Kategoriearchiv: Chaos

Berlin

So, ich war dann mal in der Bundeshauptstadt. Die ist im Sommer weitaus erträglicher als im Winter und generell war es ja schönes Wetter.

Ich habe nicht viel gemacht, aber das durchaus intensiv. Der Samstag war hauptsächlich davon geprägt, dass ich Jella getroffen habe und wir uns wunderbar unterhalten haben. Nochmal danke dafür.

So, und dann gab es ja touristisches zu tun. Das folgt dann jetzt mit Bildern und so.

Ich war im Magicum einem Museum für Mystik und Magie. Es ist sehr klein, privat, aber eigentlich ganz spannend. Es wird neben der klassischen Zauberei auch die verschiedenen mystischen Traditionen von Alchemie, Theosophie bis keltischer Naturreligion thematisiert. Allerdings alles nur sehr kurz und etwas populärwissenschaftlich, was aber auch etwas mit der geringen Größe des Museums zu tun hat. Ich fand es erhellend, aber etwas ambivalent.

Dann war ich noch nachts unterwegs und habe ein paar Bilder gemacht:

Berlin at Night 2

Reichstag

Der Rest findet sich in der Fotogalerie, die man erreicht wenn man auf die Bilder klickt.

Luna…

Bitte einmal hier drauf klicken, ich rede eh nur über dieses Lied.

Das ist die Neuaufnahme eines sehr alten Liedes von Omnia. Das Original war auf der ersten CD, die ich je von der Band gekauft habe. Es ist mit mir schon seit mehr als zehn Jahren unterwegs und diesmal schreibe ich darüber, warum dieses Lied etwas besonderes für mich ist.

Zuerst einmal können wir die Gestaltung abhaken. Es ist ein Harfenlied, gespielt auf einer keltischen Harfe. Die neuere Version hat auch noch ein paar andere Instrumente, aber die Harfe steht im Mittelpunkt. Harfen sind an sich schon Instrumente, die sich eher fein anhören, aber hier steht auch noch eine simple iterative Melodie im Vordergrund. Diese baut sich immer weiter auf, bis sie kurz vor dem Ende in einen Rhythmuswechsel kippt um dann wieder zu verschwinden. Mir hat es der Rhythmuswechsel angetan, weil diese Gegenstellung dem Stück eine Spannung gibt. Aber jenseits dessen gibt es da noch die Ebene an Musik, über die Leute so selten schreiben: was sie mit einer Person macht.

Luna ist ein Stück, dem eine Ruhe innewohnt. Meine Assoziation, und ich bitte gerne um weitere Kommentare, die da mitassoziieren, ist das, was ich gerade erlebe: eine Sommernacht mit Kerzen, klarem Himmel und der verklingenden Wärme des Tages. Man kann in einer wahnsinnigen Welt mal Atem holen und seinen Frieden finden. Das tut man glaube ich viel zu wenig.

Allerdings ist Luna auch ein melancholisches Lied. Das Booklet zur ersten Version erwähnte, dass es zum Tode einer Person geschrieben wurde und man kann das auch in dem Lied finden. Ruhe und Tod haben ja ein gemeinsame Basis. Also ist es auch Lied mit dem man zur Ruhe kommen kann und das einem Ruhe gibt.

Und Ruhe… haben wir ja leider immer zu wenig.

Berlin Calling – Hörer- / Leserinnentreffen

So, also ich bin vom 6.-8. August in unserer wunderschönen Hauptstadt. Ich habe am Sonntag, dem 7. August Zeit und würde mich bereit erklären, die verehrte Leser- und Hörerinnenschaft kennen zu lernen.

Dafür würde ich hier bitte um ein virtuelles Handzeichen und einen Vorschlag bitten, wo es sich am besten so trifft. Bevorzugt irgendwie in der Innenstadt ((Ja, ich weiß, dass die groß ist.)) Es gibt keine Versprechen für Verpflegung oder ähnliches, aber ich rede gerne mit euch.

