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Rocky Horror und der unverklemmte Umgang mit Sexualität und Geschlecht

Heute ist einer von diesen Tagen… deswegen geht es jetzt mal um die Rocky Horror Picture Show und Gender und Sexualität, weil es da durchaus ein paar lustige Perspektiven gibt, die immer noch aktuell sind. Doch fangen wir vorne an. Ich hoffe ihr kennt den Film1, ansonsten gibt es hier Spoiler. Bei allem, was ich hier so erzähle vergesst übrigens nicht, dass der Film immer noch ab 12 ist.

Also, die Rocky Horror Picture Show, das Anti-Musical, das Richard O’Brien schrieb, nachdem Lloyd Webber ihn nicht als Sänger haben wollte, zieht sexuelle Verklemmtheit mit einem gehörigen Maß Horror durch den Kakao. Es ist am Ende eine Geschichte zweier junger durchgeklemmter Durchschnittsamerikaner der 70er, die mit der motorisierten Kettensäge befreit werden. Doch schauen wir uns erstmal Brad und Janet an:

Wir sehen schon hier, Brad ist total unsicher und Janet eine oberflächliche Tante. Bonuspunkte für American Gothic an der Tür der Kirche. Spannender ist noch, dass Brad drei Optionen für den Verlauf einer Liebe hat: gut, schlecht und mittelmäßig, wobei letzteres irgendwie die unschönste Variante ist. Brad kann sich dazu mal überhaupt offen artikulieren und antwortet auf Janets „I’m mad for you.“ „I love you, too.“ Alles in allem total verklemmte Einheitsbeziehungsbrei, dem gesellschaftliche Glück zugeschrieben wird.

Das ändert sich Mitten in der Nacht, wenn die beiden in Frank’n’Furters Schloss ankommen. Schon die Begrüßung trieft vor Innuendo, wenn Riff Raff Janet mit dem Satz „You’re wet.“ begrüßt und dann in den berühmten Time Warp startet:

Außer, dass das alles schon angemessen durchgeknallt ist, besteht der Tanz, der dem Publikum beigebracht wird, und den schönen Namen „Pelvic Thrust“2 trägt, aus relativ eindeutigen Bewegungen. Janet fällt dann auch gleich mehrfach in Ohnmacht, während Brad versucht furchtbar männlich zu sein in dem er sie beschützt und die Kontrolle behält, während er diese schon bei geplatzten Autoreifen3 abgegeben hat.

Nach dieser Vorstellung fangen wir dann an mal etwas tiefer einzusteigen, wenn Frank’n’Furter4 mit dem Fahrstuhl in die Szene herabfährt und Janet wieder in Ohnmacht fallen lässt:

Franks Crossdressing und seine generelle ironische Verachtung von Brads Ernsthaftigkeit zeigen schon, dass in seiner Welt alle Regeln nicht gelten, die Brad und Janet für angemessen halten. Frank überschreitet binnen kürzester Zeit einmal alle Grenzen und seine Selbstbezeichnung als „Sweet Tranvestite from Transsexual Transsilvania“ macht es nicht einfacher. Er beschließt die beiden jungfräulichen Spießer mit in sein Labor zu nehmen, um ihnen sein Experiment zu zeigen. Dafür werden Brad und Janet bis auf die Feinrippunterwäsche ausgezogen und verwundbar unter jede Menge sehr formell oder anzüglich gekleideter Menschen gestellt. Wie in „Sweet Transvestite“ angekündigt möchte er seine Kreation Rocky zum Leben erwecken. Das ultimative Spielzeug für den moralisch bankrotten Omnisexuellen, der er ist. Das passende Lied heißt dann auch „I Can Make You a Man“ und trieft vor Innuendo. Die Tatsache, dass Janet langsam auftaut und den weitaus „männlicheren“ Rocky ziemlich geil findet, zeigt dann auch die Wege auf, die Brad und Janet gehen. Während Brad immer mehr in eine Krise der eigenen Männlichkeit fällt, befreit sich Janet langsam. Das fängt mit ihrer Begeisterung für Rockys Muskeln an, geht dann aber in eine Tiefe, die sich in der Floor Show zeigt. Doch vorher kurz zu Eddie und Columbia und das nicht nur, damit ich diese musikalische Meisterleistung verlinken kann:

Der Stuntman fiel übrigens bei Versuch 1 mit dem Motorrad vom Vorsprung und verletzte sich dabei. Wir können sehen, dass Columbia den eher unangenehmen (und vielleicht sogar leicht misshandelnden) Eddie doch vergöttert und er Zeichen seiner Zuneigung zeigt. Das ist vielleicht die einzige halbwegs gesunde Beziehung hier, zwischen dem Groupie und dem rücksichtlosen Ex-Lieferjungen.5 Was nur zwischen den Zeilen klar wird: Eddie teilt sich das Hirn mit Rocky. Ist aber eh, egal, weil Eddie ist ja dahin und Columbia ernsthaft im Herzen gebrochen.

Frank’n’Furter interessiert das alles nen Scheiß. Er hat seinen Rocky und nimmt den erstmal ins Bett mit. Nachdem er sich mit Rocky vergnügt hat, erscheint er allerdings nacheinander mit dem selben Trick bei Janet und Brad6 und legt beide flach. Janet, die ein schlechtes Gewissen hat und gleichzeitig erstaunlich rattig ist, findet den verängstigten Rocky und ähja.

