegen und anderen Nöten in Afrika, die auf rostigen Kübeln übers Mittelmeer tuckern und dabei fast ertrinken. Aber selbst an den kleinen Stellen fehlt die Empathie, unter meinen Schülern, unter vielen Mitmenschen, es wird wenig daran gedacht, wie der andere denkt, es wird die eigene Weltsicht als absolut hingenommen. Meinungen können sich unterscheiden, aber man sollte in der Lage sein, die Meinung des anderen nachvollziehen zu können. Das fehlte immer wieder stark.

Deswegen rufe ich jetzt hier auf meiner persönlichen Bierkiste dazu auf, dass 2015 das Jahr der Empathie werden soll. Und das ist auch ganz einfach. Egal wie sehr man die Position der anderen Person ablehnt, versucht zu verstehen woher sie kommt. Denn dann kann man zum einen miteinander in Diskurs treten und zum anderen auch erfahren, inwiefern man wirklich allein steht mit seiner Weltsicht und welche strukturellen Probleme hinter den Aussagen des Gegenübers steht. Also lasst uns versuchen 2015 zum Jahr der Empathie zu machen. Das macht das Anpacken vieler Probleme erst möglich.

Sachen, die okay sind…

Es ist Wintersonnenwende und der dunkelste Tag des Jahres. Auf meiner Terrasse versucht die Plane für die Gartenmöbel Flug aufzunehmen und eine einsame Kerze erleuchtet das Wohnzimmer. In dieser dunklen Nacht möchte ich etwas positives verbreiten. Es ist eine Liste mit Sachen, die okay sind. Das wird viel zu wenig gesagt und man sollte sich öfter daran erinnern. Die Reihenfolge ist komplett zufällig, wie mir die Sachen einfallen. Wenn euch noch etwas einfällt, dann schreibt es in die Kommentare, ich füge es gerne hinzu. 

Es ist okay, verrückt zu sein.

Es mag erscheinen, dass wir uns möglichst konform verhalten sollen. Der Druck dies zu tun ist auf jeden Fall vorhanden und kriecht uns gerne den Rücken herauf, wenn wir uns im Alltag befinden. Sei normal und angepasst, aber wir haben alle das, was Edgar Allan Poe als den Imp of the Perverse bezeichnet hat. Okay, damit meinte er eine Entschuldigung für Mord, aber auch diese Gedanken dürfen wir halt eigentlich nicht haben. Was noch weniger geht ist, sich irrational und eigenartig zu verhalten. Doch es ist okay, denn alles was als normal geht ist eigentlich ein unmenschliches Ideal und viele der großen Fortschritte unserer Welt kommen aus dem, was ungewöhnlich oder schlicht verrückt ist. Normalität ist die Angst vor Veränderung und die Hoffnung, das Erwartbarkeit dem Leben einen Sinn verleiht, den es nicht hat.

Es ist okay, nein zu sagen.

Etwas total verrücktes ist, wenn man auf eine Anfrage „nein“ sagt. Dabei sollte es vollkommen okay sein. Die meisten sozialen Beziehungen zwingen uns die Idee auf, dass wir eine soziale Verpflichtung haben etwas zu tun. Dies ist sogar im Arbeitsleben weitaus weniger der Fall, als wir es uns einbilden. Nicht „nein“ sagen zu können hat mehr damit zu tun, dass wir uns selbst meist nicht wert genug sind. Deswegen sagen wir an Stellen, an denen wir für uns „nein“ sagen sollen, gerne mal nicht „nein“ oder müssen erst Gründe herbeirationalisieren, dabei ist es okay „nein“ zu sagen und das ohne Gründe angeben zu müssen.

Es ist okay, Menschen zu verlieren.

Wir lernen so viele Leute in unserem Leben kennen, manche davon näher, manche davon auch eine längere Zeit. Es gibt die Idee, dass wir diese Menschen ewig in unserem Leben haben, doch leider verändern sich soziale Beziehungen und wir verlieren Menschen aus den Augen, wenn nicht sogar final. Wir möchten vielleicht gerne, dass es immer so bleibt, aber Menschen gehen weiter und Beziehungen verändern sich oder enden. Die Menge an Leuten, die wir wirklich lange in unserem Leben haben, ist wirklich klein und meiste dauerhafte Partner. Es mag weh tun, aber Leute zu verlieren ist okay.

Es ist okay, normal auszusehen.

Mit normal ist hiermit gemeint, dass eigentlich jegliche Art von Aussehen von Menschen normal ist. Wir müssen nicht dafür entschuldigen, wie wir aussehen oder was unser Kleidungsgeschmack ist. Die von den Medien verbreiteten Schönheitsideale sind komplett illusorisch und reden einem nur blöde Ideen ein. In Wahrheit ist es okay so auszusehen, wie man aussieht, nämlich normal.

Es ist okay, nicht alles richtig zu machen.

Fehler sind menschlich, aber die Erwartungen an uns von uns selbst sind hoch. Die Angst keine Fehler machen zu dürfen lähmt viele Menschen mehr, als sie sollte. Wir haben teilweise mehr Angst vorm Versagen als davor, dass unsere Inaktivität die Situation verschlimmert. Natürlich lässt sich diese weitaus schlechter sehen, ist aber in vielen Fällen das größere Risiko. Uns wird so oft eingeredet, dass wir alles immer richtig machen müssen, dass wir vergessen, dass das nicht einmal technisch möglich ist. Wir leben in einer imperfekten Welt, zu der wir nicht alle Informationen haben und deren Funktionsweise uns nur vertraut erscheint. Betrachtet man das alles, dann ist es vollkommen okay Fehler zu machen. Inaktivität ist schlimmer als ein Fehler.

Es ist okay, Angst zu haben.

