Digitale Geräte und Unterricht – wir könnten auch einfach aufgeben…

Es sind wieder Abiturprüfungen im Lande und damit fängt wieder einmal der archaischste Leistungstest an, den wir im Bildungssystem zu bieten haben. Alles bitte handschriftlich, in ewig langer Zeit aufgeschrieben, streng reglementiert. Wäre nicht bewiesen, dass Schulabschlüsse an sich immer wertloser werden, man könnte dem Ritual fast glauben.

Dazu gehört auch, dass natürlich alle digitalen Geräte verboten sind. Dieselben Schülerinnen und Schüler, die die moderne Didaktik mit Webquests, produkt- und handlungsorientierten Methoden total eigenständig, aber komplett geplant, lernen lassen möchte, sitzen am Ende ihrer Schullaufbahn in Reihen und schreiben aus dem Kopf Wissen auf toten Baum. Da wird dann natürlich das Smartphone verboten, man könnte sich ja AM WISSEN DER FUCKING WELT BEDIENEN ANSTATT ES FÜR VIER STUNDEN NUTZLOS IM HIRN RUMZUTRAGEN! Und jetzt kommen die Smartwatches! Und die müssen auch verboten werden.

ODER: Wir könnten auch einfach aufgeben…

Und mal was Neues(™) machen. Zum Beispiel mal die großen Fragen stellen… wie es Sugata Mitra vormacht und damit zeigt, dass Kinder mit Computern nicht dümmer, sondern emanzipierter werden. Wir könnten einfach mal Abiturfragen stellen, für die wir selbst keine vorgefertigten Antworten haben und wir könnten den Prozess bewerten, mit dem Schülerinnen und Schüler dort ankommen.

Die Abschottung der Schule gegenüber dem Digitalen hat schon Jöran Muuß-Merholz in seinem Talk auf dem 28c3 thematisiert. Das war vor 5 Jahren! Da hat sich nix geändert, aber vieles verschlechtert. Wenn wir jetzt einfach aufgeben und sagen:“Okay, diese Computer und dieses Internet geht nicht weg.“ ((Total unbeliebt, man frage mal die Medienleute oder Politiker…)), dann könnten wir wieder das machen, was da draußen an den Schulen und Universitäten dransteht: Bildung.

Also, wie wäre es, wenn wir da einfach aufgeben… es tut nicht weh…

Bourdieu, Goffman, Peter und Dilbert

Ich habe ja schon letztens darüber geschrieben, wie sich Habitus eigentlich generiert und dass das mehr damit zu tun hat, wie man die Welt deutet und weniger damit was man tut.

Doch, wie kommt da nun ran? Wie komme ich an den Habitus, den ich so dringend brauche, wenn das rumsitzen in Sinfoniekonzerten es nicht bringt?

Die Antwort ist natürlich klar: Qualifikation und Abschlüsse! Wobei, Qualifikation kann man nicht messen, also reichen Abschlüsse und da sind wir bei Erwing Goffman, der sich mit sozialer Rollentheorie beschäftigt hat und die schöne Erkenntnis mitbrachte, dass bestimmte soziale Rollen eine bestimmte Menge an abstraktem Aufwand brauchen, damit sie ausgeübt werden können. Sein Beispiel in Wir alle spielen Theater ist, dass die amerikanische Armee in einem der vielen Kriege in den sie involviert war ((Irgendeiner von den bekannteren… ich schau nicht nach.)) dringend Apotheker brauchte. Also ging sie hin, schrieb ein Handbuch und bildete Apotheker in ungefähr sechs Monaten aus. Die amerikanische Apothekervereinigung war entrüstet, braucht man im zivilen Bereich doch mindestens drei Jahre um so eine Ausbildung zu kriegen ((Bei uns tut es ein Studium…)). Die Armeeapotheker waren übrigens nicht schlechter, nur pragmatisch ausgebildet. Goffman sagt dann, dass es aber für die Rolle des Apothekers wichtig war, dass die Ausbildung länger dauert, weil ansonsten ja Zweifel an dessen Kompetenz entstehen können, also das Ansehen leidet. Er sagt also, dass eine soziale Rolle auch einen gewissen Aufwand braucht, um sie zu erreichen. Kombiniert man das jetzt mit den Erkenntnisse von Bourdieu, dann wird schnell klar: bei den meisten Ausbildungen geht es gar nicht darum, dass die notwendige Qualifikation vermittelt wird, das passiert nebenbei und relativ schnell, sondern darum der Person den notwendigen Habitus anzuerziehen. Man hat also, wenn man dann ein schönes Zertifikat in der Hand hat, einen Nachweis der Habitustauglichkeit für eine bestimmte soziale Rolle und meist einen erhöhten sozialen Status.

Das wäre ja jetzt alles sehr schön, wären wir nicht in der Post-postmoderne und Wissen überall erhältlich. Will heißen: es gibt immer mehr Menschen, die Berufe ausüben, die sie nie gelernt haben, weil sie schlicht ihre kognitiven Fähigkeiten und das frei erhältliche Wissen benutzen um diese Berufe auszuüben. Das trifft vor allem für die große Zahl moderner Dienstleistungsberufe zu, auf denen unsere Wirtschaft beruht. Man kann das halt schlicht mit nem Laptop, Google und etwas Hirnschmalz machen. Das entwertet natürlich die traditionelle Ausbildung und zeigt dann auch, wo das Problem liegt: um einen Beruf auszuüben, braucht es keinerlei formale Ausbildung mehr und die Habitusgrenzen für diese Berufe verschwinden damit auch immer schneller, denn es gibt Menschen, die eine gleichwertige Leistung erbringen und schlicht nie in den Habitus eingeweiht wurden. Das wird dann sogar zu beklagten Umständen, dass die alten „Handwerkstraditionen“ nicht mehr geehrt werden, was zeigt, dass es hier um rituelle Habitushandlungen geht, die durch eine Veränderung der Umstände obsolet geworden sind. Das ist ja schon schrecklich genug, gäbe es jetzt nicht zwei Systeme in dieser Welt, die da in Konkurrenz stehen: das traditionelle System, das auf Zeugnisse und Rituale abstellt um sozialen Status und Rollen zu definieren und das postmoderne System, das sich allein an der tatsächlichen Eignung orientiert.

