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Das Gendernarrativ

Es gibt eine Zweiteilung der Wissenschaften in empirische Wissenschaften und das, was man eher als Geisteswissenschaften kennt. Erstere beschäftigen sich mit empirischen ((empirisch: sinnlich erkennbar und erfassbar, messbar)) Erkenntnissen. Dazwischen stehen irgendwo die Sozialwissenschaften, die durchaus empirisch forschen, aber halt auch geisteswissenschaftliche Theoriebildung betreiben.

Die wohl herausragendste Form moderner Geisteswissenschaften, die sich gern auch als Sozialwissenschaft geriert, es aber viel zu oft nicht ist, ist die Genderforschung. Ausgehend von der gesicherten Erkenntnis, dass Frauen gegenüber Männern in unserer Gesellschaft strukturell benachteiligt sind, entwickelte sich eine ganze Forschungsrichtung, die theoriebildend über Strukturen und Formen von Geschlechterungerechtigkeit arbeitet. Im Rahmen dessen fiel dann auf, dass es noch mehr Ungleichheiten in dieser Welt gibt, nämlich nach Abstammung, sozialem Status und so weiter. Das sind jetzt eigentlich keine neuen Erkenntnisse. Was die Genderforschung und angeschlossene Forschungsrichtungen allerdings problematisch macht, ist die Axiomatik, die ihren Ideen anhängt. Doch bevor ich darauf zurückkomme, hier ein Exkurs über Konstrukte.

Exkurs: soziale Konstrukte und Macht

In der Psychologie und Philosophie hat sich seit den späten 90er Jahren die Denkrichtung des Konstruktivismus etabliert. Ausgehend von der Erkenntnis, dass das menschliche Gehirn Realität immer interpretiert und Wissenserwerb durch die Verarbeitung von Reizen entsteht, postulierten verschiedene Schulen der Philosophie, dass die Menschen an sich keinen echten Zugang zur Realität haben, sondern diese immer zu einem bestimmten Grade konstruieren.

Diese Idee wurde auch in den Sozialwissenschaften aufgegriffen und auf soziale Normen und Regeln angewandt. Soziale Strukturen, die den Menschen als absolut vorkommen werden durch Sprache und Verhalten der Gesellschaft konstruiert und für real betrachtet, dabei sind sie nur geistige Konzepte. Ideen, die einmal in der Welt sind bestimmen auf einmal das Handeln ganzer Generationen, für die sie als reale Bedingungen der Welt gelten. Beispiele hierfür ist die Eugenik, aber auch Sozialismus und romantische Liebe ((Ja, das ist sozial konstruiert. Es gibt Menschen auf dieser Welt, die nicht verstehen können, dass man sich ineinander verlieben muss, damit man eine Beziehung eingeht.)). Alles sind Ideen, die wirkmächtig sind und waren, und die erst erdacht werden mussten. Trotzdem binden diese Ideen unser Denken. Es scheint so zu sein, dass das Denken außerhalb etablierter sozialer Konstrukte, je nach Kontext bis zum Ausschluss aus sozialen Gruppen sanktioniert wird. Dazu entstehen diese Konstrukte dadurch, dass Menschen einfach Sachen daherreden können. Das bedeutet, dass wenn man oft genug denselben Schwachhsinn erzählt, dieser ein soziales Konstrukt wird.

Das bedeutet dann, dass die Menschen, die diese Konstrukte erfunden haben oder vertreten, eine automatische Diskurshoheit und damit Macht über andere Menschen haben. Durch die Möglichkeit zu bestimmen, was gesagt werden kann, kann man langfristig sogar bestimmen, was gedacht werden kann oder darf. ((Aber das wusste schon George Orwell.)) 

Genderforschung und Genderkampagne

Die Genderforschung an sich ist erstmal keine schlechte Idee. Ausgehend von empirisch erfassbaren sozialen Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern entwickelte sich eine Forschungsrichtung, die versuchte diese zu erfassen und darzustellen. Und dann wurde es geisteswissenschaftlich-esoterisch. Auf einmal wurde alles unter die Genderlampe gehalten und mit Gewalt versucht die auf einmal wahrgenommenen Ungleichheiten auszugleichen. Die Sprache wurde dekonstruiert, weil man dachte, dass dies auch die Gedanken ent-genderisiert. Es wurden neue Begriffe für Sexualität eingeführt, damit es eine Systematik in einem Kontinuum gibt und die Öffentlichkeit verschüttete Häme über dem verzweifelten Versuch mit akademischen Mitteln soziale Ungleichheiten aufzulösen.

Doch es gibt auch das Internet. Diese Möglichkeit für jede Minderheit gehört zu werden. Der schnelle einfache Zugang zum Diskurs, bei dem man dann durch die Eingeschränktheit der Kommunikationsmittel, noch viel einfacher eine Diskurshoheit erlangen kann, als das je zuvor möglich war. Und damit wurde aus der Forderung nach Gleichheit ein Mittel der Oppression. Gender wandelte sich von Forschung an Ungleichheiten hin zu Handlungsanweisungen zur Weltverbesserung. Es wird nicht mehr neutral erforscht, es wird politisch agiert. Theoretische Konzepte, die in den Geisteswissenschaften ungeprüft nebeneinander stehen können und diskutiert werden, werden auf einmal zu Fakten und zu Basis politischer Aussagen. Es wird davon ausgegangen, dass die vielfältigen Perspektiven, die in der Genderforschung existieren und entwickelt werden, alle sofort richtig, wirkmächtig und a priori sinnvoll und gut sind. Solche Nischenideen, wie die Neustrukturierung der Sprache, um Diskriminierung zu eliminieren ((Ein Idee, die nicht nur sprachwissenschaftlich Quatsch ist, sondern auch zeigt, dass ihre Vertreter nicht verstanden haben, dass Menschen Vorschriften zu machen, wie sie zu denken haben, meist nach hinten losgeht.)) oder aber die patronisierende Rücksichtnahme auf jede wahrgenommene Splittergruppe im LGBT Bereich, egal ob die Personen, die da dazugehören, sich überhaupt so sehen, werden verallgemeinert und als best practice in die Welt hinaus geblasen um dann diejenigen zu shitstormen, die Zweifel anmelden. Damit wird aus dem berechtigten und notwendigen sozialen Konstrukt, dass wir Menschen ungeachtet ihres sozialen und biologischen Geschlechtes gleich behandeln sollen, eine Waffenkammer der sozialen Machtausübung. Es geht nicht mehr darum darauf hinzuweisen, dass die Geschlechterdimension wichtig ist und berücksichtigt wird, es geht darum, dass man sie benutzen kann, um unliebsame Aussagen und Personen mundtot zu machen und eine Welt zu generieren, in der Menschen aus vorauseilendem Gehorsam schon nichts mehr sagen.

Dieser Gehorsam ist aber komplett hohl. Und die Idee, dass wir die Welt zu einem besseren und vor allem freieren Ort machen, in dem wir die Meinung durchdrücken, die uns besser erscheint, zeigt nur, dass ein positives Menschenbild zu Terrorismus führt. Das starke Wollen, dass man so etwas gutes wie Geschlechtergerechtigkeit einfach so schafft, in dem man jetzt jeder Person sagt, dass sie es falsch macht und diese dann sofort erleuchtet ist, missachtet das Individuum absolut und lässt nach dessen Widerstand nur noch die Anwendung von Gewalt zu.

Geschlechtergerechtigkeit ist ein wichtiges Thema. Man ist sich nicht einmal einig, wie sie aussehen soll. Doch im Internet ist sie ein Mittel der Oppression geworden, von ihren Vertretern wie von ihren Feinden. 

Gerechtigkeit, Fairness und Freiheit

Ich sah mich letztens den mündlichen Gruppenprüfungen gegenüber und diskutierte dann mit Isa darüber, inwiefern das Auslosen von Gruppen besser ist als die Entscheidung, wer mit wem in eine Gruppe gehen sollte. Während die eigene Entscheidung der Schülerinnen und Schüler mehr Freiheit bedeutet war ich der Meinung, das ein Los entscheiden soll, weil dies fairer ist. Im Laufe der ganzen Diskussion habe ich mir noch einmal Gedanken über die zentralen Konzepte und deren Eigenschaften und Wertigkeit gemacht.

