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Interview mit Andrea Bottlinger (wg. Aeternum)

AeternumIch bin erfreut, dass Andrea Bottlinger in meinem Blog zu Gast ist. Andrea und ich kennen uns schon etwas länger und sind uns in etlichen Bereichen der Literatur einig, dass wir uns uneinig sind. Nichtsdestotrotz hat es mich sehr gefreut, dass sie nun neben ihrem ersten Sachbuch Sorge dich nicht. Beame! auch mit Aeternum ihr Romandebut feiern kann.

Ich muss vorausschicken, dass ich nicht die Gelegenheit hatte das Buch zu lesen und sich meine Fragen über den Inhalt eher auf Rezensionen stützen. Diese Fragen stehen für mich aber soundso nicht im Mittelpunkt. Das können andere Leute besser als ich.

Also, dann.

Hallo Andrea! Erst einmal Glückwunsch zum ersten Roman, ich bin ja wirklich beeindruckt mit welcher Konsequenz du den Weg zur Autorenschaft verfolgt hast. Als alter Dauerskeptiker hätte ich das nie geglaubt. Überrascht dich das selbst?

Was jetzt, die Konsequenz oder die Tatsache, dass ich es geschafft habe? Was die Konsequenz angeht, da ist es so, dass ich einfach gerne schreibe. Ich mache das also so oder so, ob es nun gedruckt wird oder nicht. Was die Tatsache angeht, dass ich jetzt tatsächlich mit einem Roman in einem großen Publikumsverlag gelandet bin: Ich habe es mit drei Romanen vorher nicht geschafft. Wenn ich es mit „Aeternum“ auch nicht hinbekommen hätte, hätte ich einfach den nächsten geschrieben und danach den nächsten, bis es irgendwann geklappt hätte. Ich war recht überzeugt davon, dass man mit genug Beharrlichkeit irgendwann zu Ziel kommt. Schon allein aus statistischen Gründen 😉

Du arbeitest ja auch als Lektorin. Hat diese Arbeit deinen Schreibstil und deine Arbeit an Aeternum beeinflusst und hat man dann mehr Mitleid mit dem eigenen Lektor?

Nein. Die meisten Autoren tauschen sich mit anderen Autoren aus und lesen gegenseitig ihre Romane. Das heißt, bis auf wenige Ausnahmen betätigen sich alle Autoren ein wenig als Lektor. Ich habe das nur auf ein Level gehoben, auf dem ich dafür bezahlt werde. Und im Umgang mit meiner Lektorin hat es eher dazu geführt, dass ich mehr mit ihr gestritten habe, glaube ich.

Da sind wir dann auch schon bei dem, worauf ich erst einmal mein Augenmerk legen möchte. Es gibt tausend Philosophien, wie so ein Roman entsteht. Was ist deine?

Normalerweise reiht man ein Wort ans andere. Wenn man Glück hat, entsteht dabei etwas, das nicht nur Sinn ergibt, sondern auch gut klingt.

Ich selbst habe relativ große Probleme mich jeden Tag an den Schreibtisch zu schleppen und in dem kleinen Rahmen kreativ arbeitend zu sein, in dem ich das so bin. Wie schafft man als Autorin sowas?

Ich werde unruhig, wenn ich länger nicht kreativ bin. Ganz ohne Deadline würde ich zwar nicht jeden Tag schreiben, aber für mich ist es einfach wichtig, regelmäßig irgendwas Kreatives zu tun. Also ist es gar nicht so schwer.

Und weiterführend, kam irgendwann mal der Moment, in dem du deine Charaktere nicht mehr sehen konntest?

Wenn man seine Charaktere nicht mehr sehen kann, hat man irgendwas falsch gemacht, denke ich. Du bist doch Rollenspieler. Wenn du einen Charakter wirklich schon lange spielst, dann hängst du ja eher immer mehr an ihm. Je länger du dich mit ihm beschäftigst, desto mehr Tiefe bekommt er, desto genauer wird das Bild, das du von ihm hast. Und du denkst nie: „Ach, verdammt, jetzt muss ich schon wieder zu dieser Rollenspielrunde und diesen blöden Typen spielen, den ich mir ausgedacht habe.“ Romancharaktere sind genauso.

Du hast dich entschieden, dass der Roman in Deutschland und zwar primär in oder unter Berlin spielt. Ich finde die Entscheidung Deutschland als Ort für einen Roman zu wählen gut, wie kam es dazu und welche Möglichkeiten bietet Berlin, die die Standards wie London nicht bieten?

London oder New York macht ja jeder. Ich dachte mir, ich nehme mal was, wozu man als deutscher Leser mehr Bezug hat. Berlin bietet mir letztendlich nicht mehr Möglichkeiten als London oder New York, sieht man mal davon ab, dass ich leichter dorthin fahren konnte und dass ich Leute dort kenne, die mir bei den Details geholfen haben. Aber ich hätte die Geschichte auch anderswo erzählen können.

