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Eine Frage der Qualität

Die Schulen stehen im 21. Jahrhundert vor großen Herausforderungen. Das liest man zumindest überall und es bemüßigen sich viele Leute an Analysen, Forderungen und ähnlichem. Dazu gehöre ich, der sich schon auf seinen Bierkasten gestellt hat, aber auch die Kultusministerien und Gremien, die diesen angegliedert sind. Im Gegensatz zu mir, hat das bayrische Kultusministerium da natürlich tatsächlich etwas zu sagen und die Entscheidungen und Ideen, die dort entwickelt und getroffen werden, landen dann bei uns Lehrkräften. Eine der aktuell am meisten diskutierten Ideen ist ein Qualitätsmanagement für Schulen. Da mich dies betrifft möchte ich eigentlich nur einmal festhalten, wie dieses strukturiert ist und was mir das am Ende sagt. ((Ja, langweilig, aber das hier ist ja mein Blog.)) Die meisten dieser Informationen findet man auch auf der offiziellen Seite des Projekts. Ich fasse das nur grob zusammen.

Schulqualitätsmanagement – Ein Anfang

Bevor es allerdings wirklich losgeht muss man sich ja erst einmal irgendwie darüber klar werden, was denn eigentlich Schulqualität ist. Die Liste dazu ist so erstaunlich lang, dass es eigentlich gar nicht möglich ist das in einem zu operationalisieren. Die Anforderungen an Schule sind halt so vielschichtig und komplex, dass es auch sehr schwer ist zu sagen, was eine Schule gut macht. ((Vielleicht wäre es auch einfacher sich anzusehen, was eine Schule schlecht macht und das einfach abzustellen und den Rest einfach laufen zu lassen, bis es Probleme gibt.)) Während die Schulverwaltung sehr abstrakte Ziele ansetzt, stört den Lehrer vor allem unwegsame Verwaltung und das eine oder andere pädagogisch-psychologische Problem, dass die Fähigkeiten des einzelnen übersteigt. Dazu kommen noch die Schüler, die klare Vorstellungen haben, wie das so aussehen soll ((Witzigerweise hat das wenig mit „gar keine Schule“ zu tun, und mehr mit freundlichem Umgang, Transparenz und spürbarer Kompetenz.)) und auch die Eltern, die gerne mal dem neurotischen Druck der Gesellschaft erliegen und der Schule nicht vertrauen. ((Leute, ganz ernsthaft: das ist alles nicht ideal, aber wir wissen relativ gut, was wir da tun…)) Am Ende hat aber alles sein Zentrum in den zentralen Schulabläufen, also schlicht Rahmenbedingungen die den Lehrern und der Schulleitung ermöglichen möglichst gut die Wünsche der Eltern, Schüler und Schulverwaltung zu erfüllen.

Dazu benötigt man Strukturen und auch einen klaren Plan der Verbesserung. Das soll dann das Qualitätsmanagement machen. Dafür muss dieses Managementsystem aber auch bestimmte Anforderungen erfüllen. Es muss schlank, flexibel, transparent und dabei auch dokumentierbar sein. Diese Aufgabe versucht man derzeit in meinem Bereich mit dem QMBS ((Qualitätsmangement an beruflichen Schulen)) zu lösen. Das ist das System, das ich hier jetzt erst einmal darstellen möchte. ((Allein schon, weil ich es endlich mal in Ruhe kapieren will.))

Grundlegende Ideen von QMBS

Das System besteht im Endeffekt aus vier Komplexen, die sich um ein zentrales schulisches Qualitätsverständnis drehen. Das Qualitätsverständnis ist individuell für jede Schule festlegbar und gilt als Ausgangspunkt für alle anderen Aktivitäten der Schulqualitätssicherung. Das macht dieses Verständnis jetzt nicht einfacher zu erreichen und die Chance, dass dieses Qualitätsverständnis suboptimal definiert wird ist durchaus vorhanden. Schließlich sind Lehrer Experten für ihre Fächer und Unterricht, aber nicht für Prozessanalyse, schon gar nicht der eigenen Prozesse.

Der erste Komplex, der sich an das Qualitätsverständnis anschließt ist eine interne Evaluation der schulischen Prozesse. Ohne Daten darüber, wie die Schule läuft, können wir ja eigentlich keinerlei Aussagen treffen oder Maßnahmen ergreifen. Dazu braucht es dann also eine standardisierte und reliable Datenerhebung. ((Wie man das in einer Schule anstellt, wenn eigentlich das gesamte Personal keine Bildungsforscher sind, gute Frage… Man wird dabei anscheinend unterstützt.))

Um dann irgendwie die Maßnahmen umzusetzen und auch eine Kontrolle der Umsetzung zu haben, ist dann auch noch eine externe Evaluation vorgesehen. Dabei kommen dann halt Leute vorbei, schauen sich alles an und bereichern die Schule mit ihrer Kompetenz ((Oder wenigstens einem Stapel Papier…)). Das ist vor allem das Mittel der Schulverwaltung um sicher zu gehen, dass hier nach Vorgaben und Ideen gearbeitet wird, die akzeptiert und sinnvoll sind.

Das gibt es dann auch noch einmal auf der persönlichen Ebene. Aus der Idee, dass sich der Einzelne immer verbessern kann, entsteht das Indivualfeedback für Lehrer. Hierbei sollen sich die Lehrer gegenseitig beobachten und unterstützen. Vorgegeben ist da nur, dass man das als Lehrer so einmal im Jahr machen sollte.

Zuletzt muss die ganze Qualitätssicherung natürlich auch noch organisiert werden. Das geschieht im Beriech Prozessteuerung. Hier gibt es dann eine Lenkungsgruppe, die die Schulleitung dabei unterstützen soll, dass da die Qualität gemanagt wird. Da geht es natürlich auch um Beteiligung, aber halt auch Verwaltung.

Dies stellt jetzt erst einmal die grobe Struktur dar, doch da kann man natürlich auch mal ins Detail gehen.

