Archiv der Kategorie: Bildung

Bourdieu, Goffman, Peter und Dilbert

Ich habe ja schon letztens darüber geschrieben, wie sich Habitus eigentlich generiert und dass das mehr damit zu tun hat, wie man die Welt deutet und weniger damit was man tut.

Doch, wie kommt da nun ran? Wie komme ich an den Habitus, den ich so dringend brauche, wenn das rumsitzen in Sinfoniekonzerten es nicht bringt?

Die Antwort ist natürlich klar: Qualifikation und Abschlüsse! Wobei, Qualifikation kann man nicht messen, also reichen Abschlüsse und da sind wir bei Erwing Goffman, der sich mit sozialer Rollentheorie beschäftigt hat und die schöne Erkenntnis mitbrachte, dass bestimmte soziale Rollen eine bestimmte Menge an abstraktem Aufwand brauchen, damit sie ausgeübt werden können. Sein Beispiel in Wir alle spielen Theater ist, dass die amerikanische Armee in einem der vielen Kriege in den sie involviert war ((Irgendeiner von den bekannteren… ich schau nicht nach.)) dringend Apotheker brauchte. Also ging sie hin, schrieb ein Handbuch und bildete Apotheker in ungefähr sechs Monaten aus. Die amerikanische Apothekervereinigung war entrüstet, braucht man im zivilen Bereich doch mindestens drei Jahre um so eine Ausbildung zu kriegen ((Bei uns tut es ein Studium…)). Die Armeeapotheker waren übrigens nicht schlechter, nur pragmatisch ausgebildet. Goffman sagt dann, dass es aber für die Rolle des Apothekers wichtig war, dass die Ausbildung länger dauert, weil ansonsten ja Zweifel an dessen Kompetenz entstehen können, also das Ansehen leidet. Er sagt also, dass eine soziale Rolle auch einen gewissen Aufwand braucht, um sie zu erreichen. Kombiniert man das jetzt mit den Erkenntnisse von Bourdieu, dann wird schnell klar: bei den meisten Ausbildungen geht es gar nicht darum, dass die notwendige Qualifikation vermittelt wird, das passiert nebenbei und relativ schnell, sondern darum der Person den notwendigen Habitus anzuerziehen. Man hat also, wenn man dann ein schönes Zertifikat in der Hand hat, einen Nachweis der Habitustauglichkeit für eine bestimmte soziale Rolle und meist einen erhöhten sozialen Status.

Das wäre ja jetzt alles sehr schön, wären wir nicht in der Post-postmoderne und Wissen überall erhältlich. Will heißen: es gibt immer mehr Menschen, die Berufe ausüben, die sie nie gelernt haben, weil sie schlicht ihre kognitiven Fähigkeiten und das frei erhältliche Wissen benutzen um diese Berufe auszuüben. Das trifft vor allem für die große Zahl moderner Dienstleistungsberufe zu, auf denen unsere Wirtschaft beruht. Man kann das halt schlicht mit nem Laptop, Google und etwas Hirnschmalz machen. Das entwertet natürlich die traditionelle Ausbildung und zeigt dann auch, wo das Problem liegt: um einen Beruf auszuüben, braucht es keinerlei formale Ausbildung mehr und die Habitusgrenzen für diese Berufe verschwinden damit auch immer schneller, denn es gibt Menschen, die eine gleichwertige Leistung erbringen und schlicht nie in den Habitus eingeweiht wurden. Das wird dann sogar zu beklagten Umständen, dass die alten „Handwerkstraditionen“ nicht mehr geehrt werden, was zeigt, dass es hier um rituelle Habitushandlungen geht, die durch eine Veränderung der Umstände obsolet geworden sind. Das ist ja schon schrecklich genug, gäbe es jetzt nicht zwei Systeme in dieser Welt, die da in Konkurrenz stehen: das traditionelle System, das auf Zeugnisse und Rituale abstellt um sozialen Status und Rollen zu definieren und das postmoderne System, das sich allein an der tatsächlichen Eignung orientiert.

Was ist nun besser? Gesellschaftlich gesehen tatsächlich die postmoderne Version in all ihrer nivellierenden Glorie, denn hier steckt wahre Chancengleichheit. Doch unsere hierarchischen Strukturen sind dafür aktuell nicht geschaffen. Das sieht man am Peter Prinzip, das nach Lawrence Peter benannt ist, und im bekannten Aphorismus endet, dass man immer bis zum Level seiner eigenen Unfähigkeit befördert wird. Dabei wird Kompetenz immer auf der Stufe gemessen, die eine Person in der Hierarchie hat und diese dann irgendwann auf einen Posten befördert, der eine andere Art von Fähigkeiten benötigt, als die in denen man kompetent ist. Das ist noch dramatischer, wenn man sich weiterhin darauf verlässt, dass Menschen ihre Kompetenz durch Zeugnisse nachweisen, anstatt durch Fähigkeitsnachweise. ((Okay, die Wirtschaft weiß das und macht Assessmentcenter und sowas. Aber auch die Zulassung zu diesen ist erst einmal noch an Zertifikate gebunden. Aber dann, sind alle Leute, die da assessen selbst nur auf dem Posten, weil sie selbst einen Zettel vorgezeigt haben.)) Das führt uns dann zum Dilbert Prinzip, das sagt, dass die unfähigsten Mitarbeiter in einem Unternehmen ins Management versetzt werden, weil sie da vermeintlich den geringsten Schaden anrichten. Wenn man eine Kombination aus Fähigkeit und Zertifikaten annimmt, dann passiert es tatsächlich, dass mit Zertifikaten ausgekleidete Deppen am Ende irgendwo im Management landen und sich dann in Meetings die gegenseitige Wichtigkeit rituell versichern müssen, weil ja ansonsten jedem auffällt, dass man sie rausschmeißen könnte.

