Archiv der Kategorie: Bildung

Warum Wie besser ist als Was…

In letzter Zeit saßen etliche junge Menschen vor mir, die Hilfe brauchten um Sachen zu verstehen wie Strom, die deutschen Literaturepochen oder aber die Problemlage bei Teenschwangerschaften. Im Laufe dieser Momente gab es eine Gemeinsamkeit. Die jungen Leute hatten allesamt ihre Texte gelesen und ihre Zettel und Formeln gelernt. Gerade beim Strom wurde ich mehrfach darauf hingewiesen, dass ich die für den Widerstand nicht auswendig kannte oder rumgedreht habe. Sie hatten alle eine sehr gute Idee vom Was. Und das verwundert mich gar nicht. Immerhin sorgt die Struktur des Schulsystems dafür, dass Schüler viel Zeug schnell auswendig lernen können. Der Druck ist auch entsprechend.

Doch es gibt neben Wissen auch noch eine zweite Anforderung im Schulsystem. Diese wird schon früh angegeben und heißt Transfer. Transfer ist die Aufgabenform bei der man Wissen anwendet. Heir geht es um Prinzipien und Theorieanwendung. Es geht also um das Wie. Meine eigene Erfahrung ist, dass die jungen Leute in der Schule von Transfer sehr überrascht und teilweise überfordert sind. Eine Idee, die dabei schnell bei der Hand ist, ist diejenige von dümmer werdenden Schülern. Diese Erklärung ist aber irgendwie unbefriedigend. Denn unsere Schüler heute haben keine anderen Gehirne als die Menschen eine Generation vor ihnen. Also stellt sich die Frage, warum man mir die Widerstandsformel vortragen kann, aber nicht weiß was Strom eigentlich ist? Kann es sein, dass dieser Teil nicht erzählt oder besser hinter verschwurbelten Formeln versteckt wurde? Kann es sein, dass es sinnvoller wäre klar zu machen, dass Literaturepochen ein Teil der Kulturgeschichte sind, anstatt die Schüler mit einem Zettel und der Idee, dass die ja auch Geschichtsunterricht haben hängen zu lassen? Kann es sein, dass man zwar ein Referat über soziale Probleme verlangt aber nie klar macht, was eigentlich dieses Soziale und sowas wie Gesellschaft ist? Oder wie man eigentlich so ein Problem strukturiert? Wie man so ein Referat hält und wie so ein Handout am besten aussieht?

Nun, das steht alles in den Lehrplänen und das soll auch alles behandelt werden. Es scheint nur so zu sein, dass jeder denkt, dass es der andere tut. Nur leider wissen die Leute, die später mal Verantwortung für diese Gesellschaft haben wenig über das Was wissen, weil sie es wieder vergessen, aber auch nichts über Wie wissen, weil das irgendwie unter die Räder kommt und dieser Tatbestand eher mit Klischees erklärt wird als, dass er als Problem gesehen wird.

London Calling

Es war mal wieder soweit. Ich begab mich mit einer Kollegin und etlichen Schülern nach London auf Exkursion und hatte natürlich auch die Kamera dabei. Wir haben alle üblichen Touristenspots abgehakt.

Die da wären:

White Tower II

Der Tower of London

View from the top of HMS Belfast

Die HMS Belfast

Dazu weiß ich nun, wo es in London geilen Kebab gibt, habe einige Tage in einem jüdischen Viertel gelebt und es geschafft meinem Rückensport auch in London nachzugehen.

Wie man Schul-IT nicht machen sollte…

Auf dem Weg ins 21. Jahrhundert sollen Schulen sich gerieren wie Unternehmen und dazu gehört anscheinend auch eine digitale Kommunikation. Und weil Schulen dann doch altbacken sind, denken sich Unternehmen, dass man den unwissenden Lehrern und Schulleitern jeden Scheiß verkaufen kann. Dazu kam mir jetzt gerade ein „Infoportal“ für Schulen unter. ((Ich verlinke das mal aus rechtlichen, wie mangelnden Empfehlungsgründen nicht.))

Dieses wird bald an meiner Schule vorgestellt und ist ein Beispiel dafür, was man Schulen für Scheiße verkaufen kann, wenn weder Expertise noch Geschmack vorhanden sind, um diesem Einhalt zu gebieten.

Die Software, die mir hier unterkam, wird als einfach zu benutzen angepriesen, weil sie sich von jedem Webbrowser aufrufen lässt. Das bedeutet, dass sie eigentlich eine PHP generierte Website ((Wie dieses Blog übrigens auch.)) ist, die einfach irgendwo auf einem Server liegt. Das wäre jetzt kein Drama, würde sie nicht solch illustre Funktionen enthalten wie:

  • Erfassung von Noten aus Leistungsnachweisen
  • Einbindung gängiger Stundenplansoftware und der bayrischen Schülerdatenbank
  • Zeugnisdruck
  • interne Korrespondenz

Dies alles auf einem „Hochsicherheitsserver“ bei einem gängigen deutschen Webhoster mit einem SSL Zertifikat dran. Will heißen, dass sensible Daten auf einem Webspace irgendwo in einer MySQL Datenbank gestützt von hässlichem PHP gehalten werden. Wir reden hier von Informationen, die wir als Schule eigentlich nicht Dritten zugänglich machen dürfen. Das ist nicht nur stinkend dumm, sondern geradezu fahrlässig und Schulen, die diese Software als Qualitätszeichen sehen, zeigen nicht nur Unwissen sondern auch echte Leidenfähigkeit, was ihre Werkzeuge zum professionellen Umgang mit Informationen angeht.

Neben der Tatsache, dass das der datenschutztechnische Supergau ist, zwingt so eine Software uns auch ständig eine hässliche Website zu besuchen um Informationen zu bekommen, die man uns auch per Email zugänglich machen kann. Der Lehrer wird dazu verpflichtet sich immer zu informieren und bekommt wichtige Informationen einfach nicht mehr. Er kann ja nachsehen. Immer, ständig und meist sinnlos. Wenn hier der Server ausfällt, bricht übrigens auch die komplette Informationsinfrastruktur der Schule zusammen. Auf Implementation von RSS oder ähnlichem braucht man nicht zu hoffen. Das wäre ja zu modern und nicht hässlich genug.

Also fassen wir zusammen: Schulen sollen innovativ sein und modern kommunizieren und was speziell für sie angeboten wird, ist hässliche windowsartige Websoftware mit fragwürdiger Sicherheit und technologischer Basis.

