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Shopping Queen und Pierre Bourdieu

Ich habe ja schon mal über Shopping Queen geschrieben. Diesmal beschäftige ich mich mal eher sozialwissenschaftlich damit. Ursache ist der letzte Soziopod über Pierre Bourdieu, in dem es eher um Bourdieus Grundlagen der Sozialanalyse und den Habitus geht. Da ich irgendwie bezweifle, dass meine Leser jetzt hier unterbrechen und sich mehr als eine Stunde tiefe Unterhaltung über das Thema ansehen, gibt es die Reader’s Digest Variante1 der ganzen Theorie und dann geht es gleich weiter.

Exkurs: Bourdieu, Kapital und Habitus

Pierre Bourdieu ist einer der bekanntesten Soziologen und Ethnologen. Er beschäftigte sich unter anderem mit der Sozialstruktur. Er entwickelte dabei ein System, dass sich an Karl Marx’ Idee des ökonomischen Kapitals anlehnt, aber noch zwei weitere Kapitalsorten, das kulturelle und soziale, hinzufügt. Während ökonomisches Kapital das Vermögen darstellt, stellen das kulturelle Kapital Bildung und Bildungsergebnisse und das soziale Kapital das Netzwerk, das den jeweiligen Menschen umgibt, dar.

Allerdings sagt Bourdieu da auch, dass die Verfügbarkeit dieser Kapitale auch einen Habitus schaffen in dem sich der Mensch befindet. Er verhält sich also der Statusgruppe entsprechend in der er sich befindet und jede Gruppe hat ihre geheimen kleinen Verhaltensweisen mit denen sich Menschen dieser Gruppen gegenseitig erkennen. Man kann zwar die Gruppe wechseln, aber es ist sehr schwierig auch die kleinen feinen Unterschiede zu erkennen, die die entsprechende Gruppe auszeichnet. Nach Bourdieu geben Menschen also immer durch ihren Habitus zu erkennen, welchen sozialen Status sie haben.

Shopping Queen

Warum jetzt also Shopping Queen? Weil man hier endlich mal in Ruhe sehen kann, wie sowas funktioniert. Es wird ja aus dramaturgischen Gründen eine möglichst bunte Gruppe an Frauen ausgewählt und da kann man zum einen den vorherrschenden Habitus der Stadt sehen, aus der sie kommen und zum anderen sehen, wer warum nicht reinpasst. Meist lässt sich allein am Verhalten der Kandidatinnen erkennen, ob sie der Menge der Anderen ein für diese gefälliges Outfit vorstellen werden.2

Die verschiedenen Habiti kann man dann auch gut beobachten. Sehr prävalent sind Menschen, die zwar erhebliches ökonomisches Kapital haben, allerdings den Habitus entweder eines Migrationshintergrunds oder der niedrigen Statusgruppen. Zu erkennen ist das meist daran, dass Reichtum und Wohlstand eher offensiv zur Schau gestellt wird. Etwas, dass in den oberen Schichten klassischerweise verpönt ist.3 Auch der eher stille Geschmack, der bei wohlbetuchten Menschen gerade in Deutschland üblich ist, wird hier meist gegen lauten Diamant- und Goldschmuck ausgetauscht.

Genauso findet man aber auch Kandidatinnen, die in ihrem Habitus daheim sind und dann aus diesem heraustreten können um das Thema zu erfüllen. Wenn sie allerdings zu weit von der “Mitte” der Gruppe entfernt sind, können sie hier kaum gewinnen, weil sie die geheimen Vorschriften wie man sich zum Thema zu kleiden hat nicht kennen. Die bekommen sie erst im Nachhinein erklärt. Es gibt nämlich aus dem Habitus heraus Erwartungen an diese Themen und wie man sich da verhält und so geben dann auch unterschiedliche Gründen, warum ein Outfit nicht passt. Das kann man nach einer Viertelstunde schon sagen, jenseits der psychologischen Disposition, die die Damen dann teilweise noch mitbringen und die ihnen zum Verhängnis werden können.

Und nun?