Führt man das jetzt mal alles zusammen muss festgestellt werden, dass man nur vom Zielen auf formale Ausbildungen abraten kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass man in viel Zeit einen nutzlosen Habitus lernt anstatt hilfreiche Fähigkeiten, die einen vielfältig kompetent in unsere fragmentierte soziale Realität heraustreten lassen, ist erstaunlich hoch. Ja, man hat dann ein Zertifikat, das einem sozialen Status verspricht, doch leider interessiert das in der Wirtschaft immer weniger und wird durch die Vielzahl nutzloser Zertifikate nur noch beliebiger und sinnloser. Die wahren feinen Unterschiede finden sich hier zwischen der zertifizierten und der nachgewiesenen Kompetenz. Wie schon im Beispiel mit der Musik zählt nicht der Besitz der Konzertkarte als Nachweis, sondern die Fähigkeit sich in der Tiefe mit der Musik beschäftigt zu haben.

Somit lässt sich nur raten, dass man die eigenen Fähigkeiten schärft und erweitert und eben nicht versucht Zertifikate zu erringen, sondern Nachweise der eigenen Fähigkeiten. ((Die Zertifikate kommen dann schon von allein.)) Wenn man glaubt, dass man Zeugnisse in seiner beruflichen Laufbahn braucht, dann sollte man sich überlegen, ob man in einem Umfeld arbeiten möchte, in dem Kompetenz über Zettel und erlerntes Verhalten dargestellt wird. 

Ein kleines Detail zur Beschulung von Flüchtlingen…

Okay. Das hier geht schnell, aber ist wichtig:

Ich hab letztens mit meiner Flüchtlingsklasse das Grundgesetz besprochen, weil es ja auch für sie wichtig ist und dabei habe ich auch darauf hingewiesen, dass sie bestimmte Grundrechte (leider) nicht haben. Eines dieser Bürgerrechte ist sehr spannend in seiner Konsequenz für die Zukunft dieser jungen Leute in unserer Gesellschaft:

Art. 12

(1) Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden.

(2) Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht.

(3) Zwangsarbeit ist nur bei einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung zulässig.

Das habe ich zwar irgendwie immer gewußt, aber denke da nicht aktiv dran. Die freie Berufswahl und Ausbildungswahl ist ein Bürgerrecht. Das bedeutet, dass der Staat allen jungen Menschen mit ausländischem Pass vorschreiben kann, welche Berufe sie erlernen. Sie haben nicht die Freiheit sich das selbst auszusuchen.

In der Praxis heißt das, dass viele dieser Menschen schulische Berufsausbildungen bekommen ohne eine gesicherte Zukunftsperspektive zu haben und dass diese vom Staat für sie ausgesucht werden können. Das bedeutet, dass sie vielleicht aus einer Auswahl wählen können, aber auch nur ein beschränktes Angebot erhalten können.

Ich hätte übrigens gern jemanden, der das mal nachrecherchiert… danke.

Zement für die bröckelnde Wirklichkeit

Im Nachgang dieses Artikels kam in einer Unterhaltung auf, warum es eigentlich so viele Menschen in den sozialen Netzen gibt, die weder sich selbst noch die Welt reflektieren können und ob man das nicht in der Schule lernen sollte.

Die Kurzantworten dazu wären: nein und ja

Lang ist es natürlich, wie immer, komplex. Den Mangel an Selbstreflexion an Bildung fest zu machen ist sicherlich logisch und auch erstmal richtig. Darum geht es gleich. Doch vorher sei der Hinweis gestattet, dass es unheimlich schwer ist, seinen Blick immer oder auch nur manchmal über den Tellerrand der eigenen Erfahrung zu heben. Wir konstruieren uns unsere Welt aufgrund der eigenen Erfahrungen und diese konstruierte Wirklichkeit, ist wirklicher als das, was wir als real existierend wissen. Deswegen kann es durchaus sein, dass Menschen in sozialen Medien, die eigentlich auch nur Echokammern für die eigene Befindlichkeit und Weltkonstruktion sind, noch weniger an ihrem abstrakten Wissen über das, was wahr ist, interessiert. Für sie ist ihre Weltkonstruktion wahrer. Also kann man da nicht unbedingt davon reden, dass die alle ungebildet sind.

Doch nun zur Frage, ob man in der Schule lernen sollte, wie man die Welt kritisch hinterfragt. Das ist generell erstmal Bildungsaufgabe. Steht auch so in allen möglichen Verfassungen und Gesetzen. Doch, da hört es dann auch auf. Denn die Anforderungen an das Schulsystems und seine Struktur sind für eine Umgebung, in der man sich kritisch mit der Welt auseinandersetzt nun eher so kontraproduktiv. Das Schulsystem wurde geschaffen um Beamte und Angestellte auszubilden. Die grundlegenden Prinzipien sind nicht die der Wissenschaft, also kritisches Hinterfragen, sondern welche, die darauf beruhen objektives Wissen effektiv zu vermitteln. Dafür ist aber kritisches Hinterfragen natürlich Gift, weil sich das einfacher gestalten lässt, wenn die Menschen, die das Wissen, das an sich ja wissenschaftliche generiert wurde, empfangen dies möglichst widerstandsfrei und originalgetreu machen. Das wird im dreigliederigen Schulsystem in unterschiedlicher Stärke getan. Ja grundlegender die Schulart und je niedriger die Klasse, desto mehr wird Wissen einfach erklärt und davon ausgegangen, dass es aufgenommen wird. Das Warum kommt später und ist „zu kompliziert“. Was in der Zwischenzeit passiert ist aber, dass Schulen den Kindern und Jugendlichen eine Verhaltensweise anerziehen, die eben kritikfeindlich ist. Ironischerweise wird erwartet, dass ab einem Alter von ca. 13-15 die Schülerinnen und Schüler anfangen über Fragen und Inhalte nachzudenken und zu reflektieren. Genau das, was man ihnen vorher aberzogen hat. Die Schwelle für das Bestehen von Abituren durch reines Lernen ist aber nicht hoch genug, dass man überhaupt denken lernen muss. Sogar an Universitäten wird stumpfes Repetieren mehr unterstützt als Denken.

