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Vom freien Medium zum Medium der Unterdrückung

Die social media Welt und daran angehängt die Reste der alten Medien beschäftigen sich seit gestern mit Bildern von amerikanischen Stars, die sich selbst nackt fotografierten und deren Bilder durch ein Datenleck veröffentlicht werden konnten.

Dazu kann man viel sagen und vieles wird gesagt. Zum Beispiel:

  • dass die ja selbst schuld sind Appleprodukte zu benutzen, bei Android wäre das nie passiert (aber natürlich…)
  • dass sie Nutten und Huren sind und nicht anständig (weil wir ja besser sind, vor allem diejenigen, die um das festzustellen erst einmal alle Bilder gesichtet haben) ((Das erinnert mich immer an den Teil der Parteiprogramms der bibeltreuen Christen, wo gefordert wird, dass Pornografie und Prostitution streng überwacht werden. Die Überwacher testen das dann unter Gefahr für ihre Seele sicher unter Schmerzen.))
  • dass die Bilder noch nicht mal was besonderes sind. (Kommt halt immer drauf an für, wen nicht?)
  • dass Frauen zum einen sich nackt fotografieren dürfen und sollten wie sie wollen und zum anderen die Welt an sich, sich bitte den Kommentar verkneift. (Endlich mal eine Aussage mit Hirn…)

Doch ich möchte einen Schritt weiter vorne anfangen. Der Grund, warum diese Fotogeschichte so ein Problem ist, ist dass hier nicht nur Frauen objektifiziert und sozial unterdrückt werden. Das ist ja irgendwie schon Standard in der schönen neuen Welt der social media. Es ist die Tatsache, dass der Kontrollverlust über Daten immer schneller passiert und dass Meinungen immer schneller ausgetauscht werden können. Doch der Umgang mit diesem Phänomen ist mittlerweile auf dem Niveau der Hexenprozesse von Salem angekommen. Unter dem Vorwand der freien Meinungsäußerung und mit der schweigenden und erigierten Masse im Rücken drücken Minderheiten ihre konservativen Wertvorstellungen in die Welt und unterdrücken damit die Freiheit, die uns das Internet und social media geben sollte. Anstatt endlich genug Raum für jede Nische zu haben, wird erfolgreich versucht eine Gleichschaltung ((Jap, das Wort ist Absicht.)) auf puritanische Werte zu erreichen, die selbst für 50er Jahre rückschrittlich erscheinen können. Anstatt also persönliche Freiheit zu generieren, generiert das social Web einen unheimlich engen Korridor sozialer Konstrukte und Erwartungen, denen man dringend entsprechen muss, möchte man nicht am nächsten Tag vom wütenden Mob zum Galgen gebracht werden.

Die Freiheit man selbst zu sein und vor allem die Freiheit dies jenseits von streng geschützter Privatsphäre in den globalen ((Das ist ja auch ein Lacher für sich. Wer denkt, dass das Web nicht komplett an Kulturgrenzen balkanisiert ist, zählt jetzt mal bitte die Websites im Verlauf, die nicht auf com,de,net oder org enden.)) Medien, die einem zur Verfügung stehen, zu tun, ist verschwunden, da immer mehr unseres Lebens vernetzt werden. Doch anstatt nun in der Weite des Netzes den Menschen ihre Frei- und Schutzräume einzuräumen, werden die Inhalte dieser nur noch auf den öffentlichen Marktplätzen vor der geifernden Masse verhandelt, deren Privatsphäre nur vorerst sicher ist, weil sie selbst noch uninteressant ist ((Es ist ja nicht eine Frage, ob du was zu verbergen hast, sondern nur vor wem.)) oder die sich eh schon komplett in der Öffentlichkeit entkleidet.

Das Letztere ist ja die Vision der post-privacy Befürworter. Diese vergessen hierbei immer, dass soziale Dynamiken keine Rücksicht auf die Einzelperson nehmen und damit post-privacy nicht zur ultimativen Freiheit sondern zur ultimativen Uniformität wird. Denn die Masse wird nicht anfangen das Individuum zu respektieren, sie wird das Individuum dazu zwingen sich anzupassen oder es zerstören. Und damit wird aus dem Traum der ultimativen Freiheit im Netz der Albtraum der ultimativen sozialen Unterdrückung aller durch alle. Die ersten Anzeichen hierfür kann man schon gut erkennen. Der Mob auf Facebook und twitter erschlägt jetzt schon regelmäßig die Dissidenten und zerstört Leben, die nicht den fiktiven Anforderungen entsprechen, die gesetzt werden und denen man selbst dann natürlich auch nie genügen könnte.

Punk is not dead. It just got itself some bagpipes and harps.

In Zeiten in denen Helene Fischer ((Kein Link, um Gottes willen, kein Link!)) der musikalische Mainstream ist, und damit das Merkeln auch im modernen deutschen Biedermeier angekommen ist, darf Musik nicht mehr politisch sein. Die Schmerzgrenze für politische Inhalte in Musik ist bei den meisten schon mit Rammstein und deren eher unterschwelligen Botschaften oder Wir sind Helden mit poetischen Meinungen erreicht. Da hört man doch lieber Andreas Bourani dabei zu, wie er sich und der deutschen Nationalmannschaft Relevanz zusingt oder trällert mit der abgehalfterten Führungsriege der CDU Lieder der Toten Hosen mit. ((Am Tag danach warf jemand Campino einen Backstein durchs Fenster um den ein Zettel gewickelt war, der ihm mitteilte, dass er aus der Vereinigung der Punks geschmissen wurde.))

Jetzt werden sicher einige sagen: „Punk ist gar nicht tot.“ Natürlich gibt es immer noch die ganze Sparte mit den drei Akkorden und der Wahrheit, die ist aber mittlerweile in sich selbst ergangen und hat sich eher einem widerborstig-apolitischen Hedonismus oder aber einer weitreichenden Kommerzialisierung ergeben. Da scheint Biertrinken des öfteren wichtiger als irgendeinen Einfluss auf die Gesellschaft zu nehmen.  Die politische Komponente ist größtenteils weg oder wird nicht mehr ernst genommen.

Woher soll Musik mit politischen Inhalten nun noch kommen? Okay. Wir haben Rapper wie Sookee, die das Thema beackern. Die meist eher plakativ, aber da geht was. Was noch? Metal? Da lebt zumeist auch der Hedonismus und wenn er es nicht tut, kann es sein, dass die Message auch mal gern verfassungsfeindlich ist. Deutschrock? Ja, doch. Wenn das nicht alles immer so bieder wäre. Da ist mir dann der HipHop wieder lieber. Mittelaltermusik? Das war doch immer nur romantisch verklärter Scheiß. Das sind die Ewig-gestrigen mit den Dudelsäcken und den Märchen, oder?

