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HCH018 Nach Mecklenburg-Vorpommern

In dieser eher denkerischen Folge gibt es den Blick aus der Distanz auf die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Irgendwo zwischen Dystopie und Resignation erwächst auch hier wieder die Hoffnung im Kleinen.

Als kleine Anregung sei noch auf This is Water von David Foster Wallace hingewiesen, das einen ähnlichen Gedanken, wie ich ihn formuliere besser aufgreift.

Verloren – Lost in Translation und Somewhere von Sofia Coppola

Ich war im Jahre 2003-4 in Schottland zum Auslandsstudium. Das war eine sehr schöne, aber auch befremdliche Erfahrung, weil fremde Länder halt fremd sind. Eines schönes Tages fragte mich einer meiner Mitbewohner, dass er im örtlichen Independent Kino einen Film sehen wollte. Ich ging mit und sah so total zufällig Lost in Translation von Sofia Coppola, einen Film, der mich mit meiner damaligen Situation unheimlich verbunden hat und mich bis heute irgendwie berührt.

Die Herausforderung des Fremden und der Humor und die Beziehung, die durch die Konfrontation mit dem Wahnsinn einer unverständlichen Welt, zwischen den Hauptcharakteren entsteht, haben es mir sehr angetan. Den Film zeichnet aus meiner Sicht aus, dass er unheimlich leise komisch sein kann und nicht so sehr erzählt, sondern zeigt, wie sich die Verbindung zwischen den Charakteren entwickelt. Verbindung ist hier auch aus meiner Sicht das passendere Wort als Beziehung. Die Erfahrung des Fremden verbindet Bob Harris1 mit Charlotte2 und das Verlassen des Fremden trennt sie wieder. Diese Nähe ist es, die wichtig ist und die mir an dem Film wichtig ist. Wir können uns überall miteinander verbinden, wenn wir erkennen was uns vereint. Und diese Verbindung zwischen Menschen hat der Film schon mehrfach für mich hergestellt.

Und Verbindung ist auch das grundlegende Thema von Somewhere, den ich jetzt erst gesehen habe. Der Schauspieler Johnny Marco3 ist in seinem Superstardasein verloren und findet keine Verbindung mehr zu seiner Umwelt oder zu sich selbst. Die zentrale Frage für ihn wird schon früh im Film von einem Journalisten auf einer komplett derangierten Pressekonferenz gestellt:

“Wer ist Johnny Marco?”

Eine Antwort auf diese Frage bekommt er erst, nachdem er gezwungen wird Zeit mit seiner Tochter Chleo4 zu verbringen, deren Mutter irgendwohin verschwindet und die mit ihrem Vater den Jet Set und die Absurdität des Filmstardaseins erlebt. Darüber entwickelt sich für Marco eine Verbindung, die dadurch, dass Chleo seine Tochter ist, einen besonderen Wert erhält. Seine Unbeholfenheit und Verlorenheit zeigt sich erst, wenn seine Tochter aus Angst um das Verschwinden der Mutter weint und er ihr über den Rotorenlärm eines Helikopters Wünsche für das Sommercamp zuruft, anstatt nochmal zum Auto zu gehen, in dem sie sitzt. Dieses Erlebnis hinterlässt Johnny komplett in der Krise, die mit dem Ende des Films anfängt.

Verbindung zum eigenen Leben ist also hier der Mittelpunkt. Somewhere dreht also die Erfahrung um, in dem Nähe das einzige ist, was überhaupt noch Verbindung bringen kann. Ansonsten befinden sich die Charaktere die ganze Zeit irgendwo, wie der Titel sagt. Es gibt keine soziale und räumliche Verortung mehr außer der Referenz der Menschen zueinander.

  1. genialst: Bill Murray []
  2. Scarlett Johansson in der besten Rolle in der ich sie kenne []
  3. Stephen Dorff []
  4. Elle Fanning []

Über die bröckelnde Wirklichkeit

Es heißt ja so schön, dass die moderne Technologie die Welt entzaubert und uns immer mehr Wahrheiten zeigen kann. Information ist unheimlich schnell und kann immer ungefilterter wahrgenommen werden. Das ist jedenfalls das Märchen, das sich da gegenseitig erzählt wird und das nur für wenige Menschen an sich wahr ist. In Stefan Schulz’ Buch Redaktionsschluss stellt er die Frage, ob und wie wir uns eigentlich noch darüber verständigen können, was uns betrifft. Paraphrasiert ist das die Frage nach der gesamtgesellschaftlichen Realitätskonstruktion, die durch Medien und gegenseitige Erzählung generiert wird.

Die wird eigentlich immer friedfertiger, weil der oder die Einzelne in der Facebooktimeline nur noch Sachen findet, die die eigene Realitätskonstruktion unterstützt und bevorzugt alles wegfiltert was ein Ausloggen verhindern kann. Der Anwender denkt also, dass das was ihn betrifft alle betrifft und seine Meinung die Mehrheitsmeinung ist. Das scheitert nur, wenn die Benutzer aus ihrer Weltsicht heraus versuchen ihre nichtvorhandene Reichweite auf Facebook zu benutzen, um die „Andersdenkenden“, die solche Nachrichten gar nicht zu sehen bekommen zu bekehren oder wenn die eigene Blase aus sozialen Gründen Menschen beinhaltet, die eine andere Realität haben.

Letztere sind dann meist der rassistische Onkel, dessen NPD Beiträge man lesen muss und erstere die Veganer und Vegetarier, die anderen Veganern und Vegetariern die ganze Zeit gequälte Tiere zeigen, damit diese aufhören Fleisch zu essen. Daran kann man auch erkennen, dass Realität für viele nur noch in Medien existiert und die meisten Menschen sich nach einer heilen Welt sehen, die ihnen digital vorgegaukelt wird und dann in einer massiven kognitiven Dissonanz mit der wahrgenommenen Realität endet, die sich dann halt auch entlädt. Dabei ist die Wirklichkeit, die uns verbindet meist ganz anders strukturiert als die Geschichten, die man sich erzählt und die Frage, was das Gute ist, hängt dann doch sehr von der eigenen Weltkonstruktion ab. Was dann passiert kann man sich nun immer wieder ansehen. Alle wollen nur das Gute, aber das gibt es nicht, denn die Welt ist komplex und wird nicht mehr verstanden. Stattdessen stehen sich Menschen mit ihren partikularen Weltkonstrukten gegenüber und schreien sich gegenseitig in Unverständnis an. Und weil es so schön ist, gibt es jetzt mal das aktuelle Beispiel.