Shopping Queen zeigt uns exemplarisch und im Gegensatz zu vielen anderen Realityshows, die sich nur auf “Unterschicht” kaprizieren, die Vielfalt an Habiti, die unsere Gesellschaft hat. Es gibt mehr als nur Geld, Bildung und soziales Netz, das Menschen unterscheidet. Es gibt auch ein kulturell bestimmtes Verhaltensmuster und wenn man Mitglied einer Statusgruppe sein möchte, dann muss man dieses erlernen oder besser erlernt haben, denn diese “feinen Unterschiede” werden niemals direkt oder offen vermittelt. Wenn du Mitglied der Intelligenzia sein willst, dann ist es weniger deine Intelligenz sondern dein Verhalten gegenüber anderen Menschen.

  1. Auch Unterrichtsvariante genannt. []
  2. Spannend ist hier, dass der Designer tatsächlich komplett nur das Thema und die Frau sieht und teilweise komplett andere Urteile trifft. []
  3. Man stellt sein Reichtum nicht dar, wenn man das muss, dann hat man keinen. Vulgo: Wenn sie nach dem Preis fragen müssen, dann ist es zu teuer. []

Männer, schaut mehr Shopping Queen!

Nachdem ich in letzter Zeit schon bei Andrea lesen durfte, dass ihr Freund in leicht kranken Zustand dann Shopping Queen geschaut hat, möchte ich dann mal die Herrenschaft dazu aufrufen sich diese Sendung doch manchmal zu Gemüte zu führen. Gründe dafür gibt es viele.

Es wird einem manchmal aus der Seele gesprochen.

Die Sendung wird ja vom Modedesigner Guido Maria Kretschmer kommentiert und dieser hat durchaus Talent gerade dem Mann aus der Seele zu sprechen, wenn die Kandidatinnen sich unflätig verhalten, ihre Begleitungen misshandeln oder aber auch modische Verbrechen begehen. Da die Leute aber eigentlich nie bloßgestellt werden, kann man durchaus mit ihm verzweifeln oder sich wundern.

Man kann was über Frauen lernen.

Und zwar mehrfach: zum einen über die Hürden, über die Frauen so teilweise springen müssen oder glauben springen zu müssen um gut auszusehen, zum anderen wie vielfältig und schön die Weiblichkeit sein kann. Da bei dieser Sendung eigentlich nur normale Frauen antreten gibt es alle Größen, Körperformen, Hautfarben und wasweißich und man lernt diese Vielfalt echt schätzen und erkennen. Es ist eigenartig, aber es ist eine Sendung, die sich um Mode dreht und die Vielfalt der Frau feiert anstatt Uniformität zu predigen. Gerade auch der kommentierende Designer ist zwar klar und tough bei seinen Beschreibungen aber äußert sich nie abfällig über seine Kandidatinnen. Und die Tatsache, dass Rentnerinnen und mollige Hausfrauen hier teilweise gewinnen ist ein zusätzlicher Bonus.

Man kann was über Mode lernen.

Wenn wir mal ehrlich sind, wir Männer haben oft zu wenig fachliche Kompetenz, wenn es um Mode und Modediskurse geht. Immerhin hat das ja ein negatives Prestige im Sinne von Homosexualität oder Weichlichkeit. Dabei wäre es mal gut, wenn man so grundlegend Ahnung davon hat, wer was warum anziehen oder eben besser nicht anziehen sollte. Denn da gibt es relativ einfache Regeln die mehr mit Farbverläufen, Kontrasten und Designgestaltung zu tun haben als mit Geschmack. Es geht auch oft darum, was nicht miteinander geht, und was miteinander geht. Jenseits dessen lernt man auch das eine oder andere über verschiedene Geschmäcker und was für einen selbst dann halt geht und was eben auch irgendwie nicht geht.

Dazu kann Mann auch so einiges für den eigenen Kleidungsstil mitnehmen und etwas Bewusstsein dafür entwickeln, was man besser nicht anzieht und was man stattdessen mal probieren kann. Denn Wohlfühlklamotten sind eines, irgendwo auftreten, etwas anderes und seinen Stil zu definieren und festigen kann ja auch nicht schaden. Immerhin hat man dann mal ein positives (von sich ausgehendes) Merkmal.

Also gehet hin und schaut manchmal Shopping Queen. Zur Not heimlich im Internet…