Wir sind tief irrationale Wesen und das zeigt sich bei unseren Ängsten. Wir reden uns gerne ein, dass wir die Kontrolle über diese Welt haben und deswegen keine Angst zu haben brauchen. Wir haben aber eigentlich jedes Recht diese Ängste zu haben. Die Arroganz der Moderne ist in der Idee, dass wir die Welt beherrschen. Wir tun das nicht, und wir sollten Angst davor haben. Es ist ein Wunder unseres Gehirns, dass wir diese Angst durch Langeweile ersetzen können. Deswegen ist es okay, wenn man Angst hat. Sogar irrationale Ängste sind in Ordnung, weil niemand anders einem sagen kann, ob sie komplett unrealistisch sind.

Es ist okay, keine Lust zu haben.

Wir tun vieles, das wir nicht dringend wollen. Die Idee, dass wir diese Sachen auch noch gerne tun müssen ist etwas eigenartig. Trotzdem wird es implizit von uns verlangt, dass wir viele Sachen auch gerne tun. Man soll immer motiviert sein und eine positive Einstellung haben. Das ist aber eigentlich Terrorismus, denn das Verlangen von guter Laune und Motivation ist das Verlangen nach etwas, das wir als Menschen selbst nicht immer beeinflussen können. Trotzdem ist der Druck da, dass man Sachen immer gern zu machen hat. Dabei ist es vollkommen okay, wenn man keine Lust hat. Das bedeutet nämlich nicht, dass man etwas schlecht macht.

Es ist okay, keine Ahnung zu haben.

Die Menge an Wissen, die in diese Welt kommt ist enorm. Je älter man wird, desto mehr erkennt man, dass man eigentlich sehr wenig weiß und nur auf wenigen Gebieten ein unvollkommener Experte sein kann. Allerdings leben wir in einer Welt, die Kontrolle für ein hohes Gut und damit vollkommenes Wissen für notwendig hält. Dabei haben wir keine Ahnung, wir wissen nur besser wie groß die nichtvorhandene Ahnung ist, die wir haben. Jedenfalls ist das in der Wissenschaft so. In der Alltagswelt soll man möglichst allwissend und perfekt sein. Das ist gar nicht möglich, also ist es okay, wenn man mal keine Ahnung hat. Sogar in seinem eigenen Fachgebiet.

Es ist okay, zu versagen.

Das schliesst sich an viele andere Sachen auf dieser Liste an. Es wird immer erzählt, dass Erfolg einen Menschen definiert, dabei ist es eigentlich die Art, wie er mit Misserfolg umgeht. Man muss versagen können, damit Erfolg eine Relevanz hat. Wenn man immer nur Erfolg hat, dann ist dieser Erfolg wertlos, denn entweder ist er zu einfach errungen worden oder man hat betrogen. Das Stigma, das durch die protestantische Ethik der westlichen Welt auf Misserfolg gelegt wird, ist wahrscheinlich eine der größten Bremsen individueller Entwicklung. Wir müssen versagen um zu wissen, was wir nicht können, denn dann wissen wir auch, was wir können. Dieser Freiraum wird aber niemandem mehr gelassen. Man muss performen oder man ist unwert. Diese Denke führt zu immer mehr jungen Menschen mit psychischen Störungen und Ängsten, denn Versagen ist keine Option mehr. Das wird jedenfalls erzählt, dabei ist es okay zu versagen.

Von Molchen und Lurchen…

Die Behandlung der Menschen als Molche und Lurche führt dazu, daß sie sich wie Molche und Lurche verhalten. (Th. W. Adorno)

Es gibt ein Phänomen, das mir immer wieder und immer häufiger im Schulalltag begegnet. Es gibt junge Menschen, die da vor einem sitzen und nicht in der Lage sind eigenständig Entscheidungen zu treffen oder aber eigenständig zu handeln. Nun könnte man sagen, dass das damit zusammenhängt, dass die jungen Leute von heute halt keine Interessen mehr haben und soundso total verblödet sind. Das ist aber nicht der Fall. Intelligenz ist generell gaußverteilt und damit sind die meisten Leute auch schlau genug abwägende Entscheidungen zu treffen und eigenständig zu handeln. Die Frage ist also, warum es die Menschen, die sich im Schulsystem befinden nicht tun.

Mangelndes Wissen

Gut, das sollte bei Schülerinnen und Schülern eigentlich keine überraschen und es ist auch kein Problem, wenn die Kinder irgendwie zehn oder auch fünfzehn Jahre alt sind und am Anfang oder auch in der Mitte ihrer Schulerfahrung stehen. Kritisch wird es wenn die Schülerinnen und Schüler nahezu oder schon erwachsen sind. Dann muss man sich die Frage stellen, warum am Ende der Schullaufbahn so wenig Wissen über die Welt hat, dass einem die meisten Konzepte fremd sind. Eigentlich sollte da ja erwartet werden, dass die Leute zum einen umfangreiches Wissen durch Schule und auch Lebenserfahrung durch, nunja, Leben erworben haben.

Ich habe ehrlich gesagt keine belastbare Ahnung, woher dieses Phänomen kommt, aber ich habe ein paar Hinweise entdeckt, die mir plausibel erscheinen. Zum ersten ist Wissen an sich in der Schule eine Massenware, die zu behalten a) schwierig ist und b) strukturell nicht forciert wird. Stattdessen wird das schnelle Auswändiglernen und Wiedergeben belohnt und es wird da auch gern leicht gemacht in dem die Strukturen der Leistungstests vom auswändiggelernten Inhalt meist nicht unterschiedlich sind und keine praxisorientierten Kriterien entsprechen. Ein Beispiel hier wäre das Abfragen von Vokabeln deutsch-englisch nach Listen. Ein Lückentext mit dem Kontextualisierung geübt werden muss ist sinnvoller. Zum zweiten nimmt Schule einen sehr großen Teil des Lebens von Schülerinnen und Schülern ein, ist aber gleichzeitig nicht relevant für die Realität in der sich die Kinder und Jugendlichen befinden. Soziale und technische Neuerungen erreichen die Schule meist mit mindestens zehn bis zwanzig Jahren Verzögerung und Lehrerpläne sowie Schulstrukturen halten nicht dazu an relevante aktuelle Themen und Denkweisen in den Unterricht einfließen zu lassen. Moderne Einflüsse sind das Vorrecht der jungen Lehrergeneration und die wird dafür auch gerne mal belächelt.

