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Das Pfeifen im Walde

Hey, wart ihr schonmal im Dunkeln allein im Wald unterwegs? Schauriger Ort, oder? Die Dunkelheit sorgt dafür, dass man sich alles mögliche im Gestrüpp einbilden kann. Da hilft es nur sich selbst Mut zu machen. Also pfeift man verzweifelt ein fröhliches Liedchen, damit man den Wolf im Dunkeln verjagt oder besser glaubt, dass er sich dadurch verjagen lässt. Deswegen pfeift man, wenn man allein im dunklen Wald ist.

Ist man zu zweit erzählt man sich gegenseitig, wie wenig Angst man zu haben braucht. Aber das ersetzt auch nur das Pfeifen. Der Wald ist immer noch dunkel und der Wolf ist immer noch da draußen.

Wir leben in Zeiten, die immer dunkler werden. Die Menschheit wußte noch nie so sehr bescheid über die Welt wie heute. Wir waren noch nie so informiert, aber das führt nur dazu, dass wir noch mehr Angst vor dem Dunkeln haben und immer besser wissen, wie der Wolf aussieht: Klimawandel, Neoliberalismus, sozialer Abstieg, Krieg oder extremistische Vollpfosten mit Sprengstoffgürteln.
Deswegen wird immer lauter gepfiffen. Sei es das Schreien der Flachnasen auf irgendwelchen Demos, die Durchhaltereden der Regierung oder aber das monotone Mantra des Politikfernsehens, das uns einlullt, das alles ist nur das Pfeifen im Walde, während der Wolf näher kommt. Wenn man sich ansieht, wie hier alle immer nur ironisch sind, während sie sich mit Hedonismus betäuben, sich über die Dummheit der anderen aufregen ohne selbst etwas dagegen zu tun, oder betroffen eine sinnlos Geschichte nach der anderen aufschreiben, weil sie selbst nur noch etwas spüren, wenn sie betroffen sind, dann weiß man, wie laut das Pfeifen ist. Und man merkt, dass keiner eine Lösung zu haben scheint, geschweige denn über eine nachdenken will. Schließlich sind sie alle zu sehr mit Pfeifen beschäftigt. Das Dunkel scheint immer manifester zu werden und der Wolf ist schon nahe, also muss man lauter pfeifen, oder?

Oder?

Oder wie wäre es, wenn man mal die Strategie wechselt? Der Wolf hat Angst vorm Licht, also zünden wir in der Dunkelheit ein Licht an. Dann kann man zum einen den Weg viel besser sehen, und zum anderen finden einen vielleicht auch andere verlorene Menschen. Die müssen dann auch nicht mehr durch die Dunkelheit irren und gemeinsam sind dann alle eine schwerere Beute für den Wolf.
Aber wo kommt jetzt dieses Licht her? Darauf gibt es viele Antworten, aber die schönste kommt für mich von Aristoteles. Dieser sagte, dass jeder von uns ein „telos“ hat, ein Ziel, und wenn wir dieses erfüllen, dann tun wir das beste für uns und die Welt. Unser telos ist das nach dem wir streben und in uns angelegt, hat aber auch etwas mit unseren Talenten zu tun. Man sollte das tun, was einem zukommt und nicht versuchen etwas anderes zu tun, denn dann erfüllt man nicht sein Ziel in der Welt. Wenn wir alle das tun, was wir gut können, dann machen wir die Welt besser. Das geschieht durch alles mögliche: gute Kunst, schöne Fotos, tolle Musik, schöne Podcasts, inspirierender Unterricht, tolle Gute-Nacht Geschichten, gut gebaute moderne Autos, geile Astrophysik, leckeres gutes Brot.
Alles das ist besser als im Wald zu pfeifen. Wenn man durch das, was man tut ein Licht anzündet, anstatt sich selbst einzureden, dass da draußen im Dunkeln der Wolf verschwindet, weil man möglichst viel Lärm macht, dann wird der ganze Wald weniger bedrohlich.

Tell me your story.