Auf der einen Seite sehen wir, dass Janet irgendwie ihre Selbstsicherheit gewonnen hat und Rocky relativ klar anleitet, während Columbia und Magenta da irgendwas laufen haben.7 Die beiden haben sichtlich Spaß daran zuzusehen, wie Janet sich selbst entdeckt. Brad wiederum ist vollkommen verstört und Frank’n’Furter totsauer. Immerhin ist Rocky sein Spielzeug, das Janet doch bitte nicht wie einen Menschen zu behandeln hat. Das verschlimmert sich noch, als Dr. Scott auftaucht, ein UFO Forscher, der seinen Neffen Eddie sucht.8 Also zurück zu Eddie und Columbia. Bei einem durchgehend eigenartigen Abendessen erzählt Dr Scott und der Kiminologe9 vom traurigen Leben Eddies und seiner Angst vor Frank’n’Furter:

Während Frank komplett gelangweilt ist, zeigt Columbia ihre Zuneigung. Na gut, „I very nearly loved him.“ zeigt auch, dass es anscheinend schwer ist, einen Verbrecher wie Eddie zu lieben, obwohl er Sympathie verdient hat. Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass Eddies Leiche unter dem Essentisch liegt. Als Frank dies zeigt, flüchtet sich Rocky automatisch zu Janet und Frank tickt komplett aus. Er verwandelt alle Beteiligten in Statuen um dann eine Bühnenshow vor leerem Saal abzuziehen in der eigentlich nur er in der Mitte steht.

Allerdings erfahren wir hier auch die Motivationen aller Charaktere nochmal und sehen: Rocky ist komplett verwirrt, Columbia hat Herzschmerz, Janet findet Sex geil und ist selbstbewusster, während Brad auch an allem, was richtig ist zweifelt. Die Strapse tun jetzt nicht wirklich was das besser zu machen. Oder der Pool10, oder…

Wichtig ist hier vielleicht noch die Zeile, die wohl die größte Aufforderung des Filmes ist: „Don’’t dream it, be it.“ Die Aufforderung zur Emanzipation, die wünschenswert ist, aber auch große soziale Konsequenzen haben kann. 

Sie kommt von Frank, der aber einfach nur selbstzentriert ist und sich hinter wilder hedonistischer Sexualität versteckt, die allerdings im nächsten Lied gebrochen wird, wenn er angestachelt durch Magenta und RiffRaff traurig sagt, dass er heimkehrt.

Das passiert dann nicht. Der ewig vernachlässigte RiffRaff tötet Columbia, Rocky und Frank, lässt die Menschen im Krater des verschwundenen Hauses und den rauchenden Ruinen ihre Identitäten zurück.

Wie geht es danach für Brad und Janet weiter? Der eine ist sich seiner vorher schon fragilen Männlichkeit komplett unsicher, die andere ist selbstbewusst und möchte gerne mehr Sex in einer Welt, die sie als Frau gerne als devote Kindergebährmaschine hätte. Ihre Verklemmungen sind gelöst, doch um welchen Preis in einer Welt, die sich bis heute in dieser Hinsicht kaum geändert hat? 

Da bleibt nur der Endsong zu zitieren:
„And crawling on the planets face
Some insects called the human race
Lost in time and lost in space
And meaning.” 

  1. Hallo?, das ist ein Klassiker! Wenn nicht ansehen! []
  2. Schaut’s selbst nach… []
  3. Gummi… []
  4. In der Neuverfilmung übrigens als Transfrau/Drag Queen mit dem Pronomen she. Whatever floats your boat. []
  5. Dazu später mehr… []
  6. In der Reihenfolge… []
  7. Die Micky Maus Mütze ist geil, oder? []
  8. Ups. []
  9. DIESER MANN HAT KEINEN HALS! []
  10. In dem sich Susan Sarandon fast ne Lungeentzündung geholt hat. []

Review: Dark Tranquillity – Atoma und In Flames – Battles

Die Tage sind dunkel, nicht nur weltpolitisch und gesellschaftlich sondern auch herbstbedingt. In diese Dunkelheit hinein gibt es zwei neue Alben meiner Lieblings- Göteborg Metalbands. Dark Tranquillity und In Flames haben ja traditionell so das eine und andere miteinander zu tun und so finden sich auch ein paar Gemeinsamkeiten in den beiden Alben. Während Dark Tranquillity die cleane Gesangsstimme von Mikeal Stanne mehr einsetzt, hat sich In Flames dazu entschieden Chöre einzusetzen. Ich halte beides für gelungen. Eigentlich wollte ich jetzt alle Lieder durchsprechen, aber das ist langweilig. Hört euch beide Alben an.

In Flames geht weiter den Weg Richtung, puh was eigentlich? Nu Metal, Metalcore, Modern Melodic Death? Egal, wie es genannt wird, es klingt immer runder. Während Siren Charms mich irgendwie nicht mitnehmen konnte, hat es Battles schon geschafft.

Das gleiche gilt für Dark Tranquillitys Atoma. Weitaus dunkler als Battles vereint es die cleane Gesangsstimme, die bisher zu selten gehört wurde mit den Keyboard Hooks, die einem immer wieder im Kopf hängen bleiben. Der Sound ist eine Evolution, die wie auch bei den letzten Alben in die richtige Richtung geht. Wie Battles fühlt sich Atoma auch als das Album an, an dem die Entwicklung idealstmöglich angekommen ist.

Also: Reinhören!

Cheers…

So, erstmal Themenmusik:

Jap, ich bin hier mit meinem Freund Bunnahabhain 12 year.

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Die erste Schulwoche ist vorbei…1 Es ist irgendwie Routine geworden… man zockt sowas runter, obwohl es immer noch anstrengend ist.

