Schlagwort-Archive: Soziologie

Ich und Du und die Distinktion

Ich war die Tage bei einem Konzert der Brass Band Bamberg. Es war sehr gut und hat mir großen Spaß bereitet. Allerdings war ich eher zufällig dort, weil Isa als Fotografin da war und mich mitgenommen hat. Während des Konzertes sprachen wir über die verschiedene Musik und was sie für uns bedeutet und was nicht. Und dabei fiel mir wieder auf, dass es verschiedene Arten gibt über sowas wie klassische Musik und Konzerte zu denken und dass das davon abhängt, welche Ziele und Ideen man mit Musik verbindet.

Distinktion und Habitus

Doch vorher, eine kurze dreckige Wiederholung von Sachen, die ich schon öfter erzählt habe. Der Soziologe und Ethnologe Pierre Bourdieu sagt in seinem Buch Die feinen Unterschiede, dass sich soziale Schichten nicht nur durch unterschiedliche Mengen an Kapital, sondern auch durch ihren Habitus unterscheiden. Der Habitus ist dabei als eine bestimmte Art die Welt zu sehen und sich in ihr zu verhalten. Je nachdem, in welchen sozialen Schichten eine Person sozialisiert wurde, erwirbt sie bestimmte Habitus, die dann aber auch beschränken, in welche Schichten diese Person sich holperfrei eingliedern kann. Bourdieu sagt, dass die Unterschiede im Verhalten einer Person den Zugang zu anderen sozialen Statusgruppen verwehrt, solange diese Person nicht weiß, wie sie sich zu verhalten hat. Damit werden bestimmte Verhaltensweisen zu Distinktionsmerkmalen, mit denen sich Menschen von anderen in ihrem sozialen Status unterscheiden lassen. Das wichtige ist hierbei, dass diese Merkmale sozial generiert, verteilt und erlernt werden. Der soziale Unterschied wird also weitergegeben und kultiviert. Man kommt nur in den sozialen Kreis, wenn man das geheime Verhalten und Wort kennt.

E und U und so weiter

Und das ist auch bei Musik so. Die große Unterteilung, die den meisten Menschen wahrscheinlich bekannt ist, ist die zwischen E- und U- Musik. E steht dabei für „ernsthaft“ und U für „Unterhaltung“. E-Musik ist damit definiert als etwas mit dem man sich auseinandersetzen muss, U-Musik ist etwas für alle und hat keinen Anspruch oder anders ausgedrückt, man muss angeblich dabei nicht nachdenken. Damit ist dann Math Metal definitiv E-Musik. E-Musik ist also Musik, die ähnlich der modernen Kunst Deutung braucht und den Menschen nicht nur emotional, sondern auch kognitiv herausfordert. Je moderner die Musik, desto schlimmer wird das. Bei der „alten“ klassischen Musik gibt es durchaus Unterhaltungsstücke, die aber so fremdartig für die modernen Hörgewohnheiten sind, dass die Dekodierung immer noch ein kognitiver Prozess wird. Man kann sich diese Musik auch einfach so anhören, aber die reine Unterscheidung in schön und nicht-schön ist dann halt auch sehr einfältig.

Distinktionmerkmale

Denn in Wirklichkeit gibt es hier natürlich sozialen Grenzen, die durch die Art des Musikgenusses gekennzeichnet sind. Und da gibt es im Endeffekt drei Arten von Leuten: diejenigen, die selbst Musik machen und deswegen eine persönliche Verbindung zu einem Musikstück haben, dann diejenigen, die keine Musik machen, aber sich für sie interessieren, sie verstehen und genießen, und dann gibt es die dritte Gruppe: diejenigen, die Musik konsumieren, weil dieser Konsum zu ihrem angestrebten Habitus gehört. Die dritte Gruppe gibt es, weil es traditionell zum Habitus des Bildungsbürgertums und der Oberschicht gehört, dass man Kunst und Musik schätzt. Schon in den feinen Unterschieden macht Bourdieu an der Kunst fest, wo der Unterschied zwischen den verschiedenen sozialen Statusgruppen ist. Er sagt allerdings auch, dass das Geheimnis des Habitus der gehobenen Statusgruppen ist, das eben das erhöhte Verständnis von Musik und Kunst ein Zeichen des Status ist, nicht die Teilnahme an entsprechenden Veranstaltungen. Man muss also auf eine bestimmte Art über Kunst und Musik reden können, wenn man Teil der Gruppe sein will, nicht zwingend Konzerte besuchen. Deswegen achten Menschen in den gehobenen Statusgruppen dann die Musiker, denn dort verbinden sich der Habitus beider Gruppen, obwohl Musiker ja eigentlich sozial niedriger stehen.

