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Schulvisionen

Wenn man Menschen wie Molche und Lurche behandelt, dann werden sie sich auch so verhalten.—– Theodor W. Adorno

Ich habe schon öfter darüber geredet, wie ich mir das Schulsystem idealerweise vorstelle und warum das so aussehen soll. Das ist nicht der Weisheit letzter Schluss, aber vielleicht eine Diskussionsbasis.

Weg mit Schulstunden

Die Schulstunde ist ein Relikt aus einer Zeit, in der man glaubte, dass rhythmische Arbeit sinnvoll ist. Wir leben in einer Dienstleistungsgesellschaft mit flexiblen Arbeitszeiten, also was soll das noch? Dazu sollte Schule ein Ort sein, in dem man sich frei mit Informationen und Wissen beschäftigen kann. Die frontale Schulstunde ist blödsinnige Zeitverschwendung in einer Welt in der nahezu jegliches Wissen über das Netz oder zumindest Zugang zu Büchern erhalten werden kann. Dazu kommt, dass die Didaktiker seit Jahren davon erzählen, dass man explorativ lernen soll, induktiv und handlungsorientiert. So, warum also Schulstunden? In 45 Minuten kann man doch eigentlich keine sinnvollen Zusammenhänge erforschen lassen, die Schüler an Informationen  ihr Wissen selber bilden oder sie was herstellen lassen. Also weg mit dem Blödsinn, nebenbei kann ich mich dabei um weitaus mehr Leute mit mehr Aufmerksamkeit kümmern. Warum?

Projektorientierte schülerzentrierte Aufgaben und Betreuung

Die Antwort auf die Cliffhangerfrage ist einfach, dass man Schülern mehr Freiheit im Erforschen der Welt geben sollte und sich als Lehrer mehr darauf verlegen sollte Probleme und Fragen der Schüler zu lösen. Der Lehrer ist nicht mehr der vorbereitende Mensch, der sagt was, wie, wo gelernt wird, sondern derjenige, der Format und Inhalt mit den Schülern abstimmt und sie berät. Daraus ergeben sich dann schon die nächsten Forderungen.

Ich will ein Büro! Mit Couch!

Die Schule voller Klassenräume ist ein Raum in dem kreatives Lernen schwer möglich ist. Sie ist primär eine Präsentationsbühne für die Lehrkraft und kein Raum zum kollaborativen Arbeiten. Wir brauchen Schulen mit offenen Plätzen, weiten Räumen, schnellem WLAN, Einzelarbeitsplätzen und Konferenzräumen und damit auch mit Büros für die Lehrkräfte. Da gehört dann neben einem Arbeitsplatz auch eine Couch, eine Tafel und sowas rein, denn die Schüler sollen auch die Möglichkeit haben, jederzeit als Gruppe oder allein die Lehrkraft aufzusuchen und um Hilfe zu bitten. Je weniger desto besser, aber es ist viel effektiver Menschen bei ihren Problemen zu helfen als ihnen zu sagen, was sie wie zu denken oder zu bearbeiten haben. Dabei können wir dann sogar mehr Schüler in der gegebenen Zeit intensiver betreuen. Damit das dann auch erzieherisch klappt, brauchen wir dazu auch:

Mehr Sozialarbeiter und Erzieher

Denn ernsthaft, wir Lehrer sind Experten im Inhalte vermitteln, wir sind nicht unbedingt perfekt geschult für das Erzieherische und wir haben eine andere Autorität als ein Sozialarbeiter hat. Wir haben hoheitliche Aufgaben und Befugnisse, aber wir sind auch andere Leute als diejenigen, die dir zuhören und mit denen du über deine privaten Probleme redest. Damit beschäftigt sich implizit auch die nächste Forderung, aber gerade die intellektuelle Seite bei der Lehrerschaft ist glaube ich sehr glücklich, eher intellektuell zu sein. Doch uns steht noch eine andere Problematik im Weg, die den Lehrer in seiner neuen Aufgabe als Berater und Mentor einschränkt.