Schulisches Qualitätsverständnis

Das SQV ((Ja, Akronyme sind immer toll!)) steht „in der Mitte allen schulischen Qualitätshandelns“. Es wird sich von der Schule selbst gegeben in einem Prozess, der irgendwie nach Demokratie aussieht. Dabei wird die Lehrerschaft gefragt, wie sie das so sieht und dann werden daraus Leitsätze gebildet nach dem Qualität an der Schule so begriffen wird. Die Schulgemeinschaft soll also für sich klären, was Schulqualität ist und daraus dann Ziele und Aufgaben ableiten.

Das ist auf der einen Seite sehr nett und sicherlich der einzige Weg, wie man überhaupt Schulqualität umsetzen kann, es ist aber auch problematisch, da hier am Ende ein Kompromiss getroffen werden muss. Da bestimmte Personen in einer Schule sämtliche Abläufe wahlweise torpedieren oder zumindest erschweren können, haben diese den Vorteil der bestimmenden Minderheit. Das bedeutet dann leider nicht, dass deren Ideen zur Schulqualität tatsächlich die für die Schule geeignetsten sind. Da hier alles demokratisch läuft, kann es zu Blockaden oder aber zu Manipulationen kommen, die die Legitimität des gesamten Prozesses gefährden. Das gesamte System hängt aber am Qualitätsverständnis und hier wird es dann schon schwieriger.

Interne Evaluation

Eine Schule intern zu evaluieren ist, mit gegebenen Mitteln, eigentlich ganz einfach. Man baut einen Fragebogen, bei dem sich der empirische Sozialforscher nicht gleich durch Lachen oder Suizid aus der Welt entfernt, und schmeisst diesen den Schülern und Lehrern entgegen. Dann setzt man sich hin, oder lässt jemanden hinsetzen, und macht dann Datenanalyse. Ein paar hübsche Tortendiagramme ((Tortendiagramme sind übrigens das Comic Sans des Statistikers…)) später hat man grundlegende Informationen über die Schule gesammelt. Das ist durchgehend sinnvoll und praktikabel. Das einzige Manko ist dann die Frage, welche Problemfelder eigentlich überhaupt analysiert werden und das fällt auf das Qualitätsverständnis zurück.

Eine interne Evaluation der Abläufe kann eigentlich nur hilfreich sein, solange sie professionell durchgeführt ist. Das ist dann auch der einzige Punkt an dem dies in der Schulrealität gerne mal scheitern kann. Aber hierfür gäbe es sicher Hilfe, weswegen dies eigentlich etwas ist, was man machen kann und wahrscheinlich auch sollte.

Externe Evaluation

Das wird bei externen Prozessen noch einfacher. Eigentlich kann man sich der externen Evaluation einfach ergeben und im Behördensystem muss man das halt schlicht einfach tun. Damit wird es aber auch erst problematisch, da hier eigentlich Werte von außen an die Schule herangetragen werden, die wiederum nicht mit dem schulischen Qualitätsverständnis übereinstimmen müssen und dank der Breite der pädagogischen Welt auch gerne komplett im Widerspruch zum Qualitätsverständnis stehen können. Das führt entweder zur Entwertung des externen Feedbacks oder aber zu zusätzlichem Konformitätsdruck auf die Schule. Beide Szenarien sind nicht sonderlich hilfreich. Hier hängt sich das Problem wieder am Qualitätsverständnis der Schulen auf.

Generell ist zu sagen, dass eine externe Evaluation mit klaren und transparenten Anforderungen und Regeln sicherlich sinnvoll sein kann, wenn diese dann Rücksicht auf die schulinternen Vorstellungen von Qualität nimmt.

Individualfeedback

Der nächste Bestandteil ist das individuelle Feedback für jeden Lehrer. Dies wird generell als freiwilliges Angebot formuliert. Es wird davon ausgegangen, dass Lehrer Feedback wünschen und sich fortbilden wollen. Dazu gibt es dann individuelles Feedback, dass sich die Lehrkraft selbst aussuchen kann. Zwar wird in allen Texten betont, dass dieser Prozess unabhängig von etwaigen Beurteilungsszenarien ist, aber man darf es dem dauerkontrollierten Beamten nicht übel nehmen, wenn er da skeptisch ist. Die Akzeptanz solcher Methoden hilft sicherlich die Qualität an Schulen zu verbessern, doch die Beurteilungs- und Kontrollpraxis in staatlichen Schulen kann dafür sorgen, dass sie wenig Akzeptanz erfahren werden, da man gelernt hat Feedback und Kontrolle wahlweise zu ignorieren oder zu fürchten. ((Ich weiß nicht, was davon schlimmer ist.))

Bei einer entsprechenden Schulkultur ist Individualfeedback sicherlich eine gute Idee und hilfreich. Diese Schulkultur herzustellen ist ähnlich komplex wie das entsprechende Qualitätsverständnis herbeizuzaubern.

Prozesssteuerung

Der letzte Bestandteil ist dann auch der wichtigste, denn ohne eine entsprechende Organisation ist ein Management nicht möglich. Mit diesem Teil beschäftigt sich die Prozesssteuerung. Wie der Namensbestandteil Steuerung schon angibt, geht es hier nicht um einen demokratischen Prozess, sondern die Aufgabe obliegt der Schulleitung und einer Lenkungsgruppe ((Die Begrifflichkeiten sind klasse, oder?)). Diese Gruppe soll Qualitätsmassnahmen entwickeln, kontrollieren und dokumentieren.

Abhängigkeiten sollen natürlich nicht gegeben sein, aber sie sind am Ende informell natürlich da. Damit kann befürchtet werden, dass die Menschen, die den Prozess lenken sich durch den Prozess verändern müssen oder zumindest ihre Umstände verändert sehen. Das ist dann natürlich für diese Menschen ein Problem und im Endeffekt ein Grund, dass die Organisatoren des Qualitätsmanagements eigentlich nur viel Papier, aber keine Ergebnisse abliefern.

Und nun?

Nun, die Idee einer irgendwie gearteten Sicherung von Schulqualtität ist an sich nicht schlecht, wenn die grundlegenden Fragen geklärt sind. Diese Fragen sind:

  • Was ist denn Schulqualität?
  • Wie ist sie operationalisiert?
  • Welche Relevanz hat sie für die Betroffenen?