Erlernte Hilflosigkeit und Angst

Ein anderes Phänomen findet sich ziemlich nachweisbar. Schülerinnen und Schüler geben ungern Meinungen von sich, da sie glauben, dass die Lehrkraft sie für diese Meinungen bestraft, wenn sie nicht der Meinung der Lehrkraft sind. Dazu fehlt auch, dass da auch das Hintergrundwissen über die Gesellschaft und die Welt fehlen. Also genau das, was man den jungen Menschen beibringen möchte, ist nicht vorhanden und man es zur Basis für einen Test macht, dann sind die Schülerinnen und Schüler aufgeschmissen, weil Wissen schlecht verankert ist und Weltwissen eigentlich nicht stattfindet. Das schafft natürlich Angst, zum einen ist eine Meinung schwer zu bepunkten und damit für den notenorientierten Menschen in der Schule ein Horror, zum anderen benötigt sie eine hohe kognitive Leistung, die normalerweise gar nicht gefordert wird. Da reicht das Auswendiglernen von Inhalten aus. Das kann dann auch gleich anständig vergessen werden. Dementsprechend ist die Hilflosigkeit der Schülerinnen und Schüler groß. Doch sie wird eigentlich nur in den Strukturen der Schulen so erlernt. Es wird mit bester operanter Konditionierung dafür gesorgt, dass eigenständiges Mitdenken kaum eine Rolle spielt. ((Wer jetzt glaubt, dass das an Gymnasien sicher besser ist als an Hauptschulen, hat nur teilweise recht. Es ist besser, aber nicht so sehr wie man sich das denkt.))

Aus den Strukturen des Lernens an Schulen entsteht also erlernte Hilflosigkeit und (Existenz-)ängste, die aus Menschen, die alle Möglichkeiten ihrer Entwicklung erst einmal haben, willfährige Ausführungsroboter, die weder für eine komplexe moderne Welt noch die, darunter liegenden, Anforderungen der Wirtschaft geeignet und generell keine Menschen, die diese Gesellschaft weiter bringen. Dafür aber Leute, die sich scheuen Entscheidungen zu treffen und die es nicht gewohnt sind, diese Entscheidungen auch zu begründen. Dazu werden sie nicht nur nicht gebracht, es wird ihnen sogar aktiv abgewöhnt. Die hierarchische Struktur der Schule führt eben dazu, dass das was die moderne Wirtschaft möchte und ein demokratischer Staat dringend braucht: offene, flexible und entscheidungsfreudige Menschen, eben nicht durch Schule geschaffen, sondern verhindert werden.

Fremdsprachendidaktik – ein Rant

Das ist der hundertste Eintrag in diesem Blog und ich habe mit Erstaunen festgestellt, dass ich mich noch nie über die eine oder andere Idiosynkrasie der Fremdsprachendidaktik, wie man sie so als Englischlehrer beigebracht bekommt, ausgelassen habe. Dabei rante ich da relativ gern drüber. Falls ihr Kinder im schulpflichtigen Alter habt, dann seid gewarnt: das mag nicht wirklich erbaulich sein.

Didaktische Reduktion

Das Meiste, das mich an der modernen Fremdsprachendidaktik stört hat mittelbar mit den Prämissen zu tun, die sie sich unter anderem von der Pädagogik holt. Diese Prämissen sind aber teilweise eher skeptisch zu sehen. Pädagogik ist zwar heutzutage immer mehr empirischer Natur, aber etliche Idee kommen tatsächlich direkt aus reiner Philosophie oder aber Ideologie. Dazu gibt es ein paar grundlegende Ideen der Didaktik, die ich in ihrer Ausführung für problematisch halte. Allen voran ist die Frage der didaktischen Reduktion. Didaktische Reduktion bedeutet, dass man einen Sachverhalt so reduziert, dass er einfacher zu verstehen ist. Das ist an sich nicht dumm. Schließlich wollen wir Schülerinnen und Schüler „dort abholen, wo sie sind“ und da hilft es nicht, gleich die komplette Komplexität der Welt über ihnen auszukippen.

Doch ist es eigentlich immer nötig Sachverhalte zu vereinfachen, nur weil Kinder oder Jugendliche vor einem sitzen? Bei vielen naturwissenschaftlichen Inhalten bin ich durchaus dieser Meinung, bei Mathematik auch, aber bei Sprachen ist das problematischer. Sprachen sind nämlich sozial vereinbarte Zeichensysteme, die zwar durchaus Regeln besitzen, aber weder müssen diese Regeln konsequent, noch sachlogisch oder überhaupt sinnvoll erklärbar sein. Die infiniten -ing Formen im Englischen lassen sich gut analysieren und klassifizieren, es gibt aber nahezu keine Möglichkeit eine ernsthafte Regel zu entwickeln an denen sich die Schülerinnen und Schüler festhalten können. Denn dafür sind die Regeln eigentlich da. Als Haltegriffe bis man das System internalisiert hat. Und dort ist dann auch gleich das Problem. Es wird auch bei fremdsprachlichen Regeln didaktische Reduktion angewandt, dabei ist das meist kontraproduktiv, da eine Vereinfachung der Regeln zu falschem Sprachverhalten führen kann. Das klassische Beispiel hier sind die Zeitformen. Das System ist eigentlich gut beschrieben und wenn man dieser Beschreibung folgt erstaunlich einfach. Allerdings erfordert es eine gewisse Menge kognitiver Vorleistung um die Regeln dann richtig anzuwenden. Oder wahlweise, es braucht eine didaktische Aufbereitung, damit Kinder im Alter von 11 Jahren (5. Klasse) diese Konzepte verstehen. Teilweise kann man diese schlicht richtig einüben, es hilft aber auch spielerisch heranzugehen. Das klingt ja alles nicht so schlecht, bis man sich anschaut, was stattfindet.

