HCH003 AfD Grundsatzprogramm Besprechung 3 - Innere Sicherheit und Justiz

Da ist dann Kapitel 3 Innere Sicherheit und Justiz. Es wird eher abstrus. Ich bitte auch Juristen sich das anzusehen, weil die das noch besser beurteilen können.

HCH002 AfD Grundsatzprogramm Besprechung 2 - Euro und Europa

Es geht weiter mit Euro und Europapolitik. Nicht viel neues hier.

Shownotes:

Subsidiaritätsprinzip

Subsidiaritätsprinzip in Deutschland

 

HCH001 AfD Grundsatzprogramm Besprechung 1 - Demokratie und Grundwerte

 

Mit schön deutsch-sperrigem Namen gibt es jetzt zum Anhören meine Besprechung des AfD Grundsatzprogrammes. Ich mache das Kapitel für Kapitel, damit es nicht zu lang wird.

Zugrunde liegt der Text des Leitantrags zum Grundsatzprogramm, der auf dem Parteitag verwendet wurde. Ich lasse Minderheitenvoten weg.

Shownotes:

Gewaltenverschränkung im Überblick

Grundprinzipien des Staates

Werbung! – Überleben ist ein guter Anfang und Der Fluch des Wüstenfeuers

Irgendwo in diesem Blog gibt es Interviews mit Andrea Bottlinger. ((Also genauer hier und hier.)) Andrea ist eine alte Bekannte und wird in nächster Zeit zwei neue Romane veröffentlichen. Deswegen gibt es jetzt hier kurz Werbung. Ich könnte hier jetzt viel schreiben, aber schicke euch lieber zu ihrer eigenen Ankündigung.

Digitale Geräte und Unterricht – wir könnten auch einfach aufgeben…

Es sind wieder Abiturprüfungen im Lande und damit fängt wieder einmal der archaischste Leistungstest an, den wir im Bildungssystem zu bieten haben. Alles bitte handschriftlich, in ewig langer Zeit aufgeschrieben, streng reglementiert. Wäre nicht bewiesen, dass Schulabschlüsse an sich immer wertloser werden, man könnte dem Ritual fast glauben.

Dazu gehört auch, dass natürlich alle digitalen Geräte verboten sind. Dieselben Schülerinnen und Schüler, die die moderne Didaktik mit Webquests, produkt- und handlungsorientierten Methoden total eigenständig, aber komplett geplant, lernen lassen möchte, sitzen am Ende ihrer Schullaufbahn in Reihen und schreiben aus dem Kopf Wissen auf toten Baum. Da wird dann natürlich das Smartphone verboten, man könnte sich ja AM WISSEN DER FUCKING WELT BEDIENEN ANSTATT ES FÜR VIER STUNDEN NUTZLOS IM HIRN RUMZUTRAGEN! Und jetzt kommen die Smartwatches! Und die müssen auch verboten werden.

ODER: Wir könnten auch einfach aufgeben…

Und mal was Neues(™) machen. Zum Beispiel mal die großen Fragen stellen… wie es Sugata Mitra vormacht und damit zeigt, dass Kinder mit Computern nicht dümmer, sondern emanzipierter werden. Wir könnten einfach mal Abiturfragen stellen, für die wir selbst keine vorgefertigten Antworten haben und wir könnten den Prozess bewerten, mit dem Schülerinnen und Schüler dort ankommen.

Die Abschottung der Schule gegenüber dem Digitalen hat schon Jöran Muuß-Merholz in seinem Talk auf dem 28c3 thematisiert. Das war vor 5 Jahren! Da hat sich nix geändert, aber vieles verschlechtert. Wenn wir jetzt einfach aufgeben und sagen:“Okay, diese Computer und dieses Internet geht nicht weg.“ ((Total unbeliebt, man frage mal die Medienleute oder Politiker…)), dann könnten wir wieder das machen, was da draußen an den Schulen und Universitäten dransteht: Bildung.