Diese Fragen werden durch QMBS nur wenig beantwortet, weil es eigentlich später ansetzt. Im Mittelpunkt steht halt ein Qualitätsverständnis, das schwammiger nicht sein kann und auch schwieriger nicht vereinbart werden kann. Da die Alternative, nämlich global vorgegebene Qualitätsstandards als schlechter gesehen werden, ist dies ein saurer Apfel, in den man beißen muss, will man Schulqualität herstellen. Der primäre Kritikpunkt, der mir hier auffällt ist, dass das Qualitätsverständnis positiv formuliert wird. Es ist viel einfacher zu sagen, was man nicht haben will, als immer positiv etwas zu formulieren. Meist bleiben diese Formulierungen auch leer.

Während interne Evaluation und Individualfeedback absolut sinnvolle Ideen sind, können sie am Ende an veralteten Vorstellungen in der Lehrerschaft scheitern. Aber sie werden sicherlich in Zukunft zu sinnvollen Standards werden. ((Dass die erst jetzt die Idee haben, dass das vielleicht sinnvoll wäre, sagt mehr über unsere Schulverwaltung, als man wissen möchte.)) Die externe Evaluation spielt hier eine untergeordnete Rolle, weil QMBS es sie nur insofern betrifft, dass man dafür sorgt, dass man zu ihr kompatibel ist. ((Egal wie hirnrissig die Kriterien dann sind.))

Die Prozessteuerung ist am Ende das Sorgenkind dieses Konzepts. Sie macht eigentlich alles schlecht, was man sich hier erhofft. Sie ist weniger flexibel und hat eine Chance viel Filz und wenig Inhalte zu produzieren. Dies scheint mir die eigentliche Achillesferse dieses Systems zu sein. Es wird viel Geld und Zeit in etwas investiert, dass eigentlich Schule schlanker und effizienter machen sollte. Die Anfangsinvestition an Zeit und mentaler Arbeit ist hoch und verspricht keinerlei Ergebnisse oder auch nur Ergebnisansätze.

Dementsprechend ist mein Bild vom QMBS das einer guten Idee, die nicht gut umgesetzt ist. Es ist gut gemeint aber im Detail nicht gut gemacht.

Demokratienormalitätsupdate – Zynikerversion

So, Deutschland versinkt gerade in den Fluten. Das Jahrhunderthochwasser von 2002 ((Das war vielleicht auch etwas früh…)) wird durch das von 2013 abgelöst. Bevor das nächste dann gegen 2022 kommt. Das hilft natürlich andere kleine Probleme zu verdrängen. Da wäre einmal dieser Aufstand in der Türkei. Fangen wir doch mit dem mal an. ((Keine Sorge, ich hab sogar eine Pointe am Ende.))

Also hier kurz die Lage, wie sie sich mir durch die Medien darstellt. Alles begann mit einem Protest gegen die Abholzung hunderter Bäume in einem zentralen Platz. Diese wurde von der Polizei bedroht und entglitt in eine veritable Straßenschlacht, bei der die Polizei nicht nur sämtliche Vorräte an Tränengas verbraucht, sondern auch gleich noch zu schwerer Waffen gegriffen hat. Dabei galt dann erst einmal, dass die Regierung in ihrem Vorgehen komplett kompromisslos vorging und die Bevölkerung in großen Mengen dagegen stand. Die Medien wurden geknebelt, so dass unsere Berichterstattung in Deutschland weitaus detaillierter ist als die in der Türkei selbst. Internet wurde mal kurz abgestellt, es roch schon leicht nach arabischem Frühling. Doch dann hat sich die Situation beruhigt und die türkische Regierung rudert zurück, nachdem mehrere hundert Menschen mitunter sogar schwer verletzt wurden.

Spannend ist hier, dass die Äußerungen der Demonstranten sich schnell von einem einfachen Umweltprotest zu einem Protest gegen die Regierung Erdogan gewandelt hat. Dies ist ein Hinweis darauf, dass es eigentlich um mehr geht, als die Nachrichtenlage so angehen lässt. Die Reaktion der Regierung auf die Proteste ist auch ein Hinweis, dass es da um mehr geht. Nun gut, aber vielleicht etwas langsamer. Mein Geschichtslehrer meinte immer zu mir, dass es einen Unterschied zwischen Anlass und Ursache für Konflikte gibt. Das scheint hier auch der Fall zu sein. Anlass war sicherlich die Sache mit dem Park, Ursache wohl kaum. Da scheint eher eine grundlegende Missstimmung zwischen der Bevölkerung und der Regierung zu sein. ((Auch hier…)) Das führt natürlich zu Spannungen und ein überreligiöser Hardliner wie Erdogan ((Unvergessen hier auch, dass er gerade bei den als überkonservativ bekannten Türken in Deutschland sehr beliebt ist und auch hier mit eher konservativen Ansichten antrat.)) greift dann gerne schnell zur groben Keule. Dass dies im Lichte dessen, was rund um die Türkei gerade passiert seiner Angst geschuldet sein kann ist verständlich, aber kann leider auch der Beginn einer wunderbaren self-fulfilling prophecy sein. Wir warten mal ab.

Aber die Türkei ist nicht das einzige Land in dem gerade Demonstranten Probleme mit Polizeigewalt hatten. Natürlich kann das nur ein ähnlich demokratisch fragwürdiger Staat sein, wie die Türkei. Oder Deutschland… Wir hatten mal wieder Blockupy Proteste in der Bankenmetropole Frankfurt ((Also, die Banken sind für mich immer noch das atypischste an Frankfurt…)). Das Ziel ist es den Kapitalismus zu attackieren. Der Sinn hiervon ist eine eigene Diskussion wert. ((Will heißen: ich finde das erstmal grundsätzlich unnötig und halte es für eine falsche Strategie für vielleicht sogar den falschen Zweck.)) Eigentlich wäre das mir auch keine Erwähnung wert, hätte die Frankfurter Polizei nicht strukturell und in der Konsequenz die Demonstration durch Gewaltanwendung und Einkesselung in die Medien gebracht. Es wurde von vorneherein unverhältnismäßig rabiat vorgegangen, obwohl dies wohl eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Dafür gab es dann halt auch den entsprechenden Medieneffekt, bei dem die Polizei nicht wirklich gut weggekommen ist, vor allem nicht wenn gleichzeitig das Thema auch international hochschwappt. ((Naja, mittlerweile schwappt ja die Donau hoch. Alles vergessen…)) Doch bedenklich, weil vermeidbar, ist dieses Vorgehen der Polizei schon. Es scheint aber irgendwie auch ein Trend zu werden.