Freiheit

Freiheit wird gerne als ein grundlegendes menschliches Recht dargestellt, dabei ist Freiheit ein sehr zweischneidiges Schwert. Natürlich möchten möglichst viele Menschen möglichst frei entscheiden können, was sie tun, was sie betrifft und wie sie ihr Leben gestalten. Doch Freiheit an sich ist erst einmal komplett amoralisch. In einer sozialen Gruppe Freiheit als Hauptwert anzunehmen bedeutet die  totale Auflösung dieser Gemeinschaft, denn die Freiheit des Individuums endet an der eines anderen. Wenn immer davon geredet wird, dass unsere Freiheit beschützt werden muss, in dem mehr Regeln für das Gemeinwesen eingeführt werden, dann ist die Freiheit als Wert schon tot. Sie ist an sich wertvoll, zählt sie doch zu den menschlichen Grundbedürfnissen, aber als hauptsächlicher Wert eines Gemeinwesens ist sie schwierig, denn Menschen sind nicht gleich und ihre Fertigkeiten und Fähigkeiten sind nicht gleich verteilt. Das bedeutet dann, dass größtmögliche Freiheit automatisch auch keinerlei Gleichheit garantiert und das könnte für den sozialen Frieden problematisch sein. Also braucht es auch noch andere Prinzipien.

Gerechtigkeit

Gerechtigkeit schein da das erste Prinzip zu sein, dass vielen Menschen zuerst einfällt um zu entscheiden, wieviel Freiheit wir zulassen. Es ist auch das Wort, das sofort im Mund geführt wird, wenn es um Strafverfahren und Bestrafung anderer und der Nicht-Bestrafung von einem selbst geht. Gerechtigkeit ist eine sehr persönliche Sache. Sie hängt direkt mit unseren persönlichen Einstellungen zur Welt zusammen. Wir empfinden Gerechtigkeit unterschiedlich und halten sie gerne für absolut, aber das stimmt nicht. Schon Aristoteles unterschied verschiedene Arten von Gerechtigkeit, die davon abhängen, ob man eine soziale Hierarchie annimmt oder nicht. Allein die Wikipedia hat zum Thema Gerechtigkeit eine lange Liste von verschiedenen Auffassungen was Gerechtigkeit ist. Das Problem ist also, dass Gerechtigkeit nicht wirklich definiert ist und damit natürlich auch schwierig als ein verpflichtendes Kriterium für die Erlangung sozialen Friedens und größtmöglicher Freiheit gesehen werden kann. Denn diejenigen, die Vorteile von viel Freiheit haben finden das viel gerechter als diejenigen die Vorteile von weniger Freiheit haben und andersherum. Gerechtigkeit existiert also nicht, wir bilden uns nur ein, dass die Welt gerecht ist, solange wir nicht negativ betroffen sind. Trotzdem müssen wir versuchen einen Modus zu finden, wie man Ungleichheiten zwischen Menschen ausgleicht.

Fairness

Auf die Frage, wie man Ungleichheiten ausgleicht, haben verschiedene Philosophien unterschiedliche Antworten. Die links-marxistische Antwort besteht darin, dass die Gesellschaft an sich zu einer mit mehr Gleichheit umgeformt wird und Ungleichheiten aktiv ausgeglichen werden. Das führt leider am Ende zu Oppression, denn Menschen sind inherent ungleich. Die konservative-rechte Meinung ist, dass das mit der Ungleichheit gut so ist, weil das zeigt wer die besseren Menschen sind. Die liberale Seite stellt sich auf eine mehr oder minder radikale Position von Chancengleichheit. Nach ihr sollen diejenigen, die gute Fähigkeiten besitzen möglichst weit kommen. Was mit denen wird, die nicht so viel Glück haben, steht auf einem anderen Blatt und hier muss die Gesellschaft im Bildungssystem und der Sozialstaat dafür sorgen, dass es einen Ausgleich gibt und dieser ist am Besten mit Wort Fairness  umschrieben. Ungleichheiten sind für Menschen erträglich, solange sie das Gefühl haben, dass sie grundlegend gleich also fair behandelt werden. Das kann man am einfachsten erreichen in dem man es halt einfach tut und das bedeutet zumeist klare sachbezogene Kriterien zu generieren und anzulegen und zufallsgenerierte Auswahlen zu bevorzugen. Denn nur, wenn niemand einen nachvollziehbaren Vor- oder Nachteil hat, und eine Entscheidung transparent ist, wird sie akzeptiert. Dann sieht sie der oder die Einzelne immer noch nicht als gerecht und es kann immer noch die Freiheit einschränken, aber es führt am Ende zu einem Konsens in dem man leben kann.

Wir erleben unsere Welt zu oft als ungerecht und wir erleben, dass wir in unserer natürlichen Freiheit eingeschränkt werden. Das ist der Hauptgrund, warum wir eine soziale Institution von Fairness haben müssen. Die Welt ist an sich unfair, also sollten wir wenigstens manchmal dafür sorgen, dass sie es sein kann.

korrigierender Nachtrag zu der Sache mit dem protestierenden Schüler

In meinem letzten Post habe ich mich ja diesem Vorfall gewidmet, der es mittlerweile auch auf die taz geschafft hat. Dazu habe ich noch einige korrigierende Bemerkungen zu machen. Zum einen sollte man sich folgenden Artikel der Lokalpresse durchlesen. Dieser Artikel bestätigt einige Vermutungen, die mir auch durch Quellen zugetragen worden, die an der Schule direkt anwesend sind.

Schulrechtliches

Also, das mit Art.84 BayEUG ist ein Grund, dass ich Schüler von der Schule schmeißen würde. Ich bin da überhaupt nicht kompromissbereit. Dass Lehrer sich nicht von dem Schüler überwältigen lassen sollten ist okay, wenn er Schüler überwältigt und mit seiner aus meiner Sicht verschrobenen Meinung überwältigen und beeinflussen will, kracht es. Gewaltig.

Hinzu kommt, dass der Schüler hier tatsächlich seien Pflichten verletzt hat. In diesem Alter darf er das Schulgelände nicht verlassen, auch nicht, wenn er krank geschrieben ist. Entweder er ist da oder nicht. Das bedeutet also, dass ein Verweis durch den Direktor allein dafür schon gerechtfertigt ist. Lehrerverweise gelten hierfür als zu schwach.

Der Lärm, der da in den linken Medien gemacht wurde, ist also leicht unbegründet. Allerdings kann man, gerade als bayerische, Schule nur verlieren. Der Beißreflex gegenüber ungerechten Lehrern und fiesen Kultusministerien ist so stark, dass sich die meisten der Beißenden nicht mit Schulrecht auseinandersetzen und Schulen eigentlich nur verlieren können. Das Schulrecht ist im übrigen nicht im geringsten schülerfeindlich, obwohl man es durchaus so einsetzen kann. Und auch das ist hier wirklich nicht passiert. Man hätte den Schüler auch rauswerfen und ihm damit eine komplette Bildungslaufbahn  berauben können. ((Die Wirtschaftsschule gehört zum Berufsschulwesen und bietet einen mittleren Schulabschluss, der einem die letzte realistische Möglichkeit zum Fachabitur oder Abitur ermöglicht.)) Das wollte man explizit vermeiden.

Politisches

Im Zentrum der ganzen Sache stehen für mich zwei Probleme:

  1. Wie soll man mit politisch radikalen Schülern umgehen?
  2. Wie soll man mit dem Wunsch von Polizei und Bundeswehr umgehen bei Berufswahlveranstaltungen als „Arbeitgeber“ aufzutreten?

Die erste Frage hatte ich schon angeschnitten: mit Dialog. Wir haben aber weniger Möglichkeiten auf solche Leute einzuwirken als man denkt. Dazu steigt die Menge an jungen Menschen, die eigentlich gar nicht mehr von ihren verworrenen Pfaden abzulenken sind. Das hier wäre nicht der erste verbrämte links-radikale Schnullermarxist, der Feinde an einer Stelle sieht, an der es keine gibt. Diese Weltsicht in der man nur von Feinden umgeben ist, ist auch in anderen Aktivismusformen verbreitet und immer dazu führt, dass diese Ideologien nicht mehr ernstzunehmen sind. Schule muss diese Leute aber ernst nehmen. Sie ist verpflichtet diese Menschen noch nicht aufzugeben, auch wenn man die Energie nicht verschwenden sollte. Trotzdem gibt es hier Grenzen und die werden in den harten Regeln des Schulrechts erreicht.