Und so kommt es, dass kritisches Denken maximal an der Universität vermittelt wird, aber auch dort nicht mehr nötig ist, um einen Abschluss zu bekommen. Schulen können das ihrer Struktur nach gar nicht leisten und widerstehen auch schon seit langem jedem Versuch diese Struktur zu verändern. 

Der kurze Rant am Morgen… (Englischlehreredition)

Liebe Leserschaft!

Erinnert ihr euch noch an die ersten Englischstunden in der 5. Klasse? Habt ihr da auch gelernt, dass ich habe im Sinne von besitzen have got bedeutet? Ja? Gut. Dann erkläre ich mal, warum die Art, wie das Schülern beigebracht wird einfach nur behämmert ist.

Der Fremdsprachunterricht hat ja so die Idee, dass man Leuten Regeln gibt nach denen sie die Sprache lernen, wenn diese Regeln richtig angewendet werden. Das allein ist natürlich Quatsch. Also das mit den Regeln und das mit dem richtig anwenden. Doch, Didaktik macht die Welt einfach, also kann man das akzeptieren.

Doch selbst dann ist es absolut hirnrissig Schülerinnen und Schülern have got einfach so als Regel beizubringen. Warum? Weil es eben nicht bedeutet, dass man etwas hat, sondern dass man etwas in der Vergangenheit bekommen hat und es immernoch besitzt. Das ist inhaltlich dasselbe grammatikalisch, aber eine komplett andere Struktur. Also, am Beispiel:

I have got a pencil case.

I have a pencil case.

Heißt beides, dass ich ein Federmäppchen habe, also besitze. Das eine ist aber das present perfect von to get und das andere ist das simple present von to have. Letzeres wird übrigens mit don’t verneint und nicht als haven’t, weil haven’t nur als Verninung funktioniert, wenn have als Hilfsverb gebraucht wird. Kompliziert genug?

So, present perfect zeigt an, dass etwas in der Vergangenheit passiert ist und einen Einfluss auf die Gegenwart hat. Das funktioniert also für besitzen bei Gegenständen, aber nicht für sowas wie Krankheiten. Da ist das nicht to get sondern to have:

I have had a flu.

 Also, wird dem unbedarften Menschen, der die Sprache neu lernt einfach mal eine grammatikalische Form untergeschoben, die dann erst in der 6. oder 7. Klasse erklärt wird. ((Weil die Zeitformen sind SO schwierig, dass man das nicht einmal mit Sinn und Struktur machen kann.)) Und das führt dann zu lustigen Langzeitkonsequenzen: nämlich, dass dann Schülerinnen und Schüler versuchen aus diesem have got, das da mal ohne Kontext gelernt wurde lustige Formen abzuleiten, oder aber es einfach in Sätze reinballern, in denen past steht oder ähnliches. Und warum? Weil irgendein Vollidiot immer noch der Meinung ist, dass man Kindern einfach Sachen erzählen kann, die das zu lernen haben und das dann schon funktioniert. Anstatt kognitive Inhalte, wie Sprachregeln, kognitiv zu vermitteln und Strukturen klar zu machen, wird hier rumgemauschelt und Fehlerquellen geschaffen, die es gar nicht bräuchte.

Über die bröckelnde Wirklichkeit

Es heißt ja so schön, dass die moderne Technologie die Welt entzaubert und uns immer mehr Wahrheiten zeigen kann. Information ist unheimlich schnell und kann immer ungefilterter wahrgenommen werden. Das ist jedenfalls das Märchen, das sich da gegenseitig erzählt wird und das nur für wenige Menschen an sich wahr ist. In Stefan Schulz’ Buch Redaktionsschluss stellt er die Frage, ob und wie wir uns eigentlich noch darüber verständigen können, was uns betrifft. Paraphrasiert ist das die Frage nach der gesamtgesellschaftlichen Realitätskonstruktion, die durch Medien und gegenseitige Erzählung generiert wird.

Die wird eigentlich immer friedfertiger, weil der oder die Einzelne in der Facebooktimeline nur noch Sachen findet, die die eigene Realitätskonstruktion unterstützt und bevorzugt alles wegfiltert was ein Ausloggen verhindern kann. Der Anwender denkt also, dass das was ihn betrifft alle betrifft und seine Meinung die Mehrheitsmeinung ist. Das scheitert nur, wenn die Benutzer aus ihrer Weltsicht heraus versuchen ihre nichtvorhandene Reichweite auf Facebook zu benutzen, um die „Andersdenkenden“, die solche Nachrichten gar nicht zu sehen bekommen zu bekehren oder wenn die eigene Blase aus sozialen Gründen Menschen beinhaltet, die eine andere Realität haben.

Letztere sind dann meist der rassistische Onkel, dessen NPD Beiträge man lesen muss und erstere die Veganer und Vegetarier, die anderen Veganern und Vegetariern die ganze Zeit gequälte Tiere zeigen, damit diese aufhören Fleisch zu essen. Daran kann man auch erkennen, dass Realität für viele nur noch in Medien existiert und die meisten Menschen sich nach einer heilen Welt sehen, die ihnen digital vorgegaukelt wird und dann in einer massiven kognitiven Dissonanz mit der wahrgenommenen Realität endet, die sich dann halt auch entlädt. Dabei ist die Wirklichkeit, die uns verbindet meist ganz anders strukturiert als die Geschichten, die man sich erzählt und die Frage, was das Gute ist, hängt dann doch sehr von der eigenen Weltkonstruktion ab. Was dann passiert kann man sich nun immer wieder ansehen. Alle wollen nur das Gute, aber das gibt es nicht, denn die Welt ist komplex und wird nicht mehr verstanden. Stattdessen stehen sich Menschen mit ihren partikularen Weltkonstrukten gegenüber und schreien sich gegenseitig in Unverständnis an. Und weil es so schön ist, gibt es jetzt mal das aktuelle Beispiel.

Panama und Böhmermann, Edogan und PEGIDA, AfD und GEZ

Was hat das alles miteinander zu tun? Wenig? Nichts? Etwas? Das ist alles Realität, aber erstmal die groben Fakten. ((Details interessieren uns hier nicht. Die lenken eh nur ab.))