Ich mag es durch die Gegend zu laufen und mich aktiv umzusehen. Aktives Umsehen bringt einem nicht nur die eine oder andere Fotoidee und damit etwas für eines meiner Dauerprojekte, sondern auch Impulse zum nachdenken. Eines davon kommt von Menschen, die man so auf der Strasse sieht. Und das können alle möglichen Leute sein: von jungen Müttern, die mit abgehetzt an der Kasse des Supermarkts stehen und mit einem quengelnden Kind über alte Damen in Pelzmänteln, denen das Kleingeld für die Butter fehlt, bis zum genervten Busfahrer, bei allen frage ich mich regelmäßig, was ihre Geschichte ist.

Und eigentlich wäre es ziemlich einfach, sich Zeit zu nehmen und mit diesen Menschen zu reden. Einfach mal hinstellen und interessiert und respektvoll nachfragen. Seine Geschichte zu teilen, macht viele Menschen glücklich, denn sie fühlen sich wertgeschätzt. Doch dafür hat man wenig Zeit. Ich mache das öfter bei meinen Schülern, dass ich mir von denen erzählen lasse, wie ihr Leben so ist. Doch mit Leuten auf der Strasse klappt das nur selten und wenn dann ist mir nicht wichtig, die Geschichte zu personalisieren. Die Geschichte ist wichtig erzählt zu werden, aber wir brauchen nicht die Person für die Geschichte.

Denn die Person ist den Lesern doch eh scheißegal. Sie steht für uns selbst, damit wir uns etwas begreiflich machen können, das uns total fremd ist. Also brauchen wir doch nicht Person, die die Geschichte erlebt hat, da hinzustellen. Die Geschichte spricht für sich und wir sprechen aus der Reaktion auf die Geschichte. Es ist sogar fragwürdig, ob es wirklich ethisch vertretbar ist, immer die Person hervorzuzerren, die eine meist eher bedrückende Geschichte erlebt hat. Vor allem, damit man dann das Thema am Ende eh verallgemeinert und damit klar macht, dass es jeden betreffen kann und bevorzugt etwas ist, worüber man „schon immer mal schreiben wollte“.

Dabei bleibt am Ende die Person und ihre Geschichte auf der Strecke. Aus einem Menschen, der an sich interessant ist mit seiner Geschichte, wurde ein Abziehbild gemacht. Deswegen sind die Geschichten wichtig, aber nicht, wer sie erzählt. Denn die Geschichte lässt uns etwas fremdes erfahren, aber nur wenn sie für sich steht und nicht Mittel für eine Geschichte wird, die jemand anders erzählen wollte.

Warum muss ich das eigentlich machen? – Ein Rant

Wir Lehrkräfte gelten ja eher als die Buhmänner in Bildung und Erziehung und das nicht ganz zu unrecht. Da gibt es zum einen ausbildungsbedingte Mängel, wie fehlende pädagogische oder fachliche  Eignung, soziale Probleme, wie fehlende menschliche Eignung, und die Tatsache, dass wir ein kaltes, blindes und verknöchertes System vertreten, in dem politische Symbole wichtiger sind als pragmatische Entscheidungen. Doch ganz ehrlich, diese Rolle haben wir Lehrer so langsam abgegeben.

Warum?

Deswegen: ((Alle Geschichten haben einen realen Hintergrund, sind aber polemisiert, weil mir dieser ganze Scheiß aufn Sack geht!))

Fangen wir an mit den lieben Eltern an. Anscheinend ist der Leistungsdruck der elterlichen Peergroup so groß, dass Kinder heutzutage Angst haben müssen nach Hause zu kommen. Immerhin gibt es so Eltern, die ihr Kind schonmal mit Hausarrest bedrohen, wenn es mit einer Note schlechter als 3 nach Hause kommt.

Es kann aber auch sein, dass sie denken, dass die 40-Stunden Woche auch führ 12-Jährige gilt. Weswegen diese dann noch eine Stunde Vokabeln abschreiben müssen. Also nachdem sie bis um 16 Uhr Unterricht hatten und dann noch anderthalb Stunden im Bus aufs platte Land unterwegs waren.

Oder aber die Eltern, die am Elternsprechtag Lehrkräfte unter Druck setzen wollen, weil sie meinen, dass man „schlechte Noten“ nur vergibt, weil man das Kind nicht leiden kann, und die das selbe Kind am Vormittag vor der Knie-OP in die Schule schicken, weil „wer stehen kann, kann auch arbeiten“. Also da weiß ich ja gar nicht, wer das Kind mehr nicht leiden kann. Allen ist, gemeinsam, dass ich nicht weiß, was die alle nehmen, aber die aktuelle Dosis ist nicht gut.