Die Bundeswehr und Polizei gelten heute als sehr nachgefragte Berufszweige. Die Unsicherheit, die junge Menschen heutzutage spüren, die Angst die eigene Existenz nicht sichern zu können treibt sie zum Beamtentum als letztem sicheren Platz und die Polizei und Bundeswehr nutzen das. Die Polizei weitaus weniger als die Bundeswehr, deren Bedarf an Soldaten nach dem Wegfall der Wehrpflicht immer schlechter gedeckt werden kann. Im CRE zur Bundeswehr wird schon mit Recht darauf hingewiesen, dass die Werbungsstrategie der Bundeswehr mit Jobchancen und guter Ausbildung irreführend ist für ein Militär. Man bekommt diese Ausbildung, aber im Wüstensand oder irgendwo im Wald und bevor man Ingenieur ist lernt man erst einmal Menschen erschießen, weil dafür haben wir ein Militär. ((Oder zumindest die Reste davon…)) Die Werbung der Bundeswehr ist somit unlauter.

Dazu widerspricht aus meiner persönlichen Sicht der Auftrag an mich den Aufträgen der Bundeswehr und der Polizei. Es ist nicht mein Job gute Soldaten und Polizisten zu bilden sondern mündige Menschen, die selbst entscheiden können, was sie möchten und wo sie in dieser Welt stehen. Wenn sie sich dann aus freiem Willen für einen Dienst in diesen Organisationen entscheiden, dann sei dem so, aber lasse nicht zu, dass diese Organisationen als Arbeitgeber auftreten, dabei sind sie eben keine normalen Arbeitgeber.

Kommentar zu „Schule gibt Verweis für Bundeswehrablehnung“

Twitter spülte mir heute eine mittlerweile depublizierte Meldung der jungen Welt in den Stream. Hierbei geht es um einen jungen Mann, der an einer bayerischen Wirtschaftsschule ein eher ungewöhnliches Erlebnis hatte, nachdem er sich kritisch gegenüber der Bundeswehr positionierte.

Hinweis: Ich schreibe hier das nieder, woran ich mich noch aus dem Artikel erinnern kann. Korrekturen zu Details sind erwünscht, sie machen einen Unterschied in der Bewertung aus.

Ich setze mich erst einmal mit der schulrechtlichen Seite auseinander, bevor ich etwas zum Konflikt sage, der da ausgefochten wird und wie man damit aus meiner Sicht umgehen sollte.

Schulrechtliches

Der 17-jährige Schüler gab an, dass er als Mitglied der Organisation VVN-BdA während der Berufsbildungstage der Schule einen von dieser Organisation betreuten Infostand gegen die da auch anwesende Bundeswehr mitorganisiert und in der Pause besucht hat. Als er dann wieder auf das Schulgelände wollte, wurde er von den drei Hausmeistern des Schulzentrums ((Es sind eigentlich zwei Schulen in einem Haus…)) aufgehalten und verdächtigt, Sticker mit politischen Inhalten geholt zu haben um diese im Schulhaus anzubringen. Sie wollten ihn und seinen Rucksack durchsuchen und nachdem er das verweigerte wurde die Polizei geholt, die allerdings keinen Grund sah aktiv zu werden.

Hierzu sind erst einmal mehrere Sachen zu sagen. Die grundlegende Frage ist, ob der Schüler überhaupt das Schulgelände hätte verlassen dürfen. Dies ist nämlich minderjährigen Schülern nicht immer erlaubt. Die Regelung trifft aber die Schule. Die Durchsuchung ist allerdings auch widerrechtlich, denn dazu haben Hausmeister natürlich keine Befugnis. Nicht einmal Schuldirektoren haben das so ohne weiteres. Allerdings haben beide Hausrecht in der Schule und können somit den Schüler vor die Tür setzen. Das Anbringen und Verteilen von politischer Propaganda in Schulen ist tatsächlich strafbar, genauso wie es Sachbeschädigung an sich auch ist. Dem sollte man sich fügen, sonst begeht man Hausfriedensbruch.

Der Schüler wurde dann am nächsten Tag ins Direktorat gebeten und bekam erklärt, dass sich die Lehrer von ihm in „Diskussionen überwältigt fühlten“ und er deswegen einen verschärften Verweis erhält und gefälligst nicht mehr solche linken Ideen verbreiten soll. Der Verweis sei wie eine Androhung der Schulentlassung zu werten und er kommt nur deshalb nicht vor den Disziplinarausschuss weil seine Mutter auch schon da Schülerin war. Der Schüler wurde im Laufe dieser Unterhaltung vom Direktor wie auch den Hausmeistern noch einmal unter Druck gesetzt.

Also, da sind ein paar schöne Sachen drin. Denn was die Schule da macht ist ein alter Trick, aber leider schön justiziabel. Also, ein verschärfter Verweis ist eine Ordnungsmaßnahme und eigentlich Verweis, den der Direktor unterschreibt. Er ist aber mitnichten eine Androhung der Schulentlassung. Diese kann nämlich Laut Art. 86 BayEUG nur die Lehrerkonferenz aussprechen und diese ist erst nach einer Ankündigung mit Wochenfrist entscheidungsfähig und wird meist zuvor durch den Disziplinarausschuss vertreten, beide sind hier nicht eingeschritten. Der Schüler wird also mit Chimären bedroht. Ordnungsmaßnahmen wie Verweise bauen auch nicht aufeinander auf, also ist der Verweis einfach nur ein Zettel, den der Direktor unterschrieben hat. Aber man kann es ja mal probieren. Der Schüler berichtete, dass auch die Noten in Sport eingebrochen seien. Das ist scheißegal, die sind nicht relevant für irgendetwas auch nicht sein Bewerbungszeugnis. Spannend ist übrigens auch, was auf dem Verweis als Begründung stand. Schülern steht zwar Meinungsfreiheit (Art. 56 BayEUG) zu, allerdings nicht, wenn sie als politische Werbung gesehen werden kann (Art.85 BayEUG). Ich denke nicht, dass es bei dem Verhalten des Schülers um letzteres gehandelt haben kann. Es wirkt eher so, als wollte man einen Störenfried loswerden und bedrängen.

Der Schüler berichtete dann noch, dass auch die Klassenleiterin ihm Redeverbot erteilt hätte im Unterricht wie in den Pausen, weil er seine Schüler argumentativ überwältige und indoktriniere.

Generell halte ich es für ein Armutszeugnis, wenn Lehrer Angst haben von Schülern argumentativ überwältigt zu werden. Falls es einem dennoch passiert hat man genug Autorität des Amtes um den Schüler doch niederzuknüppeln. Aber ehrlich: man sollte in der Lage sein, einem kleinen Linken die Butter vom Brot zu nehmen. Bei anderen Schülern sieht das etwas anders aus. Dort sollte die Schule im Zweifel schützend eingreifen, aber das geht wohl am besten in dem man das Problem im Unterricht thematisiert und nicht in dem man Zettel ausstellt.

Der politische Konflikt

Und da sind wir auch bei der letzten Teil. Der Konflikt, der hier dahinter steht, ist auch eine Betrachtung wert. Da gibt es auf der einen Seite eine Bundeswehr, die um Soldaten werben muss und das schon seit Jahr und Tag mit dem Verbrechen hochwertiger Berufsausbildung und dem gleichzeitigen Verschweigen der Tatsache macht, dass man bei dieser erschossen werden kann und Leute erschießt. Auf der anderen Seite gibt es eine Gruppe von Menschen im politisch linken Spektrum, die die Bundeswehr als eines der größten Übel der Welt sehen, weil Armeen schießen und sind böse. In diesem Bereich gibt es auch viele junge Menschen, die sich mit linker Ideologie vollpumpen und pseudophilosophische Parolen daherquatschen ohne den Überbau ihrer Philosophie tatsächlich zu kennen und erfasst zu haben. Diese Schüler kenne ich auch, sie rennen meist in ein scharfes Messer, wenn sie das erste Mal versuchen mit mir über Sachen zu diskutieren, die sie eigentlich nicht verstehen, sondern nur auswendig gelernt haben. Diese jungen Leute sind auch Fans von Aktionismus und ihre verschrobene Weltsicht muss man auffangen und im Diskurs zum Denken anregen. Das Mundtotmachen von Menschen mit radikaleren Ansichten ist kontraproduktiv. Diese fühlen sich schon unterdrückt, da hilft es nicht, wenn man das bestätigt, schon gar nicht, wenn man sich nicht einmal grenzwertig an das geltende Recht dabei hält.

