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Samhain 2017

Es ist wieder Samhain, die Nacht der Toten und der Grenzen… heute ist wieder eine dieser Grenzen. 

Letztes Jahr ging es im Text Neuanfänge und ich sprach darüber, dass Samhain ein Ort der Grenzen und damit ein Symbol des Neuanfangs ist. Auf der anderen Seite gibt es in der Philosophie des Jahreskreises keine wirklichen Enden. Es endet der Zyklus, aber nicht der Kreis. Und deswegen geht es dieses Jahr darum weiterzugehen.

Also, geht weiter auf euren Wegen… und seht euch um, mit wem ihr geht. Nehmt die Menschen in eurer Nähe an die Hand und geht gemeinsam. Die Welt ist dunkel, insbesondere heute Nacht. Tragt eure Lampen gemeinsam und findet eure Wege…

Happy Samhain!

Das Care Prinzip

Ich sitze gerade auf einer Parkbank unter den Linden in Berlin und genieße einen Tabletoppodcast während der berliner Morgenverkehr um mich herum versucht mich mit Feinstaub und Stickoxiden zu vergiften. In ungefähr zwei Stunden habe ich den ersten Termin meiner Fortbildung bei der bayrischen Botschaft in Berlin und bis dahin kann ich ja mal etwas aufschreiben, dass für mich mittlerweile sehr selbstverständlich ist, aber vielleicht mal erzählt werden sollte.

Die Konsequenz des Sozialen

Wir sind alle in einer Welt miteinander und haben mehr oder minder direkt miteinander zu tun. Sei es mittelbar wie bei den gerade aufkommenden Wahlen, oder unmittelbar, weil wir miteinander Lebenszeit und -räume teilen. Und wir haben dabei eine Wahl, die David Foster Wallace in seiner Rede „This is Water“ folgenderweise beschreibt:

The really important kind of freedom involves attention and awareness and discipline, and being able truly to care about other people and to sacrifice for them over and over in a myriad petty, unsexy way every day. That is real freedom.

Wir können uns also aussuchen, ob wir für andere Menschen etwas empfinden und ob wir für andere Menschen Sorge tragen. Nachdem im sozialen Raum jede Handlung einen Gegeneffekt hat und dieser sehr oft reziprok ist, gibt es rational gut Gründe sich um andere Menschen zu kümmern. Das haben wir als Gesellschaft in der Größe allerdings professionalisiert und deswegen entsteht der Anschein, dass wir selbst uns wenig kümmern müssen. Meine These ist, dass care – also die Idee, dass eine Person sich um jemanden sorgt und passend handelt -, ein wichtiges Prinzip ist, dem man sich verschreiben sollte.1

Moderne Kälte

Ein Hauptgrund ist, dass die moderne arbeitsteilige Gesellschaft gut dafür sorgen kann, dass organisch gewachsene Solidarität nicht mehr stattfindet. Wir sind immer weiter verteilt und bekommen sehr gerne eingeredet, dass wir nur für uns sind. Das erste ist wahr, das zweite totaler Quark. Es ist einfach zu glauben, dass man allein in der Welt ist, aber das ist objektiv nicht wahr und subjektiv eine Katastrophe. Die Kälte des sozialen Raums, die viele Menschen heutzutage erleben ist also nur teilweise eine Funktion der differenzierten Gesellschaft, wie es schon bei Durkheim in der Abhandlung zum Selbstmord beschrieben wurde, und ansonsten eine Funktion verschiedener sozialer Konstrukte, die ich als schädlich bezeichnen würde. Die Konsequenzen für die einzelne Person sind aber eher so unangenehm bis gefährlich. Viele Menschen haben unzureichende Supportnetzwerke, die im Zweifel auch aus anderen Leuten bestehen, die glauben, dass ihre Interessen der ultimative Maßstab für ihr Handeln ist und haben dazu beigebracht bekommen, dass um Hilfe fragen ein Zeichen von Schwäche ist, dass soundso nicht beantwortet wird.

Das ist alles tragisch. Es führt zu Konkurrenzhetze, Nervenzusammenbrüchen, Burnouts und vor allem vielen Therapiestunden, die sich die Gesellschaft sparen könnte, wenn wir füreinander da sind. Wertschätzung, Hilfe und vor allem die Überzeugung, dass der und die jeweils andere unsere Aufmerksamkeit und Zuwendung wert sind, wie wir sie selbst wert sind, sind alles etwas verloren gegangene Ideen. Sie waren in den Zeiten der engen, kleineren sozialen Gemeinschaften, die aufeinander angewiesen waren häufiger, genauso wie die Strafen für Missachtung gemeinschaftlicher Regeln härter waren. 

