Archiv der Kategorie: Gesellschaft

Über Teams und Kollektive

Was ist eigentlich ein gutes Team? Je nach philosophischer Ausrichtung ist die Antwort auf diese Frage sehr unterschiedlich. Eine Antwort, die ich letztens bekommen habe ist aus der holistischen Fraktion. Da heißt Team eigentlich nur, dass man gut zusammenarbeitet. Das Ziel ist festgelegt, man arbeitet gemeinsam darauf hin. Alles ist schön. Man versteht und unterstützt sich, alles ist gut.

Diese Art von Team kann man auch als Kollektiv begreifen. Das Wort ist etwas verbrannt, weil es auch in den sozialistischen Staaten des 20. Jahrhunderts für die Gruppe der Allgemeinheit benutzt wurde. In der DDR war jeder Betrieb ein Kollektiv. Man arbeitete gemeinsam auf die Planerfüllung hin und soll diese aber nicht hinterfragen. Denn das Kollektiv hat vorher eine Entscheidung getroffen und geht jetzt diesen Weg.

Diese Idee scheint gut zum monolithischen Charakter der DDR zu passen, doch heute wo alles irgendwie agile ist, scheint es bessere Wege zu geben. Im Zuge der Postmoderne wurde die Idee des Kollektivs durch die Idee des Individuums nahezu verdrängt. Man ist heutzutage ich-zentriert und damit ist auch schwer zu vermitteln, dass man sich einer festen Struktur, der das angebliche WIr entgegenstrebt unterordnen muss. Es muss in einem modernen Team jedem Mitglied klar gemacht werden, dass es in dessen Interesse ist, auf das Ziel zuzuarbeiten. Eine a-priori Setzung von im Zweifel engen Zielen ohne demokratischen Abgleich ist, wenn man die größtmögliche Unterstützung haben möchte, nicht mehr zielführend. Stattdessen sind breite Ziele und Mitbestimmung der Weg um zu einem Gruppenerfolg zu gelangen.

Breite Ziele und Mitbestimmung sind dann aber auch genau das Problem, das es bei diesen Prozessen zu managen gilt und dessen Management zu oft noch mit Autokratie versucht wird zu erschlagen anstatt durch Kommunikation zu lösen. Kommunikation bedeutet hierbei auch, dass die Projektführung eine oppositionelle Meinung versucht zu integrieren und nicht einfach Akkomodation oder gar Assimilation des Oppositionellen verlangt. Das kann am Ende dazu führen, dass sich die Gruppenziele ändern. Der Oppositionelle ist dabei nicht per se teamunfähig, sondern weißt mit seiner Anwesenheit auf das strukturelle Problem der Gestaltung eines Teams als Kollektiv hin: um erfolgreich arbeiten zu können muss das Ziel der Arbeit auch immer zur Debatte stehen. Denn nur dann kann man Pyrrhussiege oder komplette Debakel vermeiden. Die Systemfrage muss immer stellbar sein und befriedigend beantwortet werden können, sonst hat sich das Team mitsamt seiner Aufgabe als soziales Konstrukt überlebt.

Diese Idee des Hinterfragens ist übrigens nicht neu. Schon in den polytheistischen Religionen finden sich Trickstergottheiten, deren Aufgabe die Bildung durch Hinterfragen und Karikieren war. Die Aufgabe, meist übernommen durch Schmanenen und ähnliche soziale Sonderrollen, war hier immer, den status quo zu hinterfragen und damit die Leitenden und Führenden ehrlich gegenüber ihren Zielen und Aufgaben zu halten. Für einen guten Plan war es immer auch wichtig jemanden zu haben, der die Löcher in ihm findet. Der Narr war frei zu sprechen, damit er einen davon abhielt zu scheinheilig zu sein.

Immunisiert man aber die Ziele einer Gruppe von der Kritik der Beteiligten, dann erwartet man schlicht dumpfe Loyalität für ein Ziel, das im Zweifel nicht jedes Mitglied der Gruppe teilt und schafft sich damit auch das Problem an, dass diejenigen, die man auf ein Ziel angesetzt hat nicht zurückmelden können, wenn dieses Ziel seinen Zweck verfehlt. Das Ziel ist nämlich sakrosant und der Kritiker daran stellt nicht nur das Ziel sondern das System in Frage und das kann ein starres System nicht zulassen, da solche Angriffe seine Existenz direkt bedrohen.

Aus einer wirtschaftlichen Perspektive ist so ein Vorgehen höchst unklug, da man zwar eine Investition tätigt, aber sich vor jeder Überprüfung des Sinns dieser Investition immunisiert. Den etwaigen Verlust hat man dann zwar nicht gegenüber sich selbst zu verantworten, aber man hat auch alle Möglichkeiten aufgegeben genau diesen Verlust abzuwenden. So wird aus einem Team eine Schicksalsgemeinschaft, die dann am Ende auch nur noch dem Schicksal ausgeliefert ist.

Es ist also wichtig, dass in einem Team immer auch das Ziel zur Disposition steht, da man ansonsten weder mit einer vollständigen Mitarbeit der Mitglieder noch einer Anpassung des Zieles an eine sich ändernde Realität rechnen kann.

Machen wir 2015 zum Jahr der Empathie!

Ich habe vor ein paar Tagen mit Holgi über das Phänomen PEGIDA geredet. Im Nachgang und vor allem im Lesen des einen oder anderen Kommentars fiel mir auf, dass das grundlegende Problem Empathie zu sein scheint. Empathie nicht nur für diejenigen gegen die PEGIDA demonstrieren sondern auch diejenigen, die da als PEGIDA demonstrieren. Im Zentrum des ganzen Problems steht das Missverstehen der Protestierenden für die Fremden und das Missverstehen der Gesellschaft für den Protest und die Sorgen, die da verbalisiert werden.

Soundso muss man sagen, dass Empathie an vielen Stellen in diesem vergangenen Jahr 2014 eine vermisste Eigenschaft und Einstellung war. Der Netzfeminismus kippte durch mangelnde Empathie jeder Seite in ein verlorenes Thema. Das Wort Putinversteher wurde zum Schimpfwort für Menschen, die eine zweite Sichtweise zur sozial erwünschten Meinung gegenüber Russland einnehmen. Armut als Schicksal empfängt bis heute keine Empathie, genausowenig wie die Flüchtlinge aus Bürgerkriegen und anderen Nöten in Afrika, die auf rostigen Kübeln übers Mittelmeer tuckern und dabei fast ertrinken. Aber selbst an den kleinen Stellen fehlt die Empathie, unter meinen Schülern, unter vielen Mitmenschen, es wird wenig daran gedacht, wie der andere denkt, es wird die eigene Weltsicht als absolut hingenommen. Meinungen können sich unterscheiden, aber man sollte in der Lage sein, die Meinung des anderen nachvollziehen zu können. Das fehlte immer wieder stark.