Drei Akkorde und die Wahrheit

Irgendwie muss jeder so seine Position in der Welt finden…

Ich hatte vor einiger Zeit ein Gespräch in dem jemand zu mir sagte:

Ich hab gemerkt, dass ich hier nichts verändern kann, also habe ich mich damit arrangiert.

Die Idee, dass man sich gerade in Berufen wie meinem einrichtet, alles am Arsch vorbei gehen und sich diesen dann auch schön versilbern lässt, ist nicht selten. Immerhin kann man am System eh nichts ändern und es geht ja auch um nichts… außer der Bildung unserer Kinder und Jugendlichen. Aber natürlich man wird langsam müde immer wieder gegen die willfährigen Erfüllungsgehilfen und Problemseher anzutreten, die Chancenaversität für Risikovermeidung halten und bei denen Strukturkonservativismus zur Ideologie und zum Selbstzweck geworden ist. Die Menschen leben in einer Welt, in der das Laufen des Systems gleichgesetzt wird mit seiner Sinnhaftigkeit. Es würde das ja alles nicht geben, wenn es notwendig wäre. Die Systemfrage, darf hier im übrigen nicht gestellt werden, weil nicht nur die Selbstdefinition der Vertreter, sondern auch deren Geldbeutel direkt an diesem hängt. ((Da sein mal angemerkt, dass die modernen Verwaltungen gerne politisch neoliberal-kalte Entscheidungen treffen, zu sich selbst aber mehr als freundlich sind, wenn es darum geht die eigene Leistung finanziell zu würdigen.)) Es zeigt sich also mal wieder, dass niemand bereit ist Sachen zu wissen, wenn ihr Gehaltscheck vom Nichtwissen derselben abhängt.

Das System und seine Vertreter wehren sich also gegen Widerspruch. Vor allem, wenn dieser aus den eigenen Reihen kommt, wird oft mit Erstaunen reagiert. Immerhin wähnt man den Kollegen doch als qua Amt und Aufgabe ideologisch gleichgeschaltet. Und wenn nicht, dann hat meist die Ausbildung versagt. Unbequeme Ideen werden an den Rand gedrängt und das System wehrt sich gegen den Störfaktor. Bevorzugt versucht man der Person, die nicht auf der wahrgenommenen Linie ist klar zu machen, dass mit ihr etwas nicht stimmt, wenn sie nicht diese Ansichten vertritt. Eine Strategie, die gerade bei denjenigen verbreitet ist, die in ihrer angeblichen Offenheit besonders engstirnig sind. ((Sonderekelpunkte gibt es für die Leute, die glauben, dass sie dank irgendeiner pädagogischen oder psychologischen Ausbildung befähigt seien alles neutral und objektiv zu sehen und deswegen den Fehler grundsätzlich immer nur beim Gegenüber zu suchen haben. Diese Art anderen Motive zu unterstellen, die man eigentlich nur bei sich selbst findet, ist nur ekelhaft sondern auch der Anfang von Gehirnwäschen und Gleichschaltung. Die perfide Idee, dass abweichende Meinung ein Indiz für abweichende Persönlichkeit ist, ist gerade unter Menschen im Bildungssystem immer noch zu sehr vorhanden. Weder die moderne Psychologie, noch ein einfacher menschlicher Ethos können diesen Standpunkt noch rechtfertigen.))

Die Frage allerdings ist, was bedeutet das für einen selbst? Das ist schwierig zu sagen. Soll man, wie oben zitiert, sich arrangieren? Vielleicht. Allerdings kann man sich auch einfach nur seine Kämpfe aussuchen und damit mehr Energie für diejenigen haben, die einem wichtig sind. Soll man dauerhaft blockieren und zum enfant terrible werden, mit dem keiner mehr redet? Sicherlich nicht. Man möchte ja am Ende der bessere Mensch sein. Also ist es besser zu warten, bis die andere Seite sich entlarvt in dem sie einem den Dialog unter unbegründeten Vorwürfen kündigt. Dialogbereitschaft unter Nicht-aufgeben der grundlegenden eigenen Position macht in der merkelisierten Welt der Verhandelbarkeit von allem die Gegenseite nahezu kirre. Natürlich ist man erst einmal dem anderen ausgeliefert, weil dieser mehr Spielraum und weniger Prinzipien hat, aber dann hat die Person gegenüber die Räume geöffnet, und man selbst kann in diese auch eintreten und zum eigenen Gunsten verhandeln. Selbst unsere Bundeskanzlerin hat no-gos und sowas tut dann im Zweifel genau diesen Leuten auch weh. Dazu sollte man nie vergessen, dass sich jedes System hacken lässt, wenn man nur seine Regeln kennt…

Wenn man also etwas in einem System verändern möchte, dann hilft es am Ende eben nicht allein, „drei Akkorde und die Wahrheit“ zu haben, wie das der Punk predigt. Natürlich braucht man Haltung, die man aus meiner Sicht dringend besitzen wie die Bereitschaft zum Stellen der Systemfrage immer haben sollte, aber man sollte sich auch überlegen welche Kämpfe man kämpft und mit wem man es da zu tun hat. Wenn man schon für seine Überzeugungen aufsteht, sollte es eine gewisse Gewinnwahrscheinlichkeit geben. Denn sonst ist man heldenhaft für nichts gestorben…

Ohne Schule geht es (leider) auch nicht – eine Replik

Beim Deutschlandradio Kultur findet sich ein Text eines Vaters, der sein Kind nicht zur Schule schickt. Dies ist meine persönliche Antwort als Lehrer und Mensch mit soziologischer Bildung.

Zuerst einmal eine generelle Einleitung zu der Tatsache, dass Jakob nicht in die Schule geht:

Artikel 7, GG

(1) Das gesamte Schulwesen steht unter der Aufsicht des Staates. ((http://dejure.org/gesetze/GG/7.html))

Warum ist das so in Deutschland? Weil wir eine wehrhafte Demokratie haben und diese haben wir, weil wir einmal erlebt haben, wie gefährlich es ist, wenn der Geist von jungen Menschen vergiftet wird. Es ist richtig, dass dies auch über das Schulsystem stattgefunden hat, aber die Gefahren, denen sich die Demokratie heute ausgesetzt sieht, haben allesamt ihre Wurzel in mangelndem Verständnis der Komplexität der Welt. Nur, wenn ich komplexe Systeme verstehen kann, kann ich auch komplexe Sachverhalte der Moderne beurteilen und mich emanzipieren. Diese Emanzipation ist das Ziel von Bildung und die Chancen dafür sind in einer sozialen Institution für Bildung höher als wenn jeder Mensch seine Kinder selbst bildet. Das Hauptargument hierfür kann man in dem Spruch von Isaac Newton sehen: „We are standing on the shoulders of giants.“ ((Nebenbei auch noch eine kleine Schmähung… er bezog es anscheinend auf einen sehr kleinen Mathematiker…)) Meine Expertise in Sozialkunde und Englisch ist das Ergebnis von organisierter Wissensvermittlung. Ohne das Weitergeben von Wissen in der Masse hätten wir heute nicht die Errungenschaften, die unser Leben so kuschig machen.

Doch nun zu den Argumenten, die in diesem Text vom Vater genannt werden.

Unterricht ist eine unglaublich ineffiziente Art der Wissensvermittlung. Kinder lernen von Natur aus, freiwillig, sie saugen Wissen geradezu auf!

Nach welchem Standard ist Unterricht das? Haben wir Vergleiche? Spielt das überhaupt eine Rolle? Für mich gibt es wichtigere Kriterien als Effizienz, zum Beispiel, dass Kinder gesichertes Wissen lernen. Ja, Kinder in Jakobs Alter saugen Wissen geradezu auf, nein, das bleibt nicht so. Dazu kommt, dass sich Jakob die Welt nur in dem Maße erklären und aufnehmen kann, die er im Rahmen seiner Möglichkeiten erhält. Sein Vater gibt ihm nichts zum entdecken jenseits einer Kleinbürgerwelt und das Kind erhält einen weitaus selektierteren Blick auf die Welt als in einer Grundschule. Eine Vielzahl des Wissen, dass er aufsaugen könnte, wird Jakob nie zu Gesicht kriegen, weil er nicht einmal weiß, dass er sich für etwas interessieren kann, dass sein Vater nicht kennt. Der Pluralismus der Welt bleibt ihm fremd. Aus Effizienzgesichtspunkten ist es damit auch fragwürdig, ob Jakob so viel besser dran ist, wenn er ein kleineres Angebot frei lernen kann.