Panama und Böhmermann, Edogan und PEGIDA, AfD und GEZ

Was hat das alles miteinander zu tun? Wenig? Nichts? Etwas? Das ist alles Realität, aber erstmal die groben Fakten.1

Die Fakten

Die Panamapapers sind das Ergebnis einer einjährigen Recherche von Datenleaks aus einer Anwaltskanzlei, die Briefkastenfirmen in Panama besorgt hat. Das Ergebnis ist erstaunlich: die Reichen haben Briefkastenfirmen und hinterziehen damit vielleicht(!) sogar Steuern. 

Jan Böhmermann hat den türkischen Staatspräsidenten Erdogan (und die komplette Türkei) in einem Schmähgedicht mit metaphorischer Gülle übergossen und vorher gesagt, dass man das nicht darf. Das ZDF hat das gelöscht, die Staatsanwälte ermitteln.

PEGIDA steht regelmäßig auf allen möglichen Plätzen und hetzt mehr oder weniger offen gegen die regierende Politikerkaste. Die selbe Gruppe an Menschen wählt die AfD und hofft, dass Politik mit dieser wieder ehrlich wird.

Dazu betiteln sie die Medien gerne als Lügenpresse, was dann AfD Europaparlamentarierin Beatrix von Storch ein gepfändetes Konto beschert, weil sie zwar bei Anne Will sitzt, aber das eigene Honorar nicht mitbezahlen möchte.

Die Sichtweisen

Bei den Panamapapers sind sich alle einig, dass sowas2 nicht okay ist. Was immer das auch sein mag. Hier eine kurze unvollständige Liste:

  • Briefkastenfirmen an sich
  • Der Großkapitalismus
  • Steuerhinterziehung allgemein
  • Steuerhinterziehung des Cellisten von Vladimir Putin
  • Dass die da oben mit allem durchkommen
  • die Presse eh wieder lügt
  • bekannt wird, wer Briefkastenfirmen hat
  • in Idomeni Menschen sitzen und uns das hier interessiret
  • die immer noch alle Fleisch essen!
  • sinnloser Datenjournalismus ohne das Aufdecken einer Struktur

Im allgemeinen kann man hier sehr gut seine ungerichtete Unzfriedenheit gut wiederfinden. Es gibt nahezu niemanden der die Komplexität des Materials versteht und die Frage, wo eigentlich der Nachrichtenwert ist, also jetzt mal jenseits der SZ, die sehr viel Papier und Klickwerbung verkauft hat in den letzten Tagen. Das Ergebnis und die Wirkung dieses „größten Leaks in der Geschichte des Journalismus“ werden wohl in einem halben Jahr mit dem Wort „überschaubar“ gewertet werden. Sicher ist nur eins, man konnte sich empören, konnte sich ablenken und Gerechtigkeiten fordern, die dann nicht geliefert werden.

Zu Jan Böhmermann gibt es eher so Aussagen, dass es doch nicht sein kann, dass:

  • jemand das nicht lustig findet
  • jemand das lustig findet
  • jemand sich dadurch beleidigt fühlt
  • jemand sich nicht dadurch beleidigt fühlt
  • Satire alles können sollte
  • Satire nicht alles können sollte
  • das keine Kunst ist
  • das Kunst ist
  • Böhmermann angeklagt wird
  • Böhmermann nicht angeklagt wird
  • Erdogan das Ziel von Beleidigungen ist
  • Erdogan nicht das Ziel von Beleidigungen ist

Was dabei komplett verloren ging sind zwei Fragen, die mich hierzu auch umtreiben: 

Erstens wie möchten wir überhaupt miteinander kommunizieren. Kritik und Meinungsäußerung gegenüber Politikern ist nötig, sinnvoll und wichtig für eine Demokratie3. Doch nur einfach nur Leute anpissen, ja auch mit der ironischen Brechung vorneweg, dass man sagt, dass es verboten ist, zeigt dann doch eine Art der Kommunikation, die einfach Beifall bekommt, aber von der niemand Ziel sein möchte. Deswegen gibt es Regeln, die bestimmte Arten von Äußerungen justiziabel machen. Dazu haben wir eh kaum eine moralisch bessere Position gegen Erdogan, kurz nachdem der uns vertraglich zugesichert hat uns schön die ganzen flüchtenden Syrer und Syrerinnen vom Leibe zu halten.

Das zweite ist die Frage, wer da eigentlich das Ziel der Aktion war. Immerhin haben sich viele Menschen dazu geäußert. Böhmermann ist, auch hier, Thema, aber ist es nicht auch die eigene Bigotterie in Deutschland? Zum einen haben wir Beleidigungsgesetze, zum anderen scheint es für Böhmermann nur soviel Zustimmung von den billigen Rängen zu geben, weil er einen aufgebauten Feind der Demokratie als Ziel hatte. Erdogan ist also das Ziel und als solches akzeptabel, weil er selbst eher zum Großherrschergebahren neigt. Wenn das Ziel die Bundeskanzlerin ist, ist es nicht mehr okay.

Das merkt man dann bei PEGIDA oder Beatrix von Storch. Die wollen ja die Kanzlerin gern im Gefängnis oder der Irrenanstalt sehen. Das ist natürlich überhaupt nicht okay für die mit leichtem Merkelfetisch ausgestattete Mehrheitsgesellschaft. Doch: die Kanzlerin darf auch öffentlich so angegangen werden. Interessieren tut sie das eh nicht und die Meinungsfreiheit deckt halt auch den Wunsch, den politischen Gegner ins Sanatorium zu schicken. Doch hier wird dann wieder die Abneigung groß. Das ist das dunkle Deutschland, weil ja der Rest das Licht gesehen hat. Im Schatten rotten sich dann die Zurückgelassenen und Enttäuschten zusammen und sind der Meinung die regierende Elite gehört ins Gefängnis, genauso wie die angeblich Mitte der Gesellschaft das mit Erdogan macht.

