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Shopping Queen und Pierre Bourdieu

Ich habe ja schon mal über Shopping Queen geschrieben. Diesmal beschäftige ich mich mal eher sozialwissenschaftlich damit. Ursache ist der letzte Soziopod über Pierre Bourdieu, in dem es eher um Bourdieus Grundlagen der Sozialanalyse und den Habitus geht. Da ich irgendwie bezweifle, dass meine Leser jetzt hier unterbrechen und sich mehr als eine Stunde tiefe Unterhaltung über das Thema ansehen, gibt es die Reader’s Digest Variante ((Auch Unterrichtsvariante genannt.)) der ganzen Theorie und dann geht es gleich weiter.

Exkurs: Bourdieu, Kapital und Habitus

Pierre Bourdieu ist einer der bekanntesten Soziologen und Ethnologen. Er beschäftigte sich unter anderem mit der Sozialstruktur. Er entwickelte dabei ein System, dass sich an Karl Marx‘ Idee des ökonomischen Kapitals anlehnt, aber noch zwei weitere Kapitalsorten, das kulturelle und soziale, hinzufügt. Während ökonomisches Kapital das Vermögen darstellt, stellen das kulturelle Kapital Bildung und Bildungsergebnisse und das soziale Kapital das Netzwerk, das den jeweiligen Menschen umgibt, dar.

Allerdings sagt Bourdieu da auch, dass die Verfügbarkeit dieser Kapitale auch einen Habitus schaffen in dem sich der Mensch befindet. Er verhält sich also der Statusgruppe entsprechend in der er sich befindet und jede Gruppe hat ihre geheimen kleinen Verhaltensweisen mit denen sich Menschen dieser Gruppen gegenseitig erkennen. Man kann zwar die Gruppe wechseln, aber es ist sehr schwierig auch die kleinen feinen Unterschiede zu erkennen, die die entsprechende Gruppe auszeichnet. Nach Bourdieu geben Menschen also immer durch ihren Habitus zu erkennen, welchen sozialen Status sie haben.

Shopping Queen

Warum jetzt also Shopping Queen? Weil man hier endlich mal in Ruhe sehen kann, wie sowas funktioniert. Es wird ja aus dramaturgischen Gründen eine möglichst bunte Gruppe an Frauen ausgewählt und da kann man zum einen den vorherrschenden Habitus der Stadt sehen, aus der sie kommen und zum anderen sehen, wer warum nicht reinpasst. Meist lässt sich allein am Verhalten der Kandidatinnen erkennen, ob sie der Menge der Anderen ein für diese gefälliges Outfit vorstellen werden. ((Spannend ist hier, dass der Designer tatsächlich komplett nur das Thema und die Frau sieht und teilweise komplett andere Urteile trifft.))

Die verschiedenen Habiti kann man dann auch gut beobachten. Sehr prävalent sind Menschen, die zwar erhebliches ökonomisches Kapital haben, allerdings den Habitus entweder eines Migrationshintergrunds oder der niedrigen Statusgruppen. Zu erkennen ist das meist daran, dass Reichtum und Wohlstand eher offensiv zur Schau gestellt wird. Etwas, dass in den oberen Schichten klassischerweise verpönt ist. ((Man stellt sein Reichtum nicht dar, wenn man das muss, dann hat man keinen. Vulgo: Wenn sie nach dem Preis fragen müssen, dann ist es zu teuer.)) Auch der eher stille Geschmack, der bei wohlbetuchten Menschen gerade in Deutschland üblich ist, wird hier meist gegen lauten Diamant- und Goldschmuck ausgetauscht.

