Kurzreisen: Berlin – Kieze und Schnellzüge

ICE 1511

Ich sitze auf dem Heimweg im ICE Richtung München. Mir gegenüber sitzt ein junger Mann, der definitiv jünger als ich aussieht und mich gleichzeitig mehrfach despektierlich gemustert hat. Er sieht aus, als wäre das einzige, was er auf seinem Rechner macht, Wagner hören, während er Spreadsheets ausfüllt. ((In Wirklichkeit zockt er übrigens Strategiespiele…)) Nun gut ich sehe immer noch aus wie ein Greenpeaceaktivist, der nach dem letzten Einsatz auf hoher See noch nicht zum Duschen gekommen ist. Vielleicht kann den jungen Mann ja in ein Spiel römische Mühle verwickeln. Er sieht aber irgendwie unhappy aus…

Ich habe mir übrigens auf dem Bahnhof Rolf Dobellis Die Kunst des klaren Denkens gekauft und schon sehr genossen.

Ku-Damm

Gestern war ich total random unterwegs und fing aus Schulbewusstsein gegenüber dem westlichen Teil der Stadt am Ku-Damm an. Der Apple Store ist sehr apple-ig ansonsten hatte ich kein Konsumbedürfnis und fand das alles nur genauso befremdlich, wie die Oxford Street in London.

Kreuzberg – Markthalle Neun

Auf Holgis Empfehlung hin machte ich mich dann auf nach Kreuzberg in die Markthalle Neun. Kreuzberg ist etwas industrieller als Neukölln, aber genauso liebenswert in seiner Kiezigkeit. Man merkt an der Auswahl der Geschäfte, dass der Stadtteil hipper ist als Neukölln, aber das war es auch. Die ungefähre Stunde, die ich dort durch die Strassen wanderte zeigte auf der einen Seite viel Armut, aber auch einen gewissen jugendlichen Trotz mit dem sich Geschäfte und Menschen gegen diese stellen. Es scheint fast so, als wäre es prekärer als Neukölln, das eher bürgerlicher wirkt. Wohlgemerkt bin ich kein Berliner Sozialforscher oder -politiker und kann das eigentlich nur aus dem Gefühl heraus sagen. Ich würde in beiden Gebieten gerne leben, viel lieber als den Trabantenstädten von Mitte oder in der verzweifelten Elite des Prenzlauer Bergs.

Markthalle Neun

Irgendwann hatte ich die Markhalle Neun gefunden. Ein großer Backsteinbau, der mich wünschen lässt, dass es solche Industrie- und Handelsdenkmäler auch in meiner Nähe gäbe. Natürlich braucht Bamberg das nicht, aber es rührt schon romantisch an mir. In der Halle gibt es neben einem Aldi und einem Kik jede Menge alternativ aussehender Streetfoodstände. Mir wurde das Pulled Pork empfohlen und diese Empfehlung gebe ich jetzt komplett weiter. Von der selbstgemachten Limonade bis zum Essen selbst, war es eine äußerst leckere und puristische Erfahrung. Das Fleisch war unheimlich zart, die Saucen erstaunlich lecker und alles wirkte sehr naturbelassen aber im Einklang miteinander. Auch die anderen Stände, vom italienischen Brot bis zur Kantine, die jeden Tag für die Besucher der Halle kocht, sahen sehr gut aus, wenn ich selbst auch leider kein Hunger mehr hatte.

Pilled Pork und Beef Brisket Plate

Kurzreisen: Berlin – Ausblicke und Einblicke

Der Tag fing mit der Erkenntnis an, dass ich mir irgendetwas geholt habe, das sich in meinem Hals festgesetzt hat. Hoffentlich wird das nicht schlimmer und stirbt unter dem Haufen Medizin mit dem ich es bewerfe. Andererseits muss ich schon am Samstag wieder arbeiten, was irgendwie durch eine Erkältung vermieden werden könnte.

Fernsehturm

Ich ging dann los und musste mich am Morgen entscheiden, ob ich erst zur Museumsinsel gehe oder auf den Fernsehturm. Der rutschte als Option auf die Liste, weil es schönes klares Wetter war. Und er wurde dann auch gleich das erste Ziel.