Die Fakten

Die Panamapapers sind das Ergebnis einer einjährigen Recherche von Datenleaks aus einer Anwaltskanzlei, die Briefkastenfirmen in Panama besorgt hat. Das Ergebnis ist erstaunlich: die Reichen haben Briefkastenfirmen und hinterziehen damit vielleicht(!) sogar Steuern. 

Jan Böhmermann hat den türkischen Staatspräsidenten Erdogan (und die komplette Türkei) in einem Schmähgedicht mit metaphorischer Gülle übergossen und vorher gesagt, dass man das nicht darf. Das ZDF hat das gelöscht, die Staatsanwälte ermitteln.

PEGIDA steht regelmäßig auf allen möglichen Plätzen und hetzt mehr oder weniger offen gegen die regierende Politikerkaste. Die selbe Gruppe an Menschen wählt die AfD und hofft, dass Politik mit dieser wieder ehrlich wird.

Dazu betiteln sie die Medien gerne als Lügenpresse, was dann AfD Europaparlamentarierin Beatrix von Storch ein gepfändetes Konto beschert, weil sie zwar bei Anne Will sitzt, aber das eigene Honorar nicht mitbezahlen möchte.

Die Sichtweisen

Bei den Panamapapers sind sich alle einig, dass sowas ((das ist nicht näher definiert)) nicht okay ist. Was immer das auch sein mag. Hier eine kurze unvollständige Liste:

  • Briefkastenfirmen an sich
  • Der Großkapitalismus
  • Steuerhinterziehung allgemein
  • Steuerhinterziehung des Cellisten von Vladimir Putin
  • Dass die da oben mit allem durchkommen
  • die Presse eh wieder lügt
  • bekannt wird, wer Briefkastenfirmen hat
  • in Idomeni Menschen sitzen und uns das hier interessiret
  • die immer noch alle Fleisch essen!
  • sinnloser Datenjournalismus ohne das Aufdecken einer Struktur

Im allgemeinen kann man hier sehr gut seine ungerichtete Unzfriedenheit gut wiederfinden. Es gibt nahezu niemanden der die Komplexität des Materials versteht und die Frage, wo eigentlich der Nachrichtenwert ist, also jetzt mal jenseits der SZ, die sehr viel Papier und Klickwerbung verkauft hat in den letzten Tagen. Das Ergebnis und die Wirkung dieses „größten Leaks in der Geschichte des Journalismus“ werden wohl in einem halben Jahr mit dem Wort „überschaubar“ gewertet werden. Sicher ist nur eins, man konnte sich empören, konnte sich ablenken und Gerechtigkeiten fordern, die dann nicht geliefert werden.

Zu Jan Böhmermann gibt es eher so Aussagen, dass es doch nicht sein kann, dass:

  • jemand das nicht lustig findet
  • jemand das lustig findet
  • jemand sich dadurch beleidigt fühlt
  • jemand sich nicht dadurch beleidigt fühlt
  • Satire alles können sollte
  • Satire nicht alles können sollte
  • das keine Kunst ist
  • das Kunst ist
  • Böhmermann angeklagt wird
  • Böhmermann nicht angeklagt wird
  • Erdogan das Ziel von Beleidigungen ist
  • Erdogan nicht das Ziel von Beleidigungen ist

Was dabei komplett verloren ging sind zwei Fragen, die mich hierzu auch umtreiben: 

Erstens wie möchten wir überhaupt miteinander kommunizieren. Kritik und Meinungsäußerung gegenüber Politikern ist nötig, sinnvoll und wichtig für eine Demokratie ((Siehe dann auch den nächsten Teil…)). Doch nur einfach nur Leute anpissen, ja auch mit der ironischen Brechung vorneweg, dass man sagt, dass es verboten ist, zeigt dann doch eine Art der Kommunikation, die einfach Beifall bekommt, aber von der niemand Ziel sein möchte. Deswegen gibt es Regeln, die bestimmte Arten von Äußerungen justiziabel machen. Dazu haben wir eh kaum eine moralisch bessere Position gegen Erdogan, kurz nachdem der uns vertraglich zugesichert hat uns schön die ganzen flüchtenden Syrer und Syrerinnen vom Leibe zu halten.

Das zweite ist die Frage, wer da eigentlich das Ziel der Aktion war. Immerhin haben sich viele Menschen dazu geäußert. Böhmermann ist, auch hier, Thema, aber ist es nicht auch die eigene Bigotterie in Deutschland? Zum einen haben wir Beleidigungsgesetze, zum anderen scheint es für Böhmermann nur soviel Zustimmung von den billigen Rängen zu geben, weil er einen aufgebauten Feind der Demokratie als Ziel hatte. Erdogan ist also das Ziel und als solches akzeptabel, weil er selbst eher zum Großherrschergebahren neigt. Wenn das Ziel die Bundeskanzlerin ist, ist es nicht mehr okay.

Das merkt man dann bei PEGIDA oder Beatrix von Storch. Die wollen ja die Kanzlerin gern im Gefängnis oder der Irrenanstalt sehen. Das ist natürlich überhaupt nicht okay für die mit leichtem Merkelfetisch ausgestattete Mehrheitsgesellschaft. Doch: die Kanzlerin darf auch öffentlich so angegangen werden. Interessieren tut sie das eh nicht und die Meinungsfreiheit deckt halt auch den Wunsch, den politischen Gegner ins Sanatorium zu schicken. Doch hier wird dann wieder die Abneigung groß. Das ist das dunkle Deutschland, weil ja der Rest das Licht gesehen hat. Im Schatten rotten sich dann die Zurückgelassenen und Enttäuschten zusammen und sind der Meinung die regierende Elite gehört ins Gefängnis, genauso wie die angeblich Mitte der Gesellschaft das mit Erdogan macht.