So… Care!

Es ist aber leider ein Fehlschluss zu glauben, dass nur weil unsere sozialen Kontakte sich nun über Kontinente erstrecken können, wir nicht füreinander da sein sollten. Die selben Medien, die uns diese Lebensstile ermöglichen, sind dann auch diejenigen, die wir dafür nutzen können uns weiterhin um Menschen zu kümmern und ihnen zu zeigen, dass sie für uns wichtig und damit nicht allein sind. Im  Umkehrschluss können wir selbst auch erfahren, dass wir selbst nicht allein sind. Die soziale Kohäsion der Gesellschaft ist wichtiger als wir glauben. Sie beruht darauf, dass Menschen füreinander und miteinander die Welt gestalten. Differenzen dürfen sind dabei normal und wichtig, aber sie sollten und können nicht der Anlass dafür sein, dass die Person gegenüber unserer grundlegenden Aufmerksamkeit nicht wert ist und dass wir Menschen, die uns wichtig sind, vergessen. Denn wir wollen auch nicht vergessen werden und brauchen manchmal Care…

  1. Ja, das ist eine Empfehlung. Und so selbstlos ist die nicht. []

Weil das was bringt.

In Talkshows sitzen Politiker
und bewerfen sich mit Anklagen
zu Themen, die niemand interessieren

Weil das was bringt.

Auf Facebook träumen die Vergessenen
von alter Glorie und einer einfacheren Welt
in der sie immer noch vergessen sind

Weil das was bringt.

In Schulen sitzen junge Menschen
in Reihen und lernen, dass
Zahlen auf Zetteln Leben bestimmen

Weil das was bringt.

Auf twitter gießt jede(r) über jede(m)
Häme aus, der nicht der selben Meinung ist.

Weil das was bringt?

Vor irgendeinem Haus stehen
Menschen mit Schildern und skandieren Parolen.

Weil das was bringt?

im nirgendwo wechselt
eine übermüdete Pflegekraft
einen Katheter.

Weil das was bringt.

Auf einer Couch sitzen zwei Menschen
umarmt und sprechen
über sich und ihre Welt.

Weil das was bringt.

Moralisches Handeln

Dieser Artikel lag schon länger in meiner virtuellen Schublade und jetzt ergab sich dank einer Twitterunterhaltung mit dem Sozioblogen die Möglichkeit ihn zu verwenden und in einen Kontext zu setzen und damit zu einem Beitrag des soziologischen Kaffeekränzchen zu machen. Doch, vorne anfangen ist ja toll.

Eine der alten Fragen der Philosophie ist die Frage nach dem moralischen Handeln und die Frage, welche Art von Handlungen gut und böse sind. Dabei ist neben der generellen Definition des Begriffspaares, aber auch noch wichtig, welche Dimensionen überhaupt eine Handlung beeinflussen. Doch eines nach dem anderen. Deswegen geht es jetzt erst einmal und die großen Dichotomien im Bereich Moral.

Gut und Böse – Richtig und Falsch

Wenn über Moral geredet wird, dann geht es aus der Sicht vieler Menschen immer um gut und böse. Das Problem damit ist, dass nirgendwo festgelegt ist, was dem jeweiligen Begriff zuzuordnen ist. Und weil wir uns alle Märchen darüber erzählen, wie unsere Welt aussieht, ist immer das, was wir selbst denken gut und das was andere anders denken böse. Das diese Sicht auf die eigene Weltkonstruktion menschlich, aber auch für Diskurs schwierig ist, wurde an diesem virtuellen Kaffeetisch schon gut dargestellt.

Anders ist es mit der Frage nach richtig und falsch. Die Frage ob eine Handlung moralisch richtig oder falsch ist, lässt sich anhand von Kriterien treffen, die nicht die Wertung der anderen Person, die bei gut und böse immanent sind, sondern die Handlung in den Mittelpunkt stellen. Es ist also möglich mit anderen Personen unabhängig von ihrer Persönlichkeit über die moralische Richtigkeit der Handlung zu sprechen. Deswegen ist richtig und falsch nicht nur die bessere Richtschnur für das eigene Handeln, sondern auch die Kategorie mit der und über die sich Diskurs gestalten lässt.

Gut und Böse sind Fremdzuschreibungen, während richtig und falsch Analysekategorien sein können. Damit ist natürlich die Frage offen, wie jetzt eine Handlung beurteilt werden kann.