Also, wie wäre es, wenn wir da einfach aufgeben… es tut nicht weh…

Bourdieu, Goffman, Peter und Dilbert

Ich habe ja schon letztens darüber geschrieben, wie sich Habitus eigentlich generiert und dass das mehr damit zu tun hat, wie man die Welt deutet und weniger damit was man tut.

Doch, wie kommt da nun ran? Wie komme ich an den Habitus, den ich so dringend brauche, wenn das rumsitzen in Sinfoniekonzerten es nicht bringt?

Die Antwort ist natürlich klar: Qualifikation und Abschlüsse! Wobei, Qualifikation kann man nicht messen, also reichen Abschlüsse und da sind wir bei Erwing Goffman, der sich mit sozialer Rollentheorie beschäftigt hat und die schöne Erkenntnis mitbrachte, dass bestimmte soziale Rollen eine bestimmte Menge an abstraktem Aufwand brauchen, damit sie ausgeübt werden können. Sein Beispiel in Wir alle spielen Theater ist, dass die amerikanische Armee in einem der vielen Kriege in den sie involviert war ((Irgendeiner von den bekannteren… ich schau nicht nach.)) dringend Apotheker brauchte. Also ging sie hin, schrieb ein Handbuch und bildete Apotheker in ungefähr sechs Monaten aus. Die amerikanische Apothekervereinigung war entrüstet, braucht man im zivilen Bereich doch mindestens drei Jahre um so eine Ausbildung zu kriegen ((Bei uns tut es ein Studium…)). Die Armeeapotheker waren übrigens nicht schlechter, nur pragmatisch ausgebildet. Goffman sagt dann, dass es aber für die Rolle des Apothekers wichtig war, dass die Ausbildung länger dauert, weil ansonsten ja Zweifel an dessen Kompetenz entstehen können, also das Ansehen leidet. Er sagt also, dass eine soziale Rolle auch einen gewissen Aufwand braucht, um sie zu erreichen. Kombiniert man das jetzt mit den Erkenntnisse von Bourdieu, dann wird schnell klar: bei den meisten Ausbildungen geht es gar nicht darum, dass die notwendige Qualifikation vermittelt wird, das passiert nebenbei und relativ schnell, sondern darum der Person den notwendigen Habitus anzuerziehen. Man hat also, wenn man dann ein schönes Zertifikat in der Hand hat, einen Nachweis der Habitustauglichkeit für eine bestimmte soziale Rolle und meist einen erhöhten sozialen Status.

Das wäre ja jetzt alles sehr schön, wären wir nicht in der Post-postmoderne und Wissen überall erhältlich. Will heißen: es gibt immer mehr Menschen, die Berufe ausüben, die sie nie gelernt haben, weil sie schlicht ihre kognitiven Fähigkeiten und das frei erhältliche Wissen benutzen um diese Berufe auszuüben. Das trifft vor allem für die große Zahl moderner Dienstleistungsberufe zu, auf denen unsere Wirtschaft beruht. Man kann das halt schlicht mit nem Laptop, Google und etwas Hirnschmalz machen. Das entwertet natürlich die traditionelle Ausbildung und zeigt dann auch, wo das Problem liegt: um einen Beruf auszuüben, braucht es keinerlei formale Ausbildung mehr und die Habitusgrenzen für diese Berufe verschwinden damit auch immer schneller, denn es gibt Menschen, die eine gleichwertige Leistung erbringen und schlicht nie in den Habitus eingeweiht wurden. Das wird dann sogar zu beklagten Umständen, dass die alten „Handwerkstraditionen“ nicht mehr geehrt werden, was zeigt, dass es hier um rituelle Habitushandlungen geht, die durch eine Veränderung der Umstände obsolet geworden sind. Das ist ja schon schrecklich genug, gäbe es jetzt nicht zwei Systeme in dieser Welt, die da in Konkurrenz stehen: das traditionelle System, das auf Zeugnisse und Rituale abstellt um sozialen Status und Rollen zu definieren und das postmoderne System, das sich allein an der tatsächlichen Eignung orientiert.

