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Rezension – Redaktionsschluss

Stefan Schulz ist dem Internet hauptsächlich aus dem Aufwachen! Podcast bekannt. Dort schaut und kommentiert er zusammen mit Tilo Jung Nachrichten. Nun hat er mit Redaktionsschluss sein erstes Buch vorgelegt. Es ist eine populärsoziologische Analysenzusammenfassung über den Medienwandel.  Alles geleitet von der Frage: „Können wir uns noch darüber verständigen, was uns betrifft?”

Medienwandel

Der Medienwandel ist das zentrale Phänomen, das Schulz in seinem Buch beschreibt, wobei er bei den technischen Änderungen anfängt und sich von ihnen aus zu der Frage bewegt, wie wir eigentlich in Zukunft noch unsere Gesellschaft gestalten.

Auf der technologischen Seite gibt es die Gatekeeper Facebook, Google und Apple, die den Zugang von Medien zum Kunden übernommen haben und nun bestimmen, wer überhaupt an den Konsumenten von Nachrichten herankommt. Dabei gelten die Regeln der Internetindustrie: Facebook möchte ein durchgehend angenehmes Erlebnis für seine „Kunden“ sein, Google möchte das Gefäß für alles Wissen in der Welt sein und Apple möchte keine hässlichen Angebote auf ihren Geräten. Was ihnen alles egal ist, ist Glaubwürdigkeit und Seriosität, die alten Werte des Journalismus. Aufmerksamkeit als Währung wird vorgegeben und die klassischen Medien machen mit. Dabei verlieren sie stark an Bedeutung. Die Zeitung ist also tot und Facebook ist die neue Zeitung und bestimmt nach vollkommen anderen Kriterien als das in irgendwelchen Journalistikstudiengängen erzählt wird, was für den einzelnen Nutzer wichtig ist.

Doch Google geht noch einen Schritt weiter. Sein Bestreben die Wissendatenbank der Welt zu werden macht Politik berechenbar und damit den demokratischen Prozess zu einer reinen Show. Die wirklichen Entscheidungen werden von Algorithmen und Verwaltungen getroffen und eben nicht von den Politikdarstellern, die die Medien die ganze Zeit zeigen. Google kann also Wahlen und deren Ergebnisse beeinflussen allein durch die Art, wie es Menschen Informationen anzeigt. Gleichzeitig wird das aktuelle politische Handeln immer momentaner. Es geht nur noch um Reaktion und Performance. Der politische Journalismus spielt in der Meinungsbildung keine Rolle mehr und die politische Debatte in den Medien findet auch nicht mehr statt. Stefan Schulz macht deutlich: es ist alles nur noch Unterhaltung und Theater, das Seriosität darstellen soll.

Der Medienwandel stellt den Journalismus nicht nur wirtschaftlich sondern auch inhaltlich nicht mehr in Frage, er stellt die Frage, ob Journalismus nicht komplett obsolet ist und welche Werte und Inhalte wir eigentlich brauchen um uns zu verständigen, was uns betrifft. Durch die Abwanderung in die sozialen Netzwerke ist jeder in dem, was er wahrnimmt, allein, aber das im Gefühl der Gemeinsamkeit mit allen anderen.

Nachrichtendiät

Man kann also nur noch sagen, dass man selbst wieder den eigenen Nachrichtenkonsum in die Hand nimmt, also aktiv wird. Und so schließt Stefan Schulz dann auch mit einer Betrachtung von Nachrichtendiäten und Ausblicken in die Zeit nach der Zeitung. Als Politiklehrer, der informiert werden will, aber keine Lust hat sich den ganzen Quatsch anzutun, der den ganzen Tag geschrieben wird, vertraue ich auch nur noch auf einen gut gemanagten RSS Reader und bestimmte twitter und Facebook Accounts, deren Inhalten ich vertraue. Dabei bin ich meist informierter als meine Schülerinnen und Schüler, denen Nachrichten nur vorgeführt werden.

Alles in allem ist Redaktionsschluss ein Buch, das man gerade jungen Menschen empfehlen sollte, die einem romantischen Bild des Journalismus anhängen, in dem sie Wahrheits- und Informationshoheit haben und angeblich gesellschaftliche Debatten anstoßen, sich doch einen anderen Job zu suchen, so als PR Mensch und so.1 Und denjenigen, die heute noch in Redaktionen gut bezahlt sitzen, egal wie selten sie sind, dass man sich mit dem Medienwandel und seinen Konsequenzen für das eigene Selbstverständnis und Handeln auseinandersetzen muss. Redaktionsschluss umreißt das Problem sehr soziologisch und eloquent, bietet aber keine Antworten. Diese müssen aus meiner Sicht auch gesellschaftlich gefunden werden, was allerdings immer schwieriger wird. Denn wir können uns eigentlich nicht mehr darauf verständigen, was uns eigentlich betrifft. Wir können es nur für uns selbst festlegen.

