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HCH066 Kommunikation 2 - soziale Konstruktionen, Macht, sozialer Status und Diskussionsskripte

In dieser Folge geht es weiter darum, wie soziale Wirklichkeit über Kommunikation generiert wird. Von der Theorie bis zu den konkreten Auswirkungen.

Shownotes

Bourdieu, Goffman, Peter und Dilbert

Ich habe ja schon letztens darüber geschrieben, wie sich Habitus eigentlich generiert und dass das mehr damit zu tun hat, wie man die Welt deutet und weniger damit was man tut.

Doch, wie kommt da nun ran? Wie komme ich an den Habitus, den ich so dringend brauche, wenn das rumsitzen in Sinfoniekonzerten es nicht bringt?

Die Antwort ist natürlich klar: Qualifikation und Abschlüsse! Wobei, Qualifikation kann man nicht messen, also reichen Abschlüsse und da sind wir bei Erwing Goffman, der sich mit sozialer Rollentheorie beschäftigt hat und die schöne Erkenntnis mitbrachte, dass bestimmte soziale Rollen eine bestimmte Menge an abstraktem Aufwand brauchen, damit sie ausgeübt werden können. Sein Beispiel in Wir alle spielen Theater ist, dass die amerikanische Armee in einem der vielen Kriege in den sie involviert war1 dringend Apotheker brauchte. Also ging sie hin, schrieb ein Handbuch und bildete Apotheker in ungefähr sechs Monaten aus. Die amerikanische Apothekervereinigung war entrüstet, braucht man im zivilen Bereich doch mindestens drei Jahre um so eine Ausbildung zu kriegen2. Die Armeeapotheker waren übrigens nicht schlechter, nur pragmatisch ausgebildet. Goffman sagt dann, dass es aber für die Rolle des Apothekers wichtig war, dass die Ausbildung länger dauert, weil ansonsten ja Zweifel an dessen Kompetenz entstehen können, also das Ansehen leidet. Er sagt also, dass eine soziale Rolle auch einen gewissen Aufwand braucht, um sie zu erreichen. Kombiniert man das jetzt mit den Erkenntnisse von Bourdieu, dann wird schnell klar: bei den meisten Ausbildungen geht es gar nicht darum, dass die notwendige Qualifikation vermittelt wird, das passiert nebenbei und relativ schnell, sondern darum der Person den notwendigen Habitus anzuerziehen. Man hat also, wenn man dann ein schönes Zertifikat in der Hand hat, einen Nachweis der Habitustauglichkeit für eine bestimmte soziale Rolle und meist einen erhöhten sozialen Status.

Das wäre ja jetzt alles sehr schön, wären wir nicht in der Post-postmoderne und Wissen überall erhältlich. Will heißen: es gibt immer mehr Menschen, die Berufe ausüben, die sie nie gelernt haben, weil sie schlicht ihre kognitiven Fähigkeiten und das frei erhältliche Wissen benutzen um diese Berufe auszuüben. Das trifft vor allem für die große Zahl moderner Dienstleistungsberufe zu, auf denen unsere Wirtschaft beruht. Man kann das halt schlicht mit nem Laptop, Google und etwas Hirnschmalz machen. Das entwertet natürlich die traditionelle Ausbildung und zeigt dann auch, wo das Problem liegt: um einen Beruf auszuüben, braucht es keinerlei formale Ausbildung mehr und die Habitusgrenzen für diese Berufe verschwinden damit auch immer schneller, denn es gibt Menschen, die eine gleichwertige Leistung erbringen und schlicht nie in den Habitus eingeweiht wurden. Das wird dann sogar zu beklagten Umständen, dass die alten „Handwerkstraditionen“ nicht mehr geehrt werden, was zeigt, dass es hier um rituelle Habitushandlungen geht, die durch eine Veränderung der Umstände obsolet geworden sind. Das ist ja schon schrecklich genug, gäbe es jetzt nicht zwei Systeme in dieser Welt, die da in Konkurrenz stehen: das traditionelle System, das auf Zeugnisse und Rituale abstellt um sozialen Status und Rollen zu definieren und das postmoderne System, das sich allein an der tatsächlichen Eignung orientiert.

