Schlagwort-Archive: Literatur

HCH026 Advi liest: Jabberwocky

Ich mache mal etwas neues, weil ich das neue Equipment und Kapitelmarken testen möchte und ihr habt davon, dass ich Jabberwocky lese, etwas dazu erkläre und euch auch eine kleine Aufgabe gebe.

Im folgenden seht ihr den Jabberwock in der Originalzeichnung von John Tenniel, Deutlich erkennbar: KEIN DRACHE!

Und hier ist Humpty Dumpty’s Explanation of Jabberwocky, für diejenigen, die sich wundern und diejenigen die mir gerne etwas malen wollen.

“You seem very clever at explaining words, Sir”, said Alice. “Would you kindly tell me the meaning of the poem ‘Jabberwocky’?”

“Let’s hear it”, said Humpty Dumpty. “I can explain all the poems that ever were invented–and a good many that haven’t been invented just yet.”

This sounded very hopeful, so Alice repeated the first verse:

‘Twas brillig, and the slithy toves
Did gyre and gimble in the wabe:
All mimsy were the borogoves,
And the mome raths outgrabe.
“That’s enough to begin with”, Humpty Dumpty interrupted: “there are plenty of hard words there. ‘Brillig’ means four o’clock in the afternoon–the time when you begin broiling things for dinner.”

“That’ll do very well”, said Alice: “and ‘slithy’?”

“Well, ‘slithy’ means ‘lithe and slimy’. ‘Lithe’ is the same as ‘active’. You see it’s like a portmanteau–there are two meanings packed up into one word.”

I see it now”, Alice remarked thoughfully: “and what are ‘toves’?”

“Well, ‘toves’ are something like badgers–they’re something like lizards–and they’re something like corkscrews.”

“They must be very curious creatures.”

“They are that”, said Humpty Dumpty: “also they make their nests under sun-dials–also they live on cheese.”

“And what’s to ‘gyre’ and to ‘gimble’?”

“To ‘gyre’ is to go round and round like a gyroscope. To ‘gimble’ is to make holes like a gimlet.”

“And ‘the wabe’ is the grass plot round a sun-dial, I suppose?” said Alice, surprised at her own ingenuity.

“Of course it is. It’s called ‘wabe’, you know, because it goes a long way before it, and a long way behind it–”

“And a long way beyond it on each side”, Alice added.

“Exactly so. Well then, ‘mimsy’ is ‘flimsy and miserable’ (there’s another portmanteau for you). And a ‘borogove’ is a thin shabby-looking bird with its feathers sticking out all round–something like a live mop.”

“And then ‘mome raths’?” said Alice. “If I’m not giving you too much trouble.”

“Well a ‘rath’ is a sort of green pig, but ‘mome’ I’m not certain about. I think it’s sort for ‘from home’–meaning that they’d lost their way, you know.”

“And what does ‘outgrabe’ mean?”

“Well, ‘outgribing’ is something between bellowing an whistling, with a kind of sneeze in the middle: however, you’ll hear it done, maybe–down in the wood yonder–and when you’ve once heard it, you’ll be quite content. Who’s been repeating all that hard stuff to you?”

“I read it in a book”, said Alice.

–Through The Looking Glass, Lewis Carroll

Drei Worte und ein Halleluja

Ich habe gerade den Fehler begangen auf twitter nach Stichworten zu fragen, weil ich mich langweile. Also schreibe ich jetzt mal kurze Geschichten zu drei Sätzen Stichworte, die mir so gegeben wurden. Es waren genug damit es mehrere kurze Vignetten werden. Wer komischen Kram angibt ist für komische Geschichten verantwortlich. Los geht’s!

