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Digitalisierung im Unterricht – über einen abgefahrenen Zug

Ich mag das Bild mit dem abgefahrenen Zug derzeit sehr. Irgendwie fühlen sich unheimlich viele Dinge so an, als könnte am Horizont gerade noch so die roten Rücklichter sehen, während man das vollgeheulte Taschentuch wegsteckt. Okay, zumeist stecken die anderen das Taschentuch weg und setzen sich noch etwas verheult auf den Bahnsteig. Wir als Gesellschaft sind nämlich der Zug, der da fährt und der hält eigentlich nicht einmal an.

Doch genug von überstrapazierten Metaphern und zurück zum eigentlichen Thema dieses Textes. Angefangen hat alles mit der Bildungsministerin, die in den nächsten Jahre fünf Milliarden Euro in die Neuausstattung von Schulen mit Rechnern stecken möchte. Daraufhin folgten zweierlei negative Reaktionen: zum einen der Hinweis, dass Schule ja etwas anderes bräuchten als neue Rechner, wenn die Bausubstanz kaputt ist, zum anderen die Digitalisierungsfeinde, die den Untergang des Abendlandes herbeibeschwören. Den ersten sei gesagt: Bausubstanz ist Aufgabe des Sachaufwandsträgers. Das sind die Kommunen und wer hat die mit neoliberaler Scheißpolitik kaputtgespart? Die selben bornierten Statuswichser, die jetzt darüber meckern, dass der Flügel im Musiksaal nur einmal im Jahr gestimmt werden kann.

Die Digitalisierungsfeinde sind da schon amüsanter. Sind es doch Leute, die selbst keine Angst mehr zu haben brauchen in der granularen, digitalisierten Welt der Zukunft einen Platz und vielleicht sogar Erfolg haben zu müssen. Das ist eine Angst, die ich auch nicht mehr haben muss, und die mich nur beschäftigt, weil meine Klientel sie haben sollte. Immerhin wird denen von allen Seiten erklärt, dass sie Erfolg haben müssen, weil das a) ihr einziger Wertbeweis für diese Gesellschaft ist und b) sie auf Dauer die ganzen ganzen grantelnden Rentner und Pensionisten durchfüttern müssen, die da gerade gegen eine Welt wettern, die sie nicht mehr verstehen müssen. Diese Rentner wiederum können ihr Bildungsbürgertum und die damit einhergehende Technikfeindlichkeit gerne als Distinktionsmerkmal ins Grab nehmen, allein hilft es gesellschaftlich nicht, wenn die Institution, die für die Bildung der zukünftigen Generationen zuständig ist, in ihrer Ausrichtung religiös rückständig ist. Das wird sie aber weiterhin sein, wenn Präsidenten des Lehrerverbands im Jahre 2016 noch nicht klar ist, dass Digitalisierung nicht nur sofort stattfinden muss, sondern eigentlich schon länger fertig sein sollte als der Berliner Großflughafen. Der Abstand der Bildungsrealität dieser Leute zur Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler ist mittlerweile nur noch in Parsec zu messen.

Deswegen gibt es hier kurz die Liste zum modernen digitalen Unterricht:

  • Das Internet ist eine Quelle an Information, die in Schulen genutzt werden muss, weil sie es im Rest des Lebens auch schon genutzt wird.
  • Prozedurales Wissen ist in der Wissensgesellschaft das wichtige Wissen. Inhalten ist einfach beizukommen. Will Schule relevant sein, dann müssen wir aufhören von Skills, Kompetenzen so einen Quatsch zu reden und diese endlich vermitteln. Dabei bleibt klassischer Unterricht auf der Strecke, Punkt, Ende aus die Maus.
  • Jede Schule braucht WLAN und anständig Netz (100Mbit+!), alle Schülerinnen und Schüler sollten Zugang zu Hardware haben.
  • Code lesen können und grundlegendes Verstehen digitaler Geräte ist kein Spartenwissen, wollen wir die Hoheit über die Geräte und Informationen behalten. Informatik ist dafür nicht einmal im geringsten ausgestattet dies zu leisten. Der Lehrplan ist ein Witz, die Ausrichtung veraltet und der Fokus zu eng.
  • Kleinschrittiger Unterricht ist in der digitalen Gesellschaft kompletter Quark.
  • Es gibt Tastaturen, Mäuse und Trackpads. Es gäbe erstaunlich viele Schülerinnen und Schüler, deren Schriftbild und Lesbarkeit sich verbessern würde, es gäbe noch mehr von meinen, die sich wünschen würden, ich würde gar nichts mit der Hand schreiben.
  • Wir können es uns nicht leisten, Annahmen über die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler zu treffen.
  • Nur weil komplexe Aufgabenformen mit aktueller Lernsoftware nicht möglich sind, heißt das nicht, dass man sie nicht stellen sollte. Man sollte die Lernsoftware wegwerfen.

Der Zug der Digitalisierung ist aus dem Bahnhof draußen, der ist weg. Wir können heulend hinterwinken oder die Schulen auf ein Pferd setzen und ihn einholen. Das wird ein teures Pferd, doch so ist, wenn man einen beschleunigenden Zug mit 20 Jahren Vorsprung einholen will. 