Genauso findet man aber auch Kandidatinnen, die in ihrem Habitus daheim sind und dann aus diesem heraustreten können um das Thema zu erfüllen. Wenn sie allerdings zu weit von der „Mitte“ der Gruppe entfernt sind, können sie hier kaum gewinnen, weil sie die geheimen Vorschriften wie man sich zum Thema zu kleiden hat nicht kennen. Die bekommen sie erst im Nachhinein erklärt. Es gibt nämlich aus dem Habitus heraus Erwartungen an diese Themen und wie man sich da verhält und so geben dann auch unterschiedliche Gründen, warum ein Outfit nicht passt. Das kann man nach einer Viertelstunde schon sagen, jenseits der psychologischen Disposition, die die Damen dann teilweise noch mitbringen und die ihnen zum Verhängnis werden können.

Und nun?

Shopping Queen zeigt uns exemplarisch und im Gegensatz zu vielen anderen Realityshows, die sich nur auf „Unterschicht“ kaprizieren, die Vielfalt an Habiti, die unsere Gesellschaft hat. Es gibt mehr als nur Geld, Bildung und soziales Netz, das Menschen unterscheidet. Es gibt auch ein kulturell bestimmtes Verhaltensmuster und wenn man Mitglied einer Statusgruppe sein möchte, dann muss man dieses erlernen oder besser erlernt haben, denn diese „feinen Unterschiede“ werden niemals direkt oder offen vermittelt. Wenn du Mitglied der Intelligenzia sein willst, dann ist es weniger deine Intelligenz sondern dein Verhalten gegenüber anderen Menschen.

Wie und ob man mit Extremisten diskutiert

Es ist Wahlkampf und im Wahlkampf kommt noch mehr vom Klärschlamm der Menschenfeindlichkeit hoch, die sich in den Untiefen des Alltagsrassismus verbirgt. Da steigen einem dann die wohlmeinenden Rassisten und angeblichen Normalbürger aus dem Abgrund des Spießbürgertums entgegen und erzählen einem Weisheiten, die auch 1933 populär waren.

Will man als aufgeklärter und zumindest engagierter Mensch nun dagegen gehen, dann empfiehlt es sich ein paar kommunikationstheoretische Grundlagen mitzubringen und vielleicht auch ein paar Informationen vorher parat zu haben.

Lohnt es sich?

Das erste, was man entscheiden muss, wenn man mit jemandem in eine politische Diskussion eintritt oder in sie hereingezogen wird, ist ob es sich überhaupt lohnt mit dieser Person eine Diskussion zu führen. Ich würde hier jetzt gerne sagen, dass man jeden Menschen von besseren Ideen überzeugen oder seine eigenen Ideen soweit erschüttern kann, dass er sich öffnet. Das ist leider nicht so. Es gibt sie immer wieder, die Leute, die auf ihren Standpunkten dogmatisch beruhen. Diese Fundamentalisten werden nicht zu überzeugen sein und einen nur durch kommunikative Tricks ausmanövrieren. Denn sie wissen, was richtig ist und das war es dann für sie. Das kann man einfach daran merken, dass immer wieder Nebenschauplätze aufgemacht werden, und jeglicher Angriff auf die Urprämisse, die diese Menschen ins Feld führen ignoriert wird. Trefft ihr in einer Diskussion auf so einen Menschen, drückt offen euer Mitleid für ihn aus und geht. Der wird das als Erfolg feiern, aber nachdem ihr nie gewinnen konntet und es auch nicht ums Gewinnen geht, lasst ihm diesen „Erfolg“, immerhin hat er ja seine Mitgliedschaft im Verein denkender Menschen gekündigt.