Zusammengefasst kann also gesagt werden: es gibt Leute, die E-Musik hören, weil ihnen diese etwas gibt und es gibt Leute, die E-Musik hören, weil sie glauben, dass das Erscheinen bei entsprechenden Konzerten zum sozialen Status gehört, den sie haben möchten: dem des intellektuellen Schöngeists und der bürgerlichen Oberschicht. Jenseits von Überlappungen, die es da natürlich geben kann, bedeutet das allerdings auch, dass die Leute, die sich vom Besuch des Sinfoniekonzerts einen Vorteil für den sozialen Status versprechen, eigentlich keinen Zugang zu dem haben, was die entsprechenden Statusgruppen schon per Erziehung mitbekommen und Musiker und Musikliebhaber durch ihr Hobby erhalten: nämlich die Fähigkeit E-Musik zu deuten, ein Orchester zu lesen und damit den eigenen Horizont durch die kognitive Interaktion mit der Musik zu erweitern. Dafür entlarven sich diese Menschen dann als diejenigen, die nur aus sozialer Erwünschbarkeit oder Geltungsverlangen kulturelle Veranstaltungen aufsuchen. Das ist so etwas wie das soziale Shibboleth. Um das zu beschreiben kann ich anekdotisch noch folgende Aussage eines Dauerkarteninhabers der lokalen Sinfoniker anführen:

Ja, der Sparkassenvorstand ist die „Schüttelfraktion“. Die sind nur da, um sich gegenseitig die Hände zu schütteln. Aber ich bin froh, dass die da sind. Sie bezahlen ja die Sinfoniker und ich genieße die Musik.

Das Distinktionsmerkmal im Bereich Musik ist, wie in nahezu jedem sozialen Bereich also das Wissen um die Deutung des Phänomens und je vielfältiger und breiter dieses Wissen ist, desto anerkannter ist man. Das gilt für alle sozialen Statusgruppen und meist dreht sich die Betonung, was man wie sehr deuten können muss, von den oberen Statusgruppen zu den niedrigen um: muss man für den hohen Status einen Monet erkennen können, muss man im niedrigen Bereich die Konnotationen und Grenzen des rassistischen Witzes kennen.

Interesant ist dabei dann folgendes: egal welche soziale Statusgruppe, egal welcher Habitus, alle erkennen Menschen, die aufgrund mangelnden Wissens nicht dazu gehören, sofort. Deswegen wird die „Schüttelfraktion“ genauso belächelt wie der Uniprofessor auf der Baustelle und deswegen ist sozialer Aufstieg, wenn man ihn sich ersehnt, nur darüber machbar, dass man neue Deutungsebenen erkennen kann, also die Fähigkeit besitzt, die Wilhelm von Humboldt Bildung nannte.

Inhalte und Beziehungen – ein kleiner Guide zur Kommunikation

Das Soziale ist ja eher so schwierig. Es mag den meisten Menschen nicht so erscheinen, aber tatsächlich beschäftigt sich ein größerer Teil unseres Gehirns mit Kommunikation und Informationsverarbeitung sozialer Signale und liegt dabei gerne immer noch falsch. Doch es gibt ein paar Sachen, die man so generell mal über soziale Interaktion wissen kann, damit etwas besser versteht, was da passiert.