Zentrale kompetenzorientierte Leistungstests

Eines der größten Probleme, die man systembedingt als Lehrkraft hat, ist, dass die Leistungsmessung in der selben Hand wie die Leistungsvermittlung liegt. Dazu kommt, dass einem nicht vorgeschrieben wird, welche Kompetenzen der Schüler erlernen soll, sondern welche Spiegelstriche einer Liste mit Informationen man ihnen ins Hirn prügeln soll. Das ist eine Weisheit der modernen Pädagogik und Didaktik, die da beide Recht haben. Um aber die oben genannte Freiheit in der Betreuung der Schüler zu haben, sollte die eigentliche Leistungsmessung nicht mehr von der selben Person durchgeführt werden, die auch den Unterricht gestaltet. Da kann man ansonsten weder überprüfen, ob die Leistungsvermittlung effektiv und zielgerichtet ist und man öffnet Manipulationen Tür und Tor. Das ist einer der Hauptgründe, warum Schulzeugnisse eigentlich kaum das Papier wert sind auf dem sie stehen und als institutionalisiertes kulturelles Kapital auch immer weniger ernst genommen werden.

Wären die entsprechenden Tests standardisiert und von einer dritten Partei durchgeführt, dann könnte man garantieren, dass ein erreichtes Level auch eine Wert hat. Konsequenterweise kann man anhand der erreichten Niveaustufen eines Schülers diesen besser betreuen und fördern als ihn dumm eine Jahrgangsstufe wiederholen zu lassen. Anhand dieser Kompetenzstufen kann dann auch eine sinnvolle Selektion für die Universität oder Wirtschaft stattfinden. Diese wird auch den individuellen Stärken und Schwächen des Einzelnen mehr gerecht als diese eindimensionale Bewertung, die wir da jetzt so haben und bei der nicht einmal die Skala passt. Das braucht man halt in nachvollziehbar und definiert und evaluierbar.

Fazit

Wir müssen unser Schulsystem auf den Kopf stellen. Es darf nicht mehr um Inhalte sondern um Kompetenzen gehen. Diese müssen vom Schulpersonal schülerbezogen und frei an den Mann gebracht werden und sich an den Realitäten der modernen Arbeitswelt orientieren. Dabei sollte am Ende ein Abschluss stehen, der eine ernsthafte Aussage über die Kompetenzen des Einzelnen gibt und der Möglichkeiten aufzeigt anstatt Rätsel aufzugeben. Das Schulsystem muss die Gesellschaft in ihrer Vielfältigkeit und ihrem Reichtum repräsentieren und fördern, anstatt sie zu spalten und zu uniformieren.

Wenn Bildung unser Rohstoff ist, dann hätte ich gerne eine moderne Mine und keinen von vermoderten Holzbalken gestützen Stollen.

Ist das jetzt eigentlich schade?

Unsere Großpolitik hadert ja seit Ewigkeiten mit der Linken. ((Die ist ja so böse linksextrem und wird schon seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet. Das heißt im Klartext: sie sagt die ganze Zeit Dinge, die nicht dem Großkonsens der Restpolitik entsprechen. Ist ja auch furchtbar, wenn jemand eine grundlegend andere Sicht auf Dinge hat und dann mit Tatsachen argumentiert.)) Das zieht sich bis in die Finanzierung der Jugendorganisationen. Gerade unter der aktuellen Familienministerin Christina Schröder gab es schon seit längerem Bestrebungen gerade den antifaschistischen und damit eher linken Projekten und Organisationen die staatliche Förderung zu entziehen. ((Achtung! Link geht zur Jungle World. Das ist ja nicht jedem seine Sache.))

Besonders hat es der armen Frau Schröder die Jugendorganisation der Linken, die Linksjugend Solid, angetan. Deswegen ging sie mit ihrem Ministerium vor dem Berlin-Brandenburger Verwaltungsgericht in den Kampf mit der Linksjugend. Den hat sie heute so schallend verloren, dass sogar in Frage steht, ob die anderen Parteijugenden überhaupt gefördert werden dürfen. Nunja, und da sind wir bei der Frage, die sich mir das stellt: ist das jetzt eigentlich schade?

Immerhin kann von keiner parteilich finanzierten Organisation ((Nur so, ein Großteil der politischen Erwachsenenbildung kommt von Parteienstiftungen oder kommerziellen Anbietern. Die haben sicher alle keine Agenda.)) eine reine ideologiefreie Inhaltsauswahl oder eine sachbasierte Analyse erwartet werden. Das ist ja schon staatsbezahlt relativ schwer zu bewerkstelligen. Also ist da so die Frage, ob eine Verteilung der Finanzen auf neutralere Träger, die eben nicht direkt an den Parteien hängen, aber dafür die Bevölkerung breiter abbilden, besser ist. Schließlich sind die Jugendorganisationen die Kaderschmieden der Parteien und Teil deren Elitenbildung. Das bedeutet, dass sie aus der Sicht der politischen Bildung, die die Mündigkeit des Bürgers im Blick hat, nicht unbedingt ideal sind. Stattdessen sollte dies ansetzen, nachdem die Jugendlichen mal eine neutralere Politiksicht gezeigt bekommen haben.