Deswegen rufe ich jetzt hier auf meiner persönlichen Bierkiste dazu auf, dass 2015 das Jahr der Empathie werden soll. Und das ist auch ganz einfach. Egal wie sehr man die Position der anderen Person ablehnt, versucht zu verstehen woher sie kommt. Denn dann kann man zum einen miteinander in Diskurs treten und zum anderen auch erfahren, inwiefern man wirklich allein steht mit seiner Weltsicht und welche strukturellen Probleme hinter den Aussagen des Gegenübers steht. Also lasst uns versuchen 2015 zum Jahr der Empathie zu machen. Das macht das Anpacken vieler Probleme erst möglich.

Von Molchen und Lurchen…

Die Behandlung der Menschen als Molche und Lurche führt dazu, daß sie sich wie Molche und Lurche verhalten. (Th. W. Adorno)

Es gibt ein Phänomen, das mir immer wieder und immer häufiger im Schulalltag begegnet. Es gibt junge Menschen, die da vor einem sitzen und nicht in der Lage sind eigenständig Entscheidungen zu treffen oder aber eigenständig zu handeln. Nun könnte man sagen, dass das damit zusammenhängt, dass die jungen Leute von heute halt keine Interessen mehr haben und soundso total verblödet sind. Das ist aber nicht der Fall. Intelligenz ist generell gaußverteilt und damit sind die meisten Leute auch schlau genug abwägende Entscheidungen zu treffen und eigenständig zu handeln. Die Frage ist also, warum es die Menschen, die sich im Schulsystem befinden nicht tun.

Mangelndes Wissen

Gut, das sollte bei Schülerinnen und Schülern eigentlich keine überraschen und es ist auch kein Problem, wenn die Kinder irgendwie zehn oder auch fünfzehn Jahre alt sind und am Anfang oder auch in der Mitte ihrer Schulerfahrung stehen. Kritisch wird es wenn die Schülerinnen und Schüler nahezu oder schon erwachsen sind. Dann muss man sich die Frage stellen, warum am Ende der Schullaufbahn so wenig Wissen über die Welt hat, dass einem die meisten Konzepte fremd sind. Eigentlich sollte da ja erwartet werden, dass die Leute zum einen umfangreiches Wissen durch Schule und auch Lebenserfahrung durch, nunja, Leben erworben haben.

Ich habe ehrlich gesagt keine belastbare Ahnung, woher dieses Phänomen kommt, aber ich habe ein paar Hinweise entdeckt, die mir plausibel erscheinen. Zum ersten ist Wissen an sich in der Schule eine Massenware, die zu behalten a) schwierig ist und b) strukturell nicht forciert wird. Stattdessen wird das schnelle Auswändiglernen und Wiedergeben belohnt und es wird da auch gern leicht gemacht in dem die Strukturen der Leistungstests vom auswändiggelernten Inhalt meist nicht unterschiedlich sind und keine praxisorientierten Kriterien entsprechen. Ein Beispiel hier wäre das Abfragen von Vokabeln deutsch-englisch nach Listen. Ein Lückentext mit dem Kontextualisierung geübt werden muss ist sinnvoller. Zum zweiten nimmt Schule einen sehr großen Teil des Lebens von Schülerinnen und Schülern ein, ist aber gleichzeitig nicht relevant für die Realität in der sich die Kinder und Jugendlichen befinden. Soziale und technische Neuerungen erreichen die Schule meist mit mindestens zehn bis zwanzig Jahren Verzögerung und Lehrerpläne sowie Schulstrukturen halten nicht dazu an relevante aktuelle Themen und Denkweisen in den Unterricht einfließen zu lassen. Moderne Einflüsse sind das Vorrecht der jungen Lehrergeneration und die wird dafür auch gerne mal belächelt.

Erlernte Hilflosigkeit und Angst

Ein anderes Phänomen findet sich ziemlich nachweisbar. Schülerinnen und Schüler geben ungern Meinungen von sich, da sie glauben, dass die Lehrkraft sie für diese Meinungen bestraft, wenn sie nicht der Meinung der Lehrkraft sind. Dazu fehlt auch, dass da auch das Hintergrundwissen über die Gesellschaft und die Welt fehlen. Also genau das, was man den jungen Menschen beibringen möchte, ist nicht vorhanden und man es zur Basis für einen Test macht, dann sind die Schülerinnen und Schüler aufgeschmissen, weil Wissen schlecht verankert ist und Weltwissen eigentlich nicht stattfindet. Das schafft natürlich Angst, zum einen ist eine Meinung schwer zu bepunkten und damit für den notenorientierten Menschen in der Schule ein Horror, zum anderen benötigt sie eine hohe kognitive Leistung, die normalerweise gar nicht gefordert wird. Da reicht das Auswendiglernen von Inhalten aus. Das kann dann auch gleich anständig vergessen werden. Dementsprechend ist die Hilflosigkeit der Schülerinnen und Schüler groß. Doch sie wird eigentlich nur in den Strukturen der Schulen so erlernt. Es wird mit bester operanter Konditionierung dafür gesorgt, dass eigenständiges Mitdenken kaum eine Rolle spielt. ((Wer jetzt glaubt, dass das an Gymnasien sicher besser ist als an Hauptschulen, hat nur teilweise recht. Es ist besser, aber nicht so sehr wie man sich das denkt.))

Aus den Strukturen des Lernens an Schulen entsteht also erlernte Hilflosigkeit und (Existenz-)ängste, die aus Menschen, die alle Möglichkeiten ihrer Entwicklung erst einmal haben, willfährige Ausführungsroboter, die weder für eine komplexe moderne Welt noch die, darunter liegenden, Anforderungen der Wirtschaft geeignet und generell keine Menschen, die diese Gesellschaft weiter bringen. Dafür aber Leute, die sich scheuen Entscheidungen zu treffen und die es nicht gewohnt sind, diese Entscheidungen auch zu begründen. Dazu werden sie nicht nur nicht gebracht, es wird ihnen sogar aktiv abgewöhnt. Die hierarchische Struktur der Schule führt eben dazu, dass das was die moderne Wirtschaft möchte und ein demokratischer Staat dringend braucht: offene, flexible und entscheidungsfreudige Menschen, eben nicht durch Schule geschaffen, sondern verhindert werden.

Kommunikationsproblematiken

Ich möchte mich mal etwas darüber auslassen, wie Kommunikation in öffentlichen Organisationen so funktioniert, und was man, theoretisch, beachten sollte, wenn man das irgendwie mit Software lösen möchte. Wie immer, keine neuen Erkenntnisse, aber diese vielleicht mal konzise aufgeschrieben.