Denn was stattfindet, ist das Angeben von festen Regeln (zu diesem Teil komme ich gleich noch einmal), dann eine mehr oder minder kurze Übungseinlage und dann wird weitergegangen zum nächsten Thema. Zusammenhänge zwischen den Zeitformen werden nicht gegeben, es gibt keine Systematik und die Regeln werden meist so angegeben, dass es den Lernenden so erscheint, als seien diese Formen alle separat zu betrachten, was sie eben nicht sind. Das zieht sich dann über mehrere Jahre, dabei kann man das System in 45 Minuten erklären und wenn man es didaktisiert sicherlich in einem Schuljahr strukturiert an das Kind bringen, so dass es gesichert weiß, was es tut und sogar das Prinzip verstanden hat. Anstatt Regeln einfach nur aufzustellen, werden diese dann auch verständlich und können so sogar für mehr Motivation und Mündigkeit der Sprecher sorgen. Das ist ja gewollt.

Didaktische Reduktion wird also auf Sachen angewendet, die man besser nicht reduziert und stattdessen mit Zeit und Feedback kognitiviert und einübt.

Induktive Grammatik

Ich habe oben schon gesagt, dass die Regeln den Kindern vorgestellt werden und diese die dann einüben. Leider stimmt das nicht ganz. Derzeit ist ein Trend in der Fachdidaktik Englisch, den Lehrern zu sagen, dass man Grammatik induktiv unterrichtet. Induktion bedeutet, dass man vom Beispiel auf eine allgemeine Regel schließt, während Deduktion das Anwenden allgemeiner Regeln auf ein Beispiel bedeutet. Beim Sprachenlernen geht beides eigentlich kaum. Zwar kann ich Regeln deskriptiv festlegen, aber diese treffen dann nie hundertprozentig zu und man hat Ausnahmen über Ausnahmen. Das bedeutet Deduktion ist nur begrenzt möglich und je fremder die Sprache, desto weniger ((Nunja, es gibt darunter noch Regeln, denen nahezu alle Sprachen gehorchen zu scheinen, aber diese sind auch nicht perfekt. Wer sich für diese Idee interessiert schaue sich die generative Transformationsgrammatik an.)). (Wir haben da mit Englisch noch Glück.) Induktion ist aber komplett unmöglich. Denn Sprache ist ein willkürliches Zeichensystem und was sich andere Leute mit ihren Zeichen gedacht haben, sagt uns meist nichts. Das ist der Grund, warum wir nicht automatisch Kyrillisch lesen können.

Doch Grammatik soll im Unterricht induktiv unterrichtet werden. Die Idee dahinter ist, dass man herausgefunden hat, dass eigene Erkenntnisse Wissen besser verankern. Das ist auch richtig und sollte bei Naturwissenschaften mehr verwendet werden. Bei Sprachen ist es eher eigenartig. Woher sollen die Lernenden wissen, was sich die englische Sprachgeschichte dabei gedacht hat? Das wissen nicht einmal die Sprachwissenschaftler. Es wird hier also das Unmögliche gefordert: nämlich, dass Kinder die richtigen Regeln weissagen. Spannenderweise funktioniert es dann immer. Dafür gibt es aber einen eher zynischen Grund: die Schülerinnen und Schüler lernen früh, dass sie besser mal im Grammatikkapitel vorher lesen, worum es geht. Ansonsten raten sie fröhlich rum, sind unpräzise und es endet dabei, dass die Lehrkraft frustriert die Regeln an die Tafel klatscht. Eine Handlung mit der man das Thema auch hätte beginnen können anstatt 30 Minuten Rätselraten zu spielen, bei dem die Schülerinnen und Schüler eigentlich keine Chance haben. Da kann man sich auch hinstellen und fragen: „What is the difference between a raven and writing desk?“

Dazu ist diese Vorgehensweise menschlich fragwürdig. Unseren Schülerinnen und Schülern wird ein krankhafter Leistungsgeist und teilweise panische Angst vor mündlichen Noten eingeredet, um ihnen dann Aufgaben vorzulegen, die sie realistisch nicht erfüllen können ohne zu betrügen oder Glück zu haben. Erwachsene, wie ich sie unterrichtet haben im Übrigen keinerlei Verständnis für diese Ratespiele, weil sie erkennen, dass man da keine Lösung finden kann. Trotzdem wird einem immer wieder diese didaktische Fehlentwicklung in die Hand gedrückt. Sie wird genauso weitergetragen, wie die Übergeneralisierung der Handlungsorientierung in alle Fächer hinein. Es wird dabei nicht vom Menschen und vom Inhalt sondern vom Prinzip her gedacht. Was an einer Stelle modern und damit offiziell gut ist, muss an jeder Stelle modern und gut sein.

Einsprachigkeit im Unterricht

Dabei steht einem das alte oft genug im Weg. Einsprachigkeit ist die Maxime im Fremdsprachenunterricht. Die Idee, die Schüler nur der Zielsprache auszusetzen ist super. Schließlich lernt man Sprache da am besten. Leider kommt hier jetzt das große Aber.

ABER: Es ist komplett behämmert dies zu fordern, wenn man vier 45-minütige Einheiten die Woche hat. Denn das bringt rein gar nichts, außer dass die Schülerinnen und Schüler dauerhaft weder die Einsprachigkeit ernst nehmen noch einen Erfolg davon haben. Es gibt auch keine Emulation der Lehrkraft, weil die Lernenden schnell erkennen, dass dies eine reine Scharade ist. Die Idee, dass ich 45 Minuten lang einen Engländer spiele, um dann  die nächste Nase auf deutsch dafür anzumotzen, dass sie ihr Handy wegpacken soll, ist komplett hirnrissig. Wenn es einsprachige Projekttage oder generelle Immersion gäbe, wäre ich sofort dabei. Das ist nämlich sinnvoll und macht die Fremdsprache relevant und nicht den Unterricht zu einem Theaterstück mit einem englischsprechenden didaktisierenden Schauspieler, der einem dann, wie oben erklärt, unbeantwortbare Fragen stellt.