Unterricht der Grundschulen leiden unter zu engen Korsagen und Vorgaben. Das Potenzial der Kinder wird tatsächlich nicht genutzt. Aber es gibt auch sowas wie Montessorischulen, die dieses Argument irgendwie dann entkräften, weil sie das beste beider Welten zu sein versucht.

Mathematik? Sage ich dann – spricht das wirklich für die Schule? Geh auf die Straße und frag irgendwen nach dem Mathestoff der siebten, achten Klasse. Bei den meisten ist kaum etwas übrig, viele können nicht einmal sicher schriftlich dividieren! Die meisten Menschen fragen mich genau deshalb nach Mathematik: Weil ihnen die Schule so große Angst davor eingejagt hat. Und darum soll Schule notwendig sein? Das finde ich absurd. Studien haben gezeigt, dass zwei Jahre nach Schulabschluss 90-95 Prozent des mühsam gelernten Stoffs schon wieder vergessen sind.

Ich sehe hier kein Gegenargument gegen das System Schule. Ich möchte hier darauf hinweisen, dass Mathematik nicht dazu da ist, dass jeder das alles behält. Es ist dazu da abstraktes Denken zu schulen und ja darin versagt der Mathematikunterricht gerne mal. Er versagt, weil Kindern früh der Spaß genommen wird, weil Eltern wie oben diese Klischees reproduzieren und weil jeder denkt, dass Mathematik so schlimm ist. Dazu kommt das Problem, dass moderner Mathematikunterricht gerne weltfremder ist, als er sein müsste. Diese Probleme sind alle erkannt, dass sie nicht gelöst werden ist ein Problem im System, nicht ein Argument gegen das System.

Das mit dem Stoff wird gern erzählt. Dafür, dass dieser Vater das System so nicht befürwortet bedient er sich aber gern derselben Denkwelt. Der grundlegende Fehler, den er hier fröhlich mitmacht, ist, dass Wissen noch einen Wert hat. Es hat immer weniger Wert. Verstehen und Anwenden sind die Werte, die in der modernen Welt zählen und es ist hier wo nicht nur die Schule sondern auch er als Elternteil versagt, wenn man sich auf Wissen konzentriert. Jakob kann übrigens diese Skills auch nicht allein lernen, denn dazu braucht es auch jemanden, der ihm die Anreize zum denken gibt.

Aber es geht ja in der Schule nicht nur um Wissensvermittlung! Schule hat andere Ziele, Sozialisierung, Toleranz, Auseinandersetzung mit anderen!

Ist Schule wirklich ein guter Ort für soziales Lernen? Sie reglementiert Kommunikation streng, die meiste Zeit sind soziale Interaktion und Auseinandersetzung in der Schule ja verboten – man darf nicht einmal miteinander reden, weil das den Unterricht stört! Alles, was für soziales Lernen fruchtbar ist, muss die Schule aufgrund organisatorischer Notwendigkeiten minimieren, Statistiker haben errechnet, dass jedes Kind sich in einer Schulstunde durchschnittlich ungefähr zwanzig bis dreißig Sekunden äußert. Der Frontalunterricht überwiegt nach wie vor bei weitem. Und in einer sozial so sterilen Umgebung soll soziales Lernen funktionieren?

Sozialisation ist nicht soziales Lernen. Soziales Lernen findet in Gruppen trotzdem mehr statt als wenn Jakob den ganzen Morgen allein daheim mit denselben Menschen rumhängt. Der Bolzplatz ist nicht die Schule mit ihren größeren Mengen an verschiedenen Kindern und Jugendlichen. Es sind alles kleine soziale Räume in denen er sich da bewegt. Er sieht keine Unterschichtkinder, keine Armut, keinen Pluralismus.

Zu der Sache mit dem Äußern im Unterricht möchte ich aus meiner Perspektive sagen: dafür gibt es die meistgehasste Sozialform: die Gruppenarbeit. Wir können das gerne mal so machen, dass alle Fächer immer arbeitsteilige Gruppenarbeit mit offenen Fragestellungen machen und dann nur Ergebnispräsentationen. Die Schülerinnen und Schüler kotzen im Strahl, die Eltern laufen Sturm, denn die Arbeitslast erhöht sich enorm. Komischerweise hat da keiner Bock drauf von den Jugendlichen. Frontalunterricht ist eben auch bequem, denn dauerhafte soziale Interaktion ist sehr anstrengend. Deswegen hat Jakob ja auch einen ruhigen Morgen. Und dann ist da noch das kleine Faktum, dass manchmal eine erzählte Geschichte die beste Art der Wissensvermittlung ist.

Eine befreundete Mutter hat mir einmal gesagt, als ihr Sohn sich auf die Mittlere Reife vorbereitete, der war vorher nie auf der Schule: Mein Gott, dieser Stoff ist so dürftig, wie schafft die Schule es bloß, die Kinder zehn Jahre lang hinzuhalten, bis sie diese lächerliche Prüfung machen dürfen?

Die Arroganz dieser Aussage lasse ich unkommentiert stehen. Das kann nur jemand sagen, der von der Schichtung, die er gleich lamentiert Vorteile hat. Nebenbei: dann macht doch nen Abi!

Aber diese Kinder sind doch gerade die Verlierer des Schulsystems! Das zeigen alle Studien, seit Jahrzehnten, alle Reformen haben daran kaum etwas geändert: Bildung ist gerade in Deutschland sozial hoch selektiv. Ich finde das auch logisch, denn Schule ist von ihrer Grundstruktur her als Wettrennen um die guten Noten organisiert, und wer vom Elternhaus her mit einem Vorsprung in dieses Rennen einsteigt, der geht auch eher als Sieger daraus hervor. Darum wehren sich ja gerade Eltern aus der Mittelschicht mit Händen und Füßen gegen die Abschaffung von Noten, obwohl längst wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass die zum Lernerfolg nichts beitragen.

Soziologisch gesehen, ist Schule ein System gesellschaftlicher Reproduktion – und eine Gesellschaft, die sozial geschichtet ist, wird sich durch diese Institution auch immer als geschichtete reproduzieren. Dass man ausgerechnet die Schule aus Heilmittel dafür anpreist, ist ein Widerspruch in sich!

Hierzu gibt es zwei Sachen zu sagen… erstens soziale Selektion ist ein Problem. Sollten wir deswegen das System abschaffen und alle daheim erziehen? Setzt die Selektion sich da nicht fort? Bullshit!

Und gesellschaftliche Schichtung basiert auf der Ungleichheit der Menschen. Schule kann sie reproduzieren, aber muss es nicht tun. Hieran zu arbeiten ist sinnvoller als die einzige Institution abzuschaffen, die uns die Möglichkeit bietet. Jakob wird soziale Schichtung als Phänomen nicht erfahren, wie es andere Grundschulkinder tun. Er kennt ja nur sein gehegtes Umfeld.

Das Wort „fördern“ kommt aus der Sonderpädagogik, darum heißt es ja „Förderschulen“. Letztlich steckt darin eine seltsame Bevormundung. Früher herrschte das Bild vom wilden Kind vor, das die Pädagogik bändigen musste. Das war autoritär, aber immerhin eine klare Sache.

Dieser Förder-Diskurs hat dazu geführt, dass Kinder eher als hilflose, defizitäre Wesen gesehen werden, wie Autos, die man ständig anschieben muss. Man sagt so gern, die „Förderschulen“ gehören abgeschafft, der Inklusion wegen – ich würde umgekehrt sagen: Dieser bevormundende Gestus der heutigen Schule macht tendenziell alle Schulen zu Förderschulen.

Verräterisch finde ich, dass man in den Leitbildern vieler Schulen heute steht, man wolle die Kinder „fördern und fordern“ – das ist eine Formel aus der Hartz-IV-Debatte über Langzeitarbeitslose! Dieses ganze fürsorgliche Zwangssystem hilft in Wahrheit benachteiligten Kindern überhaupt nicht. Es schreibt die Unmündigkeit, aus der es sie angeblich befreit, eigentlich nur fort.

Das Wort fördern kommt auch aus dem Bergbau. Man kann sich natürlich seine Welt so stricken wie sie will. Wenn wir nicht fördern, haben wir unsere Verantwortung für die Gesellschaft und die jungen Menschen abgegeben. Der Vergleich mit HARTZ-IV ist zynische Hetze und diese Aussage über Förderschulen zeugt von einer nahezu sozialdarwinistischen Idee, dass jeder was kann und beantwortet nicht die Frage, was mit denen ist, die es nicht können.