Dieser Trend ist der Grund für die Überschrift, die ich mir gewählt habe. Die Demokratie ist irgendwie in einem schlechten Zustand. Es ist nicht nur Erdogan, der Verachtung für seine Bevölkerung zeigt, auch die Technokraten der EU und die politischen Eliten Deutschlands zeigen in ihren Einstellungen zum Sozialsystem und der Austeritätspolitik in der Eurokrise, dass ihnen die Märkte wichtiger sind als ihre Bevölkerung und dass ein entsprechender Protest gegen diese Märkte ((egal wie blödsinnig er sein mag…)) eine Gefahr darstellt, die groß genug ist, damit man mal draufhaut. Die Entfremdung zwischen den Eliten, die von der Bevölkerung gewählt werden und die eigentlich in deren Sinne handeln sollten, ist ein ständiger Prozess, der zu vielen Fragen führt. ((Unter anderem der, wie eigentlich politische Bildung in diesen Zeiten aussehen muss. Da muss ich auch mal drüber reden…)) Derzeit scheinen die Konfrontationen immer größer zu werden und man kann nur hoffen, dass diese Entfremdung nicht zu einem aufflammenden Extremismus führt, in dem wir alle nur den kurzen ziehen. Es sei den Eliten, egal ob in der Türkei oder in Europa dringend geraten nicht zu vergessen, dass sie am Ende nicht von Märkten und Religionen abhängig sind sondern von Menschen und, dass diese Menschen zumindest das Gefühl haben möchten, dass sie im Mittelpunkt und nicht im Weg der Politik stehen.

Wer wird uns verraten?

Die Telekom möchte in Zukunft den Datenverkehr drosseln. Das ist eklig, aber wird auch erst 2016 kommen. Doch ich möchte hier mal eine kleine Voraussage treffen. Ihr kennt vielleicht dieses schöne Lied von Marc Uwe Kling. Dieser bezieht sich ja unter anderem darauf, dass die kleinen Vorteile der sozialdemokratischen Reformen dem radikalen Kommunismus das Wasser abgegraben haben. Das lag unter anderem daran, dass durch die sozialen Reformen Bismarcks viele Bürger glücklich waren und die Kommunisten ignoriert haben, die noch mehr als die bequeme Sozialversicherung wollten.

Was das mit Drosselkom zu tun hat? Meine Voraussage ist, dass das so kommen wird. Das freie Netz wird sterben, weil die meisten Leuten ihre kurzweilige Bequemlichkeit durch zukaufbare Optionen befriedigen werden und das dann auch tun. Die hehren Ziele der Netzpolitiker interessieren die Facebooknutzer und Youtubeglotzer nicht, wenn denen einfach ihre Bedürfnisse befriedigt werden. Da fallen die Blogger, Podcaster und so weiter schneller runter als wir „Netzneutralität“ sagen können.

Kompetenzkompetenz

Wer es noch nicht mitbekommen hat: es ist Wahlkampf. Deswegen sehen wir mehr abgehalfterte Politiker auf Marktbühnen, die versuchen dasselbe politische Programm mit einem anderen Aufkleber drauf, an möglichst viele Leute zu verteilen.

Dazu gehört dieser pseudoamerikanische Affentanz mit den Kanzlerduellen. Da hat jetzt fnordigerweise Edmund Stoiber den ProSieben Haus- und Hofentertainer Stefan Raab als Moderator für ProSiebenSat1 vorgeschlagen. Dies trifft beim ZDF Chefredakteur Peter Frey auf wenig Gegenliebe. Der behauptet, dass Raab die Kompetenz fehlt, politische Diskussionen zu führen.

Das will ja eigentlich heißen: Stefan Raab hält sich nicht an die Regeln, die die Politjournaille für sich in Berlin gemacht hat. Er ist gefährlich, weil er am nächsten Tag nicht wieder im Dickdarm der politischen sitzen muss. Er könnte am Ende fragen stellen, die Peer Steinbrück und Angela Merkel eigentlich nicht gestellt bekommen könnten. Das wäre ein absolutes Novum gegenüber dem braven, linientreuen und pseudokontroversen Gefrage das jeden Tag in irgendwelchen rundfunkbeitragsverschwendenden Talkshows zelebriert wird.

Ich würde mir das Duell mit Raab vielleicht anschauen, ohne ihn brauche ich es gar nicht zu sehen.

Zukunft erdrosseln

Die Deutsche Telekom hat jetzt mal angekündigt, dass sie ab 2016 Volumengrenzen für ihre, dann nicht mehr passend benannten Flatrates einführt. Mit den neuen Verträgen, die man ab jetzt nur noch abschließen kann, wird einem auch versichert, dass man danach mit 384 kBit/s keinerlei Internet hat. Damit ist der Anschluss funktional kaputt. Wer die Details möchte, dem empfehle ich Netzpolitik.org und LNP062 Zerebrale Flatulenz von Logbuch Netzpolitik. Die Diskussion wird groß im Netz geführt und man darf sich daran beteiligen.

Ich möchte hier aber mal auf eine zweite Dimension hinweisen, warum dies eigentlich so katastrophal ist. Unsere Kanzlerin erzählt gerne vom Zukunftsstandort Deutschland und dass Wissen unser einziger Rohstoff ist. Neben der Tatsache, dass das Bildungssystem nun wirklich der marodeste Bagger für diesen Rohstoff ist, muss dann so eine Entscheidung der Telekom auch einmal unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden.