Doing teacher… wrong…

Aus den Gender Studies gibt es die Idee des „doing gender“ , die sagt, dass Geschlecht eigentlich eine kulturelle und sozial konstruierte Funktion rituellen Handelns ist. Geschlecht wird also darüber konstruiert, dass man bestimmte Handlungen durchführt. Weil sich die Pädagogik nicht entblödet jedem Ansatz hinterherzurennen, gibt es jetzt „doing teacher“, also die Konstruktion des Lehrers durch das Lehrerhandeln. Der Witz ist, da ist mehr dran als man so denkt. Folgt mir mal in den Lehreralltag und die verschiedenen Arten, wie wir Lehrer und Lehrerinnen falsch Lehrer „do-en“.

Die Art, wie Lehrkräfte sich gegenüber Schülerinnen und Schülern äußern, sind grundlegend für deren Erfolg und zwar weniger auf einer inhaltlichen, als auf einer pädagogisch-konstruktivistischen Ebene. Geht die Lehrkraft davon aus, dass alle Schülerinnen und Schüler fähig und intelligent sind, ist das einzige, was deren Erfolg aufhält Phänomene, die als Verständnis- oder Übungsprobleme wahrgenommen werden können. Das hat natürlich nicht immer Erfolg, aber es ist weitaus besser als die Prämisse, dass die Schülerschaft schlicht zu blöde ist. Denn dann werden weder Herausforderungen gestellt noch eine positive Einstellung zu eigenen Handlungsfähigkeit und Wirksamkeit an die Schülerinnen und Schüler vermittelt.

Der schlimmste Fall ist derjenige, in dem die Lehrkraft bewusst negative Selbstbilder der Schülerinnen und Schüler verstärkt, weil sie selbst einem falschen Schülerbild aufsitzt. Dieses muss irgendwie immer hinterfragt werden, sonst drückt die Lehrkraft auf Knöpfe, die Schülerinnen und Schüler behindern. Das hat natürlich seine Grenzen zum einen muss es ein bewusstes Verhalten sein, zum anderen sind Interaktionen wahnsinnig vielfältig. Selbst wenn man als Lehrkraft ein positives Weltbild hat aus dem gehandelt wird, heißt das nicht, dass die Schülerschaft das glaubt.

Noch besser wird es, wenn besagte Schülerschaft Erwartungen an das Lehrerverhalten hat, die nichts mit formalen und didaktischen Vorraussetzungen zu tun haben, sondern mit erlernten Bildern. Kommt dann eine Lehrkraft um die Ecke, die sich schlicht nicht an „die Regeln“ hält, die in den Köpfen der Schülerinnen und Schüler festgebacken sind, dann kommt es gerne mal zur Revolte. ((Jap, das ist ein Hobby von mir. Bildung kann nur entstehen, wenn Regeln herausgefordert werden. Emanzipation fängt beim Hinterfragen der eigenen Bilder und der Erfahrung statt, dass die Welt komplexer ist als gedacht.))

Das Spannende hierbei ist, dass es meist um kommunikative Probleme geht. Es wird angenommen, dass Lehrerinnen und Lehrer auf eine bestimmte Art funktionieren, dass sie die Regeln kenne und die Lehrer deswegen ausmaneuverieren können, und dass Leistung nicht der einzige Weg sei, gute Noten zu bekommen. Aus der Sicht dieser Schülerinnen und Schüler do-en Lehrkräfte teacher wrong, weil sie sich nicht verhalten, wie es aus der Sicht der Schülerschaft im Kodex zwischen Lehrern und Schülern steht. Das ist natürlich eine Katastrophe. Also für die Schülerschaft… weil die Regeln nicht mehr gelten und Schule ihr immer vermittelt hat, dass Regeln heilig sind.

Doing teacher existiert natürlich und kann katastrophale Effekte auf Schülerinnen und Schüler haben, wenn dieses Handeln auf falschen Prämissen auf Schüler- wie auf Lehrerseite beruht.

Über Selbstwirksamkeit…

Ich habe die letzten Tage mit verschiedenen Menschen über die Zukunft und den Sinn im Leben geredet. Dabei drehte es sich um das Konzept des Ikigai. Bei dieser Technik stellt man sich vier Fragen:

  • Was liebst du?
  • Was kannst du gut?
  • Wofür kannst du bezahlt werden?
  • Was braucht die Gesellschaft?

Nun möchte ich nicht aufschreiben, wie man damit den Sinn des Lebens findet. Da ist Google euer Freund. Die Fragen sollen helfen, herauszufinden, was einen antreibt, womit man wirtschaftlichen Erfolg haben kann und welche Fähigkeiten man hat. Die letzte Frage zeigt die japanische Herkunft des Prinzips und stellt die Frage nach der gesellschaftlichen Wirkung. Meine beiden Gesprächpartner hatten mit dieser Frage das größte Problem und beide aus ähnlichen Gründen. Wir sind kulturell darauf getrimmt unsere Selbstwirksamkeit in dieser Welt und diese Dimension unserer Existenz zu unterschätzen. Das ist tragisch, doch weil ich einen Bildungsauftrag habe, erkläre ich erstmal kurz, wo es herkommt.