Starbuck Reihe Mais

Ein Venti Latte musste es jetzt sein! Marie-Luise Müllers Tag war eine Katastrophe! Alles fing mit den absolut indiskutablen kindischen Essenwünschen von Günther an! Maiskolben, wie in der Jugend! Mit Butter! Weiß er überhaupt, wie viel Fett da drin ist? Und dann der Wochenmarkt! So viele Menschen, warum hat sie nicht einfach Magdalena geschickt? Nein, sie musste ja versprechen ein „Familienessen“ mit allen „Lieblingsgerichten“ zu kochen. Das war alles zu viel! Jetzt stand sie endlich in der Reihe um ihren verdienten Kaffee zu kriegen. Wenn der Typ vor ihr doch nur wüsste, was er will!

Wunderkerze Nase Gullideckel

Silvester war wieder so schön! Die knisternde Kälte unter dem klaren Winterhimmel versprach einen Jahresübergang, an den sich viele Menschen liebevoll romantisch erinnern. Frierend mit einer Wunderkerze in der einen und einem Glas etwas zu schlechtem Sekt in der anderen Hand das neue Jahr begrüßen, macht viele Menschen glücklich, auch wenn sie die nächsten zwei Wochen verrotzte Nasen und Keuchhusten vom ganzen Feinstaub haben, der die Straßen vernebelt bis man nur noch die Gullideckel sehen kann. Und so standen sie auch diesmal wieder auf der Straße, um das Jahr zu verabschieden und zu begrüßen.

Homebanking Holunder Schilddrüsenüberfunktion

Die Holunderschorle schmeckte vorzüglich zum warmen Sonnenschein, der auf die hölzerne Terrasse fiel. Es war ein langsamer Tag für Johnny Malone, der in Jeans und Unterhemd in seinem Korbstuhl saß und müde das Drama im Homebanking ansah. Wenn er nicht bald einen neuen Auftrag an Land ziehen konnte, dann musste er wieder Bohnen aus der Dose essen. Das war immer so ein Drama, weil er dann noch mehr abnahm. Seine Schilddrüsenüberfunktion machte ihn so schon sehr dünn und während er zitternd die Zigarette zum Mund führte, ärgerte er sich jetzt schon, obwohl er sicherlich noch für zwei Wochen genug Geld zum Leben ohne Dosenbohne hatte. Während Johnny in der Erwartung schlechten Essens gefangen weiter an der Zigarette zog, verdunkelte sich auf einmal die Sonne. Er drehte sich dem Schatten zu, der von einem Mann in einem langen Staubmantel geworfen wurde. Als er in das vernarbte Gesicht sah, wurden die Bohnen auf einmal wieder sehr attraktiv. Aber Johnny konnte noch nie dem Unheil widerstehen, also zeigte er rauchend auf den Stuhl vor seinem Tisch. Der Fremde setzte sich und schaute Johnny lange mit herausfordernder Ruhe an, bevor er zu sprechen begann.

So, mehr gibt’s nicht. Die Übung war schon schön genug. Ich danke für alle Stichworte!

Sondierungen als postmodernes Drama

Stefan Schulz vom Aufwachen Podcast hat sich in Folge 247 gewünscht, dass sich jemand mit literaturwissenschaftlichen oder theaterwissenschaftlichem Hintergrund mit den Sondierungsgesprächen von CDU/CSU, FDP und Grünen zu beschäftigen.

Ich bin jetzt kein Theatermensch, also beschäftige ich mich etwas weniger mit der Inszenierung. Dafür fiel mir eines dieser postmodernen Theaterstücke ein, die ich im Studium allein dafür genossen habe, weil sie ein Publikum komplett kirre machen.1 Ich stelle erst einmal das Stück vor und dann ziehe dann Parallelen.