Meine liebe Arbeitsstätte besitzt zwei Computersäle mit insgesamt um die vierzig Rechner auf denen die Schüler Informatikunterricht erhalten. Diese hängen zusammen mit den Rechnern im Lehrerzimmer an einem internen Netzwerk und über einen Klingeldraht am Telekomnetz hängen. Obwohl wir im Stadtbereich liegen haben wir erstaunliche 6 MBit/s als Vertrag, weil irgendwie kein Netz da ist, wo die Schule liegt. ((Kein Businessvertrag oder so, das können wir uns gar nicht leisten.)) Das bedeutet also, dass über sechzig Lehrkräfte und deren Unterricht an einem Klingeldraht hängen. Der Freistaat Bayern stellt den Schulen übrigens keinerlei digitale Infrastruktur zur Verfügung und die Sachaufwandsträger sind ja sehr oft pleite. Der Ist-Zustand unserer digitalen Infrastruktur ist also irgendwo zwischen vermodert und gerade so benutzbar. Was er definitiv schon mal nicht ist: angemessen dem, was sich die Pädagogik und Didaktik so für die Zukunft ausgedacht hat. Da wird viel von e-learning geredet, moderner Unterricht braucht an sich immer mehr mediale Ressourcen, die es ja auch gibt und eine digitale Verwaltung von Schule und Schulaufgaben wäre ja auch mal großes Kino. ((Wir sind gerade am Planen den Materialienaustausch der Lehrkräfte über dropbox zu regeln, weil wir damit irgendwie im 21. Jahrhundert ankommen könnten.))

So, dann kommt die Telekom daher und will Volumenverträge machen. Wir sind also in der Situation keinerlei staatliche Infrastruktur zu besitzen, mit denen Schulen ihrem Bildungsauftrag nachkommen können oder ihre Verwaltung effizient gestalten können und nun kommt der staatsfinanzierte Telelkommunikationsanbieter daher und kloppt uns irgendwann die Leitung zu. Weil wir natürlich immer in der zweiten Hälfte des Monats theoretischen Informatikunterricht machen. Ist ja kein Netz mehr da und Videos im Geschichtsunterricht oder sowas gehen natürlich auch nicht. Wahrscheinlich wird dann das Datenkontigent für Lehrkräfte eingeführt, so wie beim Kopieren, damit auch die Bits bis zum Ende des Monats reichen.

Das ist das eigentliche Problem. Unsere Schulverwaltungen werden Drosselkom nie kommen sehen. Es kümmert sich niemand in den oberen Etagen um die datentechnische Ausstattung von Schulen, egal welcher Schulart und wenn dann nur als Gequatsche um angebliche moderne Schule, die man mit dem was da investiert und dann auch missverwaltet wird auch nicht bekommen kann. Da wird 2016 irgendwann wer dastehen und weinen, dass das ja total unfair ist und so nicht geht, inklusive niederbayrisch-schimpfendem Kultusminister. Passieren wird nichts. Netzpolitik wird immer mehr zur Bürgerrechtspolitik, aber jetzt muss sie auch zur Bildungspolitik werden. Wenn wir hier der Zukunftsstandort sein wollen, den unsere Politiker immer versprechen, dann brauchen wir eigentlich Glasfaser in jeder Schule und Support und zwar zentral und anständig bezahlt. Das was wir haben und das was uns die Telekom hier verspricht ist nichts weiter als der totale Rückwurf in eine Bildung aus dem 19. Jahrhundert. Es geht hier also eben nicht nur um Netzneutralität, sondern auch um unser bestehen als bildungsabhängige Industrienation.

Ist das jetzt eigentlich schade?

Unsere Großpolitik hadert ja seit Ewigkeiten mit der Linken. ((Die ist ja so böse linksextrem und wird schon seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet. Das heißt im Klartext: sie sagt die ganze Zeit Dinge, die nicht dem Großkonsens der Restpolitik entsprechen. Ist ja auch furchtbar, wenn jemand eine grundlegend andere Sicht auf Dinge hat und dann mit Tatsachen argumentiert.)) Das zieht sich bis in die Finanzierung der Jugendorganisationen. Gerade unter der aktuellen Familienministerin Christina Schröder gab es schon seit längerem Bestrebungen gerade den antifaschistischen und damit eher linken Projekten und Organisationen die staatliche Förderung zu entziehen. ((Achtung! Link geht zur Jungle World. Das ist ja nicht jedem seine Sache.))

Besonders hat es der armen Frau Schröder die Jugendorganisation der Linken, die Linksjugend Solid, angetan. Deswegen ging sie mit ihrem Ministerium vor dem Berlin-Brandenburger Verwaltungsgericht in den Kampf mit der Linksjugend. Den hat sie heute so schallend verloren, dass sogar in Frage steht, ob die anderen Parteijugenden überhaupt gefördert werden dürfen. Nunja, und da sind wir bei der Frage, die sich mir das stellt: ist das jetzt eigentlich schade?

Immerhin kann von keiner parteilich finanzierten Organisation ((Nur so, ein Großteil der politischen Erwachsenenbildung kommt von Parteienstiftungen oder kommerziellen Anbietern. Die haben sicher alle keine Agenda.)) eine reine ideologiefreie Inhaltsauswahl oder eine sachbasierte Analyse erwartet werden. Das ist ja schon staatsbezahlt relativ schwer zu bewerkstelligen. Also ist da so die Frage, ob eine Verteilung der Finanzen auf neutralere Träger, die eben nicht direkt an den Parteien hängen, aber dafür die Bevölkerung breiter abbilden, besser ist. Schließlich sind die Jugendorganisationen die Kaderschmieden der Parteien und Teil deren Elitenbildung. Das bedeutet, dass sie aus der Sicht der politischen Bildung, die die Mündigkeit des Bürgers im Blick hat, nicht unbedingt ideal sind. Stattdessen sollte dies ansetzen, nachdem die Jugendlichen mal eine neutralere Politiksicht gezeigt bekommen haben.

Aber dafür bräuchten wir ja ma eine politische Bildung, die nicht fünf Minuten vorm Abi stattfindet!

