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Faun – Bamberg Konzert und Kongresshalle 2015

Am Montag war ich auf einem Konzert von Faun. Die Band hat ja seit einiger Zeit einen großen Plattenvertrag und während das zu eigenartigem fanbasespaltenden Aktionen wie einer Teilnahme am ESC führt, gibt es ihnen auch die Möglichkeit mit größerem Aufwand zu touren. Das mag für bestimmte Bands keine Rolle spielen, aber für Faun ist es ein Segen. Die Band legte schon immer Wert auf ausgefallene Lichteffekte und da kam ihr ein Konzert auf großer Bühne mit schöner Deko in einem echten Konzertsaal sehr zugute.

Ich hatte mir sehr früh Karten gekauft und damit den Luxus mit meiner bezaubernden Begelitung in der ersten Reihe direkt an der Bühne zu sitzen. Das sah dann so aus:

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Das Konzert beinhaltete viele Lieder des aktuellen Albums Luna, aber auch alte Klassiker von Faun. Neben der Band selbst, waren noch ein Multiinstrumentalist und eine sehr gute Cellisting sowie zwei Tänzerinnen/Jonglagekünstlerinnen mit von der Partie. Das Konzert war sehr durchchoreographiert, aber keinesfalls langweilig. Es war ideal zum gepflegten zuschauen im Sitzen im Gegensatz zu den eher schnipsigeren Festivalprogrammen, die einen geringern Akustik und einen höheren Pagan-Goa Anteil haben. Alles in allem also ein sehr schönes Erlebnis.

Blogstöckchen

Jetzt kriege ich schon Kettenbriefe… dieser ist von moepern und weil ich gerade Zeit habe und noch etwas verprokrastinieren will, mache ich das gleich.

Wie lang waren deine Haare, als du 17 warst?

Ca. 16 mm… Jedenfalls hatte ich sie mir damals immer auf die Länge schneiden lassen. Es gibt da ein furchtbares Führerscheinfoto von, das ich immer gern zeige, da ich heutzutage eher so um 30cm+ Haarlänge habe.

Wann (Alter) und warum hast du dich entschieden, das zu studieren, was du studiert hast?

Das fragt mich ansonsten immer keiner. Ich bin mit 18, wie damals noch üblich zum Zivildienst gegangen und hatte vorher keine richtige Idee, was es werden soll. Während des Zivildienstes habe ich dann festgestellt, dass ich anscheinend an jeden Patienten irgendwann herangekommen bin. Selbst an den, der mich locker ein-zwei Monate total scheiße fand. Deswegen habe ich mich entschlossen Lehramt zu studieren und es ist erstaunlich, aber ich schaffe es heute noch an Leute ranzukommen, bei denen der Rest eher mit den Schultern zuckt. Ich hatte damals auch Schulpsychologie auf dem Zettel und bin sehr froh das nicht studiert zu haben. Ich denke nicht, dass ich diesen Job lange hätte machen können.

Bist du Arbeiterkind, Akademikerkind, Mixed oder was anderes?

Ich bin das, was man ein Arbeiterkind nennen kann. Da ich aus dem Osten dieses schönen Landes komme, war ich also Mitten im Durchschnitt.

Hat das Auswirkungen auf dein Benehmen anderen gegenüber oder bist du “Habituschamäleon”?

Ja hat es, aber mehr in der Art, dass ich mich in meinem eigenen Habitus unwohl fühle, obwohl ich ihn eigentlich gut ausfülle. Dazu ist dieser Lehrerhabitus sehr eng, wenn man ihn ernst nimmt. Ich habe eher ein Problem damit, dass ich bestimmte Sachen tun kann und sie nicht tue, obwohl ich wahlweise das Recht oder den Anspruch dazu habe. Ich fühle immer, dass das nicht gerecht ist, obwohl ich einen Vorteil davon hab.

Republica oder CCC? Oder beides? Oder keines?

Definitiv der Chaos Communication Congress. Die re:publica liegt nicht nur zeitlich absolut unmöglich für mich, sie ist auch zu hipsterig, damit ich mich da wohlfühle. Der C3 wiederum ist eher mein Ding. Mein Hackerspace fährt schon seit Jahren hin und vielleicht(!) werde ich dieses Jahr auch da sein.

Wer ist eigentlich dieses „wir“?

Ich bin etwas durch mahas Vorträge über Sprache vielleicht zu sensibilisiert, aber in einiger Kommunikation, die mir in letzter vor die mentale Flinte kam, fiel mir etwas auf. Einzelne Menschen, die etwas von mir möchten, verwenden das Wörtchen wir, wenn sie eigentlich nur erst einmal als Einzelperson auftreten.

Wir kann, wie man aus mahas Vortrag vom 25c3 erfährt, drei verschiedene Bedeutungen haben:

  • das inklusive wir nimmt den adressierten Menschen mit ein „Wir alle“
  • das exklusive wir nimmt den adressierten Menschen aus „Wir Lehrer“ gegenüber Schülern
  • das extensive wir erweitert die Gruppe ins Unendliche „Wir dürfen nicht zulassen.“

Das erste wir, das mir begegnete war in einer Anfrage, die zwar von einer Einzelperson kam, aber ein paradoxes wir enthielt. Das war einfach zu lösen, denn am Ende steckte da doch eine Gruppe dahinter.

Spannender ist da schon ein persönliches Gespräch, das mir passierte. Da sprach die Person gegenüber dann immer wieder von einem wir, dabei ist weder klar, warum noch für welche Gruppe dieses wir gehen sollte, ging es in dem Gespräch technisch gesehen um einen Gedankenaustausch. Aber dieses wir macht daraus etwas anders. Denn auf einmal spricht da wer für jemand anderes und hält sich vor allem für ein Teil der Gruppe, für die er denkt zu sprechen. Das ist dann schon spannend, weil das erste ist eine Chimäre, wenn das zweite nicht stimmt. Trotzdem war dem so… also kommt hier eine Eigenzuschreibung hervor und so offenbahrt man mehr über sich als man wollte.