Was ist nun besser? Gesellschaftlich gesehen tatsächlich die postmoderne Version in all ihrer nivellierenden Glorie, denn hier steckt wahre Chancengleichheit. Doch unsere hierarchischen Strukturen sind dafür aktuell nicht geschaffen. Das sieht man am Peter Prinzip, das nach Lawrence Peter benannt ist, und im bekannten Aphorismus endet, dass man immer bis zum Level seiner eigenen Unfähigkeit befördert wird. Dabei wird Kompetenz immer auf der Stufe gemessen, die eine Person in der Hierarchie hat und diese dann irgendwann auf einen Posten befördert, der eine andere Art von Fähigkeiten benötigt, als die in denen man kompetent ist. Das ist noch dramatischer, wenn man sich weiterhin darauf verlässt, dass Menschen ihre Kompetenz durch Zeugnisse nachweisen, anstatt durch Fähigkeitsnachweise. ((Okay, die Wirtschaft weiß das und macht Assessmentcenter und sowas. Aber auch die Zulassung zu diesen ist erst einmal noch an Zertifikate gebunden. Aber dann, sind alle Leute, die da assessen selbst nur auf dem Posten, weil sie selbst einen Zettel vorgezeigt haben.)) Das führt uns dann zum Dilbert Prinzip, das sagt, dass die unfähigsten Mitarbeiter in einem Unternehmen ins Management versetzt werden, weil sie da vermeintlich den geringsten Schaden anrichten. Wenn man eine Kombination aus Fähigkeit und Zertifikaten annimmt, dann passiert es tatsächlich, dass mit Zertifikaten ausgekleidete Deppen am Ende irgendwo im Management landen und sich dann in Meetings die gegenseitige Wichtigkeit rituell versichern müssen, weil ja ansonsten jedem auffällt, dass man sie rausschmeißen könnte.

Führt man das jetzt mal alles zusammen muss festgestellt werden, dass man nur vom Zielen auf formale Ausbildungen abraten kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass man in viel Zeit einen nutzlosen Habitus lernt anstatt hilfreiche Fähigkeiten, die einen vielfältig kompetent in unsere fragmentierte soziale Realität heraustreten lassen, ist erstaunlich hoch. Ja, man hat dann ein Zertifikat, das einem sozialen Status verspricht, doch leider interessiert das in der Wirtschaft immer weniger und wird durch die Vielzahl nutzloser Zertifikate nur noch beliebiger und sinnloser. Die wahren feinen Unterschiede finden sich hier zwischen der zertifizierten und der nachgewiesenen Kompetenz. Wie schon im Beispiel mit der Musik zählt nicht der Besitz der Konzertkarte als Nachweis, sondern die Fähigkeit sich in der Tiefe mit der Musik beschäftigt zu haben.

Somit lässt sich nur raten, dass man die eigenen Fähigkeiten schärft und erweitert und eben nicht versucht Zertifikate zu erringen, sondern Nachweise der eigenen Fähigkeiten. ((Die Zertifikate kommen dann schon von allein.)) Wenn man glaubt, dass man Zeugnisse in seiner beruflichen Laufbahn braucht, dann sollte man sich überlegen, ob man in einem Umfeld arbeiten möchte, in dem Kompetenz über Zettel und erlerntes Verhalten dargestellt wird. 

Ein kleines Detail zur Beschulung von Flüchtlingen…

Okay. Das hier geht schnell, aber ist wichtig:

Ich hab letztens mit meiner Flüchtlingsklasse das Grundgesetz besprochen, weil es ja auch für sie wichtig ist und dabei habe ich auch darauf hingewiesen, dass sie bestimmte Grundrechte (leider) nicht haben. Eines dieser Bürgerrechte ist sehr spannend in seiner Konsequenz für die Zukunft dieser jungen Leute in unserer Gesellschaft:

Art. 12

(1) Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden.