Argumentationshilfen für politische Diskussionen

Ich holte gerade meine Mutter ab und da saßen etliche ältere Herren und diskutierten über Politik und die Welt. Das taten sie natürlich auf die beste Stammtischmanier, die man sich vorstellen kann. Die klassische Idee ist, dass diese Leute ja alle dumm sind und man sich das am Besten nicht antut. Ich denke aber, dass das genauso intelligente Menschen sind, wie das jeder von sich annimmt. Also kann man mit denen auch reden. Das tat ich dann irgendwann mal und siehe da. Die sind nicht dumm, die sind nur nicht informiert und folgen dir locker, wenn du ihnen eine klare Argumentationslinie gibt.

In diesem Sinne habe ich mir gedacht, dass ich doch ein paar der Standards nochmal aufschreibe und die jeweilige Copingstrategie ausführe.

1. „Ausländer“

Das erste Argument, was in diesem Themenbereich kommt ist natürlich die Frage, was denn überhaupt ein Ausländer ist. Meistens wird hier eine pseudobiologische Definition herangenommen, nämlich die, dass man deutsche Eltern gehabt hat. Das ist zwar von alters her die Basis der deutschen Staatsbürgerschaft, allerdings ist ein Deutscher nunmal einfach die Person, die einen deutschen Pass hat. Legt man das an, dann lassen sich viele dieser Diskussionen ganz anders gestalten. Unter anderem diejenige darüber, dass Ausländer bevorzugt werdenDenn wenn erst einmal klar ist, dass diese „Ausländer“ Deutsche sind, dann ist auch klar, dass diese dieselbe Unterstützung bekommen wie wir.

Da sind wir dann auch bei einem zweiten Thema, dass in diesem Zusammenhang gerne kommt, nämlich dass Deutsche mit Migrationshintergrund krimineller wären als echte Deutsche ((oder so…)). Dazu muss man dann in die Sozialstruktur schauen und stellt fest, dass es gar nicht am Migrationshintergrund an sich liegt, dass die Kriminalität da höher ist. Zum einen ist das ein klassischer Fall der Unterreportage von Straftaten Deutscher, weil auch die Presse hier unbewusst voreingenommen ist. Dann gehören die Menschen mit Migrationshintergrund zu großen Teilen zu den unteren Statusgruppen dieser Gesellschaft und diese neigen allein aufgrund ihrer prekären Situation zu mehr Kriminalität. Es ist also nicht so sehr die Eigenschaft als Migrant, sondern eher die als Mitglied der unteren Statusgruppen.

2. „die da oben“

Da ist es schwierig zu argumentieren, denn unsere politischen Eliten sind tatsächlich eher so mau. Trotzdem ist unreflektiertes Schimpfen auf die Obrigkeit natürlich ein Klassiker. Man sollte hier vielleicht eine Argumentationslinie verwenden, die betont, dass die Eliten unfähig sind und manchmal korrupt anstatt durchweg böse. Dummheit ist meist die bessere Erklärung.

Dazu sollte man immer auf die Filterbubble achten in der auch die politischen Eliten leben. Die merken meist durch Lobbying und ähnliches nicht, welche Probleme die Menschen da draußen im Lande haben. Das ist teilweise auch gut, aber man sollte es den Leuten ins Gedächtnis rufen und sie darauf hinweisen, dass mangelnde Beteiligung definitiv nichts im Bereich Bürgerrepräsentation erreicht.

3. falsche Annahmen

Das ist etwas seltener, aber mir auch schon öfter untergekommen. Dabei geht es meist um solche Sachen wie Beamte zahlen keine Steuern ((tun sie, sie zahlen keine Sozialabgaben)), Ostdeutsche müssen keinen Solidaritätszuschlag zahlen ((natürlich müssen sie das)), in Hamburg leben die armen Leute ja auch in der Innenstadt ((so gehört letztens, äh nein?)). Hier sollte man möglichst mit Überzeugung erklären, wie die Sachlage tatsächlich ist.

Soundso basieren die meisten Stammtischargumente auf Wissensmangel, den man bei respektvollem Umgang durchaus ausräumen kann.

4. Bleib sachlich und lasse dich nicht auf Ideologie ein

Man sollte immer argumentativ bei der Sachlage bleiben und sich weder auf persönliche Angriffe noch auf Nebenkriegschauplätze einlassen. Das ist schwerer als man denkt. Dazu ist es von Vorteil, dass die Leute weniger über einen wissen. ((Das kriegt man zwar nicht immer hin, aber es hilft.)) Es hilft natürlich auch klassische Diskussionsskripte, die man kennen sollte. Ad hominem Strategien einfach abperlen lassen, immer zurück auf das Thema, immer Relevanz für den Gegenüber herstellen, damit der sich das vorstellen kann und selbst keine Vorwürfe erheben. Dann wird einem sogar zugehört.

5. früher war alles besser

War es das wirklich? Da würde ich einfach mal nachfragen und einen Vergleich heranziehen. Meist war früher nur anders, nicht besser. Darauf kann man an der Stelle immer abheben und es funktioniert auch.

So, wenn euch noch etwas einfällt, dann kommentiert hier mal und ich baue das noch ein.

Own your own content…

In seinem Überraschungsvortrag auf der re:publica 2012 plädiert Sascha Lobo dafür, dass wir wieder mehr eigene Blogs aufzubauen und mehr des Contents wirklich auf eigener Infrastruktur anzubieten. Dem folgend habe auch ich ja mehrere Blogs und bin besonders stolz, dass meine Freundin Isa nun auch ihre Bildergalerie online hat. ((Gehostet auf Teilen meines Webspaces und mit Verlaub einem sehr schönen Portfoliotheme.))

Doch warum sollten wir eigentlich unseren Content selbst hosten?