Jetzt stecke ich doch drin…

Falls man sich dann doch entscheidet in eine Diskussion einzusteigen, ergeben sich mehrere Ansatzpunkte. Wichtig ist zuerst einmal, dass man die Menschen ernst nehmen sollte, die absolut hirnrissige Forderungen von sich geben. Meist tun sie das aus mehreren Gründen:

  • mangelnde Information
  • mangelnde Bildung
  • persönliche Ängste
  • Unsicherheit

Meist ist es eine Gemengelage aus allen vieren und diese muss man versuchen aufzudröseln und einzelne Aspekte langsam zu widerlegen. Wenn man sachlich und überzeugend gegen die klassischen Argumente vorgeht, die übrigens auch meist nicht substanziell sind, dann zeigt sich meist, dass Menschen diese vorbringen, weil sie eigentlich unsicher sind und Existenzängste haben. Dann muss man ihnen die Frage stellen, was eigentlich ihre Existenz hier bedroht und was man als Gegenstrategie sieht. Dann muss man erforschen, ob diese Gegenstrategie den philosophischen Ansichten desjenigen der sie äußert und den Fakten in der Welt widerspricht. Meist scheitern sie dann an letzterem und man sieht, dass die Lösungen, die derzeit als praktikabel gelten am Ende doch sinnvoller sind.

Besonders spannend ist hier auch, wenn Menschen Ansichten vertreten, die ihnen selbst schaden würden, würden sie in die Tat umgesetzt. Hier muss man dann mit diesen Leuten einfach mal das Konzept durcharbeiten und am Ende fragen, ob die das wirklich wollen. Meist endet das dann in der Erkenntnis, dass dem eben nicht so ist. Und wenn doch: nuja, dann dürfen die das weiter glauben.

Fazit

Also, wenn man in eine Diskussion mit Menschen gerät, die eher fundamentalistisch argumentieren, dann sollte man immer die Menschen ernst nehmen, sich selbst aber nicht so. Die Sache sollte im Mittelpunkt gehalten werden und man sollte schauen, was die Gründe des Gegenüber sind, seine Meinung zu vertreten und ob es nicht diese Gründe sind, die ihn dazu bringen auf seiner Meinung zu beharren. Wenn es dann nur noch um dogmatisches Wiederholen von Blödsinn geht, kann man in Ruhe gehen.

Discounterleid

Ich kann durchaus verstehen, dass es in dieser Wirtschaft und Welt einen logischen Platz für Discountsupermärkte gibt. Doch ich habe da meine Probleme mit. Es gibt hier so einen großen Discounter bekannten Namens in den ich manchmal mit Freunden gehe und bei dem es mittlerweile legendär ist, dass es mir nach dem Besuch nicht wirklich psychisch gut geht. Das ist leider kein Witz und ich klinge sicher wie ein arrogantes Arschloch mit tierischen first-world problems, aber man möge mir bitte zuhören, bevor man mich shitstormed oder ähnliches. ((Hey, ehrlich? Ich kenne die Zugriffszahlen hier. Den Shitstorm möchte ich sehen… Und wo ihr dabei seid, flattrt mich doch gleich.))

Warum ist das mit dem Discountsupermarkt so ein Problem? Weil hier etliche Sachen, die mich an unserer Welt stören geballt aufeinander treffen, und das in einer Atmosphäre, die an sich schon furchtbar ist. Discountsupermärkte sind ein Sinnbild für die Unmenschlichkeit dieser unserer Welt. Große, künstlich beleuchtete Räume voller Produkte, die aufgrund ihrer Preise schon eine moralisch zweifelhafte Herkunft haben, aufgereiht in engen Gängen, die einen riesigen Überfluss zeigen, den wir nicht brauchen und durch die unterbezahlte Bedienstete, die mit etlichen der Besucher das Schicksal teilen, möglichst preiswerte Produkte kaufen zu müssen, um ihr Überleben zu sichern. Wir haben also den billigen Überfluss für den unsere Welt und die produzierenden Menschen belastet und ausgebeutet werden, der dann an Menschen verkauft wird, die von jemandem anders genauso weit ausgebeutet werden, dass sie sich dieses Zeug kaufen müssen. ((Jaja, auch für ein paar Menschen, die glauben ihren Reichtum durch einen Einkauf hier zu sichern. Es gibt halt auch Arschlöcher in der Welt.))

