Kategoriearchiv: Soziales

Störe meine Kreise nicht…

Im Laufe des Lebens baut man sich immer mehr soziale Beziehungen auf. Das ist vollkommen normal und nachvollziehbar. Diese schließen sich an verschiedene soziale Institutionen an. Zuerst sind da Familienbeziehungen, dann Freundschaften, die mit Schule zu tun haben können, aber auch eben nicht und später Arbeitsbeziehungen.

Der Grad der Freiwilligkeit und des Spielraums, den man bei Gestaltung dieser Beziehungen hat, ist sehr unterschiedliche. Während familiäre Beziehungen nahezu keinen Spielraum zulassen, jenseits dass man jeglichen Kontakt abbricht, Arbeitsbeziehungen eher etwas von zufälligem Schicksal mit sich tragen, kann man seine freundschaftlichen und romantischen Beziehungen sehr frei gestalten. Das bedeutet dann auch in Zeiten des Internets und sozialer Netzwerke, dass man sich ein persönliches Freundschaftsumfeld generieren kann, das im Rahmen der unfreiwilliger entstandenen Beziehungen zu Problemen führen kann. Das ist schon an sich ein Problemfeld und die Interaktion von diesen Beziehungen ist schon schlimm genug.

Es wird aber noch problematischer, wenn man bedenkt, dass die Menge an Menschen, die man im Laufe des Lebens als freundschaftliche Beziehungen akkumuliert, langsam aber stetig ansteigt und an sich aber auch fragmentiert ist. Das fängt damit an, dass diese Menschen unterschiedliche Hintergründe und Werte, aber auch Wertigkeiten haben. Die Frage ist ja, welche Facette des eignen Lebens in diesen Beziehungen reflektiert ist, weil alle Facetten sind nur selten und das meist bei sehr guten Freunden vorhanden. Ansonsten ist es schon die Frage, was man wem erzählt. Dazu hilft es bei der Seelenhygiene, dass man auch immer mal jemanden hat, mit dem man relativ sicher über die anderen Beziehungen reden kann. Das ist an sich sehr wertvoll und wenn jemand mit dem Konzept um die Ecke kommt, dass man ja keine Geheimnisse voreinander haben sollte und jeder alles wissen darf, dann hat sich die Person noch nicht daran verbrannt. Denn absolute Offenheit verdient Vertrauen und dieses ist gerade in der Welt der sozialen Medien noch weniger zu bekommen.

Das bedeutet aber auch, dass man sich überlegen muss, wie das mit den sozialen Kreisen in seinem Leben ist und wie sehr eine Störung dieser Ordnung eine Person stört. Das hängt auch von der persönlichen Einstellung und Entwicklung ab, immerhin wird der Mensch mit steigendem Alter immer konservativer. Es ist also vielleicht wichtig, dass man die eigenen Kreise, die man sich schafft, nicht gestört bekommt. Die Idee, dass man immer mit jedem verbunden sein muss und dass eine Großzahl von Beziehungen einen Selbstwert hat, obwohl die einzelne Beziehung oberflächlich und mit wenig gegenseitigem Wert belegt sind, ist verirrt und führt dazu, dass man gar keine Beziehungen führen kann, die bedeutsam sind. Dazu kommt, dass dieses Verhalten dazu führt, dass andere Menschen auch immer weniger bedeutsame Beziehungen führen können, weil das Netz des Sozialen um sie herum immer mehr entwertet wird. Alle kennen sich, aber keiner will noch etwas Tiefes sagen, denn das Vertrauen, dass in der Trennung sozialer Kreise geschaffen werden kann, geht in der Jagd des verzweifelten Networkings verloren.

Und so ist es eigentlich zu wünschen, dass die Menschen sich einander annähern, aber auch Freiraum lassen und nicht gegenseitig ihre Kreise stören oder zumindest die Entscheidung, wie das soziale Umfeld der anderen Person aussehen soll und welche Rolle man für diese Person spielt, ihr zu überlassen. Alles andere ist soziale Gewalt, die egal wie gut sie gemeint ist, am Ende zeigt, dass derjenige, der wie bei Archimedes die Kreise stört, am Ende auch derjenige ist, der den Kern der sozialen Interaktion tötet: nämlich das Vertrauen.

Rezension – Katrin Rönicke – Bitte Freimachen

Zum ersten Mal hörte ich von Katrin Rönicke als sie bei CRE mit Tim Pritlove über Feminismus sprach.  Schon an diesem Gespräch beeindruckte mich, dass es bei ihrem Feminismus weniger um Kampf als mehr um Kommunikation geht. Dieser Eindruck bestätigte sich später auch beim dauerhaften Hören des Lila Podcast.

Nun hat Katrin Rönicke ihr erstes Buch herausgebracht. Bitte Freimachen! ist laut Untertitel eine Anleitung zur Emanzipation und obwohl man erst einmal davon ausgehen muss, dass damit hauptsächlich Frauen gemeint sind, ist es auch eine Anleitung für Männer, denn Katrin Rönicke ist, wie sie selbst sagt, die männerfreundliche Feministin. Und sie macht sich in diesem Buch frei, während sie den Leserinnen zeigt, wie wir uns alle freier machen können. Dabei hatte ich öfter das Gefühl, dass ich die Autorin am liebsten umarmen möchte. Entweder wegen der eher schmerzhaften Geschichten, die sie von sich erzählt oder wegen der profunden einleuchtenden Erkenntnisse, die mir auch persönlich entweder zusagen oder ins Gedächtnis zurückgerufen haben, was ich selbst für richtig und wichtig erachte. Dabei wird die Perspektive im Laufe des Buches immer breiter. Es fängt mit den Körperbildern junger Frauen an, geht über geschlechterorientierte Werbung und Produkte zu den Fragen, warum wir eigentlich Geschlechterrollen und Beziehungen so denken und leben, wie wir es tun und warum das eigentlich sehr ungesund für uns, und zwar Männer wie Frauen, ist.