Kommunikationsformen

Doch wie wird primär kommuniziert heute? Natürlich immer noch face-to-face und das mehr als die Jugend sich so ausdenken kann. Schließlich gibt es ganze Teile der Gesellschaft, die digitalagnostisch sind. Doch für die Teile, die es nicht sind hat sich viel geändert. Es wird mehr geschrieben als geredet und das nicht nur auf Social Networks oder Blogs (qed!), sondern auch in SMS und Messengerservices. Klassische Bilder sind junge Menschen, die im Café gegenüber sitzen und in ihre Telefone starren und sich Nachrichten schicken oder das Pärchen, das sich per SMS auf der Couch streitet. Non-verbale Kommunikation hat zugenommen, sei es Email, Chat oder Microblogging. Die Erklärung hierfür ist zweiseitig: zum Einen kann sie asynchron stattfinden. Man muss nicht mehr zeitgleich mit einer anderen Person an einem Gerät oder an einem Ort sein um kommunizieren zu können. Zum Anderen ist textbasierte Kommunikation viel ambivalenter weil viele der Heuristiken, die Menschen zum Deuten von Aussagen des Gegenübers verwenden, nicht auf Text anwendbar sind. Deswegen gibt es Emoticons und deswegen kann man mit Emoticons so schön lügen.

Die Tatsache, dass wichtige Kommunikation immer mehr nicht direkt stattfindet, kann damit zusammenhängen, dass man direkte Konsequenzen fürchtet und dass man sich mehr traut, wenn die andere Person nicht im Raum ist. Dazu kommt die Bequemlichkeit aus jeder Situation und aus der Entfernung kommunizieren zu können. Es verbindet die Unverbindlichkeit des Indirekten mit der Bequemlichkeit der zeitlichen und örtlichen Unabhängigkeit.

Synchronizität

Diese Unabhängigkeit führt zu einem weiteren Phänomen, dass moderne Kommunikation schwierig machen kann. Die verbale Kommunikation egal ob face-to-face oder Telefon ist immer synchron, die textbasierte muss es nicht sein. Hier hat man die Wahl von synchronen und asynchronen Modi. Während IRC und klassischer Chat synchron ist, ist E-mail asynchron. Chatnachrichten können nur gelesen werden, wenn man da ist und verlieren mit verstrichener Zeit an Relevanz. Ähnlich verhält es sich mit Tweets, die zwar nachgeschlagen werden können, aber schon nach kurzer Zeit kaum noch eine Antwort wert sind. ((Insbesondere, wenn man bedenkt, dass viele Leute unfähig sind eine Diskussionsansicht zu benutzen.)) E-mail und auch die Postingnetzwerke wie Facebook sind allerdings asynchron. Eine Nachricht wird platziert, ist persistent und kann, sofern sie einem überhaupt angezeigt wird, auch mit Verzögerung beantwortet werden. Diskussionen spannen sich damit über mehrere Tage, solange die Leute das Posting finden. Das hat auch alles seine Verfallsdauer, aber man bekommt tatsächlich mit einem Jahr Abstand auch noch Antworten auf ein Posting.

Spannend sind hier Kommunikationsmethoden die technisch asynchron sind, aber sehr oft als synchron betrachtet werden. Der Klassiker ist SMS, aber natürlich sind es heute SMS-like Messenger wie iMessage, WhatsApp oder Threema, die natürlich Nachrichten vorhalten, aber von den Benutzern meist so benutzt werden, als würden sie eine sofortige Antwort benötigen. Man lässt sich also gerne in eine synchrone Unterhaltung hineinziehen, obwohl es technisch eine asynchrone Unterhaltung ist.

Es schleichen sich aber auch andere Einstellungen zu Kommunikation ein, die von diesen technischen Bedingungen informiert sind. Zum einen gilt synchrone und direkte Kommunikation als immer übergriffiger, zum anderen ist asynchrone Kommunikation immer vorhanden. Da man davon ausgehen kann, dass die Person gegenüber die Nachricht nicht sofort bekommt ((Okay, kann man? Heutzutage bekommt der Gegenüber die Nachricht sofort, aber es wird eben nicht erwartet, dass er antwortet, weil die Nachricht eben vorgehalten wird.)) oder nicht sofort antwortet, lässt einen freier Nachrichten versenden, aber bedeutet auch, dass es keinen Moment mehr gibt in dem man eben nicht mehr kommunizieren kann. Das ist allerdings nur die eine Seite des Problems.

Push vs. Pull Kommunikation

Die andere Seite ist, dass es nicht nur wichtig ist, ob man zeitgleich dasselbe Medium benutzt, sondern auch wie einen Nachrichten aus diesem Medium erreichen. Denn asynchrone Nachrichten werden nahezu synchron wahrgenommen, wenn sie einem per Push dargereicht werden. Push bedeutet hier, dass ich Nachrichten, die wichtig sind ((Oder die Facebook und Co. für wichtig für mich halten…)) automatisch bekomme. Ich hole, also pulle, die Nachrichten bei meinem Emailserver oder sonstwo selbst. Doch was bedeutet das für unsere Kommunikation?

Push scheint ja das Allheilmittel zu sein. Und natürlich hilft die Technologie dabei die eigene Informationsflut zu managen in dem man sich genau aussucht, was denn nun gepusht werden soll. Tut man das nicht, also hat man eben keine technische Medienkompetenz , dann macht Push einen zum Opfer der eigenen Informationssucht. Man wird großflächig genervt und von Nachrichten eingedeckt, von denen man wohl einen Großteil gar nicht empfangen wollte. Weswegen Pull seine Berechtigung hat. Man kann sich hier aussuchen, wann man Nachrichten empfängt und wann nicht und aus welchen Quellen. Auf der anderen Seite ist Pull sinnlos und sogar eine Belastung, wenn es um wichtige Informationen geht, die man zeitkritisch und direkt erfahren will. Gerade im Berufsalltag möchte man Systeme, die verlässlich Informationen verbreiten und zustellen anstatt die zweifelhafte Freude immer wieder auf Verdacht auf Internetseiten oder ähnliches zu blicken. Während Push Stress bedeutet, weil man mit Informationen zu sehr eingedeckt wird, ist Pull stressig, weil man eben gar nicht weiß, dass es eine wichtige Nachricht gibt. ((Die Lösung ist einfach: wenn man mir es nicht pusht, war es anscheinend nicht wichtig.))

Auswirkungen auf die Kommunikationskultur

Bisher war das ja alles mehr so geschichtlich oder technisch, aber diese ganzen Features haben natürlich einen großen Einfluss darauf, wie wir heutzutage kommunizieren. Zum einen gibt es die offensichtliche Botschaft: es wird weitaus mehr kommuniziert und davon weitaus mehr digital mit textbasierten Medien. Diese dringen durch Asynchronizität und Push immer mehr in unser Leben ein. Dafür haben wir immer mehr Kontrolle darüber, wie wir Informationen konsumieren und wie wir kommunizieren. Diese Kontrolle wird aber besonders von Menschen mit niedriger Medienkompetenz nicht wahrgenommen, so dass man Kommunikation entweder nicht wahrnehmen oder nicht entkommen kann.