Doch auch erwachsene Schüler zeigen mittlerweile ein besorgniserregendes Verhalten. Die Leistungsrhetorik ist mittlerweile so weit, dass Nervenzusammenbrüche vor Lehrkräften normal geworden sind. Irgendwann sitzt immer wieder jemand weinend vor einem, weil die hohen Ziele, die man sich sinnloserweise und in absoluter Abwesenheit eigener Selbsteinschätzung gesteckt hat, jetzt „in Gefahr“ sind.

Eine weitere Spielart davon sind die jungen Menschen, die total verschnupft oder gar mit schlimmeren, meist epidemiologisch bedenklicheren, Krankheiten in die Schule kommen, weil sie ja dringend alles mitkriegen müssen und von den drei Tagen verpassten sofort das Schuljahr oder die Probezeit nicht bestehen. Dass sie dabei irgendwie die halbe Schule anstecken und selbst nichts in die zugestopfte Birne kriegen. ist dabei auch egal.

Ganz der Gegensatz sind dann die Schüler, an die man als Lehrer die ganze Zeit selbst glauben muss, weil selbst nach positiven Ergebnissen nicht an die eigene Leistungsfähigkeit glauben. Wo die Lehrkraft mit den Arbeiten der Schüler diese selbst davon überzeugen muss, dass sie nicht komplett nutzlos sind.

Das kann dann soweit gehen, dass Menschen solche Prüfungsangst haben, dass nur noch der Schulpsychologe hilft und sie regelmäßig in Schweißattacken und nervöses Zittern ausbrechen.

Und jetzt mal echt die Frage: Bei dem Bild, das die Gesellschaft von uns Lehrern hat, warum müssen wir uns darum kümmern? Warum muss ich Leute nach Hause schicken? Warum muss ich Kinder vor ihren Eltern beschützen? Warum muss ich zerstörte Persönlichkeiten flicken?

Als Lehrer macht man das alles. Regelmäßig. Dabei muss man Gesetze beugen, Regeln brechen und ist doch eigentlich die Person, die hier die kältere Rolle spielen soll.

Wie kaputt ist eigentlich diese Gesellschaft, dass diejenigen, die traditionell immer für Härte standen, die eigentlich keine Spezialausbildung für Pädagogik habe, die mit Gesetzen und Regeln eingewickelt sind, die an Beknackheit kaum zu überbieten sind, die sich jeden Tag um mehrere hundert junge Menschen kümmern müssen. Dass diese Personen heute die sind, die für viele der jungen Menschen die Welt retten müssen?

Kurioses Bamberg – Die Luther Marter

Auf dem Weg zum Supermarkt laufe ich schon seit mehreren Jahren an einer Stele vorbei, die mir wenig sagte, außer dass sie irgendwas Katholisches ist. Letztens kam ich an ihr vorbei, da stand ein älterer Herr und malte an den Bildern in der Säule herum. Diese Gelegenheit nutzte ich um mal dumm zu fragen, was das eigentlich ist. Und weil Wissen weitergeben Spaß macht, erfahrt ihr jetzt etwas über die Luther Marter.

Also, die Säule sieht so aus:

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Sie steht am Rand der Waizenburger Straße in Bamberg. Sie wurde im Jahre 1551 aufgestellt nachdem die Häcker, die Bamberger Gärtner, den Reformator Martin Luther nicht ihre herrliche katholische Stadt gelassen haben. Luther zog dann weiter Richtung Würzburg und man stellt diese Stele auf.

Die Stele hat drei Heiligenbilder. Auf der Frontseite, die der Straße zugewandt ist findet sich der heilige Hubertus.

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Sein Anspruch hat er unter anderem, weil er einen Hirsch mit einem Kreuz zwischen dem Geweih nicht erlegt hat. Die passende Szene ist auf der Stele zu sehen. Auf der rechten Seite findet sich der heilige Urban.

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Urbanus soll ein Gehilfe von Petrus gewesen sein und später Bischof in Makedonien geworden sein. Nach ihm ist auch die Filialkirche in nahen Wohngebiet benannt.