Es gab mehrere Kapitel, die bei mir eine besondere Resonanz hervorgerufen haben, aber keines so wie das Beziehungskapitel, das sehr gut aufzeigt wie begrenzt unsere Vorstellungen darüber sind, wie wir miteinander zusammen leben und Beziehungen gestalten. Katrin Rönicke sagt hier vieles, das dringend in den Allgemeingeist übergehen sollte, es aber wahrscheinlich wenig tut. Wenn es sie beruhigt: es waren für mich die richtigen Worte zu richtigen Zeit.

Jenseits meines persönlichen Eindrucks, ist wohl die größte Überraschung, die eine unbedarfte Leserin bei diesem Buch haben wird, dass die Autorin Emanzipation in ihrer breiten Bedeutung begreift. Es geht hier also nicht um diese alte Vorstellung, dass Frauen sich emanzipieren müssen, sondern dass wir alle uns von Geschlechterrollen emanzipieren müssen, denn Männer wie Frauen leiden unter diesen Konstrukten, von denen wir glauben, dass wir ihnen dringend folgen müssen.

Also, gehet hin und kauft und lest Bitte Freimachen! und macht euch frei!

Blogger für Flüchtlinge – #bloggerfuerfluechtlinge

Als Lehrer hat man eine Verantwortung und zwar nicht für die Schülerinnen und Schüler sondern auch für die Gesellschaft. Und dazu gehört auch eine Position zu beziehen. Deswegen beteilige ich mich an:

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Und weil das hier mein Blog ist und ich dazu auch etwas schreiben möchte, mache ich das auf meine Art. Schauen wir uns mal kurz an, was das Grundgesetz zu Flüchtlingen zu sagen hat:

Artikel 1

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

und 

Artikel 16a

(1) Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.

Das wäre alles so gut, gäbe es da nicht am Ende auch noch Absatz 2-5 dieses Artikels, die in der Kurzform besagen, dass das es für sehr viele Leute nicht einmal gilt. Trotzdem nimmt die Menge an Flüchtlingen zu, die auch unter den eher zweifelhaften Bedingungen, die man da von Staatsseite so anlegt, deutsches Asyl bekommen. Und das ist nur Recht und billig, allerdings ist die Art, wie diese Menschen in unserem Land untergebracht werden, ein direkter Widerspruch zur Idee aus Artikel 1 GG. Und daraus leitet sich eine moralische Verpflichtung für uns alle ab. Das ist unser Land, und es sind unsere Regeln, die hier von unseren Volksvertretern gebeugt werden. Wenn wir möchten, dass wir nach diesen Regeln behandelt werden, dann müssen wir auch dafür sorgen, dass andere nach ihnen behandelt werden. Denn nur dann können wir auch moralisch einfordern, dass wir von unserem Staat entsprechend behandelt werden. Soziale Kälte gegenüber anderen wird irgendwann als Begründung dafür benutzt werden, soziale Kälte gegenüber uns walten zu lassen. Dann sind es nicht mehr die Fremden, die stören, sondern die Unterschicht, die Sozialwissenschaftler oder die Blogger.

Wir sollten diese Art von sozialer Kälte nicht dulden und gemeinsam etwas dagegen unternehmen. Solidarität und Hilfe für Flüchtlinge tut Not. Das dachten sich auch Nico Lumma, Stevan Paul, Karla Paul und Paul Huizing. Sie möchten das ihr eine der folgenden Sachen tut:



Agitierte Hilflosigkeit

Es gibt ein Phänomen, das mir in Unterhaltungen mit jungen Menschen immer wieder untergekommen ist. Sie sind meist politisch stark engagiert und sehen Missstände in der Welt. Allerdings wissen sie weder um die Ursachen noch die Gegenmassnahmen zu diesen Problemen. Das wäre die Aufgabe politischer Bildung, aber die findet ja nur noch rudimentär statt und kann im Zweifel nicht jedes Problem lösen. ((Dafür bräuchten wir Politiklehrer mehr Zeit, mehr Mittel und eine frühere Einführung des Politikunterrichts.))

Doch zurück zu den jungen Menschen. Die stehen nur vor einer Welt, die sie empört und die so komplex ist, dass es keine einfachen Antworten geben kann. Sie wurden allerdings im Bildungssystem darauf trainiert, die einfache Antwort zu suchen und sind des öfteren damit überfordert überhaupt über eine Lösung, vor allem außerhalb ihres beschränkten Erfahrungshorizonts nachzudenken. Dabei ist da eigentlich wenig Vorwurf zu machen. Immerhin leben wir im modernen Biedermeier, wo jeder seinen Kopf in den Sand steckt und agitierter, aber durchgehend zahnloser, Privatismus auf Facebook gelebt wird. Slacktivism ist ja auch nichts weiter, als eine neue Variante als Kleinbürger Geld in den Klingelbeutel zu werfen, ohne sich wirklich politisch zu beteiligen. Das passt auch gut zur verzweifelten  Romantik, die unsere Zeit auszuzeichnen scheint. Es wird die ganze Zeit die Emotion, der Andere, die Toleranz ((Ein beschissener Begriff. Lat. tolerare bedeutet ertragen. Toleranz ist also die Fähigkeit etwas zu ertragen, was ich nicht mag. Da ist also der gewünschte Standard des menschlichen Miteinanders: ich finde etwas scheiße, aber ich bin ein guter Mensch, weil ich ertrage, dass ich es scheiße finde. Respekt wäre hier definitiv besser: ich finde es scheiße, aber es darf existieren und ich muss respektieren, dass es existieren darf. Bevorzugt sollte ich dafür kämpfen, dass es das tut.)) betont, um einen Gegensatz zu einer erlebten Welt der technokratischen Nivellierung konservativer Werte zu schaffen. Man geht auf Mittelaltermärkte und zieht sich an wie Bauernbübchen aus dem nicht minder romantischen 19. Jahrhundert, verklärte Hippies, Sennerinnen, verarmte Punks oder Ritter aus schlechten Hollywoodhistoriendramen, ohne es wirklich ernst zu meinen. Da wird dann fein bigott die vegane Fahne hochgehalten, während man Coke life trinkt und McDonalds scheiße gefunden, während man bei Subway den Ökosandwich mampft. Es wird jede dissente Meinung, die die Filterblase penetriert, geshitstormt und gehashtagt, damit man sich bloß nicht damit auseinandersetzen muss, dass man selbst schon wieder weniger Gehaltserhöhung als den Inflationsausgleich bekommen hat.