Doch eines aus der Liste führt den „Dunkeldeutschen“ mit dem „Lichtdeutschen“ zusammen: der Rundfunkbeitrag. Denn egal, wieviel Fernsehen sich der Einzelne da antut, wie sehr er am Montagabend Lügenpresse ruft und wie oft er indiskutabel schlechte Tatorte sieht, sie alle finden, dass sie nicht dafür bezahlen sollten. Schon gar nicht so viel!

Synthese

Und damit kommt die Frage zurück, die am Anfang stand. Schaut man sich die ganzen Listen und Erläuterungen an, fällt auf, dass Einigkeit eigentlich nur noch auftaucht, wenn es irgendwie eine viable Realitätskonstruktion gibt, die alle aufgrund der universellen Viabilität vereint. Wir können uns noch darauf einigen, dass die Sonne scheint und Bus zu spät kommt. Alles andere ist nur noch in Gruppen von Meinungen zu sehen und verhandelbar. Eine einheitliche Erzählung, was der Gesellschaft wichtig ist, wird immer schwieriger zu gestalten, dabei geben uns die ganzen Themen von oben durchaus einen Weg vor.

Lösungsmöglichkeiten

Denn es gibt eine Art, wie man die ganzen zersplitterten Gruppen wieder einfangen kann: in dem man versucht wieder in einen Dialog zu kommen. Dazu braucht es aber Stellen, die nicht aufgeladen sind, die nicht direkt und nicht medial sind. Und es braucht Energie, denn den anderen mit seiner anderen Meinung zu ertragen ist schwer, wenn das Welterlebnis uns immer wieder bestätigt, dass sich alles nur um uns dreht. Gelingt es nicht das zu Überwinden, bleibt irgendwann nur noch der Sonnenaufgang, der uns verbindet und selbst über dessen Bedeutung kann man streiten.

  1. Details interessieren uns hier nicht. Die lenken eh nur ab. []
  2. das ist nicht näher definiert []
  3. Siehe dann auch den nächsten Teil… []

Wofür kämpfst du? Und wie?

Zu einem meiner Lieblingswerken aus den Dresden Files von Jim Butcher gehört die Kurzgeschichte „The Warrior“ aus der Sammlung Side Jobs. In dieser Geschichte geht es vordergründig um jemanden, der Harry Dresdens Freund Michael von einem selbsternannten Krieger des Guten bedroht wird. Doch die Action ist gar nicht so sehr die Sache der Geschichte. Für mich ist es das finale Gespräch zwischen Harry Dresden und dem Erzengel Uriel:

‘Courtney’, Jake said. ‘The little girl who almost got hit by a car.’

‘What about her?’ I asked.

‘You saved her life,’ he said. ‘Moreover, you noted the bruise on her cheek – one she acquired from her abusive father. Your presence heightened her mother’s response to the realization that her daughter was being abused. She moved out the next morning.’ He spread his hands. ‘In that moment, you saved a child’s life, prevented her mother from alcohol addiction in response to the loss, and shattered a generational cycle of abuse more than three hundred years old.’

‘I … um.’

‘Chuck the electrician,’ Jake continued. ‘He was drunk because he’d been fighting with his wife. Two months from now, their four-year-old daughter is going to be diagnosed with cancer and require a marrow transplant. Her father is the only viable donor. You saved his life with what you did – and his daughter’s life, too. And the struggle that family is going to face together is going to leave them stronger and happier than they’ve ever been.’

I grunted. ‘That smells an awful lot like predestination to me. What if those people choose something different?’

‘It’s a complex issue,’ Jake admitted. ‘But think of the course of the future as, oh, flowing water. If you know the lay of the land, you can make a good guess where it’s going. Now, someone can always come along and dig a ditch and change that flow of water – but honestly, you’d be shocked how seldom people truly choose to exercise their will withing their lives.’

I grunted. ‘What about second baseperson Kelly? I saved her life, too?’

‘No. But you made a young woman feel better in a moment where she felt as though she didn’t have anyone she could talk to. Just a few kind words. But it’s going to make her think about the difference those words made. She’s got a good chance of winding up as a counselor to her fellow man. The five minutes of kindness you showed her is going to help thousands of others.’ He spread his hands. ‘And that only takes into account the past day. Despair and pain were averted, loss and tragedy thwarted. Do you think you haven’t struck a blow for the light, Warrior?’

‘Um…’

‘And last but not least, let’s not forget Michael,’ he said. ‘He’s a good man, but where his childrean are involved, he can be completely irrational. He was a hairbreadth from losing control when he stood over Douglas on the beach. Your words, your presence, your will helped him to choose mercy over vengeance.’

I just stared at him for a moment. ‘But … I didn’t actually mean to do any of that.’

He smiled. ‘But you chose the actions that led to it. No one forced you to do it. And to those people, what you did saved them from danger as real as any creature of the night.’ He turned to look down at the church below and pursed his lops. ‘People have far more power than they realize, if they would only choose to use it. Michael might not be cutting demons with a sword anymore, Harry. but don’t think for a second that he isn’t fighting the good fight. It’s just harder for you to see the results from down here.’

I swigged more Scotch, thinking about that.

‘He’s happier now,’ I said. ‘His family, too.’

‘Funny how making good choices leads to that.’

Aus: Butcher, Jim. ‘The Warrior’ in Side Jobs. 2010.

Der wahre Kampf zwischen Gut und Böse findet also regelmäßig durch kleine Taten des Mitgefühls, des Mitleids und der Menschlichkeit statt. Sei es, dass man den Menschen an der Kasse des Supermarkts als Menschen anerkennt, seine Nachbarn grüßt und mit ihnen redet oder einfach nur einer alten Dame mal über die Strasse hilft. Einfache Akte der Menschlichkeit machen also einen Unterschied und zwar mehr als man das denkt. Es sind nämlich diese Akte der Menschlichkeit, die sich multiplizieren. Und wie kalt und furchtbar die Entmenschlichung anderer Personen durch Selbstzentriertheit sein kann beschreibt Brené Brown sehr gut:

[…]On the way home, I stopped at Barnes&Noble to pick up a magazine. The woman ahead of me in line bought two books, applied for a new „reader card,“ and asked to get one book gift-wrapped without getting off her cell phone. She plowed though the entire exchange without making eye contact or directly speaking to the young woman working at the counter. She never acknowledged the presence of the human being across from her.