Also Sascha sagt es ja eigentlich auch ganz gut in dem Vortrag, aber schauen wir doch mal in die Nutzungsbedingungen von Facebook, dem Internetservice, den die meisten für einen Ersatz eines eigenen Blogs oder aber, was noch kritischer ist, als Promotiontool für sich halten. ((Nur so, allein die Tatsache, dass ich dort nicht anständig Kommentare moderieren und im Zweifel nichts gegen Trollerei unternehmen kann, macht es eklig.)) Da steht dann:

Für Inhalte wie Fotos und Videos, die unter die Rechte an geistigem Eigentum (sog. „IP-Inhalte“) fallen, erteilst du uns durch deine Privatsphäre- undAnwendungseinstellungen die folgende Erlaubnis: Du gibst uns eine nicht-exklusive, übertragbare, unterlizenzierbare, gebührenfreie, weltweite Lizenz zur Nutzung jeglicher IP-Inhalte, die du auf oder im Zusammenhang mit Facebook postest („IP-Lizenz“). Diese IP-Lizenz endet, wenn du deine IP-Inhalte oder dein Konto löschst, außer deine Inhalte wurden mit anderen Nutzern geteilt und diese haben die Inhalte nicht gelöscht.

Diese Aussage, gerade dem Teil mit den „anderen Nutzern“ erlaubt Facebook gar nichts der Inhalte zu löschen. Natürlich hat man da immer noch sein Urheberrecht aber man hat auch einen weltweit agierenden nichtzahlenden Großlizenznehmer, der die größte Verwertungslizenz hat, die man sich so vorstellen will. Das macht das Verbreiten der eigenen Werke gegen Geld doch etwas schwieriger. Vor allem, weil sich Facebook da die Übertragbarkeit der Lizenz zusichern läßt. Das heißt, ich kann mir von Facebook eine Lizenz für sagen wir mal eure Bilder geben lassen und gebe denen Geld dafür und dann darf ich diese Bilder als Werbetreibender verwenden und ihr als Urheber bekommt dafür… öhm nix?

Ja, aber Facebook hat angeblich ja auch Reichweite und ist wichtig für die Verbreitung im Netz. Nun dazu gibt es keinerlei Studien, die irgendwie zeigen, dass mir Facebook etwas für meine Verbreitung hilft. Nachdem es ein geschlossenes System ist, das dazu wohl auch noch stark nach Sprachen und Ländern unterteilt ist, ist es fragwürdig, wie viel Reichweite ich habe, selbst, wenn ich mein schlechtes Schulenglisch benutze. Deviantart oder ähnliche Seiten, die tatsächlich einen Feed an neuen Sachen anbieten oder aber eine Sortierung nach Genre bieten sind für Künstler sicherlich ein besseres Pflaster. Aber auch hier ist natürlich die Reichweite eher geringer und vor allem unter Leuten, die sich für Künstler halten oder sogar welche sind. Man kann vielleicht mal einen Job abgreifen, aber ansonsten ist das auch eher so selbstbefruchtend und voller gegenseitiger Selbstwertschätzung für Sachen, die eigentlich jenseits der Betroffenen kaum jemand interessiert. ((Wie im ganzen Internet das eigentlich das Fall ist. Das ist halt die riesige Selbstbefruchtung der Nichtigkeit. Ja, auch ihr liebe Internetpolitiker und -feministen. Entweder man ist in eurem Diskurs oder er findet nicht statt.))

Deswegen ist es aber wiederum wichtig, dass möglichst viele Leute eigenständige Seiten haben. Wir brauchen keine Selbstbefruchtung, wir brauchen dezentrale Verlinkbarkeit und Syndication. RSS und Links sind die Technologien des Web, nicht Klicki-Bunti und Schaltflächen. Wir sollten produzieren und nicht das Produkt sein. Der Content sollte uns gehören, wenn wir ihn produzieren und wir sollten bestimmen, wo und wie unsere Diskurse stattfinden. Ich hab kein Problem mit Syndication und der Verbreitung meiner Links in soziale Netzwerke. Ich hab ein riesiges Problem mit der Idee, dass ich auf dem Platz eines privaten Unternehmens meinen Content ((Egal wie lächerlich unwichtig der ist…)) anbiete und auf dieses Unternehmen angewiesen bin. Das ist übrigens auch eine Erfahrung, die der Radiomoderator Jürgen Domian letztens machen musste.

Solange wir nicht zumindest die Infrastruktur unserer Seiten beherrschen ((und selbst das ist nicht genug…)) solange gilt, dass wir über unseren Content und unsere Message die Kontrolle noch schneller verlieren werden, als wir es eh schon tun. Es gilt halt:

The internet is not a public sphere.
It is a private sphere that tolerates public speech.
— Clay Shirky

Marktherrschaft?

Italien hat gewählt, und zwar Beppe Grillo mit 25%. Das hatte keiner vorausgesehen, weil irgendwie die politische Klasse glaubte, dass gerade die italienische Bevölkerung bei den ganzen Austeritätsmaßnahmen fröhlich mitmacht, weil diese ja aus deren Sicht alternativlos sind. Nun hat Grillo gewonnen. Mit Forderungen nach Grundeinkommen, einem kleineren Parlament aber auch mit der Forderung einer Abstimmung, ob man die EU verlassen sollte, steht er irgendwo zwischen Populismus ((Das scheint ja seit Berlusconi auch irgendwie so ein Standard geworden zu sein.)) und Forderungen, die eigentlich nicht so blöd sind. Die Regierungsbildung in Italien ist immer nicht einfach und wird auch diesmal nicht einfach. Das ist nicht neu und wird wie immer irgendwie klappen.

Doch das Spannende ist, dass sich in den Medien primär die Diskussion auf die Eurokrise kapriziert. Es geht hier gar nicht darum, dass die italienische Bevölkerung sich ein neues Parlament und damit eine neue Regierung gegeben hat. Es geht um die Märkte und die Krise. Die neue Regierung gefährdet den achso tollen Kurs der marktkonformen Politiker, für die der Erfolg der Wirtschaft gleichbedeutend mit guter Politik und Wohlstand ist. ((Stimmt übrigens nicht…))