Ähja, irgendwie dann doch nicht mehr. Irgendwie kommt von der Harfenfraktion auf einmal Gegenwind. Da gibt es so zärtliche Hinweise von Schandmaul, dass Rechtsradikalismus in dem Bereich nix zu suchen hat. Und das sogar sehr schön tanzbar. Sowas schmettern dann bei Wacken mal mehrere tausend Leute mit.

Okay. Das ist jetzt irgendwie noch bürgerlich. Etwas pro-aktiver wird dann schon Ecke mit der eher akustischen Folkmusik. Da fängt es augenscheinlich harmlos mit der deutschen Band Faun an. Die wirkt zwar sehr hippymäßig und poetisch, bietet allerdings auch Lieder, die von den Zeitgeistfilmen ((Vorsicht, da ist auch Trutherbullshit dabei.)) inspiriert sind und auf den Konzerten, die wie folkige Goamessen wirken, wird gerne mal ein sehr okölogisches Weltbild verbreitet, insbesondere, wenn die Band es schafft auf ihrer Tour neben Merchandise einen kompletten Stand von Greenpeace mitzunehmen.

Doch da hört es nicht auf. Die Mittelalterrocker Saltatio Mortis fahren mit ihrem letzten Album Das schwarze 1×1 eine noch etwas deutlichere Linie. Hier geht es nicht mehr um gegenseitige Akzeptanz und poetische Naturliebe, sondern hier geht es um amtliche Gesellschaftskritik. Das klingt dann mal ordentlich rockig und bietet eine etwas veränderte Variante der deutschen Nationalhymne.

Doch damit nicht genug. Texter und Sprachrohr Lasterbalk der Lästerliche ((Hey, es ist ne Mittelalterband.)) lässt sich im Blog der Band gerne und länglich über GEMA, Politik und ähnliche Themen aus. Das Ganze länglich und pointiert. Hinzu kommt, dass die Band seit einiger Zeit die Umweltorganisation Sea Shepherd, die dann schon zur pro-aktiven Fraktion der Umweltschutzorganisationen gehören. Sea Shepherd beschäftigt sich primär mit Aktionen gegen Walfang und die Tatsache, dass sie getarnte Schiffe benutzen und auch schon Walfangschiffe geentert haben, sagt wohl genug.

Noch einen Tick politischer und pro-aktiver sind dann nur noch die Holländer von Omnia. Neben einer absoluten Punk/Hippyattitüde und reinem Selbstverlag, treffen sich hier Naturreligion, Gesellschaftskritik und politische Botschaft auf der Bühne und in vielen der neueren Songs. Vom eher philosophischen I don’t Speak Human


über das wütende Dance Until We Die

zum direkten Aufruf zur Intervention in Earth Warrior

gibt es hier eine klare politische Ansage, die man so vielleicht nicht erwartet und die bei den Mittelalterfestival gerade etwas bürgerlich-provinzieller Natur auch gern mal beklagt wird. Insbesondere relativ klare linke Ansagen, die hier getroffen werden schmecken rechtsgerichteten Pseudoteutonen nicht unbedingt.

Der Punk ist also nicht tot. Er hat sich nur Dudelsäcke geholt, spielt Harfe und protestiert gegen den Kapitalismus neben dem Gaukler.

Das Geschlechterkontinuum für die Erfassung in Fragebögen

Ich hätte es nie gedacht, dass ich hier mal einen wissenschaftstheoretischen Text schreiben würde, aber da ist er. Ich habe vor einiger Zeit das Konzept der dritten Option für das Geschlecht in Fragebögen kennengelernt und dieses Konzept kratzte mich sehr. Denn ich habe das Gefühl, dass diese Option auf ein paar Annahmen beruht, an denen ich zumindest Zweifel anmelden würde, solange sie nicht anständig bestätigt sind. Diese Annahmen wären:

  • trans/intersexuelle Menschen wissen das sie trans/intersexuell sind
  • trans/intersexuelle Menschen reflektieren ihre eigene Sexualität ausreichend
  • trans/intersexuelle Menschen identifizieren sich trans/intersexuell
  • trans/intersexuelle Menschen identifizieren sich nicht mit einem Standardgeschlecht, obwohl sie es könnten

Wenn wir davon ausgehen, dass Bildung keine Rolle dafür spielt, dass jemand trans/intersexuell ist oder nicht, dann wird das mit dem Reflektieren schon schwierig. Dazu kommt, dass jeder dieser Menschen das Recht hat sich nach den Konventionen der Mehrheitsgesellschaft einzuordnen. Denn es hängt hier von der Wahrnehmung der einzelnen Person ab.

Das macht diese dritte Option aber wissenschaftlich zu einem absoluten Problem. Haben wir bei einem Spektrum männlich/weiblich schlicht eine gewissen Menge false-positives und false-negatives, gibt es mit der dritten Option nun das Problem, dass weder dieser, noch den beiden anderen getraut kann, da nicht bekannt ist, ob die Kategorien trennscharf sind, weil Angehörige der neuen Kategorie eben auch den alten zuordnen können. Damit führt diese Kategorie, die teilweise mit einer Argumentation aus der political correctness, eingeführt wird leider dazu, dass die Daten schlechter werden und dass sich entsprechende Menschen im Zweifel nicht besser repräsentiert fühlen.

Dazu ist die dritte Option in sich nicht trennscharf und das führt dazu, dass man das immer mehr ausdifferenzieren muss und dann einen Wust an Optionen hat, die kein Proband mehr versteht.

Deswegen habe ich mir eine andere Variante überlegt, die zum einen die Komplexität der Sexualität abbildet als auch barrierefrei ist. Wie man das operationalisiert und wie das genau in einer Studie aussehen kann, wäre mal eine Aufgabe für die entsprechenden Theoretiker. Ich schlag das nur vor. Es sieht so aus:

Geschlechterkontinuum

Das ist nur ein Beispiel, bei dem die Probanden dann sich selbst einschätzen können und damit weitaus genauere Daten geben, die ich dann sogar besser granulieren und operationalisieren kann. Ich kann auch hier gleich noch sexuelle Orientierungen und so weiter abfragen und dabei immer verständlich sein. Dabei werde ich automatisch alternativen Geschlechtswahrnehmungen gerecht und bekomme gleichzeitig ein realistisches Geschlechterbild meiner Stichprobe. Ich persönlich gehe übrigens davon aus, dass die meisten Menschen keine Extreme ankreuzen würden.