Einsprachigkeit ist dazu durch die knappen Zeitpläne schlicht unpraktikabel möchte man seine sprachtheoretischen Inhalte vermitteln oder, wie es mir oft geht, Menschen vor sich, denen man die komplexen Sachverhalte, die man ihnen vermitteln sollte, in der Fremdsprache nicht verstehen würden. Natürlich haben wir teilweise sehr viel Zeit ((Das ist der Segen der Vorklasse: wir bestätigen als Ausnahme mit 10 Stunden die Woche die Regel des zeitlich knappen Unterrichts.)) aber selbst dann kann man nicht alle Sachverhalte in der Fremdsprache abhandeln, denn man möchte auch am Ende, dass die Botschaft ankommt. Manchmal sind deutsche Regeln der Anfang englischen Sprechens. Denn nicht einmal 280 Stunden im Jahr reichen hier wirklich.

Auf der Bühne – und Abgang

Und so wirkt Englischunterricht oft wie Theater. Wir spielen Engländer, wir tun so, als könnte man sprachliche Features einfach so erraten oder erfühlen und wir tun so als wären die Regeln, die da erraten werden so schwer, dass wir sie nicht in ihrer Tiefe lehren können. ((Merkt ihr was? Das ist mir vorher nicht mal aufgefallen, wie schizophren das ist.)) Und dann schreiben wir denen allen C1 oder gar C2 auf die Zeugnisse und fragen uns, warum das keiner ernst nimmt.

Kommunikationsproblematiken

Ich möchte mich mal etwas darüber auslassen, wie Kommunikation in öffentlichen Organisationen so funktioniert, und was man, theoretisch, beachten sollte, wenn man das irgendwie mit Software lösen möchte. Wie immer, keine neuen Erkenntnisse, aber diese vielleicht mal konzise aufgeschrieben.

Kommunikationsformen

Doch wie wird primär kommuniziert heute? Natürlich immer noch face-to-face und das mehr als die Jugend sich so ausdenken kann. Schließlich gibt es ganze Teile der Gesellschaft, die digitalagnostisch sind. Doch für die Teile, die es nicht sind hat sich viel geändert. Es wird mehr geschrieben als geredet und das nicht nur auf Social Networks oder Blogs (qed!), sondern auch in SMS und Messengerservices. Klassische Bilder sind junge Menschen, die im Café gegenüber sitzen und in ihre Telefone starren und sich Nachrichten schicken oder das Pärchen, das sich per SMS auf der Couch streitet. Non-verbale Kommunikation hat zugenommen, sei es Email, Chat oder Microblogging. Die Erklärung hierfür ist zweiseitig: zum Einen kann sie asynchron stattfinden. Man muss nicht mehr zeitgleich mit einer anderen Person an einem Gerät oder an einem Ort sein um kommunizieren zu können. Zum Anderen ist textbasierte Kommunikation viel ambivalenter weil viele der Heuristiken, die Menschen zum Deuten von Aussagen des Gegenübers verwenden, nicht auf Text anwendbar sind. Deswegen gibt es Emoticons und deswegen kann man mit Emoticons so schön lügen.

Die Tatsache, dass wichtige Kommunikation immer mehr nicht direkt stattfindet, kann damit zusammenhängen, dass man direkte Konsequenzen fürchtet und dass man sich mehr traut, wenn die andere Person nicht im Raum ist. Dazu kommt die Bequemlichkeit aus jeder Situation und aus der Entfernung kommunizieren zu können. Es verbindet die Unverbindlichkeit des Indirekten mit der Bequemlichkeit der zeitlichen und örtlichen Unabhängigkeit.

Synchronizität

Diese Unabhängigkeit führt zu einem weiteren Phänomen, dass moderne Kommunikation schwierig machen kann. Die verbale Kommunikation egal ob face-to-face oder Telefon ist immer synchron, die textbasierte muss es nicht sein. Hier hat man die Wahl von synchronen und asynchronen Modi. Während IRC und klassischer Chat synchron ist, ist E-mail asynchron. Chatnachrichten können nur gelesen werden, wenn man da ist und verlieren mit verstrichener Zeit an Relevanz. Ähnlich verhält es sich mit Tweets, die zwar nachgeschlagen werden können, aber schon nach kurzer Zeit kaum noch eine Antwort wert sind. ((Insbesondere, wenn man bedenkt, dass viele Leute unfähig sind eine Diskussionsansicht zu benutzen.)) E-mail und auch die Postingnetzwerke wie Facebook sind allerdings asynchron. Eine Nachricht wird platziert, ist persistent und kann, sofern sie einem überhaupt angezeigt wird, auch mit Verzögerung beantwortet werden. Diskussionen spannen sich damit über mehrere Tage, solange die Leute das Posting finden. Das hat auch alles seine Verfallsdauer, aber man bekommt tatsächlich mit einem Jahr Abstand auch noch Antworten auf ein Posting.

Spannend sind hier Kommunikationsmethoden die technisch asynchron sind, aber sehr oft als synchron betrachtet werden. Der Klassiker ist SMS, aber natürlich sind es heute SMS-like Messenger wie iMessage, WhatsApp oder Threema, die natürlich Nachrichten vorhalten, aber von den Benutzern meist so benutzt werden, als würden sie eine sofortige Antwort benötigen. Man lässt sich also gerne in eine synchrone Unterhaltung hineinziehen, obwohl es technisch eine asynchrone Unterhaltung ist.

Es schleichen sich aber auch andere Einstellungen zu Kommunikation ein, die von diesen technischen Bedingungen informiert sind. Zum einen gilt synchrone und direkte Kommunikation als immer übergriffiger, zum anderen ist asynchrone Kommunikation immer vorhanden. Da man davon ausgehen kann, dass die Person gegenüber die Nachricht nicht sofort bekommt ((Okay, kann man? Heutzutage bekommt der Gegenüber die Nachricht sofort, aber es wird eben nicht erwartet, dass er antwortet, weil die Nachricht eben vorgehalten wird.)) oder nicht sofort antwortet, lässt einen freier Nachrichten versenden, aber bedeutet auch, dass es keinen Moment mehr gibt in dem man eben nicht mehr kommunizieren kann. Das ist allerdings nur die eine Seite des Problems.