Gut Morgen Sonnenschein – textkritische Ausgabe

Ihr alle kennt sicherlich dieses wunderbare Meisterwerk der Schlagerkultur:

Klingt total harmlos, sehr säuselig, jeder stöhnt schon bei Zeile eins. Den Refrain kennt jede Sau, aber die Strophen. Die haben es in sich…

1.

Alles kannst du ja sehen
Auf dieser Erde, auf dieser Erde
Doch nun ist es geschehen
Dass ich auch ohne dich glücklich werde
Die allerschönsten Stunden
In meinem Leben, in meinem Leben
Hab ich heut Nacht gefunden
Du hast geschlafen, so ist das eben

Also: „Hallo Sonnenschein, ich brauch dich nicht mehr, denn heute Nacht hatte ich so richtig Spaß (lies: wahrscheinlich Sex) und du warst nicht da. Sorry! (not).“ Okay, irgendwie klingt das alles auf einmal nicht nach dem langweiligen Schlagerliedchen. Öhm…

2. 

Wenn ich sehe wie deine Strahlen
So vor mir spielen, so vor mir spielen
Dann versuch ich mir auszumalen
Wie es heute Nacht war, kannst du es fühlen
Der Tag öffnet gerade die Augen
Lass ihn noch träumen, lass ihn noch träumen
Er wird dir sowieso nicht glauben
Was in der Nacht die Tage versäumen

Das wird nicht besser… Also, Sonnenschein, du spielst so und ich überlege, wie das Liebesspiel heute Nacht so war. Achja, erzähl dem neuen Tag nicht, was ich heut Nacht gemacht hab, weil der muss ja nicht wissen. (Man kann das auch als Fremdgeh-Hinweis deuten… nur so…)

Also, der Refrain kommt hundertmal, aber dazwischen geht es irgendwie richtig ab. Wenn ihr bisher nicht wirklich hingehört habt, tut es jetzt und lächelt leise. 

Sommermorgen 13.06.2016

Mühsam reckt sich das Morgengrauen der Sonne entgegen, streckt seine Arme und versucht im grauen Nieselregen aufzustehen. Die Frische der wässrigen Luft unter dem dauerhaft bedeckten Himmel verspricht eine Kühle, die nach der Hitze der Nacht nur klärend wirken kann. Der neue Tag sieht sich in den Trümmern der Nacht um. Hier liegt eine schwarz-weiß-rote Fahne, dort eine Patronehülse, hier ein verbrannter Regenbogen, dort ein zertretener Bierbecher.

Im nationalen Freudentaumel über ein gewonnenes Spiel ist zu erkennen, dass Exzess gefährlich und wieder üblich ist. Sport ist die Ersatzdroge für Völker, die glauben, dass sie nationale Identität brauchen, weil die Identität des Einzelnen schon aufs Feinste zermahlen ist und Gemeinschaft nur darüber herzustellen ist, vor dem Fernseher den Volksvertretern beim Rasenkampf zuzusehen. Und so sitzen tausende Nationaltrainer in der Etappe und warten auf den Sieg, auf das wir in Glorie aufgehen.

Gleichzeitig leckt das Blut unter der verschlossenen Tür eines Nachtklubs hervor. Auch hier erkennt man die Gefährlichkeit des Exzesses, wenn die Identität verwundet wird. Denn allein die Tatsache, dass jemand anders liebt, bedeutet schon eine Bedrohung des Seins, die in Pulverrauch untergehen muss, aber kein Thema ist, solange man die Überreaktion aus Angst einem dämonischen Bösen unterschieben kann, das noch mehr Überreaktion und Angst rechtfertigt. Denn Angst ist irrational und damit der Freibrief für das Gewissen, wenn man die Trümmer des eigenen Handeln sieht.

Der Tag ist grau, der Regen leicht, aber dauerhaft und der Kater am Morgen nach einer Nacht voller Drogen umso schmerzhafter. Es ist der Moment in dem der Vorsatz wächst, nie wieder so über die Stränge zu schlagen und der in Kürze vergessen ist, wenn die Realität wieder so sehr weh tut, dass es nur noch mit Drogen zu ertragen ist.