Und so ist es also, dass der Discountsupermarkt mir nicht nur die Sinne schwummrig macht, weil er wie ein heller Sarg aus Konsum wirkt, er ist auch alles, was an dieser Welt schlecht ist. Der massenhafte Konsum einer aufs Wachsen fixierten Wirtschaft auf Kosten der Menschen und der Natur. Hier ist alles so billig, dass man sich fragt, wie es überhaupt hergestellt werden kann und die Menschen, die hier arbeiten wirken zu oft so, als hätte man ihnen ihr Potenzial mit ihrem Blut ausgesaugt. Und ich fühle oft, wie meine Lebensenergie von diesen Läden aufgesaugt wird.

Ich spende jetzt mit!

Die Bundesregierung hat die Krankenkassen dazu veranlasst jedem Mitglied einen Organspendeausweis zu schicken, damit sich mehr Leute melden. Ich habe einen bekommen und prompt ausgefüllt. Da ich nie genug Kopf habe um mich um so etwas selbst zu kümmern bin ich sehr dankbar, dass mir das abgenommen wurde.

Es ist nicht so sehr, dass ich nicht wollte, ich verpeile es nur. Deswegen spende ich ab jetzt Organe, wenn ich das zeitliche segne.

Watching Bones.

Hachja, man hat ja manchmal wenig zu tun und dann muss man sich unterhalten. Ich habe das in den letzten Wochen mit dem chronologischen durchschauen sämtlicher Staffeln von Bones verbracht, weil ich erstaunlich wenig zu tun habe. Und nachdem ich das wirklich mit so 3-5 Folgen täglich mache, bekomme ich einen guten Überblick über die Mechanismen und Strukturen der Serie. Das wird also mal so eine richtig tolle literaturwissenschaftlich-soziologisch-psychologische Besprechung. ((Ich hab Zeit für sowas und habe es lange nicht mehr getan.))

Ich werde die Charaktere hier nicht vorstellen. Ich empfehle dafür die Charakterseite von TvTropes. Weiterlesen

Zu viel Nerd ist auch nicht gut.

Ich habe mich in den letzten Tagen viel unterhalten können, und dabei fiel mir auf, dass das Wort Nerd mittlerweile sehr inflationär für einen Menschen benutzt wird, irgendeine Art von spezialisiertem Wissen, gerade im technisch-naturwissenschaftlichen, aber auch im sozial- und geisteswissenschaftlichen Bereich besitzt. Dabei wird versucht die eigentlich negative Konnotation des Begriffes als etwas positives umzudeuten. Das kann langfristig gelingen, aber derzeit scheint es mir etwas kontraproduktiv das Nerdtum an sich hochleben zu lassen. Ja, ohne die Nerds würde unsere moderne Welt nicht funktionieren, aber eigentlich sind das doch gar nicht die Nerds. Es ist das, was man Wissenschaft nennt und diese wird nun mit einem neuen erst einmal abwertenden Begriff versehen. Alles ist auf einmal Nerd oder nerdig. Insbesondere die Sachen, die nur einen halben Zentimeter außerhalb des gesellschaftlichen Gemeinkonsenses liegen. Dabei macht man sich besonders, wenn man sich mit diesen Sachen beschäftigt, und das ist ja gerade in. Doch die meisten Menschen, die sich mit genau diesen Themen, die außerhalb der gesellschaftlichen Durchschnittswahrnehmung liegen, sind eben keine Nerds, also keine technikaffinen-fortschrittsbegeisterten Menschen, es sind Wissenschaftler. Menschen, die es sich zur (Lebens-)Aufgabe gemacht haben ein bestimmten Bereich unseres allgemeinen Unwissens zu vernichten. Das sind keine Sonderlinge, wie der Nerdbegriff so hergibt, es sind meist Menschen, die daran arbeiten diese Weltzivilisation ((ja, die gibt’s nicht, ich werde aber doch träumen dürfen…)) zu einer besseren Version zu machen. Sie beschäftigen sich mit Grundfragen des Weltaufbaus ((Und zwar egal ob es die physische, psychische oder geistige Welt ist.)) und spielen nicht nur damit rum. Es ist ihre Aufgabe und wir bezahlen ihnen (ZU WENIG!) Geld dafür, dass sie sich mit Fragen beschäftigen, die wir mit unserer Schulbildung nicht einmal im geringsten überreißen.