AfD übersetzen – Das Kurzwahlprogramm zur Bundestagswahl 2013 (5)

Letzte Runde.

Bildung

Wir fordern bundesweit einheitliche Bildungsstandards orientiert an den besten Schulsystemen Deutschlands.

Die Forderung an sich ist nicht neu und durchaus anerkannt. Das dezentrale Bildungssystem in Deutschland ist ein Problem. Doch der Nachsatz mit den „besten Bildungssystemen“ ist spannend, denn das sind die aus den südlichen Bundesländern und diese sind vor allem für eine starke soziale Selektion und konservative Ausrichtung bekannt.

Wir fordern, Bildung als Kernaufgabe der Familie zu fördern. Kitas und Schulen müssen dies sinnvoll ergänzen. Nichts ist für unsere Zukunft wichtiger als die Bildung unserer Kinder.

Das ist dann der konservative Wunsch, dass die Familie nicht durch Schule und Kindertagesstätten ersetzt werden soll. Das Problem hier ist, dass dieselbe wirtschaftsliberale Politik, die die AfD propagiert auch dazu führt, dass viele Familien zwei Einkommen in Vollzeit haben und davon nicht überleben können. Dann soll am besten die Mutter daheim bleiben und Brötchen schmieren. Die Bildungsunterschiede in unserer Gesellschaft lassen sich auf die sozialen Unterschiede der Familien zurückführen. Es würde also den Aufstieg von geeigneten Menschen aus den unteren Schichten behindern. Es scheint also gar nicht um die Bildung aller Kinder, sondern nur derer als ordentlichen Familien zu gehen.

In erster Linie sind die Eltern für die Bildung und Erziehung ihrer Kinder verantwortlich. Der Staat muss ihnen dabei helfen, diese Aufgabe zu erfüllen. Frühkindliche Bildungsangebote sol- len unabhängig vom Familienhintergrund verfügbar sein.

Die Struktur mit dem Nachsatz kennt man auch von der NPD. Hier wird meist ein Feigenblatt versteckt, also eine Abmilderung versucht. Spannend ist, dass alle anderen Bildungsangebote durchaus vom Familienhintergrund verfügbar sein können. Also bitte keine Arbeiterkinder am Gymnasium. Die Eltern sind immer noch verantwortlich und dumme Kinder bedeutet verantwortungslose Eltern. Der Staat soll Ungleichheiten eben nicht ausgleichen, sondern die Eltern nur unterstützen.

Spannend ist hier, dass diese Argumentation zum einen Artikel 7 des Grundgesetzes unterminiert, weil sie implizit Heimunterricht rechtfertigt und damit Evangelikalen und anderen Spinnern diese Tür öffnet, und zum anderen die Arbeit von Laien an Kindern als wichtiger heraushebt als die von Fachkräften.

Wir fordern ein qualitativ hochwertiges Universitätssystem, das den Studenten angemessene Betreuungs- und Fördermöglichkeiten bietet. Auch eine Rückkehr zu bewährten Diplom- und Staatsexamensstudiengängen muss möglich sein.

Da steht nicht dabei, dass das Universitätssystem für jeden ist und hochwertige Systeme muss man am Ende durch Studiengebühren bezahlen. Exzellenz und so. Das Diplom und Staatsexamen sind der wunde Punkt alter Akademiker. Bologna war Blödsinn und stinkt, aber das heißt nicht, dass die ursprüngliche Idee eines europäischen Universitätssystems mit einer vergleichbaren Basis dumm ist. Hier wird Vergangenheitsverklärung mit aktuellen Schmerzen und Europafeindlichkeit verbunden. Und viele Menschen werden hier aus einem Grund nicken, ohne zu wissen, dass sie auch zu den anderen Aussagen nicken.

Energiepolitik
Wir fordern ein nachhaltiges Energiekonzept für bezahlbare Energie. Es ist unzumutbar, dass die Bevölkerung mit drastisch steigenden Preisen für die kopf- und konzeptionslose Politik der Bundesregierung büßen muss.

Wenn wir die Energie verstaatlichen würden, wäre sie billiger. Das möchte die AfD nicht. Diese Aussage ist reiner Populismus und öffnet allen Möglichkeiten von erneuerbaren Energien bis zu Kernspaltung oder Braunkohle. Es geht nur um den Preis für den Bürger, nicht langfristigeren Wirkungen. Politik sollte eine größere Vision haben als die niederen Instinkte der Bürger zu befriedigen.

Wir fordern eine Reform des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG). Es ist unsozial, Subventio- nen für Sonnen- und Windenergie durch die Strompreise zu finanzieren.

„Wir fordern eine Abschaffung des EEG, weil wir der Meinung sind, dass gesellschaftlicher Fortschritt nicht von der Gesellschaft bezahlt werden sollte und wir verstecken uns für diese Aussage in einer unpassenden Marktanalogie.“

Wir fordern, dass Subventionen für erneuerbare Energien stattdessen aus dem allgemeinen Steueraufkommen finanziert werden. Es muss offengelegt werden, welche Energieart wie stark
subventioniert wird.

„Und wenn wir die Steuern dafür heben müssten haben wir ein gutes Argument wieder die Atomkraft mit dem Argument einzuführen, dass sie billiger sei und wir ja nicht in den Markt eingreifen dürfen. Dann werden wir argumentieren, dass gesellschaftlicher Fortschritt im Sinne erneuerbarer Energien zuviele Subventionen kostet und es geht zurück zu Energien, bei denen nach uns die Sintflut kommen kann.“

Integrationspolitik

Wir fordern eine Neuordnung des Einwanderungsrechts. Deutschland braucht qualifizierte und integrationswillige Zuwanderung.

„Wir fordern nur noch Menschen einwandern zu lassen, die fließend hochdeutsch reden und schon Schweinebraten essen, bevor sie da sind. Eine Konvertierung zum Christentum ist wünschenswert, aber wenn das mit dem Schweinebraten klappt und die weniger Geld wollen als unsere Arbeiter bei gleicher Bildung, nehmen wir sie gern. Außer sie sind Fußballer, dann fällt das mit dem deutsch weg. Artikel 16a Grundgesetz existiert nicht, wenn die nicht Fußball spielen können, brauchen sie auch kein Asyl. Und soundso brauchen wir keine Ausländer, weil wir Deutschen sind eh die besseren Menschen.“

Wir fordern ein Einwanderungsgesetz nach kanadischem Vorbild. Eine ungeordnete Zuwande- rung in unsere Sozialsysteme muss unbedingt unterbunden werden.

„Die Kanadier haben ihre Fremdenfeindlichkeit hinter einem Punktesystem versteckt und das könnten wir ja auch machen.“

Ernsthaft politisch Verfolgte müssen in Deutschland Asyl finden können. Zu einer menschenwürdigen Behandlung gehört auch, dass Asylbewerber hier arbeiten können.