Auf der linken Seite der Stele ist der heilige Jakobus abgebildet.

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Man kann ihn unter anderem an der Muschel erkennen. Dies zeigt, dass die Straße, an der die Stele steht, Teil des Jakobswegs ist, dem Pilgerweg nach Santiago de Compostela.

Der ältere Herr, den ich beim Ausbessern der Bilder traf war tatsächlich der Maler und kehrt hin und wieder zu ihnen zurück um Witterungsschäden auszubessern. Er hat die Bilder vor ungefähr zehn Jahren gemalt.

Der Sinn und Unsinn von Kritik

Als Lehrer ist man hauptberuflich Kritiker und das wird einem auch gerne mal vorgeworfen. Wir Lehrer sind unangenehme Zeitgenossen, die immer alles besser wissen oder klugscheißen müssen und sich für schlauer halten als alle anderen Menschen.

Nun mag es das geben, aber für mich gesprochen erlaube ich mir im professionellen Umfeld Kritik und Urteil, und das nur in Bereichen in denen ich mich auszukennen glaube. ((Und in denen in den ich nur gesundes Halbwissen habrei ode, formuliere ich meine Annahmen auch meist so.)) Das ist einer der Gründe, warum mich verbessernde Kommentare unter Folgen des WRINT Politikunterrichts nicht stören sondern freuen. Ich gehe gar nicht davon aus, dass ich jedes Detail, was ich so erzähle richtig weiß. Das Miteinander im Wissen schaffen macht nicht nur mehr Spaß, es ist auch effektiver.

Doch es gibt auch Bereiche in denen ich von meinem Wissen und meinen Fähigkeiten überzeugt bin. Die großen sind die englische Sprache und Politik und Gesellschaft im Überblick ((Seht ihr, da ist schon eine Einschränkung drin!)) gefolgt von Psychologie, Soziologie und Pädagogik. In diesen Bereichen erlaube ich es mir andere Leute zu kritisieren. Das hat auch etwas mit dem Job zu tun. Es gehört dazu, dass man als Lehrer kritisiert, was allerdings auch bedeutet, dass man auch lernt, wie man kritisiert und warum.

Fangen wir mit dem warum an. Die landläufige Ansicht ist, dass Kritik gleichbedeutend mit Meinungsäußerung ist. Das ist sie aber nicht, Kritik hat den Zweck eine Verbesserung der Zustände zu erreichen in dem eine alternative Sichtweise geboten wird. Diese sollte fundiert sein und eine Begründung beinhalten, die sachbezogen, zielgerichtet und folgerichtig ist. Als Lehrer ist das einfach, weil man da den Wissensvorsprung hat, aber selbst als solcher sollte man aufpassen, was das Ziel der eigenen Kritik ist. Hilft es der Person, die ich kritisiere oder ist es sinnfrei oder verschlimmert es das Problem sogar? Eine ziellose Kritik verringert die eigene Glaubwürdigkeit und kann im Zweifel dazu führen, dass die Person gegenüber sich fragt, warum man sie aufbringt. Dann ist es keine Kritik mehr, sondern ein Angriff. Man braucht also immer ein Ziel.

Dazu macht hier der Ton die Musik. Kritik, die sachlich oder sogar wohlwollend (ohne herablassend zu sein) vorgetragen wird, funktioniert ziemlich gut. Sie ist das, was die Leute immer mit konstruktiv bezeichnen. Es ist ja nicht so, als wären alle Menschen bornierte Deppen, die fehlerbelastet durch das Leben gehen wollen. Doch was sie auch nicht möchten ist, als solche hingestellt zu werden. Stattdessen möchten die meisten Menschen ernst genommen werden ((auch und besonders Kinder!)) und deswegen hilft es Kritik freundlich und vorsichtig vorzutragen. Das Geschreie und die Besserwisserei, die sich oft als Kritik zu tarnen versucht ist eben keine mehr sondern eine Anschuldigung, die das oben genannte Ziel von Kritik schlicht unerreichbar macht. Wenn die Absicht ist die Welt zu einem besseren Ort zu machen, Wissen und Erfahrung zu teilen und Aufmerksamkeit für Probleme zu generieren, dann spielt nicht nur der relevante Inhalt sondern auch die Art, wie er an die Frau gebracht wird, eine Rolle.