Über Geschichten, Wahrheit und kaputte Gemeinschaft

Wisst ihr noch, wie das so in alten Romanen auftaucht? So die Dorfgemeinschaft, die sich eine Meinung über einen gebildet hat und jedes Argument aus deren Warte sieht, aber nie mit der Person offen redet? Wo alles ein Beweis dafür ist, dass die Geschichten, die erzählt werden, wahr sind? Das ist jetzt für die komplette Welt normal. Jeder kann eine Geschichte erzählen und ihre Wahrheit spielt keine Rolle, solange die Geschichte gut ist.

Die AfD erzählt Geschichten vom alten guten Deutschland, die Medien erzählen Geschichten von der eigenen Wichtigkeit, die Radikalfeministinnen vom bösen dauervergewaltigenden Mann, die Veganer vom bösen weltzerstörenden Fleischfresser und alle erzählen diese Geschichten hauptsächlich sich selbst.

Jake Applebaum is anscheinend ein Arschloch und vielleicht ist er ein Vergewaltiger und Nötiger. Schön, dann möge man ihn bitte anzeigen. Wenn die Menschen, die betroffen sind das Gefühl haben, dies nicht zu können, dann hat die Gesellschaft, in der sie leben, versagt und muss sich darum kümmern, dass dies nicht mehr passiert.

Was definitiv nicht hilft, weder den Betroffenen noch der Gesellschaft, ist, sich hinzustellen und allen Geschichten zu glauben und eine Welt zu befürworten, wo die beste Geschichte gewinnt und nicht die Fakten. Das ist übrigens dieselbe Welt in der Menschen glauben müssen, dass wenn sie fundierte Anschuldigungen gegen jemanden haben, sie nicht zur Polizei gehen können. Das ist nämlich auch eine Geschichte, die zu gerne geglaubt und erzählt wird.

Wir können uns kein globales Gemeinwesen leisten, in dem jegliche Wahrheit von der Performance der Geschichtenerzähler und unserer Vorliebe für bestimmte Geschichten abhängt. Dann sind wir nämlich in einer totalitären Willkürdystopie angekommen, in der Demagogen immer Recht haben.

 

A Conversation with a Caterpillar

Heute ging auf twitter das Alice in Wonderland Fandom rum und mir fiel dann ein, dass ich doch mal diesen Text über die Unterhaltung zwischen der Raupe und Alice schreiben wollte.

Wir fangen mal mit dem Text an und bewegen uns dann von ihm weg.

The Caterpillar and Alice looked at each other for some time in silence: at last the Caterpillar took the hookah out of its mouth, and addressed her in a languid, sleepy voice.
‚Who are YOU?‘ said the Caterpillar.
This was not an encouraging opening for a conversation. Alice replied, rather shyly, ‚I—I hardly know, sir, just at present—at least I know who I WAS when I got up this morning, but I think I must have been changed several times since then.‘
‚What do you mean by that?‘ said the Caterpillar sternly. ‚Explain yourself!‘
‚I can’t explain MYSELF, I’m afraid, sir‘ said Alice, ‚because I’m not myself, you see.‘
‚I don’t see,‘ said the Caterpillar.
‚I’m afraid I can’t put it more clearly,‘ Alice replied very politely, ‚for I can’t understand it myself to begin with; and being so many different sizes in a day is very confusing.‘
‚It isn’t,‘ said the Caterpillar.
‚Well, perhaps you haven’t found it so yet,‘ said Alice; ‚but when you have to turn into a chrysalis—you will some day, you know—and then after that into a butterfly, I should think you’ll feel it a little queer, won’t you?‘
‚Not a bit,‘ said the Caterpillar.
‚Well, perhaps your feelings may be different,‘ said Alice; ‚all I know is, it would feel very queer to ME.‘
‚You!‘ said the Caterpillar contemptuously. ‚Who are YOU?‘

Alice in Wonderland by Lewis Carroll

So, wir bewegen uns da jetzt ein bißchen rum und machen Ebenen auf, und wieder zu.