UND DAS SCHLIMMSTE: Am Ende werde ich wieder als Meckerfrieder hingestellt und die Scheiße gekauft anstatt etwas zu benutzen, dass kein Geld kostet und nicht sperrangelweit offen ist. Oder noch besser: Den Quatsch einfach zu lassen.

Vorsicht vor den guten Menschen…

Nachdem ich mich jetzt schon einmal darüber geäußert habe, dass wir romantische Strömungen in unserer Gesellschaft haben und ich dem Phänomen eher negativ gegenüberstehe, ((Okay, das ist ein reiner Euphemismus. Ich find’s eklig.)) muss ich jetzt auch mal erklären, warum dem so ist. Dazu mache ich hier mal eine kleine philosophische Einteilung auf.

Jedes philosophische System erstellt auch ein Menschenbild. Und diese Menschenbilder zeigen bestimmte Hoffnungen und Annahmen über den Menschen. Das ist schön, aber um das gleich klarzustellen: die sind alle falsch. Oder sie sind alle richtig, sucht es euch aus. Diese Menschenbilder kann man grob in diejenigen unterteilen, die den Menschen positiv und die, die ihn negativ sehen. Ich erkläre das mal an zwei Beispielen.

Thomas Hobbes – Hilfe, wir brauchen einen Diktator

Thomas Hobbes schrieb in seinem Leviathan die erste der politischen Vertragstheorien der Neuzeit. Er plädiert in dem Werk, dass man einen eigenständigen Souverän braucht. Seine Begründung zieht er dabei aus einer Analyse des Menschen im sogenannten Naturzustand dieser fiktive Zustand ist Hobbes‘ Vorstellung für eine ungeregelte menschliche Gesellschaft. Seine Vorstellung ist die einer gewalttätigen unberechenbaren Gesellschaft in der sich der Stärkste jedes Recht nimmt und man in dauerhafter Angst und Unsicherheit lebt. Dafür braucht es dann eben einen regulierenden Staat.

Hobbes ist ein Pessimist und Zyniker. Er erwartet von den Menschen nichts Gutes. Er misstraut ihnen auf Schritt und Tritt und gesteht deswegen einem Gemeinwesen nicht einmal zu, dass es nach der Einsetzung seines Souveräns, des titelgebenden Leviathans, keinen Einfluss mehr auf diesen hat. ((Ob das so eine gute Idee ist, ist eine andere Diskussion.)) Hobbes ist durchgehend skeptisch gegenüber der menschlichen Natur. Das führt allerdings auch dazu, dass er sich für ein politisches System ausspricht, das eigentlich nur das Schlechte im Menschen, das er sieht, reguliert und sich damit zufrieden gibt. Hobbes halt also ein negatives Menschenbild, es führt aber in der Verwirklichung zu einem Staat, der Freiheiten nur einschränkt, damit das Tier in uns die  anderen nicht umbringt. Man sieht hier also, dass ein eher negatives Menschenbild einen zu einer regulierenden Idee über menschliches Zusammenleben führt. Man möchte etwas verbessern, das man als negativ wahr nimmt. Und mehr als diese Verbesserung braucht es meistens nicht. ((Okay, man kann über das Ziel hinausschießen, aber dann landet man automatisch in der anderen Kategorie.))

Karl Marx – Die Hoffnung stirbt zuletzt ((Das tat sie dann ungefähr auf Höhe Stalins.))

Marx hat uns eine Vielzahl philosophischer Ideen hinterlassen. Das Ziel seiner Philosophie ist aber der sogenannte wissenschaftliche Kommunismus. In diesem soll es kurz gesagt dann keine Herrschaft mehr geben. Er begründet seine historisch-kritische Theorie auf einer Wirtschaftsanalyse und zieht damit seinen Kommunismus basierend auf wirtschaftlichen Ideen auf. In diesem zukünftigen Kommunismus soll es aber keine Herrschaft mehr geben. ((Lies: Die Produktionsmittel gehören allen.)) Das bedeutet allerdings auch, dass jeder in der kommunistischen Gesellschaft freiwillig arbeiten muss, damit die Welt weiter läuft. In Marx‘ Ideenwelt machen die Menschen das auch, weil sie erkennen, dass es das Beste für sie ist, wenn sie der Gesellschaft dienen. Diese Idee setzte sich dann im realen Sozialismus Osteuropas erstmal auf irgendeine Art fort. Doch stellte man schnell fest, dass es nicht funktionierte. Die Menschen begannen weniger zu Arbeit zu erledigen, weil sie soundso bezahlt wurden. Keiner tat etwas, was er nicht dringend musste und so musste sich der Staat Anreizmodelle einfallen lassen. Die eine Idee waren die Aktivistenorden in der DDR, also ein positiver Stimulus. Die leiern sich nur leider aus. Deswegen setzte man dazu auch noch auf geheimdienstliche Überwachung und Oppression. ((Die wurde auch eingesetzt um Landflucht vorzubeugen. Immerhin brauchte man die Leute und konnte sich auch nicht vorstellen, warum die überhaupt nicht im Sozialismus leben wollen.))

Hier sieht man, dass ein positives Menschenbild das Problem birgt, dass man oppressiv werden muss, wenn die Menschen sich nicht an die Vorstellungen halten, die man selbst von ihnen hat. Man muss sie also zu ihrem Glück zwingen. Das bedeutet dann auch, dass sie dieses Glück verlieren, denn sie sind in einem totalitären Zwangsstaat. Ein positives Menschenbild führt also langfristig zu Überwachung und Staatsterrorismus.

Vorsicht vor den guten Menschen…

Man kann also sehen, dass Ideale über das menschliche Zusammenleben und ein idealistisches Menschenbild immer dazu führen, dass man Menschen, die sich nicht an diese hohen Standards halten, also einfach Menschen sind, zu ihrem eigenen Glück zwingen muss. Das kollidiert dann mit der Welle an Romantik, die da durch die Welt schwappt. Es gibt also sehr viele Menschen, die sich nach einer heilen Welt sehnen und glauben, dass man die dadurch erreichen kann, dass man andere Menschen dazu auffordert sich entsprechend zu verhalten. Gerade soziale Netzwerke sind ein einfacher Weg sozialen Druck auf Menschen aufzubauen, die das persönliche Romantikempfinden stören oder aber sogar daran zweifeln, dass diese Ansicht eine valide auf der Welt ist. Sie haben also ein negatives Menschenbild und das kann man ja nicht haben. Die Welt soll gut und toll sein, wir sollen uns alle lieb haben und die niederen Teile unseres Wesens überwinden oder unterdrücken.