Kritik ist also nichts, was mit Schildern oder durch Schreien geäußert wird. Kritik ist etwas, dass in seinem Inhalt und seiner Form die Person, die man kritisiert respektieren muss.

Auf der Suche nach Zerstörung…

Okay. Das hier ist mal was ganz anderes als meine normalen Einträge. Das hier ist leichte Literaturwissenschaft. Ich habe euch gewarnt und hoffe, dass ich wenigstens irgendwie einen Cut einbauen kann, weil das wird lang.

1. Auf der Suche nach Zerstörung

Wir sind alle auf der Suche nach etwas. Manche suchen Erfüllung, andere suchen ihr Glück und dann gibt es diejenigen, die ihre eigene Zerstörung suchen. Manchmal ist es Menschen gar nicht bewusst, was sie suchen, denn unser Gehirn ist in der Lage die eigentlichen Ziele unseres Handelns vor uns selbst zu verstecken ((Obwohl wir uns relativ sicher sind, dass unser Bewusstsein unser Handeln steuert, sagen neurowissenschaftliche Erkenntnisse, dass das Bewusstsein auch nur Handeln, das vom Gehirn angeregt wird nachrationalisiert.)). Der Mensch weiß also manchmal gar nicht, warum er etwas tut und ob das Ziel, das er zu verfolgen scheint, auch dem entspricht, was er unbewusst zu erreichen sucht. Dies trifft besonders für Menschen zu, die nicht ganz bei Sinnen oder anders ausgedrückt im Delirium sind.

Als ich vor knapp sieben Jahren das erste Mal Neil Gaimans Sandman gelesen habe, hat mich besonders das siebte Buch der Collected Library Brief Lives fasziniert. Es ist ein Roadmovie an dessen Ende der Hauptcharakter Dream ((Der Sandman in Sandman.)) die Schlüsselhandlung begeht, die zu Ende seiner Existenz am Ende der Comicserie führt. Damals war mir noch nicht klar, dass man dieses Buch als komplette Allegorie lesen kann. Ein Gedanke, den ich hier am Beispiel einer anderen Geschichte aus dem Sandman Band Endless Nights formulieren möchte. Weiterlesen

[USA Trip] Roundup und Bilder

So, der Urlaub ist jetzt schon drei Wochen rum, aber ich bin endlich[™] dazu gekommen alle Fotos zu sichten und zu bearbeiten. Leider habe ich mir in New York richtig schön den Sensor verdreckt und deswegen sehr viele Bilder nicht benutzen können, aber es sind doch etliche schöne Sachen dabei herausgekommen.

Wenn man sich das ansehen will klicke man einfach auf diesen Link:

USA 2015

Alles in allem waren die USA eine spannende Erfahrung, die meinen Verdacht, dass es ein fremderes Land ist, als wir Europäer denken, erfüllt hat. Es gibt hier kein „besser“ oder „schlechter“ sondern nur ein „anders“. Und „anders“ ist immer gut.

Rezension – Katrin Rönicke – Bitte Freimachen

Zum ersten Mal hörte ich von Katrin Rönicke als sie bei CRE mit Tim Pritlove über Feminismus sprach.  Schon an diesem Gespräch beeindruckte mich, dass es bei ihrem Feminismus weniger um Kampf als mehr um Kommunikation geht. Dieser Eindruck bestätigte sich später auch beim dauerhaften Hören des Lila Podcast.

Nun hat Katrin Rönicke ihr erstes Buch herausgebracht. Bitte Freimachen! ist laut Untertitel eine Anleitung zur Emanzipation und obwohl man erst einmal davon ausgehen muss, dass damit hauptsächlich Frauen gemeint sind, ist es auch eine Anleitung für Männer, denn Katrin Rönicke ist, wie sie selbst sagt, die männerfreundliche Feministin. Und sie macht sich in diesem Buch frei, während sie den Leserinnen zeigt, wie wir uns alle freier machen können. Dabei hatte ich öfter das Gefühl, dass ich die Autorin am liebsten umarmen möchte. Entweder wegen der eher schmerzhaften Geschichten, die sie von sich erzählt oder wegen der profunden einleuchtenden Erkenntnisse, die mir auch persönlich entweder zusagen oder ins Gedächtnis zurückgerufen haben, was ich selbst für richtig und wichtig erachte. Dabei wird die Perspektive im Laufe des Buches immer breiter. Es fängt mit den Körperbildern junger Frauen an, geht über geschlechterorientierte Werbung und Produkte zu den Fragen, warum wir eigentlich Geschlechterrollen und Beziehungen so denken und leben, wie wir es tun und warum das eigentlich sehr ungesund für uns, und zwar Männer wie Frauen, ist.