Falsche Annahmen und Kommunikationszusammenbrüche

Die Kommunikation zwischen Alice und der Raupe ist irgendwie gestört und irgendwie auch nicht. Carroll hat sehr viel Spaß damit Sachen wörtlich zu nehmen, die metaphorisch gemeint sind um aufzuzeigen wie bekloppt die sozialen Konventionen in Sprache sein können. Alice ist durchgehend verwirrt vom Wunderland und hat mehrfach ihre relative Größe geändert, etwas, das Menschen normalerweise nicht tun. Raupen wiederum tun es den ganzen Tag zur Fortbewegung und so nimmt das Unheil seinen Lauf. Alice antwortet auf die erste Frage komplett selbstreferenziell und ab da geht’s bergab, weil die Raupe nicht anderes tut. Alices ungeduldiges „you see.“ funktioniert dann auch nicht, weil Raupen nicht sehen können und der letzte Versuch ihre Erfahrung über das Beispiel der natürlichen Entwicklung, die man so als Raupe durchmacht, ist dann auch zum Scheitern verurteilt. Während Alice sich nur auf ihre eigene Verwirrung und Erfahrung konzentriert, die sie über ihre eigene körperliche Identität zweifeln lässt, macht die Raupe dasselbe, allerdings bestätigen sie Alices Ausführung in der Normalität ihrer eigenen Erfahrung. Damit bricht die Kommunikation hier komplett zusammen.

Kindeserfahrungen und Albträume

Alice in Wonderland ist ein Kinderbuch und damit kann man auch darauf abstellen, dass Kindeserfahrungen im Mittelpunkt stehen. Für Alice scheinen Größen- und damit auch Perspektivänderungen sehr verwirrend zu sein. Das Wunderland wirkt manchmal nahezu albtraumhaft in seiner Enttäuschung aller Erwartungen an die Welt, die man gerade erst entwickelt hat. Doch sind diese Veränderungen nicht auch die Erfahrung von Kindern? Größenänderung, eine Welt, die ihre Erwartungen an einen immer wieder ändert und in ihrer Komplexität erhöht, und eine dauerhafte Zunahme von sozialen Konstrukten, deren Realität nur auf der gegenseitigen Versicherung ihrer Existenz beruhen, sind hochgradig verwirrend für Kinder und die Welt der Erwachsenen vermittelt ihnen gerne mal, dass das alles nur an ihnen liegt, dabei sehen sie die Welt noch nicht durch die ganzen sozialen Filter, die wir im Laufe des Lebens erwerben und mit denen wir uns und allen anderen die Realität unserer Welterfahrung versichern.

Identität

Das bringt uns dann zum philosophischen Teil: die Frage nach der eigenen Identität, die Alice hier gestellt wird. „Who are you?“ fragt die Raupe und Alice antwortet aus einer reinen Körperlichkeit heraus, die sie an der Beantwortung der Frage scheitern lässt. Doch, wer sind wir eigentlich, wenn wir unsere physischen Dimensionen weglassen. Wer sind wir, wenn wir unsere Namen, diese von Fremden gegebenen Lautzuordnungen, weglassen? Was kann Alice also überhaupt antworten, worüber sie sich sicher sein kann? Die Raupe stellt also die Frage nach der eigenen Identität, die verloren geht, wenn wir uns der Welt nicht mehr sicher sein können. Die Antwort auf die Frage ist dann auch die Herausforderung vor der nicht nur Alice steht, wenn sie gefragt wird:

Who are you?