Der Herbst kommt endlich an und so ist die Nacht schon langsam ziemlich kalt… Morgen wird es in Eimern schütten, wenn man den Wetterdiensten glaubt und irgendwie ist es ganz okay. Im Herbst kommt die Welt langsam zur Ruhe… und das Jahr so langsam auch.

Also, erheben wir das Glas. Die erste Woche geschafft und auch dieses Schuljahr wird wieder versucht das Bestmögliche zu schaffen, was das System so zulässt, während der Versuch gestartet wird das System so weit wie möglich zu hacken, damit am Ende nicht nur Zahlen eine Rolle spielen, sondern diese Zahlen auch eine Bedeutung haben…

Wir werden sehen, wie das geht…

Cheers!

  1. Hallo an alle Schülerinnen und Schüler, die viel zu neugierig waren und das jetzt dringend lesen müssen. Nehmt euch nen Keks… []

Luna…

Bitte einmal hier drauf klicken, ich rede eh nur über dieses Lied.

Das ist die Neuaufnahme eines sehr alten Liedes von Omnia. Das Original war auf der ersten CD, die ich je von der Band gekauft habe. Es ist mit mir schon seit mehr als zehn Jahren unterwegs und diesmal schreibe ich darüber, warum dieses Lied etwas besonderes für mich ist.

Zuerst einmal können wir die Gestaltung abhaken. Es ist ein Harfenlied, gespielt auf einer keltischen Harfe. Die neuere Version hat auch noch ein paar andere Instrumente, aber die Harfe steht im Mittelpunkt. Harfen sind an sich schon Instrumente, die sich eher fein anhören, aber hier steht auch noch eine simple iterative Melodie im Vordergrund. Diese baut sich immer weiter auf, bis sie kurz vor dem Ende in einen Rhythmuswechsel kippt um dann wieder zu verschwinden. Mir hat es der Rhythmuswechsel angetan, weil diese Gegenstellung dem Stück eine Spannung gibt. Aber jenseits dessen gibt es da noch die Ebene an Musik, über die Leute so selten schreiben: was sie mit einer Person macht.

Luna ist ein Stück, dem eine Ruhe innewohnt. Meine Assoziation, und ich bitte gerne um weitere Kommentare, die da mitassoziieren, ist das, was ich gerade erlebe: eine Sommernacht mit Kerzen, klarem Himmel und der verklingenden Wärme des Tages. Man kann in einer wahnsinnigen Welt mal Atem holen und seinen Frieden finden. Das tut man glaube ich viel zu wenig.

Allerdings ist Luna auch ein melancholisches Lied. Das Booklet zur ersten Version erwähnte, dass es zum Tode einer Person geschrieben wurde und man kann das auch in dem Lied finden. Ruhe und Tod haben ja ein gemeinsame Basis. Also ist es auch Lied mit dem man zur Ruhe kommen kann und das einem Ruhe gibt.

Und Ruhe… haben wir ja leider immer zu wenig.

Omnia – Prayer Review

Wer hier länger mitliest mag wissen, dass ich großer Fan  der niederländischen PaganFolk Band Omnia bin. Die haben nun ein neues Album herausgebracht und damit gibt es hier auch ein Review.

Omnia spezialisiert sich in Musik, die grob als akustische World Music mit Folkeinschlag gesehen werden kann. Dabei stehen sich verschiedene Instrumentierungen mit Gesang in verschiedenen Sprachen gegenüber.

Das Album heißt „Prayer” und beginnt auch mit einem Stück, das so genannt ist. Es ist dem Introsong der Band und dem Song Xtatica vom Album Musick and Poetry ähnlich und ein sehr perkussives Stück, das einen in das Album zieht, aber an sich nicht sonderlich heraussticht.

Ihm folgt mit „One Way Living“ eine an Native American music angelehnter meditativer Song, darüber, dass es nur einen Weg zu leben gibt. Die komplexen polyrhythmischen Gesänge sorgen dafür, dass man sich in diesem Song verliert, bevor mit dem „Freedom Song“ ein straighter Rap/Rocksong folgt, der mit seinen langen Gesangsharmonien zum einen nach Endlosigkeit und Sommer klingt, dessen Rappassagen aber eine klare emanzipatorische Botschaft haben, auch hier lässt sich wieder eine gewisse Komplexität in der Musik erkennen, die mich persönlich sehr anspricht.

Mit dem „Wolf an Dro“ folgt eine Bearbeitung eines bretonisches Volkslieds, dessen Text außer, dass er auf bretonisch ist, soundso keinen Sinn hat. Es ist ein mittelalterliches tanzbares Folkstück, das definitiv Spaß beim Zuhören bietet. Es ist die Art von zirkulärer Melodie, der man ewig zuhören kann und bei der das Ende des Liedes einem Verlust an Lebensrhythmus gleichkommt.

Mit „Harp of Death“ folgt ein Stück, das sich auf das Harfenspiel von Jenny konzentriert, das nur von einer Ballade begleitet wird. Die Kombination aus gesungener Geschichte und zarter Harfe lässt eine gewisse Ruhe einkehren, aber fokussiert den Hörer auch auf den Inhalt des Textes, der wie in vielen irischen Folksongs eher grausam ist und von Geschwistermord handelt. Das Original ist eine Ballade mit dem Namen Twa Sisters, die in verschiedenen Varianten erhalten ist. Omnia hat sich, mal wieder, für die grausame Variante entschieden.