Kommunikation bedeutet eigentlich nur Zeichenübertragung. Sehr oft wird darunter Sprache verstanden, egal ob geschrieben oder gesprochen1. Doch wir benutzen noch ein paar Zeichen mehr als das und gerade Sprache kann sehr gut verschleiern, was die Menschen wirklich sagen. Doch dazu gleich mehr, erstmal interessiert uns die Frage, was eine Botschaft beinhaltet.

Dazu gibt es ein paar Standardtheorien. Diejenige, die man auf jeden Fall mal gehört haben sollte, wenn man etwas unmündiger kommunizieren will, ist die von den vier Seiten einer Nachricht.

700px Vier Seiten Modell de svg

Eine Nachricht hat also immer vier verschiedene Aussagen, die vom Sender und Empfänger unterschiedliche betont werden können. Dazu benutzen wir den Beispielsatz: „Es ist aber sehr stickig in diesem Raum.”

Zum einen ist eine Nachricht immer eine Aufforderung an den Empfänger. Die Appellseite unserer Aussage ist: „Mach mal das Fenster auf.“

Dazu gibt der Sender der Nachricht etwas über sich preis. Nämlich, dass er die Luft im Raum für stickig empfindet, es ihm also zu warm ist.

Dazu ist der Satz natürlich auch eine Sachaussage. Die Luft im Raum wird als stickig wahrgenommen.

Und sie ist eine Aussage über die Beziehung von Sender und Empfänger. Der Sender ist auf den Empfänger angewiesen, er möchte, dass dieser das Fenster öffnet. Dazu möchte er aber auch die Zustimmung des Empfängers zu seiner Sachaussage haben. Man kann natürlich auch sagen, dass der Sender einen Befehl sendet.

Soweit zur Theorie, doch was bedeutet das jetzt? Eine Nachricht hat immer diese Seiten und der Sender sucht sich in seiner Intention eine aus. Der Empfänger empfängt aber auch alle vier und kann sich fragen, was denn das alles bedeutet und ob eine der anderen Seiten nicht auch etwas verrät, was der Sender eigentlich gar nicht so sehr preisgeben wollte. Der Sender kann natürlich auch Botschaften verstecken, die er dem Empfänger so mitgeben will. Als Lehrer lernt man sowas aktiv auszunutzen.

Doch bleiben wir kurz bei der Beziehungsebene und der Sachebene. Diese beiden werden gerne verwechselt und bieten damit viel Ansatz für Kummer in menschlichen Beziehungen. Dazu wird die Beziehungsebene sehr oft benutzt um etwas auf der Sachebene zu erreichen. Die Vermengung von Sach- und Beziehungsebene ist vor allem in engen sozialen Beziehungen üblich und man muss schon sehr dagegen wehren, dass die Bedrohung mit Beziehungsänderung nicht dazu führt, dass man auf der Sachebene nachgibt. 

Doch das ist nicht alles. Die Aussagen einer Person beinhalten nicht nur Selbstoffenbarung, man kann sie auch mit dem Vergleichen, was eine Person tut. Handlungen sind auch Nachrichten im obigen Sinne, das bedeutet, dass wenn Menschen etwas tun oder auch nicht tun, dann hat diese Handlung auch diese Seiten und kann mit dem, was Menschen sagen, in Beziehung gesetzt werden. Das führt dann öfter mal zu der unangenehmen Erkenntnis, dass das Gegenüber nur quatscht, um davon abzulenken, dass es etwas tut, dass eigentlich soziale Nachteile mit sich zieht. Diese Inkonsistenzen sind zwar sehr menschlich, wenn sie aber in Beziehungen auftreten und jemand im Endeffekt die ganze Zeit durch seine Handlungen lügt, wird es schwierig. Vertrauen zwischen Menschen entsteht durch diese Konsistenz von bedeutungsvoller Handlung und verbaler Aussage und wird durch Inkonsistenz beschädigt.

Deswegen sollte man immer genau schauen, was andere Menschen sagen, wie sie es sagen und was sie tun.

  1. Da gibt es riesige Unterschiede. Soviel sei einmal gesagt: geschriebene Sprache ist ein Zeichensystem das auf der gesprochenen Sprache basiert. []