After leaving Barnes&Noble, I went to a drive-through fast food restaurant to get a Diet Dr. Pepper. Right as I pulled up to the window, my cell phone rang. I wasn’t quite sure, but I thought it might be Charlie’s school calling, so I answered it. It wasn’t the school – it was someone calling to confirm an appointment. I got off the phone as quickly as I could.

In the short time it took me to say, „Yes, I’ll be at my appointment,“ the woman in the window and I had finished our soda-for-money transaction. I apologized to the second I got off of the phone. I said, „I’m so sorry. The phone rang right when I was pulling up and I thought it was my son’s school.”

I must have surprised her because she got huge tears in her eyes and said, „Thank you. Thank you so much. You have no idea how humiliating it is sometimes. They don’t even see us.”

Aus: Brown, Brené. Daring Greatly. 2014

So wie wir Menschen im Alltag durch Missbilligung schädigen und durch einfache Gesten wieder zu anderen menschlichen Wesen machen, so ist jeder kleine Akt von Menschlichkeit ein Gegengift zu den psychischen Schäden, die eine immer anonymer werdende Gesellschaft an uns allen anrichtet. 

Das kann man auch in der Schule sehen. Die Schülerinnen und Schüler als Menschen wahr- und ernstzunehmen fällt als Lehrperson nicht immer leicht, weil man immer denkt, dass da je eine Gruppe vor einem sitzt. Es ist aber keine Gruppe, es sind Individuen in einem Raum und jede Interaktion mit einem davon ist eine öffentliche zwischen einem selbst und dem Individuum gegenüber. Es gibt nicht „die Klasse“, es gibt nur die Menschen, die da drin sitzen. Bricht man dann eben diese Gruppensicht auf, dann kann man auch pädagogisch was erreichen. Das Ernstnehmen von Menschen als Menschen ist der Beginn davon etwas für diese Welt zu tun.

Doch es gibt neben dem grundsätzlichen Gedanken etwas dafür zu tun, dass die Welt ein besserer Ort wird, noch eine weitere Dimension, die philosophisch immer dazu gehört: die Frage nach der Art und Weise, in der man mit anderen Menschen interagiert und daran angeknüpft die Frage des Zwecks. Beides hängt zusammen. Der Zweck diktiert nämlich die Art und Weise, wie man interagiert. Eine positive Interaktion kann eigentlich nur erfolgen, wenn der Zweck an sich auf die Person bezieht und nicht auf sekundäre Motive. Wenn das Ziel einer Interaktion nicht die Bereicherung des Lebens aller Personen ist, die daran beteiligt sind, dann wird da auch nix besser.

Und so muss man sich auch immer die Frage stellen, welcher Modus der richtige ist und ob das eigene gut gemeinte Handeln auch eine gute Wirkung entfaltet. In der Folge One Day, One Room von House. M.D. sieht sich der Hauptcharakter einer jungen Frau gegenüber, die vergewaltigt wurde und nun beruhend auf ihrem Glauben das Baby behalten möchte. Durch ein – für House uncharakteristisches – persönliches Öffnen bekommt er sie dazu ihre Geschichte zu teilen und das Kind abzutreiben. Ganz am Ende der Folge findet dann folgender Dialog statt:

Cuddy: She’s gonna be OK.

House: Yeah, it’s that simple.

Cuddy: She’s talking about what happened. That’s huge. You did good.

House: Everyone will tell you: That’s what we gotta make her do. We gotta help her, right? Except we can’t. Instead, we drag out her story and tell each other that’ll help her heal. We feel real good about ourselves. Maybe all we’ve done is make a girl cry.

Wilson: Then why did you…?

House: Because, I don’t know.

Wilson: You gonna follow up with her?

House: One day, one room.

House M.D. Season 3/12 One Day, One Room

Die zentrale Frage ist also auch immer, wie wir etwas tun und für wen es ultimativ getan wird. Wird es getan, damit wir uns gut fühlen? Wird es vielleicht nur getan, um aus der Geschichte einen Gewinn zu schlagen, egal ob monetär oder moralisch? Oder damit danach darüber erzählt werden kann, wie gut man selbst ist?

Hier kommt eine Unterscheidung ins Spiel, die immer wieder sehr wichtig ist. Gut und böse sind keine inherent moralischen Kategorien, die moralischen Kategorien sind richtig und falsch. Eine gute Handlung ist nicht unbedingt richtig. Ganz im Gegenteil gut war sehr oft schon die Begründung dafür Dinge zu tun, die schlicht falsch sind. Und am Ende ist die Frage, ob man sich am Ende des Tages im Spiegel ansehen kann, wichtiger als der Ruhm, den man dafür bekommt die Geschichte eines Menschen ans Tageslicht gezerrt zu haben, oder darauf hingewiesen zu haben, wie gut man selbst ist.

Also, die Welt ist dunkel und wir sollten alle unsere Lichter entzünden, damit sie etwas heller wird. Doch wenn es nur darum geht, dass wir im Licht besser zu sehen sind, dann zeigen wir niemandem den Weg und bleiben ewig stehen.

Nicht so’n Geiles Leben

Es läuft im Radio hoch und runter, und meist verstehen die Leute nur „geiles Leben“. Klingt alles hübsch poppig und toll. Doch Glasperlespiels Geiles Leben (Youtubevideo mit Lyrics)hat einen eher spannenden Text, dessen Inhalt mich genug juckt um ihn hier mal auseinanderzulegen.

Also, schauen wir uns das mal an:

[Strophe I:]
Führst ein Leben ohne Sorgen
24 Stunden, 7 Tage nichts gefunden
Was du heute kannst besorgen
Das schiebst du ganz entspannt auf morgen
Ich hab’ ‘ne Weile gebraucht, um zu verstehen
Dass die Zeit reif ist, um jetzt zu gehen
Ich wünsch’ dir noch ‘n richtig geiles Leben
Denn wie du dich veränderst will ich mir nicht geben

Okay. Der Text spricht aus der ersten Person, mit der man sich traditionell am besten identifiziert, mit einer anderen Person, der er anscheinend sehr vertraut ist. Die andere Person ist irgendwie doof, weil die „ein Leben ohne Sorgen führt“, in der sie sich etwas gehen lässt und entspannt herumprokrastiniert. Und das ist anscheinend genug Grund diese Person aus dem eigenen Leben zu entfernen, weil sich der Ich-Erzähler „nicht geben will, wie sie sich verändert“. Also wir halten fest: Die andere Person verschreibt sich einer entspannten, vielleicht sogar hedonistischen Lebensführung und verändert sich dadurch und beides ist schlecht.