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Ich stand dann auch erst einmal fröhlich in einer langen Schlange, konnte aber ein frühes Ticket ergattern und war dann auch relativ schnell oben. In der tiefen Morgensonne war fotografieren nicht ganz so einfach, aber ich habe es dann geschafft nach ordentlichem Rumbearbeiten ein paar Bilder zu bekommen.

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Museumsinsel

In meiner WelcomeCard der BVG war ein Tagesticket für die Museumsinsel enthalten und ich habe wieder gemerkt, dass mir Ausstellungen von alten Objekten wenig sagen, wenn ich keinen Kontext habe und dass Audioguides sehr anstrengend sind. Dazu kam, dass das Museumspersonal irgendwie so wirkte, als würde ich es stören. Ich habe die Nofretete gesehen und einen goldenen Hut und festgestellt, dass mir da alles weniger sagte, als es sollte und vielleicht auch wollte. Ich fand das British Museum irgendwie cooler.

Neukölln – Schillerburger

Es zahlt sich aus, wenn man Leute kennt, die die Stadt kennen. Also fragte ich Holgi, wo man noch so essen gehen sollte und kam seiner ersten Empfehlung Schillerburger nach. Der liegt in Neukölln und ich war das erste Mal in einem Kiez, in dem ich sofort wohnen würde. Weder die Boheme der Innenstadt, noch die emotionslosen Plattenbauten um das Hotel würden mich anziehen. Neukölln wiederum? Sofort.

Der Burger war geil und die Fahrt wert:

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Kurzreisen: Berlin – Bars und Bundestage

Bars

Ich war gestern abend dann noch unterwegs und wurde von kompetentem Personal in sehr gute Läden gebracht. Zum einen das Hanage im Prenzlauer Berg. Hier gibt es Okonomiyaki, also japanische Pfannkuchen aus Kraut, Reis und Ei. Da reicht einem wirklich einer, so gehaltvoll waren die. Der Laden ist nett, klein und immer voll. Dann landeten wir in einer Bar. Ich fühle mich in Bars deplatziert, auch wenn ich schon in welchen war und das auch genossen habe. Da kommt die Underdogmentalität heraus. Die Bar war aber geil. Sowas kriegst du in unserer Provinz so nicht. Vor allem nicht diese absolut geilen Cocktails mit schottischem Rauchwhisky. Ich stehe ja schon so auf diesen, aber wow. Das war gut. Die Unterhaltungen waren auch spannend. Ich werde öfter mal in eine Bar gehen in Bamberg.

Bundestag

Dann ging es los Richtung Ringbahn und Bundestag. Die Tatsache, dass der Hauptbahnhof dieser Stadt für einen Hauptbahnhof beschissen zu erreichen ist, sagt auch irgendetwas. Ich begab mich die Kamera schwingend ins Regierungsviertel und stellte fest, dass es nicht nur erschreckend kalt sondern auch diesig war.

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Am Kanzleramt vorbei ging es dann über das Paul-Löbe Haus zum Reichtstagsgebäude.

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Dort wurde ich vom äußerst freundlichen Besucherdienst des Bundestages empfangen und durfte mir erst einmal die Kuppel ansehen, bevor es zum Plenarsaal und einem Vortrag auf der Besuchertribüne ging. Die Sicherheitsvorkehrungen hier sind erstaunlich, aber verständlich, trotzdem sind die Leute freundlich entspannt und hilfsbereit gewesen. Der Vortrag war gut, informativ und der Plenarsaal wirkt erstaunlich klein.

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Danach entschied ich mich in einem Anfall von Wahnsinn unter den Linden bis zum Alexanderplatz zu laufen. Zum einen, weil das irgendwie so schön touristisch ist, zum anderen weil von dort eine sinnvolle U-Bahn Verbindung für die nächste Etappe existiert. Dafür gibt es jetzt hier das Klischeefoto vom Brandenburger Tor:

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bpb Medienzentrale – Stadtmitte

Die Gegend um die Friedrichstrasse wirkt als erste, als wäre ich in einer alten Großstadt, hohe Gründerzeitgebäude, U-Bahn Eingänge in der Mitte der Strasse und diesen Restaurants, die sagen: „Auch wir möchten etwas London sein.“ Am Ende ist das auch kurzzeitig glaubwürdig, bis man in die U-Bahn Station zurückkehrt. Achja, bpb Medienzentrale ist toll. Das ist für Politiklehrer wie ein Süßigkeitenladen für Kinder. Ich habe Zeug mitgenommen und dann ging es Richtung Computerspielemuseum.