Doch was ist, wenn die anderen das nicht tun? Dann wird Druck aufgebaut, gerne über die emotionale Schiene und über einen diffusen Moralbegriff. ((Beide zutiefst verabscheuungswürdig.)) Dabei werden essentielle Grundlagen des zwischenmenschlichen Umgangs ignoriert und verletzt. Weder wird auf die Eigenständigkeit des anderen, noch auf sein Recht zu einer eigenen Meinung Rücksicht genommen. Man weiß ja schliesslich selbst, was die bessere Welt wäre. Dazu kommt noch, dass dieses Verhalten einen blind gegenüber den meisten Dimensionen einer multivariaten und komplexen Welt macht. Es ist also auch jenseits absoluter Menschenfeindlichkeit als Problemlösungsstrategie für eine soziale Gruppe eine absolute Katastrophe. Denn der Einzelne ist immer blind gegenüber den Änderungen in der Welt und die einzige Hoffnung ist der Diskurs mit den anderen. Wenn man diesen dann unterdrückt, weil es nicht dem kitschig-romantischen Weltvorstellungen entspricht, endet man im Terrorismus der guten Menschen.

Fazit

Wie die Überschrift sagt: misstraut Menschen, die nur das Gute wollen. Sie sind die Diktatoren von morgen. Sie haben nicht mehr Ahnung, wie die Welt läuft als man selbst und sie haben im Zweifel keine Skrupel ihre Interessen mit sozialer oder sogar körperlicher Gewalt durchzusetzen, denn sie nehmen für sich in Anspruch das richtige und Gute zu tun. Aus einem positiven Menschenbild folgt nämlich immer Terrorismus, ob in sozialen Netzwerken oder an der Spitze von Staaten ist hierbei vollkommen egal.

Romantische Selbstreproduktion

Wir denken gerne mal, dass wir gebunden sind. Das Soziale umarmt uns immer wieder und erzählt uns, wie unser Leben zu sein hat. Die Narrative der postmodernen Pseudoleistungsgesellschaft sind erdrückend: sei flexibel, sei modern, sei preiswert und du wirst belohnt werden. Die Welt wird begriffen als rein rationale Angelegenheit in der unser Tun als Akteure einer Wirtschaft in der Mitte stehen. Diese Welt wird also von den Mythen und Märchen des finalen Kapitalismus bestimmt. Das heißt, dass viele Menschen sich diesen angeblichen Zwangslogiken ergeben haben. Das ist auch der Fall, wenn es sich um die irgendwelche „Alternativkulturen“ handelt. Diese haben meist einen romantischen Ursprung und ziehen ihre Energie aus dem selben abscheulichen Menschenbild, dass uns vorgesetzt wird. Diese romantische Verklärung ist also nur die Betäubungspille für diejenigen, die sich unwohl mit dieser kalten Welt der Ausbeutung fühlen. Da wird man dann eingelullt in die Wärme des romantischen Gequatsches, in ein wohliges Gefühl des angeblichen Verständnisses, dass aber seine Prämisse und sein Ziel der Gegenwehr aus den selben unmenschlichen Prinzipien unserer Gesellschaft zieht. Würden wir diese Prinzipien tatsächlich ändern, dann würde auch die Romantik sterben.

Und mit ihr würden die vielen salbungsvollen Floskeln sterben, die wir uns erzählen um darüber hinweg zu täuschen, dass wir eigentlich nichts gegen diese Welt unternehmen wollen. „Genieße dein Leben, denn der harte Teil kommt noch!“, „Wir müssen uns mehr den Gefühlen widmen und uns wieder zur Natur zurückkehren.“ und „Erfülle deine Träume, weil später kannst du es nicht mehr.“ Das ist alles der romantische Backlash, der auf der Annahme beruht, dass der finale Kapitalismus das einzige Paradigma ist. Also auf der Annahme, dass wir nur rationale Wesen in einer kapitalistischen Welt werden und nur das werden können. Dagegen kann man sich fein wenden, aber das Prinzip ändert man damit nicht, man verfestigt es. Man blickt verklärt zurück oder sagt sich, dass die Zukunft schlecht wird, weil man die Idee nicht in Frage stellt.

Und so ist das romantische Geschwafel selbstproduzierend, weil es die selbe Welt braucht, über die es lamentiert anstatt sich gegen diese Welt zu wenden. Doch wenn es diese Welt nicht mehr gibt, wenn es, Eris befürchte, sogar eine gute Welt wird, über die man sich kaum beschweren kann, dann sitzen die ganzen verschnieften Romantiker da und haben auch ihren Lebenszweck verloren. Das geht nicht, also bleibt alles beim Alten, denn wenn sich die Dinge, über die wir weinen ändern, dann macht uns das selbst im größten Vorteil unglücklich und das muss verhindert werden.

Shopping Queen und Pierre Bourdieu

Ich habe ja schon mal über Shopping Queen geschrieben. Diesmal beschäftige ich mich mal eher sozialwissenschaftlich damit. Ursache ist der letzte Soziopod über Pierre Bourdieu, in dem es eher um Bourdieus Grundlagen der Sozialanalyse und den Habitus geht. Da ich irgendwie bezweifle, dass meine Leser jetzt hier unterbrechen und sich mehr als eine Stunde tiefe Unterhaltung über das Thema ansehen, gibt es die Reader’s Digest Variante ((Auch Unterrichtsvariante genannt.)) der ganzen Theorie und dann geht es gleich weiter.

Exkurs: Bourdieu, Kapital und Habitus

Pierre Bourdieu ist einer der bekanntesten Soziologen und Ethnologen. Er beschäftigte sich unter anderem mit der Sozialstruktur. Er entwickelte dabei ein System, dass sich an Karl Marx‘ Idee des ökonomischen Kapitals anlehnt, aber noch zwei weitere Kapitalsorten, das kulturelle und soziale, hinzufügt. Während ökonomisches Kapital das Vermögen darstellt, stellen das kulturelle Kapital Bildung und Bildungsergebnisse und das soziale Kapital das Netzwerk, das den jeweiligen Menschen umgibt, dar.