Contagion II – Die Sicht meiner Schülerinnen und Schüler

Ihr erinnert euch an diesen Aufsatz, den ich für die Schule geschrieben habe? ((Die Schülerschaft, (HALLO!) hat den Eintrag mit Humor und Gewinn gelesen.)) Ich korrigiere mich heute morgen durch die verschiedenen Aufsätze, die mir abgegeben wurden und ich möchte hier die verschiedenen Assoziationen, die so geäußert werden, sammeln und vielleicht etwas kommentieren. Ich werde mich nicht über Sprache oder sowas äußern oder Namen nennen. Es geht darum, mal zu zeigen, was den Schülerinnen und Schülern so alles einfällt.

„But where does contagion end and art begin?“

  • Es geht hier um die Frage, inwiefern die künstlerische Darstellung in Werbung unser Gehirn mit Ideen infiziert, die wir nicht haben wollen, aber zum Konsumieren haben sollten. Die Kunst wird also als Mittel der Infektion mit Kaufwünschen und Ideen der Wirtschaft gesehen und behindert das unbeeinflusste Leben.
  • Kunst ist nur Kunst, wenn sie einhundertprozentig aus einem selbst erwacht. Man fängt mit Imitation an, aber infiziert sie mit der eigenen Persönlichkeit, damit sie irgendwann die eigene Kunst wird. Kunst ist also eine Infektion alter Kunstprodukte mit der eigenen Weltsicht. – Nicht schlecht, ich würde aber behaupten, dass da wenig neues entsteht, weil unsere Individualität selbst kulturell determiniert ist. Es ist alles ein riesiger Remix.
  • Schlechte Kunst (Rapmusik) infiziert junge Menschen mit blöden Ideen und weil die ungebildet sind, und die werden kriminell, weil sie Blödsinn erzählt bekommen. – Diese Sichtweise funktioniert immer von einer selbst angenommenen „höheren Warte“ gegenüber wahrgenommenen niedergestellten Menschen.
  • Kunst ist mehr als ein Medienprodukt. Sie kann nur von Menschen hergestellt werden, und ist nicht nur Ergebnis unserer Fantasie, sondern inspiriert diese weiter. Kunstprodukte werden heutzutage wie Viren übertragen, aber verursachen nichts in uns. Erst wenn ein Kunstprodukt etwas in uns verursacht wird es zu Kunst, vorher ist es einfach nur eine Art kulturelle Krankheit, die man sich eingefangen hat. – Dann ist Kunst im übrigens als Kategorie so individuell, dass sie nicht mehr definiert werden kann.
  • Kunst ist ein dauerhafter Ansteckungsprozess zwischen Künstlern, der Welt und der Gesellschaft. Wahre Kunst entsteht durch das Vermischen von geschichtlicher Information, eigenen und fremden Erfahrungen und schafft dadurch eine neue Erfahrung. Kunst ist also eine ansteckende mentale „Krankheit“, die sich immer wieder neu mutiert. – Joa. Doch. Gut!
  • Globalisierung führt dazu, dass unsere Kultur mit anderen kulturellen Artefakten infiziert wird und sich dadurch neue Kunst in unserer Kultur bildet. Wenn aus der Imitation fremder kultureller Artefakte Neues geschaffen wird, dann ist das Kunst.

Nicht so’n Geiles Leben

Es läuft im Radio hoch und runter, und meist verstehen die Leute nur „geiles Leben“. Klingt alles hübsch poppig und toll. Doch Glasperlespiels Geiles Leben (Youtubevideo mit Lyrics)hat einen eher spannenden Text, dessen Inhalt mich genug juckt um ihn hier mal auseinanderzulegen.

Also, schauen wir uns das mal an:

[Strophe I:]
Führst ein Leben ohne Sorgen
24 Stunden, 7 Tage nichts gefunden
Was du heute kannst besorgen
Das schiebst du ganz entspannt auf morgen
Ich hab‘ ’ne Weile gebraucht, um zu verstehen
Dass die Zeit reif ist, um jetzt zu gehen
Ich wünsch‘ dir noch ’n richtig geiles Leben
Denn wie du dich veränderst will ich mir nicht geben

Okay. Der Text spricht aus der ersten Person, mit der man sich traditionell am besten identifiziert, mit einer anderen Person, der er anscheinend sehr vertraut ist. Die andere Person ist irgendwie doof, weil die „ein Leben ohne Sorgen führt“, in der sie sich etwas gehen lässt und entspannt herumprokrastiniert. Und das ist anscheinend genug Grund diese Person aus dem eigenen Leben zu entfernen, weil sich der Ich-Erzähler „nicht geben will, wie sie sich verändert“. Also wir halten fest: Die andere Person verschreibt sich einer entspannten, vielleicht sogar hedonistischen Lebensführung und verändert sich dadurch und beides ist schlecht.