Aber dafür bräuchten wir ja ma eine politische Bildung, die nicht fünf Minuten vorm Abi stattfindet!

Anleitung zum offenen Netz

Ich habe ja letztens darüber geschrieben, dass man am besten selbst seinen eigenen Content hosten sollte. Dann fiel mir auf, dass die meisten Leute wahrscheinlich gar nicht wissen, welche Technologien da draußen so sind und wie man sie nutzen kann. Einer der Hauptgründe für die Popularität in Facebook ist dessen angebliche einfache Zugänglichkeit. Diese existiertbauch bei vielen anderen Technologien, sogar sowas wie serverinstallierten Contentmanagementsystemen (CMS). Deswegen hier mal die Liste an Sachen, die man neben oder anstatt der blau-weißen Großplattform verwenden kann. Weiterlesen

Argumentationshilfen für politische Diskussionen

Ich holte gerade meine Mutter ab und da saßen etliche ältere Herren und diskutierten über Politik und die Welt. Das taten sie natürlich auf die beste Stammtischmanier, die man sich vorstellen kann. Die klassische Idee ist, dass diese Leute ja alle dumm sind und man sich das am Besten nicht antut. Ich denke aber, dass das genauso intelligente Menschen sind, wie das jeder von sich annimmt. Also kann man mit denen auch reden. Das tat ich dann irgendwann mal und siehe da. Die sind nicht dumm, die sind nur nicht informiert und folgen dir locker, wenn du ihnen eine klare Argumentationslinie gibt.

In diesem Sinne habe ich mir gedacht, dass ich doch ein paar der Standards nochmal aufschreibe und die jeweilige Copingstrategie ausführe.

1. „Ausländer“

Das erste Argument, was in diesem Themenbereich kommt ist natürlich die Frage, was denn überhaupt ein Ausländer ist. Meistens wird hier eine pseudobiologische Definition herangenommen, nämlich die, dass man deutsche Eltern gehabt hat. Das ist zwar von alters her die Basis der deutschen Staatsbürgerschaft, allerdings ist ein Deutscher nunmal einfach die Person, die einen deutschen Pass hat. Legt man das an, dann lassen sich viele dieser Diskussionen ganz anders gestalten. Unter anderem diejenige darüber, dass Ausländer bevorzugt werdenDenn wenn erst einmal klar ist, dass diese „Ausländer“ Deutsche sind, dann ist auch klar, dass diese dieselbe Unterstützung bekommen wie wir.

Da sind wir dann auch bei einem zweiten Thema, dass in diesem Zusammenhang gerne kommt, nämlich dass Deutsche mit Migrationshintergrund krimineller wären als echte Deutsche ((oder so…)). Dazu muss man dann in die Sozialstruktur schauen und stellt fest, dass es gar nicht am Migrationshintergrund an sich liegt, dass die Kriminalität da höher ist. Zum einen ist das ein klassischer Fall der Unterreportage von Straftaten Deutscher, weil auch die Presse hier unbewusst voreingenommen ist. Dann gehören die Menschen mit Migrationshintergrund zu großen Teilen zu den unteren Statusgruppen dieser Gesellschaft und diese neigen allein aufgrund ihrer prekären Situation zu mehr Kriminalität. Es ist also nicht so sehr die Eigenschaft als Migrant, sondern eher die als Mitglied der unteren Statusgruppen.

2. „die da oben“

Da ist es schwierig zu argumentieren, denn unsere politischen Eliten sind tatsächlich eher so mau. Trotzdem ist unreflektiertes Schimpfen auf die Obrigkeit natürlich ein Klassiker. Man sollte hier vielleicht eine Argumentationslinie verwenden, die betont, dass die Eliten unfähig sind und manchmal korrupt anstatt durchweg böse. Dummheit ist meist die bessere Erklärung.