Was ist nun besser? Gesellschaftlich gesehen tatsächlich die postmoderne Version in all ihrer nivellierenden Glorie, denn hier steckt wahre Chancengleichheit. Doch unsere hierarchischen Strukturen sind dafür aktuell nicht geschaffen. Das sieht man am Peter Prinzip, das nach Lawrence Peter benannt ist, und im bekannten Aphorismus endet, dass man immer bis zum Level seiner eigenen Unfähigkeit befördert wird. Dabei wird Kompetenz immer auf der Stufe gemessen, die eine Person in der Hierarchie hat und diese dann irgendwann auf einen Posten befördert, der eine andere Art von Fähigkeiten benötigt, als die in denen man kompetent ist. Das ist noch dramatischer, wenn man sich weiterhin darauf verlässt, dass Menschen ihre Kompetenz durch Zeugnisse nachweisen, anstatt durch Fähigkeitsnachweise. ((Okay, die Wirtschaft weiß das und macht Assessmentcenter und sowas. Aber auch die Zulassung zu diesen ist erst einmal noch an Zertifikate gebunden. Aber dann, sind alle Leute, die da assessen selbst nur auf dem Posten, weil sie selbst einen Zettel vorgezeigt haben.)) Das führt uns dann zum Dilbert Prinzip, das sagt, dass die unfähigsten Mitarbeiter in einem Unternehmen ins Management versetzt werden, weil sie da vermeintlich den geringsten Schaden anrichten. Wenn man eine Kombination aus Fähigkeit und Zertifikaten annimmt, dann passiert es tatsächlich, dass mit Zertifikaten ausgekleidete Deppen am Ende irgendwo im Management landen und sich dann in Meetings die gegenseitige Wichtigkeit rituell versichern müssen, weil ja ansonsten jedem auffällt, dass man sie rausschmeißen könnte.

Führt man das jetzt mal alles zusammen muss festgestellt werden, dass man nur vom Zielen auf formale Ausbildungen abraten kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass man in viel Zeit einen nutzlosen Habitus lernt anstatt hilfreiche Fähigkeiten, die einen vielfältig kompetent in unsere fragmentierte soziale Realität heraustreten lassen, ist erstaunlich hoch. Ja, man hat dann ein Zertifikat, das einem sozialen Status verspricht, doch leider interessiert das in der Wirtschaft immer weniger und wird durch die Vielzahl nutzloser Zertifikate nur noch beliebiger und sinnloser. Die wahren feinen Unterschiede finden sich hier zwischen der zertifizierten und der nachgewiesenen Kompetenz. Wie schon im Beispiel mit der Musik zählt nicht der Besitz der Konzertkarte als Nachweis, sondern die Fähigkeit sich in der Tiefe mit der Musik beschäftigt zu haben.

Somit lässt sich nur raten, dass man die eigenen Fähigkeiten schärft und erweitert und eben nicht versucht Zertifikate zu erringen, sondern Nachweise der eigenen Fähigkeiten. ((Die Zertifikate kommen dann schon von allein.)) Wenn man glaubt, dass man Zeugnisse in seiner beruflichen Laufbahn braucht, dann sollte man sich überlegen, ob man in einem Umfeld arbeiten möchte, in dem Kompetenz über Zettel und erlerntes Verhalten dargestellt wird. 

Ein kleines Detail zur Beschulung von Flüchtlingen…

Okay. Das hier geht schnell, aber ist wichtig:

Ich hab letztens mit meiner Flüchtlingsklasse das Grundgesetz besprochen, weil es ja auch für sie wichtig ist und dabei habe ich auch darauf hingewiesen, dass sie bestimmte Grundrechte (leider) nicht haben. Eines dieser Bürgerrechte ist sehr spannend in seiner Konsequenz für die Zukunft dieser jungen Leute in unserer Gesellschaft:

Art. 12

(1) Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden.

(2) Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht.

(3) Zwangsarbeit ist nur bei einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung zulässig.

Das habe ich zwar irgendwie immer gewußt, aber denke da nicht aktiv dran. Die freie Berufswahl und Ausbildungswahl ist ein Bürgerrecht. Das bedeutet, dass der Staat allen jungen Menschen mit ausländischem Pass vorschreiben kann, welche Berufe sie erlernen. Sie haben nicht die Freiheit sich das selbst auszusuchen.

In der Praxis heißt das, dass viele dieser Menschen schulische Berufsausbildungen bekommen ohne eine gesicherte Zukunftsperspektive zu haben und dass diese vom Staat für sie ausgesucht werden können. Das bedeutet, dass sie vielleicht aus einer Auswahl wählen können, aber auch nur ein beschränktes Angebot erhalten können.

Ich hätte übrigens gern jemanden, der das mal nachrecherchiert… danke.

Zement für die bröckelnde Wirklichkeit

Im Nachgang dieses Artikels kam in einer Unterhaltung auf, warum es eigentlich so viele Menschen in den sozialen Netzen gibt, die weder sich selbst noch die Welt reflektieren können und ob man das nicht in der Schule lernen sollte.

Die Kurzantworten dazu wären: nein und ja

Lang ist es natürlich, wie immer, komplex. Den Mangel an Selbstreflexion an Bildung fest zu machen ist sicherlich logisch und auch erstmal richtig. Darum geht es gleich. Doch vorher sei der Hinweis gestattet, dass es unheimlich schwer ist, seinen Blick immer oder auch nur manchmal über den Tellerrand der eigenen Erfahrung zu heben. Wir konstruieren uns unsere Welt aufgrund der eigenen Erfahrungen und diese konstruierte Wirklichkeit, ist wirklicher als das, was wir als real existierend wissen. Deswegen kann es durchaus sein, dass Menschen in sozialen Medien, die eigentlich auch nur Echokammern für die eigene Befindlichkeit und Weltkonstruktion sind, noch weniger an ihrem abstrakten Wissen über das, was wahr ist, interessiert. Für sie ist ihre Weltkonstruktion wahrer. Also kann man da nicht unbedingt davon reden, dass die alle ungebildet sind.