So, food for thought…

Warum Wie besser ist als Was…

In letzter Zeit saßen etliche junge Menschen vor mir, die Hilfe brauchten um Sachen zu verstehen wie Strom, die deutschen Literaturepochen oder aber die Problemlage bei Teenschwangerschaften. Im Laufe dieser Momente gab es eine Gemeinsamkeit. Die jungen Leute hatten allesamt ihre Texte gelesen und ihre Zettel und Formeln gelernt. Gerade beim Strom wurde ich mehrfach darauf hingewiesen, dass ich die für den Widerstand nicht auswendig kannte oder rumgedreht habe. Sie hatten alle eine sehr gute Idee vom Was. Und das verwundert mich gar nicht. Immerhin sorgt die Struktur des Schulsystems dafür, dass Schüler viel Zeug schnell auswendig lernen können. Der Druck ist auch entsprechend.

Doch es gibt neben Wissen auch noch eine zweite Anforderung im Schulsystem. Diese wird schon früh angegeben und heißt Transfer. Transfer ist die Aufgabenform bei der man Wissen anwendet. Heir geht es um Prinzipien und Theorieanwendung. Es geht also um das Wie. Meine eigene Erfahrung ist, dass die jungen Leute in der Schule von Transfer sehr überrascht und teilweise überfordert sind. Eine Idee, die dabei schnell bei der Hand ist, ist diejenige von dümmer werdenden Schülern. Diese Erklärung ist aber irgendwie unbefriedigend. Denn unsere Schüler heute haben keine anderen Gehirne als die Menschen eine Generation vor ihnen. Also stellt sich die Frage, warum man mir die Widerstandsformel vortragen kann, aber nicht weiß was Strom eigentlich ist? Kann es sein, dass dieser Teil nicht erzählt oder besser hinter verschwurbelten Formeln versteckt wurde? Kann es sein, dass es sinnvoller wäre klar zu machen, dass Literaturepochen ein Teil der Kulturgeschichte sind, anstatt die Schüler mit einem Zettel und der Idee, dass die ja auch Geschichtsunterricht haben hängen zu lassen? Kann es sein, dass man zwar ein Referat über soziale Probleme verlangt aber nie klar macht, was eigentlich dieses Soziale und sowas wie Gesellschaft ist? Oder wie man eigentlich so ein Problem strukturiert? Wie man so ein Referat hält und wie so ein Handout am besten aussieht?

Nun, das steht alles in den Lehrplänen und das soll auch alles behandelt werden. Es scheint nur so zu sein, dass jeder denkt, dass es der andere tut. Nur leider wissen die Leute, die später mal Verantwortung für diese Gesellschaft haben wenig über das Was wissen, weil sie es wieder vergessen, aber auch nichts über Wie wissen, weil das irgendwie unter die Räder kommt und dieser Tatbestand eher mit Klischees erklärt wird als, dass er als Problem gesehen wird.

Wie man Schul-IT nicht machen sollte…

Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert sollen Schulen sich gerieren wie Unternehmen und dazu gehört anscheinend auch eine digitale Kommunikation. Und weil Schulen dann doch altbacken sind, denken sich Unternehmen, dass man den unwissenden Lehrern und Schulleitern jeden Scheiß verkaufen kann. Dazu kam mir jetzt gerade ein „Infoportal“ für Schulen unter. ((Ich verlinke das mal aus rechtlichen, wie mangelnden Empfehlungsgründen nicht.))

Dieses wird bald an meiner Schule vorgestellt und ist ein Beispiel dafür, was man Schulen für Scheiße verkaufen kann, wenn weder Expertise noch Geschmack vorhanden sind, um diesem Einhalt zu gebieten.

Die Software, die mir hier unterkam, wird als einfach zu benutzen angepriesen, weil sie sich von jedem Webbrowser aufrufen lässt. Das bedeutet, dass sie eigentlich eine PHP generierte Website ((Wie dieses Blog übrigens auch.)) ist, die einfach irgendwo auf einem Server liegt. Das wäre jetzt kein Drama, würde sie nicht solch illustre Funktionen enthalten wie:

  • Erfassung von Noten aus Leistungsnachweisen
  • Einbindung gängiger Stundenplansoftware und der bayrischen Schülerdatenbank
  • Zeugnisdruck
  • interne Korrespondenz

Dies alles auf einem „Hochsicherheitsserver“ bei einem gängigen deutschen Webhoster mit einem SSL Zertifikat dran. Will heißen, dass sensible Daten auf einem Webspace irgendwo in einer MySQL Datenbank gestützt von hässlichem PHP gehalten werden. Wir reden hier von Informationen, die wir als Schule eigentlich nicht Dritten zugänglich machen dürfen. Das ist nicht nur stinkend dumm, sondern geradezu fahrlässig und Schulen, die diese Software als Qualitätszeichen sehen, zeigen nicht nur Unwissen sondern auch echte Leidenfähigkeit, was ihre Werkzeuge zum professionellen Umgang mit Informationen angeht.

Neben der Tatsache, dass das der datenschutztechnische Supergau ist, zwingt so eine Software uns auch ständig eine hässliche Website zu besuchen um Informationen zu bekommen, die man uns auch per Email zugänglich machen kann. Der Lehrer wird dazu verpflichtet sich immer zu informieren und bekommt wichtige Informationen einfach nicht mehr. Er kann ja nachsehen. Immer, ständig und meist sinnlos. Wenn hier der Server ausfällt, bricht übrigens auch die komplette Informationsinfrastruktur der Schule zusammen. Auf Implementation von RSS oder ähnlichem braucht man nicht zu hoffen. Das wäre ja zu modern und nicht hässlich genug.

Also fassen wir zusammen: Schulen sollen innovativ sein und modern kommunizieren und was speziell für sie angeboten wird, ist hässliche windowsartige Websoftware mit fragwürdiger Sicherheit und technologischer Basis.

UND DAS SCHLIMMSTE: Am Ende werde ich wieder als Meckerfrieder hingestellt und die Scheiße gekauft anstatt etwas zu benutzen, dass kein Geld kostet und nicht sperrangelweit offen ist. Oder noch besser: Den Quatsch einfach zu lassen.