Sprache ist schon was tolles…

Drei Akkorde und die Wahrheit

Irgendwie muss jeder so seine Position in der Welt finden…

Ich hatte vor einiger Zeit ein Gespräch in dem jemand zu mir sagte:

Ich hab gemerkt, dass ich hier nichts verändern kann, also habe ich mich damit arrangiert.

Die Idee, dass man sich gerade in Berufen wie meinem einrichtet, alles am Arsch vorbei gehen und sich diesen dann auch schön versilbern lässt, ist nicht selten. Immerhin kann man am System eh nichts ändern und es geht ja auch um nichts… außer der Bildung unserer Kinder und Jugendlichen. Aber natürlich man wird langsam müde immer wieder gegen die willfährigen Erfüllungsgehilfen und Problemseher anzutreten, die Chancenaversität für Risikovermeidung halten und bei denen Strukturkonservativismus zur Ideologie und zum Selbstzweck geworden ist. Die Menschen leben in einer Welt, in der das Laufen des Systems gleichgesetzt wird mit seiner Sinnhaftigkeit. Es würde das ja alles nicht geben, wenn es notwendig wäre. Die Systemfrage, darf hier im übrigen nicht gestellt werden, weil nicht nur die Selbstdefinition der Vertreter, sondern auch deren Geldbeutel direkt an diesem hängt. ((Da sein mal angemerkt, dass die modernen Verwaltungen gerne politisch neoliberal-kalte Entscheidungen treffen, zu sich selbst aber mehr als freundlich sind, wenn es darum geht die eigene Leistung finanziell zu würdigen.)) Es zeigt sich also mal wieder, dass niemand bereit ist Sachen zu wissen, wenn ihr Gehaltscheck vom Nichtwissen derselben abhängt.

Das System und seine Vertreter wehren sich also gegen Widerspruch. Vor allem, wenn dieser aus den eigenen Reihen kommt, wird oft mit Erstaunen reagiert. Immerhin wähnt man den Kollegen doch als qua Amt und Aufgabe ideologisch gleichgeschaltet. Und wenn nicht, dann hat meist die Ausbildung versagt. Unbequeme Ideen werden an den Rand gedrängt und das System wehrt sich gegen den Störfaktor. Bevorzugt versucht man der Person, die nicht auf der wahrgenommenen Linie ist klar zu machen, dass mit ihr etwas nicht stimmt, wenn sie nicht diese Ansichten vertritt. Eine Strategie, die gerade bei denjenigen verbreitet ist, die in ihrer angeblichen Offenheit besonders engstirnig sind. ((Sonderekelpunkte gibt es für die Leute, die glauben, dass sie dank irgendeiner pädagogischen oder psychologischen Ausbildung befähigt seien alles neutral und objektiv zu sehen und deswegen den Fehler grundsätzlich immer nur beim Gegenüber zu suchen haben. Diese Art anderen Motive zu unterstellen, die man eigentlich nur bei sich selbst findet, ist nur ekelhaft sondern auch der Anfang von Gehirnwäschen und Gleichschaltung. Die perfide Idee, dass abweichende Meinung ein Indiz für abweichende Persönlichkeit ist, ist gerade unter Menschen im Bildungssystem immer noch zu sehr vorhanden. Weder die moderne Psychologie, noch ein einfacher menschlicher Ethos können diesen Standpunkt noch rechtfertigen.))

Die Frage allerdings ist, was bedeutet das für einen selbst? Das ist schwierig zu sagen. Soll man, wie oben zitiert, sich arrangieren? Vielleicht. Allerdings kann man sich auch einfach nur seine Kämpfe aussuchen und damit mehr Energie für diejenigen haben, die einem wichtig sind. Soll man dauerhaft blockieren und zum enfant terrible werden, mit dem keiner mehr redet? Sicherlich nicht. Man möchte ja am Ende der bessere Mensch sein. Also ist es besser zu warten, bis die andere Seite sich entlarvt in dem sie einem den Dialog unter unbegründeten Vorwürfen kündigt. Dialogbereitschaft unter Nicht-aufgeben der grundlegenden eigenen Position macht in der merkelisierten Welt der Verhandelbarkeit von allem die Gegenseite nahezu kirre. Natürlich ist man erst einmal dem anderen ausgeliefert, weil dieser mehr Spielraum und weniger Prinzipien hat, aber dann hat die Person gegenüber die Räume geöffnet, und man selbst kann in diese auch eintreten und zum eigenen Gunsten verhandeln. Selbst unsere Bundeskanzlerin hat no-gos und sowas tut dann im Zweifel genau diesen Leuten auch weh. Dazu sollte man nie vergessen, dass sich jedes System hacken lässt, wenn man nur seine Regeln kennt…

Wenn man also etwas in einem System verändern möchte, dann hilft es am Ende eben nicht allein, „drei Akkorde und die Wahrheit“ zu haben, wie das der Punk predigt. Natürlich braucht man Haltung, die man aus meiner Sicht dringend besitzen wie die Bereitschaft zum Stellen der Systemfrage immer haben sollte, aber man sollte sich auch überlegen welche Kämpfe man kämpft und mit wem man es da zu tun hat. Wenn man schon für seine Überzeugungen aufsteht, sollte es eine gewisse Gewinnwahrscheinlichkeit geben. Denn sonst ist man heldenhaft für nichts gestorben…

Geschichtsstunde

„Hallo liebe Kinder, heute beschäftigen wir uns mit dem Anfang des 21. Jahrhunderts.  Das letzte Mal beschäftigten wir uns mit den Anschlägen vom 11.September 2001 und den Kriegen, die dadurch gerechtfertigt wurden. Öffnet bitte die erste Mediendatei auf eurem Tablet. Was könnt ihr darauf sehen?