Doch nun zur Frage, ob man in der Schule lernen sollte, wie man die Welt kritisch hinterfragt. Das ist generell erstmal Bildungsaufgabe. Steht auch so in allen möglichen Verfassungen und Gesetzen. Doch, da hört es dann auch auf. Denn die Anforderungen an das Schulsystems und seine Struktur sind für eine Umgebung, in der man sich kritisch mit der Welt auseinandersetzt nun eher so kontraproduktiv. Das Schulsystem wurde geschaffen um Beamte und Angestellte auszubilden. Die grundlegenden Prinzipien sind nicht die der Wissenschaft, also kritisches Hinterfragen, sondern welche, die darauf beruhen objektives Wissen effektiv zu vermitteln. Dafür ist aber kritisches Hinterfragen natürlich Gift, weil sich das einfacher gestalten lässt, wenn die Menschen, die das Wissen, das an sich ja wissenschaftliche generiert wurde, empfangen dies möglichst widerstandsfrei und originalgetreu machen. Das wird im dreigliederigen Schulsystem in unterschiedlicher Stärke getan. Ja grundlegender die Schulart und je niedriger die Klasse, desto mehr wird Wissen einfach erklärt und davon ausgegangen, dass es aufgenommen wird. Das Warum kommt später und ist „zu kompliziert“. Was in der Zwischenzeit passiert ist aber, dass Schulen den Kindern und Jugendlichen eine Verhaltensweise anerziehen, die eben kritikfeindlich ist. Ironischerweise wird erwartet, dass ab einem Alter von ca. 13-15 die Schülerinnen und Schüler anfangen über Fragen und Inhalte nachzudenken und zu reflektieren. Genau das, was man ihnen vorher aberzogen hat. Die Schwelle für das Bestehen von Abituren durch reines Lernen ist aber nicht hoch genug, dass man überhaupt denken lernen muss. Sogar an Universitäten wird stumpfes Repetieren mehr unterstützt als Denken.

Und so kommt es, dass kritisches Denken maximal an der Universität vermittelt wird, aber auch dort nicht mehr nötig ist, um einen Abschluss zu bekommen. Schulen können das ihrer Struktur nach gar nicht leisten und widerstehen auch schon seit langem jedem Versuch diese Struktur zu verändern. 

Verloren – Lost in Translation und Somewhere von Sofia Coppola

Ich war im Jahre 2003-4 in Schottland zum Auslandsstudium. Das war eine sehr schöne, aber auch befremdliche Erfahrung, weil fremde Länder halt fremd sind. Eines schönes Tages fragte mich einer meiner Mitbewohner, dass er im örtlichen Independent Kino einen Film sehen wollte. Ich ging mit und sah so total zufällig Lost in Translation von Sofia Coppola, einen Film, der mich mit meiner damaligen Situation unheimlich verbunden hat und mich bis heute irgendwie berührt.

Die Herausforderung des Fremden und der Humor und die Beziehung, die durch die Konfrontation mit dem Wahnsinn einer unverständlichen Welt, zwischen den Hauptcharakteren entsteht, haben es mir sehr angetan. Den Film zeichnet aus meiner Sicht aus, dass er unheimlich leise komisch sein kann und nicht so sehr erzählt, sondern zeigt, wie sich die Verbindung zwischen den Charakteren entwickelt. Verbindung ist hier auch aus meiner Sicht das passendere Wort als Beziehung. Die Erfahrung des Fremden verbindet Bob Harris ((genialst: Bill Murray)) mit Charlotte ((Scarlett Johansson in der besten Rolle in der ich sie kenne)) und das Verlassen des Fremden trennt sie wieder. Diese Nähe ist es, die wichtig ist und die mir an dem Film wichtig ist. Wir können uns überall miteinander verbinden, wenn wir erkennen was uns vereint. Und diese Verbindung zwischen Menschen hat der Film schon mehrfach für mich hergestellt.

Und Verbindung ist auch das grundlegende Thema von Somewhere, den ich jetzt erst gesehen habe. Der Schauspieler Johnny Marco ((Stephen Dorff)) ist in seinem Superstardasein verloren und findet keine Verbindung mehr zu seiner Umwelt oder zu sich selbst. Die zentrale Frage für ihn wird schon früh im Film von einem Journalisten auf einer komplett derangierten Pressekonferenz gestellt:

„Wer ist Johnny Marco?“

Eine Antwort auf diese Frage bekommt er erst, nachdem er gezwungen wird Zeit mit seiner Tochter Chleo ((Elle Fanning)) zu verbringen, deren Mutter irgendwohin verschwindet und die mit ihrem Vater den Jet Set und die Absurdität des Filmstardaseins erlebt. Darüber entwickelt sich für Marco eine Verbindung, die dadurch, dass Chleo seine Tochter ist, einen besonderen Wert erhält. Seine Unbeholfenheit und Verlorenheit zeigt sich erst, wenn seine Tochter aus Angst um das Verschwinden der Mutter weint und er ihr über den Rotorenlärm eines Helikopters Wünsche für das Sommercamp zuruft, anstatt nochmal zum Auto zu gehen, in dem sie sitzt. Dieses Erlebnis hinterlässt Johnny komplett in der Krise, die mit dem Ende des Films anfängt.

Verbindung zum eigenen Leben ist also hier der Mittelpunkt. Somewhere dreht also die Erfahrung um, in dem Nähe das einzige ist, was überhaupt noch Verbindung bringen kann. Ansonsten befinden sich die Charaktere die ganze Zeit irgendwo, wie der Titel sagt. Es gibt keine soziale und räumliche Verortung mehr außer der Referenz der Menschen zueinander.

Ich und Du und die Distinktion

Ich war die Tage bei einem Konzert der Brass Band Bamberg. Es war sehr gut und hat mir großen Spaß bereitet. Allerdings war ich eher zufällig dort, weil Isa als Fotografin da war und mich mitgenommen hat. Während des Konzertes sprachen wir über die verschiedene Musik und was sie für uns bedeutet und was nicht. Und dabei fiel mir wieder auf, dass es verschiedene Arten gibt über sowas wie klassische Musik und Konzerte zu denken und dass das davon abhängt, welche Ziele und Ideen man mit Musik verbindet.