Die Hoffnung liegt in Leuten, die ihren Job machen

Nach seinem Vortrag auf dem 30c3 hat sich der ehemalige Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar mehrfach dafür bedankt, dass das Publikum ihn beklatscht, sich bei ihm bedankt und ihm standing ovations gibt. Er war augenscheinlich berührt, aber wirkte auch etwas beschämt, denn aus seiner Sicht hat er nur seinen Job gemacht. Diese Eigenschaft ist aber seltener als man glaubt und doch liegt in Leuten, die das tun eine Hoffnung für diese Welt, gerade bei Beamten.

Das Beamtentum ist so schön sicher, dass es einfach ist zu vergessen, was eigentlich der Job ist, den man da hat. Das mag bei Lehrern noch etwas schwerer sein, kommt aber schon da gerne vor. Bei Verwaltungsbeamten ist das dann noch schwieriger, obwohl gerade bei denen unheimlich wichtig ist, dass sie irgendwie einen Berufsethos haben. Denn wenn diese „unscheinbaren“ Beamten ihren Job nach den meistens gar nicht so schlechten Gesetzen machen und vor allem den Ethos des Gesetzes nicht vergessen, dann ist das die wahre Macht dieses Staates, die dann auch für die Bürger eingesetzt werden kann. Peter Schaar ist klar ein Beispiel. Er bekam die standing Ovations auf dem 30c3 vor allem dafür, dass er seinen Job ernst genommen und gemacht hat. Gleiches gilt für die Beamten, die beim BER dafür gesorgt haben, dass diese Bauruine keine Menschenleben kostet.

Gerade in so öffentlichen Ämtern hat man eben eine Verantwortung und die kann man dank Lebenszeitverbeamtung und ähnlichen Annehmlichkeiten auch schön im Trott vergessen. Doch dafür wird man bezahlt und die Leute, die ihren Job da ernst nehmen, retten dann auch mal die eine oder andere Welt. Die Hoffnung liegt also bei den Leuten, die ihren Job machen.

Der Jahresrückblick 2013

Das Jahr geht zuende und was darf da nicht fehlen, genau der Jahresrückblick. Da es hier im Blog ja eher um das Denken über die Welt geht, wird es der Jahresrückblick der Konzepte.

Schock oder Sicherheit

Die Welt war 2013 im Schock. Also mit Welt meine ich natürliche die westliche Welt ((Der Rest hat seine Verwandten unter eingestürzten Nähereien, in zerstörten Städten und den Überresten von Kriegsgebieten gesucht, versucht etwas zu essen zu haben oder schlicht zu überleben.)) und Schock war in manchen Bereichen der Gesellschaft eher so das Pokerface, das die endgültige Sicherheit ausdrückt, das unsere Bürgerrechte oder auch Menschenrechte den Herrschenden und vor allem ihren nahezu autonomen Untergebenen scheißegal sind. Hier dann natürlich besonders, wenn es sich um Herrschende anderer Staaten handelt. Erst war die Bevölkerung schockiert, dass sie jenseits der freiwilligen Herausgabe aller Daten an Facebook und Google diese in Kopie auch noch einmal bei der NSA abgeben, dann war die Regierung schockiert, dass sie wie ein Bürger behandelt wird.

Stasis

Es bleibt 2013 auch vieles, wie es war. Die Bevölkerung hat ihr Interesse an Stasis eindeutig in verschiedenen Wahlen Ausdruck verliehen und die Regierung ist dem mit dem neuen Koalitionsvertrag nachgekommen. Die SPD hat uns mal wieder verraten und die Verachtung der Regierenden für die Bevölkerung ist genauso groß wie vorher und wir dürfen erwarten, dass keinerlei der immanenten Probleme gelöst oder aber auch nur erkannt werden. Damit bleibt dann auch die Erwartung, dass die Politikerverdrossenheit weiter mit dem revolutionären Potenzial steigt. Blieb also alles beim Alten.

Empörung

Gerade im Internet, aber auch in den Mainstreammedien, hat die Tendenz zur Empörung zugenommen. Die sozialen Medien haben sich als Ort der Empörung (twitter) und als Quelle der Empörung (Facebook) etabliert. Die extremen alternativen Positionen haben sich alle fröhlich eingemauert und sind für Argumente nicht mehr zugänglich. Der gesellschaftliche Fortschritt wird dem Aufregen über die Position des jeweils anderen geopfert. Denn die Welt hinter meinen Augen ist wichtiger als das Schicksal der Welt auf deren Existenz wir uns geeinigt haben.

Tidbits

Hier noch die kleinen und großen Fakten, die man für 2013 nicht vergessen sollte.

  • Die Menschheit hat ihr Potenzial nicht ausgeschöpft.
  • Politischer Protest wird Mainstream.
  • Es hören mehr Menschen bei Omniakonzerten auch auf die Ansagen.
  • Russland ist definitiv keine Demokratie mehr.
  • Die USA haben noch die Wahl, ob sie wieder eine werden.
  • Deutschland ist verzweifelt, dass das Grundgesetz eine Abschaffung der Demokratie verbietet.
  • Shopping Queen ist die Sendung des Jahres.
  • Auch im deutschen Fernsehen wird jetzt gebacken.
  • Markus Lanz macht immer noch Wetten Dass?!
  • Die Presselandschaft ist trotz Leistungsschutzrecht am Sterben.
  • Im Pazifik schwimmt immer noch ein Floß aus Plastikmüll.
  • Fukushima schmilzt immer noch vor sich hin.

Für eine bessere Welt!

Nachdem es hier bisher ja darum ging die Romantik in dieser Welt darzustellen und zu dekonstruieren und aufzuzeigen, warum sie eine schlechte Idee ist, muss sich ja dann die Frage danach gestellt werden, wie wir diese Gesellschaft weiterbekommen, wenn es durch romantische Verklärung und den daraus resultierenden Zwang nicht wirklich möglich ist. Wie kann also eine Einstellung zur Welt aussehen, die positive Effekte hat, aber nicht dogmatisch oder unterdrückend ist oder in ihren Resultaten wird.

Egal um welche Facette des Sozialen oder Politischen es sich handelt, wenn man eine positive Veränderung möchte, dann braucht es mehrere Komponenten. Ein paar davon sind eher trocken, ein paar sind hier natürlich von meiner persönlichen Philosophie geprägt. ((Die schreibe ich irgendwann mal auf. Oder auch nicht…)) Also fangen wir mal vorne an.

