Agitierte Hilflosigkeit

Es gibt ein Phänomen, das mir in Unterhaltungen mit jungen Menschen immer wieder untergekommen ist. Sie sind meist politisch stark engagiert und sehen Missstände in der Welt. Allerdings wissen sie weder um die Ursachen noch die Gegenmassnahmen zu diesen Problemen. Das wäre die Aufgabe politischer Bildung, aber die findet ja nur noch rudimentär statt und kann im Zweifel nicht jedes Problem lösen.1

Doch zurück zu den jungen Menschen. Die stehen nur vor einer Welt, die sie empört und die so komplex ist, dass es keine einfachen Antworten geben kann. Sie wurden allerdings im Bildungssystem darauf trainiert, die einfache Antwort zu suchen und sind des öfteren damit überfordert überhaupt über eine Lösung, vor allem außerhalb ihres beschränkten Erfahrungshorizonts nachzudenken. Dabei ist da eigentlich wenig Vorwurf zu machen. Immerhin leben wir im modernen Biedermeier, wo jeder seinen Kopf in den Sand steckt und agitierter, aber durchgehend zahnloser, Privatismus auf Facebook gelebt wird. Slacktivism ist ja auch nichts weiter, als eine neue Variante als Kleinbürger Geld in den Klingelbeutel zu werfen, ohne sich wirklich politisch zu beteiligen. Das passt auch gut zur verzweifelten  Romantik, die unsere Zeit auszuzeichnen scheint. Es wird die ganze Zeit die Emotion, der Andere, die Toleranz2 betont, um einen Gegensatz zu einer erlebten Welt der technokratischen Nivellierung konservativer Werte zu schaffen. Man geht auf Mittelaltermärkte und zieht sich an wie Bauernbübchen aus dem nicht minder romantischen 19. Jahrhundert, verklärte Hippies, Sennerinnen, verarmte Punks oder Ritter aus schlechten Hollywoodhistoriendramen, ohne es wirklich ernst zu meinen. Da wird dann fein bigott die vegane Fahne hochgehalten, während man Coke life trinkt und McDonalds scheiße gefunden, während man bei Subway den Ökosandwich mampft. Es wird jede dissente Meinung, die die Filterblase penetriert, geshitstormt und gehashtagt, damit man sich bloß nicht damit auseinandersetzen muss, dass man selbst schon wieder weniger Gehaltserhöhung als den Inflationsausgleich bekommen hat.

Aber solange die Meute der ebenso hilflos Empörten glaubt, dass Tweets die Welt ändern, freuen sich die Machteliten, dass es keine ernsthafte gesellschaftliche Opposition gibt, weil sich diese ja nur virtuell abspielt.3 Bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen führt dieser ganze Spaß nun dazu, dass sie die ganze Zeit wütende Bilder von Tierschützern, Naturschützern, Rechtsradikalen, Linksradikalen, Neoliberalen oder sonstwelchen ideologischen Gruppen und dadurch gut agitiert werden, allerdings in ihrem politischen Verhalten komplett hilflos sind, weil man es geschafft hat ihnen die Werkzeuge und Erkenntnisse, die es braucht um sich kompetent zu verhalten aus der Hand zu nehmen.4 Und so zeigt sich bei jungen Menschen immer öfter agitierte Hilflosigkeit. Sie möchten die Welt ändern, aber sie glauben in postmoderner Abgeklärtheit nicht daran und haben auch nicht mehr die Mittel ernsthaft wirksam politisch mitzuwirken, da alle Mittel, die sie für wichtig halten, nicht wichtig für die Entscheidungsträger sind. Im Internet schreien, interessiert die Gesellschaft immer noch amüsiert, aber relevant ist es noch nicht. Damit bleibt vielen jungen Menschen nur agitierte Hilflosigkeit von der zu sehen ist, wie sie sich kanalisiert.

  1. Dafür bräuchten wir Politiklehrer mehr Zeit, mehr Mittel und eine frühere Einführung des Politikunterrichts. []
  2. Ein beschissener Begriff. Lat. tolerare bedeutet ertragen. Toleranz ist also die Fähigkeit etwas zu ertragen, was ich nicht mag. Da ist also der gewünschte Standard des menschlichen Miteinanders: ich finde etwas scheiße, aber ich bin ein guter Mensch, weil ich ertrage, dass ich es scheiße finde. Respekt wäre hier definitiv besser: ich finde es scheiße, aber es darf existieren und ich muss respektieren, dass es existieren darf. Bevorzugt sollte ich dafür kämpfen, dass es das tut. []
  3. Keine Sorge, ich bin nicht besser. Ich erzähle nur über Politik und schreibe ins Netz. []
  4. Die sind ja auch zu gefährlich. []

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