[Refrain:]
Ich wünsch‘ dir noch ’n geiles Leben
Mit knallharten Champagnerfeten
Mit Fame, viel Geld, dicken Villen und Sonnenbrillen
Ich seh‘ doch ganz genau, dass du eigentlich was Anderes willst!

Ich wünsch‘ dir noch ’n geiles Leben
Ab jetzt wird es mir besser gehen
Vergiss den Fame, all die Villen und die Sonnenbrillen
Ich fühl jetzt ganz genau
Dass ich das zu meinem Glück nicht brauch

So, den Refrain frühstücken wir jetzt hier einmal ab. Er ist das Herzstück eines jeden Liedes, also auch diesem. Also, der Ich-Erzähler erklärt hier seinem Adressaten, dass „Fame, dicke Villen und Sonnenbrillen“ „doch ganz genau, dass ist, was dieser nicht will“. Ich finde ja Gedankenlesen und Hellsehen immer gut. Vor allem in der Popmusik. Woher wissen die nur immer alle, wie das Leben von anderen Leuten aussieht. Und, dass man die Sachen, die man tut nicht will. Oder vielleicht ist das doch perfider, vielleicht ist diese Aussage eher eine Aussage, dass man nicht so sein soll. Damit wird das alles allerdings zu einem schäbig moralisierenden Stück, das einem sagt, dass man doch bitte keinen Spaß haben soll und es soundso zu nix bringt, außer vielleicht durch harte Arbeit. Dazu ist Hedonismus kein Glück, wahres Glück gibt also nur, wenn man, öhm, keinen Spaß hat. Oder zumindest wenig Spaß, weil wir wissen ja: im echten Leben hat man keinen Spaß!

[Strophe II:]
Du führst ein Leben ohne Limit
56 Wochen, alle Gläser sind zerbrochen
Zwischen denen du nichts findest
Merkst du nicht, dass auch du langsam verschwindest?
Ich hab‘ ’ne Weile gebraucht, um zu verstehen
Es geht nicht darum, was Andere in dir sehen
Ich wünsch‘ dir noch ’n richtig geiles Leben
Denn wie du dich veränderst, will ich nicht erleben

Also okay, wir haben verstanden Hedonismus=schlecht. Diesmal weil er anscheinend Beziehungen kaputt macht. Moment… Sind Beziehungen nicht so Sachen, die auf Gegenseitigkeiten beruhen und bedeutet, diese Strophe nicht eher, dass die eine Beziehung, nämlich die zwischen Ich-Erzähler und Adressaten, sich ändert und war das nicht laut Strophe eins primär Schuld des Ich-Erzählers, der jetzt nicht damit zurecht kommt, dass ich sein Adressat ändert. Nunja, Solidarität gibt es hier nicht und soundso weiß auch in dieser Strophe der Ich-Erzähler, dass Hedonismus ja die Persönlichkeit zerstört. Er kann nicht Teil einer Persönlichkeit sein, oder schlicht ein legitimer Lebensstil.

Alternative Interpretation: Boah ist da jemand neidisch, dass jemand anders Spaß hat.