Computerspielemuseum

Ein anderer Ort, der ein Schlaraffenland ist. Leider ist es noch etwas klein, aber mit sehr viel Liebe gestaltet und ich fühlte mich auch echt wohl. Es ist weniger ein Lesemuseum als ein Anschau- und Spielemuseum, was ich ja immer gut finde. Es ist einen Besuch absolut wert. Hier ein Symbolfoto:

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Hotelbar

Irgendwie landete ich dann übermüdet in der Hotelbar und hatte einen eher durchschnittlichen Long Island Ice Tea mit einem Clubsandwich, das jedenfalls ich nicht mit Würde essen konnte. So, und das war es für heute.

Kurzreisen: Berlin – Anreisetag

IC 2300

So, auf geht es nach Berlin. Ich sitz hier in der nahezu leeren ersten Klasse des IC 2300 neben zwei jungen Menschen, die sich mit einer größeren Sammlung digitaler Geräte beschäftigt und tippe in ein überbuntes Macbook Air, nachdem ich folgendes Symbolbild des morgendlichen Zuges geschossen habe. Es hat Filter. Ich habe Auflagen zu erfüllen.

Die Reise bis zum Zug war kalt und viel Warten geprägt, das teilweise auf die Busfahrpläne in Bamberg und teilweise auf meine neurotische Angst vorm Zuspätkommen zu tun hat. Ich weiß nicht was schlimmer ist, aber im Zweifel meine Neurose. Die nächsten Stunden werde ich hier rumsitzen und podcasthörend Tatort Schrebergarten spielen. Einfach nur, damit eine Person am Tisch Sachen tut, die Kinder so tun.

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Berlin Hauptbahnhof

Ich war länger nicht mehr hier, aber wer hat dieses Ding denn bitte gebaut? Es ist komplett symmetrisch und wenn man die TRAM sucht, dann ist die nirgendwo ausgeschildert. Busse, ja. S-Bahn, ja aber fährt nicht. U-Bahn, ja. TRAM? Nö. Warum? ich fand sie dann bei den Bussen und fuhr eine halbe Stunde fröhlich durch ein kaltes Berlin. Dabei kam ich am Ende an nahezu jeder Punkt der östlichen Innenstadt vorbei. Es ist erstaunlich wie viel hässliche DDR Platte hier noch steht. Bei uns™ hat man die schon aufgehübscht oder gleich komplett zurückgebaut. Hier scheint das alles voll belegt und im Zustand von 1990 zu sein. Irgendwie gruselig.

Ich kam dann an meinem Hotel, einem Klotz an der Landberger Allee, an und bin wenigstens davon halbwegs befriedigt. Das W-LAN ist kostenlos ohne Quatsch und langsam, aber nunja, man kann ja nicht alles haben.

Prenzlauer Berg – Hotelumgebung

Das Hotel selbst ist direkt an mehreren größeren Strassen und wird gegenüber auch von diesen zärtlich-kasernenartigen Wohnblöcken umringt, die ich automatisch mit Ostdeutschland in Verbindung bringe, aber von denen ich es nicht genau sagen kann, denn auch der Westen hat in den 70 und 80ern viel verbrochen, das sich dagegen noch als nett ausnimmt. Vielleicht ist es gerade die Modernisierung, die der Osten nach der Wende bekommen hat, die da den Unterschied macht. Das Hotel ist in einem Gebäudekomplex, der Wohnen und Geschäft auf diese möglichst trist-unangenehme Art zu verbinden weiß, die einen jetzt schon auf die Cyberpunkzukunft vorbereitet.