Kinder sollten mehr Freiheiten haben. Ihnen aber mit diesen Milchmädchenargumenten Unterstützung zu verweigern, weil ihnen dadurch angebliche Freiheit fehlt ist schon eine spannende kognitive Dissonanz. Freiheit kommt durch Emanzipation, ohne die sie keiner nutzen kann. Hier redet der Autor wieder aus einer kuschigen Perspektive desjenigen, dem es besser geht.

Irgendwann landet jedes Gespräch über Schule an diesem Punkt: Freiheit schön und gut, aber später muss man sich arrangieren. Ich finde das schockierend! Angeblich geht es um Bildung, Mündigkeit, Demokratie, aber am Ende sagt fast jeder, mit dem ich spreche, das Gegenteil: lernen, sich unterzuordnen.

Die menschliche Erfahrung ist, dass unsere Freiheit in allen möglichen natürlichen und sozialen Grenzen endet. Sie ist grundlegend, schmerzhaft und bitter. Die Idee, dass jeder so frei wie möglich sein soll, endet an der Nasenspitze des anderen. Der anarchische Kapitalismus, der die Grundlage vielen Leids in dieser Welt ist, argumentiert genauso, wie es hier getan wird. Demokratie bedeutet sich auch dem Willen der Mehrheit unterzuordnen und sie bedeutet auch gegen diesen Willen aktiv zu werden. Die Erfahrung unterlegen zu sein ist der Antrieb für den Drang nach Mündigkeit und Freiheit. Schule versagt nur dann, wenn sie vorgibt, dass das was sie darstellt unveränderlich istDas ist mir bisher nicht untergekommen.

Ich glaube, darum hängen wir so an der Schulpflicht. Es ist der tief in uns verwurzelte Glaube, dass Menschen Zwang brauchen, es ist Angst vor der Freiheit.
Wir sichern alles ab, versuchen alles zu planen, zu managen, unsere Gesellschaft ist so angstbesetzt und kontrollversessen – und ein Symptom dieser Angst ist Schule. Frei aufwachsende Kinder, dafür hat dieses Land, das angeblich so kinderfreundlich ist, in Wahrheit panische Angst. Selbst wenn ich die Zukunft meines Kindes planen könnte, ich würde es nicht tun, das darf ich gar nicht, das wäre ein Verbrechen! Der große Pädagoge Janusz Korczak hat das einmal als Grundrecht des Kindes formuliert, das „Recht auf den heutigen Tag“. Ich darf die Freiheit meines Kindes keiner Zukunft unterordnen, die ich doch gar nicht kenne!

Schule ist kein Symptom irgendeiner Angst. Sie ist basiert allerdings auf dem Wunsch einen funktionierenden Bürger zu erschaffen, den wir so nicht mehr brauchen. Sie gibt keine Kontrolle mehr, sie gibt keine Garantie mehr. Die schulischen Abschlüsse werden immer mehr entwertet und Noten werden immer unwichtiger in der Wirtschaft. Es ist klar, dass Sozialstatus produziert wird, es ist egal was die Menschen können, die den Zettel am Ende haben. Schule kann gar keine Garantien mehr geben. Die Tatsache, dass der Auto glaubt, dass da das Problem ist, zeigt, dass er sich seit langem nicht mehr in eine Schule begeben hat.

Freiheit bedeutet Ungewissheit, und es ist meine Pflicht, sie auszuhalten, meinem Kind den Raum dieser Ungewissheit offenzuhalten – erst dann kann Bildung entstehen, als aktiver Prozess, der vom Kind ausgeht. Wir kennen viele Familien, die in Deutschland heimlich, illegal ohne Schule leben. Das Recht darauf ist ein Bürgerrecht. Es ist ein Kinderrecht. In den meisten anderen Ländern Europas gibt es dieses Recht.

Bildung ist nach dem unten zitierten Humboldt ein Zuwachs an Fähigkeiten und Wissen, nach dem man die Welt neu verstehen kann. Dies halte ich ohne einen Partner, der einem Anreize gibt unmöglich. Schule mag nicht der beste Ort dafür sein, aber sicher besser als eine x-beliebige Familie. Ein System wegen seiner Fehler zu boykottieren ist nicht die Lösung.

Ich fordere es auch für mich, für meine Kinder – als das, was das Grundgesetz jedem deutschen Bürger garantiert, das Recht auf ein Leben in Selbstbestimmung und Freiheit. Wir haben das Recht auf Bildung in einer geradezu orwellschen Sprachverdrehung in einen paternalistischen Bildungszwang verdreht, der Lernen behindert und Mündigkeit erstickt. Bildung aber, so hat es schon Wilhelm von Humboldt gesagt, und die wunderbare Entwicklung unserer Kinder bestätigt das für mich täglich – Bildung braucht Freiheit.

Na dann, engagieren Sie sich bitte! Und stellen sie sich nicht in ihre kuschige auf dem Wissen der anderen aufgebauten Mittelschichtidylle hin und verweigern sich einem System, das defizitär, aber immerhin noch besser als keines ist. Denn Ihr Glück ist genauso wenig ein Bürgerrecht wie die Armut und die schlechteren Bedingungen der anderen.

Das Schulsystem hat seine Fehler und ich habe hier in diesem Blog genug darüber geschrieben, wo diese Fehler sind. Sie sind allerdings kein Argument gegen das System an sich, sondern dagegen, dass es verkrustet ist und weder die wissenschaftliche Didaktik, noch Pädagogik sich einig ist, wie dieses System aussehen soll. Im Widerstreit zwischen Eltern, Wirtschaft, Verwaltung und unendlich vielen diffusen Erwartungen der Gesellschaft kann dieses System nur scheitern. Schule abzulehnen weil sie fehlerhaft ist, ist genauso blind, wie das Nichtbetreten der Strasse, weil es einen Unfall geben kann.

Von Molchen und Lurchen…

Die Behandlung der Menschen als Molche und Lurche führt dazu, daß sie sich wie Molche und Lurche verhalten. (Th. W. Adorno)

Es gibt ein Phänomen, das mir immer wieder und immer häufiger im Schulalltag begegnet. Es gibt junge Menschen, die da vor einem sitzen und nicht in der Lage sind eigenständig Entscheidungen zu treffen oder aber eigenständig zu handeln. Nun könnte man sagen, dass das damit zusammenhängt, dass die jungen Leute von heute halt keine Interessen mehr haben und soundso total verblödet sind. Das ist aber nicht der Fall. Intelligenz ist generell gaußverteilt und damit sind die meisten Leute auch schlau genug abwägende Entscheidungen zu treffen und eigenständig zu handeln. Die Frage ist also, warum es die Menschen, die sich im Schulsystem befinden nicht tun.

Mangelndes Wissen

Gut, das sollte bei Schülerinnen und Schülern eigentlich keine überraschen und es ist auch kein Problem, wenn die Kinder irgendwie zehn oder auch fünfzehn Jahre alt sind und am Anfang oder auch in der Mitte ihrer Schulerfahrung stehen. Kritisch wird es wenn die Schülerinnen und Schüler nahezu oder schon erwachsen sind. Dann muss man sich die Frage stellen, warum am Ende der Schullaufbahn so wenig Wissen über die Welt hat, dass einem die meisten Konzepte fremd sind. Eigentlich sollte da ja erwartet werden, dass die Leute zum einen umfangreiches Wissen durch Schule und auch Lebenserfahrung durch, nunja, Leben erworben haben.

Ich habe ehrlich gesagt keine belastbare Ahnung, woher dieses Phänomen kommt, aber ich habe ein paar Hinweise entdeckt, die mir plausibel erscheinen. Zum ersten ist Wissen an sich in der Schule eine Massenware, die zu behalten a) schwierig ist und b) strukturell nicht forciert wird. Stattdessen wird das schnelle Auswändiglernen und Wiedergeben belohnt und es wird da auch gern leicht gemacht in dem die Strukturen der Leistungstests vom auswändiggelernten Inhalt meist nicht unterschiedlich sind und keine praxisorientierten Kriterien entsprechen. Ein Beispiel hier wäre das Abfragen von Vokabeln deutsch-englisch nach Listen. Ein Lückentext mit dem Kontextualisierung geübt werden muss ist sinnvoller. Zum zweiten nimmt Schule einen sehr großen Teil des Lebens von Schülerinnen und Schülern ein, ist aber gleichzeitig nicht relevant für die Realität in der sich die Kinder und Jugendlichen befinden. Soziale und technische Neuerungen erreichen die Schule meist mit mindestens zehn bis zwanzig Jahren Verzögerung und Lehrerpläne sowie Schulstrukturen halten nicht dazu an relevante aktuelle Themen und Denkweisen in den Unterricht einfließen zu lassen. Moderne Einflüsse sind das Vorrecht der jungen Lehrergeneration und die wird dafür auch gerne mal belächelt.