Push vs. Pull Kommunikation

Die andere Seite ist, dass es nicht nur wichtig ist, ob man zeitgleich dasselbe Medium benutzt, sondern auch wie einen Nachrichten aus diesem Medium erreichen. Denn asynchrone Nachrichten werden nahezu synchron wahrgenommen, wenn sie einem per Push dargereicht werden. Push bedeutet hier, dass ich Nachrichten, die wichtig sind ((Oder die Facebook und Co. für wichtig für mich halten…)) automatisch bekomme. Ich hole, also pulle, die Nachrichten bei meinem Emailserver oder sonstwo selbst. Doch was bedeutet das für unsere Kommunikation?

Push scheint ja das Allheilmittel zu sein. Und natürlich hilft die Technologie dabei die eigene Informationsflut zu managen in dem man sich genau aussucht, was denn nun gepusht werden soll. Tut man das nicht, also hat man eben keine technische Medienkompetenz , dann macht Push einen zum Opfer der eigenen Informationssucht. Man wird großflächig genervt und von Nachrichten eingedeckt, von denen man wohl einen Großteil gar nicht empfangen wollte. Weswegen Pull seine Berechtigung hat. Man kann sich hier aussuchen, wann man Nachrichten empfängt und wann nicht und aus welchen Quellen. Auf der anderen Seite ist Pull sinnlos und sogar eine Belastung, wenn es um wichtige Informationen geht, die man zeitkritisch und direkt erfahren will. Gerade im Berufsalltag möchte man Systeme, die verlässlich Informationen verbreiten und zustellen anstatt die zweifelhafte Freude immer wieder auf Verdacht auf Internetseiten oder ähnliches zu blicken. Während Push Stress bedeutet, weil man mit Informationen zu sehr eingedeckt wird, ist Pull stressig, weil man eben gar nicht weiß, dass es eine wichtige Nachricht gibt. ((Die Lösung ist einfach: wenn man mir es nicht pusht, war es anscheinend nicht wichtig.))

Auswirkungen auf die Kommunikationskultur

Bisher war das ja alles mehr so geschichtlich oder technisch, aber diese ganzen Features haben natürlich einen großen Einfluss darauf, wie wir heutzutage kommunizieren. Zum einen gibt es die offensichtliche Botschaft: es wird weitaus mehr kommuniziert und davon weitaus mehr digital mit textbasierten Medien. Diese dringen durch Asynchronizität und Push immer mehr in unser Leben ein. Dafür haben wir immer mehr Kontrolle darüber, wie wir Informationen konsumieren und wie wir kommunizieren. Diese Kontrolle wird aber besonders von Menschen mit niedriger Medienkompetenz nicht wahrgenommen, so dass man Kommunikation entweder nicht wahrnehmen oder nicht entkommen kann.

Projekte: Rollenspielcon

Im Rahmen des 25jährigen Jubiläums der Kirchgemeinde St. Urban hier in Bamberg haben wir uns im Jugendtreff überlegt eine Rollenspielcon auszurichten. Eine Rollenspielcon ist eine Versammlung von Rollenspielnerds und ähnlichen Menschen, die fantastische Spiele spielen. Es wird gespielt und über das Spielen gesprochen. Hier bisher das Planungsfazit, allein schon, damit ich mir das nochmal durchlesen kann.

Vorbereitungen

Nunja, wir haben da sehr viel Glück. Da der Jugendtreff zur Kirche gehört, bekomme ich da einfach mal einen Gemeindesaal, einen Clubraum und drei Gruppenräume für lau. Allerdings brauchen wir Jugendliche, die mitarbeiten und Werbung. Das ist gar nicht mal so einfach. Einfacher wurde es durch Easy-Con ein Con-Anmeldungssystem von Daniela Festi, die ich über meinen Hackerspace und Rollenspielverein kenne. Damit kann man so eine Con organisieren und sogar noch vieles mehr als wir für einen Tag mit ein paar Räumen brauchen. Dann habe ich mich mit der Leiterin des Jugendtreffs zusammengesetzt, den Gemeinderat beredet und Plakate erstellt. Jetzt machen wir gerade Werbung und hoffen, dass Leute kommen.

Punk is not dead. It just got itself some bagpipes and harps.

In Zeiten in denen Helene Fischer ((Kein Link, um Gottes willen, kein Link!)) der musikalische Mainstream ist, und damit das Merkeln auch im modernen deutschen Biedermeier angekommen ist, darf Musik nicht mehr politisch sein. Die Schmerzgrenze für politische Inhalte in Musik ist bei den meisten schon mit Rammstein und deren eher unterschwelligen Botschaften oder Wir sind Helden mit poetischen Meinungen erreicht. Da hört man doch lieber Andreas Bourani dabei zu, wie er sich und der deutschen Nationalmannschaft Relevanz zusingt oder trällert mit der abgehalfterten Führungsriege der CDU Lieder der Toten Hosen mit. ((Am Tag danach warf jemand Campino einen Backstein durchs Fenster um den ein Zettel gewickelt war, der ihm mitteilte, dass er aus der Vereinigung der Punks geschmissen wurde.))

Jetzt werden sicher einige sagen: „Punk ist gar nicht tot.“ Natürlich gibt es immer noch die ganze Sparte mit den drei Akkorden und der Wahrheit, die ist aber mittlerweile in sich selbst ergangen und hat sich eher einem widerborstig-apolitischen Hedonismus oder aber einer weitreichenden Kommerzialisierung ergeben. Da scheint Biertrinken des öfteren wichtiger als irgendeinen Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen.  Die politische Komponente ist größtenteils weg oder wird nicht mehr ernst genommen.