Exkurs: Prädestination und das Lied der eigenen Unfähigkeit

Das Christentum beruft sich auf die Aussagen eines Zimmermanns, der vor ungefähr 2000 Jahren in Vorderasien gewohnt hat. Das, was dieser laut verschiedener schriftlicher Überlieferungen so erzählt hat, war eine Menschenbild, das darauf beruhte Menschen als das zu akzeptieren, wer sie waren und jeder Person einen Wert zuzugestehen, der weder vehandelbar noch von sozialem Status abhängig ist. Ethisch großes Tennis, dann folgten 2000 Jahre Menschheit und die Verwässerung dieser Idee durch Hierarchie, Macht und zu kurze Penisse. ((Das ist bei der Kirche kein Sexismus…))

Das wurde so schlimm, bis am Ende des 15. Jahrhunderts Leute das System rebooten wollten. Einer davon war Luther, ein anderer hieß Calvin. Calvin hatte ne Superidee: Was, wenn Gott schon vor unserer Geburt festlegt, wieviel wir in seiner Gunst stehen oder auch: wieviel Erfolg wir im Leben haben. Der Fachbegriff ist Prädestination. Unsere Bestimmung ist von Gott vorher festgelegt. Doch wir können herausfinden, ob Gott es gut mit uns meint

Daraus wurde dann in den nächsten 200-300 Jahren das, was Max Weber als protestantische Ethik beschreibt. Die Idee, dass nur der eigene Erfolg einen zu einem guten Menschen macht, ist so wirkmächtig geworden, dass Erfolg und Leistung zu den nahezu einzigen Dimensionen des Lebens geworden sind, die Relevanz zu besitzen scheinen. Dabei gibt es weder für Erfolg noch Leistung eines Menschen eine Messbarkeit. Genau dieser Umstand wird seitdem dazu genutzt Menschen anzutreiben, sich selbst auszubeuten. Das geschieht in dem Erfolg und Leistung schlicht immer als mehr als was du gerade tust operationalisiert wird.

Diese Idee wird in alle Menschen von verschiedenen Akteuren hineinsozialisiert. Ganz vorne stehen hierbei die Schulen und die Wirtschaft. Wichtig ist auch, dass Minderleistung immer als persönliches Defizit und nie als Chance oder naturgegeben gesehen werden kann. Um es salopp auszudrücken: wir werden alle dazu erzogen uns selbst ein Lied unserer eigenen Unfähigkeit vorzusingen und danach zu streben ein besserer Mensch zu werden, in dem wir uns selbst ausbeuten.

Selbstwirksamkeit erkennen und entwickeln

Wie alle sozialen Konstrukte braucht auch dieses Viabilität, wir müssen also die Wirklichkeit dahingehend prüfen, ob das, was wir uns erzählen damit übereinstimmt. Schauen wir doch erst einmal auf die Auswirkungen dieses Konstruktes:

Die Europäische Organisation für Sicherheit und Gesundheit sagt, dass es zwar keine europäischen Zahlen für Burnout gibt, nennt aber Werte von 2-10% der Bevölkerung, die darunter leiden. Die Anzahl der Menschen, die unter arbeitsbegründetem Stress leiden liegt bei 20%. Das kostet uns 20 Milliarden Euro jedes Jahr.

Die Unzufriedenheit mit dem beruflichen Erfolg und ähnliche Phänomene führen zu Depressionen, die 25% der Ausfalltage pro Jahr verursachen.

Soweit, so traurig… doch das ist noch nicht alles. Der Umgang mit Menschen, die sich selbst als unfähig wahrnehmen ist auch pädagogisch relevant. In einem Schulsystem, das rein auf Performance abgestellt ist, haben gerade misserfolgsmotivierte Personen ein Problem, da ihnen das Versagen auf der Sachebene immer ein Versagen auf der menschlichen Ebene attestiert. Hier müssen dann Lehrkräfte und pädagogisches Unterstützungspersonal unheimlich viel Arbeit leisten, um dieses Problem zu behandeln.

Und im Kern hiervon steht die große Frage: was braucht die Welt? Deren Antwort aber grundlegend immer: „DICH!“ lautet. Die Tatsache, dass so viele Menschen nicht an ihrer Wirksamkeit für die Welt glauben, ist ein Ergebnis dessen, dass die tägliche soziale Arbeit, die sie an ihrer Umwelt verrichten, genauso wenig gewürdigt wird, wie diese Menschen angeleitet werden zu erkennen, dass ihr Beitrag zur Gesellschaft immer mehr als das Verkaufen der eigenen Arbeitskraft ist. Ihre Selbstwirksamkeit in der Welt zu erkennen und entgegen ihrer Sozialisation anzunehmen ist eine der wichtigsten Aufgaben, die wir als Gesellschaft zu bewältigen haben. Es muss davon weggehen, dass der Mensch nur eine wirtschaftliche Relevanz und hin zu einer holistischen Betrachtung einer Person. Dazu muss es Ziel von Bildung und Erziehung sein, dass jede Person ihre Selbstwirksamkeit in dieser Welt aktiv erlebt und richtig einschätzt. Viel zu oft wird geglaubt, dass eine Person zu wenig für die Welt tut, dass das Menschenmögliche nicht genug ist, dass ich nicht genug bin, dass mein Beitrag zu wenig ist.