Dazu sollte man immer auf die Filterbubble achten in der auch die politischen Eliten leben. Die merken meist durch Lobbying und ähnliches nicht, welche Probleme die Menschen da draußen im Lande haben. Das ist teilweise auch gut, aber man sollte es den Leuten ins Gedächtnis rufen und sie darauf hinweisen, dass mangelnde Beteiligung definitiv nichts im Bereich Bürgerrepräsentation erreicht.

3. falsche Annahmen

Das ist etwas seltener, aber mir auch schon öfter untergekommen. Dabei geht es meist um solche Sachen wie Beamte zahlen keine Steuern ((tun sie, sie zahlen keine Sozialabgaben)), Ostdeutsche müssen keinen Solidaritätszuschlag zahlen ((natürlich müssen sie das)), in Hamburg leben die armen Leute ja auch in der Innenstadt ((so gehört letztens, äh nein?)). Hier sollte man möglichst mit Überzeugung erklären, wie die Sachlage tatsächlich ist.

Soundso basieren die meisten Stammtischargumente auf Wissensmangel, den man bei respektvollem Umgang durchaus ausräumen kann.

4. Bleib sachlich und lasse dich nicht auf Ideologie ein

Man sollte immer argumentativ bei der Sachlage bleiben und sich weder auf persönliche Angriffe noch auf Nebenkriegschauplätze einlassen. Das ist schwerer als man denkt. Dazu ist es von Vorteil, dass die Leute weniger über einen wissen. ((Das kriegt man zwar nicht immer hin, aber es hilft.)) Es hilft natürlich auch klassische Diskussionsskripte, die man kennen sollte. Ad hominem Strategien einfach abperlen lassen, immer zurück auf das Thema, immer Relevanz für den Gegenüber herstellen, damit der sich das vorstellen kann und selbst keine Vorwürfe erheben. Dann wird einem sogar zugehört.

5. früher war alles besser

War es das wirklich? Da würde ich einfach mal nachfragen und einen Vergleich heranziehen. Meist war früher nur anders, nicht besser. Darauf kann man an der Stelle immer abheben und es funktioniert auch.

So, wenn euch noch etwas einfällt, dann kommentiert hier mal und ich baue das noch ein.

Über das Wollen….

In den letzten Wochen hatte ich arbeitsmäßig mit eindeutig zu vielen Fällen von psychischen Problemen zu tun, als dass meine Hoffnung die Gesundheit dieser Gesellschaft vorerst noch gerechtfertigt wäre. Aber wenn man diese Fälle so betrachtet, dann fällt mir ein Muster auf, über das ich mal wieder schreiben wollte. Es geht um die Auswirkungen der Märchen, die uns der finale Kapitalismus so erzählt.

Der Anfang hier ist das schöne Märchen von der Leistung. Die FDP meinte ja erst im letzten Wahlkampf, dass diese sich wieder lohnen muss. ((Nuja, tut sie ja laut dem ungeschönten Armutsbericht nicht.)) Aber das Märchen wird den Jugendlichen im Schulsystem immer wieder erzählt, zusammen mit der Bedrohung, dass wenn sie nicht leisten sie keine Zukunft haben. ((Das heißt übrigens auch keine Geisteswissenschaften oder sowas sinnloses als Studienfach zu wählen. Da verdient man ja nix.)) Dazu kommt dann noch, dass etliche junge Menschen sich von vorneherein aus romantischen Gründen hohe Ziele setzen. Das führt dann natürlich zu vielen Effekten für den Einzelnen. Zum Einen wird man schnell zum Soziopathen, weil ja schließlich Mitfühlen und Empathie im ständigen Konkurrenzkampf hinderlich sind und deswegen besser abtrainiert werden, zum Anderen werden die schwächeren Menschen Opfer von Panikattacken und anderen schwereren psychischen Störungen wie Borderline, Anorexie oder Depressionen mit Suizidneigung. Man kann halt nur so lange den Anforderungen, die an einen gestellt werden, standhalten, bevor man anfängt an sich selbst zu zweifeln oder sich in dem Versuch ausbrennt so gut zu sein, wie man denkt, dass man sein muss.

Dabei ist das alles halt nicht wahr. Leistung entscheidet weniger über den Zugang zu hohem Sozialstatus als das Geld und der Status der Eltern. Dazu garantieren die wenigsten Berufe heutzutage Zukunftssicherheit oder wenigstens die Rettung vor Altersarmut. Es gibt halt keinen Grund sich wegen diesen Forderungen unter Druck zu setzen oder ähnliches. Aber das ist natürlich leicht gesagt, es hilft den Menschen, die in diesen Konstruktionen gefangen sind natürlich nicht. Vielleicht sollten wir sie aber mal daraus befreien…

Ehrenrunden?

