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Cyberpunkage und Romantik

Wir leben in einer Cyberpunkwelt. Vieles dessen, was in den 80ern des letzten Jahrhunderts von den Autoren der ersten Cyberpunkromane als Zukunft vorausgesagt wurde, ist heute Realität. Vielleicht auch, weil diejenigen die unsere moderne Realität formen genau diese Romane gelesen haben und sich so ihre Idee von Zukunft gebildet hat. Wir haben moderne vernetzte Technologie und damit auch die weltweite Überwachung an der Tür. Wir haben Implantate um Sehvermögen und Hören wieder herzustellen. Es gibt die ersten Exoskelette um Menschen mit neurologischen Lähmungen mobil zu machen und ähnliches. Kurz: Technologie ist in jedem Bereich unseres Lebens angekommen und eigentlich totalitär.

Allerdings ist Technologie auch der schnelle Weg der menschlichen Entwicklung. Evolution ist erstaunlich langsam, also bauen wir uns unsere Evolution selbst. Doch natürlich macht Technologie auch Angst und wie jede Zeit, in der Rationalität und Technologie das Primat übernommen haben, gibt es eine Gegenströmung. Nach der Aufklärung, die Logik und Vernunft zu den höchsten Tugenden erhoben hat, kam die Romantik, die sich gerade im Kontrast der wirtschaftlichen Früchte dieser Aufklärung das Programm der Rückkehr zum Naturzustand auf die Fahnen schrieb. Es ging auf einmal um Emotionen, Liebe und Reinheit. Als Vorbild nahm man sich das Mittelalter und verklärte es schon damals. Auf einmal gab es Frühlingsfeste wie den Eisenacher Sommergewinn und Historismus war der letzte Schrei. Gleichzeitig wurden Märchen gesammelt und von zuviel Gewalt und Boshaftigkeit bereinigt, weil während man das Schöne in der Vergangenheit suchte, hatte man doch klare Sensibilitäten. Von hier gibt es eine klare Linie zu den Mittelalterfreunden und Liverollenspielern von heute. Dieselbe verklärte Romantisierung der Vergangenheit. Es wird gerne behauptet, dass Menschen damals mehr im Einklang mit der Natur gelebt haben. Dabei tun wir das immer. Wir können nicht nicht im Einklang mit der Natur leben.1 Was wir aber können ist, sie zu analysieren und zu formen. Und das tun wir schon seitdem wir Instrumente und Werkzeuge erstellen, Feuer am Leben erhalten und ähnliches. Das ist das Missverständnis der Romantik, die Idee, dass es jemals einen reinen Naturzustand gab.

Und da ist der Fehler der modernen Romantiker, zum einen hängen sie einem Ideal nach, das selbst ein verklärtes Ideal ist, zum anderen flüchten sie sich in dieses Traumbild, weil die Welt angeblich ihren Zauber verloren hat. Das hat sie nicht, sie hat an Zauber gewonnen. Aber sie ist auch komplex geworden und Komplexität schreckt ab. Wir Menschen erzählen uns seit Urzeiten Geschichten um die Welt zu erklären. Götter sind die Ursprünge solcher Geschichten. Wir wollen die Welt verstehen und wir empfinden es als unheimlich unangenehm, wenn die Welt unsicher ist. Und weil das für die Welt hinter unseren Augen noch wahrer ist, als das was wir durch sie wahrnehmen, glauben wir lieber unseren Geschichten über die Welt als die Welt anzusehen und ihr zu glauben. Denn die Welt ist komplex, unsauber und irregulär. Sie funktioniert erstaunlich gut, aber wir haben kaum eine Ahnung warum und damit können die Märchenerzähler und Quacksalber uns mit einfachen plausibelklingenden Geschichten täuschen. Weil Fakten sind messy, sie sind kompliziert und wir möchten eine einfache und plausible Geschichte, nicht diese dauernde Unsicherheit und Komplexität.

Deswegen ist Romantik so virulent. Wir wollen diese kalte Cyberpunkwelt nicht, wir wollen warme Geschichten, wir wollen nicht hören, dass wir überwacht werden und dass wir uns der kalten Rationalität der Wirtschaft ausgeliefert haben, weil wir die Geschichte des Wohlstands aus ewigem Wachstum glauben wollen. Deswegen sitzen die Leute wieder in Zelten und legen das Smartphone unter das Schafsfell ihres Holzbettes. Lassen sich wieder mehr von der angeblichen bösen und kalten modernen Medizin abschrecken und nehmen angebliche Naturmedizin ohne Wirkung.2 Wir haben uns dem Rationalen ergeben und denken nun, dass es dasselbe wie Technologie und Wissenschaft ist. Dabei ist Wissenschaft und Technologie gar nicht zwingend rational und muss auch nicht bekämpft. Das Primat des Rationalen stammt aus den Theorien der Wirtschaftswissenschaften und Spieltheoretiker. Die Idee, dass man menschliches Verhalten mit einem Computer abbilden können muss hat eher dazu geführt, dass wir uns wie Computer verhalten wollen als die Idee zu verwerfen.3 Und so rennen die Leute blind in das andere Extrem, die romantische Verklärung und die Überbetonung des Emotionalen, einen Status also, der mehrere tausend Jahre die Grundlage für jeglichen blutigen Krieg war.4

Und so gibt es auf der einen Seite das romantische Spiel mit der Technologie in der wir Star Trek- und Cyberpunktechnologien haben wollen, aber nicht verstehen, dass man dann auch die totalitäre Gesellschaft bekommt und die kopflose Flucht in die verklärte Vergangenheit, von der wir nicht verstehen, dass sie nur früher aber nicht besser war. Am Ende lässt sich das nur durch Synthese lösen und die Erkenntnis, dass alles Natur ist, dass wir alles sind und alles gleichwertig ist und nichts besser und dass das Hier-und-Jetzt uns braucht und nicht die Vergangenheit. Denn wir leben in der Welt des Cyberpunks und wir wollen eigentlich nur die Spielzeuge, bekommen stattdessen aber die dystopische Gesellschaft.

  1. Aber man darf gerne mal probieren die Gravitation zu ignorieren. []
  2. Siehe oben, warum Medizin nicht unnatürlich sein kann. Sie kann maximal synthetisch sein. []
  3. Meme also kulturelle Konzepte sterben sehr schwer aus, und noch schwerer ist es sich davon zu überzeugen, dass das identitätsstiftende Mem einer Gesellschaft schädlich für sie ist oder gar widernatürlich. []
  4. Okay, ja anscheinend ist dem Mensch bei Krieg die Begründung egal, aber es ist eben nicht besser. []