Fakten

Es klingt jetzt irgendwie banal, wird aber in der medienverseuchten Postmoderne immer wichtiger, dass man wirklich die Fakten überprüft, soweit man es kann und sich auch bewusst ist, wenn man es nicht kann. Dazu sollte man gegenüber allen Quellen einen gewissen Grundsatzskeptizismus hegen und noch einmal mehr gegenüber welchen, die man nicht überprüfen kann und die offensichtlich eine Agenda haben. ((Beispiel: Das Innenministerium und die Terrorabwehr.)) Dazu sollten man immer versuchen alle Fakten zu haben oder sich wiederum bewusst sein, dass man diese eben nicht hat. Bevor man sich mit einem Problem beschäftigt muss man Fakten über dieses Problem haben, sonst wird es nur Gequatsche oder postmoderner Werteeinheitsbrei, bei dem man sich wahlweise aufgrund religiöser Tendenzen die Gurgeln rausreißt oder sich bestätigt, dass ja der andere genauso viel recht hat und man ja total tolerant ist. ((Also so tut, als würde man sich nicht gegenseitig die Gurgeln rausreißen wollen.))

Konsistenz

Ist das mit den Fakten geregelt, muss man diese bewerten. Das kann man eigentlich nach jeder Philosophie machen und das ist auch legitim, allerdings sollte man tatsächlich eine konsistente Argumentation aufbauen und sich die Frage stellen, ob das, was man da erzählt überhaupt noch mit den Fakten und vor allem mit dem restlichen Weltbild, was man so gerade zur Bewertung verwenden will, übereinstimmt. Egal, worum es geht, es wird nicht besser, wenn man sich selbst lieber und den anderen ein Märchen erzählt, das man dringend glauben will, aber das eben nicht stimmt. Gerade persönliche kognitive Dissonanz führt oft dazu, dass man eben die falsche Entscheidung trifft, weil man nicht einsieht, dass die eigenen Wünsche eine größere Rolle spielen, als man glaubt. Das ist alles okay, aber Konsistenz bedeutet eben eine Ehrlichkeit gegenüber der Sache und sich selbst und ohne diese wird das mit dem Weltretten nichts. Denn auf Lügen kann keine Strategie aufbauen, die dann belastbar die Welt verbessern kann.

Respekt

Doch, jenseits des eigenen Kopfes gibt es auch noch andere Köpfe und nur weil man Ordnung und eine Perspektive in seinem eigenen Schädel hat, heißt das noch nicht, dass das was man da denkt auch den anderen Leuten einleuchtet. Die Wahrscheinlichkeit, dass es mindestens eine Person gibt, die es genau anders sieht als man selbst. Diese und auch der Rest der Menschen benötigt eines: Respekt. Man muss den Standpunkt anderer Menschen nicht nachvollziehen können, obwohl das definitiv sehr hilft, aber man sollte ihn immer respektieren. Dabei ist die respektloseste Handlung gegenüber einem intellektuellen Gegner ihn mit eigenen Kampfbegriffen zu überziehen und a priori zu stereotypisieren. Respekt ist hier eine der wichtigsten Komponenten. Wir können nur zu einer möglichst idealen Einigung über ein Problem kommen, wenn sich jeder respektiert fühlt, denn nur dann kann man auch davon ausgehen, dass der Konsens zwischen allen Parteien tragfähig ist. Gegenseitige Vorwürfe und Zwang führen dazu, dass das beste Konzept zur Weltrettung nicht angewendet wird, weil die Mauer des Sozialen dazwischen steht. Wollen wir hier Probleme lösen, dann hilft es nicht die Menschen, die andere Ideen über die Lösung haben von vorneherein gegen uns und unsere Position aufzubringen.

Klare und einfache Sprache

Wenn man möchte, dass die ideale Weltrettungsidee, die wir auf Fakten hrausgefunden haben, konsistent begründen können und die von allen anderen als valide respektiert wird, auch irgendwie eine Wirkung bekommt, dann muss man sie so verpacken, dass sie jeder Depp und sein Bruder und im Zweifel dessen Hundesitterin versteht. Also kann man nicht irgendwelchen hochgestochenen überdefinierten Wissenschaftsdiskursen ankommen. ((Jedes Mal, wenn jemand auf twitter von einem wichtigen Diskurs redet, tötet Gott ein Kätzchen aus Frust darüber, dass irgendwelche Sesselfurzer angeblich tolle Gedanken im Lehnstuhl haben, aber anstatt zu handeln lieber quatschen.)) Es muss klar und einfach auch an den letzten Mann und die letzte Frau gebracht werden. Dabei geht es dann auch wieder um Respekt gegenüber dem jeweils anderen Menschen. Denn wenn ich ihn respektiere, dann ist er mir eine Erklärung wert, die er auch versteht.

In diesen Bereich gehört auch das Vermeiden von Diskussionsskripten und ähnlichen rhetorischen Tricks. Zum einen sind wir hier wieder beim Respekt angekommen, zum anderen bedeutet das Verwenden solcher Tricks, dass das mit den Fakten und der Konsistenz nicht stattgefunden hat. Wenn ich nämlich meinen Punkt anständig machen kann, dann brauche ich keine rhetorischen Tricks. ((Mit dem Gedanken mal ’ne Rede von irgendeinem Großpolitiker außer Gysi und Ströbele schauen. Die beiden glauben 100% was sie da erzählen.))

Eine Subkategorie dieser Skripte muss ich hier auch noch erwähnen. ((Weil mir davon besonders schlecht wird.)) Gerne wird versucht mit Hilfe emotionaler Wendungen Argumente zu gewinnen. Die Bochumer Arbeitsgruppe für sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung hat in ihrem famosen Arbeitspapier 5 einige Varianten dieser Struktur dargestellt:

Der um den anderen besorgte Menschenfreund

  • „Wie kannst du nur mit diesen Gedanken glücklich sein?“
  • „Wie kannst du überhaupt mit diesen Gedanken leben?“
  • „Da mußt du doch mit verzweifeln!“
  • „Das du überhaupt noch ruhig schlafen kannst!“
  • „Du bist ein armes Schwein, wenn du solche Gedanken hast!“

Erklärung: Wie in anderen Skripten wird hier personalisiert, gleichzeitig dabei aber großes Verständnis für A gezeigt. B erscheint geradezu menschenfreundlich. B unterstellt mit seinem/ihrem Skript der anderen Person Gefühle, die diese eigentlich haben müßte (wenn er/sie nur ehrlich wäre und es zugeben würde etc.). A’s Gedanken sind nicht vereinbar mit einem stimmigen und zufriedenen Leben. B macht mit seinem/ihrem Skript auch klar, daß A als Person nicht ganz okay ist, bzw. nicht ganz okay sein kann, da sie solche Gedanken vertritt.