Diese Perspektive ist zutiefst schädlich für diejenigen, die sie einnehmen und für eine Welt, die eigentlich hofft, dass diese Menschen ihr Bestes geben. Diese Erwartung muss beinhalten, dass klar ist, dass diese Leistung ihre Grenzen im Möglichen hat und nur vollkommen ausgeschöpft werden kann, wenn sich die Person ihrer Selbstwirksamkeit, deren Grenzen, und der entsprechenden Verantwortung gegenüber sich und der Welt bewusst ist.

HCH018 Nach Mecklenburg-Vorpommern

In dieser eher denkerischen Folge gibt es den Blick aus der Distanz auf die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Irgendwo zwischen Dystopie und Resignation erwächst auch hier wieder die Hoffnung im Kleinen.

Als kleine Anregung sei noch auf This is Water von David Foster Wallace hingewiesen, das einen ähnlichen Gedanken, wie ich ihn formuliere besser aufgreift.

Lasst uns mehr über Geld reden…

In einem der geschützten Kommunikationsräume in diesem Netz bekam ich gerade einen Impuls meine Finanzen mal aufzuschreiben und darüber zu schreiben, wie die so aussehen. Es ist ein sehr interessantes Experiment, das hier seinen Ursprung hat. Dazu gibt es jetzt ein paar Gedanken…

Das verbotene Thema

Über Geld zu reden gilt als Tabu. Es bringt Neid, Ungerechtigkeit und so weiter. Das ist jedenfalls etwas, das meine Eltern sagen. Ich habe das nie so empfunden, was unter anderem daran liegt, dass mein Gehalt öffentlich ist. Doch es ist ein verbotenes Thema, aber warum eigentlich?

Status, Status, fuck you…

Es geht hier eigentlich um Status und es geht auch wieder um die Annahme, dass die neoliberale Denke des selbstbezogenen rational denkenden Konkurrenzmenschen, tatsächlich eine realistische Beschreibung von Menschen ist. Dass das Quatsch ist, habe ich nun mittlerweile so länglich beschrieben, dass ich es nicht noch einmal mache. Die Frage, die sich aber stellt ist: wer hat eigentlich davon noch einen Vorteil, dass die Gesellschaft nicht großflächig anfängt über ihr Einkommen zu reden? Es ist die neoliberal organisierte Wirtschaft, die Vorteile davon hat, dass Menschen Neid aufeinander haben und eben nicht vergleichen können, ob sie genauso viel Geld bekommen wie andere. Dann kann man nämlich jeder Person etwas anderes erzählen und mit dem angeblichen Gehalt der anderen den Preis drücken.

Dieses soziale Konstrukt hat wie in vielen anderen Bereichen unser Denken vergiftet. Nun gibt es Neid schon immer, aber man weiß trotzdem grob, welche finanziellen Verhältnisse andere Menschen haben und meist ist es gar nicht so wichtig. Geld ist für erstaunlich viele Menschen nicht der Mittelpunkt der Welt und wenn es für das für Menschen ist, dann eigentlich nur aus zwei möglichen Gründen: sie haben zuviel oder zuwenig davon. Letztere sind in ihrer Existenz bedroht, erstere wissen nicht was sie mit der Kohle anfangen sollen oder haben Angst sie zu verlieren. Beides verbaut die Sicht auf die wichtigen Dinge im Leben. Das bedeutet umso mehr, dass Geld ein Thema werden muss, über das man redet, allein schon aus gesellschaftlichen Gerechtigkeitserwägungen. Solange Geld von Menschen als Neidmotor gesehen wird, solange kann es einfach zur gesellschaftlichen Manipulation genutzt werden.

Lasst uns mehr über Geld reden…

Deswegen denke ich, dass es besser ist, wenn wir mehr über Geld reden. Nicht unbedingt mit der lieben weiten Welt, dafür ist die Zelt noch nicht bereit. ((Wir sind ja nicht Norwegen, wo die Steuerdaten von allen öffentlich sind.)) Denn dafür müssten die Deutschen in der Breite die Heterogenität der eigenen Gesellschaft akzeptieren und sich dann mit der Frage beschäftigen, was eigentlich die einzelnen sozialen Gruppen so ausmacht. Doch mit Freunden, Bekannten und so weiter, sollte man vielleicht regelmäßig über Geld reden, allein schon, weil die Person gegenüber vielleicht sogar eine Hilfestellung hat, wie man das eigene Problem lösen kann.

Literaturdidaktik braucht kein Big Data

Mir kam vorhin dieser Artikel unter die Nase und ich möchte mich da mal ein bisschen zu äußern. Er ist insofern ein gutes Beispiel, weil er mehrere Dinge zeigt, die ich immer wieder im Bereich der Didaktiken beobachte. Zum einen wird hier einem Trend sinnlos hintergerannt, der dann strukturelle Probleme als Allheilmittel der Didaktik lösen soll. Zum anderen beruhen die Ideen, wie immer auf nichtüberprüften Prämissen, die über die Welt, das Thema und die Schülerschaft gesetzt werden. Also, eigentlich alles wie immer, aber das hält mich jetzt nicht davon ab, das einmal abzuhandeln. ich hab ja Ferien und so. ((Um euren Hass auszudrücken, klickt einfach auf den grünen Knopf oben im Artikel…))