[Refrain:]
Ich wünsch’ dir noch ‘n geiles Leben
Mit knallharten Champagnerfeten
Mit Fame, viel Geld, dicken Villen und Sonnenbrillen
Ich seh’ doch ganz genau, dass du eigentlich was Anderes willst!

Ich wünsch’ dir noch ‘n geiles Leben
Ab jetzt wird es mir besser gehen
Vergiss den Fame, all die Villen und die Sonnenbrillen
Ich fühl jetzt ganz genau
Dass ich das zu meinem Glück nicht brauch

So, den Refrain frühstücken wir jetzt hier einmal ab. Er ist das Herzstück eines jeden Liedes, also auch diesem. Also, der Ich-Erzähler erklärt hier seinem Adressaten, dass „Fame, dicke Villen und Sonnenbrillen“ „doch ganz genau, dass ist, was dieser nicht will“. Ich finde ja Gedankenlesen und Hellsehen immer gut. Vor allem in der Popmusik. Woher wissen die nur immer alle, wie das Leben von anderen Leuten aussieht. Und, dass man die Sachen, die man tut nicht will. Oder vielleicht ist das doch perfider, vielleicht ist diese Aussage eher eine Aussage, dass man nicht so sein soll. Damit wird das alles allerdings zu einem schäbig moralisierenden Stück, das einem sagt, dass man doch bitte keinen Spaß haben soll und es soundso zu nix bringt, außer vielleicht durch harte Arbeit. Dazu ist Hedonismus kein Glück, wahres Glück gibt also nur, wenn man, öhm, keinen Spaß hat. Oder zumindest wenig Spaß, weil wir wissen ja: im echten Leben hat man keinen Spaß!

[Strophe II:]
Du führst ein Leben ohne Limit
56 Wochen, alle Gläser sind zerbrochen
Zwischen denen du nichts findest
Merkst du nicht, dass auch du langsam verschwindest?
Ich hab’ ‘ne Weile gebraucht, um zu verstehen
Es geht nicht darum, was Andere in dir sehen
Ich wünsch’ dir noch ‘n richtig geiles Leben
Denn wie du dich veränderst, will ich nicht erleben

Also okay, wir haben verstanden Hedonismus=schlecht. Diesmal weil er anscheinend Beziehungen kaputt macht. Moment… Sind Beziehungen nicht so Sachen, die auf Gegenseitigkeiten beruhen und bedeutet, diese Strophe nicht eher, dass die eine Beziehung, nämlich die zwischen Ich-Erzähler und Adressaten, sich ändert und war das nicht laut Strophe eins primär Schuld des Ich-Erzählers, der jetzt nicht damit zurecht kommt, dass ich sein Adressat ändert. Nunja, Solidarität gibt es hier nicht und soundso weiß auch in dieser Strophe der Ich-Erzähler, dass Hedonismus ja die Persönlichkeit zerstört. Er kann nicht Teil einer Persönlichkeit sein, oder schlicht ein legitimer Lebensstil.

Alternative Interpretation: Boah ist da jemand neidisch, dass jemand anders Spaß hat.

[Refrain: siehe oben]

[Bridge:]

Das wird die Zeit meines Lebens
Und niemand ist mehr dagegen
Das hab ich für mich erkannt
Und deine Bilder hab ich endlich verbrannt

Okay. Refrain hatten wir jetzt, die Bridge zeigt noch mal, dass der Ich-Erzähler hier irgendwie ein Problem hat. Wobei sich die Frage stellt, wer eigentlich etwas gegen die Lebensführung des Ich-Erzählers hat. Oder, hm… hat sich der Adressat gar nicht geändert, sondern der Ich-Erzähler? Immerhin hat er etwas für sich erkannt und dann die andere Person aus seinem Leben geschmissen.

Hm. Vielleicht hilft hier etwas Hintergrundwissen: Die Wikipedia erklärt uns nämlich, dass Glasperlenspiel aus einer kirchlichen Band entstanden sind. Und nunja, wenn man jetzt mal eine christliche Ideologie annimmt, dann macht das alles auf einmal noch mehr Sinn. Die sagt nämlich, besonders in der calvinistischen Ausprägung, dass Spass haben gar nicht geht und einen total entmenschlicht. Kann also sein, dass es hier konservativ-christliche Werte propagiert werden.

Danach kommt noch zweimal der Refrain, um die Message auch schön nach Hause zu tragen. Wobei die poppige Musik sehr schön versteckt, dass hier jungen Menschen eigentlich gesagt wird: Spaß haben ist doof, du willst das auch nicht, weil es immer jenseits dessen etwas wichtigeres gibt, was immer das auch ist. Das Lied ist also irgendwie eine Mischung aus modernem Koservativismus und protestantischer Ethik, die hier total harmlos daher kommt und mit dem Schlagwort „geiles Leben“ der jugendlichen Hörerschaft hübsch untergeschoben wird.

Und jetzt weiß ich genau, warum ich das Lied eklig finde.

„But where does contagion end and art begin?“

Okay. Hier mal, etwas eher eigenartiges. Die Vorklasse BOS liest mit mir derzeit ein Buch. Okay, nein die Schülerinnen und Schüler lesen das Buch und ich stelle neumalkluge Fragen dazu. Um sie darauf vorzubereiten, haben wir die Kurzgeschichte „How to Talk to Girls at Parties“ von Neil Gaiman gelesen.

Und in dieser kommt das Zitat aus der Überschrift vor. Es wird von Triolet, einem lebenden Gedicht gesagt und weil ich manchmal ein absolut herausfordernder sadistischer Sack sein kann, mussten die Schülerinnen und Schüler dazu einen freien Aufsatz schreiben. Allerdings wurde von mir verlangt, dass ich auch einen schreibe, allein schon um zu zeigen, dass es geht. Und weil ich es lustig finde, bekommt ihr das jetzt auch zu lesen. 