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Ich war dann noch bei einem „mexikanischen Restaurant/Cafe“, in dem ich der einzige Gast war und dessen Speisekartenlänge und Salatdressing es als eines dieser Etablissements ausmacht zu denen man geht, weil man keine Wahl mehr hatte. Nach dem eher rudimentären Burrito hoffe ich, dass das Essen heute abend weitaus besser wird und sich dieses hier entweder früh oder besser gar nicht rächt.

Projektupdate Infinity

So, wir haben mittlerweile genug Terrain und Miniaturen zum Infinity spielen zusammen und ich bin göttlich am Verlieren die meiste Zeit. Damit habe ich nicht wirklich kein Problem, wobei ich leider noch nicht auf einem großen Tisch spielen konnte. Und da sind wir dann auch schon irgendwie beim Thema.

Nachdem es genug Papierterrain gibt, um den Tisch zu füllen, kommt jetzt der Bastelteil. Der Backspace hat glücklicherweise nicht nur einen 3D-Drucker, sondern bietet auch die Möglichkeiten Miniaturen zu bemalen und vielleicht längerfristig auch Spaß mit einem Lasercutter zu haben. Die Bastelseite des Hobbys gewinnt also an Fahrt.

Dann muss ich nur noch anfangen taktisch schlau genug zu sein und zu gewinnen.

Wer ist eigentlich dieses „wir“?

Ich bin etwas durch mahas Vorträge über Sprache vielleicht zu sensibilisiert, aber in einiger Kommunikation, die mir in letzter vor die mentale Flinte kam, fiel mir etwas auf. Einzelne Menschen, die etwas von mir möchten, verwenden das Wörtchen wir, wenn sie eigentlich nur erst einmal als Einzelperson auftreten.

Wir kann, wie man aus mahas Vortrag vom 25c3 erfährt, drei verschiedene Bedeutungen haben:

  • das inklusive wir nimmt den adressierten Menschen mit ein „Wir alle“
  • das exklusive wir nimmt den adressierten Menschen aus „Wir Lehrer“ gegenüber Schülern
  • das extensive wir erweitert die Gruppe ins Unendliche „Wir dürfen nicht zulassen.“

Das erste wir, das mir begegnete war in einer Anfrage, die zwar von einer Einzelperson kam, aber ein paradoxes wir enthielt. Das war einfach zu lösen, denn am Ende steckte da doch eine Gruppe dahinter.

Spannender ist da schon ein persönliches Gespräch, das mir passierte. Da sprach die Person gegenüber dann immer wieder von einem wir, dabei ist weder klar, warum noch für welche Gruppe dieses wir gehen sollte, ging es in dem Gespräch technisch gesehen um einen Gedankenaustausch. Aber dieses wir macht daraus etwas anders. Denn auf einmal spricht da wer für jemand anderes und hält sich vor allem für ein Teil der Gruppe, für die er denkt zu sprechen. Das ist dann schon spannend, weil das erste ist eine Chimäre, wenn das zweite nicht stimmt. Trotzdem war dem so… also kommt hier eine Eigenzuschreibung hervor und so offenbahrt man mehr über sich als man wollte.

Sprache ist schon was tolles…

Drei Akkorde und die Wahrheit

Irgendwie muss jeder so seine Position in der Welt finden…

Ich hatte vor einiger Zeit ein Gespräch in dem jemand zu mir sagte:

Ich hab gemerkt, dass ich hier nichts verändern kann, also habe ich mich damit arrangiert.

Die Idee, dass man sich gerade in Berufen wie meinem einrichtet, alles am Arsch vorbei gehen und sich diesen dann auch schön versilbern lässt, ist nicht selten. Immerhin kann man am System eh nichts ändern und es geht ja auch um nichts… außer der Bildung unserer Kinder und Jugendlichen. Aber natürlich man wird langsam müde immer wieder gegen die willfährigen Erfüllungsgehilfen und Problemseher anzutreten, die Chancenaversität für Risikovermeidung halten und bei denen Strukturkonservativismus zur Ideologie und zum Selbstzweck geworden ist. Die Menschen leben in einer Welt, in der das Laufen des Systems gleichgesetzt wird mit seiner Sinnhaftigkeit. Es würde das ja alles nicht geben, wenn es notwendig wäre. Die Systemfrage, darf hier im übrigen nicht gestellt werden, weil nicht nur die Selbstdefinition der Vertreter, sondern auch deren Geldbeutel direkt an diesem hängt. ((Da sein mal angemerkt, dass die modernen Verwaltungen gerne politisch neoliberal-kalte Entscheidungen treffen, zu sich selbst aber mehr als freundlich sind, wenn es darum geht die eigene Leistung finanziell zu würdigen.)) Es zeigt sich also mal wieder, dass niemand bereit ist Sachen zu wissen, wenn ihr Gehaltscheck vom Nichtwissen derselben abhängt.