[Refrain: siehe oben]

[Bridge:]

Das wird die Zeit meines Lebens
Und niemand ist mehr dagegen
Das hab ich für mich erkannt
Und deine Bilder hab ich endlich verbrannt

Okay. Refrain hatten wir jetzt, die Bridge zeigt noch mal, dass der Ich-Erzähler hier irgendwie ein Problem hat. Wobei sich die Frage stellt, wer eigentlich etwas gegen die Lebensführung des Ich-Erzählers hat. Oder, hm… hat sich der Adressat gar nicht geändert, sondern der Ich-Erzähler? Immerhin hat er etwas für sich erkannt und dann die andere Person aus seinem Leben geschmissen.

Hm. Vielleicht hilft hier etwas Hintergrundwissen: Die Wikipedia erklärt uns nämlich, dass Glasperlenspiel aus einer kirchlichen Band entstanden sind. Und nunja, wenn man jetzt mal eine christliche Ideologie annimmt, dann macht das alles auf einmal noch mehr Sinn. Die sagt nämlich, besonders in der calvinistischen Ausprägung, dass Spass haben gar nicht geht und einen total entmenschlicht. Kann also sein, dass es hier konservativ-christliche Werte propagiert werden.

Danach kommt noch zweimal der Refrain, um die Message auch schön nach Hause zu tragen. Wobei die poppige Musik sehr schön versteckt, dass hier jungen Menschen eigentlich gesagt wird: Spaß haben ist doof, du willst das auch nicht, weil es immer jenseits dessen etwas wichtigeres gibt, was immer das auch ist. Das Lied ist also irgendwie eine Mischung aus modernem Koservativismus und protestantischer Ethik, die hier total harmlos daher kommt und mit dem Schlagwort „geiles Leben“ der jugendlichen Hörerschaft hübsch untergeschoben wird.

Und jetzt weiß ich genau, warum ich das Lied eklig finde.

„But where does contagion end and art begin?“

Okay. Hier mal, etwas eher eigenartiges. Die Vorklasse BOS liest mit mir derzeit ein Buch. Okay, nein die Schülerinnen und Schüler lesen das Buch und ich stelle neumalkluge Fragen dazu. Um sie darauf vorzubereiten, haben wir die Kurzgeschichte „How to Talk to Girls at Parties“ von Neil Gaiman gelesen.

Und in dieser kommt das Zitat aus der Überschrift vor. Es wird von Triolet, einem lebenden Gedicht gesagt und weil ich manchmal ein absolut herausfordernder sadistischer Sack sein kann, mussten die Schülerinnen und Schüler dazu einen freien Aufsatz schreiben. Allerdings wurde von mir verlangt, dass ich auch einen schreibe, allein schon um zu zeigen, dass es geht. Und weil ich es lustig finde, bekommt ihr das jetzt auch zu lesen. 

„But where does contagion end and art begin?“

Have you ever thought that you cannot get a song out of your head? It is even possible to have you mentally listen to a song by just writing down the words ‘Dschingis Khan’, ‘Atemlos durch die Nacht’ or ‘The Final Countdown’. Art and culture are, in the best sense, contagious diseases that we as people share and pass down.to our descendants.

In his book The Selfish Gene the famed biologist Richard Dawkins created the idea of the meme being a piece of cultural knowledge that passes from one individual to another. The way these pieces of cultural knowledge are transmitted are plentiful, but most of the ways have one common denominator: art. Art is the virus that plants the new memetic information in our brains and even the act of implanting that information can itself be art. Thus every piece of art can be seen as a mental and cultural virus that infects the brains coming into contact with it and it can even mutate into new pieces of art based on the cultural memetic makeup of its new recipient. This leads to new forms of art which then can be spread through cultural spaces again.

This process as magnificent it sounds is also deeply troubling to certain people. They, as the advocates of genetic purity, claim that new cultural ideas, especially from foreign cultures are quite literally endangering the memetic purity of the culture and pose a grave threat to the culture itself by changing or mutating it into something that is sick and unhealthy, or so the logic goes.

But as with evolution which shows that adaptation through change is the only way to survive in an everchanging world, cultural change may be the only way how humanity as a cultural body can survive. By getting infected with different and new cultural knowledge there is the opportunity of cultural adaptation and in this lies the hope for the survival of humanity.