Doch eines aus der Liste führt den „Dunkeldeutschen“ mit dem „Lichtdeutschen“ zusammen: der Rundfunkbeitrag. Denn egal, wieviel Fernsehen sich der Einzelne da antut, wie sehr er am Montagabend Lügenpresse ruft und wie oft er indiskutabel schlechte Tatorte sieht, sie alle finden, dass sie nicht dafür bezahlen sollten. Schon gar nicht so viel!

Synthese

Und damit kommt die Frage zurück, die am Anfang stand. Schaut man sich die ganzen Listen und Erläuterungen an, fällt auf, dass Einigkeit eigentlich nur noch auftaucht, wenn es irgendwie eine viable Realitätskonstruktion gibt, die alle aufgrund der universellen Viabilität vereint. Wir können uns noch darauf einigen, dass die Sonne scheint und Bus zu spät kommt. Alles andere ist nur noch in Gruppen von Meinungen zu sehen und verhandelbar. Eine einheitliche Erzählung, was der Gesellschaft wichtig ist, wird immer schwieriger zu gestalten, dabei geben uns die ganzen Themen von oben durchaus einen Weg vor.

Lösungsmöglichkeiten

Denn es gibt eine Art, wie man die ganzen zersplitterten Gruppen wieder einfangen kann: in dem man versucht wieder in einen Dialog zu kommen. Dazu braucht es aber Stellen, die nicht aufgeladen sind, die nicht direkt und nicht medial sind. Und es braucht Energie, denn den anderen mit seiner anderen Meinung zu ertragen ist schwer, wenn das Welterlebnis uns immer wieder bestätigt, dass sich alles nur um uns dreht. Gelingt es nicht das zu Überwinden, bleibt irgendwann nur noch der Sonnenaufgang, der uns verbindet und selbst über dessen Bedeutung kann man streiten.

A Conversation with a Caterpillar

Heute ging auf twitter das Alice in Wonderland Fandom rum und mir fiel dann ein, dass ich doch mal diesen Text über die Unterhaltung zwischen der Raupe und Alice schreiben wollte.

Wir fangen mal mit dem Text an und bewegen uns dann von ihm weg.

The Caterpillar and Alice looked at each other for some time in silence: at last the Caterpillar took the hookah out of its mouth, and addressed her in a languid, sleepy voice.
‚Who are YOU?‘ said the Caterpillar.
This was not an encouraging opening for a conversation. Alice replied, rather shyly, ‚I—I hardly know, sir, just at present—at least I know who I WAS when I got up this morning, but I think I must have been changed several times since then.‘
‚What do you mean by that?‘ said the Caterpillar sternly. ‚Explain yourself!‘
‚I can’t explain MYSELF, I’m afraid, sir‘ said Alice, ‚because I’m not myself, you see.‘
‚I don’t see,‘ said the Caterpillar.
‚I’m afraid I can’t put it more clearly,‘ Alice replied very politely, ‚for I can’t understand it myself to begin with; and being so many different sizes in a day is very confusing.‘
‚It isn’t,‘ said the Caterpillar.
‚Well, perhaps you haven’t found it so yet,‘ said Alice; ‚but when you have to turn into a chrysalis—you will some day, you know—and then after that into a butterfly, I should think you’ll feel it a little queer, won’t you?‘
‚Not a bit,‘ said the Caterpillar.
‚Well, perhaps your feelings may be different,‘ said Alice; ‚all I know is, it would feel very queer to ME.‘
‚You!‘ said the Caterpillar contemptuously. ‚Who are YOU?‘

Alice in Wonderland by Lewis Carroll

So, wir bewegen uns da jetzt ein bißchen rum und machen Ebenen auf, und wieder zu.

Falsche Annahmen und Kommunikationszusammenbrüche

Die Kommunikation zwischen Alice und der Raupe ist irgendwie gestört und irgendwie auch nicht. Carroll hat sehr viel Spaß damit Sachen wörtlich zu nehmen, die metaphorisch gemeint sind um aufzuzeigen wie bekloppt die sozialen Konventionen in Sprache sein können. Alice ist durchgehend verwirrt vom Wunderland und hat mehrfach ihre relative Größe geändert, etwas, das Menschen normalerweise nicht tun. Raupen wiederum tun es den ganzen Tag zur Fortbewegung und so nimmt das Unheil seinen Lauf. Alice antwortet auf die erste Frage komplett selbstreferenziell und ab da geht’s bergab, weil die Raupe nicht anderes tut. Alices ungeduldiges „you see.“ funktioniert dann auch nicht, weil Raupen nicht sehen können und der letzte Versuch ihre Erfahrung über das Beispiel der natürlichen Entwicklung, die man so als Raupe durchmacht, ist dann auch zum Scheitern verurteilt. Während Alice sich nur auf ihre eigene Verwirrung und Erfahrung konzentriert, die sie über ihre eigene körperliche Identität zweifeln lässt, macht die Raupe dasselbe, allerdings bestätigen sie Alices Ausführung in der Normalität ihrer eigenen Erfahrung. Damit bricht die Kommunikation hier komplett zusammen.

Kindeserfahrungen und Albträume

Alice in Wonderland ist ein Kinderbuch und damit kann man auch darauf abstellen, dass Kindeserfahrungen im Mittelpunkt stehen. Für Alice scheinen Größen- und damit auch Perspektivänderungen sehr verwirrend zu sein. Das Wunderland wirkt manchmal nahezu albtraumhaft in seiner Enttäuschung aller Erwartungen an die Welt, die man gerade erst entwickelt hat. Doch sind diese Veränderungen nicht auch die Erfahrung von Kindern? Größenänderung, eine Welt, die ihre Erwartungen an einen immer wieder ändert und in ihrer Komplexität erhöht, und eine dauerhafte Zunahme von sozialen Konstrukten, deren Realität nur auf der gegenseitigen Versicherung ihrer Existenz beruhen, sind hochgradig verwirrend für Kinder und die Welt der Erwachsenen vermittelt ihnen gerne mal, dass das alles nur an ihnen liegt, dabei sehen sie die Welt noch nicht durch die ganzen sozialen Filter, die wir im Laufe des Lebens erwerben und mit denen wir uns und allen anderen die Realität unserer Welterfahrung versichern.