Ja, Marlene.“

„Dort marschieren Menschen auf der Strasse. Sie scheinen gegen Islamisierung zu protestieren. Dazu haben sie Schilder mit ‘Lügenpresse’.“

„Richtig. Dies passierte 2014 und 15 in Dresden. Die Stadt selbst hatte aber nur eine sehr geringe Ausländerquote und eine noch niedrigere Quote an Muslimen.“

„Aber ist das nicht unlogisch?“

„Ja, Ahmed ist es. Menschen sind selten logisch. Um dem Problem auf den Grund zu gehen sehr euch bitte die nächsten Mediendateien an. Da findet ihr Statistiken und verschiedene Aufzeichnungen.“

——–

„Gut, zu welchem Ergebnis seid ihr gekommen?“

„Die Menschen haben vor irgendetwas Angst gehabt. Die Politiker haben diese Angst geschürt, weil es einfacher zu sein schien, die Bevölkerung dadurch zu kontrollieren.“

„Gut, Ebru.“

„Aber die Muslime haben genauso mitgemacht. Sie haben sich nicht an ihre Weisung der Friedfertigkeit orientiert und sich provozieren lassen.

„Ja, aber würde dich das nicht provozieren immer nur als der Böse gesehen zu werden? Ich hab das selbst nicht erlebt, aber meine Eltern erzählen mir manchmal davon, wie es war, für seine Religionsgenossen verantwortlich gemacht zu werden. Wenn du dazu noch arm bist und dich nicht in deiner Heimat daheim fühlen darfst, dann setzt dir das schon zu. Und dumme Menschen werden dann aggressiv.“

„Ja, dumme Menschen!“

„Nana, Günther. Die gesellschaftliche Ungerechtigkeit im Bildungssystem den Opfern dieser Probleme zuzuschreiben ist einfach, aber nicht gerechtfertigt.“

„Na gut.“ 

„So, kann jemand nochmal zusammenfassen, was wir aus dieser Periode lernen können? Ja, Ebru.“

„Wir können lernen, dass Angst dazu führt, dass Menschen dumme Sachen machen und dass es immer wieder Menschen gibt, die dies benutzen um Vorteile daraus zu ziehen. Dazu, dass Religionen keine Ausrede für irgendein Verhalten sein können und Zivilisation nicht ersetzen.“

„Das ist doch ein schöner Abschluss. In der nächsten Stunde reden wir dann darüber, wie es weiterging. Diese Phase nennt man heute „die neue Inquisition“.“

Über Teams und Kollektive

Was ist eigentlich ein gutes Team? Je nach philosophischer Ausrichtung ist die Antwort auf diese Frage sehr unterschiedlich. Eine Antwort, die ich letztens bekommen habe ist aus der holistischen Fraktion. Da heißt Team eigentlich nur, dass man gut zusammenarbeitet. Das Ziel ist festgelegt, man arbeitet gemeinsam darauf hin. Alles ist schön. Man versteht und unterstützt sich, alles ist gut.

Diese Art von Team kann man auch als Kollektiv begreifen. Das Wort ist etwas verbrannt, weil es auch in den sozialistischen Staaten des 20. Jahrhunderts für die Gruppe der Allgemeinheit benutzt wurde. In der DDR war jeder Betrieb ein Kollektiv. Man arbeitete gemeinsam auf die Planerfüllung hin und soll diese aber nicht hinterfragen. Denn das Kollektiv hat vorher eine Entscheidung getroffen und geht jetzt diesen Weg.

Diese Idee scheint gut zum monolithischen Charakter der DDR zu passen, doch heute wo alles irgendwie agile ist, scheint es bessere Wege zu geben. Im Zuge der Postmoderne wurde die Idee des Kollektivs durch die Idee des Individuums nahezu verdrängt. Man ist heutzutage ich-zentriert und damit ist auch schwer zu vermitteln, dass man sich einer festen Struktur, der das angebliche WIr entgegenstrebt unterordnen muss. Es muss in einem modernen Team jedem Mitglied klar gemacht werden, dass es in dessen Interesse ist, auf das Ziel zuzuarbeiten. Eine a-priori Setzung von im Zweifel engen Zielen ohne demokratischen Abgleich ist, wenn man die größtmögliche Unterstützung haben möchte, nicht mehr zielführend. Stattdessen sind breite Ziele und Mitbestimmung der Weg um zu einem Gruppenerfolg zu gelangen.

Breite Ziele und Mitbestimmung sind dann aber auch genau das Problem, das es bei diesen Prozessen zu managen gilt und dessen Management zu oft noch mit Autokratie versucht wird zu erschlagen anstatt durch Kommunikation zu lösen. Kommunikation bedeutet hierbei auch, dass die Projektführung eine oppositionelle Meinung versucht zu integrieren und nicht einfach Akkomodation oder gar Assimilation des Oppositionellen verlangt. Das kann am Ende dazu führen, dass sich die Gruppenziele ändern. Der Oppositionelle ist dabei nicht per se teamunfähig, sondern weißt mit seiner Anwesenheit auf das strukturelle Problem der Gestaltung eines Teams als Kollektiv hin: um erfolgreich arbeiten zu können muss das Ziel der Arbeit auch immer zur Debatte stehen. Denn nur dann kann man Pyrrhussiege oder komplette Debakel vermeiden. Die Systemfrage muss immer stellbar sein und befriedigend beantwortet werden können, sonst hat sich das Team mitsamt seiner Aufgabe als soziales Konstrukt überlebt.

