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Sexismus und sexuelle Gewalt

Seit Rainer Brüderle vom stern wegen anzüglicher Bemerkungen in die Pfanne gehauen wurde, entspinnt sich unter dem Hashtag #aufschrei und in jede Menge Blogs und Fernsehtalkshows eine wilde Diskussion über alles was damit zu tun hat, dass die Menschheit als Gesamtgruppe die Geschlechterdichotomie als eine Grenze wahrnimmt an der Macht1 generiert und ausgeübt werden kann. Doch hier werden etliche, unterschiedliche Konzepte durcheinander geworfen, die man getrennt und differenziert betrachten muss. Diese Konzepte haben zwar Berührungspunkte, doch sind sie halt dann auch mal so unterschiedliche Phänomene, dass man sie getrennt betrachten muss. Die Situation wird dann noch vertrackter, wenn man sich ansieht wie welche Gruppen in diesen Diskussionen wie handeln. Doch eines nach dem anderen.

Sexismus2

Aristoteles hat den Menschen schon zoon politikon bezeichnet, wir sind soziale Tiere und dabei brauchen wir immer Strukturen, denn das Gehirn ist ein strukturbildender Mechanismus. Diese Fähigkeit ist gut dokumentiert und der Ursprung vieler Unbillen. Wir sehen halt gerne Dinge, die nicht da sind und ignorieren gerne Dinge, die da sind. So ist das auch bei den Geschlechtern. Wir sehen einen Unterschied und glauben dann, dass dieser Unterschied eine tiefere Bedeutung haben muss, als die Tatsache, dass Reproduktion halt unterschiedlich aufgeteilt ist. Im Endeffekt muss man sagen, dass diese Aufteilung zwar Konsequenzen für die Organisation moderner Gesellschaft haben muss, aber diese Konsequenzen eben rein organisatorischer Natur sind. Sie verbindet erst einmal keinerlei Zuschreibungen zu den Trägern der verschiedenen Geschlechter.

Die Zuschreibungen sind nämlich dann der Sexismus. Und wir schreiben die ganze Zeit zu… egal ob es Männer oder Frauen sind, wir sind Objekt von gesellschaftlichen Narrativen, die wir selbst tragen und die uns Eigenschaften zuschreiben wollen, um die Komplexität der Welt zu reduzieren. Es ist also ein natürlicher Vorgang des Gehirns, der uns hier im Weg steht.

Wie werden in der westlichen Welt3 nun Geschlechterunterschiede in ein Narrativ gebettet? Was ist der Unterschied zwischen Männern und Frauen, wie er so allgemein gesehen werden kann?4

Männer Frauen

Der Grund, warum es diese Aufspaltung gibt, liegt in dem wie verschiedene Eigenschaften generell in der westlichen Gesellschaft bewertet werden. Seit der Industrialisierung ist Rationalität im Sinne des zweckrationalen und nutzenoptimierenden Gewinnstrebens. Die Maxime hier ist also das kalte Abwägen von Kosten gegenüber Nutzen. Dies wird als primäre Eigenschaft den Männern zugeschrieben. Da Männer traditionell immer die Eigenschaften besitzen, die für die Gesellschaft als wichtiger angesehen werden. Das ist übrigens auch der Grund, warum heutzutage die Farbe für die Männlichkeit blau ist, die Farbe mit der generell Kühle und damit Rationalität assoziiert wird.  Rot ist heute die weibliche Farbe, da diese ja mit Emotionalität und Gefühl assoziiert wird.5

Dementsprechend werden Männer und Frauen in der Gesellschaft eingeordnet. Interessanterweise wird ein emotionaler Aspekt nämlich der der Übermäßigkeit auch dem Mann zugeordnet. Männer dürfen sich immer noch alles nehmen, obwohl dies dem Narrativ des Rationalismus widerspricht. Hier hilft aber, dass Gewinnstreben auch eine primäre Maxime des Kapitalismus ist.

Sexismus ist also die Ordnung der Gesellschaft in oben und unten durch Geschlechterzuschreibungen. Da aber alle Eigenschaften von Menschen in der Gesellschaft gleichverteilt sind, ist diese Ordnung, ähnlich wie nahezu alle anderen Ordnungen durch Zuschreibung totaler Käse. Trotzdem existiert Sexismus als Ordnungs- und Gewaltmechanismus. Schließlich gibt es überall, wo eine Unterteilung in der Gesellschaft ist, auch automatisch Machtmechanismen, die ausgenutzt werden können.

Deswegen ist es bei der aktuellen Diskussion um Sexismus auch sehr wichtig, dass Frauen die führende Rolle in der Diskussion einnehmen. Deswegen muss auch den Feminsten hier einmal gesagt werden, dass die Idee, dass Männer Partei für Frauen ergreifen genau derselbe Sexismus ist, der schon besteht. Hier stellen sich wieder Männer beschützend für Frauen und fordern für diese Gerechtigkeit ohne dabei mal mitzuschneiden, dass genau dieses Verhalten zutiefst sexistisch ist. Hier ist es angeraten mal den Mund zu halten.

Doch nun wieder zurück zum Ursprung dieses Posts. Der Unterscheidung zwischen Sexismus und sexueller Gewalt.