„But where does contagion end and art begin?“

Have you ever thought that you cannot get a song out of your head? It is even possible to have you mentally listen to a song by just writing down the words ‘Dschingis Khan’, ‘Atemlos durch die Nacht’ or ‘The Final Countdown’. Art and culture are, in the best sense, contagious diseases that we as people share and pass down.to our descendants.

In his book The Selfish Gene the famed biologist Richard Dawkins created the idea of the meme being a piece of cultural knowledge that passes from one individual to another. The way these pieces of cultural knowledge are transmitted are plentiful, but most of the ways have one common denominator: art. Art is the virus that plants the new memetic information in our brains and even the act of implanting that information can itself be art. Thus every piece of art can be seen as a mental and cultural virus that infects the brains coming into contact with it and it can even mutate into new pieces of art based on the cultural memetic makeup of its new recipient. This leads to new forms of art which then can be spread through cultural spaces again.

This process as magnificent it sounds is also deeply troubling to certain people. They, as the advocates of genetic purity, claim that new cultural ideas, especially from foreign cultures are quite literally endangering the memetic purity of the culture and pose a grave threat to the culture itself by changing or mutating it into something that is sick and unhealthy, or so the logic goes.

But as with evolution which shows that adaptation through change is the only way to survive in an everchanging world, cultural change may be the only way how humanity as a cultural body can survive. By getting infected with different and new cultural knowledge there is the opportunity of cultural adaptation and in this lies the hope for the survival of humanity.

Das mit der Integrität…

Ich habe gestern The Intern mit Robert De Niro gesehen. Man mag vieles über den Film denken, und großes Kino ist es sicherlich nicht, aber es gab so eine Sache, die ich tatsächlich mitgenommen habe. Doch vorher eine kurze Synopse, für diejenigen, die den Film nicht kennen und sehen wollen.

Ben Whitaker (Robert De Niro) ist pensioniert, Witwer und langweilt sich. Also bewirbt er sich für das „Senior Internship Program“ eines Internetmodeunternehmens. Er kommt dort mit seiner leicht anachronistisch antiquierten Businesseinstellung an und wird langsam zu einem geschätzten Mitarbeiter der Firma, besonders für die überarbeitete Gründerin Jules Ostin (Anne Hathaway). Es werden Krisen überstanden und am Ende lernen alle was fürs Leben. Es ist das, was man eine schöne Geschichte nennt.

Doch, ich wollte eigentlich woanders hin. Am Anfang des Filmes sagt Whitaker in eine Kamera „I’m a company man. I’m loyal, I’m trustworthy and I’m reliable.“ Was er vergisst zu sagen ist, dass er komplett integer ist und das bedeutet auch, dass er Gewissenskrisen gegenüber seiner Chefin bekommt, wenn er merkt, dass diese von ihrem Mann betrogen wird, aber diese auch dazu anhält sich bei ihrer Sekretärin für gute Arbeit zu bedanken. Whitaker hat klassische Werte, die sich in seiner Kleidung und Einstellung (klassischer Anzug, professionelle Verschwiegenheit, Aufmerksamkeit und niemals vor der Chefin gehen) zeigen, aber diese Werte sind auch etwas, das ihn am Ende von den eher ziellosen Mit-Dreißigern und Endzwanzigern unterscheidet und ihnen auch irgendwie fehlt. Dieses Fehlen von Werten hat sehr viel damit zu tun, dass sich vieles in den Leben junger Menschen an imaginären Zielen, Aufgaben und Herausforderungen orientiert, für die man dann im Zweifel seinen ganzen Wertekanon, den man sich gerade mit Anfang 20 noch revolutionär auf die Fahnen geschrieben hat, aufgibt. Denn auf einmal ist Geldverdienen und Erfolg haben, weitaus wichtiger als den eigenen Anspruch an die Welt selbst gerecht und sich die Frage zu stellen, was die eigenen Handlungen in derselben Welt verursachen. Integrität, wie sie Ben Whitaker zeigt, ist aber etwas, das gerade in der Post-Post-Moderne, in der Strukturlosigkeit und Werteliberalität nur noch von extremen Botschaften eingefangen zu werden scheinen, gar nicht so schlecht erscheint. Denn am Ende allen Erfolges, aller Facebooklikerei, aller Herzen auf Twitter und Instagram, ist Erfolg weniger wichtig als die Frage, wie man ihn erreicht hat, was man dafür aufgegeben hat und ob man sich selbst noch im Spiegel ansehen kann.

Und obwohl es eine Art wertkonservative Avantgarde zu geben scheint, die Werte als Inhalt begreift und nicht als Steigbügel, ist der Rest dieser Gesellschaft noch zu sehr in pseudo-neoliberalem Erfolgsgelaber und nicht-zukunftsfähigem Solipszismus zu gefangen, dass Menschen, die, wie Ben Whitaker, integer sind, als schöne anachronistische Ausnahmen angesehen werden können.

Review: Omnia – Naked Harp

Ich bin ja schon lange ein großer Fan der Band Omnia, deren Musik sie selbst als Neo-Celtic Pagan Folk (Rock) beschreibt. Der Musikstil beruht auf akustischen Instrumenten, in teilweisen rockigen, aber auch traditionellen Arrangements, die etwas auf moderne Hörgewohnheiten angepasst wurden. Die Hauptinstrumente sind dabei Flöten, Klavier, Schlagzeug und Saiteninstrumente wie Gitarren, aber auch die Harfe. Nun wurde immer mal wieder laut, dass Jenny, die besagte Harfe spielt, eine Meisterin dieses Instruments sei. Eine Tatsache, die sich bei Konzerten und den normalen Studioaufnahmen nur indirekt erfahren lässt, da hier die Harfe sehr selten im Mittelpunkt steht. Ich habe mich also immer gefragt, wie toll sie das wirklich kann. Immerhin fand ich die harfenlastigen Stücke auf den Alben bisher immer gut. Da ich anscheinend nicht der einzige war, der sich mal eine reine Harfen CD von Omnia wünschte, ergab es sich nun, dass Jenny mal eine solche aufgenommen hat. Und ich bin von ihrer Meisterschaft auf dem Instrument überzeugt worden.