Diese Idee des Hinterfragens ist übrigens nicht neu. Schon in den polytheistischen Religionen finden sich Trickstergottheiten, deren Aufgabe die Bildung durch Hinterfragen und Karikieren war. Die Aufgabe, meist übernommen durch Schmanenen und ähnliche soziale Sonderrollen, war hier immer, den status quo zu hinterfragen und damit die Leitenden und Führenden ehrlich gegenüber ihren Zielen und Aufgaben zu halten. Für einen guten Plan war es immer auch wichtig jemanden zu haben, der die Löcher in ihm findet. Der Narr war frei zu sprechen, damit er einen davon abhielt zu scheinheilig zu sein.

Immunisiert man aber die Ziele einer Gruppe von der Kritik der Beteiligten, dann erwartet man schlicht dumpfe Loyalität für ein Ziel, das im Zweifel nicht jedes Mitglied der Gruppe teilt und schafft sich damit auch das Problem an, dass diejenigen, die man auf ein Ziel angesetzt hat nicht zurückmelden können, wenn dieses Ziel seinen Zweck verfehlt. Das Ziel ist nämlich sakrosant und der Kritiker daran stellt nicht nur das Ziel sondern das System in Frage und das kann ein starres System nicht zulassen, da solche Angriffe seine Existenz direkt bedrohen.

Aus einer wirtschaftlichen Perspektive ist so ein Vorgehen höchst unklug, da man zwar eine Investition tätigt, aber sich vor jeder Überprüfung des Sinns dieser Investition immunisiert. Den etwaigen Verlust hat man dann zwar nicht gegenüber sich selbst zu verantworten, aber man hat auch alle Möglichkeiten aufgegeben genau diesen Verlust abzuwenden. So wird aus einem Team eine Schicksalsgemeinschaft, die dann am Ende auch nur noch dem Schicksal ausgeliefert ist.

Es ist also wichtig, dass in einem Team immer auch das Ziel zur Disposition steht, da man ansonsten weder mit einer vollständigen Mitarbeit der Mitglieder noch einer Anpassung des Zieles an eine sich ändernde Realität rechnen kann.

Machen wir 2015 zum Jahr der Empathie!

Ich habe vor ein paar Tagen mit Holgi über das Phänomen PEGIDA geredet. Im Nachgang und vor allem im Lesen des einen oder anderen Kommentars fiel mir auf, dass das grundlegende Problem Empathie zu sein scheint. Empathie nicht nur für diejenigen gegen die PEGIDA demonstrieren sondern auch diejenigen, die da als PEGIDA demonstrieren. Im Zentrum des ganzen Problems steht das Missverstehen der Protestierenden für die Fremden und das Missverstehen der Gesellschaft für den Protest und die Sorgen, die da verbalisiert werden.

Soundso muss man sagen, dass Empathie an vielen Stellen in diesem vergangenen Jahr 2014 eine vermisste Eigenschaft und Einstellung war. Der Netzfeminismus kippte durch mangelnde Empathie jeder Seite in ein verlorenes Thema. Das Wort Putinversteher wurde zum Schimpfwort für Menschen, die eine zweite Sichtweise zur sozial erwünschten Meinung gegenüber Russland einnehmen. Armut als Schicksal empfängt bis heute keine Empathie, genausowenig wie die Flüchtlinge aus Bürgerkriegen und anderen Nöten in Afrika, die auf rostigen Kübeln übers Mittelmeer tuckern und dabei fast ertrinken. Aber selbst an den kleinen Stellen fehlt die Empathie, unter meinen Schülern, unter vielen Mitmenschen, es wird wenig daran gedacht, wie der andere denkt, es wird die eigene Weltsicht als absolut hingenommen. Meinungen können sich unterscheiden, aber man sollte in der Lage sein, die Meinung des anderen nachvollziehen zu können. Das fehlte immer wieder stark.

Deswegen rufe ich jetzt hier auf meiner persönlichen Bierkiste dazu auf, dass 2015 das Jahr der Empathie werden soll. Und das ist auch ganz einfach. Egal wie sehr man die Position der anderen Person ablehnt, versucht zu verstehen woher sie kommt. Denn dann kann man zum einen miteinander in Diskurs treten und zum anderen auch erfahren, inwiefern man wirklich allein steht mit seiner Weltsicht und welche strukturellen Probleme hinter den Aussagen des Gegenübers steht. Also lasst uns versuchen 2015 zum Jahr der Empathie zu machen. Das macht das Anpacken vieler Probleme erst möglich.

Sachen, die okay sind…

Es ist Wintersonnenwende und der dunkelste Tag des Jahres. Auf meiner Terrasse versucht die Plane für die Gartenmöbel Flug aufzunehmen und eine einsame Kerze erleuchtet das Wohnzimmer. In dieser dunklen Nacht möchte ich etwas positives verbreiten. Es ist eine Liste mit Sachen, die okay sind. Das wird viel zu wenig gesagt und man sollte sich öfter daran erinnern. Die Reihenfolge ist komplett zufällig, wie mir die Sachen einfallen. Wenn euch noch etwas einfällt, dann schreibt es in die Kommentare, ich füge es gerne hinzu. 

Es ist okay, verrückt zu sein.

Es mag erscheinen, dass wir uns möglichst konform verhalten sollen. Der Druck dies zu tun ist auf jeden Fall vorhanden und kriecht uns gerne den Rücken herauf, wenn wir uns im Alltag befinden. Sei normal und angepasst, aber wir haben alle das, was Edgar Allan Poe als den Imp of the Perverse bezeichnet hat. Okay, damit meinte er eine Entschuldigung für Mord, aber auch diese Gedanken dürfen wir halt eigentlich nicht haben. Was noch weniger geht ist, sich irrational und eigenartig zu verhalten. Doch es ist okay, denn alles was als normal geht ist eigentlich ein unmenschliches Ideal und viele der großen Fortschritte unserer Welt kommen aus dem, was ungewöhnlich oder schlicht verrückt ist. Normalität ist die Angst vor Veränderung und die Hoffnung, das Erwartbarkeit dem Leben einen Sinn verleiht, den es nicht hat.