Sexuelle Gewalt

Gewalt ist ein schädigender, verändernder äußerer Einfluss auf einen Menschen.6 Sexuelle Gewalt zielt damit immer darauf ab, dass man auf der sexuellen Ebene in einen Menschen eingreift. Nachdem dieser Bereich als besonders sensibel gilt, ist sexuelle Gewalt eine eigene Kategorie an Gewalthandlung. Sie ist halt ein Eingriff in das, was wir als unseren nahen privaten Raum begreifen, meist in unseren Körper und seine Unversehrtheit.

Sexuelle Gewalt findet immer wieder statt und betrifft auch alle Arten von Menschen. Das Phänomen wird aber sehr oft mit Sexismus verknüpft, weil primär sexuelle Gewalt gegen Frauen in der Gesellschaft thematisiert wird. Sexuelle Gewalt gegen Kinder hat einen besonders stark sanktionierten Status, während sexuelle Gewalt gegen Männer in der öffentlichen Wahrnehmung nicht existiert, aber auch wenn man mich da jetzt schlagen mag, eigentlich erwartbar existieren muss.

Es ist logisch einen Zusammenhang zwischen Sexismus und sexueller Gewalt zu sehen und dieser ist auch vorhanden. Gerade der Übergang von sexistischen Äußerungen zu verbaler sexueller Gewalt ist fließend und hängt stark von der Sozialisation der Person gegenüber der das stattfindet.7 Im Allgemeinen kann gesagt werden, dass Sexismus strukturelle Macht und sexuelle Gewalt ausgeübte Macht ist. Beide stehen an dieser Stelle in einem direkten Zusammenhang und dieser kann auch nachgewiesen werden.8

Sexismus ist aber eben auch nicht die ganze Erklärung, gerade wenn es um sehr körperliche und triebhafte Übergriffe geht, ist braucht es wahrscheinlich noch mehr als eine Einstellung in der Gesellschaft, egal wie stark diese ist. Physische Gewaltanwendung benötigt auch eine Enthemmung beim Anwender. Die ist zwar durch Sexismus besser selbstlegitimierbar, aber es braucht eine ernsthafte Triebstörung physisch sexuelle Gewalt auszuüben. Der Schritt scheint kleiner, da verbale sexuelle Gewalt doch sehr gehäuft auftritt und anerkannt ist, aber er ist vorhanden und er ist halt auch der Schritt vom “Gewöhnlichen” ins Pathologische. Generell scheitern Menschen hier an der Tatsache, dass wir als Wesen durchgehend triebhaft sind und sie aus verschiedensten Gründen nicht die entsprechende Kontrolle über sich haben. Drogen sind eine beliebte Erklärung, mangelnde Erziehung zur Selbstkontrolle in dieser Richtung wohl aber die strukturell auffälligste, die dann auch wieder auf Sexismus zurückschliessen kann.

Fazit

Sexismus und sexuelle Gewalt sind zwei Probleme in unserer Welt, die zusammenhängen, aber eben auch klare Unterschiede aufweisen. Sexuelle Übergriffe können teilweise mit Sexismus erklärt werden, werden aber auch in einer nicht-sexistischen Welt existieren. Diese nicht-sexistische Welt ist allerdings etwas, das durchaus erreichbar ist. Wir sind zwar darauf gepolt, dass wir Unterschiede zur Strukturierung unserer Welt benutzen, allerdings sind wir auch fähig uns gegen diesen Mechanismus in uns zu wehren. Das gilt für Hautfarben und das gilt auch für das Geschlecht, weswegen die -ismen dieser Zeit überwindbar sind. Das Tier in uns können wir leider nie vollständig beherrschen, weswegen sexuelle Gewalt immer existieren wird, wie auch Gewalt immer existieren wird. Wir können nur daran arbeiten sie möglichst durch Aufklärung und Erziehung zu minimieren.

  1. Damit auch klar ist, welcher Machtbegriff gemeint ist: “Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eignen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.” – Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, §16, 1984, Mohr, Tübingen []
  2. Die Wikipedia sagt es ganz gut. Ich kann alle drei Versionen verstehen, stehe aber aus persönlicher Geschichte der soziologischen am nahsten. []
  3. Und zwar genau nur da… wir haben keine einheitliche Weltkultur, falls das hier immer mal gern vergessen wird. []
  4. Nein, das ist nicht erschöpfend und erhebt nicht einmal im Geringsten einen Anspruch auf allgemeine Korrektheit. []
  5. Spannend ist hier, dass rot früher die Farbe der Fürsten war, weil sie eben Macht und Gewalt ausdrückt. Seit dem der Kapitalismus aber das Paradigma bestimmt hat sich genau das umgedreht. []
  6. Siehe Wikipedia. []
  7. Was im Endeffekt heißen soll, dass eine entsprechende Sensibilisierung junger Frauen und Mädchen dazu führt, dass sexuelle Gewalt schon im Ansatz wahrgenommen und gekontert wird. Und eine entsprechende Sensibilisierung der jungen Männer und Jungs dazu führt, dass diese eine höhere Hemmschwelle haben solche Handlungen durchzuführen. []
  8. Spannenderweise ist die Tatsache, dass sexuelle Gewalt gegen Männer nicht wahrgenommen wird, die Kehrseite des Sexismus. Da Männer ja als diejenigen gelten, die die Kontrolle haben, ist sexuelle Gewalt gegen sie ein komplett abwegiger Gedanke. []