Konsequenzen: B stellt Distanz her, indem er/sie nicht das Thema behandelt, nicht auf das Argument von A ein- geht, sondern, scheinbar außenstehend, die Person in ihrem So-Sein und in ihrer Welt betrachtet. B erscheint als externer Psycho-Päda-Therapie-Gucker bzw. als durchaus einfühlender Menschen- freund, der sich eben augenscheinlich Sorgen um A macht. B wirkt nicht so, als würde er/sie A angreifen.

Coping: Ehrenwerte Copingstrategien scheinen rar zu sein, da A als beratene Person die Haltung von B nicht verändern und auch die Meinung von B nicht entkräften kann. A sollte auf jeden Fall versuchen, die von B vorgenommene Entmündigung zu thematisieren. „Bitte beschäftige dich doch mit meinen Argumenten und nicht mit meiner Psyche!“ „Um meinen psychischen Zustand kümmere ich mich schon, daß brauchst du nicht!“ Eine weitere mögliche Offensive ist: „Du, ich bin ja wohl das beste Beispiel dafür, daß man mit diesen Gedanken wunderbar leben und glücklich sein kann!“

Das letzte Coping gefällt mir besonders gut. Das ist mir schon öfter passiert und ich kann da dann auch nur sagen, dass man hier eigentlich noch mehr mit absurder Intervention draufhauen kann. Ein zweites Beispiel ist mir auch noch wichtig:

eigene Gefühle einbringen

  • „Du ich fühle jetzt, wie ich dir gar nicht mehr zuhören möchte.“
  • „Du ich bin sehr traurig, wenn du so etwas sagst.“
  • „Wissen Sie, das macht mich sehr betroffen, wenn Sie hier einfach sagen, daß…“
  • Auch die Kombination ist möglich: „Du, das macht mich sehr betroffen, wenn ich mir vorstelle, wie du unter deinen Gedanken leiden mußt!“

Erklärung: Es lassen sich zwei Vorgehensweisen unterscheiden:

B bringt eigene Gefühle ein, indem er/sie sich auf den Inhalt oder die Art und Weise des von A Gesagten bezieht.

Eigene Gefühle einbringen und auf den Inhalt beziehen: B gibt zu erkennen, daß der Inhalt von A’s Argument ihn/sie betroffen macht. Gleichzeitig drückt B aus, daß er/sie emotional beteiligt ist und deswegen auch wesentlich authentischer mit dem inhaltlichen Thema umgehen kann (siehe Beispiele 2 und 3)

Eigene Gefühle einbringen und auf die Art und Weise des von A Gesagten beziehen: B versucht durch Einbringen seiner/ihrer Gefühle zu zeigen, daß in Wirklichkeit in der Diskussion etwas schief läuft: so könne dies Thema nicht angemessen behandelt werden, sonst hätten sich ja seine/ihre Gefühle als authentisch-eigentliche Instanz nicht von selbst gemeldet (siehe Beispiel 1)! Sehr wichtig ist natürlich das kulturell definierte Hintergrundstereotyp, daß Gefühle viel wesentli- chere und zuverlässigere Indikatoren für die angemessene Bearbeitung und die richtige Bewertung von Themen sind, als irgendwelcher kopflastiger Schnickschnack.

Auf den Inhalt bezogen ergeben sich folgende Konsequenzen: Da Gefühle das wesentlichere sind, kann B offensichtlich mit dem derzeitigen Inhalt angemessener umgehen als A. Somit erscheint B authentischer, A dagegen hoffnungslos verkopft. Auf die Art und Weise bezogen erreicht B durch das Einbringen seiner/ihrer Gefühle, daß A sich dem Vorwurf ausgesetzt sieht, offensichtlich unnormal und unangemessen mit dem Thema umzugehen.

Coping dürfte sehr, sehr schwierig sein. Natürlich läßt sich auf die Struktur verweisen. Des weiteren steht A vor der Alternative, ob er/sie bei dieser Gefühlseinbringung mitmachen will oder nicht. „Was macht dich denn so traurig?“ „Was stört dich denn genau?“ „O. K., sprechen wir über unsere Gefühle, aber dann sollten wir zum Thema zurückkehren.“

Diese Art des Argumentierens ist, wenn man sich die erste Regel anschaut, die ich dort oben formuliert habe, schon schwierig. Schliesslich soll es um Fakten gehen und diese Art von Kommunikation wischt die Fakten weg. Allerdings ist sie gerade bei den romantischen Vertretern der Weltveränderer sehr beliebt, denn diese fühlen sich meist emotional von einem Problem betroffen. Diese tragen sie dann gerne in den Diskurs und erpressen den Gegenüber emotional mit solchen Skripten. Das führt dann zu einem sozialen Terrorismus durch Menschen, die es nur gut meinen.

Fazit

Wenn wir die Welt verändern wollen, dann müssen wir dafür sorgen, dass diejenigen, die anderer Meinung sind überzeugt werden, aber nicht überwältigt. Denn nur, wenn Menschen sich selbst von einem Standpunkt überzeugt haben, werden sie ihn im Zweifel auch vertreten. Das bedeutet, dass jegliche Art von Zwang kontraproduktiv ist. Die Art wie viele wichtige und moderne Diskurse innerhalb, aber auch außerhalb, des Netzes geführt werden ist also eigentlich der Mittelpunkt der Frage, wie wir eine bessere ((lies: den moralischen und politischen Vorstellungen des Vertreters besser entsprechende)) Welt bekommen. In dem wir die Sache und die Freiheit des Einzelnen ernst nehmen, aber nicht uns selbst und unsere Mission.

Vorsicht vor den guten Menschen…

Nachdem ich mich jetzt schon einmal darüber geäußert habe, dass wir romantische Strömungen in unserer Gesellschaft haben und ich dem Phänomen eher negativ gegenüberstehe, ((Okay, das ist ein reiner Euphemismus. Ich find’s eklig.)) muss ich jetzt auch mal erklären, warum dem so ist. Dazu mache ich hier mal eine kleine philosophische Einteilung auf.