Distinktion und Habitus

Doch vorher, eine kurze dreckige Wiederholung von Sachen, die ich schon öfter erzählt habe. Der Soziologe und Ethnologe Pierre Bourdieu sagt in seinem Buch Die feinen Unterschiede, dass sich soziale Schichten nicht nur durch unterschiedliche Mengen an Kapital, sondern auch durch ihren Habitus unterscheiden. Der Habitus ist dabei als eine bestimmte Art die Welt zu sehen und sich in ihr zu verhalten. Je nachdem, in welchen sozialen Schichten eine Person sozialisiert wurde, erwirbt sie bestimmte Habitus, die dann aber auch beschränken, in welche Schichten diese Person sich holperfrei eingliedern kann. Bourdieu sagt, dass die Unterschiede im Verhalten einer Person den Zugang zu anderen sozialen Statusgruppen verwehrt, solange diese Person nicht weiß, wie sie sich zu verhalten hat. Damit werden bestimmte Verhaltensweisen zu Distinktionsmerkmalen, mit denen sich Menschen von anderen in ihrem sozialen Status unterscheiden lassen. Das wichtige ist hierbei, dass diese Merkmale sozial generiert, verteilt und erlernt werden. Der soziale Unterschied wird also weitergegeben und kultiviert. Man kommt nur in den sozialen Kreis, wenn man das geheime Verhalten und Wort kennt.

E und U und so weiter

Und das ist auch bei Musik so. Die große Unterteilung, die den meisten Menschen wahrscheinlich bekannt ist, ist die zwischen E- und U- Musik. E steht dabei für „ernsthaft“ und U für „Unterhaltung“. E-Musik ist damit definiert als etwas mit dem man sich auseinandersetzen muss, U-Musik ist etwas für alle und hat keinen Anspruch oder anders ausgedrückt, man muss angeblich dabei nicht nachdenken. Damit ist dann Math Metal definitiv E-Musik. E-Musik ist also Musik, die ähnlich der modernen Kunst Deutung braucht und den Menschen nicht nur emotional, sondern auch kognitiv herausfordert. Je moderner die Musik, desto schlimmer wird das. Bei der „alten“ klassischen Musik gibt es durchaus Unterhaltungsstücke, die aber so fremdartig für die modernen Hörgewohnheiten sind, dass die Dekodierung immer noch ein kognitiver Prozess wird. Man kann sich diese Musik auch einfach so anhören, aber die reine Unterscheidung in schön und nicht-schön ist dann halt auch sehr einfältig.

Distinktionmerkmale

Denn in Wirklichkeit gibt es hier natürlich sozialen Grenzen, die durch die Art des Musikgenusses gekennzeichnet sind. Und da gibt es im Endeffekt drei Arten von Leuten: diejenigen, die selbst Musik machen und deswegen eine persönliche Verbindung zu einem Musikstück haben, dann diejenigen, die keine Musik machen, aber sich für sie interessieren, sie verstehen und genießen, und dann gibt es die dritte Gruppe: diejenigen, die Musik konsumieren, weil dieser Konsum zu ihrem angestrebten Habitus gehört. Die dritte Gruppe gibt es, weil es traditionell zum Habitus des Bildungsbürgertums und der Oberschicht gehört, dass man Kunst und Musik schätzt. Schon in den feinen Unterschieden macht Bourdieu an der Kunst fest, wo der Unterschied zwischen den verschiedenen sozialen Statusgruppen ist. Er sagt allerdings auch, dass das Geheimnis des Habitus der gehobenen Statusgruppen ist, das eben das erhöhte Verständnis von Musik und Kunst ein Zeichen des Status ist, nicht die Teilnahme an entsprechenden Veranstaltungen. Man muss also auf eine bestimmte Art über Kunst und Musik reden können, wenn man Teil der Gruppe sein will, nicht zwingend Konzerte besuchen. Deswegen achten Menschen in den gehobenen Statusgruppen dann die Musiker, denn dort verbinden sich der Habitus beider Gruppen, obwohl Musiker ja eigentlich sozial niedriger stehen.

Zusammengefasst kann also gesagt werden: es gibt Leute, die E-Musik hören, weil ihnen diese etwas gibt und es gibt Leute, die E-Musik hören, weil sie glauben, dass das Erscheinen bei entsprechenden Konzerten zum sozialen Status gehört, den sie haben möchten: dem des intellektuellen Schöngeists und der bürgerlichen Oberschicht. Jenseits von Überlappungen, die es da natürlich geben kann, bedeutet das allerdings auch, dass die Leute, die sich vom Besuch des Sinfoniekonzerts einen Vorteil für den sozialen Status versprechen, eigentlich keinen Zugang zu dem haben, was die entsprechenden Statusgruppen schon per Erziehung mitbekommen und Musiker und Musikliebhaber durch ihr Hobby erhalten: nämlich die Fähigkeit E-Musik zu deuten, ein Orchester zu lesen und damit den eigenen Horizont durch die kognitive Interaktion mit der Musik zu erweitern. Dafür entlarven sich diese Menschen dann als diejenigen, die nur aus sozialer Erwünschbarkeit oder Geltungsverlangen kulturelle Veranstaltungen aufsuchen. Das ist so etwas wie das soziale Shibboleth. Um das zu beschreiben kann ich anekdotisch noch folgende Aussage eines Dauerkarteninhabers der lokalen Sinfoniker anführen:

Ja, der Sparkassenvorstand ist die „Schüttelfraktion“. Die sind nur da, um sich gegenseitig die Hände zu schütteln. Aber ich bin froh, dass die da sind. Sie bezahlen ja die Sinfoniker und ich genieße die Musik.

Das Distinktionsmerkmal im Bereich Musik ist, wie in nahezu jedem sozialen Bereich also das Wissen um die Deutung des Phänomens und je vielfältiger und breiter dieses Wissen ist, desto anerkannter ist man. Das gilt für alle sozialen Statusgruppen und meist dreht sich die Betonung, was man wie sehr deuten können muss, von den oberen Statusgruppen zu den niedrigen um: muss man für den hohen Status einen Monet erkennen können, muss man im niedrigen Bereich die Konnotationen und Grenzen des rassistischen Witzes kennen.