Aber solange die Meute der ebenso hilflos Empörten glaubt, dass Tweets die Welt ändern, freuen sich die Machteliten, dass es keine ernsthafte gesellschaftliche Opposition gibt, weil sich diese ja nur virtuell abspielt. ((Keine Sorge, ich bin nicht besser. Ich erzähle nur über Politik und schreibe ins Netz.)) Bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen führt dieser ganze Spaß nun dazu, dass sie die ganze Zeit wütende Bilder von Tierschützern, Naturschützern, Rechtsradikalen, Linksradikalen, Neoliberalen oder sonstwelchen ideologischen Gruppen und dadurch gut agitiert werden, allerdings in ihrem politischen Verhalten komplett hilflos sind, weil man es geschafft hat ihnen die Werkzeuge und Erkenntnisse, die es braucht um sich kompetent zu verhalten aus der Hand zu nehmen. ((Die sind ja auch zu gefährlich.)) Und so zeigt sich bei jungen Menschen immer öfter agitierte Hilflosigkeit. Sie möchten die Welt ändern, aber sie glauben in postmoderner Abgeklärtheit nicht daran und haben auch nicht mehr die Mittel ernsthaft wirksam politisch mitzuwirken, da alle Mittel, die sie für wichtig halten, nicht wichtig für die Entscheidungsträger sind. Im Internet schreien, interessiert die Gesellschaft immer noch amüsiert, aber relevant ist es noch nicht. Damit bleibt vielen jungen Menschen nur agitierte Hilflosigkeit von der zu sehen ist, wie sie sich kanalisiert.

Französische Verhältnisse

Am Ende des Jahres wird wohl eine der boulevardeskeren Medien titeln, dass 2015 das Super-Streikjahr war. ((Hallo, liebe Bildredaktion. Ich war zuerst da und lizensiere den Begriff gerne für einen niedrigen vierstelligen Betrag weiter.)) Das mag zahlenmäßig nicht stimmen, aber jetzt im Sommer des Jahres sieht es genau so aus. In Deutschland wird gestreikt, wie schon lange nicht mehr. Und es wird vor allem gestreikt, weil die Politik ihrer Aufgabe des Interessenausgleichs nicht mehr nachkommt. Ganz im Gegenteil: die Arbeitsministerin der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Andrea Nahles drückt erst einmal ein Gesetz durch, das diesen ungezügelten Arbeitskampf eindämmen soll. Wo kämen wir auch hin, wenn Arbeitnehmervertreter auf einmal für Arbeitnehmerrechte streiten? Am Ende haben wir hier in Deutschland noch französische Verhältnisse, wo die Götze des Wirtschaftswachstums die ganze Zeit von renitenten Sozialisten angetüncht wird, und Arbeitnehmersolidarität so weit gehen kann, dass sich Arbeitskämpfe zum Generalstreik ausweiten.

Dabei wäre dieser längst überfällig. Die neoliberale Agenda 2010 hat dazu geführt, dass der Wohlstand des Einzelnen, insbesondere in den unteren sozialen Statusgruppen, rapide abgenommen hat. Da hier auch die Menschen mit dem niedrigen Bildungsniveau sitzen, lassen sich Phänomene wie PEGIDA oder aber der Zustrom zur AfD leicht erklären. Dort sammelt sich das verarmte Kleinbürgertum in seiner Abneigung gegenüber der Komplexität der Welt und verlangt den isolationalistischen Biedermeier in allen Belangen ohne zu verstehen, dass die Ideologien, die sie da tragen sie selbst zutiefst verachten. Denn aus der Sicht der AfD Granden sind diese Menschen entweder Minderleister oder Steigbügelhalter für die nationalistische Revolution, aber sicher nicht die Bevölkerungsgruppe, deren ernsthafte Sorgen im Mittelpunkt politischen Handelns stehen sollte.