Der Begriff der „Ehrenrunde“ für ein wiederholtes Schuljahr ist ja an sich schon äußerst zynisch. Schließlich bekommt man diese, wenn man am Ende eines Rennens besonders gut und erfolgreich war. Im Gegensatz hierzu ist die Idee, dass ein Schüler ein Schuljahr noch einmal wiederholt, weil er nicht besonders gut war, doch eher das Gegenteil.

Dieses Vorgehen soll und wird in einigen Bundesländern nicht mehr praktiziert und weil irgendwie Flaute ist in der Politik, ist nun die Diskussion entbrannt, ob denn diese Wiederholungen gut sind oder nicht. Dabei wird mal wieder übersehen, dass die Wiederholungen ein Teil eines Bildungssystems sind und als solche ein Symptom eines tieferliegenden Problems dieses Systems mit der Realität.

So lange wir ein System haben, in dem die Kompetenzen am Ende festgeschrieben sind und die Leistung der Schüler gegen diese „objektive“ Leistungsgrenze gemessen werden, solange ist sitzenbleiben als Technik zur Wiederholung sinnvoll.

Jetzt lässt sich da die Frage stellen, inwiefern dieses aktuelle System sinnvoll ist, aber die Frage lasse ich hier mal besser aus. Die Frage, wie bei einem Abschaffen des Sitzenbleibens den Fahrstuhleffekt, den Schule derzeit hat, ((Schüler, die in der einen Klassenstufe nicht gut sind, bleiben in den folgenden gleich schlecht. Der Aufwand, den ein Einser-Schüler hat um auf seiner Eins zu bleiben ist geringer als der, den ein Fünfer-Schüler hat um auf eine Vier zu kommen.)) aufgehoben werden soll? Noch mehr Förderklassen? Ignorieren? Niveau senken?

Die Antwort habe ich selbst erstmal nicht… aber die Frage steht im Raum.

Wert sein?

Ich war die Tage unterwegs und irgendwann kommt man auch mal auf die Vorzüge des Lehrerdaseins zu reden und die sind ja nicht ohne. Wir haben geringe Nennarbeitszeiten bei hoher Zahl der Urlaubstage, sind verbeamtet und so weiter. Es ist zwar nicht so einfach, wie der Volksglaube es haben will. ((Um das mal zu präzisieren, man kommt am Ende bei 50 Stunden Wochen raus. Die Ferien sind öfter auch mal nicht frei. Aber ja klar: ich hab vormittags recht und nachmittags frei. Die Arbeiten korrigiert ein magischer Federkiel und Stundenvorbereitungen fallen dir unter der Dusche ein und drucken sich selbst aus.)) Und dann redet man noch über das üppige Gehalt, das man interessanterweise aus zwei Gründen bekommt: erstens man hat ein Hochschulstudium hinter sich und zweitens hat man Verantwortung für mehrere Dutzend Menschen und deren Zukunft. ((Also bei mir derzeit ca. 100 direkt in der 12. Klasse und nochmal so 30 indirekt in der Vorbereitung, dass sie die 12. Klasse überstehen.)) Aber das ist trotzdem immer noch sehr komfortabel.

Ja, aber es kommt halt trotzdem eigenartig. Wir sind als Lehrer halt privilegiert, weniger als man so denkt, aber wir sind es. Und wir tun auch viel diese Schmach auf uns zu ziehen. Wie viele Lehrer kennt man, die weinen, weil sie so viel zu tun haben. Da wünsche auch ich mir, dass sie mal etwas den Ball flach halten. Es ist halt ein Job. Aber selbst wenn ich das so erzähle, mit der mir gegebenen Amüsiertheit über die Abstrusität des Ganzen, beschleicht mich ein schlechtes Gefühl da anzugeben. Die Frage hier ist dann warum? Die meisten Leute mit denen ich rede hätten diesen Beruf ergreifen können und es nicht getan. Der Grund hierfür ist wohl sicher nicht die Vorteile, die man da so weich hat, sondern, dass es ein Beruf ist, den man auch aushalten und können muss. Dir ist es trotzdem unangenehm. Weil man redet nicht über Geld und man erzählt nicht wie gut es einem geht, weil es ja allen immer schlecht geht.