Das System und seine Vertreter wehren sich also gegen Widerspruch. Vor allem, wenn dieser aus den eigenen Reihen kommt, wird oft mit Erstaunen reagiert. Immerhin wähnt man den Kollegen doch als qua Amt und Aufgabe ideologisch gleichgeschaltet. Und wenn nicht, dann hat meist die Ausbildung versagt. Unbequeme Ideen werden an den Rand gedrängt und das System wehrt sich gegen den Störfaktor. Bevorzugt versucht man der Person, die nicht auf der wahrgenommenen Linie ist klar zu machen, dass mit ihr etwas nicht stimmt, wenn sie nicht diese Ansichten vertritt. Eine Strategie, die gerade bei denjenigen verbreitet ist, die in ihrer angeblichen Offenheit besonders engstirnig sind. ((Sonderekelpunkte gibt es für die Leute, die glauben, dass sie dank irgendeiner pädagogischen oder psychologischen Ausbildung befähigt seien alles neutral und objektiv zu sehen und deswegen den Fehler grundsätzlich immer nur beim Gegenüber zu suchen haben. Diese Art anderen Motive zu unterstellen, die man eigentlich nur bei sich selbst findet, ist nur ekelhaft sondern auch der Anfang von Gehirnwäschen und Gleichschaltung. Die perfide Idee, dass abweichende Meinung ein Indiz für abweichende Persönlichkeit ist, ist gerade unter Menschen im Bildungssystem immer noch zu sehr vorhanden. Weder die moderne Psychologie, noch ein einfacher menschlicher Ethos können diesen Standpunkt noch rechtfertigen.))

Die Frage allerdings ist, was bedeutet das für einen selbst? Das ist schwierig zu sagen. Soll man, wie oben zitiert, sich arrangieren? Vielleicht. Allerdings kann man sich auch einfach nur seine Kämpfe aussuchen und damit mehr Energie für diejenigen haben, die einem wichtig sind. Soll man dauerhaft blockieren und zum enfant terrible werden, mit dem keiner mehr redet? Sicherlich nicht. Man möchte ja am Ende der bessere Mensch sein. Also ist es besser zu warten, bis die andere Seite sich entlarvt in dem sie einem den Dialog unter unbegründeten Vorwürfen kündigt. Dialogbereitschaft unter Nicht-aufgeben der grundlegenden eigenen Position macht in der merkelisierten Welt der Verhandelbarkeit von allem die Gegenseite nahezu kirre. Natürlich ist man erst einmal dem anderen ausgeliefert, weil dieser mehr Spielraum und weniger Prinzipien hat, aber dann hat die Person gegenüber die Räume geöffnet, und man selbst kann in diese auch eintreten und zum eigenen Gunsten verhandeln. Selbst unsere Bundeskanzlerin hat no-gos und sowas tut dann im Zweifel genau diesen Leuten auch weh. Dazu sollte man nie vergessen, dass sich jedes System hacken lässt, wenn man nur seine Regeln kennt…

Wenn man also etwas in einem System verändern möchte, dann hilft es am Ende eben nicht allein, „drei Akkorde und die Wahrheit“ zu haben, wie das der Punk predigt. Natürlich braucht man Haltung, die man aus meiner Sicht dringend besitzen wie die Bereitschaft zum Stellen der Systemfrage immer haben sollte, aber man sollte sich auch überlegen welche Kämpfe man kämpft und mit wem man es da zu tun hat. Wenn man schon für seine Überzeugungen aufsteht, sollte es eine gewisse Gewinnwahrscheinlichkeit geben. Denn sonst ist man heldenhaft für nichts gestorben…

Geschichtsstunde

„Hallo liebe Kinder, heute beschäftigen wir uns mit dem Anfang des 21. Jahrhunderts.  Das letzte Mal beschäftigten wir uns mit den Anschlägen vom 11.September 2001 und den Kriegen, die dadurch gerechtfertigt wurden. Öffnet bitte die erste Mediendatei auf eurem Tablet. Was könnt ihr darauf sehen?