Es ist okay, nein zu sagen.

Etwas total verrücktes ist, wenn man auf eine Anfrage „nein“ sagt. Dabei sollte es vollkommen okay sein. Die meisten sozialen Beziehungen zwingen uns die Idee auf, dass wir eine soziale Verpflichtung haben etwas zu tun. Dies ist sogar im Arbeitsleben weitaus weniger der Fall, als wir es uns einbilden. Nicht „nein“ sagen zu können hat mehr damit zu tun, dass wir uns selbst meist nicht wert genug sind. Deswegen sagen wir an Stellen, an denen wir für uns „nein“ sagen sollen, gerne mal nicht „nein“ oder müssen erst Gründe herbeirationalisieren, dabei ist es okay „nein“ zu sagen und das ohne Gründe angeben zu müssen.

Es ist okay, Menschen zu verlieren.

Wir lernen so viele Leute in unserem Leben kennen, manche davon näher, manche davon auch eine längere Zeit. Es gibt die Idee, dass wir diese Menschen ewig in unserem Leben haben, doch leider verändern sich soziale Beziehungen und wir verlieren Menschen aus den Augen, wenn nicht sogar final. Wir möchten vielleicht gerne, dass es immer so bleibt, aber Menschen gehen weiter und Beziehungen verändern sich oder enden. Die Menge an Leuten, die wir wirklich lange in unserem Leben haben, ist wirklich klein und meiste dauerhafte Partner. Es mag weh tun, aber Leute zu verlieren ist okay.

Es ist okay, normal auszusehen.

Mit normal ist hiermit gemeint, dass eigentlich jegliche Art von Aussehen von Menschen normal ist. Wir müssen nicht dafür entschuldigen, wie wir aussehen oder was unser Kleidungsgeschmack ist. Die von den Medien verbreiteten Schönheitsideale sind komplett illusorisch und reden einem nur blöde Ideen ein. In Wahrheit ist es okay so auszusehen, wie man aussieht, nämlich normal.

Es ist okay, nicht alles richtig zu machen.

Fehler sind menschlich, aber die Erwartungen an uns von uns selbst sind hoch. Die Angst keine Fehler machen zu dürfen lähmt viele Menschen mehr, als sie sollte. Wir haben teilweise mehr Angst vorm Versagen als davor, dass unsere Inaktivität die Situation verschlimmert. Natürlich lässt sich diese weitaus schlechter sehen, ist aber in vielen Fällen das größere Risiko. Uns wird so oft eingeredet, dass wir alles immer richtig machen müssen, dass wir vergessen, dass das nicht einmal technisch möglich ist. Wir leben in einer imperfekten Welt, zu der wir nicht alle Informationen haben und deren Funktionsweise uns nur vertraut erscheint. Betrachtet man das alles, dann ist es vollkommen okay Fehler zu machen. Inaktivität ist schlimmer als ein Fehler.

Es ist okay, Angst zu haben.

Wir sind tief irrationale Wesen und das zeigt sich bei unseren Ängsten. Wir reden uns gerne ein, dass wir die Kontrolle über diese Welt haben und deswegen keine Angst zu haben brauchen. Wir haben aber eigentlich jedes Recht diese Ängste zu haben. Die Arroganz der Moderne ist in der Idee, dass wir die Welt beherrschen. Wir tun das nicht, und wir sollten Angst davor haben. Es ist ein Wunder unseres Gehirns, dass wir diese Angst durch Langeweile ersetzen können. Deswegen ist es okay, wenn man Angst hat. Sogar irrationale Ängste sind in Ordnung, weil niemand anders einem sagen kann, ob sie komplett unrealistisch sind.

Es ist okay, keine Lust zu haben.

Wir tun vieles, das wir nicht dringend wollen. Die Idee, dass wir diese Sachen auch noch gerne tun müssen ist etwas eigenartig. Trotzdem wird es implizit von uns verlangt, dass wir viele Sachen auch gerne tun. Man soll immer motiviert sein und eine positive Einstellung haben. Das ist aber eigentlich Terrorismus, denn das Verlangen von guter Laune und Motivation ist das Verlangen nach etwas, das wir als Menschen selbst nicht immer beeinflussen können. Trotzdem ist der Druck da, dass man Sachen immer gern zu machen hat. Dabei ist es vollkommen okay, wenn man keine Lust hat. Das bedeutet nämlich nicht, dass man etwas schlecht macht.

Es ist okay, keine Ahnung zu haben.

Die Menge an Wissen, die in diese Welt kommt ist enorm. Je älter man wird, desto mehr erkennt man, dass man eigentlich sehr wenig weiß und nur auf wenigen Gebieten ein unvollkommener Experte sein kann. Allerdings leben wir in einer Welt, die Kontrolle für ein hohes Gut und damit vollkommenes Wissen für notwendig hält. Dabei haben wir keine Ahnung, wir wissen nur besser wie groß die nichtvorhandene Ahnung ist, die wir haben. Jedenfalls ist das in der Wissenschaft so. In der Alltagswelt soll man möglichst allwissend und perfekt sein. Das ist gar nicht möglich, also ist es okay, wenn man mal keine Ahnung hat. Sogar in seinem eigenen Fachgebiet.

Es ist okay, zu versagen.