Das soll nun nicht bedeuten, dass ich die Nerdfraktion hier kleinreden will. ((Immerhin gehöre ich auch teilweise dazu…)) Es geht mir eher um die Unterscheidung zwischen den Leuten, die sich mit Technik und Wissenschaft nicht nur beschäftigen, weil es ihnen Spaß macht ((Das sei gegeben, die meisten Wissenschaftler lieben ihre Fachgebiete natürlich.)), sondern auch weil sie dafür Geld bekommen und die Gesellschaft diese Dienste braucht. Das unterscheidet sich vom Nerd in einem bestimmten Detail. Die Nerdkultur ist auf eine do-it-yourself, research-it-yourself Basis angelegt, die zwar Ergebnisse hervorbringen kann, aber im größeren Teil auf Erkenntnissen der Wissenschaft beruht. Technik neu anzuwenden ist eben nicht dasselbe wie die Möglichkeit zu haben Technik neu zu entwickeln und die Grundlagen dieser Welt zu finden.

Deswegen ist es problematisch, wenn nahezu alles nerdig ist, dass eigentlich Wissenschaft ist. Ich habe kein Problem meine Begeisterung für U-Boote als nerdig zu bezeichnen. ((Achja, hier in Bälde Vortrag im Backspace.)) Wenn es aber um Zitate und Sprache geht, nunja, das mag für viele Leute sehr abgefahren aussehen, aber es ist mein Job das zu wissen. Es macht mir natürlich einen riesigen Spaß, aber es ist eben mehr als nur ein Sprachhobby. Der Unterschied zwischen den U-Booten und der englischen Sprache ist hier, dass ich mich in einem Bereich professionalisiert habe, im anderen nicht. Dementsprechend, bin ich vielleicht auch Sprach- und Literaturnerd, aber eigentlich mehr, denn es ist ein Gebiet in dem ich auch professionalisiert arbeiten und sogar forschen kann. Das trifft für U-Boote jenseits komischer kulturgeschichtlicher Betrachtungen nicht vor.

Deswegen ist nicht alles nerdy und jeder Mensch, der spezialisiertes Wissen hat ein Nerd. ((Spannend hier: schonmal von Buchhaltungsnerds gehört? Die müßte es ja auch geben…)) Unsere Wissenschaft und deren Personal verdient mehr als mit einem Begriff bezeichnet zu werden, der früher komplett derogativ zeigte, wie intellektuellenfeindlich diese Kultur ist. Wenn ihr also ma wieder einen Wissenschaftsvortrag sehr, nennt den Vortragenden „Wissenschaftler“ und gebt ihm ein Bier aus, und bei den Damen: nennt sie „Wissenschaftlerin“ und gebt ihr einen Cider aus.

Wahrscheinlichkeiten

Eine spannende Sache, die Menschen in meinem näheren Umfeld des öfteren beeindruckt, ist die Fähigkeit bestimmte soziale Begebenheiten, gerade zwischen Menschen mit einer gewissen Sicherheit vorauszusagen. Das ist jetzt kein Alleinstellungsmerkmal. Gerade in den sozialen Berufen findet sich diese Fähigkeit des öfteren. Ich möchte aber mal ein bisschen erklären, wie das funktioniert. ((Also, wie es theoretisch funktioniert. Normalerweise hat man meist so ein intuitives vorahnungsähnliches Gefühl. Also ich jedenfalls.))