Die Parteien und politischen Richtungen, in deren Ideologie das tatsächlich der Fall ist, wären auf der linken Seite des politischen Spektrums zu finden. Dazu gehören die Gewerkschaften und Parteien, wie die Linke, SPD oder auch die Grünen. Wobei, die SPD schiebt ja gerade Gesetze an, die Kleingewerkschaften das Leben schwer machen sollen und ist generell mehr daran interessiert mit der CDU mitzuregieren als ihr ideologisches Profil zu schärfen. Hoffnung gab es da ja mal zwischendurch. Die Grünen sind ja eh eine Partei der besserverdienenden Akademiker und die Linke gilt immer noch nicht als satisfaktionsfähig oder wurde so lange als Bösewicht aufgebaut, dass die Zielgruppe das fröhlich geschluckt hat. Also bleiben nur noch die Gewerkschaften und die gelten ja langsam auch als Terroristen, immerhin machen sie so infame Dinge wie das Aufhalten von Werbebriefen und das Bestreiken der Bahnstrecken, bei denen man sich sonst doch auch über die Verspätung aufregt. Dass es hier darum geht für Leute, in ähnlichen Berufslagen wie sie selbst Vorteile zu erstreiken geht in einer mittlerweile schon gut geübten Missgunst unter. Es kann ja nicht sein, dass die anderen Recht damit haben wenn sie für anständige Bezahlung und grundrechtskonforme Tarife den eigenen Komfort einschränken! Und daran scheitert dann der Wunsch an französischen Verhältnissen, denn bevor in diesem Land Menschen solidarisch für die Verbesserung der eigenen Lebensverhältnisse kämpfen, muss erst einmal geklärt werden, dass die anderen weniger davon haben als man selbst.

Das Gendernarrativ

Es gibt eine Zweiteilung der Wissenschaften in empirische Wissenschaften und das, was man eher als Geisteswissenschaften kennt. Erstere beschäftigen sich mit empirischen ((empirisch: sinnlich erkennbar und erfassbar, messbar)) Erkenntnissen. Dazwischen stehen irgendwo die Sozialwissenschaften, die durchaus empirisch forschen, aber halt auch geisteswissenschaftliche Theoriebildung betreiben.

Die wohl herausragendste Form moderner Geisteswissenschaften, die sich gern auch als Sozialwissenschaft geriert, es aber viel zu oft nicht ist, ist die Genderforschung. Ausgehend von der gesicherten Erkenntnis, dass Frauen gegenüber Männern in unserer Gesellschaft strukturell benachteiligt sind, entwickelte sich eine ganze Forschungsrichtung, die theoriebildend über Strukturen und Formen von Geschlechterungerechtigkeit arbeitet. Im Rahmen dessen fiel dann auf, dass es noch mehr Ungleichheiten in dieser Welt gibt, nämlich nach Abstammung, sozialem Status und so weiter. Das sind jetzt eigentlich keine neuen Erkenntnisse. Was die Genderforschung und angeschlossene Forschungsrichtungen allerdings problematisch macht, ist die Axiomatik, die ihren Ideen anhängt. Doch bevor ich darauf zurückkomme, hier ein Exkurs über Konstrukte.

Exkurs: soziale Konstrukte und Macht

In der Psychologie und Philosophie hat sich seit den späten 90er Jahren die Denkrichtung des Konstruktivismus etabliert. Ausgehend von der Erkenntnis, dass das menschliche Gehirn Realität immer interpretiert und Wissenserwerb durch die Verarbeitung von Reizen entsteht, postulierten verschiedene Schulen der Philosophie, dass die Menschen an sich keinen echten Zugang zur Realität haben, sondern diese immer zu einem bestimmten Grade konstruieren.

Diese Idee wurde auch in den Sozialwissenschaften aufgegriffen und auf soziale Normen und Regeln angewandt. Soziale Strukturen, die den Menschen als absolut vorkommen werden durch Sprache und Verhalten der Gesellschaft konstruiert und für real betrachtet, dabei sind sie nur geistige Konzepte. Ideen, die einmal in der Welt sind bestimmen auf einmal das Handeln ganzer Generationen, für die sie als reale Bedingungen der Welt gelten. Beispiele hierfür ist die Eugenik, aber auch Sozialismus und romantische Liebe ((Ja, das ist sozial konstruiert. Es gibt Menschen auf dieser Welt, die nicht verstehen können, dass man sich ineinander verlieben muss, damit man eine Beziehung eingeht.)). Alles sind Ideen, die wirkmächtig sind und waren, und die erst erdacht werden mussten. Trotzdem binden diese Ideen unser Denken. Es scheint so zu sein, dass das Denken außerhalb etablierter sozialer Konstrukte, je nach Kontext bis zum Ausschluss aus sozialen Gruppen sanktioniert wird. Dazu entstehen diese Konstrukte dadurch, dass Menschen einfach Sachen daherreden können. Das bedeutet, dass wenn man oft genug denselben Schwachhsinn erzählt, dieser ein soziales Konstrukt wird.

Das bedeutet dann, dass die Menschen, die diese Konstrukte erfunden haben oder vertreten, eine automatische Diskurshoheit und damit Macht über andere Menschen haben. Durch die Möglichkeit zu bestimmen, was gesagt werden kann, kann man langfristig sogar bestimmen, was gedacht werden kann oder darf. ((Aber das wusste schon George Orwell.)) 

Genderforschung und Genderkampagne

Die Genderforschung an sich ist erstmal keine schlechte Idee. Ausgehend von empirisch erfassbaren sozialen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern entwickelte sich eine Forschungsrichtung, die versuchte diese zu erfassen und darzustellen. Und dann wurde es geisteswissenschaftlich-esoterisch. Auf einmal wurde alles unter die Genderlampe gehalten und mit Gewalt versucht die auf einmal wahrgenommenen Ungleichheiten auszugleichen. Die Sprache wurde dekonstruiert, weil man dachte, dass dies auch die Gedanken ent-genderisiert. Es wurden neue Begriffe für Sexualität eingeführt, damit es eine Systematik in einem Kontinuum gibt und die Öffentlichkeit verschüttete Häme über dem verzweifelten Versuch mit akademischen Mitteln soziale Ungleichheiten aufzulösen.