Gründe – Intention – Ergebnis

Wenn eine Handlung moralisch bewertet werden soll, dann müssen die drei oben genannten Ebenen betrachtet werden. Diese sind miteinander verbunden, wobei aus der Sicht vieler Menschen das Ergebnis natürlich immer eine hohes Gewicht hat, obwohl diese Analyseform die Trügerischste ist. Nur weil einem das Ergebnis gefällt, heißt das nicht, dass die Handlung gutzuheißen ist. Denn auch die Gründe und die Absicht, die mit einer Handlung verbunden sind, bestimmen, ob diese tatsächlich moralisch richtig oder falsch ist. Die Folterung eines Kriminellen zur Rettung eines Kindes, ist falsch, egal wie sehr das Kind überlebt. Die Ermordung eines Diktators ist moralisch genauso falsch, wie die Bombardierung von Terroristen. Alle diese Handlungen haben gemein, dass die Ergebnisse positiv sein können, ((Und es langfristig dann eben aufgrund ihrer Mittel doch ihre positive Wirkung nicht entfalten.)) aber die Begründungen und Absichten, die dahinter stehen das Ergebnis entwerten.

Deswegen ist es eben nicht möglich aus den falschen Gründen das Richtige zu tun. Die falschen Gründe machen es schon falsch.

Fazit

Und damit komme ich zurück zum Impuls für diesen Text. Moral als Selbstzuschreibung ist tatsächlich schädlich für jeden Diskurs, weil es hier nur darum geht, dass jede beteiligte Person sich selbst die höhere Position zuschreiben will. Was aber dringend Thema im Diskurs sein sollte ist die Bewertung von Handlungen und die Prämissen nach denen das getan werden soll. Denn über Werte wird viel geredet, wenn es darum geht die Person gegenüber abzuwerten, aber wenig wenn es darum geht, welche überhaupt das gesellschaftliche und persönliche Handeln leiten sollten und welche Kriterien diesen Werten zugrundeliegen.

Samhain 2016

Für Isa

Grenzen sind magisch. An Grenzen ändern sich Dinge, werden Konventionen sichtbar, durchbrochen, können Entscheidungen und Wendungen stehen. Grenzen zeigen unsere Menschlichkeit weitaus mehr, als unser tägliches Verhalten, sie zeigen unsere Werte und unsere Schwächen.

Samhain ist das keltische Fest des Jahresendes, ein Fest der Grenzen. Das Jahr geht zuende, die Barrieren zwischen den Welten der Toten und Lebendigen werden dünn. Es wird den Ahnen gedacht und Geschichten erzählt.

Passender kann es kaum einen Tag geben nach dem ein neuer Lebensabschnitt anfangen soll. Doch es ist auch wichtig zu erkennen, dass so eine Grenze nie absolut ist. Ihr Überschreiten, das Weitergehen braucht Kontinuität, Rückbezug, Selbstbezug. Nur, wenn du, du selbst bist, dann verlierst du dich auch hinter der Grenze nicht. Vorwärts zu gehen sollte nicht nicht bedeuten, sich selbst zu verlassen sondern, einen Schritt näher auf sich zuzugehen. Versuche nicht jemand anderes zu werden, versuche du selbst zu sein und dich zu finden und treffe jede Entscheidung so, dass du dich wohl damit fühlst.

Heute ist ein Tag an dem viel gefeiert wird. Doch viele Menschen sind auch in der Menge allein. Gemeinschaft entsteht nicht durch Anwesenheit, sondern durch Handeln. Wer wir sind, erfahren wir dadurch, was wir tun und warum. Wer unsere Freunde, Lieben und Partner sind, erfahren wir dadurch, was diese tun. Zuneigung ist nicht klammern, Zuneigung ist gehen und sein lassen. Beziehungen entstehen dadurch, dass Menschen etwas für andere tun, weil sie diese Handlung für richtig halten, nicht weil sie einen Nutzen bringt, und das muss von beiden Seiten kommen.

Grenzen sind spannend, Grenzen sind eindeutig… Heute ist eine Nacht der Grenzen… kommt gut auf der anderen Seite an.

Happy Samhain!


Über Selbstwirksamkeit…

Ich habe die letzten Tage mit verschiedenen Menschen über die Zukunft und den Sinn im Leben geredet. Dabei drehte es sich um das Konzept des Ikigai. Bei dieser Technik stellt man sich vier Fragen:

  • Was liebst du?
  • Was kannst du gut?
  • Wofür kannst du bezahlt werden?
  • Was braucht die Gesellschaft?