Identität

Das bringt uns dann zum philosophischen Teil: die Frage nach der eigenen Identität, die Alice hier gestellt wird. „Who are you?“ fragt die Raupe und Alice antwortet aus einer reinen Körperlichkeit heraus, die sie an der Beantwortung der Frage scheitern lässt. Doch, wer sind wir eigentlich, wenn wir unsere physischen Dimensionen weglassen. Wer sind wir, wenn wir unsere Namen, diese von Fremden gegebenen Lautzuordnungen, weglassen? Was kann Alice also überhaupt antworten, worüber sie sich sicher sein kann? Die Raupe stellt also die Frage nach der eigenen Identität, die verloren geht, wenn wir uns der Welt nicht mehr sicher sein können. Die Antwort auf die Frage ist dann auch die Herausforderung vor der nicht nur Alice steht, wenn sie gefragt wird:

Who are you?

Aus dem Leben des Politiklehrers im Schuljahr 2015/16

Die heute-show hatte letztens so ein lustiges Bildchen, in dem davon geredet wird, dass wir Politiklehrer es so schwer haben werden unseren Schülerinnen und Schülern zu erklären, warum sich welche Politiker nicht wie die Parteienlegende verhalten, die sie vertreten sollen. Das ist natürlich nur ein dümmlicher Witz. Sowas interessiert mich schon lange nicht mehr. Deswegen möchte ich mal heute am 22. März 2016 kurz auflisten, worüber ich dieses Schuljahr schon mit meinen Schülerinnen und Schülern reden musste:

  • September 2015 Schuljahresbeginn
  • Stehende Themen: PEGIDA, AfD, Flüchtlinge, Syrienkrieg, Soziale Ungleichheit, Vorratsdatenspeicherung, Sicherheit und Überwachung
  • 13. November 2015 Anschläge in Paris
  • 17. November 2015 Absage eines Fußballsspiels inklusive Terrortheater
  • Landtagswahlen im März 2016
  • Amerikanischer Wahlkampf
  • EU Austritt Großbritanniens
  • 22. März 2016 Anschläge in Belgien

Ich weiß nicht, wie da draußen irgendjemand auf die Schnapsidee kommen kann, dass mich Parteipolitik noch interessiert. Ich habe jetzt zum zweiten Mal in ca. 6 Monaten damit zu tun Massenmorde zu erklären. Ich darf jetzt schon seit 6 Monaten PEGIDA und das Aufstreben der AfD erklären. Das bedeutet für junge Menschen, die heutzutage in einem Sturm von Informationen stehen und diese nicht einordnen können, Orientierung und Analyse zu bieten, Ängste einzufangen und zu reflektieren. 

Um es kurz zu sagen: der Politiklehrer ist derzeit hauptsächlich damit beschäftigt den Wahnsinn der Welt zu ordnen, zu analysieren und eine freiheitlich-demokratische Perspektive zu etablieren.

In welcher Partei welche Nase auf Grund ihres Verhaltens zu sein hat, ist nun wirklich scheißegal.

Wofür kämpfst du? Und wie?

Zu einem meiner Lieblingswerken aus den Dresden Files von Jim Butcher gehört die Kurzgeschichte „The Warrior“ aus der Sammlung Side Jobs. In dieser Geschichte geht es vordergründig um jemanden, der Harry Dresdens Freund Michael von einem selbsternannten Krieger des Guten bedroht wird. Doch die Action ist gar nicht so sehr die Sache der Geschichte. Für mich ist es das finale Gespräch zwischen Harry Dresden und dem Erzengel Uriel:

‚Courtney‘, Jake said. ‚The little girl who almost got hit by a car.‘

‚What about her?‘ I asked.

‚You saved her life,‘ he said. ‚Moreover, you noted the bruise on her cheek – one she acquired from her abusive father. Your presence heightened her mother’s response to the realization that her daughter was being abused. She moved out the next morning.‘ He spread his hands. ‚In that moment, you saved a child’s life, prevented her mother from alcohol addiction in response to the loss, and shattered a generational cycle of abuse more than three hundred years old.‘

‚I … um.‘

‚Chuck the electrician,‘ Jake continued. ‚He was drunk because he’d been fighting with his wife. Two months from now, their four-year-old daughter is going to be diagnosed with cancer and require a marrow transplant. Her father is the only viable donor. You saved his life with what you did – and his daughter’s life, too. And the struggle that family is going to face together is going to leave them stronger and happier than they’ve ever been.‘

I grunted. ‚That smells an awful lot like predestination to me. What if those people choose something different?‘

‚It’s a complex issue,‘ Jake admitted. ‚But think of the course of the future as, oh, flowing water. If you know the lay of the land, you can make a good guess where it’s going. Now, someone can always come along and dig a ditch and change that flow of water – but honestly, you’d be shocked how seldom people truly choose to exercise their will withing their lives.‘

I grunted. ‚What about second baseperson Kelly? I saved her life, too?‘

‚No. But you made a young woman feel better in a moment where she felt as though she didn’t have anyone she could talk to. Just a few kind words. But it’s going to make her think about the difference those words made. She’s got a good chance of winding up as a counselor to her fellow man. The five minutes of kindness you showed her is going to help thousands of others.‘ He spread his hands. ‚And that only takes into account the past day. Despair and pain were averted, loss and tragedy thwarted. Do you think you haven’t struck a blow for the light, Warrior?‘

‚Um…‘

‚And last but not least, let’s not forget Michael,‘ he said. ‚He’s a good man, but where his childrean are involved, he can be completely irrational. He was a hairbreadth from losing control when he stood over Douglas on the beach. Your words, your presence, your will helped him to choose mercy over vengeance.‘

I just stared at him for a moment. ‚But … I didn’t actually mean to do any of that.‘

He smiled. ‚But you chose the actions that led to it. No one forced you to do it. And to those people, what you did saved them from danger as real as any creature of the night.‘ He turned to look down at the church below and pursed his lops. ‚People have far more power than they realize, if they would only choose to use it. Michael might not be cutting demons with a sword anymore, Harry. but don’t think for a second that he isn’t fighting the good fight. It’s just harder for you to see the results from down here.‘

I swigged more Scotch, thinking about that.