Und die wichtigste Frage für die Leser: Wird es eine Fortsetzung geben?

Geplant war „Aeternum“ als Einzelroman. Es gibt aber Hintertürchen für eine Fortsetzung, sollte der Verlag Interesse daran haben.

Doch zurück zum Prozess des Schreibens. Wie ist Aeternum handwerklich entstanden? Was sind deine Werkzeuge zum Romanschreiben?

Ich fange immer mit den Protagonisten an und überlege mir, was deren Ziele sind. Dann denke ich mir jemanden oder etwas aus, der oder das entgegengesetzte Ziele hat, und ergründe dessen Motivation. Daraus entsteht automatisch ein Konflikt, und damit habe ich meine Geschichte. Dann schreibe ich, werfe meinen Plan mindestens dreimal um, schreibe Kapitel mehrmals neu, bis ich zufrieden bin, und stelle fest, dass Nebencharakter X viel wichtiger geworden ist, als ich erwartet hatte, was meinen Plan noch einmal etwas abändert …
Irgendwann bin ich fertig, und dann überarbeite ich so lange, bis ich einen Rappel bekomme und den Roman für fertig erkläre. Und Werkzeuge? Notizbuch und Laptop.

Welches Werkzeug würdest du dir noch wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass Google Street View flächendeckend funktioniert. Das ersetzt Recherchereisen natürlich nicht, aber wenn ich vergessen habe, irgendwas vor Ort nachzusehen, bin ich immerhin nicht komplett aufgeschmissen. Und ich hätte gerne eine richtig große Bibliothek in erreichbarer Nähe.

Inwiefern sind deine Katzen ein wichtiger Einfluss geworden?

Abgesehen davon, dass manchmal unverhofft Dinge wie „dsfghj“ in diversen Textdokumenten auftauchen? Hm … sie haben mich in dem Glauben bestärkt, dass die Welt insgesamt ein bisschen bekloppt ist und dass man ihr nicht gerecht wird, wenn man in seinen Texten nur Drama und noch mehr Drama schreibt. Da haben wir zwei kleine Raubtiere, denen die Natur von Geburt an einen Killerinstinkt und fiese Mordwaffen mit auf den Weg gegeben hat und die keine Ahnung was erlebt haben, bevor sie ins Tierheim und dann zu uns kamen. Und dann kann ich unserer ausgewachsenen Killerkatzendame dabei zusehen, wie sie bei dem Versuch, ihren eigenen Schwanz zu jagen, von der Küchenbank fällt.

Kommen wir zu ein paar Fragen zur Öffentlichkeitsarbeit, die man als Autorin so tun muss. Du hast ja ein Blog sowie einen Twitter- und Facebookaccount. Sind diese neuen Kommunikationsmittel ein absolutes Muss für eine junge Autorin?

Ich mach das alles vor allem, weil es mir Spaß macht. Man sollte es auch nur deshalb tun. Um sich damit zu beschäftigen, ohne Spaß daran zu haben, bringt es einem zu wenig.

Über welches Medium denkst du, dass du die meisten Leute erreichst?

Über den Buchhandel. Es ist immer noch so: Je mehr Exemplare von einem Roman in den Buchläden liegen, vorzugsweise in großen Stapeln, desto mehr wird davon verkauft. Um mal ein paar Zahlen zu nennen: Meinen Blog lesen vielleicht 50 oder 70 Leute regelmäßig. Das heißt, im allerbesten Fall verkaufe ich darüber 70 Bücher. Das ist nicht sehr viel. Dasselbe gilt für Twitter und Facebook. Ich habe derzeit 300 Twitter-Follower. Ich würde schätzen, mindestens die Hälfte davon folgt mir nur in der Hoffnung, mir wiederum ihr selbst herausgegebenes EBook zu verkaufen. Und vom Rest interessiert sich ganz sicher auch nicht jeder für Urban Fantasy. Jetzt ist Aeternum ja erhältlich und es gehört ja zum Autorenleben auch dazu, dass man sein Werk präsentiert.

Du warst auf der Leipziger Buchmesse und machst nun diese Blogtour. Man würde davon ausgehen, dass die Messe die größere Rolle spielt. Siehst du das auch so?

Das kann ich schlecht sagen. Ich habe wirklich keinerlei Vorstellungen, wie viele Leute ich über die Blogtour erreichen werde. Und bei der Buchmesse weiß man ja auch nie genau, wer wirklich der Lesung zuhört und wer gerade nur da sitzt, um die schmerzenden Füße etwas auszuruhen.

Die moderne Medienwelt von der wir ja schon reden ist sehr vielfältig. Kannst du dir auch vorstellen vom Buch zu anderen Medienarten wie Hörbücher, Podcasts oder ähnliches zu gehen?