Es gab mehrere Kapitel, die bei mir eine besondere Resonanz hervorgerufen haben, aber keines so wie das Beziehungskapitel, das sehr gut aufzeigt wie begrenzt unsere Vorstellungen darüber sind, wie wir miteinander zusammen leben und Beziehungen gestalten. Katrin Rönicke sagt hier vieles, das dringend in den Allgemeingeist übergehen sollte, es aber wahrscheinlich wenig tut. Wenn es sie beruhigt: es waren für mich die richtigen Worte zu richtigen Zeit.

Jenseits meines persönlichen Eindrucks, ist wohl die größte Überraschung, die eine unbedarfte Leserin bei diesem Buch haben wird, dass die Autorin Emanzipation in ihrer breiten Bedeutung begreift. Es geht hier also nicht um diese alte Vorstellung, dass Frauen sich emanzipieren müssen, sondern dass wir alle uns von Geschlechterrollen emanzipieren müssen, denn Männer wie Frauen leiden unter diesen Konstrukten, von denen wir glauben, dass wir ihnen dringend folgen müssen.

Also, gehet hin und kauft und lest Bitte Freimachen! und macht euch frei!

Blogger für Flüchtlinge – #bloggerfuerfluechtlinge

Als Lehrer hat man eine Verantwortung und zwar nicht für die Schülerinnen und Schüler sondern auch für die Gesellschaft. Und dazu gehört auch eine Position zu beziehen. Deswegen beteilige ich mich an:

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Und weil das hier mein Blog ist und ich dazu auch etwas schreiben möchte, mache ich das auf meine Art. Schauen wir uns mal kurz an, was das Grundgesetz zu Flüchtlingen zu sagen hat:

Artikel 1

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

und 

Artikel 16a

(1) Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.

Das wäre alles so gut, gäbe es da nicht am Ende auch noch Absatz 2-5 dieses Artikels, die in der Kurzform besagen, dass das es für sehr viele Leute nicht einmal gilt. Trotzdem nimmt die Menge an Flüchtlingen zu, die auch unter den eher zweifelhaften Bedingungen, die man da von Staatsseite so anlegt, deutsches Asyl bekommen. Und das ist nur Recht und billig, allerdings ist die Art, wie diese Menschen in unserem Land untergebracht werden, ein direkter Widerspruch zur Idee aus Artikel 1 GG. Und daraus leitet sich eine moralische Verpflichtung für uns alle ab. Das ist unser Land, und es sind unsere Regeln, die hier von unseren Volksvertretern gebeugt werden. Wenn wir möchten, dass wir nach diesen Regeln behandelt werden, dann müssen wir auch dafür sorgen, dass andere nach ihnen behandelt werden. Denn nur dann können wir auch moralisch einfordern, dass wir von unserem Staat entsprechend behandelt werden. Soziale Kälte gegenüber anderen wird irgendwann als Begründung dafür benutzt werden, soziale Kälte gegenüber uns walten zu lassen. Dann sind es nicht mehr die Fremden, die stören, sondern die Unterschicht, die Sozialwissenschaftler oder die Blogger.

Wir sollten diese Art von sozialer Kälte nicht dulden und gemeinsam etwas dagegen unternehmen. Solidarität und Hilfe für Flüchtlinge tut Not. Das dachten sich auch Nico Lumma, Stevan Paul, Karla Paul und Paul Huizing. Sie möchten das ihr eine der folgenden Sachen tut:



Agitierte Hilflosigkeit

Es gibt ein Phänomen, das mir in Unterhaltungen mit jungen Menschen immer wieder untergekommen ist. Sie sind meist politisch stark engagiert und sehen Missstände in der Welt. Allerdings wissen sie weder um die Ursachen noch die Gegenmassnahmen zu diesen Problemen. Das wäre die Aufgabe politischer Bildung, aber die findet ja nur noch rudimentär statt und kann im Zweifel nicht jedes Problem lösen. ((Dafür bräuchten wir Politiklehrer mehr Zeit, mehr Mittel und eine frühere Einführung des Politikunterrichts.))

