Auf der Suche nach Zerstörung…

Okay. Das hier ist mal was ganz anderes als meine normalen Einträge. Das hier ist leichte Literaturwissenschaft. Ich habe euch gewarnt und hoffe, dass ich wenigstens irgendwie einen Cut einbauen kann, weil das wird lang.

1. Auf der Suche nach Zerstörung

Wir sind alle auf der Suche nach etwas. Manche suchen Erfüllung, andere suchen ihr Glück und dann gibt es diejenigen, die ihre eigene Zerstörung suchen. Manchmal ist es Menschen gar nicht bewusst, was sie suchen, denn unser Gehirn ist in der Lage die eigentlichen Ziele unseres Handelns vor uns selbst zu verstecken1. Der Mensch weiß also manchmal gar nicht, warum er etwas tut und ob das Ziel, das er zu verfolgen scheint, auch dem entspricht, was er unbewusst zu erreichen sucht. Dies trifft besonders für Menschen zu, die nicht ganz bei Sinnen oder anders ausgedrückt im Delirium sind.

Als ich vor knapp sieben Jahren das erste Mal Neil Gaimans Sandman gelesen habe, hat mich besonders das siebte Buch der Collected Library Brief Lives fasziniert. Es ist ein Roadmovie an dessen Ende der Hauptcharakter Dream ((Der Sandman in Sandman.)) die Schlüsselhandlung begeht, die zu Ende seiner Existenz am Ende der Comicserie führt. Damals war mir noch nicht klar, dass man dieses Buch als komplette Allegorie lesen kann. Ein Gedanke, den ich hier am Beispiel einer anderen Geschichte aus dem Sandman Band Endless Nights formulieren möchte.

2. Personen und Personifikationen

Neil Gaimans Sandman lebt von seinen Hauptcharakteren, den Endless einer Gruppe von sieben endlosen Geschwistern, die verschiedene Aspekte des menschlichen Lebens personifizieren. Sie werden dabei als anthropomorphische, also menschenförmige, Personifikationen dargestellt und folgen damit einer sehr langen literarischen Tradition. Schon in mittleralterlichen morality plays wurden verschiedenen moralischen Aspekten einzelne Personen zugewiesen, die dann in ein Streitgespräch miteinander traten. Da es sich hier aber um Schauspiele handelte bekamen die Personifikationen sehr auch öfters eine eigene Persönlichkeit. In der modernen Version, wie sie in Sandman zu finden ist, sind die Figuren komplett eigenständige Charaktere, die aber auch eine Funktion für die Welt haben. Sie sind eigenständige Wesen, die aber auch allegorische Funktionen übernehmen.

3. Destruction on the Peninsula

Die Geschichte, die die Basis dieser Analyse sein soll findet sich in Endless Nights. In dieser Sammlung finden sich jeweils noch einmal jeweils eine Geschichte zu jedem Endless. Im Anschluss an eine sehr trippige Geschichte in der ein paar geistig gestörte Menschen Delirium in sich selbst suchen, findet sich die Geschichte Destruction on the Peninsula. Nachdem dies hier tatsächlich eine literaturwissenschaftliche Abhandlung ist, werde ich den Inhalt kurz zusammenfassen. Das bedeutet Spoiler.

Die Protagonistin der Geschichte wird mit einer Traumsequenz vorgestellt in der sie sich immer wieder einer mit Biowaffen zerstörten Welt gegenüber sieht. Diese Bilder ziehen sogar in ihre tägliche Wahrnehmung, so dass sie sich zur Ablenkung einer streng geheimen archäologischen Expedition anschliesst, die sie an das Ende der Welt auf eine mediterrane Halbinsel führt an deren Spitze ein Berg aufgetaucht ist. Bei der Ausgrabung dessen stellt sich heraus, dass er anscheinend aus der Zukunft stammt, denn es finden sich Münzen, die noch nicht geprägt worden sein können. Als sie mit ihrem Kollegen am Abend in der Nähe in der Taverne einkehrt fällt ihnen ein eigenartiges Pärchen auf: eine verwirrt wirkende Punkerin mit einem stattlichen rothaarigen Mann. Letzterer beeindruckt die Protagonistin bis zu dem Punkt, dass er ihr Kopfkino während des besoffenen Sexes ist, den sie mit ihrem Kollegen nach zuviel Wein hat. Am nächsten Tag unterhält sie sich mit den beiden Fremden und nachdem die junge Frau sie komplett verwirrt zurücklässt, bietet sie dem Mann, der anscheinend der Bruder der Punkerin ist, eine Stelle als Ausgrabungshelfer an. Für diese Entscheidung wird sie schon am nächsten Tag belohnt, weil er sie nahezu übersinnlich vor einer automatischen Bombe rettet. Noch bevor die Protagonistin wirklich herausfindet, was da eigentlich los ist, kommen die Männer in den schwarzen Anzügen und wollen die Ausgrabung übernehmen und die beiden Fremden ziehen auch weiter. Am nächsten Tag verschwindet der Berg in einem Blitz.