„Und da kaum jemand eine ernsthafte politische Verfolgung nachweisen kann, schmeißen wir die ganzen Schmarotzer wieder raus. Wenn es doch mal jemand schafft, dann darf er unsere Straße kehren anstatt einfach nur versorgt zu werden.“ Es gibt von mir einen Perfidiebonuspunkt für den Konjunktiv im ersten Satz. Es ist schon toll, wie man Fremdenfeindlichkeit so formulieren kann, als hätte man nur deren Bestes im Sinn.

AfD übersetzen – Das Kurzwahlprogramm zur Bundestagswahl 2013 (4)

So. Weiter geht es.

Staatsfinanzen und Steuern

Wir fordern, die Schuldenbremse zu achten und die Schuldenberge abzubauen. Auch Deutsch- land hat viel mehr Schulden als zulässig.

Also das ist natürlich so eine Hülse, die auch von anderen Parteien herbeigeredet wird. Es wird nicht deutlich, warum eigentlich Staatsschulden etwas schlimmes sind, jenseits dessen, dass wir unsere Währung nicht austauschen können und sie im Zweifel nicht los werden. Die Aufgabe des Staates ist ja nicht eine gute Bilanz zu haben, sondern das Gemeinwesen zu stützen.

Wir fordern, dass die Haftungsrisiken aus der Euro-Rettungspolitik endlich in der Finanzplanung berücksichtigt werden. Derzeit wird den Bürgern bewusst Sand in die Augen gestreut.

Der zweite Satz ist reine wissende Demagogik. Die AfD weiß, dass wir da „belogen“ werden. Hier wird ein aufklärerisches Interesse vorgeführt, aber die Argumentationslinie ist diejenige, die man auch von Esoterikern kennt. Wird gesagt, dass diese Forderung erfüllt ist, kann man immer noch behaupten, dass die Zahlen nicht stimmen und dass die Politik weiter lügt, weil man selbst wisse es ja ohne Angabe von eigenen Zahlen besser. Man kann sogar fiktive Zahlen anführen und sich dafür anfeinden lassen und damit besser stehen. Heimlich wird hier die Autorität von Herrn Lucke als Wirtschaftsexperten angeführt, die natürlich auf die ganze Partei abfärbt. Es ist also eine Kombination aus: „Wir sind schlauer als ihr.“ und „Ihr lügt alle!“

Wir fordern eine drastische Vereinfachung des Steuerrechts in Anlehnung an das progressiv wirkende Kirchhofsche Steuermodell. Der Bürger muss verstehen können, warum er in welcher Höhe besteuert wird.

Kirchhoffsche Steuermodell ist eine sehr liberale/libertäre Idee. Es beruht auf einem Konzept der Gerechtigkeit, bei dem Gleichbehandlung als gerechter gesehen wird als unterschiedliche Behandlung. Derzeit gilt in Deutschland die Idee, dass je mehr Einkommen Menschen verdienen, sie auch mehr Steuern bezahlen. Dabei sind aber viele Einkommensarten wiederum ausgenommen. Im Kirchhoffmodell zahlt man immer auf alle Einkommensarten eine feste Steuer, damit zahlen die „Reichen“ definitiv mehr Steuern als bisher, die „Armen“ im Zweifel aber auch. Die Frage ist ob dies gesellschaftlich gewollt ist. Der Bürger will vor allem verstehen, warum der andere weniger besteuert wird als er selbst.

Alterssicherung und Familie

Die Eurokrise gefährdet alle Formen der Altersvorsorge durch Überschuldung und minimale Zinsen. Die Schulden der Eurokrise dürfen nicht zu einer Rente nach Kassenlage führen.

Diese Aussage geht von einer starken privaten Rentenvorsorge der Bürger aus. Das Rentensystem in Deutschland ist vom Steuersystem und den Staatsfinanzen theoretisch getrennt. Die Schieflage des Rentensystems entsteht durch den demografischen Wandel und nicht durch fehlerhafte Finanzpolitik. Die macht es vielleicht schlimmer. Die Europolitik hat damit erstaunlich wenig zu tun, aber die Europolitik ist das einzige Thema der AfD.

Wir fordern, Kinder stärker bei der Rentenberechnung zu berücksichtigen.

Wie, warum und ob das bei Schwulen auch gilt, steht da dann ma nicht. Aber gut.

Deutschland hat zu wenige Kinder. Renten- und Krankenversicherung stehen deshalb auf tönernen Füßen. Deutschland muss kinder- und familienfreundlicher werden.

Man könnte natürlich auch das Renten- und Krankenversicherungssystem verändern. Hier steht eine konservative Haltung dahinter, die unser Sozialsystem als gegeben betrachtet und denkt, dass sich die Welt dem System anpassen muss und nicht das System der Welt. Da ist die AfD aber jetzt nicht allein.

Wir stehen für den Schutz der Familie als Keimzelle der Gesellschaft. Eine solidarische Förde- rung der Familien ist eine Investition in unsere gemeinsame Zukunft und wesentlicher Teil des Generationenvertrages.

Und Familie bedeutet Mutter, Vater, Tochter, Sohn, mit einem arbeitendem Vater und einer Hausfraumutter, die Tochter lernt Ballett und der Sohn ist im Schützenverein und spielt Fußball.

 

AfD übersetzen – Das Kurzwahlprogramm zur Bundestagswahl 2013 (3)

Und weiter geht es.

Rechtsstaatlichkeit und Demokratie

Wir fordern, den Rechtsstaat uneingeschränkt zu achten. Staatliche Organe dürfen sich selbst in Einzelfällen nicht über Gesetze und Verträge hinwegsetzen. Vielmehr sind diese nach ihrem Buchstaben und nach ihrem Geist zu respektieren.

Der Rechtstaat beinhaltet folgende Komponenten: Rechtsgleichheit, Rechtssicherheit, die Bindung des Staates an Recht und Gesetz und unabhängige Richter. Für die AfD scheint hier nur die Bindung des Staates an Recht und Gesetz wichtig zu sein. Wobei das Gesetz auch nur respektiert werden soll. Eingehalten steht da jetzt nicht. Spannend ist, dass dies auch auf Verträge zutrifft, was immerhin erklärt, warum sie die Änderung der EU Verträge beim Europarecht verlangen.

Das Handeln jeder deutschen Regierung findet seine Beschränkungen im Völkerrecht, im Grundgesetz und in den Europäischen Verträgen. Diese sind für unsere Gesellschaft von fundamentaler Bedeutung und strikt zu befolgen.