Distant Reading ist kein Reading

Okay. Es geht in dem Artikel um „distant reading“, das allein schon für seinen Namen einen Preis verdient. Es ist nämlich gar nicht mehr „reading“. ((Vor allem: der Text beschäftigt sich mit dem Deutschunterricht und nicht mit Englisch.)) Also, „close reading“ heißt anscheinend das, was man ansonsten so im Deutschunterricht macht. Das ist diese sinnlose Zerlegen von literarischen Texten unter der Lupe des angeblich Wissenden. Es ignoriert den Text als kulturelles Artefakt genauso, wie den Rezipienten und nimmt damit eigentlich nur die Interpretation ernst. Die kommt dann in der Schule meist noch gefühlt von oben und damit ist das alles eher unglücklich. „Distant reading“ macht das anders. Es ignoriert sogar die Interpretation des Textes und schmeißt sich an der Hals der Big Data. Damit wird ist das Name dann auch falsch. Es ist gar nicht mehr lesen sondern computergestütztes Wörterzählen. Das hat durchaus seinen Sinn. Die Computerlinguistik, Korpuslinguistik und ähnliche Disziplinen tun sowas schon lange und haben ihre Berechtigung, da sprachliche Strukturen sich in Verfahren mit großen Datenmengen zeigen können. Doch hier geht es jetzt um dieselben Verfahren als Methode der literarischen Analyse. „Distant reading“ ist also gar kein „reading“ mehr, sondern wir schmeißen einen Text in einen Computer, lassen diesen Wörter zählen und mache Wortwolken und ähnliches. Daraus soll dann eine literarische Analyse folgen und das nachdem die Literatur weggelassen wurde.

Die Idee geht auf einen amerikanischen Literaturwissenschaftler Franco Moretti zurück, der mit Big Data herausfinden will, welche Gefühle mit verschiedenen Londoner Stadtteilen in Verbindung gebracht werden ((Pro-Tip: das kann man nach der Vorlesung zur sozialen Mobilität aus dem Wikipediaartikel ableiten… Wahlweise: einfach nur Dickens lesen.)) oder ein Netzwerk der Figuren in Hamlet. ((Das ist übrigens eine Aufgabe, die Schüler in der Schule regelmäßig aufbekommen.)) Die Frage, die sich hier für mich anschliesst und die nicht beantwortet wird ist: „Und dann?“ Ähnlich wie mit dem Boom der Neurowissenschaften, wird hier auf Teufel komm raus Big Data gemacht ohne sich die Frage zu stellen, was denn dabei rauskommen soll. Ist das mit sprachlichen Strukturen in Texten sinnvoll, stellt sich für die Literaturanalyse die Frage, wie etwas, das eigentlich hermetisch ist, durch das Anhäufen von Daten besser gehen soll.

Literatur ist wie ein Glas Wein

Der Literaturwissenschaft wird zurecht vorgeworfen, dass sie von Alchemie nicht zu unterscheiden ist. Alles ist Text, alles ist hermetisch, alles ist möglich, solange es argumentiert werden kann. Der Text trägt die Möglichkeiten aller Blickwinkel in sich. Das scheint beliebig und genau darin liegt die Stärke der Literaturwissenschaft. Ähnlich wie bei der Philosophie geht es hier um die Frage des Menschlichen, im Text, in der Rezeption wie auch im Leser. Die Leitfragen sollten sein: was sagt uns dieser Text über die Welt aus der er stammt, die Welt hinter den Augen des Autors und die Welt hinter unseren Augen. Das sind alles Fragen, die nur uneindeutig beantwortbar sind und genau das ist das Spannende. Das lässt sich vielleicht am besten mit dem Streit der Alchemisten mit den Chemikern vergleichen, der in folgendem einfachen Gleichnis zusammengeführt werden kann:

Wir können ein Glas Wein aufteilen und in seine Bestandteile zerlegen, doch wenn man diese wieder zusammenfügt, dann ist das nicht derselbe Wein. 

Ich will nicht in den Streit einsteigen, aber die Idee dahinter ist, dass es jenseits aller rationaler Analyse auch etwas gibt, dass eben nicht durch Naturwissenschaft erklärbar ist. Das ist eben genau das, was in unserem Kopf abgeht und was Menschen besonders macht: die Welten hinter den Augen. das ist der Fehler, den „distant reading“ macht. Es versucht mit Daten an ein Phänomen heranzugehen, das sich eben nicht mit Daten erfassen lässt. Die Häufigkeit eines Wortes in einem Text lässt eben keine Rückschlüsse darauf zu, was der Text mit einem macht und nur weil ich weiß, welche Gefühle Autoren mit Londoner Stadtteilen verbunden haben, erschließt sich mir eben keine weitere Bedeutung. Der naturalistische Fehlschluss, dass nur Messbares die Welt bestimmen soll, der Fehlschluss auf dem das Silicon Valley zu Fußen scheint, ist hier sehr gut sichtbar. Literaturanalyse ist eben mehr als Wörter zählen. ((Sprachwissenschaft übrigens auch!))