Bevor wir in die zwischenmenschliche Sache einsteigen, muss ich etwas über Wahrscheinlichkeiten erklären. Wenn wir einen sechsseitigen Würfel vier mal werfen, ist jeder Wurf an sich gleichverteilt. Das bedeutet, dass das Ergebnis 3,5,6,1 genauso wahrscheinlich ist wie 6,6,6,6. Doch dies entspricht nicht der menschlichen Intuition. Wir würden das zweite Szenario für unwahrscheinlicher halten. Deswegen gibt es auch keine multiple choice Tests, bei denen nachfolgend immer dieselbe Antwort richtig ist. Das macht nämlich die Probanden fertig, die denken, dass das doch gar nicht sein kann. ((Vertraut mir da… ich hab das ma aus Versehen bei einer Schulaufgabe gemacht. Die haben leichte Schweißausbrüche gehabt…))

Diese mathematische Wahrscheinlichkeit gibt es in menschlichen Beziehungen und Handlungen noch viel weniger, denn hier gibt es immer Abhängigkeiten. Zu den Faktoren von denen die Wahrscheinlichkeiten abhängen gehören: soziale Konstruktionen, Sozialisationsfaktoren, demographsiche Voraussetzungen und emotionale Komponenten. ((Okay, ja das ist, wenn man weit genug weg steht, fast alles dasselbe.)) Gehen wir das mal kurz durch.

Also Sozialisationsfaktoren sind vom Prinzip her solche Sachen wie ethnischer Background, religiöse Ansichten und ähnliche Sachen, die dem Menschen früh genug mitgegeben werden, ohne dass er sich groß dagegen wehren kann. Aus diesen erwachsen einige, aber nicht alle, soziale Konstruktionen. Bei diesen geht es um die verschiedenen sozialen Mythen, die in unserer Gesellschaft existieren und auch um die Frage, wie derjenige und diejenige sich zu diesen Konstrukten verhält. Zu diesen Konstrukten kommen, die mit den Sozialisationsfaktoren verbundenen, demographischen Voraussetzungen, die im Laufe des Lebens aus denselben erwachsen. Die emotionalen Komponenten sind dann schlicht die Metaebene dessen im Bereich der Gefühle. Hier werden die ganzen anderen Faktoren auch emotional gespielt und wahlweise überhöht oder gemindert.

So, wenn wir also das alles über eine Person wissen, ((Oder es gut genug raten können.)) dann ist es relativ einfach vorauszusagen, wie diese Person sich in bestimmten sozialen Interaktionsszenarien am wahrscheinlichsten verhält. Daraus lassen sich dann anhand von abstrakten Situationen sogar Voraussagen über den Ausgang einer sozialen Interaktion zwischen zwei gegebenen Menschen machen. Das aber immer nur mit bestimmten Wahrscheinlichkeiten.

Die Geschichte mit dem Strandbuggy…

Hier eine kleine Geschichte für euch… sie stammt aus den Trader Tales von Nathan Lowell, die ich euch hiermit ans Herz lege. Die Geschichte fand ich sehr schön, weil sie etwas zeigt, dass Identifikation und Rationalität mehr miteinander zu tun haben als man denkt.

Das Setting ist etwas Space Opera, also nicht wundern. Die Story geht ungefähr so:

Es wird die Frage gestellt, warum man etwas für das Raumschiff an sich tun sollte. Und der Portagonist gibt folgendes Gedankenbeispiel:

Stellt euch vor, ihr habt einen Strandbuggy gemietet um zum Strand zu fahren. Ihr habt ihn schon bezahlt und seid unterwegs. dann trefft ihr eine Bekannte, die auch zum Strand möchte. Ihr nehmt sie mit. Muss sie euch dafür etwas vom Sprit zahlen?

Die Antwort ist nein. Denn das Ding ist eh bezahlt und ihr wäret soundso gefahren. Die Bekannte macht das Erlebnis nur besser.