Und damit nehmen wir uns alle unseren Wert, wir nehmen anderen den Wert durch Neid und nehmen uns unseren Wert ((den wir ja auch bezahlt kriegen…)) in dem wir nicht mehr offen darüber reden. Solange man weiß, dass man privilegiert ist, und das ist man als Mensch in der westlichen Welt soundso immer, kann man auch darüber reden. Zu sagen, dass es dir gut geht, beschämt nicht den, dem es schlecht geht. Denn es ist meist nicht seine Schuld. Und wenn es jemand besser geht und dieser dies nicht zum Anlass nimmt dich abzuwerten, dann gönne es ihm. In den meisten Fällen ist er dadurch kein Arschloch geworden. Die Arschlöcher erkennt man nicht an ihrem Gehalt und ihren Vorteilen sondern an ihrem Verhalten und ihrem Umgang mit diesen Vorteilen.

Symbolpolitik und Symptombekämpfung….

Der CDU-Experte ((Zu Experten empfehle ich den Vortrag von maha und Kai Biermann auf dem 29C3,)) Spahn fordert, dass Eltern deren Kinder sich ins Koma saufen doch bitte 100€ Selbstbeteiligung zahlen sollen, damit sie mehr Verantwortung für ihre Sprösslinge übernehmen.

Herrn Spahn wird dafür der Preis für Symbolpolitik und dummen Aktionismus unter komplettem Ignorieren von Kausalitäten für den heutigen Tag zugestanden. Dieser ständig wechselnde Wanderpokal für aktionistisches Geschwafel verdient sich Spahn nicht nur für seine komplette Ignoranz gegenüber den Realitäten von jugendlichem Alkoholmissbrauchs und dessen Zusammenhang mit dem sozialen Status der Kinder wie Eltern, sondern auch für das absolut geniale Timing seines Vorstoßes. Schließlich feiert sich ja heute die Schwesterpartei damit, dass sie das größte politische Biersaufen Deutschlands veranstaltet. Wir gratulieren ihm dazu zum Finden der letzten unbekannten Lösung des Problems Jugendalkoholismus, die komplett nutzlos ist.

Wofür kriege ich eigentlich mein Geld?

Ich trage mich ja schon lange mit der Frage rum, wie eigentlich so die Lehrkraft ihr Selbstverständnis generiert. Wir sind ja priviligiert an sich als Beamte mit allen Benefits, die es da so gibt. Doch am Ende ist Lehrer ein Beruf wie jeder andere und jeder Beruf hat in seinem Kern eine Aufgabe. Die kann mehr und weniger komplex sein, aber sie ist da. Und dafür bekommt man dann sein Geld.

Wofür bekomme ich Lehrer denn nun mein Geld? Es scheint für viele Leute so zu sein, dass ich es primär dafür bekomme da zu sein und Noten zu produzieren und das am Schüler, dem ich Sachen erzähle. Aber das ist ja irgendwie diffus und zentriert sich primär darauf, dass ich da bin. Das kann also nicht wirklich zielführend sein. Also, für was bekommt man als Lehrer sein Geld? Am ehesten dafür seine Klienten(Schüler) zu einem bestmöglichen Erfolg zu führen. Das benötigt dann verschiedenste Fähigkeiten und muss dann auch noch im Rahmen allerlei Gesetze und Regelungen tun. Doch dafür bekommt man eben sein Geld. Und daraus kommt die Frage für was man eigentlich nicht bezahlt wird.

Man wird weder bezahlt um Menschen eine Zukunft zu verbauen, um sich Urteile über diese Menschen zu erlauben, um „aufzusteigen“, um die Welt zu verändern oder um „jungen Leuten etwas zu geben“. Nein, wir beschaffen Sozialstatus und das unter Erhaltung des Menschen an sich im Rahmen der gesellschaftlichen Normen.

Das ist meine Antwort und sie ist genauso valide wie manch andere Doch viele Lehrer beantworten diese Frage für sich selten bis nie und das ist die eigentlich Tragik an unserem Bildungssystem, dass die Menschen, die auf der professionellen Seite im Mittelpunkt stehen teilweise nicht präzise wissen, was sie da warum tun…

Deswegen bleibt die Frage: für was bekommst du dein Geld?