Das schliesst sich an viele andere Sachen auf dieser Liste an. Es wird immer erzählt, dass Erfolg einen Menschen definiert, dabei ist es eigentlich die Art, wie er mit Misserfolg umgeht. Man muss versagen können, damit Erfolg eine Relevanz hat. Wenn man immer nur Erfolg hat, dann ist dieser Erfolg wertlos, denn entweder ist er zu einfach errungen worden oder man hat betrogen. Das Stigma, das durch die protestantische Ethik der westlichen Welt auf Misserfolg gelegt wird, ist wahrscheinlich eine der größten Bremsen individueller Entwicklung. Wir müssen versagen um zu wissen, was wir nicht können, denn dann wissen wir auch, was wir können. Dieser Freiraum wird aber niemandem mehr gelassen. Man muss performen oder man ist unwert. Diese Denke führt zu immer mehr jungen Menschen mit psychischen Störungen und Ängsten, denn Versagen ist keine Option mehr. Das wird jedenfalls erzählt, dabei ist es okay zu versagen.

Von Molchen und Lurchen…

Die Behandlung der Menschen als Molche und Lurche führt dazu, daß sie sich wie Molche und Lurche verhalten. (Th. W. Adorno)

Es gibt ein Phänomen, das mir immer wieder und immer häufiger im Schulalltag begegnet. Es gibt junge Menschen, die da vor einem sitzen und nicht in der Lage sind eigenständig Entscheidungen zu treffen oder aber eigenständig zu handeln. Nun könnte man sagen, dass das damit zusammenhängt, dass die jungen Leute von heute halt keine Interessen mehr haben und soundso total verblödet sind. Das ist aber nicht der Fall. Intelligenz ist generell gaußverteilt und damit sind die meisten Leute auch schlau genug abwägende Entscheidungen zu treffen und eigenständig zu handeln. Die Frage ist also, warum es die Menschen, die sich im Schulsystem befinden nicht tun.

Mangelndes Wissen

Gut, das sollte bei Schülerinnen und Schülern eigentlich keine überraschen und es ist auch kein Problem, wenn die Kinder irgendwie zehn oder auch fünfzehn Jahre alt sind und am Anfang oder auch in der Mitte ihrer Schulerfahrung stehen. Kritisch wird es wenn die Schülerinnen und Schüler nahezu oder schon erwachsen sind. Dann muss man sich die Frage stellen, warum am Ende der Schullaufbahn so wenig Wissen über die Welt hat, dass einem die meisten Konzepte fremd sind. Eigentlich sollte da ja erwartet werden, dass die Leute zum einen umfangreiches Wissen durch Schule und auch Lebenserfahrung durch, nunja, Leben erworben haben.

Ich habe ehrlich gesagt keine belastbare Ahnung, woher dieses Phänomen kommt, aber ich habe ein paar Hinweise entdeckt, die mir plausibel erscheinen. Zum ersten ist Wissen an sich in der Schule eine Massenware, die zu behalten a) schwierig ist und b) strukturell nicht forciert wird. Stattdessen wird das schnelle Auswändiglernen und Wiedergeben belohnt und es wird da auch gern leicht gemacht in dem die Strukturen der Leistungstests vom auswändiggelernten Inhalt meist nicht unterschiedlich sind und keine praxisorientierten Kriterien entsprechen. Ein Beispiel hier wäre das Abfragen von Vokabeln deutsch-englisch nach Listen. Ein Lückentext mit dem Kontextualisierung geübt werden muss ist sinnvoller. Zum zweiten nimmt Schule einen sehr großen Teil des Lebens von Schülerinnen und Schülern ein, ist aber gleichzeitig nicht relevant für die Realität in der sich die Kinder und Jugendlichen befinden. Soziale und technische Neuerungen erreichen die Schule meist mit mindestens zehn bis zwanzig Jahren Verzögerung und Lehrerpläne sowie Schulstrukturen halten nicht dazu an relevante aktuelle Themen und Denkweisen in den Unterricht einfließen zu lassen. Moderne Einflüsse sind das Vorrecht der jungen Lehrergeneration und die wird dafür auch gerne mal belächelt.

Erlernte Hilflosigkeit und Angst

Ein anderes Phänomen findet sich ziemlich nachweisbar. Schülerinnen und Schüler geben ungern Meinungen von sich, da sie glauben, dass die Lehrkraft sie für diese Meinungen bestraft, wenn sie nicht der Meinung der Lehrkraft sind. Dazu fehlt auch, dass da auch das Hintergrundwissen über die Gesellschaft und die Welt fehlen. Also genau das, was man den jungen Menschen beibringen möchte, ist nicht vorhanden und man es zur Basis für einen Test macht, dann sind die Schülerinnen und Schüler aufgeschmissen, weil Wissen schlecht verankert ist und Weltwissen eigentlich nicht stattfindet. Das schafft natürlich Angst, zum einen ist eine Meinung schwer zu bepunkten und damit für den notenorientierten Menschen in der Schule ein Horror, zum anderen benötigt sie eine hohe kognitive Leistung, die normalerweise gar nicht gefordert wird. Da reicht das Auswendiglernen von Inhalten aus. Das kann dann auch gleich anständig vergessen werden. Dementsprechend ist die Hilflosigkeit der Schülerinnen und Schüler groß. Doch sie wird eigentlich nur in den Strukturen der Schulen so erlernt. Es wird mit bester operanter Konditionierung dafür gesorgt, dass eigenständiges Mitdenken kaum eine Rolle spielt. ((Wer jetzt glaubt, dass das an Gymnasien sicher besser ist als an Hauptschulen, hat nur teilweise recht. Es ist besser, aber nicht so sehr wie man sich das denkt.))