Ja, Marlene.“

„Dort marschieren Menschen auf der Strasse. Sie scheinen gegen Islamisierung zu protestieren. Dazu haben sie Schilder mit ‘Lügenpresse’.“

„Richtig. Dies passierte 2014 und 15 in Dresden. Die Stadt selbst hatte aber nur eine sehr geringe Ausländerquote und eine noch niedrigere Quote an Muslimen.“

„Aber ist das nicht unlogisch?“

„Ja, Ahmed ist es. Menschen sind selten logisch. Um dem Problem auf den Grund zu gehen sehr euch bitte die nächsten Mediendateien an. Da findet ihr Statistiken und verschiedene Aufzeichnungen.“

——–

„Gut, zu welchem Ergebnis seid ihr gekommen?“

„Die Menschen haben vor irgendetwas Angst gehabt. Die Politiker haben diese Angst geschürt, weil es einfacher zu sein schien, die Bevölkerung dadurch zu kontrollieren.“

„Gut, Ebru.“

„Aber die Muslime haben genauso mitgemacht. Sie haben sich nicht an ihre Weisung der Friedfertigkeit orientiert und sich provozieren lassen.

„Ja, aber würde dich das nicht provozieren immer nur als der Böse gesehen zu werden? Ich hab das selbst nicht erlebt, aber meine Eltern erzählen mir manchmal davon, wie es war, für seine Religionsgenossen verantwortlich gemacht zu werden. Wenn du dazu noch arm bist und dich nicht in deiner Heimat daheim fühlen darfst, dann setzt dir das schon zu. Und dumme Menschen werden dann aggressiv.“

„Ja, dumme Menschen!“

„Nana, Günther. Die gesellschaftliche Ungerechtigkeit im Bildungssystem den Opfern dieser Probleme zuzuschreiben ist einfach, aber nicht gerechtfertigt.“

„Na gut.“ 

„So, kann jemand nochmal zusammenfassen, was wir aus dieser Periode lernen können? Ja, Ebru.“

„Wir können lernen, dass Angst dazu führt, dass Menschen dumme Sachen machen und dass es immer wieder Menschen gibt, die dies benutzen um Vorteile daraus zu ziehen. Dazu, dass Religionen keine Ausrede für irgendein Verhalten sein können und Zivilisation nicht ersetzen.“

„Das ist doch ein schöner Abschluss. In der nächsten Stunde reden wir dann darüber, wie es weiterging. Diese Phase nennt man heute „die neue Inquisition“.“

Über Teams und Kollektive

Was ist eigentlich ein gutes Team? Je nach philosophischer Ausrichtung ist die Antwort auf diese Frage sehr unterschiedlich. Eine Antwort, die ich letztens bekommen habe ist aus der holistischen Fraktion. Da heißt Team eigentlich nur, dass man gut zusammenarbeitet. Das Ziel ist festgelegt, man arbeitet gemeinsam darauf hin. Alles ist schön. Man versteht und unterstützt sich, alles ist gut.

Diese Art von Team kann man auch als Kollektiv begreifen. Das Wort ist etwas verbrannt, weil es auch in den sozialistischen Staaten des 20. Jahrhunderts für die Gruppe der Allgemeinheit benutzt wurde. In der DDR war jeder Betrieb ein Kollektiv. Man arbeitete gemeinsam auf die Planerfüllung hin und soll diese aber nicht hinterfragen. Denn das Kollektiv hat vorher eine Entscheidung getroffen und geht jetzt diesen Weg.