Erlernte Hilflosigkeit und Angst

Ein anderes Phänomen findet sich ziemlich nachweisbar. Schülerinnen und Schüler geben ungern Meinungen von sich, da sie glauben, dass die Lehrkraft sie für diese Meinungen bestraft, wenn sie nicht der Meinung der Lehrkraft sind. Dazu fehlt auch, dass da auch das Hintergrundwissen über die Gesellschaft und die Welt fehlen. Also genau das, was man den jungen Menschen beibringen möchte, ist nicht vorhanden und man es zur Basis für einen Test macht, dann sind die Schülerinnen und Schüler aufgeschmissen, weil Wissen schlecht verankert ist und Weltwissen eigentlich nicht stattfindet. Das schafft natürlich Angst, zum einen ist eine Meinung schwer zu bepunkten und damit für den notenorientierten Menschen in der Schule ein Horror, zum anderen benötigt sie eine hohe kognitive Leistung, die normalerweise gar nicht gefordert wird. Da reicht das Auswendiglernen von Inhalten aus. Das kann dann auch gleich anständig vergessen werden. Dementsprechend ist die Hilflosigkeit der Schülerinnen und Schüler groß. Doch sie wird eigentlich nur in den Strukturen der Schulen so erlernt. Es wird mit bester operanter Konditionierung dafür gesorgt, dass eigenständiges Mitdenken kaum eine Rolle spielt. ((Wer jetzt glaubt, dass das an Gymnasien sicher besser ist als an Hauptschulen, hat nur teilweise recht. Es ist besser, aber nicht so sehr wie man sich das denkt.))

Aus den Strukturen des Lernens an Schulen entsteht also erlernte Hilflosigkeit und (Existenz-)ängste, die aus Menschen, die alle Möglichkeiten ihrer Entwicklung erst einmal haben, willfährige Ausführungsroboter, die weder für eine komplexe moderne Welt noch die, darunter liegenden, Anforderungen der Wirtschaft geeignet und generell keine Menschen, die diese Gesellschaft weiter bringen. Dafür aber Leute, die sich scheuen Entscheidungen zu treffen und die es nicht gewohnt sind, diese Entscheidungen auch zu begründen. Dazu werden sie nicht nur nicht gebracht, es wird ihnen sogar aktiv abgewöhnt. Die hierarchische Struktur der Schule führt eben dazu, dass das was die moderne Wirtschaft möchte und ein demokratischer Staat dringend braucht: offene, flexible und entscheidungsfreudige Menschen, eben nicht durch Schule geschaffen, sondern verhindert werden.

Fremdsprachendidaktik – ein Rant

Das ist der hundertste Eintrag in diesem Blog und ich habe mit Erstaunen festgestellt, dass ich mich noch nie über die eine oder andere Idiosynkrasie der Fremdsprachendidaktik, wie man sie so als Englischlehrer beigebracht bekommt, ausgelassen habe. Dabei rante ich da relativ gern drüber. Falls ihr Kinder im schulpflichtigen Alter habt, dann seid gewarnt: das mag nicht wirklich erbaulich sein.

Didaktische Reduktion

Das Meiste, das mich an der modernen Fremdsprachendidaktik stört hat mittelbar mit den Prämissen zu tun, die sie sich unter anderem von der Pädagogik holt. Diese Prämissen sind aber teilweise eher skeptisch zu sehen. Pädagogik ist zwar heutzutage immer mehr empirischer Natur, aber etliche Idee kommen tatsächlich direkt aus reiner Philosophie oder aber Ideologie. Dazu gibt es ein paar grundlegende Ideen der Didaktik, die ich in ihrer Ausführung für problematisch halte. Allen voran ist die Frage der didaktischen Reduktion. Didaktische Reduktion bedeutet, dass man einen Sachverhalt so reduziert, dass er einfacher zu verstehen ist. Das ist an sich nicht dumm. Schließlich wollen wir Schülerinnen und Schüler „dort abholen, wo sie sind“ und da hilft es nicht, gleich die komplette Komplexität der Welt über ihnen auszukippen.

Doch ist es eigentlich immer nötig Sachverhalte zu vereinfachen, nur weil Kinder oder Jugendliche vor einem sitzen? Bei vielen naturwissenschaftlichen Inhalten bin ich durchaus dieser Meinung, bei Mathematik auch, aber bei Sprachen ist das problematischer. Sprachen sind nämlich sozial vereinbarte Zeichensysteme, die zwar durchaus Regeln besitzen, aber weder müssen diese Regeln konsequent, noch sachlogisch oder überhaupt sinnvoll erklärbar sein. Die infiniten -ing Formen im Englischen lassen sich gut analysieren und klassifizieren, es gibt aber nahezu keine Möglichkeit eine ernsthafte Regel zu entwickeln an denen sich die Schülerinnen und Schüler festhalten können. Denn dafür sind die Regeln eigentlich da. Als Haltegriffe bis man das System internalisiert hat. Und dort ist dann auch gleich das Problem. Es wird auch bei fremdsprachlichen Regeln didaktische Reduktion angewandt, dabei ist das meist kontraproduktiv, da eine Vereinfachung der Regeln zu falschem Sprachverhalten führen kann. Das klassische Beispiel hier sind die Zeitformen. Das System ist eigentlich gut beschrieben und wenn man dieser Beschreibung folgt erstaunlich einfach. Allerdings erfordert es eine gewisse Menge kognitiver Vorleistung um die Regeln dann richtig anzuwenden. Oder wahlweise, es braucht eine didaktische Aufbereitung, damit Kinder im Alter von 11 Jahren (5. Klasse) diese Konzepte verstehen. Teilweise kann man diese schlicht richtig einüben, es hilft aber auch spielerisch heranzugehen. Das klingt ja alles nicht so schlecht, bis man sich anschaut, was stattfindet.

Denn was stattfindet, ist das Angeben von festen Regeln (zu diesem Teil komme ich gleich noch einmal), dann eine mehr oder minder kurze Übungseinlage und dann wird weitergegangen zum nächsten Thema. Zusammenhänge zwischen den Zeitformen werden nicht gegeben, es gibt keine Systematik und die Regeln werden meist so angegeben, dass es den Lernenden so erscheint, als seien diese Formen alle separat zu betrachten, was sie eben nicht sind. Das zieht sich dann über mehrere Jahre, dabei kann man das System in 45 Minuten erklären und wenn man es didaktisiert sicherlich in einem Schuljahr strukturiert an das Kind bringen, so dass es gesichert weiß, was es tut und sogar das Prinzip verstanden hat. Anstatt Regeln einfach nur aufzustellen, werden diese dann auch verständlich und können so sogar für mehr Motivation und Mündigkeit der Sprecher sorgen. Das ist ja gewollt.

Didaktische Reduktion wird also auf Sachen angewendet, die man besser nicht reduziert und stattdessen mit Zeit und Feedback kognitiviert und einübt.

Induktive Grammatik

Ich habe oben schon gesagt, dass die Regeln den Kindern vorgestellt werden und diese die dann einüben. Leider stimmt das nicht ganz. Derzeit ist ein Trend in der Fachdidaktik Englisch, den Lehrern zu sagen, dass man Grammatik induktiv unterrichtet. Induktion bedeutet, dass man vom Beispiel auf eine allgemeine Regel schließt, während Deduktion das Anwenden allgemeiner Regeln auf ein Beispiel bedeutet. Beim Sprachenlernen geht beides eigentlich kaum. Zwar kann ich Regeln deskriptiv festlegen, aber diese treffen dann nie hundertprozentig zu und man hat Ausnahmen über Ausnahmen. Das bedeutet Deduktion ist nur begrenzt möglich und je fremder die Sprache, desto weniger ((Nunja, es gibt darunter noch Regeln, denen nahezu alle Sprachen gehorchen zu scheinen, aber diese sind auch nicht perfekt. Wer sich für diese Idee interessiert schaue sich die generative Transformationsgrammatik an.)). (Wir haben da mit Englisch noch Glück.) Induktion ist aber komplett unmöglich. Denn Sprache ist ein willkürliches Zeichensystem und was sich andere Leute mit ihren Zeichen gedacht haben, sagt uns meist nichts. Das ist der Grund, warum wir nicht automatisch Kyrillisch lesen können.