Doch es gibt auch das Internet. Diese Möglichkeit für jede Minderheit gehört zu werden. Der schnelle einfache Zugang zum Diskurs, bei dem man dann durch die Eingeschränktheit der Kommunikationsmittel, noch viel einfacher eine Diskurshoheit erlangen kann, als das je zuvor möglich war. Und damit wurde aus der Forderung nach Gleichheit ein Mittel der Oppression. Gender wandelte sich von Forschung an Ungleichheiten hin zu Handlungsanweisungen zur Weltverbesserung. Es wird nicht mehr neutral erforscht, es wird politisch agiert. Theoretische Konzepte, die in den Geisteswissenschaften ungeprüft nebeneinander stehen können und diskutiert werden, werden auf einmal zu Fakten und zu Basis politischer Aussagen. Es wird davon ausgegangen, dass die vielfältigen Perspektiven, die in der Genderforschung existieren und entwickelt werden, alle sofort richtig, wirkmächtig und a priori sinnvoll und gut sind. Solche Nischenideen, wie die Neustrukturierung der Sprache, um Diskriminierung zu eliminieren ((Ein Idee, die nicht nur sprachwissenschaftlich Quatsch ist, sondern auch zeigt, dass ihre Vertreter nicht verstanden haben, dass Menschen Vorschriften zu machen, wie sie zu denken haben, meist nach hinten losgeht.)) oder aber die patronisierende Rücksichtnahme auf jede wahrgenommene Splittergruppe im LGBT Bereich, egal ob die Personen, die da dazugehören, sich überhaupt so sehen, werden verallgemeinert und als best practice in die Welt hinaus geblasen um dann diejenigen zu shitstormen, die Zweifel anmelden. Damit wird aus dem berechtigten und notwendigen sozialen Konstrukt, dass wir Menschen ungeachtet ihres sozialen und biologischen Geschlechtes gleich behandeln sollen, eine Waffenkammer der sozialen Machtausübung. Es geht nicht mehr darum darauf hinzuweisen, dass die Geschlechterdimension wichtig ist und berücksichtigt wird, es geht darum, dass man sie benutzen kann, um unliebsame Aussagen und Personen mundtot zu machen und eine Welt zu generieren, in der Menschen aus vorauseilendem Gehorsam schon nichts mehr sagen.

Dieser Gehorsam ist aber komplett hohl. Und die Idee, dass wir die Welt zu einem besseren und vor allem freieren Ort machen, in dem wir die Meinung durchdrücken, die uns besser erscheint, zeigt nur, dass ein positives Menschenbild zu Terrorismus führt. Das starke Wollen, dass man so etwas gutes wie Geschlechtergerechtigkeit einfach so schafft, in dem man jetzt jeder Person sagt, dass sie es falsch macht und diese dann sofort erleuchtet ist, missachtet das Individuum absolut und lässt nach dessen Widerstand nur noch die Anwendung von Gewalt zu.

Geschlechtergerechtigkeit ist ein wichtiges Thema. Man ist sich nicht einmal einig, wie sie aussehen soll. Doch im Internet ist sie ein Mittel der Oppression geworden, von ihren Vertretern wie von ihren Feinden. 

Essigbrätlein 26.Mai 2015

Zusammen mit meiner lieben Bekannten Victoria beschloss ich vor einiger Zeit mal wirklich krass edel essen zu gehen. Dabei fiel unsere Wahl auf das Restaurant Essigbrätlein in Nürnberg. Das Essigbrätlein hat zwei Sterne des Guide Michelin und ist bekannt für bodenständige, aber exquisite Küche. 

Okay, stop. Ehrlich? Ich hab keine Ahnung von dem Zeug. Ich bin Fan des fränkischen Schäuferla und das letzte Mal, dass ich ernsthaft anspruchsvoll gegessen habe war vor drei Jahren im Hotel beim Castlefest. Ich hatte vor diesem Essen tierische Angst, dass ich nicht edel genug gekleidet, nicht wissend genug oder sonstwas bin. Es stellte sich heraus, dass man in diesem Restaurant problemlos leger sitzen kann und trotzdem vorzüglich und freundlich behandelt wird. Ich habe mich drei Stunden lang unheimlich wohl gefühlt, was natürlich auch an der freundlichen Begleitung lag, die auch die folgenden Bilder geschossen hat. Also, dank an Victoria.

So, wir fangen mal an mit der Karte:

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Wie man sieht, ist die Karte eher einsilbig und wird definitiv der Anforderung gerecht, dass man immer nur auf die Karte schreiben sollte. was man auch anbietet. Ich habe dazu die Weinbegleitung gewählt und werde diese auch etwas mitbetrachten.

Wir ließen uns nieder und bekamen dann erst einmal drei Grüße aus der Küche:

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Alle drei basierten auf Gemüsesäften mit Ölen und kleinen Samen, wobei diese mild anfingen und die letzte Kombination mit Radieschen und Radieschensamen war echt absolut spannend. Alle wurden apart auf perfekt gekühlten Löffeln angerichtet und wir nahmen mal den Hausaperitif auf Hollunderbasis zu uns. Danach wurden wir mit tollem warmen Brot und grüner Bohnen Butter versorgt.  

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Dann kam auch schon der erste Gang. Mariniertes und eingelegtes Gemüse, begleitet von einem absolut spannenden Posip Majstor, der sehr mineraltisch und salzig schmeckte, aber sehr gut mit den eingelegten Gemüsen harmonisierte. Ich muss sagen, da war Sellerie dabei und den finde ich eher so doof. Hier war aber alles auf eine feine Art abgestimmt, dass es eigentlich primär zu schnell vorbei war. Dabei hatte ich auch immer ein Gefühl, dass das Gemüse der Star war. Ein Eindruck, der sich durch das Menü zieht, genauso wie bestimmte Geschmackseindrücke, die sich von diesem ersten Gang bis zu Dessert ziehen. Also, da hat mal jemand drüber nachgedacht.