Literaturdidaktik braucht vieles, aber kein Big Data

Eine grundlegende Erkenntnis des Literaturunterrichts ist, dass sich die Schülerinnen und Schüler wenig mit Literatur auseinandersetzen möchten. Wer kann es ihnen verübeln? Für den digital Native ist toter Baum total unsexy. Verschwurbelte und lange (mehr als 1000 Zeichen!) Texte sind ungewohnt und die Sprache vergangener Zeiten unverständlich. Das sind alles Hürden, die tatsächlich überwunden werden müssen. Die Schülerinnen und Schüler per Computer Wörter zählen lassen und dann Hypothesen bilden hat mit Literatur aber nichts zu tun. Wie auch die Interpretationshechelei des restlichen Literaturunterrichts. Beide vergessen, dass Literatur etwas in unserem Kopf anstellt, etwas mit uns tut. Jede sprachliche Botschaft hat mehrere Ebenen, die im Sendenden und Rezipierenden angelegt sind. Diese sollten der Mittelpunkt von Literaturunterricht sein, genauso wie die Beschäftigung mit der Frage als geschichtliche Artefakte, denen nicht vertraut werden kann. Und jetzt nochmal zum mitklöppeln: Das sind alles Dinge für die man ein menschliches Gehirn braucht, und keine riesigen Datenmengen. Diese können bei den Fragen, die Literatur an uns stellt und an die Welt nicht helfen. Diese Fragen sind aber die Legitimation von Literaturunterricht.

Wenn moderne Medien benutzt werden um sich mit Literatur zu beschäftigen, dann sollte man doch vielleicht mal mit Big Data aufhören und produktiv werden: schreiben, vertonen und aufnehmen sind doch viel besser um sich mit den Welten hinter unseren Augen auseinanderzusetzen als zu versuchen alles über das Wenden von Datenhaufen zu gestalten. Literatur kann Wunder zeigen, die man mit Daten niemals sehen kann.

Aus der Zeitung – die Generation Z liegt auf der Gamescom rum…

„Pointiert gesagt: Man wurde – nach der „Prosumenten„-Phase des Web 2.0 – mit Haut und Haar wieder zum Konsumenten. Kann das ohne soziale Folgen bleiben? Schon heute halten es viele Jüngere ja für weniger absurd, große Umwege auf sich zu nehmen, um Pokémons einzusammeln, als sich etwa gegen den Zerfall Europas zu engagieren. Mit dem Übergang in die neue Epoche der Virtual-Reality-Spiele könnte der Abstand zur Lebenswirklichkeit noch einmal zunehmen. Innere Emigration darf man es vielleicht nicht nennen, wenn ein ganzes Subsystem der Gesellschaft diesen so viel logischer als die Wirklichkeit strukturierten Raum kollektiv aufsucht. Weltflucht aber allemal.“

Aus: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/auf-der-gamescom-in-koeln-herrscht-die-virtuelle-realitaet-14396612-p3.html

Oder um es anders zu sagen: die Generation Y hinterfragt gerade die Welt, während die Generation Z die Gegenbewegung ausführt und sich in eine konservative Duldungsstarre ergibt in der sie hofft, dass die schöne alte Welt, die ihre Vorgänger aus der Erkenntnis der dauerhaften Veränderung hinterfragen, wieder zurückkommt und sie auch alle tolle 9-5 Jobs mit Einfamilienhaus und Garten haben können.

Diesen Traum hat aber die Generation der Babyboomer mit ihrem Raubbau an der Welt zerstört und jetzt deren Verhalten zu simulieren dreht die Uhr nicht zurück.

Review – Ghostbusters (2016)

Ich war in Ghostbusters und es gibt viel darüber zu reden. Zum einen natürlich den Film an sich, zum anderen über die ganze eher so Metadiskussion und die gesellschaftliche Wirkung, sofern Filmesowas haben können. Doch, zuerst einmal zu Werk, bevor wir zur gesellschaftlichen Analyse kommen.

Ghostbusters ist ein genialer Film neuer Machart. Schnell geschnitten, guter Humor und er ist der erste Film, bei dem 3D wirklich etwas funktioniert hat. Die Effekte fand ich gut, aber die Interaktion war besser. ((Ich kann jetzt schon sagen, dass ich die deutsche Synchro scheiße finde.)) Die vier neuen Geisterjäger sind coole Frauen, die gut miteinander interagieren. Der Film schafft es auch binnen von ungefähr zehn Minuten den Bechdel Test zu absolvieren. Die Charaktere sind eigenständig und haben auch für eine Komödie eine entsprechende Tiefe. Okay, bis auf Kevin. Kevin ist strunzdumm, aber sieht unheimlich gut aus. Seine ganze Erscheinung wird tatsächlich auf einen Stereotyp reduziert, der aber liebevoll präsentiert wird. Die Damen wollen ihn retten, obwohl er eigentlich nur hohl und hübsch ist.

Die Hauptcharaktere sind coole Frauen, die New York retten. Was interessanterweise gegenüber dem Original geändert wird, ist dass die Ghostbusters ein eigenständiges Unternehmen sind. Sie werden sehr schnell vom Staat subventioniert. Der Bürgermeister ist auf ihrer Seite, öffentlich allerdings gegen sie. Das entspricht aber irgendwie den Ideen einer USA im Jahr 2016. War man 1984 als Geisterjäger noch ein Entrepeneur, hat das heute halt gleich Sicherheitscharakter und wird vom Staat bezahlt.

Es gibt am Ende natürlich eine große Kampfszene, die an Bombast kaum zu übertreffen ist, allerdings auch erstaunlich viel Spaß macht, weil die Damen sich nicht unbedingt ernst nehmen.