  1. Die werden eh besser bezahlt. []

Rezension – Katrin Rönicke – Bitte Freimachen

Zum ersten Mal hörte ich von Katrin Rönicke als sie bei CRE mit Tim Pritlove über Feminismus sprach.  Schon an diesem Gespräch beeindruckte mich, dass es bei ihrem Feminismus weniger um Kampf als mehr um Kommunikation geht. Dieser Eindruck bestätigte sich später auch beim dauerhaften Hören des Lila Podcast.

Nun hat Katrin Rönicke ihr erstes Buch herausgebracht. Bitte Freimachen! ist laut Untertitel eine Anleitung zur Emanzipation und obwohl man erst einmal davon ausgehen muss, dass damit hauptsächlich Frauen gemeint sind, ist es auch eine Anleitung für Männer, denn Katrin Rönicke ist, wie sie selbst sagt, die männerfreundliche Feministin. Und sie macht sich in diesem Buch frei, während sie den Leserinnen zeigt, wie wir uns alle freier machen können. Dabei hatte ich öfter das Gefühl, dass ich die Autorin am liebsten umarmen möchte. Entweder wegen der eher schmerzhaften Geschichten, die sie von sich erzählt oder wegen der profunden einleuchtenden Erkenntnisse, die mir auch persönlich entweder zusagen oder ins Gedächtnis zurückgerufen haben, was ich selbst für richtig und wichtig erachte. Dabei wird die Perspektive im Laufe des Buches immer breiter. Es fängt mit den Körperbildern junger Frauen an, geht über geschlechterorientierte Werbung und Produkte zu den Fragen, warum wir eigentlich Geschlechterrollen und Beziehungen so denken und leben, wie wir es tun und warum das eigentlich sehr ungesund für uns, und zwar Männer wie Frauen, ist.

Es gab mehrere Kapitel, die bei mir eine besondere Resonanz hervorgerufen haben, aber keines so wie das Beziehungskapitel, das sehr gut aufzeigt wie begrenzt unsere Vorstellungen darüber sind, wie wir miteinander zusammen leben und Beziehungen gestalten. Katrin Rönicke sagt hier vieles, das dringend in den Allgemeingeist übergehen sollte, es aber wahrscheinlich wenig tut. Wenn es sie beruhigt: es waren für mich die richtigen Worte zu richtigen Zeit.

Jenseits meines persönlichen Eindrucks, ist wohl die größte Überraschung, die eine unbedarfte Leserin bei diesem Buch haben wird, dass die Autorin Emanzipation in ihrer breiten Bedeutung begreift. Es geht hier also nicht um diese alte Vorstellung, dass Frauen sich emanzipieren müssen, sondern dass wir alle uns von Geschlechterrollen emanzipieren müssen, denn Männer wie Frauen leiden unter diesen Konstrukten, von denen wir glauben, dass wir ihnen dringend folgen müssen.

Also, gehet hin und kauft und lest Bitte Freimachen! und macht euch frei!

Rezension: Ocean at the End of the Lane

Ich kaufe Neil Gaiman Bücher ja blind. Das liegt daran, dass er wohl die Art von Geschichten erzählt, die mich am meisten berühren. Jedes Buch von ihm hatte eine Resonanz mit meinem Leben und hat sie auch immer wieder. Sein neustes Werk The Ocean at the End of the Lane tut das auch wieder.

Wie in den meisten seiner anderen Werke zieht Gaiman das Alltägliche in eine phantastische Parallelwelt. Diesmal geht es allerdings weniger um zufällige Helden, die schon öfter sein Thema waren, sondern eher um das Erwachsenwerden, Erwachsensein und die Tatsache, dass wir nur eine Chance haben alles richtig zu machen und am Ende das Vertrauen der Menschen um uns darauf beruht, dass wir uns anständig anstellen. Das alles ist das Ergebnis einer Handlung, die der Erzähler aus seiner Jugend erzählt und die nicht nur eine wunderbare und spannende dunkle Fantasygeschichte ist, sondern einen auch in das eigene Leben blicken lässt und es jedenfalls bei mir rekontextualisiert hat. Und mehr will ich eigentlich nicht erzählen, außer, dass es auch wieder Spaß gemacht hat, zu sehen aus welchen Quellen die phantastischeren Teile stammen können.