Hier ist die Reihenfolge eigenartig. Das Handeln der Regierung findet seine Grenzen im Grundgesetz und nicht im Völkerrecht. Das Völkerrecht ist eher ein internationaler Sandkasten ohne Regeln. Hier werden die europäischen Verträge auch einzeln genannt als möchte man betonen, dass die Position unter Währungspolitik vollkommen legitim ist, weil man die Verträge, die man ändern und dann am besten abschaffen möchte, ja an sich wichtig findet. Die AfD darf sich da gerne mal entscheiden.

Wir fordern eine Stärkung der Demokratie und der demokratischen Bürgerrechte. Wir wollen Volksabstimmungen und -initiativen nach Schweizer Vorbild einführen. Das gilt insbesondere für die Abtretung wichtiger Befugnisse an die EU.

Demokratie gibt es in indirekt und direkt. In Deutschland wird vor allem eine indirekte Demokratie bevorzugt, da die Zeit der Nazidiktatur gezeigt hat, was passiert wenn man die Bevölkerung agitiert. Die AfD wünscht sich das natürlich aus zwei Gründen. Zum einen ist die Forderung nach mehr Demokratie (was immer das sein mag) immer gut, zum anderen sind konservative Entscheidungen bei Volksentscheiden wahrscheinlicher als progressive, insbesondere, wenn Parteien wie die AfD dann noch agitieren. Besonders perfide sind die „demokratischen Bürgerrechte“. Bürgerrechte betreffen nur Bürger eines Staates und sind weniger als Menschenrechte, die für alle Menschen gelten. Demokratisch können beide Rechte nicht sein, weil Demokratie nun mal eine Regierungsform ist. Dies ist also pseudo-volksnahes Gewäsch.

Parteien sollen am politischen System mitwirken, es aber nicht beherrschen.
Wir fordern mehr direkte Demokratie auch in den Parteien. Das Volk soll den Willen der Parteien bestimmen, nicht umgekehrt.

Dieser Absatz zeugt wahlweise von kompletter Ignoranz des politischen Systems oder abgrundloser Perfidie. Parteien kanalisieren politische Meinungen, sie sind nicht das Sprachrohr einzelner Menschen. Parteien in Deutschland sind qua Grundgesetz demokratisch und auch direktdemokratisch zu organisieren. Ich wünsche mir, dass die AfD das bitte vormacht. Herr Lucke wird sich sicher freuen, wenn jede Entscheidung von seiner Partei per Abstimmung getroffen wird. Es gibt Gründe, warum man deligiert. Die Perfidie dieser Aussage ist es den Lesern die Idee zu vermitteln, dass die AfD ihre Partei ist, in der sie voll mitsprechen können und die anderen Parteien ja alle nur weltfremde Eliten seien. Das mag richtig sein, es hierbei sei aber auch darauf hingewiesen, welche Berufe die Granden der AfD ausüben.

Wir fordern, dass Bundestagsabgeordnete ihre volle Arbeitskraft der parlamentarischen Arbeit widmen. Das Mandat darf nicht unter bezahlten Nebentätigkeiten leiden.

Es wird hier nicht gefordert, dass Abgeordnete dafür angemessen bezahlt werden. Das werden sie im Zweifel in Deutschland immer noch nicht. Die Nebentätigkeiten könnte man dann verbieten. Hier wird auch wieder mit dem Hass des Volkes auf die „faulen und verkumpelten“ Politiker gesetzt. Ich möchte darauf hinweisen, dass der zweite große Sprecher der AfD der Wirtschaftsvertreter Hans-Olaf Henkel ist. (Herr Henkel ist kein Mitglied der Partei, aber gerne ihr Sprachrohr.)

Wir setzen uns dafür ein, dass auch unkonventionelle Meinungen im öffentlichen Diskurs ergebnisoffen diskutiert werden, solange die Meinungen nicht gegen die Werte des Grundgesetzes verstoßen.

Diese Formulierung findet man in anderer Form auch bei der NPD. Sie ist eine Schutzfloskel um Meinungen, die eigentlich gesellschaftlich geächtet sind trotzdem zu verbreiten. Die Werte des Grundgesetzes werden hier genannt um rechtsstaatlich zu wirken. Dabei widersprechen andere Forderungen dann auch mal gerne irgendeinem Grundrecht und man zieht sich auf „man wird das wohl doch noch sagen dürfen!“ zurück. Hiermit soll ein Weg geebnet sogenannte „Denkverbote“ aufzulösen, diese „Denkverbote“ sind meist gesellschaftliche Stigmata, die in Deutschland auf Ausländerfeindlichkeit, soziale Ungerechtigkeit und mangelnde Gleichberechtigung liegen. Es ist also ein Feigenblatt, mit dem man so tut, dass man ja nur die „Wahrheit sagt“ und dass die anderen alle festgefahren sind.

AfD übersetzen – Das Kurzwahlprogramm der Bundestagswahl 2013 (2)

Teil zwei der Serie in der ich das Bundestagswahlprogramm 2013 der AfD übersetze. Diesmal:

Europapolitik

Wir bejahen ein Europa souveräner Staaten mit einem gemeinsamen Binnenmarkt. Wir wollen in Freundschaft und guter Nachbarschaft zusammenleben.

Binnenmarkt ja, aber bitte nicht das selbe Geld. Dies widerspricht irgendwie den Aussagen aus der Währungspolitik. Freundschaft und gute Nachbarschaft bedeutet hier auch, dass da bitte eine Grenze dazwischen ist. Denn zwischen dir und deinem Nachbarn ist immer eine Hecke.

Wir bestehen auf dem uneingeschränkten Budgetrecht der nationalen Parlamente. Eine Transferunion oder gar einen zentralisierten Europastaat lehnen wir entschieden ab.

Die EU bedeutet gemeinsamer Binnenmarkt, soll dieser überleben muss auch die Wirtschaftspolitik zumindest angeglichen werden. Das berührt aber nicht das Budgetrecht der Nationalparlamente, denn Steuern werden bisher national und nicht zentral erhoben. Der zweite Satz schürt Ängste des nationalen Identitätsverlustes und der Kontrolle durch die berüchtigten Technokraten der EU.

Wir werden dafür sorgen, dass Gesetzgebungskompetenzen zurück zu den nationalen Parlamenten verlagert werden.

Nunja, die AfD möchte ja eh die Europäischen Verträge kippen oder ändern. Dann ist auch das hier möglich. Die Abgabe von Gesetzgebungskompetenzen an die EU ist übrigens notwendig um diesen Binnenmarkt zu unterhalten, den sie sich weiter oben weiterhin wünschen. Es scheint, als möchte man alle Vorteile ohne die Kompromisse, die eine supranationale oder internationale Organisation wie die EU bedeutet. Wir wollen viel Geld machen, aber bitte alles behalten.

Wir werden uns für eine Reform der EU stark machen, um die Brüsseler Bürokratie abzubauen und Transparenz und Bürgernähe zu fördern.