Nun möchte ich nicht aufschreiben, wie man damit den Sinn des Lebens findet. Da ist Google euer Freund. Die Fragen sollen helfen, herauszufinden, was einen antreibt, womit man wirtschaftlichen Erfolg haben kann und welche Fähigkeiten man hat. Die letzte Frage zeigt die japanische Herkunft des Prinzips und stellt die Frage nach der gesellschaftlichen Wirkung. Meine beiden Gesprächpartner hatten mit dieser Frage das größte Problem und beide aus ähnlichen Gründen. Wir sind kulturell darauf getrimmt unsere Selbstwirksamkeit in dieser Welt und diese Dimension unserer Existenz zu unterschätzen. Das ist tragisch, doch weil ich einen Bildungsauftrag habe, erkläre ich erstmal kurz, wo es herkommt.

Exkurs: Prädestination und das Lied der eigenen Unfähigkeit

Das Christentum beruft sich auf die Aussagen eines Zimmermanns, der vor ungefähr 2000 Jahren in Vorderasien gewohnt hat. Das, was dieser laut verschiedener schriftlicher Überlieferungen so erzählt hat, war eine Menschenbild, das darauf beruhte Menschen als das zu akzeptieren, wer sie waren und jeder Person einen Wert zuzugestehen, der weder vehandelbar noch von sozialem Status abhängig ist. Ethisch großes Tennis, dann folgten 2000 Jahre Menschheit und die Verwässerung dieser Idee durch Hierarchie, Macht und zu kurze Penisse.1

Das wurde so schlimm, bis am Ende des 15. Jahrhunderts Leute das System rebooten wollten. Einer davon war Luther, ein anderer hieß Calvin. Calvin hatte ne Superidee: Was, wenn Gott schon vor unserer Geburt festlegt, wieviel wir in seiner Gunst stehen oder auch: wieviel Erfolg wir im Leben haben. Der Fachbegriff ist Prädestination. Unsere Bestimmung ist von Gott vorher festgelegt. Doch wir können herausfinden, ob Gott es gut mit uns meint

Daraus wurde dann in den nächsten 200-300 Jahren das, was Max Weber als protestantische Ethik beschreibt. Die Idee, dass nur der eigene Erfolg einen zu einem guten Menschen macht, ist so wirkmächtig geworden, dass Erfolg und Leistung zu den nahezu einzigen Dimensionen des Lebens geworden sind, die Relevanz zu besitzen scheinen. Dabei gibt es weder für Erfolg noch Leistung eines Menschen eine Messbarkeit. Genau dieser Umstand wird seitdem dazu genutzt Menschen anzutreiben, sich selbst auszubeuten. Das geschieht in dem Erfolg und Leistung schlicht immer als mehr als was du gerade tust operationalisiert wird.

Diese Idee wird in alle Menschen von verschiedenen Akteuren hineinsozialisiert. Ganz vorne stehen hierbei die Schulen und die Wirtschaft. Wichtig ist auch, dass Minderleistung immer als persönliches Defizit und nie als Chance oder naturgegeben gesehen werden kann. Um es salopp auszudrücken: wir werden alle dazu erzogen uns selbst ein Lied unserer eigenen Unfähigkeit vorzusingen und danach zu streben ein besserer Mensch zu werden, in dem wir uns selbst ausbeuten.

Selbstwirksamkeit erkennen und entwickeln

Wie alle sozialen Konstrukte braucht auch dieses Viabilität, wir müssen also die Wirklichkeit dahingehend prüfen, ob das, was wir uns erzählen damit übereinstimmt. Schauen wir doch erst einmal auf die Auswirkungen dieses Konstruktes:

Die Europäische Organisation für Sicherheit und Gesundheit sagt, dass es zwar keine europäischen Zahlen für Burnout gibt, nennt aber Werte von 2-10% der Bevölkerung, die darunter leiden. Die Anzahl der Menschen, die unter arbeitsbegründetem Stress leiden liegt bei 20%. Das kostet uns 20 Milliarden Euro jedes Jahr.

Die Unzufriedenheit mit dem beruflichen Erfolg und ähnliche Phänomene führen zu Depressionen, die 25% der Ausfalltage pro Jahr verursachen.