Ich hoffe, dass irgendwer mal ein Hörspiel zu einem meiner Romane macht. Das fände ich cool. Ich arbeite momentan auch mit einer Zeichnerin zusammen an einem Comic, von dem wir noch nicht wissen, ob wir versuchen, es Verlagen anzubieten, oder ob wir ein Webcomic daraus machen. Ich probiere alles mal aus, was verspricht, Spaß zu machen.

Und eine kurze persönliche Frage zum Abschluss: Wirst du irgendwann mal ein Buch über Vampire schreiben, die durch Zitronen umgebracht werden?

Ich glaube, das Vampire-Zitronen-Thema hat der große Meister Terry Pratchett schon ausreichend abgearbeitet. Da will ich mir nicht anmaßen, gleichzuziehen 😉

Ich danke für die Beantwortung meiner Fragen und wünsche dir natürlich noch viel mehr Erfolg und jede Menge weitere Romane.

Vielen Dank.

Andreas Roman Aeternum kann man überall finden, wo es Bücher gibt, besonders aber beim lokalen Buchhändler, der unterstützt werden sollte.

Show don’t tell…

Es ist eine kleine psychologische Weisheit, dass das, was einem Menschen erzählen, meistens das ist, was sie selbst hören wollen. Sie erzählen sich also selbst, wie toll sie sind, sie erzählen sich selbst, dass sie dich lieben oder, dass du ihnen sehr wichtig bist. Das ist alles nur Gequatsche und hat wenig mit dem zu tun, was die Person am Ende tut. Stattdessen hat es sehr viel damit zu tun, was die Person denkt, wer sie ist und wie sie sich ihre Welt konstruiert. Das bringt uns dann zum ersten Schluss: man sollte immer etwas darauf hören was man so erzählt und sich die Frage stellen, was das über einen selbst sagt.

Dazu kommt dann der zweite Teil, auf den sich dann auch die Überschrift bezieht. Wenn man nämlich will, dass Menschen einen ernst nehmen, wenn man sich auch so verhält, wie man erzählt. Oder besser: es zum größten Teil versucht. Immer klappt das doch eh nicht. Man muss also zeigen, dass man Menschen liebt, dass sie einem wichtig sind und das beginnt dann wiederum mit Zuhören und handeln. Wenn man dem anderen, egal wer er ist, nur Kram erzählt, dann wird dieser das irgendwann nicht mehr glauben. Man muss konsistent reden und handeln, weil ansonsten wird man irgendwann gar nicht mehr in seinem sozialen Verhalten ernst genommen.

Also, zeigt, was ihr meint und quatscht net.

Aqua Jogging

Ich gehe ja regelmäßig schwimmen. Das soll ja gut tun und wenn nicht ist es wenigstens ein gutes Alibi um dann später zum Meckes gehen zu können. Jetzt bin ich im Urlaub bei meinen Eltern und meine Mutter nahm mich mit zu ihrem Schwimmtermin. Also, ich schwomm und sie machte Aqua Gymnastik Jogging Zeug mit Anleitung.

Und nunja, das bringt dann die herrliche Möglichkeit der Beobachtung. Es gibt ja nichts lyrischeres als eine Gruppe Männer und Frauen mittleren bis gesetzteren Alters, die zu den Anweisungen einer leicht gebeutelt aussehenden Trainerin in ausladenden Bewegungen durch das Wasser stapfen. Die Damen tragen dabei natürlich, dem Alter angemessen, zumeist diese einteiligen Badeanzüge, die inklusive der farblichen Absetzung eine stoffgewordene Allegorie auf die verschwundene Lust des Alters implizieren. Die Herren entscheiden sich ja immer noch für diese wunderbaren Dreiecksbadehosen, die aus dem kompletten Mann eine Art blinden Fleck machen, da die Sehnerven beim Anblick der Hose temporär zusammenbrechen.

Dann wird mit Ernsthaftigkeit gewasserjoggt. Die Sache gewinnt ja eher ihre Homuristik durch die Trainerin, die ernsthaft motivierend am Rand die Bewegungen mit ihren Armen vorzeigt und durch die Kommunikation, die da im Becken herrscht. Denn dies ist natürlich eine soziale Veranstaltung. Die Damen unterhalten sich bei der langsamen Bewegung durch das Becken natürlich über alles mögliche und es entwickelt sich also ein rückenschonender, leicht schnatternder Entengang. Alles ist dann eingebettet in das leichte Plätschern des Wassers und das rhythmische Schlagen der Kraulzüge des nebenan trainierenden Sportschwimmers. Es ergibt sich ein wahrhaft fantastisches Ballet, das man da so aus dem Nichtschwimmerbecken beobachten kann, während neben einem die Kinder heimlich in das Wasser pinkeln.