Doch gehen wir das Album Naked Harp mal durch. 

Das Album beginnt mit One Morning in May. Einem langsamen tragenden Stück, das eine Bearbeitung des Songs von James Taylor ist. Es strahlt eine gewisse innere Ruhe und Hoffnung, die einem öfter auf diesem Album begegnen wird. Das einzelne Instrument der Harfe und die komplex klingenden Strukturen begeistern mich da schon.

Darauf folgt das Flutterby Set, eine Kombination aus zwei klassischen keltischen Jigs, die sich mit fliegenden Wesen und damit auch Leichtigkeit auseinandersetzen. Diese Leichtigkeit findet sich in den schnellen Läufen und fließenden Melodien beider Stücke.

Es folgt das erste Stück des Harfenmeister Turlough O’Carolan, von dem sich mehrere Werke auf der CD befinden. Eleanor Plunkett ist, wie viele Stücke O’Carolans, einer Person gewidmet, die ihn finanziell unterstützt hat. Es ist ein ruhiges Stück, das aber einen Sinn von würdiger Anmut vermittelt. Also durchaus etwas, das einer Dame aus gehobenem Stande angemessen ist.

Eine Dame noch höheren Ansehens steht im Mittelpunkt des nächsten Stücks. Die Fairy Queen zeigt nicht nur eine gewisse Anmutigkeit, sondern auch Verspieltheit in ihrer musikalischen Gestaltung.

Für diejenigen, die auf Omnia typische Musik gewartet haben, kommt nun mit einer Harfenbearbeitung von Dil Gaya. Das Lied, das aus Afghanistan kommt, zeigt, dass auch sehr uneuropäische Harmoniefolgen auf einer Harfe gespielt werden können. Die Kunstfertigkeit von Jenny zeigt sich auch in der Polyrhythmik des Liedes sehr gut.

Als Turlough O’Carolan sich aufmacht als wandernder Harfenspieler sein Geld zu verdienen war sein erstes Lied eine Widmung an eine junge Frau in die er sich verliebt hatte. Bridget Cruise ist ein einfaches, aber sehr berührendes Lied, das eine gewisse Ruhe und Sehnsucht ausstrahlt.

Im Gegensatz dazu steht das Jig Jenny’s Tits, das von zwei Meisen inspiriert wurde, die Steve und Jenny in ihrem Haus aufgezogen haben. In der alten Tradition, dass Jigs blöde Namen haben müssen, hat es dieses Wortspiel bekommen. Das Stück besteht nicht nur als einer sehr schnellen und wunderbar tanzenden Harfenmelodie, sondern zeigt auch mit dem Bodhrán ein anderes klassisches kelitsches Instrument. Ein sehr schönes Tanzlied.

O’Carolan, der uns durch ja durch dieses Album schrieb, nannte viele seiner Dankstücke Planxty. Damit ist klar, dass Planxty Irwin auch eines dieser Stücke ist. Es trägt sich majestätisch dahin und bildet einen guten Übergang zum nächsten Lied.

Die langsamen Love Birds lassen einen träumen und sich in die Arme einer geliebten Person denken. Dies ist Musik, die einen am Ende eines stressigen Tages und einer kalten Welt, die Liebe wieder spüren lassen. Ein Lied, das sich in einer lauen Sommernacht genauso gut anfühlt wie im Winter bei Kerzenschein.

Der Omnia Fan kennt En Avant Blonde als das Intro des Abschlusssongs Entrezomp-Ní Kelted. Eigentlich ein sehr einfaches Übungslied, wird es hier mit mehreren überlagerten Stimmen gespielt und steht endlich mal wieder für sich allein.

Es wird dann auch gefolgt von einem Omnia Medley, in dem die Fans der Band die Hooklines etlicher Lieder wiederfinden können, die hier einmal aneinander gewoben werden. Hier kann man auch einmal sehen, was für eine Kunstfertigkeit dahinter steckt, wenn Jenny diese Lieder auf der Bühne spielt.

Der Anam Cara der Liebste, ist laut Booklet iherm Ehemann Steve gewidmet. Das Lied plätschert langsam dahin und ich muss sagen, dass es gegenüber anderen Melodien wahrscheinlich wegen seiner Schlichtheit etwas untergeht. Es klingt definitiv nach zarter Liebe, aber mir sagt das eher weniger.

Es folgt das einzige Lied mit Gesang. Uvil Uvil ist ein schottisches Lied, das sehr feenhaft interpretiert wird. Es erzeugt einen Sinn von Ferne und Einsamkeit, die auch gut in die schottischen Highlands passt.

Es gibt in meiner großen Omnia CD Sammlung ein paar Lieder, die ich sehr liebe und von denen ich mir immer eine neue Version gewünscht habe. Luna war eines dieser Lieder. Es ist ein sich steigerndes Lied, das hier von einem Hackbrett erweitert wird. Gegen Ende überschlägt sich die Melodie, nachdem sie sich immer komplexer aufgebaut hat. Dies ist für mich einer der schönsten musikalischen Teile auf der CD. Luna gibt mir schon sehr lange Frieden, wenn ich es höre und diese neue Version ist tatsächlich noch besser als die ältere Variante.

Die CD endet mit Carolan’s Dream, einem letzten Stück vom Großmeister der Harfe, das diese Sammlung verschiedenster Harfenklänge sehr gut abrundet. In seiner Ruhe bildet es einen guten Abschluss an eine eher ruhige CD, bei der ein einzelnes Instrument im Mittelpunkt stand.

Alles in allem ist Naked Harp etwas für den Hörgenuss und das „Runterkommen“. Es gibt wenig des aufgeputschten Pagansounds, den Omnia gerne versprühen. Die Harfe berührt dafür als Instrument die Seele des Hörers auf eine ganz andere Art, als es die energetischste Bühnenshow kann.

Das Pfeifen im Walde

Hey, wart ihr schonmal im Dunkeln allein im Wald unterwegs? Schauriger Ort, oder? Die Dunkelheit sorgt dafür, dass man sich alles mögliche im Gestrüpp einbilden kann. Da hilft es nur sich selbst Mut zu machen. Also pfeift man verzweifelt ein fröhliches Liedchen, damit man den Wolf im Dunkeln verjagt oder besser glaubt, dass er sich dadurch verjagen lässt. Deswegen pfeift man, wenn man allein im dunklen Wald ist.