Interesant ist dabei dann folgendes: egal welche soziale Statusgruppe, egal welcher Habitus, alle erkennen Menschen, die aufgrund mangelnden Wissens nicht dazu gehören, sofort. Deswegen wird die „Schüttelfraktion“ genauso belächelt wie der Uniprofessor auf der Baustelle und deswegen ist sozialer Aufstieg, wenn man ihn sich ersehnt, nur darüber machbar, dass man neue Deutungsebenen erkennen kann, also die Fähigkeit besitzt, die Wilhelm von Humboldt Bildung nannte.

Der kurze Rant am Morgen… (Englischlehreredition)

Liebe Leserschaft!

Erinnert ihr euch noch an die ersten Englischstunden in der 5. Klasse? Habt ihr da auch gelernt, dass ich habe im Sinne von besitzen have got bedeutet? Ja? Gut. Dann erkläre ich mal, warum die Art, wie das Schülern beigebracht wird einfach nur behämmert ist.

Der Fremdsprachunterricht hat ja so die Idee, dass man Leuten Regeln gibt nach denen sie die Sprache lernen, wenn diese Regeln richtig angewendet werden. Das allein ist natürlich Quatsch. Also das mit den Regeln und das mit dem richtig anwenden. Doch, Didaktik macht die Welt einfach, also kann man das akzeptieren.

Doch selbst dann ist es absolut hirnrissig Schülerinnen und Schülern have got einfach so als Regel beizubringen. Warum? Weil es eben nicht bedeutet, dass man etwas hat, sondern dass man etwas in der Vergangenheit bekommen hat und es immernoch besitzt. Das ist inhaltlich dasselbe grammatikalisch, aber eine komplett andere Struktur. Also, am Beispiel:

I have got a pencil case.

I have a pencil case.

Heißt beides, dass ich ein Federmäppchen habe, also besitze. Das eine ist aber das present perfect von to get und das andere ist das simple present von to have. Letzeres wird übrigens mit don’t verneint und nicht als haven’t, weil haven’t nur als Verninung funktioniert, wenn have als Hilfsverb gebraucht wird. Kompliziert genug?

So, present perfect zeigt an, dass etwas in der Vergangenheit passiert ist und einen Einfluss auf die Gegenwart hat. Das funktioniert also für besitzen bei Gegenständen, aber nicht für sowas wie Krankheiten. Da ist das nicht to get sondern to have:

I have had a flu.

 Also, wird dem unbedarften Menschen, der die Sprache neu lernt einfach mal eine grammatikalische Form untergeschoben, die dann erst in der 6. oder 7. Klasse erklärt wird. ((Weil die Zeitformen sind SO schwierig, dass man das nicht einmal mit Sinn und Struktur machen kann.)) Und das führt dann zu lustigen Langzeitkonsequenzen: nämlich, dass dann Schülerinnen und Schüler versuchen aus diesem have got, das da mal ohne Kontext gelernt wurde lustige Formen abzuleiten, oder aber es einfach in Sätze reinballern, in denen past steht oder ähnliches. Und warum? Weil irgendein Vollidiot immer noch der Meinung ist, dass man Kindern einfach Sachen erzählen kann, die das zu lernen haben und das dann schon funktioniert. Anstatt kognitive Inhalte, wie Sprachregeln, kognitiv zu vermitteln und Strukturen klar zu machen, wird hier rumgemauschelt und Fehlerquellen geschaffen, die es gar nicht bräuchte.

Über die bröckelnde Wirklichkeit

Es heißt ja so schön, dass die moderne Technologie die Welt entzaubert und uns immer mehr Wahrheiten zeigen kann. Information ist unheimlich schnell und kann immer ungefilterter wahrgenommen werden. Das ist jedenfalls das Märchen, das sich da gegenseitig erzählt wird und das nur für wenige Menschen an sich wahr ist. In Stefan Schulz’ Buch Redaktionsschluss stellt er die Frage, ob und wie wir uns eigentlich noch darüber verständigen können, was uns betrifft. Paraphrasiert ist das die Frage nach der gesamtgesellschaftlichen Realitätskonstruktion, die durch Medien und gegenseitige Erzählung generiert wird.

Die wird eigentlich immer friedfertiger, weil der oder die Einzelne in der Facebooktimeline nur noch Sachen findet, die die eigene Realitätskonstruktion unterstützt und bevorzugt alles wegfiltert was ein Ausloggen verhindern kann. Der Anwender denkt also, dass das was ihn betrifft alle betrifft und seine Meinung die Mehrheitsmeinung ist. Das scheitert nur, wenn die Benutzer aus ihrer Weltsicht heraus versuchen ihre nichtvorhandene Reichweite auf Facebook zu benutzen, um die „Andersdenkenden“, die solche Nachrichten gar nicht zu sehen bekommen zu bekehren oder wenn die eigene Blase aus sozialen Gründen Menschen beinhaltet, die eine andere Realität haben.

Letztere sind dann meist der rassistische Onkel, dessen NPD Beiträge man lesen muss und erstere die Veganer und Vegetarier, die anderen Veganern und Vegetariern die ganze Zeit gequälte Tiere zeigen, damit diese aufhören Fleisch zu essen. Daran kann man auch erkennen, dass Realität für viele nur noch in Medien existiert und die meisten Menschen sich nach einer heilen Welt sehen, die ihnen digital vorgegaukelt wird und dann in einer massiven kognitiven Dissonanz mit der wahrgenommenen Realität endet, die sich dann halt auch entlädt. Dabei ist die Wirklichkeit, die uns verbindet meist ganz anders strukturiert als die Geschichten, die man sich erzählt und die Frage, was das Gute ist, hängt dann doch sehr von der eigenen Weltkonstruktion ab. Was dann passiert kann man sich nun immer wieder ansehen. Alle wollen nur das Gute, aber das gibt es nicht, denn die Welt ist komplex und wird nicht mehr verstanden. Stattdessen stehen sich Menschen mit ihren partikularen Weltkonstrukten gegenüber und schreien sich gegenseitig in Unverständnis an. Und weil es so schön ist, gibt es jetzt mal das aktuelle Beispiel.