Jedes philosophische System erstellt auch ein Menschenbild. Und diese Menschenbilder zeigen bestimmte Hoffnungen und Annahmen über den Menschen. Das ist schön, aber um das gleich klarzustellen: die sind alle falsch. Oder sie sind alle richtig, sucht es euch aus. Diese Menschenbilder kann man grob in diejenigen unterteilen, die den Menschen positiv und die, die ihn negativ sehen. Ich erkläre das mal an zwei Beispielen.

Thomas Hobbes – Hilfe, wir brauchen einen Diktator

Thomas Hobbes schrieb in seinem Leviathan die erste der politischen Vertragstheorien der Neuzeit. Er plädiert in dem Werk, dass man einen eigenständigen Souverän braucht. Seine Begründung zieht er dabei aus einer Analyse des Menschen im sogenannten Naturzustand dieser fiktive Zustand ist Hobbes‘ Vorstellung für eine ungeregelte menschliche Gesellschaft. Seine Vorstellung ist die einer gewalttätigen unberechenbaren Gesellschaft in der sich der Stärkste jedes Recht nimmt und man in dauerhafter Angst und Unsicherheit lebt. Dafür braucht es dann eben einen regulierenden Staat.

Hobbes ist ein Pessimist und Zyniker. Er erwartet von den Menschen nichts Gutes. Er misstraut ihnen auf Schritt und Tritt und gesteht deswegen einem Gemeinwesen nicht einmal zu, dass es nach der Einsetzung seines Souveräns, des titelgebenden Leviathans, keinen Einfluss mehr auf diesen hat. ((Ob das so eine gute Idee ist, ist eine andere Diskussion.)) Hobbes ist durchgehend skeptisch gegenüber der menschlichen Natur. Das führt allerdings auch dazu, dass er sich für ein politisches System ausspricht, das eigentlich nur das Schlechte im Menschen, das er sieht, reguliert und sich damit zufrieden gibt. Hobbes halt also ein negatives Menschenbild, es führt aber in der Verwirklichung zu einem Staat, der Freiheiten nur einschränkt, damit das Tier in uns die  anderen nicht umbringt. Man sieht hier also, dass ein eher negatives Menschenbild einen zu einer regulierenden Idee über menschliches Zusammenleben führt. Man möchte etwas verbessern, das man als negativ wahr nimmt. Und mehr als diese Verbesserung braucht es meistens nicht. ((Okay, man kann über das Ziel hinausschießen, aber dann landet man automatisch in der anderen Kategorie.))

Karl Marx – Die Hoffnung stirbt zuletzt ((Das tat sie dann ungefähr auf Höhe Stalins.))

Marx hat uns eine Vielzahl philosophischer Ideen hinterlassen. Das Ziel seiner Philosophie ist aber der sogenannte wissenschaftliche Kommunismus. In diesem soll es kurz gesagt dann keine Herrschaft mehr geben. Er begründet seine historisch-kritische Theorie auf einer Wirtschaftsanalyse und zieht damit seinen Kommunismus basierend auf wirtschaftlichen Ideen auf. In diesem zukünftigen Kommunismus soll es aber keine Herrschaft mehr geben. ((Lies: Die Produktionsmittel gehören allen.)) Das bedeutet allerdings auch, dass jeder in der kommunistischen Gesellschaft freiwillig arbeiten muss, damit die Welt weiter läuft. In Marx‘ Ideenwelt machen die Menschen das auch, weil sie erkennen, dass es das Beste für sie ist, wenn sie der Gesellschaft dienen. Diese Idee setzte sich dann im realen Sozialismus Osteuropas erstmal auf irgendeine Art fort. Doch stellte man schnell fest, dass es nicht funktionierte. Die Menschen begannen weniger zu Arbeit zu erledigen, weil sie soundso bezahlt wurden. Keiner tat etwas, was er nicht dringend musste und so musste sich der Staat Anreizmodelle einfallen lassen. Die eine Idee waren die Aktivistenorden in der DDR, also ein positiver Stimulus. Die leiern sich nur leider aus. Deswegen setzte man dazu auch noch auf geheimdienstliche Überwachung und Oppression. ((Die wurde auch eingesetzt um Landflucht vorzubeugen. Immerhin brauchte man die Leute und konnte sich auch nicht vorstellen, warum die überhaupt nicht im Sozialismus leben wollen.))

Hier sieht man, dass ein positives Menschenbild das Problem birgt, dass man oppressiv werden muss, wenn die Menschen sich nicht an die Vorstellungen halten, die man selbst von ihnen hat. Man muss sie also zu ihrem Glück zwingen. Das bedeutet dann auch, dass sie dieses Glück verlieren, denn sie sind in einem totalitären Zwangsstaat. Ein positives Menschenbild führt also langfristig zu Überwachung und Staatsterrorismus.

Vorsicht vor den guten Menschen…

Man kann also sehen, dass Ideale über das menschliche Zusammenleben und ein idealistisches Menschenbild immer dazu führen, dass man Menschen, die sich nicht an diese hohen Standards halten, also einfach Menschen sind, zu ihrem eigenen Glück zwingen muss. Das kollidiert dann mit der Welle an Romantik, die da durch die Welt schwappt. Es gibt also sehr viele Menschen, die sich nach einer heilen Welt sehnen und glauben, dass man die dadurch erreichen kann, dass man andere Menschen dazu auffordert sich entsprechend zu verhalten. Gerade soziale Netzwerke sind ein einfacher Weg sozialen Druck auf Menschen aufzubauen, die das persönliche Romantikempfinden stören oder aber sogar daran zweifeln, dass diese Ansicht eine valide auf der Welt ist. Sie haben also ein negatives Menschenbild und das kann man ja nicht haben. Die Welt soll gut und toll sein, wir sollen uns alle lieb haben und die niederen Teile unseres Wesens überwinden oder unterdrücken.

Doch was ist, wenn die anderen das nicht tun? Dann wird Druck aufgebaut, gerne über die emotionale Schiene und über einen diffusen Moralbegriff. ((Beide zutiefst verabscheuungswürdig.)) Dabei werden essentielle Grundlagen des zwischenmenschlichen Umgangs ignoriert und verletzt. Weder wird auf die Eigenständigkeit des anderen, noch auf sein Recht zu einer eigenen Meinung Rücksicht genommen. Man weiß ja schliesslich selbst, was die bessere Welt wäre. Dazu kommt noch, dass dieses Verhalten einen blind gegenüber den meisten Dimensionen einer multivariaten und komplexen Welt macht. Es ist also auch jenseits absoluter Menschenfeindlichkeit als Problemlösungsstrategie für eine soziale Gruppe eine absolute Katastrophe. Denn der Einzelne ist immer blind gegenüber den Änderungen in der Welt und die einzige Hoffnung ist der Diskurs mit den anderen. Wenn man diesen dann unterdrückt, weil es nicht dem kitschig-romantischen Weltvorstellungen entspricht, endet man im Terrorismus der guten Menschen.