(2) Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht.

(3) Zwangsarbeit ist nur bei einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung zulässig.

Das habe ich zwar irgendwie immer gewußt, aber denke da nicht aktiv dran. Die freie Berufswahl und Ausbildungswahl ist ein Bürgerrecht. Das bedeutet, dass der Staat allen jungen Menschen mit ausländischem Pass vorschreiben kann, welche Berufe sie erlernen. Sie haben nicht die Freiheit sich das selbst auszusuchen.

In der Praxis heißt das, dass viele dieser Menschen schulische Berufsausbildungen bekommen ohne eine gesicherte Zukunftsperspektive zu haben und dass diese vom Staat für sie ausgesucht werden können. Das bedeutet, dass sie vielleicht aus einer Auswahl wählen können, aber auch nur ein beschränktes Angebot erhalten können.

Ich hätte übrigens gern jemanden, der das mal nachrecherchiert… danke.

Zement für die bröckelnde Wirklichkeit

Im Nachgang dieses Artikels kam in einer Unterhaltung auf, warum es eigentlich so viele Menschen in den sozialen Netzen gibt, die weder sich selbst noch die Welt reflektieren können und ob man das nicht in der Schule lernen sollte.

Die Kurzantworten dazu wären: nein und ja

Lang ist es natürlich, wie immer, komplex. Den Mangel an Selbstreflexion an Bildung fest zu machen ist sicherlich logisch und auch erstmal richtig. Darum geht es gleich. Doch vorher sei der Hinweis gestattet, dass es unheimlich schwer ist, seinen Blick immer oder auch nur manchmal über den Tellerrand der eigenen Erfahrung zu heben. Wir konstruieren uns unsere Welt aufgrund der eigenen Erfahrungen und diese konstruierte Wirklichkeit, ist wirklicher als das, was wir als real existierend wissen. Deswegen kann es durchaus sein, dass Menschen in sozialen Medien, die eigentlich auch nur Echokammern für die eigene Befindlichkeit und Weltkonstruktion sind, noch weniger an ihrem abstrakten Wissen über das, was wahr ist, interessiert. Für sie ist ihre Weltkonstruktion wahrer. Also kann man da nicht unbedingt davon reden, dass die alle ungebildet sind.

Doch nun zur Frage, ob man in der Schule lernen sollte, wie man die Welt kritisch hinterfragt. Das ist generell erstmal Bildungsaufgabe. Steht auch so in allen möglichen Verfassungen und Gesetzen. Doch, da hört es dann auch auf. Denn die Anforderungen an das Schulsystems und seine Struktur sind für eine Umgebung, in der man sich kritisch mit der Welt auseinandersetzt nun eher so kontraproduktiv. Das Schulsystem wurde geschaffen um Beamte und Angestellte auszubilden. Die grundlegenden Prinzipien sind nicht die der Wissenschaft, also kritisches Hinterfragen, sondern welche, die darauf beruhen objektives Wissen effektiv zu vermitteln. Dafür ist aber kritisches Hinterfragen natürlich Gift, weil sich das einfacher gestalten lässt, wenn die Menschen, die das Wissen, das an sich ja wissenschaftliche generiert wurde, empfangen dies möglichst widerstandsfrei und originalgetreu machen. Das wird im dreigliederigen Schulsystem in unterschiedlicher Stärke getan. Ja grundlegender die Schulart und je niedriger die Klasse, desto mehr wird Wissen einfach erklärt und davon ausgegangen, dass es aufgenommen wird. Das Warum kommt später und ist „zu kompliziert“. Was in der Zwischenzeit passiert ist aber, dass Schulen den Kindern und Jugendlichen eine Verhaltensweise anerziehen, die eben kritikfeindlich ist. Ironischerweise wird erwartet, dass ab einem Alter von ca. 13-15 die Schülerinnen und Schüler anfangen über Fragen und Inhalte nachzudenken und zu reflektieren. Genau das, was man ihnen vorher aberzogen hat. Die Schwelle für das Bestehen von Abituren durch reines Lernen ist aber nicht hoch genug, dass man überhaupt denken lernen muss. Sogar an Universitäten wird stumpfes Repetieren mehr unterstützt als Denken.