Das nächste Lied „Freya“ ähnelt in seinem Charakter dem vorher erschienenen „Epona“, in dem es ein flötenzentriertes Instrumental mit schneller Schlagzeugbegleitung ist. Allerdings ist entsprechend der Göttin die Musik weniger rasant und stürmisch, aber dennoch erstaunlich tanzbar.

Tanzbar ist auch der „Alan Lee Tango“. Der klassische Tango, gewidmet dem Künstler und Omnia Freund Alan Lee, beschreibt dessen Leistungen als Designer für die Herr der Ringe Filme und ist eines dieser Stücke, bei denen man merkt, dass Omnia nicht nur sehr begabte Musiker sind, sondern auch einen gewissen schrägen Humor mitbringen.

Vom spanischen Tanz geht es zu orientalischen Klängen in „God’s Love“, einem orientalisch-klingenden Lied über die Liebe eines Gottes oder zu einem Gott. Ganz ehrlich, ich kann die Sprache nicht, aber es ist ein toller orientalischer Tanz.

Nachdem Wahnsinn immer wieder ein Thema für Omnia ist, gibt es auch einen Nachschlag an Musik zum Thema. Mit „For Alice“ bearbeiten sie mal wieder den Stoff von Lewis Carroll diesmal mit einem eigenständigen Text, der den Alicestoff aufnimmt und neu thematisiert.

Vom Wahnsinn geht es in die mongolische Steppe, aus der das Lied „Mongol“ mitreißt. Nachdem ich keine kyrillische Schrift lesen kann, vertraue ich jetzt mal darauf, dass Steve mir keinen Quatsch erzählt, wenn er sagt, dass es da um Pferde geht. Mir als altem Schlagzeuger gefällt natürlich der Perkussionsteil gegen Ende, ein beschwingtes Lied.

Aus der Steppe geht es mit dem „Green Man Blues“ und „Blood and Bone“ zurück zu den neo-keltischen Wurzeln der Band. Ist der Blues für einen Blues eher beschwingt, nimmt „Blood and Bone“ die gebetsartige Struktur des ersten Liedes auf. Es ist eine Art Ritual, das die Götter für den Kampf beschwören soll.

Zuletzt kommt das Lied „Auguries of Innocence“, das eher wie ein langsames Gedicht daherkommt und uns darin erinnert, was wir an Unschuld in dieser Welt verloren haben…

Und mit diesem nachdenklichen Satz kann ich es dann auch bewenden lassen. Das Album erst eines der besten, die ich von Omnia im Schrank habe und es ist jedem zu empfehlen.

Gut Morgen Sonnenschein – textkritische Ausgabe

Ihr alle kennt sicherlich dieses wunderbare Meisterwerk der Schlagerkultur:

Klingt total harmlos, sehr säuselig, jeder stöhnt schon bei Zeile eins. Den Refrain kennt jede Sau, aber die Strophen. Die haben es in sich…

1.

Alles kannst du ja sehen
Auf dieser Erde, auf dieser Erde
Doch nun ist es geschehen
Dass ich auch ohne dich glücklich werde
Die allerschönsten Stunden
In meinem Leben, in meinem Leben
Hab ich heut Nacht gefunden
Du hast geschlafen, so ist das eben

Also: “Hallo Sonnenschein, ich brauch dich nicht mehr, denn heute Nacht hatte ich so richtig Spaß (lies: wahrscheinlich Sex) und du warst nicht da. Sorry! (not).“ Okay, irgendwie klingt das alles auf einmal nicht nach dem langweiligen Schlagerliedchen. Öhm…

2. 

Wenn ich sehe wie deine Strahlen
So vor mir spielen, so vor mir spielen
Dann versuch ich mir auszumalen
Wie es heute Nacht war, kannst du es fühlen
Der Tag öffnet gerade die Augen
Lass ihn noch träumen, lass ihn noch träumen
Er wird dir sowieso nicht glauben
Was in der Nacht die Tage versäumen

Das wird nicht besser… Also, Sonnenschein, du spielst so und ich überlege, wie das Liebesspiel heute Nacht so war. Achja, erzähl dem neuen Tag nicht, was ich heut Nacht gemacht hab, weil der muss ja nicht wissen. (Man kann das auch als Fremdgeh-Hinweis deuten… nur so…)

Also, der Refrain kommt hundertmal, aber dazwischen geht es irgendwie richtig ab. Wenn ihr bisher nicht wirklich hingehört habt, tut es jetzt und lächelt leise. 

Nicht so’n Geiles Leben

Es läuft im Radio hoch und runter, und meist verstehen die Leute nur „geiles Leben“. Klingt alles hübsch poppig und toll. Doch Glasperlespiels Geiles Leben (Youtubevideo mit Lyrics)hat einen eher spannenden Text, dessen Inhalt mich genug juckt um ihn hier mal auseinanderzulegen.

Also, schauen wir uns das mal an:

[Strophe I:]
Führst ein Leben ohne Sorgen
24 Stunden, 7 Tage nichts gefunden
Was du heute kannst besorgen
Das schiebst du ganz entspannt auf morgen
Ich hab’ ‘ne Weile gebraucht, um zu verstehen
Dass die Zeit reif ist, um jetzt zu gehen
Ich wünsch’ dir noch ‘n richtig geiles Leben
Denn wie du dich veränderst will ich mir nicht geben

Okay. Der Text spricht aus der ersten Person, mit der man sich traditionell am besten identifiziert, mit einer anderen Person, der er anscheinend sehr vertraut ist. Die andere Person ist irgendwie doof, weil die „ein Leben ohne Sorgen führt“, in der sie sich etwas gehen lässt und entspannt herumprokrastiniert. Und das ist anscheinend genug Grund diese Person aus dem eigenen Leben zu entfernen, weil sich der Ich-Erzähler „nicht geben will, wie sie sich verändert“. Also wir halten fest: Die andere Person verschreibt sich einer entspannten, vielleicht sogar hedonistischen Lebensführung und verändert sich dadurch und beides ist schlecht.