4. Charaktere und doppelte Böden

Der Schlüssel zur allegorischen Tiefe dieser Geschichte liegt in den beiden Fremden, die der Protagonistin begegnen. Leser, die schon Sandman gelesen haben, werden sie sofort als die Personifikationen von Delirium und Destruction erkennen. Genaues Lesen zeigt einem sogar eine Verbindung zur vorhergehenden Geschichte Deliriums, deren ganzer Dialog mit der Protagonistin zwar komplett verrückt klingt, aber die reine Wahrheit über deren Situation und die Herkunft des Berges aus der Zukunft ist. Durch das Zusammensein von Delirium und Destruction entsteht eine Verzerrung der Realität, die diesen Berg erschaffen hat. Destruction, der Sandman-Lesern vor allem dafür bekannt ist, dass er seine Aufgabe nicht mehr ausfüllt2, lässt auch einige Bemerkungen fallen, deren Doppeldeutigkeit nur Eingeweihten klar wird.

Hier öffnet sich der Einstiegspunkt für eine Betrachtung der Geschichte als Allegorie. Die Kräfte der Verwirrung und der Zerstörung schaffen also eine Ausnahme in der Realität in der eine zerstörerische Zukunft reflektiert wird, wie sie unsere Protagonistin gesehen hat und die diese zu suchen scheint. Seit dem ersten Panel des Comics scheint sie die Zerstörung anzuziehen. Zuerst passiert das durch die Träume, die immer realer werden, dann in Person von Destruction selbst, zu der sie sich sogar so sehr hingezogen fühlt, dass sie ihren Geist anstatt mit ihrem Ausgrabungsleiter mit Destruction Sex hat.

Die Protagonistin kommt also in der Flucht vor ihren Träumen der Quelle immer näher. Sie scheint auf der Suche nach Zerstörung zu sein und um dies zu tun, braucht man eine gehörige Menge Delirium. Also spielen nicht nur die Repräsentationen dieser beiden Konzepte eine Rolle in dieser Geschichte, sie motivieren die Protagonistin zu ihrem Handeln und sind die grundlegenden Themen.

5. Gefährliche Suche

Die Protagonistin von Destruction on the Peninsula findet am Ende ihre Ruhe wieder und sucht nicht mehr nach Zerstörung. Doch, was sie angetrieben hat überhaupt diese verstörenden Visionen zu haben, das wird nie klar. War es Delirium? Vielleicht, aber vielleicht war es auch ihre große Schwester Despair oder deren Zwilling Desire. Was uns am Ende antreibt und wohin wir uns gezogen fühlen, ist nicht immer klar, genauso wenig, wie die Antwort auf die Frage, welche Personen, die wir auf unserem Lebensweg treffen welche Aspekte repräsentieren. Und so kann eine Liebe zu einer Suche nach Zerstörung werden, genauso wie sie uns auf dem Weg des Schicksals zu unseren Träumen führt.

  1. Obwohl wir uns relativ sicher sind, dass unser Bewusstsein unser Handeln steuert, sagen neurowissenschaftliche Erkenntnisse, dass das Bewusstsein auch nur Handeln, das vom Gehirn angeregt wird nachrationalisiert. []
  2. Die Menschheit braucht ihn nicht um sich zu zerstören. []

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