Doch Grammatik soll im Unterricht induktiv unterrichtet werden. Die Idee dahinter ist, dass man herausgefunden hat, dass eigene Erkenntnisse Wissen besser verankern. Das ist auch richtig und sollte bei Naturwissenschaften mehr verwendet werden. Bei Sprachen ist es eher eigenartig. Woher sollen die Lernenden wissen, was sich die englische Sprachgeschichte dabei gedacht hat? Das wissen nicht einmal die Sprachwissenschaftler. Es wird hier also das Unmögliche gefordert: nämlich, dass Kinder die richtigen Regeln weissagen. Spannenderweise funktioniert es dann immer. Dafür gibt es aber einen eher zynischen Grund: die Schülerinnen und Schüler lernen früh, dass sie besser mal im Grammatikkapitel vorher lesen, worum es geht. Ansonsten raten sie fröhlich rum, sind unpräzise und es endet dabei, dass die Lehrkraft frustriert die Regeln an die Tafel klatscht. Eine Handlung mit der man das Thema auch hätte beginnen können anstatt 30 Minuten Rätselraten zu spielen, bei dem die Schülerinnen und Schüler eigentlich keine Chance haben. Da kann man sich auch hinstellen und fragen: „What is the difference between a raven and writing desk?“

Dazu ist diese Vorgehensweise menschlich fragwürdig. Unseren Schülerinnen und Schülern wird ein krankhafter Leistungsgeist und teilweise panische Angst vor mündlichen Noten eingeredet, um ihnen dann Aufgaben vorzulegen, die sie realistisch nicht erfüllen können ohne zu betrügen oder Glück zu haben. Erwachsene, wie ich sie unterrichtet haben im Übrigen keinerlei Verständnis für diese Ratespiele, weil sie erkennen, dass man da keine Lösung finden kann. Trotzdem wird einem immer wieder diese didaktische Fehlentwicklung in die Hand gedrückt. Sie wird genauso weitergetragen, wie die Übergeneralisierung der Handlungsorientierung in alle Fächer hinein. Es wird dabei nicht vom Menschen und vom Inhalt sondern vom Prinzip her gedacht. Was an einer Stelle modern und damit offiziell gut ist, muss an jeder Stelle modern und gut sein.

Einsprachigkeit im Unterricht

Dabei steht einem das alte oft genug im Weg. Einsprachigkeit ist die Maxime im Fremdsprachenunterricht. Die Idee, die Schüler nur der Zielsprache auszusetzen ist super. Schließlich lernt man Sprache da am besten. Leider kommt hier jetzt das große Aber.

ABER: Es ist komplett behämmert dies zu fordern, wenn man vier 45-minütige Einheiten die Woche hat. Denn das bringt rein gar nichts, außer dass die Schülerinnen und Schüler dauerhaft weder die Einsprachigkeit ernst nehmen noch einen Erfolg davon haben. Es gibt auch keine Emulation der Lehrkraft, weil die Lernenden schnell erkennen, dass dies eine reine Scharade ist. Die Idee, dass ich 45 Minuten lang einen Engländer spiele, um dann  die nächste Nase auf deutsch dafür anzumotzen, dass sie ihr Handy wegpacken soll, ist komplett hirnrissig. Wenn es einsprachige Projekttage oder generelle Immersion gäbe, wäre ich sofort dabei. Das ist nämlich sinnvoll und macht die Fremdsprache relevant und nicht den Unterricht zu einem Theaterstück mit einem englischsprechenden didaktisierenden Schauspieler, der einem dann, wie oben erklärt, unbeantwortbare Fragen stellt.

Einsprachigkeit ist dazu durch die knappen Zeitpläne schlicht unpraktikabel möchte man seine sprachtheoretischen Inhalte vermitteln oder, wie es mir oft geht, Menschen vor sich, denen man die komplexen Sachverhalte, die man ihnen vermitteln sollte, in der Fremdsprache nicht verstehen würden. Natürlich haben wir teilweise sehr viel Zeit ((Das ist der Segen der Vorklasse: wir bestätigen als Ausnahme mit 10 Stunden die Woche die Regel des zeitlich knappen Unterrichts.)) aber selbst dann kann man nicht alle Sachverhalte in der Fremdsprache abhandeln, denn man möchte auch am Ende, dass die Botschaft ankommt. Manchmal sind deutsche Regeln der Anfang englischen Sprechens. Denn nicht einmal 280 Stunden im Jahr reichen hier wirklich.

Auf der Bühne – und Abgang

Und so wirkt Englischunterricht oft wie Theater. Wir spielen Engländer, wir tun so, als könnte man sprachliche Features einfach so erraten oder erfühlen und wir tun so als wären die Regeln, die da erraten werden so schwer, dass wir sie nicht in ihrer Tiefe lehren können. ((Merkt ihr was? Das ist mir vorher nicht mal aufgefallen, wie schizophren das ist.)) Und dann schreiben wir denen allen C1 oder gar C2 auf die Zeugnisse und fragen uns, warum das keiner ernst nimmt.

Das Geschlechterkontinuum für die Erfassung in Fragebögen

Ich hätte es nie gedacht, dass ich hier mal einen wissenschaftstheoretischen Text schreiben würde, aber da ist er. Ich habe vor einiger Zeit das Konzept der dritten Option für das Geschlecht in Fragebögen kennengelernt und dieses Konzept kratzte mich sehr. Denn ich habe das Gefühl, dass diese Option auf ein paar Annahmen beruht, an denen ich zumindest Zweifel anmelden würde, solange sie nicht anständig bestätigt sind. Diese Annahmen wären:

  • trans/intersexuelle Menschen wissen das sie trans/intersexuell sind
  • trans/intersexuelle Menschen reflektieren ihre eigene Sexualität ausreichend
  • trans/intersexuelle Menschen identifizieren sich trans/intersexuell
  • trans/intersexuelle Menschen identifizieren sich nicht mit einem Standardgeschlecht, obwohl sie es könnten

Wenn wir davon ausgehen, dass Bildung keine Rolle dafür spielt, dass jemand trans/intersexuell ist oder nicht, dann wird das mit dem Reflektieren schon schwierig. Dazu kommt, dass jeder dieser Menschen das Recht hat sich nach den Konventionen der Mehrheitsgesellschaft einzuordnen. Denn es hängt hier von der Wahrnehmung der einzelnen Person ab.

Das macht diese dritte Option aber wissenschaftlich zu einem absoluten Problem. Haben wir bei einem Spektrum männlich/weiblich schlicht eine gewissen Menge false-positives und false-negatives, gibt es mit der dritten Option nun das Problem, dass weder dieser, noch den beiden anderen getraut kann, da nicht bekannt ist, ob die Kategorien trennscharf sind, weil Angehörige der neuen Kategorie eben auch den alten zuordnen können. Damit führt diese Kategorie, die teilweise mit einer Argumentation aus der political correctness, eingeführt wird leider dazu, dass die Daten schlechter werden und dass sich entsprechende Menschen im Zweifel nicht besser repräsentiert fühlen.

Dazu ist die dritte Option in sich nicht trennscharf und das führt dazu, dass man das immer mehr ausdifferenzieren muss und dann einen Wust an Optionen hat, die kein Proband mehr versteht.

Deswegen habe ich mir eine andere Variante überlegt, die zum einen die Komplexität der Sexualität abbildet als auch barrierefrei ist. Wie man das operationalisiert und wie das genau in einer Studie aussehen kann, wäre mal eine Aufgabe für die entsprechenden Theoretiker. Ich schlag das nur vor. Es sieht so aus:

Geschlechterkontinuum

Das ist nur ein Beispiel, bei dem die Probanden dann sich selbst einschätzen können und damit weitaus genauere Daten geben, die ich dann sogar besser granulieren und operationalisieren kann. Ich kann auch hier gleich noch sexuelle Orientierungen und so weiter abfragen und dabei immer verständlich sein. Dabei werde ich automatisch alternativen Geschlechtswahrnehmungen gerecht und bekomme gleichzeitig ein realistisches Geschlechterbild meiner Stichprobe. Ich persönlich gehe übrigens davon aus, dass die meisten Menschen keine Extreme ankreuzen würden.

So, food for thought…