Sprich, wenn man etwas tut, dass man soundso tun möchte und dabei nette Gesellschaft hat oder aber andere Menschen hat, die davon einen Vorteil haben und die auch das eigene Erlebnis bereichern, dann braucht man dafür kein Geld verlangen, denn man hat einen Mehrwert bekommen. Wenn man von dem Menschen keinen Mehrwert hat, dann nennt man das meist Mitfahrzentrale. Da ist der gemeinsame Zweck das Fahren, nicht die Gemeinsamkeit, weswegen man dann auch Geld für verlangen kann.

Am Ende kann man das auch verallgemeinern: Nehmt jeden auf die Fahrt im Strandbuggy mit, wenn ihr soundso fahrt und ihr die Leute mögt. Wenn der Zweck eurer Reise der Zweck des anderen ist, dann muss derjenige entweder einen großen Wert für euch haben, sonst sollte es besser mal zahlen.

Who are you?

‚Who are YOU?‘ said the Caterpillar.
This was not an encouraging opening for a conversation. Alice replied, rather shyly, ‚I—I hardly know, sir, just at present—at least I know who I WAS when I got up this morning, but I think I must have been changed several times since then.‘
‚What do you mean by that?‘ said the Caterpillar sternly. ‚Explain yourself!‘
‚I can’t explain MYSELF, I’m afraid, sir‘ said Alice, ‚because I’m not myself, you see.‘
‚I don’t see,‘ said the Caterpillar.
‚I’m afraid I can’t put it more clearly,‘ Alice replied very politely, ‚for I can’t understand it myself to begin with; and being so many different sizes in a day is very confusing.‘
‚It isn’t,‘ said the Caterpillar.
‚Well, perhaps you haven’t found it so yet,‘ said Alice; ‚but when you have to turn into a chrysalis—you will some day, you know—and then after that into a butterfly, I should think you’ll feel it a little queer, won’t you?‘
‚Not a bit,‘ said the Caterpillar.
‚Well, perhaps your feelings may be different,‘ said Alice; ‚all I know is, it would feel very queer to ME.‘
‚You!‘ said the Caterpillar contemptuously. ‚Who are YOU?‘

Alice’s Adventures in Wonderland by Lewis Carroll

Ich habe das ja schon öfter erlebt. Menschen, die so furchtbar unauthentisch sind, dass man sich fragt, wie sie die kognitive Dissonanz aushalten. Erst kürzlich fiel mir wieder eine Schülerin auf, die schon den anderen Schülern dadurch aufgefallen ist, dass sie besonders oft und übermäßig in tiefem amerikanischen Akzent Englisch im Alltag spricht. Natürlich war sie schon in den „States“ und das ist alles total toll. ((Äh, nein. Die USA sind beim besten Willen nicht der beste Ort zum Leben. Selbst wenn man ein Auskommen hat, ist das Land unangenehmer als die meisten vergleichbaren Länder der westlichen Welt.)) Das hat die junge Dame gratis, die spannende Frage für mich ist: warum trägt sie das so vor sich her? Welche romantische Idee verbindet sie damit, oder welches Trauma hat sie hier? Was bringt einen dazu möglichst fix die eigene Sozialisation wegzuwerfen, und sich eine fremde anzueignen.

Eine Erklärung könnte sein, dass man etwas sein möchte. Das Phänomen, dass das Individuum übersteigert wurde ist ja immer noch in der Gesellschaft verhaftet. Das egozentrische Ich, das als komplett eigenständig und einzigartig verstanden wird, ist für viele die einzige Rettung die persönliche Relevanz für die Welt anzuerkennen. Es geht also darum, dass man sich sagt, dass man jemand ist, damit man jemand ist. Anstatt jemand zu sein, erzählt man sich, dass man jemand ist. Die Menschen, die jemand sind, haben nämlich genug damit zu tun, dieser zu sein. Das Phänomen anderen sagen zu müssen, wer und wie man ist, zeigt dann auch auf, woran es für viele Menschen krankt: eine positive Eigendefinition. Weniger quatschen und mehr soziale Bestärkung in dem was man ist.