Allerdings sagt Bourdieu da auch, dass die Verfügbarkeit dieser Kapitale auch einen Habitus schaffen in dem sich der Mensch befindet. Er verhält sich also der Statusgruppe entsprechend in der er sich befindet und jede Gruppe hat ihre geheimen kleinen Verhaltensweisen mit denen sich Menschen dieser Gruppen gegenseitig erkennen. Man kann zwar die Gruppe wechseln, aber es ist sehr schwierig auch die kleinen feinen Unterschiede zu erkennen, die die entsprechende Gruppe auszeichnet. Nach Bourdieu geben Menschen also immer durch ihren Habitus zu erkennen, welchen sozialen Status sie haben.

Shopping Queen

Warum jetzt also Shopping Queen? Weil man hier endlich mal in Ruhe sehen kann, wie sowas funktioniert. Es wird ja aus dramaturgischen Gründen eine möglichst bunte Gruppe an Frauen ausgewählt und da kann man zum einen den vorherrschenden Habitus der Stadt sehen, aus der sie kommen und zum anderen sehen, wer warum nicht reinpasst. Meist lässt sich allein am Verhalten der Kandidatinnen erkennen, ob sie der Menge der Anderen ein für diese gefälliges Outfit vorstellen werden. ((Spannend ist hier, dass der Designer tatsächlich komplett nur das Thema und die Frau sieht und teilweise komplett andere Urteile trifft.))

Die verschiedenen Habiti kann man dann auch gut beobachten. Sehr prävalent sind Menschen, die zwar erhebliches ökonomisches Kapital haben, allerdings den Habitus entweder eines Migrationshintergrunds oder der niedrigen Statusgruppen. Zu erkennen ist das meist daran, dass Reichtum und Wohlstand eher offensiv zur Schau gestellt wird. Etwas, dass in den oberen Schichten klassischerweise verpönt ist. ((Man stellt sein Reichtum nicht dar, wenn man das muss, dann hat man keinen. Vulgo: Wenn sie nach dem Preis fragen müssen, dann ist es zu teuer.)) Auch der eher stille Geschmack, der bei wohlbetuchten Menschen gerade in Deutschland üblich ist, wird hier meist gegen lauten Diamant- und Goldschmuck ausgetauscht.

Genauso findet man aber auch Kandidatinnen, die in ihrem Habitus daheim sind und dann aus diesem heraustreten können um das Thema zu erfüllen. Wenn sie allerdings zu weit von der „Mitte“ der Gruppe entfernt sind, können sie hier kaum gewinnen, weil sie die geheimen Vorschriften wie man sich zum Thema zu kleiden hat nicht kennen. Die bekommen sie erst im Nachhinein erklärt. Es gibt nämlich aus dem Habitus heraus Erwartungen an diese Themen und wie man sich da verhält und so geben dann auch unterschiedliche Gründen, warum ein Outfit nicht passt. Das kann man nach einer Viertelstunde schon sagen, jenseits der psychologischen Disposition, die die Damen dann teilweise noch mitbringen und die ihnen zum Verhängnis werden können.

Und nun?

Shopping Queen zeigt uns exemplarisch und im Gegensatz zu vielen anderen Realityshows, die sich nur auf „Unterschicht“ kaprizieren, die Vielfalt an Habiti, die unsere Gesellschaft hat. Es gibt mehr als nur Geld, Bildung und soziales Netz, das Menschen unterscheidet. Es gibt auch ein kulturell bestimmtes Verhaltensmuster und wenn man Mitglied einer Statusgruppe sein möchte, dann muss man dieses erlernen oder besser erlernt haben, denn diese „feinen Unterschiede“ werden niemals direkt oder offen vermittelt. Wenn du Mitglied der Intelligenzia sein willst, dann ist es weniger deine Intelligenz sondern dein Verhalten gegenüber anderen Menschen.

Wie und ob man mit Extremisten diskutiert

Es ist Wahlkampf und im Wahlkampf kommt noch mehr vom Klärschlamm der Menschenfeindlichkeit hoch, die sich in den Untiefen des Alltagsrassismus verbirgt. Da steigen einem dann die wohlmeinenden Rassisten und angeblichen Normalbürger aus dem Abgrund des Spießbürgertums entgegen und erzählen einem Weisheiten, die auch 1933 populär waren.

Will man als aufgeklärter und zumindest engagierter Mensch nun dagegen gehen, dann empfiehlt es sich ein paar kommunikationstheoretische Grundlagen mitzubringen und vielleicht auch ein paar Informationen vorher parat zu haben.

Lohnt es sich?

Das erste, was man entscheiden muss, wenn man mit jemandem in eine politische Diskussion eintritt oder in sie hereingezogen wird, ist ob es sich überhaupt lohnt mit dieser Person eine Diskussion zu führen. Ich würde hier jetzt gerne sagen, dass man jeden Menschen von besseren Ideen überzeugen oder seine eigenen Ideen soweit erschüttern kann, dass er sich öffnet. Das ist leider nicht so. Es gibt sie immer wieder, die Leute, die auf ihren Standpunkten dogmatisch beruhen. Diese Fundamentalisten werden nicht zu überzeugen sein und einen nur durch kommunikative Tricks ausmanövrieren. Denn sie wissen, was richtig ist und das war es dann für sie. Das kann man einfach daran merken, dass immer wieder Nebenschauplätze aufgemacht werden, und jeglicher Angriff auf die Urprämisse, die diese Menschen ins Feld führen ignoriert wird. Trefft ihr in einer Diskussion auf so einen Menschen, drückt offen euer Mitleid für ihn aus und geht. Der wird das als Erfolg feiern, aber nachdem ihr nie gewinnen konntet und es auch nicht ums Gewinnen geht, lasst ihm diesen „Erfolg“, immerhin hat er ja seine Mitgliedschaft im Verein denkender Menschen gekündigt.

Jetzt stecke ich doch drin…

Falls man sich dann doch entscheidet in eine Diskussion einzusteigen, ergeben sich mehrere Ansatzpunkte. Wichtig ist zuerst einmal, dass man die Menschen ernst nehmen sollte, die absolut hirnrissige Forderungen von sich geben. Meist tun sie das aus mehreren Gründen:

  • mangelnde Information
  • mangelnde Bildung
  • persönliche Ängste
  • Unsicherheit

Meist ist es eine Gemengelage aus allen vieren und diese muss man versuchen aufzudröseln und einzelne Aspekte langsam zu widerlegen. Wenn man sachlich und überzeugend gegen die klassischen Argumente vorgeht, die übrigens auch meist nicht substanziell sind, dann zeigt sich meist, dass Menschen diese vorbringen, weil sie eigentlich unsicher sind und Existenzängste haben. Dann muss man ihnen die Frage stellen, was eigentlich ihre Existenz hier bedroht und was man als Gegenstrategie sieht. Dann muss man erforschen, ob diese Gegenstrategie den philosophischen Ansichten desjenigen der sie äußert und den Fakten in der Welt widerspricht. Meist scheitern sie dann an letzterem und man sieht, dass die Lösungen, die derzeit als praktikabel gelten am Ende doch sinnvoller sind.