Woher soll Musik mit politischen Inhalten nun noch kommen? Okay. Wir haben Rapper wie Sookee, die das Thema beackern. Die meist eher plakativ, aber da geht was. Was noch? Metal? Da lebt zumeist auch der Hedonismus und wenn er es nicht tut, kann es sein, dass die Message auch mal gern verfassungsfeindlich ist. Deutschrock? Ja, doch. Wenn das nicht alles immer so bieder wäre. Da ist mir dann der HipHop wieder lieber. Mittelaltermusik? Das war doch immer nur romantisch verklärter Scheiß. Das sind die Ewig-gestrigen mit den Dudelsäcken und den Märchen, oder?

Ähja, irgendwie dann doch nicht mehr. Irgendwie kommt von der Harfenfraktion auf einmal Gegenwind. Da gibt es so zärtliche Hinweise von Schandmaul, dass Rechtsradikalismus in dem Bereich nix zu suchen hat. Und das sogar sehr schön tanzbar. Sowas schmettern dann bei Wacken mal mehrere tausend Leute mit.

Okay. Das ist jetzt irgendwie noch bürgerlich. Etwas pro-aktiver wird dann schon Ecke mit der eher akustischen Folkmusik. Da fängt es augenscheinlich harmlos mit der deutschen Band Faun an. Die wirkt zwar sehr hippymäßig und poetisch, bietet allerdings auch Lieder, die von den Zeitgeistfilmen ((Vorsicht, da ist auch Trutherbullshit dabei.)) inspiriert sind und auf den Konzerten, die wie folkige Goamessen wirken, wird gerne mal ein sehr okölogisches Weltbild verbreitet, insbesondere, wenn die Band es schafft auf ihrer Tour neben Merchandise einen kompletten Stand von Greenpeace mitzunehmen.

Doch da hört es nicht auf. Die Mittelalterrocker Saltatio Mortis fahren mit ihrem letzten Album Das schwarze 1×1 eine noch etwas deutlichere Linie. Hier geht es nicht mehr um gegenseitige Akzeptanz und poetische Naturliebe, sondern hier geht es um amtliche Gesellschaftskritik. Das klingt dann mal ordentlich rockig und bietet eine etwas veränderte Variante der deutschen Nationalhymne.

Doch damit nicht genug. Texter und Sprachrohr Lasterbalk der Lästerliche ((Hey, es ist ne Mittelalterband.)) lässt sich im Blog der Band gerne und länglich über GEMA, Politik und ähnliche Themen aus. Das Ganze länglich und pointiert. Hinzu kommt, dass die Band seit einiger Zeit die Umweltorganisation Sea Shepherd, die dann schon zur pro-aktiven Fraktion der Umweltschutzorganisationen gehören. Sea Shepherd beschäftigt sich primär mit Aktionen gegen Walfang und die Tatsache, dass sie getarnte Schiffe benutzen und auch schon Walfangschiffe geentert haben, sagt wohl genug.

Noch einen Tick politischer und pro-aktiver sind dann nur noch die Holländer von Omnia. Neben einer absoluten Punk/Hippyattitüde und reinem Selbstverlag, treffen sich hier Naturreligion, Gesellschaftskritik und politische Botschaft auf der Bühne und in vielen der neueren Songs. Vom eher philosophischen I don’t Speak Human


über das wütende Dance Until We Die

zum direkten Aufruf zur Intervention in Earth Warrior

gibt es hier eine klare politische Ansage, die man so vielleicht nicht erwartet und die bei den Mittelalterfestival gerade etwas bürgerlich-provinzieller Natur auch gern mal beklagt wird. Insbesondere relativ klare linke Ansagen, die hier getroffen werden schmecken rechtsgerichteten Pseudoteutonen nicht unbedingt.

Der Punk ist also nicht tot. Er hat sich nur Dudelsäcke geholt, spielt Harfe und protestiert gegen den Kapitalismus neben dem Gaukler.

Schlosshof Festival 2014

Ich habe hier lange nicht mehr geschrieben. Deswegen fange ich mal mit der leichten Kost an. Ich war gestern auf dem Schlosshof Festival in Höchstadt an der Aisch. Es ist Teil der fränkischen Burgenfestivals und eher eines der kleineren in der Serie. Ein Tag, sechs Bands im Hof eines Schlosses (duh!) und ein kleiner Mittelaltermarkt dazu. Durch das kurze Line-Up bekommt man dafür gleich ab der zweiten Band größere Namen serviert.

Das Festival war an sich sehr heimelich und wäre noch heimelicher gewesen, wenn es uns nicht alle eingeregnet hätte. Trotzdem haben viele Leute, darunter auch ich durchgehalten und deswegen gibt es jetzt die kleine Berichterstattung.

Umfeld

Höchstadt ist ein kleiner Ort in Mittelfranken und das Schloss ist nicht wirklich groß und so kommt es, dass der Mittelaltermarkt, der irgendwie obligatorisch scheint, sehr klein ausgefallen ist und jedenfalls mir kein Interesse entlocken könnte. Aber dann mache ich das auch schon relativ lange mit und habe die Standard-Markstände gesehen. Die Wege waren breit und die Toilette erstaunlich sauber und nicht mit Schlangen gesegnet. Alles in allem ist es wahrscheinlich noch angenehmer, wenn das Wetter gut ist. Es ist definitiv ein Festival auf dem man auch mit Kind erscheinen kann ((Besonderes Lob an alle Eltern, die ihre Kinder mit Gehörschutz aufs Festival nehmen.)). Es regnete teilweise sehr stark und es muss dem Publikum zu Gute gehalten werden, dass es so lange durchgehalten hat.

Die Bands

Vroudenspil

Vroudenspil ((Freudenspiel gesprochen)) sind eigentlich eine Mittelalterband und das erkennt man auch am Namen. Sie haben sich dem Piratentrend der letzten Jahre angeschlossen und eine durchaus eigenständige Instrumentierung mit wenig Dudelsack und dafür einem Akkordeon. Die Band ist gut, sie eröffnet regelmäßig solche Festivals und spielt solide Musik mit Spaß. Sie haben das Piratending drauf, allerdings fehlt irgendwie der Suspence of Disbelief. Es ist trotzdem gute Musik. Im Gegensatz zu vielen anderen Bands, die ich Festivals eröffnen sehen habe, machen Vroudenspil Spaß, während du noch was essen gehst.