Synopse: Tom Stoppard – The Real Inspector Hound

Das Stück, das sich auf der einen Seite an den Sherlock Holmes Klassiker The Hound of Baskervilles anlehnt und auf der anderen ein Kommentar über journalistische Theaterkritiker. Zum Bühnenbild gehört die Tribüne, auf der die zwei Kritiker Moon und Birdboot sitzen, die sich ein eher lahmes Whodunnit Stück ansehen. Moon ist eigentlich nur da, weil der Oberkritiker Higgs nicht kann und Birdboot findet die Schauspielerin von Felicity ziemlich nett, obwohl er verheiratet ist. Er scheint hauptsächlich daran interessiert zu sein junge Schauspielerinnen gegen sexuelle Gefallen hochzuschreiben.

Der Plot des Stück-im-Stück ist einfach zusammen gefasst: in einem Herrenhaus am Arsch der Welt liegt ne Leiche rum.2 Es wird per Holzhammerexposition bekannt gegeben, dass ein Wahnsinniger in den Sümpfen um das Herrenhaus unterwegs ist. Dazu kommt ein doppelbödige Liebesgeschichte, bei der Cynthia, eine der Personen im Stück im Stück, das Interesse zweier männlicher Charaktere geweckt hat, während Birdboot gleichzeitig anfängt sich mehr für ihre Schuspielerin zu entscheiden. Während sich Moon und Birdboot über das eher dröge Stück unterhalten klingelt auf der Bühne das Telefon. Moon geht ran und Birdboots Frau ist dran. Das führt dazu, dass Birdboot auf der Bühne ist, während das Stück wieder losgeht und prompt aus dem Off erschossen wird, nachdem er die Leiche als Oberkritiker Higgs erkennt. Moon wird zum Inspector Hound und dann als der falsche erkannt und auch erschossen. Woraufhin in einer dreifachen Enthüllung herauskommt, dass der Täter der drittrangige Kritiker ist, der Moon, Birdboot und Higgs ausm Weg haben wollte. 

Sondierung als postmodernes Drama

Nun, die aktuellen Sondierungsgespräche sind aus meiner Sicht auf vielen Ebenen ähnlich. Wir haben einmal ein lock-room-mystery bei dem sich keine der Personengruppen gegenseitig trauen können und dazu eine Gruppe der Zuschauer, die Teil des Stücks sind und sich doch gleichzeitig für distanziert halten. Wie in Stoppards Stück geht es eigentlich überhaupt nicht um das angebliche Kriminalstück auf der Bühne, sondern um die Zuschauer, die sich die echte Bühne teilen. Ihre Befindlichkeiten, wie die von Moon und Birdboot, sind am Ende wichtig. Das gilt für die Balkonfotos, wie die politischen Kommentatoren, die sich darüber aufregen, dass Sondierungspapiere vertwittert werden. Wir lernen als Beobachter des gesamten Dramas eigentlich hauptsächlich etwas über die professionellen Zuschauer, die das Geschehen auf der Bühne beurteilen sollen.

Und so sind es auch bei den Sondierungen die Fragen, die uns Beobachter umtreiben. Was treibt die Kommentatoren an? Warum stehen da jeden Tag Fotografen sinnlos im Regen um Angela Merkels Gesäß an einen Sims gelehnt zu fotografieren? Die wirtschaftliche Verzweiflung und gleichzeitig arrogante Blasiertheit von Moon und Birdboot scheint eine gute Parallele darzustellen. Auch diese sind da, weil sie da sein müssen und ihre Motive haben nichts mit dem Inhalt des Stückes zu tun.

Was sagt uns das über die Protagonisten, die sich unbeobachtet für Beobachter und Bewerter halten? Birdboot, der entscheidet, welche junge Schauspielerin hochgeschrieben wird, je nachdem ob sie sich mit ihm ins Bett legt, scheint eine einfache Parallele zu Boulevardpresse wie aber auch seriöserer Medien zu sein. Die Selbstimportanz der politischen Kommentatoren ohne Einblick ist faszinierend.