Und so kommt es, dass kritisches Denken maximal an der Universität vermittelt wird, aber auch dort nicht mehr nötig ist, um einen Abschluss zu bekommen. Schulen können das ihrer Struktur nach gar nicht leisten und widerstehen auch schon seit langem jedem Versuch diese Struktur zu verändern. 

Verloren – Lost in Translation und Somewhere von Sofia Coppola

Ich war im Jahre 2003-4 in Schottland zum Auslandsstudium. Das war eine sehr schöne, aber auch befremdliche Erfahrung, weil fremde Länder halt fremd sind. Eines schönes Tages fragte mich einer meiner Mitbewohner, dass er im örtlichen Independent Kino einen Film sehen wollte. Ich ging mit und sah so total zufällig Lost in Translation von Sofia Coppola, einen Film, der mich mit meiner damaligen Situation unheimlich verbunden hat und mich bis heute irgendwie berührt.

Die Herausforderung des Fremden und der Humor und die Beziehung, die durch die Konfrontation mit dem Wahnsinn einer unverständlichen Welt, zwischen den Hauptcharakteren entsteht, haben es mir sehr angetan. Den Film zeichnet aus meiner Sicht aus, dass er unheimlich leise komisch sein kann und nicht so sehr erzählt, sondern zeigt, wie sich die Verbindung zwischen den Charakteren entwickelt. Verbindung ist hier auch aus meiner Sicht das passendere Wort als Beziehung. Die Erfahrung des Fremden verbindet Bob Harris ((genialst: Bill Murray)) mit Charlotte ((Scarlett Johansson in der besten Rolle in der ich sie kenne)) und das Verlassen des Fremden trennt sie wieder. Diese Nähe ist es, die wichtig ist und die mir an dem Film wichtig ist. Wir können uns überall miteinander verbinden, wenn wir erkennen was uns vereint. Und diese Verbindung zwischen Menschen hat der Film schon mehrfach für mich hergestellt.

Und Verbindung ist auch das grundlegende Thema von Somewhere, den ich jetzt erst gesehen habe. Der Schauspieler Johnny Marco ((Stephen Dorff)) ist in seinem Superstardasein verloren und findet keine Verbindung mehr zu seiner Umwelt oder zu sich selbst. Die zentrale Frage für ihn wird schon früh im Film von einem Journalisten auf einer komplett derangierten Pressekonferenz gestellt:

„Wer ist Johnny Marco?“

Eine Antwort auf diese Frage bekommt er erst, nachdem er gezwungen wird Zeit mit seiner Tochter Chleo ((Elle Fanning)) zu verbringen, deren Mutter irgendwohin verschwindet und die mit ihrem Vater den Jet Set und die Absurdität des Filmstardaseins erlebt. Darüber entwickelt sich für Marco eine Verbindung, die dadurch, dass Chleo seine Tochter ist, einen besonderen Wert erhält. Seine Unbeholfenheit und Verlorenheit zeigt sich erst, wenn seine Tochter aus Angst um das Verschwinden der Mutter weint und er ihr über den Rotorenlärm eines Helikopters Wünsche für das Sommercamp zuruft, anstatt nochmal zum Auto zu gehen, in dem sie sitzt. Dieses Erlebnis hinterlässt Johnny komplett in der Krise, die mit dem Ende des Films anfängt.