[Refrain:]
Ich wünsch’ dir noch ‘n geiles Leben
Mit knallharten Champagnerfeten
Mit Fame, viel Geld, dicken Villen und Sonnenbrillen
Ich seh’ doch ganz genau, dass du eigentlich was Anderes willst!

Ich wünsch’ dir noch ‘n geiles Leben
Ab jetzt wird es mir besser gehen
Vergiss den Fame, all die Villen und die Sonnenbrillen
Ich fühl jetzt ganz genau
Dass ich das zu meinem Glück nicht brauch

So, den Refrain frühstücken wir jetzt hier einmal ab. Er ist das Herzstück eines jeden Liedes, also auch diesem. Also, der Ich-Erzähler erklärt hier seinem Adressaten, dass „Fame, dicke Villen und Sonnenbrillen“ „doch ganz genau, dass ist, was dieser nicht will“. Ich finde ja Gedankenlesen und Hellsehen immer gut. Vor allem in der Popmusik. Woher wissen die nur immer alle, wie das Leben von anderen Leuten aussieht. Und, dass man die Sachen, die man tut nicht will. Oder vielleicht ist das doch perfider, vielleicht ist diese Aussage eher eine Aussage, dass man nicht so sein soll. Damit wird das alles allerdings zu einem schäbig moralisierenden Stück, das einem sagt, dass man doch bitte keinen Spaß haben soll und es soundso zu nix bringt, außer vielleicht durch harte Arbeit. Dazu ist Hedonismus kein Glück, wahres Glück gibt also nur, wenn man öhm, keine Spaß hat. Oder zumindest wenig Spaß, weil wir wissen ja: im echten Leben hat man keinen Spaß! 

[Strophe II:]
Du führst ein Leben ohne Limit
56 Wochen, alle Gläser sind zerbrochen
Zwischen denen du nichts findest
Merkst du nicht, dass auch du langsam verschwindest?
Ich hab’ ‘ne Weile gebraucht, um zu verstehen
Es geht nicht darum, was Andere in dir sehen
Ich wünsch’ dir noch ‘n richtig geiles Leben
Denn wie du dich veränderst, will ich nicht erleben

Also okay, wir haben verstanden Hedonismus=schlecht. Diesmal weil er anscheinend Beziehungen kaputt macht. Moment… Sind Beziehungen nicht so Sachen, die auf Gegenseitigkeiten beruhen und bedeutet, diese Strophe nicht eher, dass die eine Beziehung, nämlich die zwischen Ich-Erzähler und Adressaten, sich ändert und war das nicht laut Strophe eins primär Schuld des Ich-Erzählers, der jetzt nicht damit zurecht kommt, dass ich sein Adressat ändert. Nunja, Solidarität gibt es hier nicht und soundso weiß auch in dieser Strophe der Ich-Erzähler, dass Hedonismus ja die Persönlichkeit zerstört. Er kann nicht Teil einer Persönlichkeit sein, oder schlicht ein legitimer Lebensstil.

Alternative Interpretation: Boah ist da jemand neidisch, dass jemand anders Spaß hat.

[Refrain: siehe oben]

[Bridge:]

Das wird die Zeit meines Lebens
Und niemand ist mehr dagegen
Das hab ich für mich erkannt
Und deine Bilder hab ich endlich verbrannt

Okay. Refrain hatten wir jetzt, die Bridge zeigt noch mal, dass der Ich-Erzähler hier irgendwie ein Problem hat. Wobei sich die Frage stellt, wer eigentlich etwas gegen die Lebensführung des Ich-Erzählers hat. Oder, hm… hat sich der Adressat gar nicht geändert, sondern der Ich-Erzähler? Immerhin hat er etwas für sich erkannt und dann die andere Person aus seinem Leben geschmissen.

Hm. Vielleicht hilft hier etwas Hintergrundwissen: Die Wikipedia erklärt uns nämlich, dass Glasperlenspiel aus einer kirchlichen Band entstanden sind. Und nunja, wenn man jetzt mal eine christliche Ideologie annimmt, dann macht das alles auf einmal noch mehr Sinn. Die sagt nämlich, besonders in der calvinistischen Ausprägung, dass Spass haben gar nicht geht und einen total entmenschlicht. Kann also sein, dass es hier konservativ-christliche Werte propagiert werden.

Danach kommt noch zweimal der Refrain, um die Message auch schön nach Hause zu tragen. Wobei die poppige Musik sehr schön versteckt, dass hier jungen Menschen eigentlich gesagt wird: Spaß haben ist doof, du willst das auch nicht, weil es immer jenseits dessen etwas wichtigeres gibt, was immer das auch ist. Das Lied ist also irgendwie eine Mischung aus modernem Koservativismus und protestantischer Ethik, die hier total harmlos daher kommt und mit dem Schlagwort „geiles Leben“ der jugendlichen Hörerschaft hübsch untergeschoben wird.

Und jetzt weiß ich genau, warum ich das Lied eklig finde.