Doch zurück zu den jungen Menschen. Die stehen nur vor einer Welt, die sie empört und die so komplex ist, dass es keine einfachen Antworten geben kann. Sie wurden allerdings im Bildungssystem darauf trainiert, die einfache Antwort zu suchen und sind des öfteren damit überfordert überhaupt über eine Lösung, vor allem außerhalb ihres beschränkten Erfahrungshorizonts nachzudenken. Dabei ist da eigentlich wenig Vorwurf zu machen. Immerhin leben wir im modernen Biedermeier, wo jeder seinen Kopf in den Sand steckt und agitierter, aber durchgehend zahnloser, Privatismus auf Facebook gelebt wird. Slacktivism ist ja auch nichts weiter, als eine neue Variante als Kleinbürger Geld in den Klingelbeutel zu werfen, ohne sich wirklich politisch zu beteiligen. Das passt auch gut zur verzweifelten  Romantik, die unsere Zeit auszuzeichnen scheint. Es wird die ganze Zeit die Emotion, der Andere, die Toleranz ((Ein beschissener Begriff. Lat. tolerare bedeutet ertragen. Toleranz ist also die Fähigkeit etwas zu ertragen, was ich nicht mag. Da ist also der gewünschte Standard des menschlichen Miteinanders: ich finde etwas scheiße, aber ich bin ein guter Mensch, weil ich ertrage, dass ich es scheiße finde. Respekt wäre hier definitiv besser: ich finde es scheiße, aber es darf existieren und ich muss respektieren, dass es existieren darf. Bevorzugt sollte ich dafür kämpfen, dass es das tut.)) betont, um einen Gegensatz zu einer erlebten Welt der technokratischen Nivellierung konservativer Werte zu schaffen. Man geht auf Mittelaltermärkte und zieht sich an wie Bauernbübchen aus dem nicht minder romantischen 19. Jahrhundert, verklärte Hippies, Sennerinnen, verarmte Punks oder Ritter aus schlechten Hollywoodhistoriendramen, ohne es wirklich ernst zu meinen. Da wird dann fein bigott die vegane Fahne hochgehalten, während man Coke life trinkt und McDonalds scheiße gefunden, während man bei Subway den Ökosandwich mampft. Es wird jede dissente Meinung, die die Filterblase penetriert, geshitstormt und gehashtagt, damit man sich bloß nicht damit auseinandersetzen muss, dass man selbst schon wieder weniger Gehaltserhöhung als den Inflationsausgleich bekommen hat.

Aber solange die Meute der ebenso hilflos Empörten glaubt, dass Tweets die Welt ändern, freuen sich die Machteliten, dass es keine ernsthafte gesellschaftliche Opposition gibt, weil sich diese ja nur virtuell abspielt. ((Keine Sorge, ich bin nicht besser. Ich erzähle nur über Politik und schreibe ins Netz.)) Bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen führt dieser ganze Spaß nun dazu, dass sie die ganze Zeit wütende Bilder von Tierschützern, Naturschützern, Rechtsradikalen, Linksradikalen, Neoliberalen oder sonstwelchen ideologischen Gruppen und dadurch gut agitiert werden, allerdings in ihrem politischen Verhalten komplett hilflos sind, weil man es geschafft hat ihnen die Werkzeuge und Erkenntnisse, die es braucht um sich kompetent zu verhalten aus der Hand zu nehmen. ((Die sind ja auch zu gefährlich.)) Und so zeigt sich bei jungen Menschen immer öfter agitierte Hilflosigkeit. Sie möchten die Welt ändern, aber sie glauben in postmoderner Abgeklärtheit nicht daran und haben auch nicht mehr die Mittel ernsthaft wirksam politisch mitzuwirken, da alle Mittel, die sie für wichtig halten, nicht wichtig für die Entscheidungsträger sind. Im Internet schreien, interessiert die Gesellschaft immer noch amüsiert, aber relevant ist es noch nicht. Damit bleibt vielen jungen Menschen nur agitierte Hilflosigkeit von der zu sehen ist, wie sie sich kanalisiert.