‚He’s happier now,‘ I said. ‚His family, too.‘

‚Funny how making good choices leads to that.‘

Aus: Butcher, Jim. ‘The Warrior’ in Side Jobs. 2010.

Der wahre Kampf zwischen Gut und Böse findet also regelmäßig durch kleine Taten des Mitgefühls, des Mitleids und der Menschlichkeit statt. Sei es, dass man den Menschen an der Kasse des Supermarkts als Menschen anerkennt, seine Nachbarn grüßt und mit ihnen redet oder einfach nur einer alten Dame mal über die Strasse hilft. Einfache Akte der Menschlichkeit machen also einen Unterschied und zwar mehr als man das denkt. Es sind nämlich diese Akte der Menschlichkeit, die sich multiplizieren. Und wie kalt und furchtbar die Entmenschlichung anderer Personen durch Selbstzentriertheit sein kann beschreibt Brené Brown sehr gut:

[…]On the way home, I stopped at Barnes&Noble to pick up a magazine. The woman ahead of me in line bought two books, applied for a new „reader card,“ and asked to get one book gift-wrapped without getting off her cell phone. She plowed though the entire exchange without making eye contact or directly speaking to the young woman working at the counter. She never acknowledged the presence of the human being across from her.

After leaving Barnes&Noble, I went to a drive-through fast food restaurant to get a Diet Dr. Pepper. Right as I pulled up to the window, my cell phone rang. I wasn’t quite sure, but I thought it might be Charlie’s school calling, so I answered it. It wasn’t the school – it was someone calling to confirm an appointment. I got off the phone as quickly as I could.

In the short time it took me to say, „Yes, I’ll be at my appointment,“ the woman in the window and I had finished our soda-for-money transaction. I apologized to the second I got off of the phone. I said, „I’m so sorry. The phone rang right when I was pulling up and I thought it was my son’s school.“

I must have surprised her because she got huge tears in her eyes and said, „Thank you. Thank you so much. You have no idea how humiliating it is sometimes. They don’t even see us.“

Aus: Brown, Brené. Daring Greatly. 2014

So wie wir Menschen im Alltag durch Missbilligung schädigen und durch einfache Gesten wieder zu anderen menschlichen Wesen machen, so ist jeder kleine Akt von Menschlichkeit ein Gegengift zu den psychischen Schäden, die eine immer anonymer werdende Gesellschaft an uns allen anrichtet. 

Das kann man auch in der Schule sehen. Die Schülerinnen und Schüler als Menschen wahr- und ernstzunehmen fällt als Lehrperson nicht immer leicht, weil man immer denkt, dass da je eine Gruppe vor einem sitzt. Es ist aber keine Gruppe, es sind Individuen in einem Raum und jede Interaktion mit einem davon ist eine öffentliche zwischen einem selbst und dem Individuum gegenüber. Es gibt nicht „die Klasse“, es gibt nur die Menschen, die da drin sitzen. Bricht man dann eben diese Gruppensicht auf, dann kann man auch pädagogisch was erreichen. Das Ernstnehmen von Menschen als Menschen ist der Beginn davon etwas für diese Welt zu tun.

Doch es gibt neben dem grundsätzlichen Gedanken etwas dafür zu tun, dass die Welt ein besserer Ort wird, noch eine weitere Dimension, die philosophisch immer dazu gehört: die Frage nach der Art und Weise, in der man mit anderen Menschen interagiert und daran angeknüpft die Frage des Zwecks. Beides hängt zusammen. Der Zweck diktiert nämlich die Art und Weise, wie man interagiert. Eine positive Interaktion kann eigentlich nur erfolgen, wenn der Zweck an sich auf die Person bezieht und nicht auf sekundäre Motive. Wenn das Ziel einer Interaktion nicht die Bereicherung des Lebens aller Personen ist, die daran beteiligt sind, dann wird da auch nix besser.

Und so muss man sich auch immer die Frage stellen, welcher Modus der richtige ist und ob das eigene gut gemeinte Handeln auch eine gute Wirkung entfaltet. In der Folge One Day, One Room von House. M.D. sieht sich der Hauptcharakter einer jungen Frau gegenüber, die vergewaltigt wurde und nun beruhend auf ihrem Glauben das Baby behalten möchte. Durch ein – für House uncharakteristisches – persönliches Öffnen bekommt er sie dazu ihre Geschichte zu teilen und das Kind abzutreiben. Ganz am Ende der Folge findet dann folgender Dialog statt:

Cuddy: She’s gonna be OK.

House: Yeah, it’s that simple.

Cuddy: She’s talking about what happened. That’s huge. You did good.

House: Everyone will tell you: That’s what we gotta make her do. We gotta help her, right? Except we can’t. Instead, we drag out her story and tell each other that’ll help her heal. We feel real good about ourselves. Maybe all we’ve done is make a girl cry.

Wilson: Then why did you…?

House: Because, I don’t know.

Wilson: You gonna follow up with her?

House: One day, one room.

House M.D. Season 3/12 One Day, One Room

Die zentrale Frage ist also auch immer, wie wir etwas tun und für wen es ultimativ getan wird. Wird es getan, damit wir uns gut fühlen? Wird es vielleicht nur getan, um aus der Geschichte einen Gewinn zu schlagen, egal ob monetär oder moralisch? Oder damit danach darüber erzählt werden kann, wie gut man selbst ist?

Hier kommt eine Unterscheidung ins Spiel, die immer wieder sehr wichtig ist. Gut und böse sind keine inherent moralischen Kategorien, die moralischen Kategorien sind richtig und falsch. Eine gute Handlung ist nicht unbedingt richtig. Ganz im Gegenteil gut war sehr oft schon die Begründung dafür Dinge zu tun, die schlicht falsch sind. Und am Ende ist die Frage, ob man sich am Ende des Tages im Spiegel ansehen kann, wichtiger als der Ruhm, den man dafür bekommt die Geschichte eines Menschen ans Tageslicht gezerrt zu haben, oder darauf hingewiesen zu haben, wie gut man selbst ist.