Review: Omnia – Naked Harp

Ich bin ja schon lange ein großer Fan der Band Omnia, deren Musik sie selbst als Neo-Celtic Pagan Folk (Rock) beschreibt. Der Musikstil beruht auf akustischen Instrumenten, in teilweisen rockigen, aber auch traditionellen Arrangements, die etwas auf moderne Hörgewohnheiten angepasst wurden. Die Hauptinstrumente sind dabei Flöten, Klavier, Schlagzeug und Saiteninstrumente wie Gitarren, aber auch die Harfe. Nun wurde immer mal wieder laut, dass Jenny, die besagte Harfe spielt, eine Meisterin dieses Instruments sei. Eine Tatsache, die sich bei Konzerten und den normalen Studioaufnahmen nur indirekt erfahren lässt, da hier die Harfe sehr selten im Mittelpunkt steht. Ich habe mich also immer gefragt, wie toll sie das wirklich kann. Immerhin fand ich die harfenlastigen Stücke auf den Alben bisher immer gut. Da ich anscheinend nicht der einzige war, der sich mal eine reine Harfen CD von Omnia wünschte, ergab es sich nun, dass Jenny mal eine solche aufgenommen hat. Und ich bin von ihrer Meisterschaft auf dem Instrument überzeugt worden.

Doch gehen wir das Album Naked Harp mal durch. 

Das Album beginnt mit One Morning in May. Einem langsamen tragenden Stück, das eine Bearbeitung des Songs von James Taylor ist. Es strahlt eine gewisse innere Ruhe und Hoffnung, die einem öfter auf diesem Album begegnen wird. Das einzelne Instrument der Harfe und die komplex klingenden Strukturen begeistern mich da schon.

Darauf folgt das Flutterby Set, eine Kombination aus zwei klassischen keltischen Jigs, die sich mit fliegenden Wesen und damit auch Leichtigkeit auseinandersetzen. Diese Leichtigkeit findet sich in den schnellen Läufen und fließenden Melodien beider Stücke.

Es folgt das erste Stück des Harfenmeister Turlough O’Carolan, von dem sich mehrere Werke auf der CD befinden. Eleanor Plunkett ist, wie viele Stücke O’Carolans, einer Person gewidmet, die ihn finanziell unterstützt hat. Es ist ein ruhiges Stück, das aber einen Sinn von würdiger Anmut vermittelt. Also durchaus etwas, das einer Dame aus gehobenem Stande angemessen ist.

Eine Dame noch höheren Ansehens steht im Mittelpunkt des nächsten Stücks. Die Fairy Queen zeigt nicht nur eine gewisse Anmutigkeit, sondern auch Verspieltheit in ihrer musikalischen Gestaltung.

Für diejenigen, die auf Omnia typische Musik gewartet haben, kommt nun mit einer Harfenbearbeitung von Dil Gaya. Das Lied, das aus Afghanistan kommt, zeigt, dass auch sehr uneuropäische Harmoniefolgen auf einer Harfe gespielt werden können. Die Kunstfertigkeit von Jenny zeigt sich auch in der Polyrhythmik des Liedes sehr gut.

Als Turlough O’Carolan sich aufmacht als wandernder Harfenspieler sein Geld zu verdienen war sein erstes Lied eine Widmung an eine junge Frau in die er sich verliebt hatte. Bridget Cruise ist ein einfaches, aber sehr berührendes Lied, das eine gewisse Ruhe und Sehnsucht ausstrahlt.

Im Gegensatz dazu steht das Jig Jenny’s Tits, das von zwei Meisen inspiriert wurde, die Steve und Jenny in ihrem Haus aufgezogen haben. In der alten Tradition, dass Jigs blöde Namen haben müssen, hat es dieses Wortspiel bekommen. Das Stück besteht nicht nur als einer sehr schnellen und wunderbar tanzenden Harfenmelodie, sondern zeigt auch mit dem Bodhrán ein anderes klassisches kelitsches Instrument. Ein sehr schönes Tanzlied.

O’Carolan, der uns durch ja durch dieses Album schrieb, nannte viele seiner Dankstücke Planxty. Damit ist klar, dass Planxty Irwin auch eines dieser Stücke ist. Es trägt sich majestätisch dahin und bildet einen guten Übergang zum nächsten Lied.

Die langsamen Love Birds lassen einen träumen und sich in die Arme einer geliebten Person denken. Dies ist Musik, die einen am Ende eines stressigen Tages und einer kalten Welt, die Liebe wieder spüren lassen. Ein Lied, das sich in einer lauen Sommernacht genauso gut anfühlt wie im Winter bei Kerzenschein.

Der Omnia Fan kennt En Avant Blonde als das Intro des Abschlusssongs Entrezomp-Ní Kelted. Eigentlich ein sehr einfaches Übungslied, wird es hier mit mehreren überlagerten Stimmen gespielt und steht endlich mal wieder für sich allein.

Es wird dann auch gefolgt von einem Omnia Medley, in dem die Fans der Band die Hooklines etlicher Lieder wiederfinden können, die hier einmal aneinander gewoben werden. Hier kann man auch einmal sehen, was für eine Kunstfertigkeit dahinter steckt, wenn Jenny diese Lieder auf der Bühne spielt.

Der Anam Cara der Liebste, ist laut Booklet iherm Ehemann Steve gewidmet. Das Lied plätschert langsam dahin und ich muss sagen, dass es gegenüber anderen Melodien wahrscheinlich wegen seiner Schlichtheit etwas untergeht. Es klingt definitiv nach zarter Liebe, aber mir sagt das eher weniger.

Es folgt das einzige Lied mit Gesang. Uvil Uvil ist ein schottisches Lied, das sehr feenhaft interpretiert wird. Es erzeugt einen Sinn von Ferne und Einsamkeit, die auch gut in die schottischen Highlands passt.