Aus den Strukturen des Lernens an Schulen entsteht also erlernte Hilflosigkeit und (Existenz-)ängste, die aus Menschen, die alle Möglichkeiten ihrer Entwicklung erst einmal haben, willfährige Ausführungsroboter, die weder für eine komplexe moderne Welt noch die, darunter liegenden, Anforderungen der Wirtschaft geeignet und generell keine Menschen, die diese Gesellschaft weiter bringen. Dafür aber Leute, die sich scheuen Entscheidungen zu treffen und die es nicht gewohnt sind, diese Entscheidungen auch zu begründen. Dazu werden sie nicht nur nicht gebracht, es wird ihnen sogar aktiv abgewöhnt. Die hierarchische Struktur der Schule führt eben dazu, dass das was die moderne Wirtschaft möchte und ein demokratischer Staat dringend braucht: offene, flexible und entscheidungsfreudige Menschen, eben nicht durch Schule geschaffen, sondern verhindert werden.

Fremdsprachendidaktik – ein Rant

Das ist der hundertste Eintrag in diesem Blog und ich habe mit Erstaunen festgestellt, dass ich mich noch nie über die eine oder andere Idiosynkrasie der Fremdsprachendidaktik, wie man sie so als Englischlehrer beigebracht bekommt, ausgelassen habe. Dabei rante ich da relativ gern drüber. Falls ihr Kinder im schulpflichtigen Alter habt, dann seid gewarnt: das mag nicht wirklich erbaulich sein.

Didaktische Reduktion

Das Meiste, das mich an der modernen Fremdsprachendidaktik stört hat mittelbar mit den Prämissen zu tun, die sie sich unter anderem von der Pädagogik holt. Diese Prämissen sind aber teilweise eher skeptisch zu sehen. Pädagogik ist zwar heutzutage immer mehr empirischer Natur, aber etliche Idee kommen tatsächlich direkt aus reiner Philosophie oder aber Ideologie. Dazu gibt es ein paar grundlegende Ideen der Didaktik, die ich in ihrer Ausführung für problematisch halte. Allen voran ist die Frage der didaktischen Reduktion. Didaktische Reduktion bedeutet, dass man einen Sachverhalt so reduziert, dass er einfacher zu verstehen ist. Das ist an sich nicht dumm. Schließlich wollen wir Schülerinnen und Schüler „dort abholen, wo sie sind“ und da hilft es nicht, gleich die komplette Komplexität der Welt über ihnen auszukippen.

Doch ist es eigentlich immer nötig Sachverhalte zu vereinfachen, nur weil Kinder oder Jugendliche vor einem sitzen? Bei vielen naturwissenschaftlichen Inhalten bin ich durchaus dieser Meinung, bei Mathematik auch, aber bei Sprachen ist das problematischer. Sprachen sind nämlich sozial vereinbarte Zeichensysteme, die zwar durchaus Regeln besitzen, aber weder müssen diese Regeln konsequent, noch sachlogisch oder überhaupt sinnvoll erklärbar sein. Die infiniten -ing Formen im Englischen lassen sich gut analysieren und klassifizieren, es gibt aber nahezu keine Möglichkeit eine ernsthafte Regel zu entwickeln an denen sich die Schülerinnen und Schüler festhalten können. Denn dafür sind die Regeln eigentlich da. Als Haltegriffe bis man das System internalisiert hat. Und dort ist dann auch gleich das Problem. Es wird auch bei fremdsprachlichen Regeln didaktische Reduktion angewandt, dabei ist das meist kontraproduktiv, da eine Vereinfachung der Regeln zu falschem Sprachverhalten führen kann. Das klassische Beispiel hier sind die Zeitformen. Das System ist eigentlich gut beschrieben und wenn man dieser Beschreibung folgt erstaunlich einfach. Allerdings erfordert es eine gewisse Menge kognitiver Vorleistung um die Regeln dann richtig anzuwenden. Oder wahlweise, es braucht eine didaktische Aufbereitung, damit Kinder im Alter von 11 Jahren (5. Klasse) diese Konzepte verstehen. Teilweise kann man diese schlicht richtig einüben, es hilft aber auch spielerisch heranzugehen. Das klingt ja alles nicht so schlecht, bis man sich anschaut, was stattfindet.

Denn was stattfindet, ist das Angeben von festen Regeln (zu diesem Teil komme ich gleich noch einmal), dann eine mehr oder minder kurze Übungseinlage und dann wird weitergegangen zum nächsten Thema. Zusammenhänge zwischen den Zeitformen werden nicht gegeben, es gibt keine Systematik und die Regeln werden meist so angegeben, dass es den Lernenden so erscheint, als seien diese Formen alle separat zu betrachten, was sie eben nicht sind. Das zieht sich dann über mehrere Jahre, dabei kann man das System in 45 Minuten erklären und wenn man es didaktisiert sicherlich in einem Schuljahr strukturiert an das Kind bringen, so dass es gesichert weiß, was es tut und sogar das Prinzip verstanden hat. Anstatt Regeln einfach nur aufzustellen, werden diese dann auch verständlich und können so sogar für mehr Motivation und Mündigkeit der Sprecher sorgen. Das ist ja gewollt.

Didaktische Reduktion wird also auf Sachen angewendet, die man besser nicht reduziert und stattdessen mit Zeit und Feedback kognitiviert und einübt.