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Bei Gang zwei kam ein butterzarter Saibling, um den Aubergine angerichtet war. Dazu gab es auch einen sehr gut passenden Weißwein, an den ich mich jetzt aber nicht besonders erinnere. Für mich war spannender, dass die Aubergine zum einen eine leichte Süße hatte und zum anderen nicht grausam fettig war. Da schmeckt dann auch mir Aubergine. Besonders war auch der Sauerampfer in diesem Gericht, der uns dann noch einmal in der Schokolade begegnet ist.

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Das nächste Gericht auf der Karte war Spargel. Begleitet von einem weiteren Weißwein, an den ich mich nicht wirklich erinnere, gab es drei Variationen. Unten links fing die Reise mit Zitronensaft an, dann ein Bett von Spargelasche und dann oben recht, Spargelmousse mit Bratensoße. Die Reihenfolge spielte wirklich eine Rolle und der Abschluss hat mich umgehauen. Hier gab es eine fantastische Zimt/Lebkuchennote, die meine Begleitung dazu brachte, mehrere Minuten Genussruhe zu verlangen.

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Und dann kam das Lamm und vor dem Lamm einer meiner Weine des Tages. Ich stehe tierisch auf torfig-rauchige Whiskys und dieser Ridge Geyserville aus Kalifornien war ein rauchiger Rotwein. Alter Falter! Und dann kam das angegrillte Lamm mit Lauch und passte perfekt zu diesem Wein. Dieses Lamm ist nicht umsonst gestorben.

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Dann gab es einen total frischen, aber trotzdem süßen Dessertwein mit dem das Hefeeis mit Rhabarber begleitet wurde. Ab spätestens hier wußte ich, warum Leute nach sowas nur noch heimgehen. Ich war leicht tüdelig, aber die Frische des Rhabarbers und das Hefeeis schlossen geschmacklich auch einen Bogen zum ersten Gang. Nach dem Nachtisch kam dann noch Schokolade:

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Die Himbeerschokolade war geil, aber die Schokolade mit dem Sauerampfermarzipan war noch genialer und schlug einen Bogen zum Saibling zurück. Absolut fantastisch. Dies war also die Erfahrung Essigbrätlein, die zur neuen Kategorie „Lukullisches“ führt. Erwartet also mehr… 

Hoffnungsvolles Reisen

Im kleinen, aber feinen Anti-Ratgeberbüchlein Anleitung zum Unglücklichsein von Paul Watzlawick gibt es ein Kapitel, das sich mit dem Ankommen beschäftigt. Im Tone des Büchleins warnt Watzlawick davor an irgendeinem Ziel im Leben anzukommen. Denn das Ankommen bedeutet zwar etwas erreicht zu haben, aber auch die Erkenntnis, dass man keinen Sinn und Zweck mehr hat, dem man folgt. Watzlawick zitiert hier George Bernard Shaw, der sich auf Oscar Wilde bezieht, wenn er eine Figur in seinem Wert Man and Superman sagen lässt, dass es zwei Tragödien im Leben gibt: die Nichterfüllung eines Herzenswunsches und dessen Nichterfüllung.

Natürlich sind wir enttäuscht, wenn sich unsere Wünsche nicht erfüllen, doch wir sind auch unglücklich, wenn wir sie erfüllt bekommen. Denn dann haben wir ja keinen Herzenswunsch mehr und egal welches Glück man beim Erfüllen des Wunsches empfinden, bald verschwindet diese Freude und wird durch den Tod der Gewohnheit ersetzt. Als ich meine Zulassungsarbeit für das Staatsexamen abgegeben und mit einer zwei bewertet bekommen habe, war ich sehr stolz und glücklich auf sie. Heute, knapp sieben Jahre später, kriege ich primär Augenrollen, wenn ich dieses Geschreibe lesen muss. Ich zeige das, auch regelmäßig mit einem leicht gequälten Gesichtsausdruck meinen Schülerinnen und Schülern als gutes Beispiel und bin doch selbst der Meinung, dass es heute für mich keine Leistung mehr ist. Unsere Ziele sind, wenn wir sie erreicht haben sehr schnell nur noch Grund für einen Kater und neue Ziele. ((Das ist einer der Gründe, warum es hier die Rubrik Projekte gibt… Damit ich Ziele habe, die ich erfüllen will und meinen Fortschritt sehe.))

Doch gibt es auch Herzenswünsche, die keine Ziele, sondern Zustände oder Prozesse sind. Hier bedeutet Ankommen dann meist auch noch, dass die Realisierung ansteht, dass das Ende an das man gekommen ist, gleichzeitig bedeutet, dass dieser Herzenswunsch an sich gescheitert ist. Sei es das erträumte Studium, der tolle Job bei der Traumfirma oder aber die romantische Beziehung, wenn man an deren Ende ankommt ((Und man wird. Selbst lange glückliche Ehen enden. Meist am Grab eines der beiden Partner.)), kann man auf einen glücklichen Prozess zurückblicken, ist aber nur traurig um das Ende und erlebt den Katzenjammer. Dieser ist umso größer je höher die Investition in diesen Prozess oder Zustand gewesen ist. Und nicht immer enden solche Prozesse und Zustände wirklich, sondern scheitern leise und laufen formal weiter, allein schon, weil die Beteiligten nicht möchten, dass sie scheitern. Deswegen werden untragbare Arbeitnehmer nur schwerfällig gefeuert, Teams langsam aufgelöst und tote Beziehungen zu Zombies.