Soweit, so traurig… doch das ist noch nicht alles. Der Umgang mit Menschen, die sich selbst als unfähig wahrnehmen ist auch pädagogisch relevant. In einem Schulsystem, das rein auf Performance abgestellt ist, haben gerade misserfolgsmotivierte Personen ein Problem, da ihnen das Versagen auf der Sachebene immer ein Versagen auf der menschlichen Ebene attestiert. Hier müssen dann Lehrkräfte und pädagogisches Unterstützungspersonal unheimlich viel Arbeit leisten, um dieses Problem zu behandeln.

Und im Kern hiervon steht die große Frage: was braucht die Welt? Deren Antwort aber grundlegend immer: „DICH!” lautet. Die Tatsache, dass so viele Menschen nicht an ihrer Wirksamkeit für die Welt glauben, ist ein Ergebnis dessen, dass die tägliche soziale Arbeit, die sie an ihrer Umwelt verrichten, genauso wenig gewürdigt wird, wie diese Menschen angeleitet werden zu erkennen, dass ihr Beitrag zur Gesellschaft immer mehr als das Verkaufen der eigenen Arbeitskraft ist. Ihre Selbstwirksamkeit in der Welt zu erkennen und entgegen ihrer Sozialisation anzunehmen ist eine der wichtigsten Aufgaben, die wir als Gesellschaft zu bewältigen haben. Es muss davon weggehen, dass der Mensch nur eine wirtschaftliche Relevanz und hin zu einer holistischen Betrachtung einer Person. Dazu muss es Ziel von Bildung und Erziehung sein, dass jede Person ihre Selbstwirksamkeit in dieser Welt aktiv erlebt und richtig einschätzt. Viel zu oft wird geglaubt, dass eine Person zu wenig für die Welt tut, dass das Menschenmögliche nicht genug ist, dass ich nicht genug bin, dass mein Beitrag zu wenig ist.

Diese Perspektive ist zutiefst schädlich für diejenigen, die sie einnehmen und für eine Welt, die eigentlich hofft, dass diese Menschen ihr Bestes geben. Diese Erwartung muss beinhalten, dass klar ist, dass diese Leistung ihre Grenzen im Möglichen hat und nur vollkommen ausgeschöpft werden kann, wenn sich die Person ihrer Selbstwirksamkeit, deren Grenzen, und der entsprechenden Verantwortung gegenüber sich und der Welt bewusst ist.

  1. Das ist bei der Kirche kein Sexismus… []

Cheers…

So, erstmal Themenmusik:

Jap, ich bin hier mit meinem Freund Bunnahabhain 12 year.

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Die erste Schulwoche ist vorbei…1 Es ist irgendwie Routine geworden… man zockt sowas runter, obwohl es immer noch anstrengend ist.

Der Herbst kommt endlich an und so ist die Nacht schon langsam ziemlich kalt… Morgen wird es in Eimern schütten, wenn man den Wetterdiensten glaubt und irgendwie ist es ganz okay. Im Herbst kommt die Welt langsam zur Ruhe… und das Jahr so langsam auch.

Also, erheben wir das Glas. Die erste Woche geschafft und auch dieses Schuljahr wird wieder versucht das Bestmögliche zu schaffen, was das System so zulässt, während der Versuch gestartet wird das System so weit wie möglich zu hacken, damit am Ende nicht nur Zahlen eine Rolle spielen, sondern diese Zahlen auch eine Bedeutung haben…

Wir werden sehen, wie das geht…

Cheers!

  1. Hallo an alle Schülerinnen und Schüler, die viel zu neugierig waren und das jetzt dringend lesen müssen. Nehmt euch nen Keks… []

HCH018 Nach Mecklenburg-Vorpommern

In dieser eher denkerischen Folge gibt es den Blick aus der Distanz auf die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Irgendwo zwischen Dystopie und Resignation erwächst auch hier wieder die Hoffnung im Kleinen.

Als kleine Anregung sei noch auf This is Water von David Foster Wallace hingewiesen, das einen ähnlichen Gedanken, wie ich ihn formuliere besser aufgreift.

Verloren – Lost in Translation und Somewhere von Sofia Coppola

Ich war im Jahre 2003-4 in Schottland zum Auslandsstudium. Das war eine sehr schöne, aber auch befremdliche Erfahrung, weil fremde Länder halt fremd sind. Eines schönes Tages fragte mich einer meiner Mitbewohner, dass er im örtlichen Independent Kino einen Film sehen wollte. Ich ging mit und sah so total zufällig Lost in Translation von Sofia Coppola, einen Film, der mich mit meiner damaligen Situation unheimlich verbunden hat und mich bis heute irgendwie berührt.