Besonders spannend ist hier auch, wenn Menschen Ansichten vertreten, die ihnen selbst schaden würden, würden sie in die Tat umgesetzt. Hier muss man dann mit diesen Leuten einfach mal das Konzept durcharbeiten und am Ende fragen, ob die das wirklich wollen. Meist endet das dann in der Erkenntnis, dass dem eben nicht so ist. Und wenn doch: nuja, dann dürfen die das weiter glauben.

Fazit

Also, wenn man in eine Diskussion mit Menschen gerät, die eher fundamentalistisch argumentieren, dann sollte man immer die Menschen ernst nehmen, sich selbst aber nicht so. Die Sache sollte im Mittelpunkt gehalten werden und man sollte schauen, was die Gründe des Gegenüber sind, seine Meinung zu vertreten und ob es nicht diese Gründe sind, die ihn dazu bringen auf seiner Meinung zu beharren. Wenn es dann nur noch um dogmatisches Wiederholen von Blödsinn geht, kann man in Ruhe gehen.

Eine Frage der Qualität

Die Schulen stehen im 21. Jahrhundert vor großen Herausforderungen. Das liest man zumindest überall und es bemüßigen sich viele Leute an Analysen, Forderungen und ähnlichem. Dazu gehöre ich, der sich schon auf seinen Bierkasten gestellt hat, aber auch die Kultusministerien und Gremien, die diesen angegliedert sind. Im Gegensatz zu mir, hat das bayrische Kultusministerium da natürlich tatsächlich etwas zu sagen und die Entscheidungen und Ideen, die dort entwickelt und getroffen werden, landen dann bei uns Lehrkräften. Eine der aktuell am meisten diskutierten Ideen ist ein Qualitätsmanagement für Schulen. Da mich dies betrifft möchte ich eigentlich nur einmal festhalten, wie dieses strukturiert ist und was mir das am Ende sagt. ((Ja, langweilig, aber das hier ist ja mein Blog.)) Die meisten dieser Informationen findet man auch auf der offiziellen Seite des Projekts. Ich fasse das nur grob zusammen.

Schulqualitätsmanagement – Ein Anfang

Bevor es allerdings wirklich losgeht muss man sich ja erst einmal irgendwie darüber klar werden, was denn eigentlich Schulqualität ist. Die Liste dazu ist so erstaunlich lang, dass es eigentlich gar nicht möglich ist das in einem zu operationalisieren. Die Anforderungen an Schule sind halt so vielschichtig und komplex, dass es auch sehr schwer ist zu sagen, was eine Schule gut macht. ((Vielleicht wäre es auch einfacher sich anzusehen, was eine Schule schlecht macht und das einfach abzustellen und den Rest einfach laufen zu lassen, bis es Probleme gibt.)) Während die Schulverwaltung sehr abstrakte Ziele ansetzt, stört den Lehrer vor allem unwegsame Verwaltung und das eine oder andere pädagogisch-psychologische Problem, dass die Fähigkeiten des einzelnen übersteigt. Dazu kommen noch die Schüler, die klare Vorstellungen haben, wie das so aussehen soll ((Witzigerweise hat das wenig mit „gar keine Schule“ zu tun, und mehr mit freundlichem Umgang, Transparenz und spürbarer Kompetenz.)) und auch die Eltern, die gerne mal dem neurotischen Druck der Gesellschaft erliegen und der Schule nicht vertrauen. ((Leute, ganz ernsthaft: das ist alles nicht ideal, aber wir wissen relativ gut, was wir da tun…)) Am Ende hat aber alles sein Zentrum in den zentralen Schulabläufen, also schlicht Rahmenbedingungen die den Lehrern und der Schulleitung ermöglichen möglichst gut die Wünsche der Eltern, Schüler und Schulverwaltung zu erfüllen.

Dazu benötigt man Strukturen und auch einen klaren Plan der Verbesserung. Das soll dann das Qualitätsmanagement machen. Dafür muss dieses Managementsystem aber auch bestimmte Anforderungen erfüllen. Es muss schlank, flexibel, transparent und dabei auch dokumentierbar sein. Diese Aufgabe versucht man derzeit in meinem Bereich mit dem QMBS ((Qualitätsmangement an beruflichen Schulen)) zu lösen. Das ist das System, das ich hier jetzt erst einmal darstellen möchte. ((Allein schon, weil ich es endlich mal in Ruhe kapieren will.))

Grundlegende Ideen von QMBS

Das System besteht im Endeffekt aus vier Komplexen, die sich um ein zentrales schulisches Qualitätsverständnis drehen. Das Qualitätsverständnis ist individuell für jede Schule festlegbar und gilt als Ausgangspunkt für alle anderen Aktivitäten der Schulqualitätssicherung. Das macht dieses Verständnis jetzt nicht einfacher zu erreichen und die Chance, dass dieses Qualitätsverständnis suboptimal definiert wird ist durchaus vorhanden. Schließlich sind Lehrer Experten für ihre Fächer und Unterricht, aber nicht für Prozessanalyse, schon gar nicht der eigenen Prozesse.

Der erste Komplex, der sich an das Qualitätsverständnis anschließt ist eine interne Evaluation der schulischen Prozesse. Ohne Daten darüber, wie die Schule läuft, können wir ja eigentlich keinerlei Aussagen treffen oder Maßnahmen ergreifen. Dazu braucht es dann also eine standardisierte und reliable Datenerhebung. ((Wie man das in einer Schule anstellt, wenn eigentlich das gesamte Personal keine Bildungsforscher sind, gute Frage… Man wird dabei anscheinend unterstützt.))

Um dann irgendwie die Maßnahmen umzusetzen und auch eine Kontrolle der Umsetzung zu haben, ist dann auch noch eine externe Evaluation vorgesehen. Dabei kommen dann halt Leute vorbei, schauen sich alles an und bereichern die Schule mit ihrer Kompetenz ((Oder wenigstens einem Stapel Papier…)). Das ist vor allem das Mittel der Schulverwaltung um sicher zu gehen, dass hier nach Vorgaben und Ideen gearbeitet wird, die akzeptiert und sinnvoll sind.