Und von innen sagen die Beteiligten dann, dass noch Hoffnung haben, dass sie dem Arbeitnehmer noch vertrauen und dass die Tatsache, dass sie ihren Partner seit einem halben Jahr nicht gesehen haben nicht bedeutet, dass sich beide nicht himmelhoch lieben. Man reist also hoffnungsvoll weiter, obwohl die Endstation schon erreicht wurde und der Bus nun auf einen steilen Abgrund zurollt, auf den aufzuschlagen man sich hätte sparen können, wenn man an der Endstation ausgestiegen wäre. Aber dann ist die manchmal nicht gut beleuchtet oder man hat sich gerade umgedreht um die Kinder aufm Rücksitz zu versorgen, bevor der Partner einen verlässt oder man hat mit Gewalt die Augen zusammengekniffen, um das Wort „End“ nicht am Schild zu sehen.

Und so reist man hoffnungsvoll weiter, bis man nur noch zurückblicken und im Katzenjammer hoffen, dass man nicht so lange hoffnungsvoll gereist ist, dass die Gesamtstrecke aus mehr Selbsttäuschung als aus schöner Landschaft bestanden hat.

Gerechtigkeit, Fairness und Freiheit

Ich sah mich letztens den mündlichen Gruppenprüfungen gegenüber und diskutierte dann mit Isa darüber, inwiefern das Auslosen von Gruppen besser ist als die Entscheidung, wer mit wem in eine Gruppe gehen sollte. Während die eigene Entscheidung der Schülerinnen und Schüler mehr Freiheit bedeutet war ich der Meinung, das ein Los entscheiden soll, weil dies fairer ist. Im Laufe der ganzen Diskussion habe ich mir noch einmal Gedanken über die zentralen Konzepte und deren Eigenschaften und Wertigkeit gemacht.

Freiheit

Freiheit wird gerne als ein grundlegendes menschliches Recht dargestellt, dabei ist Freiheit ein sehr zweischneidiges Schwert. Natürlich möchten möglichst viele Menschen möglichst frei entscheiden können, was sie tun, was sie betrifft und wie sie ihr Leben gestalten. Doch Freiheit an sich ist erst einmal komplett amoralisch. In einer sozialen Gruppe Freiheit als Hauptwert anzunehmen bedeutet die  totale Auflösung dieser Gemeinschaft, denn die Freiheit des Individuums endet an der eines anderen. Wenn immer davon geredet wird, dass unsere Freiheit beschützt werden muss, in dem mehr Regeln für das Gemeinwesen eingeführt werden, dann ist die Freiheit als Wert schon tot. Sie ist an sich wertvoll, zählt sie doch zu den menschlichen Grundbedürfnissen, aber als hauptsächlicher Wert eines Gemeinwesens ist sie schwierig, denn Menschen sind nicht gleich und ihre Fertigkeiten und Fähigkeiten sind nicht gleich verteilt. Das bedeutet dann, dass größtmögliche Freiheit automatisch auch keinerlei Gleichheit garantiert und das könnte für den sozialen Frieden problematisch sein. Also braucht es auch noch andere Prinzipien.

Gerechtigkeit

Gerechtigkeit schein da das erste Prinzip zu sein, dass vielen Menschen zuerst einfällt um zu entscheiden, wieviel Freiheit wir zulassen. Es ist auch das Wort, das sofort im Mund geführt wird, wenn es um Strafverfahren und Bestrafung anderer und der Nicht-Bestrafung von einem selbst geht. Gerechtigkeit ist eine sehr persönliche Sache. Sie hängt direkt mit unseren persönlichen Einstellungen zur Welt zusammen. Wir empfinden Gerechtigkeit unterschiedlich und halten sie gerne für absolut, aber das stimmt nicht. Schon Aristoteles unterschied verschiedene Arten von Gerechtigkeit, die davon abhängen, ob man eine soziale Hierarchie annimmt oder nicht. Allein die Wikipedia hat zum Thema Gerechtigkeit eine lange Liste von verschiedenen Auffassungen was Gerechtigkeit ist. Das Problem ist also, dass Gerechtigkeit nicht wirklich definiert ist und damit natürlich auch schwierig als ein verpflichtendes Kriterium für die Erlangung sozialen Friedens und größtmöglicher Freiheit gesehen werden kann. Denn diejenigen, die Vorteile von viel Freiheit haben finden das viel gerechter als diejenigen die Vorteile von weniger Freiheit haben und andersherum. Gerechtigkeit existiert also nicht, wir bilden uns nur ein, dass die Welt gerecht ist, solange wir nicht negativ betroffen sind. Trotzdem müssen wir versuchen einen Modus zu finden, wie man Ungleichheiten zwischen Menschen ausgleicht.