Also, Ich kann ja alles von Gaiman empfehlen, aber The Ocean at the End of the Lane kam auch irgendwie mal wieder an einer dieser Stellen in meinem persönlichen Leben, in dem es besonders gewirkt hat. Das zeichnet ja eigentlich Literatur aus.

Rezension: Beyond: Ready… Fight!

DSC0002Genereller Disclaimer: Ich kenne die Autorin schon lange persönlich, die Wahrscheinlichkeit, dass ich öffentlich je ein Buch verreißen werde ist deswegen sehr gering.1 Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich das soundso tue, ist mittlerweile soundso gesunken.

Andrea Bottlinger ist schon seit ein paar Jahren Fantasyautorin und Lektorin und hat Anfang dieses Jahres ihren ersten Roman Aeternum veröffentlicht. Da ging es um Engel und Dämonen und sowas interessiert mich eigentlich kaum. Doch sie meinte dann, dass sie auch einen Cyberpunkroman schreibt und da war ich dann eher interessiert. Doch bevor ich zum Inhalt komme, hier noch einmal schnell die Fakten zu Beyond. Beyond erscheint als Ebook in sechs Teilen. Ich habe es mit bei Apple im iBook Store gekauft und war erstaunt, dass ich nur 2,49€ für etwas bezahlen musste, dass sich durchaus als lange Kurzgeschichte oder eben der erste Teil eines längeren Roman begreifen lässt. Die Geschichte ist an sich abgeschlossen aber man merkt ihr an, dass es hier noch weiter geht und da der Preis und das Produkt wirklich gut sind, werde ich sicher auch Teil zwei kaufen und lesen. Generell finde ich das Konzept des Rohde Verlags hier sehr gut, weil es das Ebook als Medium ernst nimmt und gleichzeitig dessen Vorteile besser nutzt. Ich hoffe, besonders für den deutschen Buchmarkt, dass dieses Experiment gut geht.

Doch nun zum Werk selbst. Es ist moderner Cyberpunk und hat mich als solcher wirklich überzeugen können.2 Die Prosa fließt locker flockig vor sich hin und steht der Geschichte nicht im Weg. Ich finde es immer sehr angenehm, wenn Sprache Stil hat, aber gleichzeitig nicht zum Selbstzweck wird. Das schafft Andrea hier ziemlich gut. Die Welt von Beyond ist logisch an dem weitergedacht, was wir heute schon kennen. Google Ads werden automatisch und inhaltlich passend an jede Email angehangen. Diese werden auch grundsätzlich mitgelesen und wenn man mit seinen interaktiven Brillen oder Kontaktlinsen durch die Straßen läuft werden soviele Werbecodes eingelesen, dass man sie filtern muss, um nicht von den Elektroautos überfahren zu werden. Also schlicht, das was uns in zehn Jahren so blüht.

In dieser Welt begegnet uns Leander, ein desillusionierter und leicht bitterer Programmierer, der eigentlich nichts mehr mit Beyond dem augmented reality game, das der letzte Schrei unter allem hippen in dieser Welt ist, zu tun hat. Das ändert sich, als er eine Nachricht eines alten Freundes erhält und damit nach Beyond zurückkehren muss. Nicht, bevor er feststellen muss, dass anscheinend echte Gegner hinter ihm her sind. Er findet in Charlotte, der Ex-Freundin seines Bekannten eine Gefährtin und beide begeben sich nicht ganz freiwillig zurück nach Beyond. Kämpfe gegen lustige Metaphern und ähnliche Späße aus den üblichen Computerspielen. Rollenspieler und Computerspieler werden hier ihre wahre Freude haben.

Meine Freude war, dass ich dieses Buch wirklich mit Genuss abends im Bett lesen konnte. Es durchaus schon zeigt, wohin die Reise geht und trotzdem eine gewisse Leichtigkeit und Treue zum Genre besitzt, die ich sehr charmant fand. Also, wenn ihr mal kurzen, angenehmen und durchaus genretreuen modernen Cyberpunk lesen wollt: Greift zu Beyond.

  1. Wer hier mitliest weiß das, aber auch. []
  2. Und das ist nicht einfach! []