Die Herausforderung des Fremden und der Humor und die Beziehung, die durch die Konfrontation mit dem Wahnsinn einer unverständlichen Welt, zwischen den Hauptcharakteren entsteht, haben es mir sehr angetan. Den Film zeichnet aus meiner Sicht aus, dass er unheimlich leise komisch sein kann und nicht so sehr erzählt, sondern zeigt, wie sich die Verbindung zwischen den Charakteren entwickelt. Verbindung ist hier auch aus meiner Sicht das passendere Wort als Beziehung. Die Erfahrung des Fremden verbindet Bob Harris1 mit Charlotte2 und das Verlassen des Fremden trennt sie wieder. Diese Nähe ist es, die wichtig ist und die mir an dem Film wichtig ist. Wir können uns überall miteinander verbinden, wenn wir erkennen was uns vereint. Und diese Verbindung zwischen Menschen hat der Film schon mehrfach für mich hergestellt.

Und Verbindung ist auch das grundlegende Thema von Somewhere, den ich jetzt erst gesehen habe. Der Schauspieler Johnny Marco3 ist in seinem Superstardasein verloren und findet keine Verbindung mehr zu seiner Umwelt oder zu sich selbst. Die zentrale Frage für ihn wird schon früh im Film von einem Journalisten auf einer komplett derangierten Pressekonferenz gestellt:

“Wer ist Johnny Marco?”

Eine Antwort auf diese Frage bekommt er erst, nachdem er gezwungen wird Zeit mit seiner Tochter Chleo4 zu verbringen, deren Mutter irgendwohin verschwindet und die mit ihrem Vater den Jet Set und die Absurdität des Filmstardaseins erlebt. Darüber entwickelt sich für Marco eine Verbindung, die dadurch, dass Chleo seine Tochter ist, einen besonderen Wert erhält. Seine Unbeholfenheit und Verlorenheit zeigt sich erst, wenn seine Tochter aus Angst um das Verschwinden der Mutter weint und er ihr über den Rotorenlärm eines Helikopters Wünsche für das Sommercamp zuruft, anstatt nochmal zum Auto zu gehen, in dem sie sitzt. Dieses Erlebnis hinterlässt Johnny komplett in der Krise, die mit dem Ende des Films anfängt.

Verbindung zum eigenen Leben ist also hier der Mittelpunkt. Somewhere dreht also die Erfahrung um, in dem Nähe das einzige ist, was überhaupt noch Verbindung bringen kann. Ansonsten befinden sich die Charaktere die ganze Zeit irgendwo, wie der Titel sagt. Es gibt keine soziale und räumliche Verortung mehr außer der Referenz der Menschen zueinander.

  1. genialst: Bill Murray []
  2. Scarlett Johansson in der besten Rolle in der ich sie kenne []
  3. Stephen Dorff []
  4. Elle Fanning []

Über die bröckelnde Wirklichkeit

Es heißt ja so schön, dass die moderne Technologie die Welt entzaubert und uns immer mehr Wahrheiten zeigen kann. Information ist unheimlich schnell und kann immer ungefilterter wahrgenommen werden. Das ist jedenfalls das Märchen, das sich da gegenseitig erzählt wird und das nur für wenige Menschen an sich wahr ist. In Stefan Schulz’ Buch Redaktionsschluss stellt er die Frage, ob und wie wir uns eigentlich noch darüber verständigen können, was uns betrifft. Paraphrasiert ist das die Frage nach der gesamtgesellschaftlichen Realitätskonstruktion, die durch Medien und gegenseitige Erzählung generiert wird.

Die wird eigentlich immer friedfertiger, weil der oder die Einzelne in der Facebooktimeline nur noch Sachen findet, die die eigene Realitätskonstruktion unterstützt und bevorzugt alles wegfiltert was ein Ausloggen verhindern kann. Der Anwender denkt also, dass das was ihn betrifft alle betrifft und seine Meinung die Mehrheitsmeinung ist. Das scheitert nur, wenn die Benutzer aus ihrer Weltsicht heraus versuchen ihre nichtvorhandene Reichweite auf Facebook zu benutzen, um die „Andersdenkenden“, die solche Nachrichten gar nicht zu sehen bekommen zu bekehren oder wenn die eigene Blase aus sozialen Gründen Menschen beinhaltet, die eine andere Realität haben.