Verbindung zum eigenen Leben ist also hier der Mittelpunkt. Somewhere dreht also die Erfahrung um, in dem Nähe das einzige ist, was überhaupt noch Verbindung bringen kann. Ansonsten befinden sich die Charaktere die ganze Zeit irgendwo, wie der Titel sagt. Es gibt keine soziale und räumliche Verortung mehr außer der Referenz der Menschen zueinander.

Ich und Du und die Distinktion

Ich war die Tage bei einem Konzert der Brass Band Bamberg. Es war sehr gut und hat mir großen Spaß bereitet. Allerdings war ich eher zufällig dort, weil Isa als Fotografin da war und mich mitgenommen hat. Während des Konzertes sprachen wir über die verschiedene Musik und was sie für uns bedeutet und was nicht. Und dabei fiel mir wieder auf, dass es verschiedene Arten gibt über sowas wie klassische Musik und Konzerte zu denken und dass das davon abhängt, welche Ziele und Ideen man mit Musik verbindet.

Distinktion und Habitus

Doch vorher, eine kurze dreckige Wiederholung von Sachen, die ich schon öfter erzählt habe. Der Soziologe und Ethnologe Pierre Bourdieu sagt in seinem Buch Die feinen Unterschiede, dass sich soziale Schichten nicht nur durch unterschiedliche Mengen an Kapital, sondern auch durch ihren Habitus unterscheiden. Der Habitus ist dabei als eine bestimmte Art die Welt zu sehen und sich in ihr zu verhalten. Je nachdem, in welchen sozialen Schichten eine Person sozialisiert wurde, erwirbt sie bestimmte Habitus, die dann aber auch beschränken, in welche Schichten diese Person sich holperfrei eingliedern kann. Bourdieu sagt, dass die Unterschiede im Verhalten einer Person den Zugang zu anderen sozialen Statusgruppen verwehrt, solange diese Person nicht weiß, wie sie sich zu verhalten hat. Damit werden bestimmte Verhaltensweisen zu Distinktionsmerkmalen, mit denen sich Menschen von anderen in ihrem sozialen Status unterscheiden lassen. Das wichtige ist hierbei, dass diese Merkmale sozial generiert, verteilt und erlernt werden. Der soziale Unterschied wird also weitergegeben und kultiviert. Man kommt nur in den sozialen Kreis, wenn man das geheime Verhalten und Wort kennt.

E und U und so weiter

Und das ist auch bei Musik so. Die große Unterteilung, die den meisten Menschen wahrscheinlich bekannt ist, ist die zwischen E- und U- Musik. E steht dabei für „ernsthaft“ und U für „Unterhaltung“. E-Musik ist damit definiert als etwas mit dem man sich auseinandersetzen muss, U-Musik ist etwas für alle und hat keinen Anspruch oder anders ausgedrückt, man muss angeblich dabei nicht nachdenken. Damit ist dann Math Metal definitiv E-Musik. E-Musik ist also Musik, die ähnlich der modernen Kunst Deutung braucht und den Menschen nicht nur emotional, sondern auch kognitiv herausfordert. Je moderner die Musik, desto schlimmer wird das. Bei der „alten“ klassischen Musik gibt es durchaus Unterhaltungsstücke, die aber so fremdartig für die modernen Hörgewohnheiten sind, dass die Dekodierung immer noch ein kognitiver Prozess wird. Man kann sich diese Musik auch einfach so anhören, aber die reine Unterscheidung in schön und nicht-schön ist dann halt auch sehr einfältig.