Panama und Böhmermann, Edogan und PEGIDA, AfD und GEZ

Was hat das alles miteinander zu tun? Wenig? Nichts? Etwas? Das ist alles Realität, aber erstmal die groben Fakten. ((Details interessieren uns hier nicht. Die lenken eh nur ab.))

Die Fakten

Die Panamapapers sind das Ergebnis einer einjährigen Recherche von Datenleaks aus einer Anwaltskanzlei, die Briefkastenfirmen in Panama besorgt hat. Das Ergebnis ist erstaunlich: die Reichen haben Briefkastenfirmen und hinterziehen damit vielleicht(!) sogar Steuern. 

Jan Böhmermann hat den türkischen Staatspräsidenten Erdogan (und die komplette Türkei) in einem Schmähgedicht mit metaphorischer Gülle übergossen und vorher gesagt, dass man das nicht darf. Das ZDF hat das gelöscht, die Staatsanwälte ermitteln.

PEGIDA steht regelmäßig auf allen möglichen Plätzen und hetzt mehr oder weniger offen gegen die regierende Politikerkaste. Die selbe Gruppe an Menschen wählt die AfD und hofft, dass Politik mit dieser wieder ehrlich wird.

Dazu betiteln sie die Medien gerne als Lügenpresse, was dann AfD Europaparlamentarierin Beatrix von Storch ein gepfändetes Konto beschert, weil sie zwar bei Anne Will sitzt, aber das eigene Honorar nicht mitbezahlen möchte.

Die Sichtweisen

Bei den Panamapapers sind sich alle einig, dass sowas ((das ist nicht näher definiert)) nicht okay ist. Was immer das auch sein mag. Hier eine kurze unvollständige Liste:

  • Briefkastenfirmen an sich
  • Der Großkapitalismus
  • Steuerhinterziehung allgemein
  • Steuerhinterziehung des Cellisten von Vladimir Putin
  • Dass die da oben mit allem durchkommen
  • die Presse eh wieder lügt
  • bekannt wird, wer Briefkastenfirmen hat
  • in Idomeni Menschen sitzen und uns das hier interessiret
  • die immer noch alle Fleisch essen!
  • sinnloser Datenjournalismus ohne das Aufdecken einer Struktur

Im allgemeinen kann man hier sehr gut seine ungerichtete Unzfriedenheit gut wiederfinden. Es gibt nahezu niemanden der die Komplexität des Materials versteht und die Frage, wo eigentlich der Nachrichtenwert ist, also jetzt mal jenseits der SZ, die sehr viel Papier und Klickwerbung verkauft hat in den letzten Tagen. Das Ergebnis und die Wirkung dieses „größten Leaks in der Geschichte des Journalismus“ werden wohl in einem halben Jahr mit dem Wort „überschaubar“ gewertet werden. Sicher ist nur eins, man konnte sich empören, konnte sich ablenken und Gerechtigkeiten fordern, die dann nicht geliefert werden.

Zu Jan Böhmermann gibt es eher so Aussagen, dass es doch nicht sein kann, dass:

  • jemand das nicht lustig findet
  • jemand das lustig findet
  • jemand sich dadurch beleidigt fühlt
  • jemand sich nicht dadurch beleidigt fühlt
  • Satire alles können sollte
  • Satire nicht alles können sollte
  • das keine Kunst ist
  • das Kunst ist
  • Böhmermann angeklagt wird
  • Böhmermann nicht angeklagt wird
  • Erdogan das Ziel von Beleidigungen ist
  • Erdogan nicht das Ziel von Beleidigungen ist

Was dabei komplett verloren ging sind zwei Fragen, die mich hierzu auch umtreiben: 

Erstens wie möchten wir überhaupt miteinander kommunizieren. Kritik und Meinungsäußerung gegenüber Politikern ist nötig, sinnvoll und wichtig für eine Demokratie ((Siehe dann auch den nächsten Teil…)). Doch nur einfach nur Leute anpissen, ja auch mit der ironischen Brechung vorneweg, dass man sagt, dass es verboten ist, zeigt dann doch eine Art der Kommunikation, die einfach Beifall bekommt, aber von der niemand Ziel sein möchte. Deswegen gibt es Regeln, die bestimmte Arten von Äußerungen justiziabel machen. Dazu haben wir eh kaum eine moralisch bessere Position gegen Erdogan, kurz nachdem der uns vertraglich zugesichert hat uns schön die ganzen flüchtenden Syrer und Syrerinnen vom Leibe zu halten.

Das zweite ist die Frage, wer da eigentlich das Ziel der Aktion war. Immerhin haben sich viele Menschen dazu geäußert. Böhmermann ist, auch hier, Thema, aber ist es nicht auch die eigene Bigotterie in Deutschland? Zum einen haben wir Beleidigungsgesetze, zum anderen scheint es für Böhmermann nur soviel Zustimmung von den billigen Rängen zu geben, weil er einen aufgebauten Feind der Demokratie als Ziel hatte. Erdogan ist also das Ziel und als solches akzeptabel, weil er selbst eher zum Großherrschergebahren neigt. Wenn das Ziel die Bundeskanzlerin ist, ist es nicht mehr okay.

Das merkt man dann bei PEGIDA oder Beatrix von Storch. Die wollen ja die Kanzlerin gern im Gefängnis oder der Irrenanstalt sehen. Das ist natürlich überhaupt nicht okay für die mit leichtem Merkelfetisch ausgestattete Mehrheitsgesellschaft. Doch: die Kanzlerin darf auch öffentlich so angegangen werden. Interessieren tut sie das eh nicht und die Meinungsfreiheit deckt halt auch den Wunsch, den politischen Gegner ins Sanatorium zu schicken. Doch hier wird dann wieder die Abneigung groß. Das ist das dunkle Deutschland, weil ja der Rest das Licht gesehen hat. Im Schatten rotten sich dann die Zurückgelassenen und Enttäuschten zusammen und sind der Meinung die regierende Elite gehört ins Gefängnis, genauso wie die angeblich Mitte der Gesellschaft das mit Erdogan macht.