Es gibt in meiner großen Omnia CD Sammlung ein paar Lieder, die ich sehr liebe und von denen ich mir immer eine neue Version gewünscht habe. Luna war eines dieser Lieder. Es ist ein sich steigerndes Lied, das hier von einem Hackbrett erweitert wird. Gegen Ende überschlägt sich die Melodie, nachdem sie sich immer komplexer aufgebaut hat. Dies ist für mich einer der schönsten musikalischen Teile auf der CD. Luna gibt mir schon sehr lange Frieden, wenn ich es höre und diese neue Version ist tatsächlich noch besser als die ältere Variante.

Die CD endet mit Carolan’s Dream, einem letzten Stück vom Großmeister der Harfe, das diese Sammlung verschiedenster Harfenklänge sehr gut abrundet. In seiner Ruhe bildet es einen guten Abschluss an eine eher ruhige CD, bei der ein einzelnes Instrument im Mittelpunkt stand.

Alles in allem ist Naked Harp etwas für den Hörgenuss und das „Runterkommen“. Es gibt wenig des aufgeputschten Pagansounds, den Omnia gerne versprühen. Die Harfe berührt dafür als Instrument die Seele des Hörers auf eine ganz andere Art, als es die energetischste Bühnenshow kann.

Der Hölle der impliziten Erwartungen

The thing is, I mean, there’s times when you look at the universe and you think „What about me?“ and you can just feel the universe replying, „Well, what about you?”

Thief of Time -Terry Pratchett

Wer sich für Musik interessiert kennt das Phänomen bestimmt: die Lieblingsband bringt eine neue tonträgersimulierende Sammlung komprimierter Audiodateien heraus1 und man ist furchtbar enttäuscht, weil das total anders klingt oder andere Texte hat und das nicht mehr die Band ist, in die man sich damals verliebt hat. Das gilt natürlich auch für alle anderen Arten von künstlerischer Äußerung.2 Nun kann man über Geschmack nicht streiten,3 über die Vermittlung von Geschmacksurteilen dafür sehr wohl. Und da sind Musik-, Kunst- und Literaturfans allesamt von der selben allzu menschlichen Wahrnehmungsstörung geschlagen. Sie denken nämlich alle, dass die Kunsttreibenden sich an implizite Erwartungen halten müssen, die von Konsumentenseite an sie gestellt werden. Dabei sitzen sie zwei klassischen Wahrnehmungsverzerrungen auf, die auf der einen Seite bis zur Banalität normal sind, auf der anderen Seite eine äußerst amüsante Auswirkung auf den Diskurs über Musik haben.

Diese Wahrnehmungsverzerrungen sind zum einen eine Überbewertung der eigenen Befindlichkeit gegenüber dem was der Künstler davon wahrnimmt4 und der Befindlichkeit des Restes der Konsumierenden, und zum anderen die relative wirtschaftliche wie diskursive Macht, die der Einzelne gegenüber dem Künstler hat.
Das Erste ist dabei die Wurzel des Zweiten und tatsächlich eine klassische Wahrnehmungsverzerrung. Der Glaube, dass die eigene Befindlichkeit irgendetwas jenseits der Schaffung des eigenen Unglücks in der Welt bewegt, ist weitverbreitet und stammt daher, dass Menschen gerne die Welt hinter ihren Augen für realer halten, als das was tatsächlich stattfindet. In seinem Aufsatz „This is Water.“ argumentiert David Foster Wallace, dass es ein Zeichen einer geisteswissenschaftlichen Ausbildung ist, dass es ein Zeichen dafür ist, dass man gut an die Gesellschaft angepasst ist, wenn man diese Blockade überwinden und über den Rand des eigenen Hirns hinausblicken kann.5 In diesem Fall bedeutet es natürlich, dass absolut jeder Hörer der Meinung ist, dass sein Empfinden über die musikalische Entwicklung eines Künstlers Gehör finden sollte, und zwar sofort und unbedingt. Dabei dreht sich dieser Künstler nicht einmal gestört im Schlaf um, wenn man verzweifelt Nadeln in seine Voodoopuppe steckt. Die eigene Befindlichkeit hat also keinen Einfluss auf irgendwas in der Welt, außer dem eigenen Unglück, dass man sich produziert.6
Die zweite Verzerrung ist die Fehlwahrnehmung der eigenen medialen und ökonomischen Reichweite, wobei die Überschätzung der eigenen medialen Reichweite das grundlegende Problem ist und viel mit den modernen sozialen Netzwerken zu tun hat. Zwar kann jeder  heutzutage einen shitstorm lostreten, allerdings ändern diese Phänomene selten etwas an dem, was ihr Ziel tut. Im Zweifel verstärken das Ziel sogar das angeprangerte Verhalten, immerhin ist jede Art von Publicity gute Publicity. Dazu bleibt das Ziel meist berühmt, während man selbst ungefähr eine Woche vergessen ist.7 Der Wirkungsnachweis dieser ganzen Sachen ist halt nicht erbracht, egal ob es negative Amazonbewertungen, fiese Gästebuchein- und Facebookbeiträge oder klassische shitstorms sind.8 Im Zweifel ist die auslösende Person das Arschloch und schnell verschwunden. Das Traurige an der ganzen Sache ist, dass man sich das alles hätte sparen können, wenn man sich selbst nicht so ernst nimmt.