Induktive Grammatik

Ich habe oben schon gesagt, dass die Regeln den Kindern vorgestellt werden und diese die dann einüben. Leider stimmt das nicht ganz. Derzeit ist ein Trend in der Fachdidaktik Englisch, den Lehrern zu sagen, dass man Grammatik induktiv unterrichtet. Induktion bedeutet, dass man vom Beispiel auf eine allgemeine Regel schließt, während Deduktion das Anwenden allgemeiner Regeln auf ein Beispiel bedeutet. Beim Sprachenlernen geht beides eigentlich kaum. Zwar kann ich Regeln deskriptiv festlegen, aber diese treffen dann nie hundertprozentig zu und man hat Ausnahmen über Ausnahmen. Das bedeutet Deduktion ist nur begrenzt möglich und je fremder die Sprache, desto weniger ((Nunja, es gibt darunter noch Regeln, denen nahezu alle Sprachen gehorchen zu scheinen, aber diese sind auch nicht perfekt. Wer sich für diese Idee interessiert schaue sich die generative Transformationsgrammatik an.)). (Wir haben da mit Englisch noch Glück.) Induktion ist aber komplett unmöglich. Denn Sprache ist ein willkürliches Zeichensystem und was sich andere Leute mit ihren Zeichen gedacht haben, sagt uns meist nichts. Das ist der Grund, warum wir nicht automatisch Kyrillisch lesen können.

Doch Grammatik soll im Unterricht induktiv unterrichtet werden. Die Idee dahinter ist, dass man herausgefunden hat, dass eigene Erkenntnisse Wissen besser verankern. Das ist auch richtig und sollte bei Naturwissenschaften mehr verwendet werden. Bei Sprachen ist es eher eigenartig. Woher sollen die Lernenden wissen, was sich die englische Sprachgeschichte dabei gedacht hat? Das wissen nicht einmal die Sprachwissenschaftler. Es wird hier also das Unmögliche gefordert: nämlich, dass Kinder die richtigen Regeln weissagen. Spannenderweise funktioniert es dann immer. Dafür gibt es aber einen eher zynischen Grund: die Schülerinnen und Schüler lernen früh, dass sie besser mal im Grammatikkapitel vorher lesen, worum es geht. Ansonsten raten sie fröhlich rum, sind unpräzise und es endet dabei, dass die Lehrkraft frustriert die Regeln an die Tafel klatscht. Eine Handlung mit der man das Thema auch hätte beginnen können anstatt 30 Minuten Rätselraten zu spielen, bei dem die Schülerinnen und Schüler eigentlich keine Chance haben. Da kann man sich auch hinstellen und fragen: „What is the difference between a raven and writing desk?“

Dazu ist diese Vorgehensweise menschlich fragwürdig. Unseren Schülerinnen und Schülern wird ein krankhafter Leistungsgeist und teilweise panische Angst vor mündlichen Noten eingeredet, um ihnen dann Aufgaben vorzulegen, die sie realistisch nicht erfüllen können ohne zu betrügen oder Glück zu haben. Erwachsene, wie ich sie unterrichtet haben im Übrigen keinerlei Verständnis für diese Ratespiele, weil sie erkennen, dass man da keine Lösung finden kann. Trotzdem wird einem immer wieder diese didaktische Fehlentwicklung in die Hand gedrückt. Sie wird genauso weitergetragen, wie die Übergeneralisierung der Handlungsorientierung in alle Fächer hinein. Es wird dabei nicht vom Menschen und vom Inhalt sondern vom Prinzip her gedacht. Was an einer Stelle modern und damit offiziell gut ist, muss an jeder Stelle modern und gut sein.

Einsprachigkeit im Unterricht

Dabei steht einem das alte oft genug im Weg. Einsprachigkeit ist die Maxime im Fremdsprachenunterricht. Die Idee, die Schüler nur der Zielsprache auszusetzen ist super. Schließlich lernt man Sprache da am besten. Leider kommt hier jetzt das große Aber.

ABER: Es ist komplett behämmert dies zu fordern, wenn man vier 45-minütige Einheiten die Woche hat. Denn das bringt rein gar nichts, außer dass die Schülerinnen und Schüler dauerhaft weder die Einsprachigkeit ernst nehmen noch einen Erfolg davon haben. Es gibt auch keine Emulation der Lehrkraft, weil die Lernenden schnell erkennen, dass dies eine reine Scharade ist. Die Idee, dass ich 45 Minuten lang einen Engländer spiele, um dann  die nächste Nase auf deutsch dafür anzumotzen, dass sie ihr Handy wegpacken soll, ist komplett hirnrissig. Wenn es einsprachige Projekttage oder generelle Immersion gäbe, wäre ich sofort dabei. Das ist nämlich sinnvoll und macht die Fremdsprache relevant und nicht den Unterricht zu einem Theaterstück mit einem englischsprechenden didaktisierenden Schauspieler, der einem dann, wie oben erklärt, unbeantwortbare Fragen stellt.

Einsprachigkeit ist dazu durch die knappen Zeitpläne schlicht unpraktikabel möchte man seine sprachtheoretischen Inhalte vermitteln oder, wie es mir oft geht, Menschen vor sich, denen man die komplexen Sachverhalte, die man ihnen vermitteln sollte, in der Fremdsprache nicht verstehen würden. Natürlich haben wir teilweise sehr viel Zeit ((Das ist der Segen der Vorklasse: wir bestätigen als Ausnahme mit 10 Stunden die Woche die Regel des zeitlich knappen Unterrichts.)) aber selbst dann kann man nicht alle Sachverhalte in der Fremdsprache abhandeln, denn man möchte auch am Ende, dass die Botschaft ankommt. Manchmal sind deutsche Regeln der Anfang englischen Sprechens. Denn nicht einmal 280 Stunden im Jahr reichen hier wirklich.

Auf der Bühne – und Abgang

Und so wirkt Englischunterricht oft wie Theater. Wir spielen Engländer, wir tun so, als könnte man sprachliche Features einfach so erraten oder erfühlen und wir tun so als wären die Regeln, die da erraten werden so schwer, dass wir sie nicht in ihrer Tiefe lehren können. ((Merkt ihr was? Das ist mir vorher nicht mal aufgefallen, wie schizophren das ist.)) Und dann schreiben wir denen allen C1 oder gar C2 auf die Zeugnisse und fragen uns, warum das keiner ernst nimmt.