Also, die Welt ist dunkel und wir sollten alle unsere Lichter entzünden, damit sie etwas heller wird. Doch wenn es nur darum geht, dass wir im Licht besser zu sehen sind, dann zeigen wir niemandem den Weg und bleiben ewig stehen.

Contagion II – Die Sicht meiner Schülerinnen und Schüler

Ihr erinnert euch an diesen Aufsatz, den ich für die Schule geschrieben habe? ((Die Schülerschaft, (HALLO!) hat den Eintrag mit Humor und Gewinn gelesen.)) Ich korrigiere mich heute morgen durch die verschiedenen Aufsätze, die mir abgegeben wurden und ich möchte hier die verschiedenen Assoziationen, die so geäußert werden, sammeln und vielleicht etwas kommentieren. Ich werde mich nicht über Sprache oder sowas äußern oder Namen nennen. Es geht darum, mal zu zeigen, was den Schülerinnen und Schülern so alles einfällt.

„But where does contagion end and art begin?“

  • Es geht hier um die Frage, inwiefern die künstlerische Darstellung in Werbung unser Gehirn mit Ideen infiziert, die wir nicht haben wollen, aber zum Konsumieren haben sollten. Die Kunst wird also als Mittel der Infektion mit Kaufwünschen und Ideen der Wirtschaft gesehen und behindert das unbeeinflusste Leben.
  • Kunst ist nur Kunst, wenn sie einhundertprozentig aus einem selbst erwacht. Man fängt mit Imitation an, aber infiziert sie mit der eigenen Persönlichkeit, damit sie irgendwann die eigene Kunst wird. Kunst ist also eine Infektion alter Kunstprodukte mit der eigenen Weltsicht. – Nicht schlecht, ich würde aber behaupten, dass da wenig neues entsteht, weil unsere Individualität selbst kulturell determiniert ist. Es ist alles ein riesiger Remix.
  • Schlechte Kunst (Rapmusik) infiziert junge Menschen mit blöden Ideen und weil die ungebildet sind, und die werden kriminell, weil sie Blödsinn erzählt bekommen. – Diese Sichtweise funktioniert immer von einer selbst angenommenen „höheren Warte“ gegenüber wahrgenommenen niedergestellten Menschen.
  • Kunst ist mehr als ein Medienprodukt. Sie kann nur von Menschen hergestellt werden, und ist nicht nur Ergebnis unserer Fantasie, sondern inspiriert diese weiter. Kunstprodukte werden heutzutage wie Viren übertragen, aber verursachen nichts in uns. Erst wenn ein Kunstprodukt etwas in uns verursacht wird es zu Kunst, vorher ist es einfach nur eine Art kulturelle Krankheit, die man sich eingefangen hat. – Dann ist Kunst im übrigens als Kategorie so individuell, dass sie nicht mehr definiert werden kann.
  • Kunst ist ein dauerhafter Ansteckungsprozess zwischen Künstlern, der Welt und der Gesellschaft. Wahre Kunst entsteht durch das Vermischen von geschichtlicher Information, eigenen und fremden Erfahrungen und schafft dadurch eine neue Erfahrung. Kunst ist also eine ansteckende mentale „Krankheit“, die sich immer wieder neu mutiert. – Joa. Doch. Gut!
  • Globalisierung führt dazu, dass unsere Kultur mit anderen kulturellen Artefakten infiziert wird und sich dadurch neue Kunst in unserer Kultur bildet. Wenn aus der Imitation fremder kultureller Artefakte Neues geschaffen wird, dann ist das Kunst.

„But where does contagion end and art begin?“

Okay. Hier mal, etwas eher eigenartiges. Die Vorklasse BOS liest mit mir derzeit ein Buch. Okay, nein die Schülerinnen und Schüler lesen das Buch und ich stelle neumalkluge Fragen dazu. Um sie darauf vorzubereiten, haben wir die Kurzgeschichte „How to Talk to Girls at Parties“ von Neil Gaiman gelesen.

Und in dieser kommt das Zitat aus der Überschrift vor. Es wird von Triolet, einem lebenden Gedicht gesagt und weil ich manchmal ein absolut herausfordernder sadistischer Sack sein kann, mussten die Schülerinnen und Schüler dazu einen freien Aufsatz schreiben. Allerdings wurde von mir verlangt, dass ich auch einen schreibe, allein schon um zu zeigen, dass es geht. Und weil ich es lustig finde, bekommt ihr das jetzt auch zu lesen. 

„But where does contagion end and art begin?“

Have you ever thought that you cannot get a song out of your head? It is even possible to have you mentally listen to a song by just writing down the words ‘Dschingis Khan’, ‘Atemlos durch die Nacht’ or ‘The Final Countdown’. Art and culture are, in the best sense, contagious diseases that we as people share and pass down.to our descendants.

In his book The Selfish Gene the famed biologist Richard Dawkins created the idea of the meme being a piece of cultural knowledge that passes from one individual to another. The way these pieces of cultural knowledge are transmitted are plentiful, but most of the ways have one common denominator: art. Art is the virus that plants the new memetic information in our brains and even the act of implanting that information can itself be art. Thus every piece of art can be seen as a mental and cultural virus that infects the brains coming into contact with it and it can even mutate into new pieces of art based on the cultural memetic makeup of its new recipient. This leads to new forms of art which then can be spread through cultural spaces again.

This process as magnificent it sounds is also deeply troubling to certain people. They, as the advocates of genetic purity, claim that new cultural ideas, especially from foreign cultures are quite literally endangering the memetic purity of the culture and pose a grave threat to the culture itself by changing or mutating it into something that is sick and unhealthy, or so the logic goes.

But as with evolution which shows that adaptation through change is the only way to survive in an everchanging world, cultural change may be the only way how humanity as a cultural body can survive. By getting infected with different and new cultural knowledge there is the opportunity of cultural adaptation and in this lies the hope for the survival of humanity.