Das wird natürlich schwierig, wenn der eigene Job davon abhängt, dass man etwas irgendwie finden muss. Der klassische Aphorismus ist, dass man als Kritiker nichts können muss, außer meckern. Dabei helfen die impliziten Erwartungen, die gerade schon als Basis vielen persönlichen Unglücks analysiert wurden, natürlich sehr und es ist egal ob es die eigenen sind, oder diejenigen die man glaubt bei anderen Menschen auszumachen. Wichtig ist dann noch diese als objektiv darzustellen anstatt als das zu kennzeichnen, was sie sind, nämlich Befindlichkeiten und schon schreibt sich das enttäuschte, wütende oder hochzufriedene Review von allein. Es hat zwar keinen Mehrwert, aber man hat was gesagt und im nächsten Interview mit dem Künstler kann man dann auf die eigene Wahrnehmung als pseudo-objektive Größe referenzieren, als sei relevant.9 Und dann kommt es zu dieser wunderschönen Schieflage, dass die enttäuschten Fans sich von den faselnden Schreiberlingen bestätigt fühlen, weil die auch nur die Befindlichkeiten der ersten spiegeln. Gibt halt mehr Abos als eine kriterienbasierte Beurteilung, die irgendwie Aufgabe hier wäre. Es spricht nichts dagegen eine vergleichende Bewertung abzugeben, aber Geschmacksurteile basierend auf Befindlichkeiten sind wertlos und zeugen maximal von den Wichtigkeitsneurosen der Autoren, als ihrer Fähigkeit künstlerische Tätigkeiten zu beurteilen. Es heisst, dass man sich über Kunst, Literatur und Musik vortrefflich streiten kann, deswegen sollte der eigene Geschmack weniger ins Gewicht fallen als  die Bewertung der künstlerischen Leistung. Da ist schon genug Geschmack drin.
Aber gut, es ist ja zu verstehen, dass es besser wirkt, wenn man Künstlern vorwirft sich in die falsche Richtung zu entwicklen, egal in welche das ist, ((Oder wahlweise Stagnation, die geht auch immer.)) denn da ist Konflikt und der verkauft sich. Für eine Bewertung, die zu einer sinnvollen Einschätzung führt, gibt es halt weniger Klicks als für einen Verriss. Den klicken auch diejenigen öfter an, die ihn für blöd halten.

Und da wird es dann halt auch eklig. Sitzt die einzelne Person noch Wahrnehmungsverzerrungen auf, wird es im medialen Bereich schnell zum wirtschaftlichen Kalkül nicht zu berichten sondern zu polarisieren. Dagegen sein ist besser als es irgendwie schon okay zu finden, egal auf welchen fiktiven Gründen dieses dagegen nun basiert. Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit sind wirtschaftlich untragbar, machen weniger Spaß und helfen beim Bekämpfen von Minderwertigkeitskomplexen halt mal gar nicht.

Da kann man eigentlich froh sein, wenn man Zeug einfach nur privat doof finden kann.

  1. Für die Retrofans gibt es die auch noch auf einem physischen Speichermedium. []
  2. Siehe den Aufschrei, den es hierzublog machen würde, wenn ich auf einmal Beautytips geben würde… []
  3. Das ist natürlich auch Quatsch. Man kann, nur ist es halt Zeitverschwendung. []
  4. Das wäre übrigens: nix! []
  5. Er sagt well-adjusted das bedeutet mehr und ich weiß nicht, ob ich ihm recht geben soll. Immerhin ist eine geisteswissenschaftliche Ausbildung nicht der einzige Weg ein anständiger Mensch zu werden. []
  6. Mir wäre das ja zu blöde. []
  7. Naja, okay. Du kannst dann immer noch Publizist und Berater werden. []
  8. Okay, außer man hat die kriminielle Energie der Gamergater… aber dafür reicht es ja zum Glück bei den meisten Menschen nicht. []
  9. Das führt dann zu einem meiner Lieblingsgenres im Musikjournalismus: dem sinnlosen Künstlerinterview, bei dem die Künstlerin sich fragt, über wessen Werk sie da gerade mit dem Journalisten redet. []

Faun – Bamberg Konzert und Kongresshalle 2015

Am Montag war ich auf einem Konzert von Faun. Die Band hat ja seit einiger Zeit einen großen Plattenvertrag und während das zu eigenartigem fanbasespaltenden Aktionen wie einer Teilnahme am ESC führt, gibt es ihnen auch die Möglichkeit mit größerem Aufwand zu touren. Das mag für bestimmte Bands keine Rolle spielen, aber für Faun ist es ein Segen. Die Band legte schon immer Wert auf ausgefallene Lichteffekte und da kam ihr ein Konzert auf großer Bühne mit schöner Deko in einem echten Konzertsaal sehr zugute.

Ich hatte mir sehr früh Karten gekauft und damit den Luxus mit meiner bezaubernden Begelitung in der ersten Reihe direkt an der Bühne zu sitzen. Das sah dann so aus:

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Das Konzert beinhaltete viele Lieder des aktuellen Albums Luna, aber auch alte Klassiker von Faun. Neben der Band selbst, waren noch ein Multiinstrumentalist und eine sehr gute Cellisting sowie zwei Tänzerinnen/Jonglagekünstlerinnen mit von der Partie. Das Konzert war sehr durchchoreographiert, aber keinesfalls langweilig. Es war ideal zum gepflegten zuschauen im Sitzen im Gegensatz zu den eher schnipsigeren Festivalprogrammen, die einen geringern Akustik und einen höheren Pagan-Goa Anteil haben. Alles in allem also ein sehr schönes Erlebnis.