Das gibt es dann auch noch einmal auf der persönlichen Ebene. Aus der Idee, dass sich der Einzelne immer verbessern kann, entsteht das Indivualfeedback für Lehrer. Hierbei sollen sich die Lehrer gegenseitig beobachten und unterstützen. Vorgegeben ist da nur, dass man das als Lehrer so einmal im Jahr machen sollte.

Zuletzt muss die ganze Qualitätssicherung natürlich auch noch organisiert werden. Das geschieht im Beriech Prozessteuerung. Hier gibt es dann eine Lenkungsgruppe, die die Schulleitung dabei unterstützen soll, dass da die Qualität gemanagt wird. Da geht es natürlich auch um Beteiligung, aber halt auch Verwaltung.

Dies stellt jetzt erst einmal die grobe Struktur dar, doch da kann man natürlich auch mal ins Detail gehen.

Schulisches Qualitätsverständnis

Das SQV ((Ja, Akronyme sind immer toll!)) steht „in der Mitte allen schulischen Qualitätshandelns“. Es wird sich von der Schule selbst gegeben in einem Prozess, der irgendwie nach Demokratie aussieht. Dabei wird die Lehrerschaft gefragt, wie sie das so sieht und dann werden daraus Leitsätze gebildet nach dem Qualität an der Schule so begriffen wird. Die Schulgemeinschaft soll also für sich klären, was Schulqualität ist und daraus dann Ziele und Aufgaben ableiten.

Das ist auf der einen Seite sehr nett und sicherlich der einzige Weg, wie man überhaupt Schulqualität umsetzen kann, es ist aber auch problematisch, da hier am Ende ein Kompromiss getroffen werden muss. Da bestimmte Personen in einer Schule sämtliche Abläufe wahlweise torpedieren oder zumindest erschweren können, haben diese den Vorteil der bestimmenden Minderheit. Das bedeutet dann leider nicht, dass deren Ideen zur Schulqualität tatsächlich die für die Schule geeignetsten sind. Da hier alles demokratisch läuft, kann es zu Blockaden oder aber zu Manipulationen kommen, die die Legitimität des gesamten Prozesses gefährden. Das gesamte System hängt aber am Qualitätsverständnis und hier wird es dann schon schwieriger.

Interne Evaluation

Eine Schule intern zu evaluieren ist, mit gegebenen Mitteln, eigentlich ganz einfach. Man baut einen Fragebogen, bei dem sich der empirische Sozialforscher nicht gleich durch Lachen oder Suizid aus der Welt entfernt, und schmeisst diesen den Schülern und Lehrern entgegen. Dann setzt man sich hin, oder lässt jemanden hinsetzen, und macht dann Datenanalyse. Ein paar hübsche Tortendiagramme ((Tortendiagramme sind übrigens das Comic Sans des Statistikers…)) später hat man grundlegende Informationen über die Schule gesammelt. Das ist durchgehend sinnvoll und praktikabel. Das einzige Manko ist dann die Frage, welche Problemfelder eigentlich überhaupt analysiert werden und das fällt auf das Qualitätsverständnis zurück.

Eine interne Evaluation der Abläufe kann eigentlich nur hilfreich sein, solange sie professionell durchgeführt ist. Das ist dann auch der einzige Punkt an dem dies in der Schulrealität gerne mal scheitern kann. Aber hierfür gäbe es sicher Hilfe, weswegen dies eigentlich etwas ist, was man machen kann und wahrscheinlich auch sollte.

Externe Evaluation

Das wird bei externen Prozessen noch einfacher. Eigentlich kann man sich der externen Evaluation einfach ergeben und im Behördensystem muss man das halt schlicht einfach tun. Damit wird es aber auch erst problematisch, da hier eigentlich Werte von außen an die Schule herangetragen werden, die wiederum nicht mit dem schulischen Qualitätsverständnis übereinstimmen müssen und dank der Breite der pädagogischen Welt auch gerne komplett im Widerspruch zum Qualitätsverständnis stehen können. Das führt entweder zur Entwertung des externen Feedbacks oder aber zu zusätzlichem Konformitätsdruck auf die Schule. Beide Szenarien sind nicht sonderlich hilfreich. Hier hängt sich das Problem wieder am Qualitätsverständnis der Schulen auf.

Generell ist zu sagen, dass eine externe Evaluation mit klaren und transparenten Anforderungen und Regeln sicherlich sinnvoll sein kann, wenn diese dann Rücksicht auf die schulinternen Vorstellungen von Qualität nimmt.

Individualfeedback

Der nächste Bestandteil ist das individuelle Feedback für jeden Lehrer. Dies wird generell als freiwilliges Angebot formuliert. Es wird davon ausgegangen, dass Lehrer Feedback wünschen und sich fortbilden wollen. Dazu gibt es dann individuelles Feedback, dass sich die Lehrkraft selbst aussuchen kann. Zwar wird in allen Texten betont, dass dieser Prozess unabhängig von etwaigen Beurteilungsszenarien ist, aber man darf es dem dauerkontrollierten Beamten nicht übel nehmen, wenn er da skeptisch ist. Die Akzeptanz solcher Methoden hilft sicherlich die Qualität an Schulen zu verbessern, doch die Beurteilungs- und Kontrollpraxis in staatlichen Schulen kann dafür sorgen, dass sie wenig Akzeptanz erfahren werden, da man gelernt hat Feedback und Kontrolle wahlweise zu ignorieren oder zu fürchten. ((Ich weiß nicht, was davon schlimmer ist.))

Bei einer entsprechenden Schulkultur ist Individualfeedback sicherlich eine gute Idee und hilfreich. Diese Schulkultur herzustellen ist ähnlich komplex wie das entsprechende Qualitätsverständnis herbeizuzaubern.

Prozesssteuerung

Der letzte Bestandteil ist dann auch der wichtigste, denn ohne eine entsprechende Organisation ist ein Management nicht möglich. Mit diesem Teil beschäftigt sich die Prozesssteuerung. Wie der Namensbestandteil Steuerung schon angibt, geht es hier nicht um einen demokratischen Prozess, sondern die Aufgabe obliegt der Schulleitung und einer Lenkungsgruppe ((Die Begrifflichkeiten sind klasse, oder?)). Diese Gruppe soll Qualitätsmassnahmen entwickeln, kontrollieren und dokumentieren.