Was ist nun besser? Gesellschaftlich gesehen tatsächlich die postmoderne Version in all ihrer nivellierenden Glorie, denn hier steckt wahre Chancengleichheit. Doch unsere hierarchischen Strukturen sind dafür aktuell nicht geschaffen. Das sieht man am Peter Prinzip, das nach Lawrence Peter benannt ist, und im bekannten Aphorismus endet, dass man immer bis zum Level seiner eigenen Unfähigkeit befördert wird. Dabei wird Kompetenz immer auf der Stufe gemessen, die eine Person in der Hierarchie hat und diese dann irgendwann auf einen Posten befördert, der eine andere Art von Fähigkeiten benötigt, als die in denen man kompetent ist. Das ist noch dramatischer, wenn man sich weiterhin darauf verlässt, dass Menschen ihre Kompetenz durch Zeugnisse nachweisen, anstatt durch Fähigkeitsnachweise.3 Das führt uns dann zum Dilbert Prinzip, das sagt, dass die unfähigsten Mitarbeiter in einem Unternehmen ins Management versetzt werden, weil sie da vermeintlich den geringsten Schaden anrichten. Wenn man eine Kombination aus Fähigkeit und Zertifikaten annimmt, dann passiert es tatsächlich, dass mit Zertifikaten ausgekleidete Deppen am Ende irgendwo im Management landen und sich dann in Meetings die gegenseitige Wichtigkeit rituell versichern müssen, weil ja ansonsten jedem auffällt, dass man sie rausschmeißen könnte.

Führt man das jetzt mal alles zusammen muss festgestellt werden, dass man nur vom Zielen auf formale Ausbildungen abraten kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass man in viel Zeit einen nutzlosen Habitus lernt anstatt hilfreiche Fähigkeiten, die einen vielfältig kompetent in unsere fragmentierte soziale Realität heraustreten lassen, ist erstaunlich hoch. Ja, man hat dann ein Zertifikat, das einem sozialen Status verspricht, doch leider interessiert das in der Wirtschaft immer weniger und wird durch die Vielzahl nutzloser Zertifikate nur noch beliebiger und sinnloser. Die wahren feinen Unterschiede finden sich hier zwischen der zertifizierten und der nachgewiesenen Kompetenz. Wie schon im Beispiel mit der Musik zählt nicht der Besitz der Konzertkarte als Nachweis, sondern die Fähigkeit sich in der Tiefe mit der Musik beschäftigt zu haben.

Somit lässt sich nur raten, dass man die eigenen Fähigkeiten schärft und erweitert und eben nicht versucht Zertifikate zu erringen, sondern Nachweise der eigenen Fähigkeiten.4 Wenn man glaubt, dass man Zeugnisse in seiner beruflichen Laufbahn braucht, dann sollte man sich überlegen, ob man in einem Umfeld arbeiten möchte, in dem Kompetenz über Zettel und erlerntes Verhalten dargestellt wird. 

  1. Irgendeiner von den bekannteren… ich schau nicht nach. []
  2. Bei uns tut es ein Studium… []
  3. Okay, die Wirtschaft weiß das und macht Assessmentcenter und sowas. Aber auch die Zulassung zu diesen ist erst einmal noch an Zertifikate gebunden. Aber dann, sind alle Leute, die da assessen selbst nur auf dem Posten, weil sie selbst einen Zettel vorgezeigt haben. []
  4. Die Zertifikate kommen dann schon von allein. []

Manchmal willst du nicht aufstehen…

So… na, das ist doch mal ein toller Morgen, oder?

Organisierter Massenmord (kleiner Umfang) in Paris. Es waren die die Islamisten. Oder waren es nur Menschen, die sich eine Religion vorhalten, weil sie ansonsten nix mehr haben? Also vielleicht Menschen, die aus derselben sozialen Ungerechtigkeit heraus Gewalt anwenden aus der “besorgte Bürger” in diesem Land Angst vor Fremden haben.

Der Terror wird erst nach diesen Taten entstehen, weil man noch mehr Überwachung und noch mehr Gängelei gegen die eigene Bevölkerung anwendet. Zur sozialen Kälte kommt halt am Ende noch generelles Misstrauen. In Frankreich sind die unteren sozialen Statusgruppen eher muslimisch, in Deutschland eher säkular. Die einen radikalisieren sich islamistisch, die anderen eher nationalistisch. Und wir können nicht einmal ausschliessen, dass die Geheimdienste nicht Waffen geliefert haben, damit sie sich weitere Befugnisse erschleichen können.

Die Medien versagen großflächig in hechelnder Reportage ohne Fakten und Einordnung, die dann von „Experten“ ergänzt wird, die nur warten ihre Agenda breit zu treten.

Also, nehmt euch das Popcorn und schaut zu wie man in Reaktion auf die Symptome des eigenen Fehlhandelns noch mehr falsch macht. 

Shopping Queen und Pierre Bourdieu

Ich habe ja schon mal über Shopping Queen geschrieben. Diesmal beschäftige ich mich mal eher sozialwissenschaftlich damit. Ursache ist der letzte Soziopod über Pierre Bourdieu, in dem es eher um Bourdieus Grundlagen der Sozialanalyse und den Habitus geht. Da ich irgendwie bezweifle, dass meine Leser jetzt hier unterbrechen und sich mehr als eine Stunde tiefe Unterhaltung über das Thema ansehen, gibt es die Reader’s Digest Variante1 der ganzen Theorie und dann geht es gleich weiter.