Der Film macht also Spaß, ist locker wegzusehen und gut gemacht.

Soweit so gut, jetzt kommt der ganze gesellschaftlich-soziale Kram im Metabereich. Wen das schon jetzt nervt, der liest bitte nicht weiter.

Der Film hat ja viel mit Geschlechterrollen und verletzten Kindheitsillusionen zu tun. Deswegen muss das jetzt mal auseinandergelegt werden. Es gab da so drei grundsätzliche Kritikpunkte:

Ihr habt mir meine Kindheit kaputt gemacht!

Bullshit. Ich habe Ghostbusters in den frühen 90ern auf VHS ((Ja, ich bin so alt.)) gesehen. Es ist ein anderer Film. Eine dunkle, fantastische Komödie aus den 80ern, in der vier Underdog-Wissenschaftler die Welt retten. Es gibt weitaus mehr sexuelles Innuendo, als man das heute in einen Film ab 12 packen würde. Die Geisterjäger waren die Helden der Nerds und man kann das verstehen. Aber die neuen Geisterjäger sind eigentlich genau dasselbe. Drei von den Damen haben einen akademischen Abschluss und die Vierte kennt aus unerfindlichen Gründen die Geschichte einzelner Gebäude in New York bis in die Frühzeit. Die Tatsache, dass die neuen Geisterjäger noch mehr Wert darauf legen ernstgenommen zu werden, hat vielleicht etwas mit ihrem Geschlecht zu tun, ist aber auch etwas, das den alten Fan durchaus anspricht.

Die Filme sind ähnliche Geschichten, aber es geht hier eben nicht um meine Kindheit, die ist vorbei. Es geht darum, ob der Stoff in der modernen Welt funktioniert und das tut er ausgesprochen gut. Zerstört es Erinnungen? Nein…

Kevin ist voll die Hohlbirne und ein dummes Stereotyp als Mann!

Ja, schön, dass das auch mal meinem Geschlecht passiert. Ich persönlich fand es teilweise so übertrieben, dass es wirklich nur noch lustig war, und habe deswegen kein Problem mit Kevin. Interessantweise hätte ich den aber auch draufgehen lassen. Er ist echt zu dumm zum leben. Interessanter ist aber, dass sich Männer davon angegriffen fühlen, dass man unser Geschlecht dran ist, ein negatives Stereotyp zu sein. Das ist ja eigentlich nur gerecht. Kevin ist ausnehmend hohl, wird von Erin objektifiziert und generell als das dumme Blondchen hingestellt. Allein die Ironie ist köstlich und er wäre ein Mensch, mit dem ich mich nicht eine Minute beschäftigen würde.

Für die Männerschaft ist das anscheinend total schlimm, wenn ihre Männlichkeit mal untergraben wird. Aber ist das nicht der Zwecke von Humor und Ironie? Und ganz unter uns Jungs: wenn wir so unsicher sind, dass wir uns nicht von Kevin distanzieren können, dann haben wir ein ganz anderes Problem.

Im übrigen sind alle anderen männlichen Charaktere in dem Film etwas, was uns mehr zu denken geben sollte:

  • Der Dekan, der von Anfang an nur Verachtung für Erin übrig hat und sie dann wegen einer Lappalie feuert.
  • Der College Chef, der einfach nur ein infantiles Arschloch ist.
  • Der Big Bad, der eigentlich ein weinerlicher Egozentriker ist, der glaubt, dass er der Welt dringend mit Gewalt zeigen muss, wie sehr sie ihn verletzt. Hier ist besonders spannend, dass er auch ohne Gadget auf das Metalkonzert hätte gehen können und vielleicht Gemeinschaft gefunden hätte, aber dafür war er dann zu arrogant.
Alles klassische Männerrollen, die Gewalt, Macht und Arroganz zeigen. Nur leider sind diese Leute eben nicht die Helden. Wenn sie das wären, würde sich aber keiner daran stören.

Das ist feministischer Dreck!

Nein, das ist schlicht ein Film, der kulturellen Fortschritt zeigt. Und dieser ist doch gar nicht so groß, wie man denkt. Es gibt jede Menge coole Wissenschaftlerinnen da draußen. Das ist Normalität.

Was nicht normal ist, dass es irgendwie niemand erträgt, dass diese Wissenschaftlerinnen in einem Film Overalls tragen und Monster jagen. Dabei ist das eine sehr gute Botschaft. Es wird schon seit Jahrzehnten geweint, dass in den MINT Fächern Mädchen unterrepräsentiert sind und wenn man dann mal coole Rollenvorbilder anbietet, wird geweint, dass die cool sind, Mann keine Titten sieht und die doch ernsthaft keine Kerle brauchen. So fucking what? Das brauchen die Heldinnen in unserer echten sozialen Welt doch auch nicht! Ich helfe meinen Kolleginnen nicht beim Kopieren, ich trage ihnen nicht die Tasche und den besseren Unterricht bereiten die meist auch noch vor. Ich wusste nicht, dass das meine Männlichkeit beschneidet.

Wenn Ghostbusters dafür sorgen kann, dass wir mehr coole junge Frauen haben, die sich für Wissenschaft interessieren und ihr Ding machen, dann ist das ein reiner Gewinn für diese Gesellschaft.