Warum das da steht, wundert dann schon. Weil eigentlich will man oben verklausuliert den kompletten Kern der EU aushöhlen. Diese Aussage soll primär die diffusen EU-Ängste der Bürger schüren und beschwört dabei das breitgetretene Bild des Bürokratiemonsters EU. Dabei setzt man hier natürlich darauf, dass keiner so richtig weiß, wie diese EU funktioniert.

Das europäische Parlament hat bei der Kontrolle Brüssels versagt. Wir unterstützen nachdrücklich die Positionen David Camerons, die EU durch mehr Wettbewerb und Eigenverantwortung zu verschlanken.

Das beste Bonmot am Ende. Die Briten waren schon immer EU skeptisch bis feindlich und das seit dem Aufsteig von UKIP umso mehr. Diese Briten sehen die EU maximal als Steigbügelhalter für den eigenen wirtschaftlichen Erfolg und nicht als Friedensprojekt. Dementsprechend bezeichnend ist es, wenn David Camerons Positionen, die auch die EU eher auflösen wollen, hier genannt werden. Cameron hatte erst kürzlich damit gedroht die EU zu verlassen, wenn der Rest der Union nicht nach seiner Pfeife tanzt.

Diese haben übrigens nichts mit dem europäischen Parlament zu tun. Die  Idee, dass das Parlament „Brüssel“ kontrollieren soll, zeugt übrigens von mangelnder Durchdringung des Sachverhaltes. Die EU ist konsensorientiert und damit weniger konfrontativ. Hinzu kommt, dass die zentralen Kontrollen auch durch die Organe der Mitgliedsstaaten (Rat der EU, europäischer Rat) ausgeübt werden.

AfD übersetzen – Das Kurzwahlprogramm der Bundestagwahl 2013 (1)

Caspar Clemens Mierau wünscht sich, dass jemand die AfD übersetzt. Ich werde hier meinen kleinen Beitrag mit dem Kurzwahlprogramm zur Bundestagswahl 2013 leisten. Von diesem ist auszugehen, dass es die Basis für die nächste Wahl wird.

Währungspolitik

Wir fordern eine geordnete Auflösung des Euro-Währungsgebietes. Deutschland braucht den Euro nicht. Anderen Ländern schadet der Euro.

 

Dies ist in diesem Bereich die zentrale Forderung, der AfD. Sie ist ziemlich klar. Die Begründung im zweiten Satz bedeutet, dass wir als Wirtschaft stark genug sind um ohne einen großen Binnenmarkt mit einfachen Absatzmöglichkeiten zu überleben. Das ist eine nationalstaatliche Auslegung von Wirtschaft, die auf der einen Seite globalisierte Wirtschaft ignoriert und gleichzeitig den Mythos der deutschen Wirtschaftsstärke heraufbeschwört. Die anderen Länder werden nicht näher genannt, aber es soll hier suggeriert werden, dass eine Abschaffung des Euro für diese Länder eine Gnade sei. In der Formulierung sind sie aber egal. Es geht primär um Deutschland. Der Rest Europas, mit dem wir heutzutage eng verbunden sind, ist unwichtig.

Wir fordern die Wiedereinführung nationaler Währungen oder die Schaffung kleinerer und stabilerer Währungsverbünde. Die Wiedereinführung der DM darf kein Tabu sein.

 

Die AfD stellt sich gerne gegen „Denkverbote“ so auch in dem Nebensatz mit der Wiedereinführung der DM. Hierbei werden zum einen Euro=Teuro Ressentiments bedient, zum anderen wird mit dem ersten Satz suggeriert, dass eine kleinere (lies nationalstaatlichere) Währungseinheit stabiler ist. Markant ist auch das oder zwischen nationale Währungen und stabilerer Währungsverbünde letztere scheinen hier nur eine Notlösung zu sein.

Wir fordern eine Änderung der Europäischen Verträge, um jedem Staat ein Ausscheiden aus dem Euro zu ermöglichen. Jedes Volk muss demokratisch über seine Währung entscheiden dürfen.

 

Die AfD hat richtig erkannt, dass es eine Änderung der Europäischen Verträge benötigt um aus dem Euro auszusteigen. Ein Land kann das theoretisch auch freiwillig machen, aber das ist völkerrechtlich relativ komplex. Der zweite Satz suggeriert, dass uns Deutschen unsere Währung weggenommen wurde und wir über diese Währung demokratisch bestimmen. Das ist leider nicht richtig. Währungen werden von Staaten festgelegt, nicht Bevölkerungen. Eine Währung als legales Zahlungsmittel hat nichts mit Demokratie zu tun, außer, dass wir die Leute wählen, die festlegen, wie diese Währung aussieht. Die Entscheidung, was ein Volk als Währung hat, ist nicht die Entscheidung des Volkes sondern der Regierung. Diese mag demokratisch gewählt sein, aber das hat wenig damit zu tun, was die Leute auf der Strasse davon halten.

Wir fordern, dass Deutschland dieses Austrittsrecht aus dem Euro erzwingt, indem es weitere Hilfskredite des ESM mit seinem Veto blockiert.

 

„Wir fordern, dass Deutschland die schwachen Länder der Eurozone mit ihrem Bankrott erpresst, bis ihm gestattet wird sich offiziell aus der Verantwortung zu schleichen.“

Wir fordern, dass die Kosten der sogenannten Rettungspolitik nicht vom Steuerzahler getragen werden. Banken, Hedge-Fonds und private Großanleger sind die Nutznießer dieser Politik. Sie müssen zuerst dafür geradestehen.

 

„Wir fordern, dass die bösen Banker dafür gehängt werden!“ Die politische Verantwortung für die Eurokrise liegt bei den Regierungen der Länder und deren nationalstaatlich ausgerichteter Wirtschaftspolitik in einem europäischen Binnenmarkt. Die mangelnde Regulierung des Bankenwesens ist Verantwortung der Politik, nicht der Banken. Hier wird ein einfaches Feindbild aufgebaut ohne zu hinterfragen, was die strukturellen Ursachen der Eurokrise sind. Aller Fairness nach: die etablierten Parteien schauen da meistens auch nicht hin. Ist etwas peinlich, was da rauskommt.

Wir fordern, dass hoffnungslos überschuldete Staaten durch einen Schuldenschnitt entschuldet werden.

 

„Der deutsche Steuerzahler sieht sein Geld nie wieder.“ Der Schuldenschnitt wird oft gefordert, allerdings belastet er einseitig die Steuerzahler der anderen europäischen Länder, weil ein Schuldenschnitt von privater Seite (Banken…) her wohl kaum realistisch ist. Es ist vielleicht ein notwendiges Mittel, aber dafür, dass die Banken oben für alles gerade stehen sollen, geht das mit dem Aufgeben von staatlichen Einnahmen schnell.

In der Schuldenkrise müssen Banken ihre Verluste selbst tragen oder zu Lasten ihrer privaten Großgläubiger stabilisiert werden.