Weg zum Niedergang?

Ich war heute in Eisenach unterwegs um mit meiner Mutter einzukaufen und man konnte an der Stadt schön erkennen, wie sich ostdeutsche Städte in der Welt von ALG II und jugendlicher Landflucht aussehen können.

Bevor hier die Empörung aufschlägt erst einmal: ich bin hier geboren und ich mag diese Stadt sehr. Sie ist für ihre Größe voller Kultur und Möglichkeiten. Mir geht es nicht darum zu sagen, dass der Osten scheiße ist, sondern dass man hier sieht, wie die bisherige Sozialpolitik auf eine Stadt wirken kann.

Eisenach ist etwas entvölkert von jungen Menschen und das durchschnittliche Lohnniveau ist, ähnlich anderen ostdeutschen Städten, leicht unter dem Durchschnitt. Geburtenraten sind rückläufig, die Bevölkerung überaltert langsam vor sich hin. Es wird schon darüber gescherzt, dass der Wachstumsmarkt hier wohl Altenheime und deren Pflegepersonal wird.

Wenn man dann so durch die Stadt geht fällt einem das dann auch auf. Mir sind nacheinander drei Geschäfte mit preiswertem Krimskrams untergekommen. Da steht nur nicht mehr der Mensch mit Migrationshintergrund hinter der Theke sondern eine Dame mittleren Alters mit fehlendem Migrationshintergrund. Die zwei Bratwurstwagen in der Einkaufsstraße sind vielen zu teuer und die längsten Schlangen findet man dann fast schon in der Apotheke. Es ist jetzt alles noch nicht so schlimm, aber bezeichnend. Die Menge an Menschen, die sich durch die preiswerten Läden quetschen ist etwas höher und qualitativ hochwertige Sachen gibt es nicht gerade in großen Mengen.

Dazu kommt das „Einkaufszentrum“ am Rand der Stadt, das einerseits zur Entvölkerung der Innenstadt führt, andererseits aber auch wieder nur aus eher preiswerten Geschäften besteht, wobei der Supermarkt darin eigentlich schon zu den teuereren zählt. Alles in allem zeigt sich hier halt, dass sich die Ladenwelt schon an ein niedrigeres Durchschnittseinkommen angepasst hat.

Das ist eigentlich die Tragik, denn Eisenach ist eine sehr schöne Stadt, die allein aufgrund der Wartburg eigentlich nicht nur ein Touristenmagnet sondern auch sehr wohnenswert sein sollte. Ist sie aber nicht. Das liegt teilweise an fehlenden Angeboten für Jugendliche, aber auch genug reizvoller Industrie und einem gewissen Eigenbrödlertum. Die Lethargie und Innovationsfeindlichkeit, die sich dann ergibt ist echt schade und so verfällt so manches vor sich hin, dass eigentlich diese Stadt lebenswerter machen würde.

Argumentationshilfen für politische Diskussionen

Ich holte gerade meine Mutter ab und da saßen etliche ältere Herren und diskutierten über Politik und die Welt. Das taten sie natürlich auf die beste Stammtischmanier, die man sich vorstellen kann. Die klassische Idee ist, dass diese Leute ja alle dumm sind und man sich das am Besten nicht antut. Ich denke aber, dass das genauso intelligente Menschen sind, wie das jeder von sich annimmt. Also kann man mit denen auch reden. Das tat ich dann irgendwann mal und siehe da. Die sind nicht dumm, die sind nur nicht informiert und folgen dir locker, wenn du ihnen eine klare Argumentationslinie gibt.

In diesem Sinne habe ich mir gedacht, dass ich doch ein paar der Standards nochmal aufschreibe und die jeweilige Copingstrategie ausführe.

1. „Ausländer“

Das erste Argument, was in diesem Themenbereich kommt ist natürlich die Frage, was denn überhaupt ein Ausländer ist. Meistens wird hier eine pseudobiologische Definition herangenommen, nämlich die, dass man deutsche Eltern gehabt hat. Das ist zwar von alters her die Basis der deutschen Staatsbürgerschaft, allerdings ist ein Deutscher nunmal einfach die Person, die einen deutschen Pass hat. Legt man das an, dann lassen sich viele dieser Diskussionen ganz anders gestalten. Unter anderem diejenige darüber, dass Ausländer bevorzugt werdenDenn wenn erst einmal klar ist, dass diese „Ausländer“ Deutsche sind, dann ist auch klar, dass diese dieselbe Unterstützung bekommen wie wir.