Abhängigkeiten sollen natürlich nicht gegeben sein, aber sie sind am Ende informell natürlich da. Damit kann befürchtet werden, dass die Menschen, die den Prozess lenken sich durch den Prozess verändern müssen oder zumindest ihre Umstände verändert sehen. Das ist dann natürlich für diese Menschen ein Problem und im Endeffekt ein Grund, dass die Organisatoren des Qualitätsmanagements eigentlich nur viel Papier, aber keine Ergebnisse abliefern.

Und nun?

Nun, die Idee einer irgendwie gearteten Sicherung von Schulqualtität ist an sich nicht schlecht, wenn die grundlegenden Fragen geklärt sind. Diese Fragen sind:

  • Was ist denn Schulqualität?
  • Wie ist sie operationalisiert?
  • Welche Relevanz hat sie für die Betroffenen?

Diese Fragen werden durch QMBS nur wenig beantwortet, weil es eigentlich später ansetzt. Im Mittelpunkt steht halt ein Qualitätsverständnis, das schwammiger nicht sein kann und auch schwieriger nicht vereinbart werden kann. Da die Alternative, nämlich global vorgegebene Qualitätsstandards als schlechter gesehen werden, ist dies ein saurer Apfel, in den man beißen muss, will man Schulqualität herstellen. Der primäre Kritikpunkt, der mir hier auffällt ist, dass das Qualitätsverständnis positiv formuliert wird. Es ist viel einfacher zu sagen, was man nicht haben will, als immer positiv etwas zu formulieren. Meist bleiben diese Formulierungen auch leer.

Während interne Evaluation und Individualfeedback absolut sinnvolle Ideen sind, können sie am Ende an veralteten Vorstellungen in der Lehrerschaft scheitern. Aber sie werden sicherlich in Zukunft zu sinnvollen Standards werden. ((Dass die erst jetzt die Idee haben, dass das vielleicht sinnvoll wäre, sagt mehr über unsere Schulverwaltung, als man wissen möchte.)) Die externe Evaluation spielt hier eine untergeordnete Rolle, weil QMBS es sie nur insofern betrifft, dass man dafür sorgt, dass man zu ihr kompatibel ist. ((Egal wie hirnrissig die Kriterien dann sind.))

Die Prozessteuerung ist am Ende das Sorgenkind dieses Konzepts. Sie macht eigentlich alles schlecht, was man sich hier erhofft. Sie ist weniger flexibel und hat eine Chance viel Filz und wenig Inhalte zu produzieren. Dies scheint mir die eigentliche Achillesferse dieses Systems zu sein. Es wird viel Geld und Zeit in etwas investiert, dass eigentlich Schule schlanker und effizienter machen sollte. Die Anfangsinvestition an Zeit und mentaler Arbeit ist hoch und verspricht keinerlei Ergebnisse oder auch nur Ergebnisansätze.

Dementsprechend ist mein Bild vom QMBS das einer guten Idee, die nicht gut umgesetzt ist. Es ist gut gemeint aber im Detail nicht gut gemacht.

Zu viel Nerd ist auch nicht gut.

Ich habe mich in den letzten Tagen viel unterhalten können, und dabei fiel mir auf, dass das Wort Nerd mittlerweile sehr inflationär für einen Menschen benutzt wird, irgendeine Art von spezialisiertem Wissen, gerade im technisch-naturwissenschaftlichen, aber auch im sozial- und geisteswissenschaftlichen Bereich besitzt. Dabei wird versucht die eigentlich negative Konnotation des Begriffes als etwas positives umzudeuten. Das kann langfristig gelingen, aber derzeit scheint es mir etwas kontraproduktiv das Nerdtum an sich hochleben zu lassen. Ja, ohne die Nerds würde unsere moderne Welt nicht funktionieren, aber eigentlich sind das doch gar nicht die Nerds. Es ist das, was man Wissenschaft nennt und diese wird nun mit einem neuen erst einmal abwertenden Begriff versehen. Alles ist auf einmal Nerd oder nerdig. Insbesondere die Sachen, die nur einen halben Zentimeter außerhalb des gesellschaftlichen Gemeinkonsenses liegen. Dabei macht man sich besonders, wenn man sich mit diesen Sachen beschäftigt, und das ist ja gerade in. Doch die meisten Menschen, die sich mit genau diesen Themen, die außerhalb der gesellschaftlichen Durchschnittswahrnehmung liegen, sind eben keine Nerds, also keine technikaffinen-fortschrittsbegeisterten Menschen, es sind Wissenschaftler. Menschen, die es sich zur (Lebens-)Aufgabe gemacht haben ein bestimmten Bereich unseres allgemeinen Unwissens zu vernichten. Das sind keine Sonderlinge, wie der Nerdbegriff so hergibt, es sind meist Menschen, die daran arbeiten diese Weltzivilisation ((ja, die gibt’s nicht, ich werde aber doch träumen dürfen…)) zu einer besseren Version zu machen. Sie beschäftigen sich mit Grundfragen des Weltaufbaus ((Und zwar egal ob es die physische, psychische oder geistige Welt ist.)) und spielen nicht nur damit rum. Es ist ihre Aufgabe und wir bezahlen ihnen (ZU WENIG!) Geld dafür, dass sie sich mit Fragen beschäftigen, die wir mit unserer Schulbildung nicht einmal im geringsten überreißen.

Das soll nun nicht bedeuten, dass ich die Nerdfraktion hier kleinreden will. ((Immerhin gehöre ich auch teilweise dazu…)) Es geht mir eher um die Unterscheidung zwischen den Leuten, die sich mit Technik und Wissenschaft nicht nur beschäftigen, weil es ihnen Spaß macht ((Das sei gegeben, die meisten Wissenschaftler lieben ihre Fachgebiete natürlich.)), sondern auch weil sie dafür Geld bekommen und die Gesellschaft diese Dienste braucht. Das unterscheidet sich vom Nerd in einem bestimmten Detail. Die Nerdkultur ist auf eine do-it-yourself, research-it-yourself Basis angelegt, die zwar Ergebnisse hervorbringen kann, aber im größeren Teil auf Erkenntnissen der Wissenschaft beruht. Technik neu anzuwenden ist eben nicht dasselbe wie die Möglichkeit zu haben Technik neu zu entwickeln und die Grundlagen dieser Welt zu finden.