Fairness

Auf die Frage, wie man Ungleichheiten ausgleicht, haben verschiedene Philosophien unterschiedliche Antworten. Die links-marxistische Antwort besteht darin, dass die Gesellschaft an sich zu einer mit mehr Gleichheit umgeformt wird und Ungleichheiten aktiv ausgeglichen werden. Das führt leider am Ende zu Oppression, denn Menschen sind inherent ungleich. Die konservative-rechte Meinung ist, dass das mit der Ungleichheit gut so ist, weil das zeigt wer die besseren Menschen sind. Die liberale Seite stellt sich auf eine mehr oder minder radikale Position von Chancengleichheit. Nach ihr sollen diejenigen, die gute Fähigkeiten besitzen möglichst weit kommen. Was mit denen wird, die nicht so viel Glück haben, steht auf einem anderen Blatt und hier muss die Gesellschaft im Bildungssystem und der Sozialstaat dafür sorgen, dass es einen Ausgleich gibt und dieser ist am Besten mit Wort Fairness  umschrieben. Ungleichheiten sind für Menschen erträglich, solange sie das Gefühl haben, dass sie grundlegend gleich also fair behandelt werden. Das kann man am einfachsten erreichen in dem man es halt einfach tut und das bedeutet zumeist klare sachbezogene Kriterien zu generieren und anzulegen und zufallsgenerierte Auswahlen zu bevorzugen. Denn nur, wenn niemand einen nachvollziehbaren Vor- oder Nachteil hat, und eine Entscheidung transparent ist, wird sie akzeptiert. Dann sieht sie der oder die Einzelne immer noch nicht als gerecht und es kann immer noch die Freiheit einschränken, aber es führt am Ende zu einem Konsens in dem man leben kann.

Wir erleben unsere Welt zu oft als ungerecht und wir erleben, dass wir in unserer natürlichen Freiheit eingeschränkt werden. Das ist der Hauptgrund, warum wir eine soziale Institution von Fairness haben müssen. Die Welt ist an sich unfair, also sollten wir wenigstens manchmal dafür sorgen, dass sie es sein kann.

Don’t Bullshit Me!

Willkommen zu einer seltenen Episode aus dem Bereich angry rants. Es geht um etwas, das mir im beruflichen, wie persönlichen Alltag gerne mal begegnet und das mich auf die Palme bekommen kann. Es ist eine seltene Gelegenheit, dass das passiert, aber mit der folgenden Technik, ist ein Mindesterfolg garantiert. ((Bitte probiert es nicht aus. Ich bin gut darin euch einfach zu blocken, löschen oder ähnliches.))

Es geht um Bullshitting. Einfach mal Scheiße labern, obwohl man keine Ahnung hat, oder die eigene verzerrte Wahrnehmung einfach mal als gegeben hinnehmen. Meist wird das schlampig ausgeführt und hat vor allem die anmaßende Grundidee, dass man selbst etwas besser versteht, als man es tut. In der Schule begegnet einem das als Lehrer ja ständig. Da stellen sich Schüler hin und labern mal was zusammen, und fragen sich, warum die Leute mit der Kompetenz sie dann auflaufen lassen. Aber auch im privaten Bereich ist das eigentlich unerträglich, Unwissen ist vollkommen okay, wenn auch nicht zwingend sozial anerkannt, ((Das ist übrigens eine Krankheit, dieser Gesellschaft, die Rationalität zu einer Religion gemacht hat. Wenn alles Rationale automatisch gut ist, dann darf man nie unwissend sein. Und das ist in einer immer komplexeren Welt eigentlich unmöglich.)) es wird nur kritisch, wenn man seine komplette Kompetenz auf Bullshitting aufbaut. Dann wird man entweder krimineller Bankmanager oder Straßensänger. ((Ich entschuldige mich bei den Straßenmusikern schon einmal für diesen Vergleich…))

Doch, was noch schäbiger ist, wenn Bullshitting verwendet wird, um soziale Interaktion zu manipulieren und zu steuern. Es wird also Bullshit erzählt unter der Annahme, dass sich dann soziale Beziehungen und Interaktionen weiterhin so verhalten, wie man das möchte. Dann wird halt auch einfach mal was dahingequatscht. Nur hier meist mit emotionalisierten Untertönen, die die Beziehungsebene betonen um die Tatsache, dass auf der Objektebene ein Missverhalten stattgefunden hat. Des Weiteren wird gerne etwas behauptet, dass auf der Objektebene nicht überprüfbar ist. Ich habe schon mehrere Menschen erlebt, die mir erzählt haben, wie sehr sie mich lieben, mögen, schätzen, sonstwas, die dann primär ihre eigene Weltsicht im Sinn hatten und mich ausnutzen oder manipulieren wollten. ((Meine Damen und Herren, DIES ist keine Beziehung. Eine Beziehung ist ein Ort der Aushandlung und des Konseses, aber nicht ein Ort von Machtausübung.)) Sei es um eine zerüttete Beziehung am Leben zu erhalten oder nur den Hals aus der Schlinge ziehen zu wollen, weil man beim Bruch des Konsenses erwischt wurde, es wird halt lieber gebullshittet, wenn schlichtes Lügen oder Unterschlagen nicht reicht.

Da wird dann die empfangende Person schnell zum Opfer der eigenen Wünsche und Vorstellungen, anstatt dem Bullshitter mit möglichst stahlarmierten Stiefeln in den eigennützigen Arsch zu treten. Man bekommt nur Scheiß erzählt, damit man nicht merkt, dass die Person gegenüber einem nicht einmal genug Wert zuweist, dass sie einen Fehler eingesteht oder zumindest versucht den Vertrauensverlust auszugleichen. Aber das Schöne ist ja, dass man ihr glauben will, weil man den Bullshit lieber glaubt als die traurige Wahrheit, die im Zweifel weh tun kann. Und so kommen die Flachpfeifen und Arschlöcher mit ihrem nicht einmal anständig zusammengelogenen Bullshit durch und man selbst fühlt sich danach noch schlechter.

Wenn ihr also merkt, dass nichts von dem, was jemand erzählt auch nur im geringsten was mit den Fakten zu tun hat und nur den Zweck hat euch in eine Position zu manipulieren in der ihr eure eigene Anliegen für deren Willen liegen lasst, dann nehmt die stahlarmierten Stiefel und tretet ihnen in den Arsch. Denn mehr haben Bullshitter nicht verdient.