Da sind wir dann auch bei einem zweiten Thema, dass in diesem Zusammenhang gerne kommt, nämlich dass Deutsche mit Migrationshintergrund krimineller wären als echte Deutsche ((oder so…)). Dazu muss man dann in die Sozialstruktur schauen und stellt fest, dass es gar nicht am Migrationshintergrund an sich liegt, dass die Kriminalität da höher ist. Zum einen ist das ein klassischer Fall der Unterreportage von Straftaten Deutscher, weil auch die Presse hier unbewusst voreingenommen ist. Dann gehören die Menschen mit Migrationshintergrund zu großen Teilen zu den unteren Statusgruppen dieser Gesellschaft und diese neigen allein aufgrund ihrer prekären Situation zu mehr Kriminalität. Es ist also nicht so sehr die Eigenschaft als Migrant, sondern eher die als Mitglied der unteren Statusgruppen.

2. „die da oben“

Da ist es schwierig zu argumentieren, denn unsere politischen Eliten sind tatsächlich eher so mau. Trotzdem ist unreflektiertes Schimpfen auf die Obrigkeit natürlich ein Klassiker. Man sollte hier vielleicht eine Argumentationslinie verwenden, die betont, dass die Eliten unfähig sind und manchmal korrupt anstatt durchweg böse. Dummheit ist meist die bessere Erklärung.

Dazu sollte man immer auf die Filterbubble achten in der auch die politischen Eliten leben. Die merken meist durch Lobbying und ähnliches nicht, welche Probleme die Menschen da draußen im Lande haben. Das ist teilweise auch gut, aber man sollte es den Leuten ins Gedächtnis rufen und sie darauf hinweisen, dass mangelnde Beteiligung definitiv nichts im Bereich Bürgerrepräsentation erreicht.

3. falsche Annahmen

Das ist etwas seltener, aber mir auch schon öfter untergekommen. Dabei geht es meist um solche Sachen wie Beamte zahlen keine Steuern ((tun sie, sie zahlen keine Sozialabgaben)), Ostdeutsche müssen keinen Solidaritätszuschlag zahlen ((natürlich müssen sie das)), in Hamburg leben die armen Leute ja auch in der Innenstadt ((so gehört letztens, äh nein?)). Hier sollte man möglichst mit Überzeugung erklären, wie die Sachlage tatsächlich ist.

Soundso basieren die meisten Stammtischargumente auf Wissensmangel, den man bei respektvollem Umgang durchaus ausräumen kann.

4. Bleib sachlich und lasse dich nicht auf Ideologie ein

Man sollte immer argumentativ bei der Sachlage bleiben und sich weder auf persönliche Angriffe noch auf Nebenkriegschauplätze einlassen. Das ist schwerer als man denkt. Dazu ist es von Vorteil, dass die Leute weniger über einen wissen. ((Das kriegt man zwar nicht immer hin, aber es hilft.)) Es hilft natürlich auch klassische Diskussionsskripte, die man kennen sollte. Ad hominem Strategien einfach abperlen lassen, immer zurück auf das Thema, immer Relevanz für den Gegenüber herstellen, damit der sich das vorstellen kann und selbst keine Vorwürfe erheben. Dann wird einem sogar zugehört.

5. früher war alles besser

War es das wirklich? Da würde ich einfach mal nachfragen und einen Vergleich heranziehen. Meist war früher nur anders, nicht besser. Darauf kann man an der Stelle immer abheben und es funktioniert auch.

So, wenn euch noch etwas einfällt, dann kommentiert hier mal und ich baue das noch ein.

Own your own content…

In seinem Überraschungsvortrag auf der re:publica 2012 plädiert Sascha Lobo dafür, dass wir wieder mehr eigene Blogs aufzubauen und mehr des Contents wirklich auf eigener Infrastruktur anzubieten. Dem folgend habe auch ich ja mehrere Blogs und bin besonders stolz, dass meine Freundin Isa nun auch ihre Bildergalerie online hat. ((Gehostet auf Teilen meines Webspaces und mit Verlaub einem sehr schönen Portfoliotheme.))

Doch warum sollten wir eigentlich unseren Content selbst hosten?

Also Sascha sagt es ja eigentlich auch ganz gut in dem Vortrag, aber schauen wir doch mal in die Nutzungsbedingungen von Facebook, dem Internetservice, den die meisten für einen Ersatz eines eigenen Blogs oder aber, was noch kritischer ist, als Promotiontool für sich halten. ((Nur so, allein die Tatsache, dass ich dort nicht anständig Kommentare moderieren und im Zweifel nichts gegen Trollerei unternehmen kann, macht es eklig.)) Da steht dann:

Für Inhalte wie Fotos und Videos, die unter die Rechte an geistigem Eigentum (sog. „IP-Inhalte“) fallen, erteilst du uns durch deine Privatsphäre- undAnwendungseinstellungen die folgende Erlaubnis: Du gibst uns eine nicht-exklusive, übertragbare, unterlizenzierbare, gebührenfreie, weltweite Lizenz zur Nutzung jeglicher IP-Inhalte, die du auf oder im Zusammenhang mit Facebook postest („IP-Lizenz“). Diese IP-Lizenz endet, wenn du deine IP-Inhalte oder dein Konto löschst, außer deine Inhalte wurden mit anderen Nutzern geteilt und diese haben die Inhalte nicht gelöscht.