Distinktionmerkmale

Denn in Wirklichkeit gibt es hier natürlich sozialen Grenzen, die durch die Art des Musikgenusses gekennzeichnet sind. Und da gibt es im Endeffekt drei Arten von Leuten: diejenigen, die selbst Musik machen und deswegen eine persönliche Verbindung zu einem Musikstück haben, dann diejenigen, die keine Musik machen, aber sich für sie interessieren, sie verstehen und genießen, und dann gibt es die dritte Gruppe: diejenigen, die Musik konsumieren, weil dieser Konsum zu ihrem angestrebten Habitus gehört. Die dritte Gruppe gibt es, weil es traditionell zum Habitus des Bildungsbürgertums und der Oberschicht gehört, dass man Kunst und Musik schätzt. Schon in den feinen Unterschieden macht Bourdieu an der Kunst fest, wo der Unterschied zwischen den verschiedenen sozialen Statusgruppen ist. Er sagt allerdings auch, dass das Geheimnis des Habitus der gehobenen Statusgruppen ist, das eben das erhöhte Verständnis von Musik und Kunst ein Zeichen des Status ist, nicht die Teilnahme an entsprechenden Veranstaltungen. Man muss also auf eine bestimmte Art über Kunst und Musik reden können, wenn man Teil der Gruppe sein will, nicht zwingend Konzerte besuchen. Deswegen achten Menschen in den gehobenen Statusgruppen dann die Musiker, denn dort verbinden sich der Habitus beider Gruppen, obwohl Musiker ja eigentlich sozial niedriger stehen.

Zusammengefasst kann also gesagt werden: es gibt Leute, die E-Musik hören, weil ihnen diese etwas gibt und es gibt Leute, die E-Musik hören, weil sie glauben, dass das Erscheinen bei entsprechenden Konzerten zum sozialen Status gehört, den sie haben möchten: dem des intellektuellen Schöngeists und der bürgerlichen Oberschicht. Jenseits von Überlappungen, die es da natürlich geben kann, bedeutet das allerdings auch, dass die Leute, die sich vom Besuch des Sinfoniekonzerts einen Vorteil für den sozialen Status versprechen, eigentlich keinen Zugang zu dem haben, was die entsprechenden Statusgruppen schon per Erziehung mitbekommen und Musiker und Musikliebhaber durch ihr Hobby erhalten: nämlich die Fähigkeit E-Musik zu deuten, ein Orchester zu lesen und damit den eigenen Horizont durch die kognitive Interaktion mit der Musik zu erweitern. Dafür entlarven sich diese Menschen dann als diejenigen, die nur aus sozialer Erwünschbarkeit oder Geltungsverlangen kulturelle Veranstaltungen aufsuchen. Das ist so etwas wie das soziale Shibboleth. Um das zu beschreiben kann ich anekdotisch noch folgende Aussage eines Dauerkarteninhabers der lokalen Sinfoniker anführen:

Ja, der Sparkassenvorstand ist die „Schüttelfraktion“. Die sind nur da, um sich gegenseitig die Hände zu schütteln. Aber ich bin froh, dass die da sind. Sie bezahlen ja die Sinfoniker und ich genieße die Musik.

Das Distinktionsmerkmal im Bereich Musik ist, wie in nahezu jedem sozialen Bereich also das Wissen um die Deutung des Phänomens und je vielfältiger und breiter dieses Wissen ist, desto anerkannter ist man. Das gilt für alle sozialen Statusgruppen und meist dreht sich die Betonung, was man wie sehr deuten können muss, von den oberen Statusgruppen zu den niedrigen um: muss man für den hohen Status einen Monet erkennen können, muss man im niedrigen Bereich die Konnotationen und Grenzen des rassistischen Witzes kennen.

Interesant ist dabei dann folgendes: egal welche soziale Statusgruppe, egal welcher Habitus, alle erkennen Menschen, die aufgrund mangelnden Wissens nicht dazu gehören, sofort. Deswegen wird die „Schüttelfraktion“ genauso belächelt wie der Uniprofessor auf der Baustelle und deswegen ist sozialer Aufstieg, wenn man ihn sich ersehnt, nur darüber machbar, dass man neue Deutungsebenen erkennen kann, also die Fähigkeit besitzt, die Wilhelm von Humboldt Bildung nannte.