Coppelius

Die feinen Herren von Coppelius gaben sich danach die Ehre. Rockmusik mit zwei Klarinetten, einem Kontrabass, einem Cello und einem Butler. Was soll man da noch sagen. Coppelius haben die Show perfektioniert. Vom affektierten Gesichtsausdruck bis zur gestelzten Ausdrucksweise und „Applaus“ Schildern und Butler Bastille, der während der Stücke Mäntel aufräumt und den Klarinettisten die hohen Zylinder wieder aufsetzt. Was mich etwas gestört hat, war der große Anteil an englischsprachigen Songs. Sie spielen deutsch und englisch und die Mischung der Sprachen irritiert mich immer wieder. Trotzdem haben sie sich ihren Applaus und das Rufen nach „da capo“ sehr verdient.

Omnia

Hach, hach. Ich bin schon ewig Fan, was soll ich also sagen. Omnia machen mit akustischen Instrumenten Musik, die dich nur umbläst. Dazu noch musikalische Vielfalt und Attitüde machen die Konzert immer wieder zu einem speziellen Erlebnis.

Alestorm

Nach der vollen Akustik, die volle Keyboardbreitseite mit den Piratenmetallern von Alestorm. Die Schotten saufen dann halt Whisky aus der Flasche und spielen trotzdem wahnsinnig schnellen Powermetal mit eigenartigem Pirateninhalten. Das endet mit Crowdsurfing zum Bierstand. Definitive Spaßmusik, die live aus ganz anderen Gründen funktioniert als ihre Vorgänger.

Saltatio Mortis

Als die Backstreet Boys des Mittelalters verschrien, haben sich Saltatio Mortis so langsam den Thron des Mittelalterrocks von In Extremo gesichert. Während sich letztere aus meiner Sicht schon lange an zu simplen Texten und dem Nachrennen von Trends auszeichnen ((Jenseits dessen, dass der Sänger sich die Stimme kaputt geschrien hat.)) sind Saltatio Mortis immer eigenständiger geworden. Die Show ist professionell und doch nicht steril. Der Sänger hält das Publikum so auf Trab, dass ich fast Angst hatte abzunehmen. Sie haben den Posten als Headliner nicht nur verdient sondern auch sehr ausgefüllt. Wer mehr als nur das Video sehen will sollte mal bei den Wackenmitschnitt auf arte ansehen.

Fazit

Trotz des Regens eines der bisher besten Festivals auf denen ich war, weil mir das Line-Up wirklich durchgehen getaugt hat. Soviel bin ich seit Jahren nicht mehr gehüpft.

 

Aua…

Das Geschlechterkontinuum für die Erfassung in Fragebögen

Ich hätte es nie gedacht, dass ich hier mal einen wissenschaftstheoretischen Text schreiben würde, aber da ist er. Ich habe vor einiger Zeit das Konzept der dritten Option für das Geschlecht in Fragebögen kennengelernt und dieses Konzept kratzte mich sehr. Denn ich habe das Gefühl, dass diese Option auf ein paar Annahmen beruht, an denen ich zumindest Zweifel anmelden würde, solange sie nicht anständig bestätigt sind. Diese Annahmen wären:

  • trans/intersexuelle Menschen wissen das sie trans/intersexuell sind
  • trans/intersexuelle Menschen reflektieren ihre eigene Sexualität ausreichend
  • trans/intersexuelle Menschen identifizieren sich trans/intersexuell
  • trans/intersexuelle Menschen identifizieren sich nicht mit einem Standardgeschlecht, obwohl sie es könnten

Wenn wir davon ausgehen, dass Bildung keine Rolle dafür spielt, dass jemand trans/intersexuell ist oder nicht, dann wird das mit dem Reflektieren schon schwierig. Dazu kommt, dass jeder dieser Menschen das Recht hat sich nach den Konventionen der Mehrheitsgesellschaft einzuordnen. Denn es hängt hier von der Wahrnehmung der einzelnen Person ab.

Das macht diese dritte Option aber wissenschaftlich zu einem absoluten Problem. Haben wir bei einem Spektrum männlich/weiblich schlicht eine gewissen Menge false-positives und false-negatives, gibt es mit der dritten Option nun das Problem, dass weder dieser, noch den beiden anderen getraut kann, da nicht bekannt ist, ob die Kategorien trennscharf sind, weil Angehörige der neuen Kategorie eben auch den alten zuordnen können. Damit führt diese Kategorie, die teilweise mit einer Argumentation aus der political correctness, eingeführt wird leider dazu, dass die Daten schlechter werden und dass sich entsprechende Menschen im Zweifel nicht besser repräsentiert fühlen.

Dazu ist die dritte Option in sich nicht trennscharf und das führt dazu, dass man das immer mehr ausdifferenzieren muss und dann einen Wust an Optionen hat, die kein Proband mehr versteht.

Deswegen habe ich mir eine andere Variante überlegt, die zum einen die Komplexität der Sexualität abbildet als auch barrierefrei ist. Wie man das operationalisiert und wie das genau in einer Studie aussehen kann, wäre mal eine Aufgabe für die entsprechenden Theoretiker. Ich schlag das nur vor. Es sieht so aus:

Geschlechterkontinuum

Das ist nur ein Beispiel, bei dem die Probanden dann sich selbst einschätzen können und damit weitaus genauere Daten geben, die ich dann sogar besser granulieren und operationalisieren kann. Ich kann auch hier gleich noch sexuelle Orientierungen und so weiter abfragen und dabei immer verständlich sein. Dabei werde ich automatisch alternativen Geschlechtswahrnehmungen gerecht und bekomme gleichzeitig ein realistisches Geschlechterbild meiner Stichprobe. Ich persönlich gehe übrigens davon aus, dass die meisten Menschen keine Extreme ankreuzen würden.

So, food for thought…