Die Einzigen, die das problematisch finden, sind diejenigen, die eine Welt nicht verstehen in der sie schon seit mindestens fünfzehn Jahren nicht mehr leben. Die Regeln haben sich schon lange geändert und Ghostbusters ist ein Symptom dafür und ein Symptom für die Verzweiflung, die die Reaktion erreicht hat.

Also alles in allem: genauso wie der Vorgänger ein wichtiger und dazu absolut unterhaltender Film.

Über Explosionen, Amokläufe und Geschichten…

Seit ungefähr zwei Wochen scheint die Welt aus allen Fugen. Scheint. Die Welt ist nie gut, sie war es nie und wir Menschen sind daran ursächlich schuld. Soweit die depressive Realitätseinschätzung. Doch in Deutschland ist erst seit drei Wochen die Welt nicht mehr in Ordnung. Ungefähr seit wir gegen Frankreich aus der WM rausgeflogen sind.

Von da an ging’s bergab mit der Welt. Jedenfalls aus der Sicht der Mehrheitsgesellschaft. Erst Nizza, dann Militärputsch in der Türkei inklusive großem Aufräumen des Staatspräsidenten, dann Axtangriff in Würzburg, Amoklauf in München, heute Explosion in Ansbach. Das schöne heile Leben ist medienwirksam erschüttert worden. Die Welt wird nicht mehr verstanden, am besten daran zu sehen, wie bei der Sache in München die Tagesschau und das heute journal einmal geschlossen durchdrehen, nur damit sich danach rausstellt, das whopping 80% der geäußerten Theorien (Islamismus, Terror, Anzahl der Täter…) kompletter Quatsch waren.

Wenn wir eigentlich was hätten faktisch lernen sollen, dann ist es, dass unsere Polizei gut arbeitet und dass die Zivilbevölkerung gut reagiert. Die Kopflosigkeit aus anderen Ländern

Aber das ist langsam scheißegal.

Wir brauchen uns gar nicht erst damit beschäftigen, dass das alles Quatsch war, dass es da draußen Fakten gibt. Es geht hier nur noch im die Geschichte. Und weil man sich in einer Welt voller Geschichten am besten mit Literaturwissenschaft kratzt, schauen wir uns mal an, wie gut die Geschichten sind.

Los geht es mit Nizza. Ein Traum aus der Horrogeschichtenbude. Wir haben alle klassischen Möglichkeiten ausgeschöpft, die Angst erzeugen: Schusswaffen und Bomben sind doch nun ein alter Hut. Jetzt fährt jemand Amok und juhu, eine neue Dimension des Horrors, als sei es geskriptet worden. Und natürlich brauchen wir Videos von vor Ort und so weiter. Damit wir auch wissen, wie schlimm der Terror ist. Da wird dann sofort erzählt, dass es der IS ist, der sich zu allem dann auch automatisch bekennt. Ein klassischer Bösewicht, ein besonderer Modus operandi, alles super. Da kann man nochmal eine alte Story neu aufkochen.

Dann kam der Militärputsch. Hier ist jetzt schon schwierig, wer da der Böse und der Gute ist. Immerhin schreiben wir Erdogan die ganze Zeit als Demokrator runter, gleichzeitig ist der nunmal gewählt und wir in der „Flüchtlingskrise“ auf ihn angewiesen. Also, einmal abwarten und dann so tun, als wäre die Demokratie gerettet, weil Erdogan an der Macht geblieben ist. Man hätte das Gegenteil erzählt, wenn das Militär gewonnen hätte. Hauptsache wir waren immer auf der richtigen[™] Seite.

Würzburg, Ansbach und München sind dreimal dieselbe Geschichte. Menschen, die aus verschiedenen Gründen unzurechnungsfähig sind, üben Gewalttaten aus. Diese werden dann unter kompletter Ignoranz als Geschichten der Betroffenheit gestaltet. Natürlich nicht für die wirklich betroffenen Personen, sondern für die Mehrheitsgesellschaft, die a) nicht direkt betroffen und b) wahrscheinlich sogar ein Teil der Ursache des Problems ist. Aber die Geschichte ist natürlich die des verrückten Einzeltäters. Es ist wichtig, dass er nicht zu uns gehört, obwohl jeder durchknallen kann und dass es natürlich ein Versagen der Normalität ist, und nicht die Normalität. Es hat nichts mit uns zu tun und wenn die Person am Ende der Geschichte tot ist, gibt es keine Konsequenzen und man kann in Ruhe zum Freitagabendkrimi übergehen.

Es geht nur noch um die Geschichte: der islamistische Terror ist eine, die Demokratie zu retten, in dem man sie abschafft, die nächste und der verrückte Einzeltäter, der einfach so durchknallt, die nächste.

Denn nach solchen Geschichten kann man weiter in Ruhe schlafen, ohne sich je die Frage zu stellen, ob die Welt eben generell nicht in Ordnung ist.

HCH017 – Normalitätsupdate 16.7.2016

Man kennt das hier schon aus dem Blog als Schriftversion, ich finde die Audioversion noch etwas lustiger.

Also, schauen wir mal, was heute normal ist. Viel Spaß beim Pokémon fangen und sich betrinken!