Ist man zu zweit erzählt man sich gegenseitig, wie wenig Angst man zu haben braucht. Aber das ersetzt auch nur das Pfeifen. Der Wald ist immer noch dunkel und der Wolf ist immer noch da draußen.

Wir leben in Zeiten, die immer dunkler werden. Die Menschheit wußte noch nie so sehr bescheid über die Welt wie heute. Wir waren noch nie so informiert, aber das führt nur dazu, dass wir noch mehr Angst vor dem Dunkeln haben und immer besser wissen, wie der Wolf aussieht: Klimawandel, Neoliberalismus, sozialer Abstieg, Krieg oder extremistische Vollpfosten mit Sprengstoffgürteln.
Deswegen wird immer lauter gepfiffen. Sei es das Schreien der Flachnasen auf irgendwelchen Demos, die Durchhaltereden der Regierung oder aber das monotone Mantra des Politikfernsehens, das uns einlullt, das alles ist nur das Pfeifen im Walde, während der Wolf näher kommt. Wenn man sich ansieht, wie hier alle immer nur ironisch sind, während sie sich mit Hedonismus betäuben, sich über die Dummheit der anderen aufregen ohne selbst etwas dagegen zu tun, oder betroffen eine sinnlos Geschichte nach der anderen aufschreiben, weil sie selbst nur noch etwas spüren, wenn sie betroffen sind, dann weiß man, wie laut das Pfeifen ist. Und man merkt, dass keiner eine Lösung zu haben scheint, geschweige denn über eine nachdenken will. Schließlich sind sie alle zu sehr mit Pfeifen beschäftigt. Das Dunkel scheint immer manifester zu werden und der Wolf ist schon nahe, also muss man lauter pfeifen, oder?

Oder?

Oder wie wäre es, wenn man mal die Strategie wechselt? Der Wolf hat Angst vorm Licht, also zünden wir in der Dunkelheit ein Licht an. Dann kann man zum einen den Weg viel besser sehen, und zum anderen finden einen vielleicht auch andere verlorene Menschen. Die müssen dann auch nicht mehr durch die Dunkelheit irren und gemeinsam sind dann alle eine schwerere Beute für den Wolf.
Aber wo kommt jetzt dieses Licht her? Darauf gibt es viele Antworten, aber die schönste kommt für mich von Aristoteles. Dieser sagte, dass jeder von uns ein “telos” hat, ein Ziel, und wenn wir dieses erfüllen, dann tun wir das beste für uns und die Welt. Unser telos ist das nach dem wir streben und in uns angelegt, hat aber auch etwas mit unseren Talenten zu tun. Man sollte das tun, was einem zukommt und nicht versuchen etwas anderes zu tun, denn dann erfüllt man nicht sein Ziel in der Welt. Wenn wir alle das tun, was wir gut können, dann machen wir die Welt besser. Das geschieht durch alles mögliche: gute Kunst, schöne Fotos, tolle Musik, schöne Podcasts, inspirierender Unterricht, tolle Gute-Nacht Geschichten, gut gebaute moderne Autos, geile Astrophysik, leckeres gutes Brot.
Alles das ist besser als im Wald zu pfeifen. Wenn man durch das, was man tut ein Licht anzündet, anstatt sich selbst einzureden, dass da draußen im Dunkeln der Wolf verschwindet, weil man möglichst viel Lärm macht, dann wird der ganze Wald weniger bedrohlich.

Tell me your story.

Ich mag es durch die Gegend zu laufen und mich aktiv umzusehen. Aktives Umsehen bringt einem nicht nur die eine oder andere Fotoidee und damit etwas für eines meiner Dauerprojekte, sondern auch Impulse zum nachdenken. Eines davon kommt von Menschen, die man so auf der Strasse sieht. Und das können alle möglichen Leute sein: von jungen Müttern, die mit abgehetzt an der Kasse des Supermarkts stehen und mit einem quengelnden Kind über alte Damen in Pelzmänteln, denen das Kleingeld für die Butter fehlt, bis zum genervten Busfahrer, bei allen frage ich mich regelmäßig, was ihre Geschichte ist.

Und eigentlich wäre es ziemlich einfach, sich Zeit zu nehmen und mit diesen Menschen zu reden. Einfach mal hinstellen und interessiert und respektvoll nachfragen. Seine Geschichte zu teilen, macht viele Menschen glücklich, denn sie fühlen sich wertgeschätzt. Doch dafür hat man wenig Zeit. Ich mache das öfter bei meinen Schülern, dass ich mir von denen erzählen lasse, wie ihr Leben so ist. Doch mit Leuten auf der Strasse klappt das nur selten und wenn dann ist mir nicht wichtig, die Geschichte zu personalisieren. Die Geschichte ist wichtig erzählt zu werden, aber wir brauchen nicht die Person für die Geschichte.

Denn die Person ist den Lesern doch eh scheißegal. Sie steht für uns selbst, damit wir uns etwas begreiflich machen können, das uns total fremd ist. Also brauchen wir doch nicht Person, die die Geschichte erlebt hat, da hinzustellen. Die Geschichte spricht für sich und wir sprechen aus der Reaktion auf die Geschichte. Es ist sogar fragwürdig, ob es wirklich ethisch vertretbar ist, immer die Person hervorzuzerren, die eine meist eher bedrückende Geschichte erlebt hat. Vor allem, damit man dann das Thema am Ende eh verallgemeinert und damit klar macht, dass es jeden betreffen kann und bevorzugt etwas ist, worüber man „schon immer mal schreiben wollte“.

Dabei bleibt am Ende die Person und ihre Geschichte auf der Strecke. Aus einem Menschen, der an sich interessant ist mit seiner Geschichte, wurde ein Abziehbild gemacht. Deswegen sind die Geschichten wichtig, aber nicht, wer sie erzählt. Denn die Geschichte lässt uns etwas fremdes erfahren, aber nur wenn sie für sich steht und nicht Mittel für eine Geschichte wird, die jemand anders erzählen wollte.