Diese Idee scheint gut zum monolithischen Charakter der DDR zu passen, doch heute wo alles irgendwie agile ist, scheint es bessere Wege zu geben. Im Zuge der Postmoderne wurde die Idee des Kollektivs durch die Idee des Individuums nahezu verdrängt. Man ist heutzutage ich-zentriert und damit ist auch schwer zu vermitteln, dass man sich einer festen Struktur, der das angebliche WIr entgegenstrebt unterordnen muss. Es muss in einem modernen Team jedem Mitglied klar gemacht werden, dass es in dessen Interesse ist, auf das Ziel zuzuarbeiten. Eine a-priori Setzung von im Zweifel engen Zielen ohne demokratischen Abgleich ist, wenn man die größtmögliche Unterstützung haben möchte, nicht mehr zielführend. Stattdessen sind breite Ziele und Mitbestimmung der Weg um zu einem Gruppenerfolg zu gelangen.

Breite Ziele und Mitbestimmung sind dann aber auch genau das Problem, das es bei diesen Prozessen zu managen gilt und dessen Management zu oft noch mit Autokratie versucht wird zu erschlagen anstatt durch Kommunikation zu lösen. Kommunikation bedeutet hierbei auch, dass die Projektführung eine oppositionelle Meinung versucht zu integrieren und nicht einfach Akkomodation oder gar Assimilation des Oppositionellen verlangt. Das kann am Ende dazu führen, dass sich die Gruppenziele ändern. Der Oppositionelle ist dabei nicht per se teamunfähig, sondern weißt mit seiner Anwesenheit auf das strukturelle Problem der Gestaltung eines Teams als Kollektiv hin: um erfolgreich arbeiten zu können muss das Ziel der Arbeit auch immer zur Debatte stehen. Denn nur dann kann man Pyrrhussiege oder komplette Debakel vermeiden. Die Systemfrage muss immer stellbar sein und befriedigend beantwortet werden können, sonst hat sich das Team mitsamt seiner Aufgabe als soziales Konstrukt überlebt.

Diese Idee des Hinterfragens ist übrigens nicht neu. Schon in den polytheistischen Religionen finden sich Trickstergottheiten, deren Aufgabe die Bildung durch Hinterfragen und Karikieren war. Die Aufgabe, meist übernommen durch Schmanenen und ähnliche soziale Sonderrollen, war hier immer, den status quo zu hinterfragen und damit die Leitenden und Führenden ehrlich gegenüber ihren Zielen und Aufgaben zu halten. Für einen guten Plan war es immer auch wichtig jemanden zu haben, der die Löcher in ihm findet. Der Narr war frei zu sprechen, damit er einen davon abhielt zu scheinheilig zu sein.

Immunisiert man aber die Ziele einer Gruppe von der Kritik der Beteiligten, dann erwartet man schlicht dumpfe Loyalität für ein Ziel, das im Zweifel nicht jedes Mitglied der Gruppe teilt und schafft sich damit auch das Problem an, dass diejenigen, die man auf ein Ziel angesetzt hat nicht zurückmelden können, wenn dieses Ziel seinen Zweck verfehlt. Das Ziel ist nämlich sakrosant und der Kritiker daran stellt nicht nur das Ziel sondern das System in Frage und das kann ein starres System nicht zulassen, da solche Angriffe seine Existenz direkt bedrohen.

Aus einer wirtschaftlichen Perspektive ist so ein Vorgehen höchst unklug, da man zwar eine Investition tätigt, aber sich vor jeder Überprüfung des Sinns dieser Investition immunisiert. Den etwaigen Verlust hat man dann zwar nicht gegenüber sich selbst zu verantworten, aber man hat auch alle Möglichkeiten aufgegeben genau diesen Verlust abzuwenden. So wird aus einem Team eine Schicksalsgemeinschaft, die dann am Ende auch nur noch dem Schicksal ausgeliefert ist.

Es ist also wichtig, dass in einem Team immer auch das Ziel zur Disposition steht, da man ansonsten weder mit einer vollständigen Mitarbeit der Mitglieder noch einer Anpassung des Zieles an eine sich ändernde Realität rechnen kann.