Diese Aussage, gerade dem Teil mit den „anderen Nutzern“ erlaubt Facebook gar nichts der Inhalte zu löschen. Natürlich hat man da immer noch sein Urheberrecht aber man hat auch einen weltweit agierenden nichtzahlenden Großlizenznehmer, der die größte Verwertungslizenz hat, die man sich so vorstellen will. Das macht das Verbreiten der eigenen Werke gegen Geld doch etwas schwieriger. Vor allem, weil sich Facebook da die Übertragbarkeit der Lizenz zusichern läßt. Das heißt, ich kann mir von Facebook eine Lizenz für sagen wir mal eure Bilder geben lassen und gebe denen Geld dafür und dann darf ich diese Bilder als Werbetreibender verwenden und ihr als Urheber bekommt dafür… öhm nix?

Ja, aber Facebook hat angeblich ja auch Reichweite und ist wichtig für die Verbreitung im Netz. Nun dazu gibt es keinerlei Studien, die irgendwie zeigen, dass mir Facebook etwas für meine Verbreitung hilft. Nachdem es ein geschlossenes System ist, das dazu wohl auch noch stark nach Sprachen und Ländern unterteilt ist, ist es fragwürdig, wie viel Reichweite ich habe, selbst, wenn ich mein schlechtes Schulenglisch benutze. Deviantart oder ähnliche Seiten, die tatsächlich einen Feed an neuen Sachen anbieten oder aber eine Sortierung nach Genre bieten sind für Künstler sicherlich ein besseres Pflaster. Aber auch hier ist natürlich die Reichweite eher geringer und vor allem unter Leuten, die sich für Künstler halten oder sogar welche sind. Man kann vielleicht mal einen Job abgreifen, aber ansonsten ist das auch eher so selbstbefruchtend und voller gegenseitiger Selbstwertschätzung für Sachen, die eigentlich jenseits der Betroffenen kaum jemand interessiert. ((Wie im ganzen Internet das eigentlich das Fall ist. Das ist halt die riesige Selbstbefruchtung der Nichtigkeit. Ja, auch ihr liebe Internetpolitiker und -feministen. Entweder man ist in eurem Diskurs oder er findet nicht statt.))

Deswegen ist es aber wiederum wichtig, dass möglichst viele Leute eigenständige Seiten haben. Wir brauchen keine Selbstbefruchtung, wir brauchen dezentrale Verlinkbarkeit und Syndication. RSS und Links sind die Technologien des Web, nicht Klicki-Bunti und Schaltflächen. Wir sollten produzieren und nicht das Produkt sein. Der Content sollte uns gehören, wenn wir ihn produzieren und wir sollten bestimmen, wo und wie unsere Diskurse stattfinden. Ich hab kein Problem mit Syndication und der Verbreitung meiner Links in soziale Netzwerke. Ich hab ein riesiges Problem mit der Idee, dass ich auf dem Platz eines privaten Unternehmens meinen Content ((Egal wie lächerlich unwichtig der ist…)) anbiete und auf dieses Unternehmen angewiesen bin. Das ist übrigens auch eine Erfahrung, die der Radiomoderator Jürgen Domian letztens machen musste.

Solange wir nicht zumindest die Infrastruktur unserer Seiten beherrschen ((und selbst das ist nicht genug…)) solange gilt, dass wir über unseren Content und unsere Message die Kontrolle noch schneller verlieren werden, als wir es eh schon tun. Es gilt halt:

The internet is not a public sphere.
It is a private sphere that tolerates public speech.
— Clay Shirky

Das SNAFU Prinzip

Das SNAFU ((Akronym: Situation Normal All Fucked Up aus dem US Army Jargon)) Prinzip zeigt warum wahre Kommunikation nur ohne Hierarchien stattfinden kann. Denn in Hierarchien werden die Untergebenen immer mehr dafür belohnt werden, wenn sie ihren Vorgesetzten Lügen als wenn sie ihnen die Wahrheit sagen. Das führt dazu, dass diejenigen, die die Entscheidungen treffen immer weiter von der Realität entfernt sind. Zur Illustration dieser schöne Text:

Am Anfang war der Plan,
und dann kamen die Vorgaben.