Letztere sind dann meist der rassistische Onkel, dessen NPD Beiträge man lesen muss und erstere die Veganer und Vegetarier, die anderen Veganern und Vegetariern die ganze Zeit gequälte Tiere zeigen, damit diese aufhören Fleisch zu essen. Daran kann man auch erkennen, dass Realität für viele nur noch in Medien existiert und die meisten Menschen sich nach einer heilen Welt sehen, die ihnen digital vorgegaukelt wird und dann in einer massiven kognitiven Dissonanz mit der wahrgenommenen Realität endet, die sich dann halt auch entlädt. Dabei ist die Wirklichkeit, die uns verbindet meist ganz anders strukturiert als die Geschichten, die man sich erzählt und die Frage, was das Gute ist, hängt dann doch sehr von der eigenen Weltkonstruktion ab. Was dann passiert kann man sich nun immer wieder ansehen. Alle wollen nur das Gute, aber das gibt es nicht, denn die Welt ist komplex und wird nicht mehr verstanden. Stattdessen stehen sich Menschen mit ihren partikularen Weltkonstrukten gegenüber und schreien sich gegenseitig in Unverständnis an. Und weil es so schön ist, gibt es jetzt mal das aktuelle Beispiel.

Panama und Böhmermann, Edogan und PEGIDA, AfD und GEZ

Was hat das alles miteinander zu tun? Wenig? Nichts? Etwas? Das ist alles Realität, aber erstmal die groben Fakten.1

Die Fakten

Die Panamapapers sind das Ergebnis einer einjährigen Recherche von Datenleaks aus einer Anwaltskanzlei, die Briefkastenfirmen in Panama besorgt hat. Das Ergebnis ist erstaunlich: die Reichen haben Briefkastenfirmen und hinterziehen damit vielleicht(!) sogar Steuern. 

Jan Böhmermann hat den türkischen Staatspräsidenten Erdogan (und die komplette Türkei) in einem Schmähgedicht mit metaphorischer Gülle übergossen und vorher gesagt, dass man das nicht darf. Das ZDF hat das gelöscht, die Staatsanwälte ermitteln.

PEGIDA steht regelmäßig auf allen möglichen Plätzen und hetzt mehr oder weniger offen gegen die regierende Politikerkaste. Die selbe Gruppe an Menschen wählt die AfD und hofft, dass Politik mit dieser wieder ehrlich wird.

Dazu betiteln sie die Medien gerne als Lügenpresse, was dann AfD Europaparlamentarierin Beatrix von Storch ein gepfändetes Konto beschert, weil sie zwar bei Anne Will sitzt, aber das eigene Honorar nicht mitbezahlen möchte.

Die Sichtweisen

Bei den Panamapapers sind sich alle einig, dass sowas2 nicht okay ist. Was immer das auch sein mag. Hier eine kurze unvollständige Liste:

  • Briefkastenfirmen an sich
  • Der Großkapitalismus
  • Steuerhinterziehung allgemein
  • Steuerhinterziehung des Cellisten von Vladimir Putin
  • Dass die da oben mit allem durchkommen
  • die Presse eh wieder lügt
  • bekannt wird, wer Briefkastenfirmen hat
  • in Idomeni Menschen sitzen und uns das hier interessiret
  • die immer noch alle Fleisch essen!
  • sinnloser Datenjournalismus ohne das Aufdecken einer Struktur

Im allgemeinen kann man hier sehr gut seine ungerichtete Unzfriedenheit gut wiederfinden. Es gibt nahezu niemanden der die Komplexität des Materials versteht und die Frage, wo eigentlich der Nachrichtenwert ist, also jetzt mal jenseits der SZ, die sehr viel Papier und Klickwerbung verkauft hat in den letzten Tagen. Das Ergebnis und die Wirkung dieses „größten Leaks in der Geschichte des Journalismus“ werden wohl in einem halben Jahr mit dem Wort „überschaubar“ gewertet werden. Sicher ist nur eins, man konnte sich empören, konnte sich ablenken und Gerechtigkeiten fordern, die dann nicht geliefert werden.