Kann vor der Postmoderne der Vorwurf erhoben werden, dass die Gesellschaft in den Einzelnen hineinregiert und ihm vorschreibt wie seine Identität zu strukturieren sei ((Ist ja teilweise immer noch so. Lehrer sollen auf eine bestimmte Art sein, sexuelle Orientierungen sind eine riesige Debatte, politische Orientierungen waren es immer und die Frage wo sozial bedingte psychische Störungen anfangen rundet das dann ab.)) müssen wir nach der Postmoderne den Vorwurf erheben, dass das Konstrukt des Individuums zu weitaus mehr Problemen führt. Die Individuen müssen sich nun immer sagen, dass sie welche sind. Das geht dann soweit, dass ganze Fernsehsendungen und Medienformate um diese Konstruktion der Person aufgebaut sind. Dort wird dann die Darstellung im Privaten übernommen und in ihrer entlarvenden Wirkung deutlich.

Es wird oft über den Verlust des Individuums geweint, wenn über neue Medien gesprochen wird. Die Frage muss eher sein, ob die neuen Medien nicht nur dabei helfen das Individuum als die Fata Morgana zu zeigen, die sie ist.

Wie man Beziehungen zur Hölle macht…

So nachdem ich etwas über die Streitkultur geschrieben habe, kann ich auch noch was zu den Strukturen beitragen mit denen man eine Zweierbeziehung zur Hölle macht. Dies sind kommunikative Spielarten an denen man erkennt, dass es dem anderen primär um Machtausübung geht.

Sehr oft wird hier die Objektebene und die Beziehungsebene verwechselt. Auf der Objektebene kann man nur Aussagen über ein Objekt machen, in der Beziehungsebene unterhält man sich darüber, wie man sich selbst und andere zu diesem Objekt verhalten. Beides gleichzeitig kann man nicht ausdrücken und in Beziehungen geht es viel zu oft darum, was Sachen bedeuten, als darum was tatsächlich das Problem ist.

Ein Klassiker ist das Ausnutzen der Beziehungsebene um etwas auf der Objektebene zu erreichen. Das funktioniert dann mit Sätzen wie: „Hast du Lust Kaffee zu kochen?“ oder in der deutlichen Variante „Hast du Lust für mich Kaffee zu kochen?“ Das kann man dann aber noch weiter treiben, in dem man die etwas konstruktivistische Antwort, dass man eigentlich keinen Kaffe machen will, es aber für den anderen tut, mit der Bedingung kontert, dass der andere es auch gerne tut.

Das nächste ist die Illusion der Alternativen, die wirklich vorzüglich eingesetzt werden kann. Hier wird dem Partner eine Wahl auf der Objektebene gestellt, die dann auf der Beziehungsebene für Vorwürfe genutzt wird. Dabei ist es übrigens scheißegal, wie die Wahl aussieht. Sprich, man bringt dem Partner zum Beispiel zwei CDs mit und fragt ihn unabhängig davon, welche er nimmt mit traurigen Augen: „Hat dir die andere nicht gefallen?“

Auch toll und allein von der Kommunikationsstruktur total klasse sind paradoxe Aufforderungen, bei denen man etwas vom anderen verlangt, was er nach dem Verlangen nicht mehr erfüllen kann. „Ich finde es mal toll, wenn du sagen würdest, was wir am Wochenende machen!“ zum Beispiel führt dazu, dass wenn man dann etwas vorschlägt, einem vorgeworfen wird, dass man es nur tut, weil es gesagt wurde. Daraus kann man dem anderen dann vielseitige andere Vorwürfe machen. Ein wahrer Strauss der Freude kommt aus dieser Struktur.

Da gibt es noch viel mehr, aber dies sind die Klassiker. Bitte benutzt sie nicht.