Und der Plan war ohne Form,
und die Vorgaben waren leer.
Und Dunkelheit
war auf den Gesichtern derer, die ihn umsetzen sollten.
Und sie sprachen zu ihren Leitern:
„Das ist ein Haufen Scheiße und es stinkt nach Gulli!“
Und die Leiter hatten Mitleid mit ihnen
und sprachen mit dem Projektleiter:
„Das ist ein Haufen Exkrement
und keiner kann seinen Geruch ertragen!“
Und der Projektleiter
sprach zu seinem Sektionsleiter:
„Das ist eine Menge Exkrement,
und es ist so stark, dass es keiner ertragen kann.“
Und der Sektionsleiter eilt zum Abteilungsleiter
und informierte ihn, dass:
„Dies ist eine Menge an Dünger
und niemand kann seine Strenge ertragen.“
Und der Abteilungsleiter trug dies zu seinem Betriebsleiter
und sagte zu diesem:
„Es enthält das, was das Pflanzenwachstum anregt
und es ist sehr stark.“
Und so war es, dass der Betriebsleiter erfreut
dem Vizepräsidenten ging um ihm die frohe Botschaft zu übermitteln:
„Es steigert das Wachstum
und ist sehr mächtig.“
Und der Vizepräsident rannte zum Präsidenten
und sagte an seiner Seite stehend:
„Diese mächtige neue Produkt
wird das Wachstum der Firma fördern!“
Und der Präsident schaute sich das Produkt an
und wußte, dass es gut war.

In dem unausweichlichen Desaster, das folgte, beriefen sich alle Anzugträger darauf, dass sie falsch informiert wurden und diejenigen, die das Projekt umgesetzt haben wurden gefeuert oder degradiert.

Original im Jargon File
Übersetzt von mir.

Über das Wollen….

In den letzten Wochen hatte ich arbeitsmäßig mit eindeutig zu vielen Fällen von psychischen Problemen zu tun, als dass meine Hoffnung die Gesundheit dieser Gesellschaft vorerst noch gerechtfertigt wäre. Aber wenn man diese Fälle so betrachtet, dann fällt mir ein Muster auf, über das ich mal wieder schreiben wollte. Es geht um die Auswirkungen der Märchen, die uns der finale Kapitalismus so erzählt.

Der Anfang hier ist das schöne Märchen von der Leistung. Die FDP meinte ja erst im letzten Wahlkampf, dass diese sich wieder lohnen muss. ((Nuja, tut sie ja laut dem ungeschönten Armutsbericht nicht.)) Aber das Märchen wird den Jugendlichen im Schulsystem immer wieder erzählt, zusammen mit der Bedrohung, dass wenn sie nicht leisten sie keine Zukunft haben. ((Das heißt übrigens auch keine Geisteswissenschaften oder sowas sinnloses als Studienfach zu wählen. Da verdient man ja nix.)) Dazu kommt dann noch, dass etliche junge Menschen sich von vorneherein aus romantischen Gründen hohe Ziele setzen. Das führt dann natürlich zu vielen Effekten für den Einzelnen. Zum Einen wird man schnell zum Soziopathen, weil ja schließlich Mitfühlen und Empathie im ständigen Konkurrenzkampf hinderlich sind und deswegen besser abtrainiert werden, zum Anderen werden die schwächeren Menschen Opfer von Panikattacken und anderen schwereren psychischen Störungen wie Borderline, Anorexie oder Depressionen mit Suizidneigung. Man kann halt nur so lange den Anforderungen, die an einen gestellt werden, standhalten, bevor man anfängt an sich selbst zu zweifeln oder sich in dem Versuch ausbrennt so gut zu sein, wie man denkt, dass man sein muss.

Dabei ist das alles halt nicht wahr. Leistung entscheidet weniger über den Zugang zu hohem Sozialstatus als das Geld und der Status der Eltern. Dazu garantieren die wenigsten Berufe heutzutage Zukunftssicherheit oder wenigstens die Rettung vor Altersarmut. Es gibt halt keinen Grund sich wegen diesen Forderungen unter Druck zu setzen oder ähnliches. Aber das ist natürlich leicht gesagt, es hilft den Menschen, die in diesen Konstruktionen gefangen sind natürlich nicht. Vielleicht sollten wir sie aber mal daraus befreien…

Sozialkosten

Also das mit dem Internet ist ja eigentlich schon eine gute Sache. Wir lernen neue Menschen kennen und wir haben einen besseren Kontakt zu denen, die da draußen sind. Doch eigentlich nutzen wir diese Mittel doch kaum. Und das mag daran liegen, dass wir einer sozialen Entropie unterliegen, die dazu führt, dass wir bestimmte Menschen weniger wahrnehmen, obwohl wir ihnen sofort einen bestimmten positiven Wert für unser Leben zuweisen würden.

Soziale Entropie? ((Habe ich gerade als Begriff erfunden.))