Zu Jan Böhmermann gibt es eher so Aussagen, dass es doch nicht sein kann, dass:

  • jemand das nicht lustig findet
  • jemand das lustig findet
  • jemand sich dadurch beleidigt fühlt
  • jemand sich nicht dadurch beleidigt fühlt
  • Satire alles können sollte
  • Satire nicht alles können sollte
  • das keine Kunst ist
  • das Kunst ist
  • Böhmermann angeklagt wird
  • Böhmermann nicht angeklagt wird
  • Erdogan das Ziel von Beleidigungen ist
  • Erdogan nicht das Ziel von Beleidigungen ist

Was dabei komplett verloren ging sind zwei Fragen, die mich hierzu auch umtreiben: 

Erstens wie möchten wir überhaupt miteinander kommunizieren. Kritik und Meinungsäußerung gegenüber Politikern ist nötig, sinnvoll und wichtig für eine Demokratie3. Doch nur einfach nur Leute anpissen, ja auch mit der ironischen Brechung vorneweg, dass man sagt, dass es verboten ist, zeigt dann doch eine Art der Kommunikation, die einfach Beifall bekommt, aber von der niemand Ziel sein möchte. Deswegen gibt es Regeln, die bestimmte Arten von Äußerungen justiziabel machen. Dazu haben wir eh kaum eine moralisch bessere Position gegen Erdogan, kurz nachdem der uns vertraglich zugesichert hat uns schön die ganzen flüchtenden Syrer und Syrerinnen vom Leibe zu halten.

Das zweite ist die Frage, wer da eigentlich das Ziel der Aktion war. Immerhin haben sich viele Menschen dazu geäußert. Böhmermann ist, auch hier, Thema, aber ist es nicht auch die eigene Bigotterie in Deutschland? Zum einen haben wir Beleidigungsgesetze, zum anderen scheint es für Böhmermann nur soviel Zustimmung von den billigen Rängen zu geben, weil er einen aufgebauten Feind der Demokratie als Ziel hatte. Erdogan ist also das Ziel und als solches akzeptabel, weil er selbst eher zum Großherrschergebahren neigt. Wenn das Ziel die Bundeskanzlerin ist, ist es nicht mehr okay.

Das merkt man dann bei PEGIDA oder Beatrix von Storch. Die wollen ja die Kanzlerin gern im Gefängnis oder der Irrenanstalt sehen. Das ist natürlich überhaupt nicht okay für die mit leichtem Merkelfetisch ausgestattete Mehrheitsgesellschaft. Doch: die Kanzlerin darf auch öffentlich so angegangen werden. Interessieren tut sie das eh nicht und die Meinungsfreiheit deckt halt auch den Wunsch, den politischen Gegner ins Sanatorium zu schicken. Doch hier wird dann wieder die Abneigung groß. Das ist das dunkle Deutschland, weil ja der Rest das Licht gesehen hat. Im Schatten rotten sich dann die Zurückgelassenen und Enttäuschten zusammen und sind der Meinung die regierende Elite gehört ins Gefängnis, genauso wie die angeblich Mitte der Gesellschaft das mit Erdogan macht.

Doch eines aus der Liste führt den „Dunkeldeutschen“ mit dem „Lichtdeutschen“ zusammen: der Rundfunkbeitrag. Denn egal, wieviel Fernsehen sich der Einzelne da antut, wie sehr er am Montagabend Lügenpresse ruft und wie oft er indiskutabel schlechte Tatorte sieht, sie alle finden, dass sie nicht dafür bezahlen sollten. Schon gar nicht so viel!

Synthese

Und damit kommt die Frage zurück, die am Anfang stand. Schaut man sich die ganzen Listen und Erläuterungen an, fällt auf, dass Einigkeit eigentlich nur noch auftaucht, wenn es irgendwie eine viable Realitätskonstruktion gibt, die alle aufgrund der universellen Viabilität vereint. Wir können uns noch darauf einigen, dass die Sonne scheint und Bus zu spät kommt. Alles andere ist nur noch in Gruppen von Meinungen zu sehen und verhandelbar. Eine einheitliche Erzählung, was der Gesellschaft wichtig ist, wird immer schwieriger zu gestalten, dabei geben uns die ganzen Themen von oben durchaus einen Weg vor.

Lösungsmöglichkeiten

Denn es gibt eine Art, wie man die ganzen zersplitterten Gruppen wieder einfangen kann: in dem man versucht wieder in einen Dialog zu kommen. Dazu braucht es aber Stellen, die nicht aufgeladen sind, die nicht direkt und nicht medial sind. Und es braucht Energie, denn den anderen mit seiner anderen Meinung zu ertragen ist schwer, wenn das Welterlebnis uns immer wieder bestätigt, dass sich alles nur um uns dreht. Gelingt es nicht das zu Überwinden, bleibt irgendwann nur noch der Sonnenaufgang, der uns verbindet und selbst über dessen Bedeutung kann man streiten.

  1. Details interessieren uns hier nicht. Die lenken eh nur ab. []
  2. das ist nicht näher definiert []
  3. Siehe dann auch den nächsten Teil… []