Aber sind die denn nicht scheißegal? Die Bevölkerung wählt das Parlament, nicht die Märkte. Die Märkte existieren nicht. Sie sind irgendwelche Banker und Analysten, die nur ihren eigenen Vorteil sehen. Das ist aber nicht die Aufgabe von Politik. Politik ist ein Problemlösungsinstrument für eine Gesellschaft, nicht der Steigbügelhalter für eine Wirtschaftsideologie. Doch das scheinen die deutschen Medien nicht respektieren zu können. So ergeht sich der Kommentar der Tagesschau in marktkonformer Rhetorik davon, dass „die demokratische Willensbildung […] mit den Zwängen der Eurorettung“ kollidiert. Da kollidiert nichts, denn es gibt keine Zwänge der Eurorettung. Es gibt mehrere Modelle wie man die Staatsschulden und damit die Währung stabilisieren kann. ((Eine erfolgreiche hat Island gezeigt: man lässt Banken platzen und sorgt für einen guten Wohlfahrtsstaat, damit die Leute weiterkonsumieren können. Ideen wie ALG II sind eigentlich das großflächige Abwürgen von indirekten Transferleistungen an die Wirtschaft. Der werden dann trotzdem noch Steuern geschenkt.)) Austerität ist nun bei weitem nicht die Einzige, aber die Einzige, die unsere politische Eliten für sinnvoll halten. ((Da habe ich noch nicht herausgefunden, ob es deren Missachtung des Bürger ist oder einfach nur Dummheit.)) Doch so wird es dargestellt und die Italiener sind jetzt daran schuld, dass wir alle in den Abgrund stürzen, weil sie sich nicht mehr kaputtsparen lassen wollen. Sie sprengen die EU ((Also der Präsident des europäischen Parlaments sah das irgendwie entspannter trotz dem angestrengten Nachgefrage aus Köln.)) und halten die Rettung auf, die schon seit etlichen Jahren nicht kommt. Nun gut, die Krise spürt irgendwie auch keiner mehr. Wenn die Situation für die Bevölkerung soundso schon prekär ist, spielt es keine Rolle mehr warum. Dank unserer Medien wissen aber wenigstens wer schuld ist: der Italiener.

Hierzu empfehle ich auch diesen Artikel von den Nachdenkseiten.

Self-fullfilling prophecy anyone?

In einem ihrer letzten Posts hat Andrea über Amazon und deren Behandlung der eigenen Mitarbeiter geschrieben. In den Kommentaren entstand dann die Idee mal über unsere Arbeitswelt  und deren Auswüchse zu schreiben.

Die Frage die bei der Unterhaltung zentral war inwiefern man überhaupt eine Möglichkeit hat, solche Jobs abzulehnen, wie sie einem Amazon da anbietet. Und eigentlich ist die Antwort relativ einfach: viele Menschen können es sich eben nicht aussuchen, ob sie diesen Job ablehnen. Allerdings ist die Erklärung, warum das so ist, etwas komplexer und zeigt das große Missverständnis, dass eigentlich mit der neoliberalen kapitalistischen Idee einhergeht.

Kapitalistisches Wirtschaften bedeutet erst einmal, dass versucht wird mit möglichst geringen Kosten den höchsten Gewinn aus dem Umsatz zu erzielen. Das ist auch okay so. Allerdings lässt sich dies mit zwei Methoden erreichen: Kostenreduktion und Preismaximierung. Nun ist Preismaximierung schwierig, aber Kostenreduktion einfacher. Schaut man sich die Kosten, die ein Unternehmen so hat an, stellt man fest, dass der größte Posten die Angestellten und Arbeiter sind. Ein Großteil der Personalkosten sind dann wiederum die sogenannten Lohnnebenkosten. Diese sind neben dem eigentlich Gehalt so niedrig wie möglich zu halten, um einen hohen Gewinn zu erreichen. Da die Lohnnebenkosten vom Gehalt abhängen, sollte dieses auch niedrigstmöglich sein.

Das wäre alles kein Problem, würde diesem Prozess die soziale Marktwirtschaft sinnvoll entgegen stehen. Das tut sie aber seit einigen Jahren nicht mehr. Seit der Agenda 2010 wurde sukzessive dafür gesorgt, dass Arbeit in Deutschland preiswerter wird. Durch die neuen 400€ und Mini-Jobs konnten immer mehr Menschen angestellt werden. ((Das Ziel waren ja sinkende Arbeitslosenzahlen.)) Diese verdienen aber immer weniger Geld und zahlen auch immer weniger in die Sozialversicherungen ein. Doch natürlich möchten viele Menschen eigentlich nicht für so wenig Geld arbeiten, also muss es auch noch einen Zwangsmechanismus geben.

Diesen Zwangsmechanismus findet man im ALG II. War es bis dahin so, dass Arbeitslosigkeit etwas war, das den Staat in seine Fürsorgerolle brachte, galt sie nun als selbstverschuldete Belastung des Gemeinwesens. Deswegen sollte nur das mindeste für diese Menschen ausgegeben werden und es herrschte seitdem der Wahlspruch fördern und fordern vor. Unter diesem zynischen Mantel war es den Arbeitsämtern ((Seitdem Arbeitsagenturen. Man hatte Klienten, die über sich frei bestimmen, keine Staatsabhängigen, die Hilfe eines Amtes brauchen.)) erlaubt Menschen mit ihrer Existenz zu bedrohen. Nimmt man heute als Arbeitssuchender ((Noch ein Euphemismus.)) keinen zumutbaren ((Zumutbar bedeutet hier: jeder angebotene)) Job an, so wird einem das wenige Geld, das man überhaupt noch bekommt gekürzt. Schließlich gibt man sich ja keine Mühe. Und so landen viele Menschen bei Amazon und ähnlichen Buden um zu unmöglichen Bedingungen und Löhnen ohne eine Wahl zu arbeiten.

Doch da beißt sich die Katze auch in den Schwanz. Denn diese unterbezahlten Menschen haben auch kein Geld mehr, das sie verkonsumieren können. Damit müssen die Produkte des täglichen Bedarfs ((Pferdefleischskandale anyone?)) natürlich auch billiger werden und damit auch die Personalkosten weiter sinken. Solange bis das ganze am Boden landet und die marxsche Revolution doch noch kommt.

DIe Empörung, die es da bei vielen Menschen gab, wie schlimm das mit Amazon ist, ist eigentlich heuchlerisch, denn es ist auch der Neid und die Bequemlichkeit derer, die alles möglichst billig für den eigenen Gewinn haben wollen, der dazu führt, dass am sie selbst auch nichts mehr verdienen und haben.