Entropie an sich bedeutet, dass sich Teilchen in einem System immer weiter ungeordnet verteilen, wenn diesem System keine Energie mehr zugeführt wird. Das trifft auch auf soziale Beziehungen zu. Die Menge an Energie, die man für das Aufrechterhalten einer sozialen Beziehung benötigt hängt von der räumlichen Nähe der Personen und vom Informationsfluss zwischen ihnen ab. Je weiter also die Person im Raum und in der Informationsvermittlung von einem entfernt ist, desto weniger Kontakt hat man mit ihr und desto weniger spielt man eine Rolle für ihr Leben. Spielt für einem die Person an sich eine sehr große Rolle für einen, dann kann man diese realen und sozialen Distanzen besser überbrücken als wenn er das nicht tut. Allerdings ist es vollkommen normal, dass wir versuchen die Komplexität unseren Soziallebens bestmöglich zu reduzieren, weswegen Menschen, die uns nahe stehen und öfter begegnen wichtiger werden als diejenigen, die dies eben nicht tun.

Ein Beispiel wäre, dass ich nahezu keinen Kontakt zu den meisten meiner ehemaligen Schüler habe. Man verbringt ein Jahr in mehr oder minder großer Nähe und entwickelt dort auch eine (professionalisierte) soziale Beziehung, aber diese bricht sofort ab, wenn es keinen Grund mehr für diese Beziehung gibt. Gleichzeitig zieht sie aber auch sehr viel Aufmerksamkeit auf sich. In einem gegebenen Schuljahr sind mir meine Schüler manchmal näher als so manche Person, zu der ich tatsächlich tiefere soziale Bindungen habe.

Was kann man dagegen tun?

Nunja, wer der Erklärung mit der Entropie oben gefolgt ist, dem wird klar sein, dass man wohl Energie in das System investieren muss. Doch das ist gar nicht der erste Schritt. Dieser benötigt zwar auch Energie, ist aber auch schwieriger, weil er auch spontan aus der Person heraus entstehen muss. Denn sich zu erinnern, wer wie viel Wert für einen hat und, dass dieser Wert nicht der Qualität der sozialen Bindung entspricht, muss aus dir heraus kommen. Dann muss man tatsächlich Energie investieren. Man muss den Kontakt wieder auffrischen und versuchen zu halten. Da man selbst aber in seiner eigenen Welt und der andere in seiner Welt lebt, braucht man immer wieder Energie am besten beider Seiten, um die Bindung in irgendeiner Art aufrecht zu erhalten. Es ist aber anstrengend, denn man hat ja irgendwie doch so sein eigenes Leben. ((Also meines ist immer eng genug, dass ich am Ende eines Tages nicht weiß, was ich alles getan habe und mich zu jeder Art von Extraaktivität fast per Planung zwingen muss.)) Und dann schaut man in sein modernes Leben ((Und da bin ich eigentlich jemand mit einem Job, der sehr bürgerlich und strukturiert schein. Das ist leider nicht wahr.)) und merkt, dass man so wenig gefühlte Zeit und Möglichkeit hat.

Dumme Ratschläge

Ein Ratschlag ist ja eigentlich immer ein Schlag. ((Woher das kommt? Wenn du kochst und dann sagt jemand: „Nimm doch lieber Sahne zu Soße.“ heißt das auch: „Du bist zu blöd Soße zu kochen.“)) Aber was kann man trotzdem tun? Hier meine Gedanken:

  • Bei allem Scheiß, der Facebook und andere social networks sind, helfen sie uns doch in einem einfachen Benutzerinterface mit Menschen Kontakt zu halten. Leider belästigt einen Facebook und die anderen gerne mit jeder Menge Scheiß. Es geht da ja auch nicht um Kontakpflege sondern um das erstellen eines eigenen Raums für sich selbst. Trotzdem kann man es verwenden.
  • Kalender helfen bei Geburtstagen und die sind so das mindeste auf was man achten sollte, wenn einem da was wert ist. Warum weiß ich nicht, aber es ist so ne Tradition. ((An sich ist es ja soundso eigenartig, dass wir uns dazu gratulieren, dass unsere Mütter Schmerzen und Stress gehabt haben, während wir auf die Welt gepurzelt sind und geschrien haben.))
  • Notizen machen und zuhören bei den kleinen Gesprächen, die man dann führt. Wenn man dem anderen das Gefühl gibt, dass er wahrgenommen wird, dann ist das die halbe Miete.
  • Im Notfall da sein. Jeder hat so seine Skills und ich vertrete ja eh die Meinung, dass wenn jeder jedem seine Fähigkeiten anbietet, wir alle einen Vorteil haben. ((Die Idee der Konkurrenz als Motor des Fortschritts ist behämmert.)) Gerade Menschen, die einem etwas wert sind, sollte man immer seine Hilfe ((Im Rahmen des Möglichen…)) versichern.

Ich denke damit lässt sich die soziale Entropie abbauen, aber die Kosten an Energie sind hoch. Es bleibt die finale Frage an der Sache: Welche Menschen sind mir diese Kosten warum wert?

Die müsst ihr selbst beantworten.