Doch eines aus der Liste führt den „Dunkeldeutschen“ mit dem „Lichtdeutschen“ zusammen: der Rundfunkbeitrag. Denn egal, wieviel Fernsehen sich der Einzelne da antut, wie sehr er am Montagabend Lügenpresse ruft und wie oft er indiskutabel schlechte Tatorte sieht, sie alle finden, dass sie nicht dafür bezahlen sollten. Schon gar nicht so viel!

Synthese

Und damit kommt die Frage zurück, die am Anfang stand. Schaut man sich die ganzen Listen und Erläuterungen an, fällt auf, dass Einigkeit eigentlich nur noch auftaucht, wenn es irgendwie eine viable Realitätskonstruktion gibt, die alle aufgrund der universellen Viabilität vereint. Wir können uns noch darauf einigen, dass die Sonne scheint und Bus zu spät kommt. Alles andere ist nur noch in Gruppen von Meinungen zu sehen und verhandelbar. Eine einheitliche Erzählung, was der Gesellschaft wichtig ist, wird immer schwieriger zu gestalten, dabei geben uns die ganzen Themen von oben durchaus einen Weg vor.

Lösungsmöglichkeiten

Denn es gibt eine Art, wie man die ganzen zersplitterten Gruppen wieder einfangen kann: in dem man versucht wieder in einen Dialog zu kommen. Dazu braucht es aber Stellen, die nicht aufgeladen sind, die nicht direkt und nicht medial sind. Und es braucht Energie, denn den anderen mit seiner anderen Meinung zu ertragen ist schwer, wenn das Welterlebnis uns immer wieder bestätigt, dass sich alles nur um uns dreht. Gelingt es nicht das zu Überwinden, bleibt irgendwann nur noch der Sonnenaufgang, der uns verbindet und selbst über dessen Bedeutung kann man streiten.

A Conversation with a Caterpillar

Heute ging auf twitter das Alice in Wonderland Fandom rum und mir fiel dann ein, dass ich doch mal diesen Text über die Unterhaltung zwischen der Raupe und Alice schreiben wollte.

Wir fangen mal mit dem Text an und bewegen uns dann von ihm weg.

The Caterpillar and Alice looked at each other for some time in silence: at last the Caterpillar took the hookah out of its mouth, and addressed her in a languid, sleepy voice.
‚Who are YOU?‘ said the Caterpillar.
This was not an encouraging opening for a conversation. Alice replied, rather shyly, ‚I—I hardly know, sir, just at present—at least I know who I WAS when I got up this morning, but I think I must have been changed several times since then.‘
‚What do you mean by that?‘ said the Caterpillar sternly. ‚Explain yourself!‘
‚I can’t explain MYSELF, I’m afraid, sir‘ said Alice, ‚because I’m not myself, you see.‘
‚I don’t see,‘ said the Caterpillar.
‚I’m afraid I can’t put it more clearly,‘ Alice replied very politely, ‚for I can’t understand it myself to begin with; and being so many different sizes in a day is very confusing.‘
‚It isn’t,‘ said the Caterpillar.
‚Well, perhaps you haven’t found it so yet,‘ said Alice; ‚but when you have to turn into a chrysalis—you will some day, you know—and then after that into a butterfly, I should think you’ll feel it a little queer, won’t you?‘
‚Not a bit,‘ said the Caterpillar.
‚Well, perhaps your feelings may be different,‘ said Alice; ‚all I know is, it would feel very queer to ME.‘
‚You!‘ said the Caterpillar contemptuously. ‚Who are YOU?‘

Alice in Wonderland by Lewis Carroll

So, wir bewegen uns da jetzt ein bißchen rum und machen Ebenen auf, und wieder zu.

Falsche Annahmen und Kommunikationszusammenbrüche

Die Kommunikation zwischen Alice und der Raupe ist irgendwie gestört und irgendwie auch nicht. Carroll hat sehr viel Spaß damit Sachen wörtlich zu nehmen, die metaphorisch gemeint sind um aufzuzeigen wie bekloppt die sozialen Konventionen in Sprache sein können. Alice ist durchgehend verwirrt vom Wunderland und hat mehrfach ihre relative Größe geändert, etwas, das Menschen normalerweise nicht tun. Raupen wiederum tun es den ganzen Tag zur Fortbewegung und so nimmt das Unheil seinen Lauf. Alice antwortet auf die erste Frage komplett selbstreferenziell und ab da geht’s bergab, weil die Raupe nicht anderes tut. Alices ungeduldiges „you see.“ funktioniert dann auch nicht, weil Raupen nicht sehen können und der letzte Versuch ihre Erfahrung über das Beispiel der natürlichen Entwicklung, die man so als Raupe durchmacht, ist dann auch zum Scheitern verurteilt. Während Alice sich nur auf ihre eigene Verwirrung und Erfahrung konzentriert, die sie über ihre eigene körperliche Identität zweifeln lässt, macht die Raupe dasselbe, allerdings bestätigen sie Alices Ausführung in der Normalität ihrer eigenen Erfahrung. Damit bricht die Kommunikation hier komplett zusammen.

Kindeserfahrungen und Albträume

Alice in Wonderland ist ein Kinderbuch und damit kann man auch darauf abstellen, dass Kindeserfahrungen im Mittelpunkt stehen. Für Alice scheinen Größen- und damit auch Perspektivänderungen sehr verwirrend zu sein. Das Wunderland wirkt manchmal nahezu albtraumhaft in seiner Enttäuschung aller Erwartungen an die Welt, die man gerade erst entwickelt hat. Doch sind diese Veränderungen nicht auch die Erfahrung von Kindern? Größenänderung, eine Welt, die ihre Erwartungen an einen immer wieder ändert und in ihrer Komplexität erhöht, und eine dauerhafte Zunahme von sozialen Konstrukten, deren Realität nur auf der gegenseitigen Versicherung ihrer Existenz beruhen, sind hochgradig verwirrend für Kinder und die Welt der Erwachsenen vermittelt ihnen gerne mal, dass das alles nur an ihnen liegt, dabei sehen sie die Welt noch nicht durch die ganzen sozialen Filter, die wir im Laufe des Lebens erwerben und mit denen wir uns und allen anderen die Realität unserer Welterfahrung versichern.

