Zukunft erdrosseln

Die Deutsche Telekom hat jetzt mal angekündigt, dass sie ab 2016 Volumengrenzen für ihre, dann nicht mehr passend benannten Flatrates einführt. Mit den neuen Verträgen, die man ab jetzt nur noch abschließen kann, wird einem auch versichert, dass man danach mit 384 kBit/s keinerlei Internet hat. Damit ist der Anschluss funktional kaputt. Wer die Details möchte, dem empfehle ich Netzpolitik.org und LNP062 Zerebrale Flatulenz von Logbuch Netzpolitik. Die Diskussion wird groß im Netz geführt und man darf sich daran beteiligen.

Ich möchte hier aber mal auf eine zweite Dimension hinweisen, warum dies eigentlich so katastrophal ist. Unsere Kanzlerin erzählt gerne vom Zukunftsstandort Deutschland und dass Wissen unser einziger Rohstoff ist. Neben der Tatsache, dass das Bildungssystem nun wirklich der marodeste Bagger für diesen Rohstoff ist, muss dann so eine Entscheidung der Telekom auch einmal unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden.

Meine liebe Arbeitsstätte besitzt zwei Computersäle mit insgesamt um die vierzig Rechner auf denen die Schüler Informatikunterricht erhalten. Diese hängen zusammen mit den Rechnern im Lehrerzimmer an einem internen Netzwerk und über einen Klingeldraht am Telekomnetz hängen. Obwohl wir im Stadtbereich liegen haben wir erstaunliche 6 MBit/s als Vertrag, weil irgendwie kein Netz da ist, wo die Schule liegt.1 Das bedeutet also, dass über sechzig Lehrkräfte und deren Unterricht an einem Klingeldraht hängen. Der Freistaat Bayern stellt den Schulen übrigens keinerlei digitale Infrastruktur zur Verfügung und die Sachaufwandsträger sind ja sehr oft pleite. Der Ist-Zustand unserer digitalen Infrastruktur ist also irgendwo zwischen vermodert und gerade so benutzbar. Was er definitiv schon mal nicht ist: angemessen dem, was sich die Pädagogik und Didaktik so für die Zukunft ausgedacht hat. Da wird viel von e-learning geredet, moderner Unterricht braucht an sich immer mehr mediale Ressourcen, die es ja auch gibt und eine digitale Verwaltung von Schule und Schulaufgaben wäre ja auch mal großes Kino.2

So, dann kommt die Telekom daher und will Volumenverträge machen. Wir sind also in der Situation keinerlei staatliche Infrastruktur zu besitzen, mit denen Schulen ihrem Bildungsauftrag nachkommen können oder ihre Verwaltung effizient gestalten können und nun kommt der staatsfinanzierte Telelkommunikationsanbieter daher und kloppt uns irgendwann die Leitung zu. Weil wir natürlich immer in der zweiten Hälfte des Monats theoretischen Informatikunterricht machen. Ist ja kein Netz mehr da und Videos im Geschichtsunterricht oder sowas gehen natürlich auch nicht. Wahrscheinlich wird dann das Datenkontigent für Lehrkräfte eingeführt, so wie beim Kopieren, damit auch die Bits bis zum Ende des Monats reichen.

Das ist das eigentliche Problem. Unsere Schulverwaltungen werden Drosselkom nie kommen sehen. Es kümmert sich niemand in den oberen Etagen um die datentechnische Ausstattung von Schulen, egal welcher Schulart und wenn dann nur als Gequatsche um angebliche moderne Schule, die man mit dem was da investiert und dann auch missverwaltet wird auch nicht bekommen kann. Da wird 2016 irgendwann wer dastehen und weinen, dass das ja total unfair ist und so nicht geht, inklusive niederbayrisch-schimpfendem Kultusminister. Passieren wird nichts. Netzpolitik wird immer mehr zur Bürgerrechtspolitik, aber jetzt muss sie auch zur Bildungspolitik werden. Wenn wir hier der Zukunftsstandort sein wollen, den unsere Politiker immer versprechen, dann brauchen wir eigentlich Glasfaser in jeder Schule und Support und zwar zentral und anständig bezahlt. Das was wir haben und das was uns die Telekom hier verspricht ist nichts weiter als der totale Rückwurf in eine Bildung aus dem 19. Jahrhundert. Es geht hier also eben nicht nur um Netzneutralität, sondern auch um unser bestehen als bildungsabhängige Industrienation.

  1. Kein Businessvertrag oder so, das können wir uns gar nicht leisten. []
  2. Wir sind gerade am Planen den Materialienaustausch der Lehrkräfte über dropbox zu regeln, weil wir damit irgendwie im 21. Jahrhundert ankommen könnten. []

2 Gedanken zu „Zukunft erdrosseln

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