 

Das ist zum einen eine sehr populistische Forderung, zum anderen eine, die öfter diskutiert wurde. Die deutsche Politik hat sich hier entschieden Banken zu retten und große Schwächungen der Wirtschaft zu vermeiden. Es ist zumindest diskussionswürdig, ob ein solche Vorgehen ratsam ist.

Wir fordern ein sofortiges Verbot des Ankaufs von Schrottpapieren durch die Europäische Zentralbank. Inflation darf nicht die Ersparnisse der Bürger aufzehren.

Diese Forderung versteht niemand. Aber gut, es geht hier darum dass die EZB immer mehr Geld druckt und deswegen mein eigenes Geld immer weniger wert ist, während die EZB mit dem vielen neuen Geld die Schrottpapiere aufkauft. Die Forderung ist auch diskussionswürdig, aber die Frage ist, ob die drohende Deflation uns wirklich mehr bringt. Es ist am Ende eine populistische Forderung, die darauf anspielt, dass der Kleinsparer hier übers Ohr gezogen wird.

In der finsteren Zukunft gibt es nur weiße Männer…

Die Frage der Inklusion von Geschlechtern hat im Spielzeugmarkt schon viele Debatten ausgelöst. Große Ziele waren die Überraschungseier für Mädchen ((Persönliche Anmerkung: die haben doch nen Knall!) oder aber Legos Diversifikation in Jungen und Mädchenlego ((Die auch!))

Doch da gibt es noch Bereiche, in die bisher kaum gesehen wurde. Neben den eher bekannten Formen von Spielwaren gibt es auch noch Randbereiche der Spielwaren. Am ehesten der Masse bekannt sind die Sammelkartenspiele ((Yu-Gi Oh, Pokemon, Magic the Gathering sind hier bekannte Vetreter.)) Diese zeichnen sich durch eine hohe Anzahl an männlichen Spielern aus und verschlingen erstaunlich viel Geld. Sie sind aber nicht mein Hauptthema.

Das sind die noch interessanteren Miniaturenspiele. Diese Spiele basieren auf den Zinnsoldaten, die früher für Schlachtplanungen verwendet wurden und stellen heute komplexe Schlachtsimulationen dar, die auf gestalteten Spielfeldern ((Tabletops)) mit detaillierten Regeln gespielt werden. Das Geschäftsmodell der Spielehersteller basiert dabei darauf, zum einen die Miniaturen zu verkaufen und aber auch die Regeln zu gestalten. Das führt gerade beim Marktführer Games Workshop dazu, dass die Miniaturenverkäufe über die Regeln gesteuert werden. Zum Miniaturenspiel gehört neben Regeln und Miniaturen zur Schlachtsimulation auch eine Hobbykomponente, da die Miniaturen und Schlachtfelder von den Spielern selbst gebastelt werden müssen. Diese Mittel werden zumeist auch von den entsprechenden Firmen verkauft.

Die Kundschaft von diesen Miniaturenspielen und auch den entsprechenden begleitenden Medien ((primär Internetforen und Magazine)) ist aber primär weiß, mittelschichtig und männlich. Das kommt natürlich daher, dass mit diesen Spielen viele typische „Jungentätigkeiten“ ((Ey, ehrlich. Ich spiele sowas jetzt wieder, mir graust es vor dem Gebastel leicht. Ich war da nie wirklich gut.)) bedient werden:

  • handwerkliches Arbeiten
  • taktisches Verständnis im Kampf
  • Wettbewerb

Das ist erst einmal okay so, da es irgendwie historisch gewachsen und auch der Effekt eines sozialen Prozesses ist. Allerdings sollte es auch möglich sein, dass diese Spiele mehr Menschen in ihren Bann ziehen. Ich kenne durchaus junge Frauen, die lieber basteln als ich, warum also nicht? Nunja, es gibt wenig bei diesen Miniaturenspielen, das Frauen oder aber auch nur  anspricht. Gerade bei den Systemen von Games Workshop gibt es eigentlich nur eine Fraktion, die aus Frauen besteht und diese wird immer wieder gerne marginalisiert und ist sogar in den Regelbüchern Opfer von blutigen Gemetzeln geworden. Nur um das mal kurz klar zu machen: GW hat mindestens 60% des Marktes weltweit und ist die klassische Einstiegsdroge für diese Spiele. Neue Spieler werden also an eine düstere Sci-Fi oder Fantasywelt herangeführt, in der Rasse keine Rolle spielt und Frauen nur als Opfer stattfinden. Es werden also Produkte produziert die stereotypisch auf die hauptsächliche Käuferschaft abzielen anstatt Produkte zu kreieren, die den Markt öffnen können.

Doch es gibt da auch schon Licht. In anderen Spielsystemen haben Frauen eine größere Rolle. Das Spiel Infinity, das ich selbst spiele, hat etliche starke Frauenrollen und obwohl es durch seine mangaeske Gestaltung und die teilweise vorhandenen Pin-Up Model Miniaturen durchaus klischeehafte Frauenbilder hat, finden sich eben auch starke eigenständige Frauen und sogar Einheiten, deren ganze Geschichte auf radikalem Feminismus beruhen. Es gibt sogar variable Frauenbilder zu finden in solchen Spielen wie Carnevale. Dort findet man auch alte oder beleibte Frauen. Dasselbe gilt für das Steampunkspiel Wolsung, in dem man Frauen findet, die Wissenschaft betreiben und für die man neben der sexy Miniatur auch eine findet, die nicht halb nackt ist. Was alle diese Spiele dazu noch hervorhebt ist, dass es hier auch eine mehr oder minder beschränkte kulturelle Vielfalt unter den Fraktionen gibt. Es gibt eben neben weißen Männern auch Massai, Asiaten oder Katzenwesen.

Trotzdem bleibt festzuhalten, dass die Sensibilitäten dieser Spiele sehr stark von dem Eindruck bestimmt sind, dass die Zielgruppe aus weißen Männern mit anglo-amerikanischem ((Ich fühle mich als Deutscher zum Beispiel mit vielen 2. Weltkriegsspielen nicht wohl. Hier wird halt auch die Seite glorifiziert, die zwar meine ist, die ich aber wirklich verabscheue.)) Hintergrund besteht. Dabei sind diese Spiele eigentlich ein tolles Hobby für jeden. Sie sind sozial, interaktiv, handwerklich und kognitiv fordernd. Ich würde mich freuen, wenn mehr Mädchen ihre Riot Grrlz losschicken um den Jungs in den Arsch zu treten. Doch dafür müssten sie diese erst einmal finden und den Mut besitzen in die leicht abgestandenen Gamerhallen zu gehen, die sehr oft diese maskulin-abschreckende Aura haben, die ihnen aus zuvielen Jahren geschlechtlicher Monokultur aufgeholfen wurde.

Vielleicht sollten wir mal Mädchengamertage machen…