Exkurs: Bourdieu, Kapital und Habitus

Pierre Bourdieu ist einer der bekanntesten Soziologen und Ethnologen. Er beschäftigte sich unter anderem mit der Sozialstruktur. Er entwickelte dabei ein System, dass sich an Karl Marx’ Idee des ökonomischen Kapitals anlehnt, aber noch zwei weitere Kapitalsorten, das kulturelle und soziale, hinzufügt. Während ökonomisches Kapital das Vermögen darstellt, stellen das kulturelle Kapital Bildung und Bildungsergebnisse und das soziale Kapital das Netzwerk, das den jeweiligen Menschen umgibt, dar.

Allerdings sagt Bourdieu da auch, dass die Verfügbarkeit dieser Kapitale auch einen Habitus schaffen in dem sich der Mensch befindet. Er verhält sich also der Statusgruppe entsprechend in der er sich befindet und jede Gruppe hat ihre geheimen kleinen Verhaltensweisen mit denen sich Menschen dieser Gruppen gegenseitig erkennen. Man kann zwar die Gruppe wechseln, aber es ist sehr schwierig auch die kleinen feinen Unterschiede zu erkennen, die die entsprechende Gruppe auszeichnet. Nach Bourdieu geben Menschen also immer durch ihren Habitus zu erkennen, welchen sozialen Status sie haben.

Shopping Queen

Warum jetzt also Shopping Queen? Weil man hier endlich mal in Ruhe sehen kann, wie sowas funktioniert. Es wird ja aus dramaturgischen Gründen eine möglichst bunte Gruppe an Frauen ausgewählt und da kann man zum einen den vorherrschenden Habitus der Stadt sehen, aus der sie kommen und zum anderen sehen, wer warum nicht reinpasst. Meist lässt sich allein am Verhalten der Kandidatinnen erkennen, ob sie der Menge der Anderen ein für diese gefälliges Outfit vorstellen werden.2

Die verschiedenen Habiti kann man dann auch gut beobachten. Sehr prävalent sind Menschen, die zwar erhebliches ökonomisches Kapital haben, allerdings den Habitus entweder eines Migrationshintergrunds oder der niedrigen Statusgruppen. Zu erkennen ist das meist daran, dass Reichtum und Wohlstand eher offensiv zur Schau gestellt wird. Etwas, dass in den oberen Schichten klassischerweise verpönt ist.3 Auch der eher stille Geschmack, der bei wohlbetuchten Menschen gerade in Deutschland üblich ist, wird hier meist gegen lauten Diamant- und Goldschmuck ausgetauscht.

Genauso findet man aber auch Kandidatinnen, die in ihrem Habitus daheim sind und dann aus diesem heraustreten können um das Thema zu erfüllen. Wenn sie allerdings zu weit von der “Mitte” der Gruppe entfernt sind, können sie hier kaum gewinnen, weil sie die geheimen Vorschriften wie man sich zum Thema zu kleiden hat nicht kennen. Die bekommen sie erst im Nachhinein erklärt. Es gibt nämlich aus dem Habitus heraus Erwartungen an diese Themen und wie man sich da verhält und so geben dann auch unterschiedliche Gründen, warum ein Outfit nicht passt. Das kann man nach einer Viertelstunde schon sagen, jenseits der psychologischen Disposition, die die Damen dann teilweise noch mitbringen und die ihnen zum Verhängnis werden können.

Und nun?

Shopping Queen zeigt uns exemplarisch und im Gegensatz zu vielen anderen Realityshows, die sich nur auf “Unterschicht” kaprizieren, die Vielfalt an Habiti, die unsere Gesellschaft hat. Es gibt mehr als nur Geld, Bildung und soziales Netz, das Menschen unterscheidet. Es gibt auch ein kulturell bestimmtes Verhaltensmuster und wenn man Mitglied einer Statusgruppe sein möchte, dann muss man dieses erlernen oder besser erlernt haben, denn diese “feinen Unterschiede” werden niemals direkt oder offen vermittelt. Wenn du Mitglied der Intelligenzia sein willst, dann ist es weniger deine Intelligenz sondern dein Verhalten gegenüber anderen Menschen.

  1. Auch Unterrichtsvariante genannt. []
  2. Spannend ist hier, dass der Designer tatsächlich komplett nur das Thema und die Frau sieht und teilweise komplett andere Urteile trifft. []
  3. Man stellt sein Reichtum nicht dar, wenn man das muss, dann hat man keinen. Vulgo: Wenn sie nach dem Preis fragen müssen, dann ist es zu teuer. []