Fazit

Wie die Überschrift sagt: misstraut Menschen, die nur das Gute wollen. Sie sind die Diktatoren von morgen. Sie haben nicht mehr Ahnung, wie die Welt läuft als man selbst und sie haben im Zweifel keine Skrupel ihre Interessen mit sozialer oder sogar körperlicher Gewalt durchzusetzen, denn sie nehmen für sich in Anspruch das richtige und Gute zu tun. Aus einem positiven Menschenbild folgt nämlich immer Terrorismus, ob in sozialen Netzwerken oder an der Spitze von Staaten ist hierbei vollkommen egal.

Soziale Entropie II

Ich hatte schon einmal über das Phänomen der sozialen Entropie gesprochen oder besser es irgendwie erfunden ((Bisher hat sich keiner beschwert, aber das ganze Konzept ist eh nur ein glorifizierter Name für etwas, das jeder kennt. Das ist aber öfter so, besonders in der Geisteswissenschaft.)) Nachdem ich beim letzten mal eher darüber geredet habe, wie man Kontakte, die man haben möchte, aufrecht erhält, geht es diesmal um die Frage, die ich da am Ende gestellt habe: Welche Menschen sind mir diese Kosten warum wert? und erweiternd: Was bin ich bereit in Kauf zu nehmen um mit diesen Menschen Kontakt zu halten?

Beziehungskreise

Die erste Frage sieht aus, als wäre sie einfach zu beantworten, ist sie aber nicht. Wir existieren ja in einem Geflecht aus Beziehungen und alle Menschen um uns herum auch. Das bedeutet zum einen, dass man in bestimmten Bereichen Beziehungen zu Menschen hat, die man nicht lösen kann und bei denen man die entsprechenden Menschen akzeptieren muss ((Klassisches Beispiel wäre der Beruf, wobei man da ja immer noch die ultima ratio der Kündigung hat. Leider sind auf diese Möglichkeit nur hohe gesellschaftliche Strafen drauf ausgesetzt.)), und es bedeutet auch, dass man über seine Beziehungen automatisch Teil anderer Beziehungsnetzwerke wird. Nimmt man da die Welt der modernen sozialen Netzwerke hinzu, lassen sich wohl mehrere Kreise aufmachen. Zum einen der Kreis derjenigen, die man als enge Beziehungspartner sieht ((Also sowas wie Familie, enge Freunde und Liebespartner.)). Dann gibt es die Menschen mit denen man regelmäßig zu tun hat. Die letzte Gruppe ist die größte: Menschen, mit denen man eigentlich nichts zu tun hat, außer dass sie jemand sind, den jemand anderes kennt, der im Idealfall eine enge Beziehung zu einem hat.

Das bedeutet dann auch, dass man sehr viel Energie investieren muss, um diese ganzen losen Beziehungen zu bewältigen, obwohl sie alle gemeinsam nicht genug sozialen Wert gegenüber auch nur einer engen Beziehung haben. Man beschäftigt sich also immerzu mit den Äußerungen von Menschen, die eigentlich kaum Beschäftigung bedürfen oder keinerlei signifikante Wirkung auf das persönliche Leben haben. Sie nehmen aber viel Zeit und Energie in Anspruch ohne einen Mehrwert zu haben. Es entsteht da eine hohe soziale Entropie, die man immer wieder bewältigen muss. Die Menge an bewegenden „Teilchen“ ist halt sehr hoch.

Modalitäten

Doch auch die Art, wie ein soziales Netzwerk funktioniert hat einen Einfluss darauf, wie groß die Kosten sozialen Kontakts sind. Es gibt zwei große Modelle, nach denen soziale Netzwerke Menschen miteinander verbinden.

  • Das Freundschaftsprinzip wird vor allem von Facebook propagiert. Dies ist generiert immer synchrone Beziehungen zwischen Nutzern. Ich bin dein Freund und du meiner und wir haben den selben Zugang zu allen unseren Daten, Informationen und Posts. Es bedeutet, dass man immer genauso große Mengen an Informationen bekommt, wie man sendet. ((Also, abhängig davon, wer wieviel von sich gibt. Es ist eine relative Angabe. Ungleichgewichte verschlimmern das Problem für den passiveren Partner aber sogar noch.))
  • Das Followerprinzip ist die Basis von twitter und beruht darauf, dass jede Äußerung von vorneherein öffentlich ist, außer sie ist explizit privat. Den öffentlichen Äußerungen kann ich dann folgen, ohne dass für denjenigen, der sie tätigt eine Verpflichtung entsteht auch mir zu folgen.

Für diese Betrachtung ist damit natürlich auch klar, dass ein soziales Netzwerk nach dem Freundschaftsprinzip eine weitaus höhere soziale Entropie aufweist, als eines, das nach dem Followerprinzip funktioniert. Denn man ist den Nachrichten der anderen ausgeliefert und das Beziehungsformat impliziert, dass man sich alles anhören muss, wenn man auch gehört werden will. Das ist beim Followerprinzip nicht der Fall, denn dort besteht keine soziale Verpflichtung Menschen zu folgen, die einem folgen und umgekehrt. Man selektiert also, welchen sozialen Lärm man sich antun möchgte und welchen nicht.

Fazit

Wir haben durch das Internet die Möglichkeit mit Menschen in Kontakt zu bleiben, bei denen wir ansonsten viel investieren müssten, um es zu tun. Die Kosten dafür sind also niedriger geworden, doch die Möglichkeiten, die wir dafür primär benutzen generieren soviel soziale Entropie, dass die Gesamtkosten für unser Leben, Energie und Zeit, am Ende größer sind als zuvor, wo man konzentriert und punktuell miteinander in Kontakt getreten ist. Das tut man im Prinzip immer noch, aber das Getöse an Nebensächlichkeiten ist um ein vielfaches lauter geworden.

Damit bleibt die Frage, was man in Kauf nimmt um mit Menschen in Kontakt zu bleiben und was nicht. Wir haben viele neue Möglichkeiten, aber diese führen nicht immer dazu, dass man besser Kontakt hält. Oft erhöhen sie nur den Lärm im Leben. Es ist also eine gute Idee sich zu überlegen, was man benutzt um mit den anderen zu kommunizieren und wie.