Deswegen ist es problematisch, wenn nahezu alles nerdig ist, dass eigentlich Wissenschaft ist. Ich habe kein Problem meine Begeisterung für U-Boote als nerdig zu bezeichnen. ((Achja, hier in Bälde Vortrag im Backspace.)) Wenn es aber um Zitate und Sprache geht, nunja, das mag für viele Leute sehr abgefahren aussehen, aber es ist mein Job das zu wissen. Es macht mir natürlich einen riesigen Spaß, aber es ist eben mehr als nur ein Sprachhobby. Der Unterschied zwischen den U-Booten und der englischen Sprache ist hier, dass ich mich in einem Bereich professionalisiert habe, im anderen nicht. Dementsprechend, bin ich vielleicht auch Sprach- und Literaturnerd, aber eigentlich mehr, denn es ist ein Gebiet in dem ich auch professionalisiert arbeiten und sogar forschen kann. Das trifft für U-Boote jenseits komischer kulturgeschichtlicher Betrachtungen nicht vor.

Deswegen ist nicht alles nerdy und jeder Mensch, der spezialisiertes Wissen hat ein Nerd. ((Spannend hier: schonmal von Buchhaltungsnerds gehört? Die müßte es ja auch geben…)) Unsere Wissenschaft und deren Personal verdient mehr als mit einem Begriff bezeichnet zu werden, der früher komplett derogativ zeigte, wie intellektuellenfeindlich diese Kultur ist. Wenn ihr also ma wieder einen Wissenschaftsvortrag sehr, nennt den Vortragenden „Wissenschaftler“ und gebt ihm ein Bier aus, und bei den Damen: nennt sie „Wissenschaftlerin“ und gebt ihr einen Cider aus.

Zukunft erdrosseln

Die Deutsche Telekom hat jetzt mal angekündigt, dass sie ab 2016 Volumengrenzen für ihre, dann nicht mehr passend benannten Flatrates einführt. Mit den neuen Verträgen, die man ab jetzt nur noch abschließen kann, wird einem auch versichert, dass man danach mit 384 kBit/s keinerlei Internet hat. Damit ist der Anschluss funktional kaputt. Wer die Details möchte, dem empfehle ich Netzpolitik.org und LNP062 Zerebrale Flatulenz von Logbuch Netzpolitik. Die Diskussion wird groß im Netz geführt und man darf sich daran beteiligen.

Ich möchte hier aber mal auf eine zweite Dimension hinweisen, warum dies eigentlich so katastrophal ist. Unsere Kanzlerin erzählt gerne vom Zukunftsstandort Deutschland und dass Wissen unser einziger Rohstoff ist. Neben der Tatsache, dass das Bildungssystem nun wirklich der marodeste Bagger für diesen Rohstoff ist, muss dann so eine Entscheidung der Telekom auch einmal unter diesem Gesichtspunkt betrachtet werden.

Meine liebe Arbeitsstätte besitzt zwei Computersäle mit insgesamt um die vierzig Rechner auf denen die Schüler Informatikunterricht erhalten. Diese hängen zusammen mit den Rechnern im Lehrerzimmer an einem internen Netzwerk und über einen Klingeldraht am Telekomnetz hängen. Obwohl wir im Stadtbereich liegen haben wir erstaunliche 6 MBit/s als Vertrag, weil irgendwie kein Netz da ist, wo die Schule liegt. ((Kein Businessvertrag oder so, das können wir uns gar nicht leisten.)) Das bedeutet also, dass über sechzig Lehrkräfte und deren Unterricht an einem Klingeldraht hängen. Der Freistaat Bayern stellt den Schulen übrigens keinerlei digitale Infrastruktur zur Verfügung und die Sachaufwandsträger sind ja sehr oft pleite. Der Ist-Zustand unserer digitalen Infrastruktur ist also irgendwo zwischen vermodert und gerade so benutzbar. Was er definitiv schon mal nicht ist: angemessen dem, was sich die Pädagogik und Didaktik so für die Zukunft ausgedacht hat. Da wird viel von e-learning geredet, moderner Unterricht braucht an sich immer mehr mediale Ressourcen, die es ja auch gibt und eine digitale Verwaltung von Schule und Schulaufgaben wäre ja auch mal großes Kino. ((Wir sind gerade am Planen den Materialienaustausch der Lehrkräfte über dropbox zu regeln, weil wir damit irgendwie im 21. Jahrhundert ankommen könnten.))

So, dann kommt die Telekom daher und will Volumenverträge machen. Wir sind also in der Situation keinerlei staatliche Infrastruktur zu besitzen, mit denen Schulen ihrem Bildungsauftrag nachkommen können oder ihre Verwaltung effizient gestalten können und nun kommt der staatsfinanzierte Telelkommunikationsanbieter daher und kloppt uns irgendwann die Leitung zu. Weil wir natürlich immer in der zweiten Hälfte des Monats theoretischen Informatikunterricht machen. Ist ja kein Netz mehr da und Videos im Geschichtsunterricht oder sowas gehen natürlich auch nicht. Wahrscheinlich wird dann das Datenkontigent für Lehrkräfte eingeführt, so wie beim Kopieren, damit auch die Bits bis zum Ende des Monats reichen.

Das ist das eigentliche Problem. Unsere Schulverwaltungen werden Drosselkom nie kommen sehen. Es kümmert sich niemand in den oberen Etagen um die datentechnische Ausstattung von Schulen, egal welcher Schulart und wenn dann nur als Gequatsche um angebliche moderne Schule, die man mit dem was da investiert und dann auch missverwaltet wird auch nicht bekommen kann. Da wird 2016 irgendwann wer dastehen und weinen, dass das ja total unfair ist und so nicht geht, inklusive niederbayrisch-schimpfendem Kultusminister. Passieren wird nichts. Netzpolitik wird immer mehr zur Bürgerrechtspolitik, aber jetzt muss sie auch zur Bildungspolitik werden. Wenn wir hier der Zukunftsstandort sein wollen, den unsere Politiker immer versprechen, dann brauchen wir eigentlich Glasfaser in jeder Schule und Support und zwar zentral und anständig bezahlt. Das was wir haben und das was uns die Telekom hier verspricht ist nichts weiter als der totale Rückwurf in eine Bildung aus dem 19. Jahrhundert. Es geht hier also eben nicht nur um Netzneutralität, sondern auch um unser bestehen als bildungsabhängige Industrienation.