Identität

Das bringt uns dann zum philosophischen Teil: die Frage nach der eigenen Identität, die Alice hier gestellt wird. „Who are you?“ fragt die Raupe und Alice antwortet aus einer reinen Körperlichkeit heraus, die sie an der Beantwortung der Frage scheitern lässt. Doch, wer sind wir eigentlich, wenn wir unsere physischen Dimensionen weglassen. Wer sind wir, wenn wir unsere Namen, diese von Fremden gegebenen Lautzuordnungen, weglassen? Was kann Alice also überhaupt antworten, worüber sie sich sicher sein kann? Die Raupe stellt also die Frage nach der eigenen Identität, die verloren geht, wenn wir uns der Welt nicht mehr sicher sein können. Die Antwort auf die Frage ist dann auch die Herausforderung vor der nicht nur Alice steht, wenn sie gefragt wird:

Who are you?

Rezension – Redaktionsschluss

Stefan Schulz ist dem Internet hauptsächlich aus dem Aufwachen! Podcast bekannt. Dort schaut und kommentiert er zusammen mit Tilo Jung Nachrichten. Nun hat er mit Redaktionsschluss sein erstes Buch vorgelegt. Es ist eine populärsoziologische Analysenzusammenfassung über den Medienwandel.  Alles geleitet von der Frage: „Können wir uns noch darüber verständigen, was uns betrifft?“

Medienwandel

Der Medienwandel ist das zentrale Phänomen, das Schulz in seinem Buch beschreibt, wobei er bei den technischen Änderungen anfängt und sich von ihnen aus zu der Frage bewegt, wie wir eigentlich in Zukunft noch unsere Gesellschaft gestalten.

Auf der technologischen Seite gibt es die Gatekeeper Facebook, Google und Apple, die den Zugang von Medien zum Kunden übernommen haben und nun bestimmen, wer überhaupt an den Konsumenten von Nachrichten herankommt. Dabei gelten die Regeln der Internetindustrie: Facebook möchte ein durchgehend angenehmes Erlebnis für seine „Kunden“ sein, Google möchte das Gefäß für alles Wissen in der Welt sein und Apple möchte keine hässlichen Angebote auf ihren Geräten. Was ihnen alles egal ist, ist Glaubwürdigkeit und Seriosität, die alten Werte des Journalismus. Aufmerksamkeit als Währung wird vorgegeben und die klassischen Medien machen mit. Dabei verlieren sie stark an Bedeutung. Die Zeitung ist also tot und Facebook ist die neue Zeitung und bestimmt nach vollkommen anderen Kriterien als das in irgendwelchen Journalistikstudiengängen erzählt wird, was für den einzelnen Nutzer wichtig ist.

Doch Google geht noch einen Schritt weiter. Sein Bestreben die Wissendatenbank der Welt zu werden macht Politik berechenbar und damit den demokratischen Prozess zu einer reinen Show. Die wirklichen Entscheidungen werden von Algorithmen und Verwaltungen getroffen und eben nicht von den Politikdarstellern, die die Medien die ganze Zeit zeigen. Google kann also Wahlen und deren Ergebnisse beeinflussen allein durch die Art, wie es Menschen Informationen anzeigt. Gleichzeitig wird das aktuelle politische Handeln immer momentaner. Es geht nur noch um Reaktion und Performance. Der politische Journalismus spielt in der Meinungsbildung keine Rolle mehr und die politische Debatte in den Medien findet auch nicht mehr statt. Stefan Schulz macht deutlich: es ist alles nur noch Unterhaltung und Theater, das Seriosität darstellen soll.

Der Medienwandel stellt den Journalismus nicht nur wirtschaftlich sondern auch inhaltlich nicht mehr in Frage, er stellt die Frage, ob Journalismus nicht komplett obsolet ist und welche Werte und Inhalte wir eigentlich brauchen um uns zu verständigen, was uns betrifft. Durch die Abwanderung in die sozialen Netzwerke ist jeder in dem, was er wahrnimmt, allein, aber das im Gefühl der Gemeinsamkeit mit allen anderen.

Nachrichtendiät

Man kann also nur noch sagen, dass man selbst wieder den eigenen Nachrichtenkonsum in die Hand nimmt, also aktiv wird. Und so schließt Stefan Schulz dann auch mit einer Betrachtung von Nachrichtendiäten und Ausblicken in die Zeit nach der Zeitung. Als Politiklehrer, der informiert werden will, aber keine Lust hat sich den ganzen Quatsch anzutun, der den ganzen Tag geschrieben wird, vertraue ich auch nur noch auf einen gut gemanagten RSS Reader und bestimmte twitter und Facebook Accounts, deren Inhalten ich vertraue. Dabei bin ich meist informierter als meine Schülerinnen und Schüler, denen Nachrichten nur vorgeführt werden.

Alles in allem ist Redaktionsschluss ein Buch, das man gerade jungen Menschen empfehlen sollte, die einem romantischen Bild des Journalismus anhängen, in dem sie Wahrheits- und Informationshoheit haben und angeblich gesellschaftliche Debatten anstoßen, sich doch einen anderen Job zu suchen, so als PR Mensch und so. ((Die werden eh besser bezahlt.)) Und denjenigen, die heute noch in Redaktionen gut bezahlt sitzen, egal wie selten sie sind, dass man sich mit dem Medienwandel und seinen Konsequenzen für das eigene Selbstverständnis und Handeln auseinandersetzen muss. Redaktionsschluss umreißt das Problem sehr soziologisch und eloquent, bietet aber keine Antworten. Diese müssen aus meiner Sicht auch gesellschaftlich gefunden werden, was allerdings immer schwieriger wird. Denn wir können uns eigentlich nicht mehr darauf verständigen, was uns eigentlich betrifft. Wir können es nur für uns selbst festlegen.