Und natürlich: Wer ist der/die wahre Kanzler(in)? und: Welche der Personen in den Sondierungen wird am Ende die Kritiker erschießen?3 

  1. Das sei bitte nicht mit dieser prätentiösen Scheiße verwechselt, wie man sie z.B bei diesem Trump Theaterstück findet. Dramatische Mittel müssen immer einen Sinn verfolgen, der den Zuschauer transzendieren lässt. []
  2. Übrigens seit Anfang des Stückes, die aber freundlich ignoriert wird, bis sie wichtig wird. Postmoderne FTW! []
  3. Ich tippe da auf Christian Lindner… []

Weil das was bringt.

In Talkshows sitzen Politiker
und bewerfen sich mit Anklagen
zu Themen, die niemand interessieren

Weil das was bringt.

Auf Facebook träumen die Vergessenen
von alter Glorie und einer einfacheren Welt
in der sie immer noch vergessen sind

Weil das was bringt.

In Schulen sitzen junge Menschen
in Reihen und lernen, dass
Zahlen auf Zetteln Leben bestimmen

Weil das was bringt.

Auf twitter gießt jede(r) über jede(m)
Häme aus, der nicht der selben Meinung ist.

Weil das was bringt?

Vor irgendeinem Haus stehen
Menschen mit Schildern und skandieren Parolen.

Weil das was bringt?

im nirgendwo wechselt
eine übermüdete Pflegekraft
einen Katheter.

Weil das was bringt.

Auf einer Couch sitzen zwei Menschen
umarmt und sprechen
über sich und ihre Welt.

Weil das was bringt.

HCH019 Interview mit Andrea Bottlinger

Diesmal gibt es etwas anderes im Podcast. Ich rede mit Andrea Bottlinger über ihr neues Buch “Der Fluch des Wüstenfeuers”, das gloriose Leben als Fantasyautorin, ihre anderen Bücher und die Buchmessen in Frankfurt und Leipzig.

Links:

Textwelten – Der Betroffenheitsartikel

So, weiter geht es jetzt auch hier in diesem kleinen Projekt mit einer der ekligeren Textformen. Es gibt da im journalistischen Bereich den Betroffenheitsartikel. Der ist relativ nett, aber stilistisch von einem Groschenroman nur daran zu unterscheiden, wo er abgedruckt wird. Hart am Boulevard, immer mit der Behauptung der Relevanz, und der kruden Idee, dass die Personalisierung und Emotionalisierung sozialer Probleme dazu führt, dass Menschen sie besser verstehen und vielleicht sogar in der Intention des Autors handeln. Es ist also eine hoch-manipulative und zutiefst predatorische Textsorte. Zum einen müssen ja Beispiele her, an denen das Problem gezeigt wird, zum anderen wird hier nur die gefühlte Realität der Menschen angesprochen. Doch, wie auch zuvor schauen wir uns mal ein Beispiel an. Da diese Textsorte mehrere Abschnitte hat, gibt es das auch abschnittsweise.

Die Finger fallen schwer auf die Tastatur des silbernen Notebooks. Der Blick ist angestrengt auf den Monitor gerichtet. Die kurzen Sätze sind wichtig. Sie beleidigen nicht nur die Intelligenz der Leserschaft sondern sollen Dramatik erzeugen. Eine Dramatik, die keiner wirklich braucht. Der Autor spürt die Macht der Manipulation und genießt sie.

Der Stil, der hier gepflegt wird, ist aus meiner Sicht zutiefst manipulativ und würdigt den Leser herab. Es geht hier nicht um die Vermittlung von Inhalten oder eines Standpunktes, sondern um das Erzeugen von Betroffenheit als Gefühl. Der Glaube, dass dies die Leserschaft besser zugänglich für das Thema macht, oder gar die Idee, dass sie deswegen das Phänomen besser verstehen kommt aus der selben spannend-verwirrten Annahmenwelt in der Lehrer voraussagen können, was ihre Schülerinnen und Schüler verstehen, ohne das mal getestet zu haben. Diese Ideen sind verstörend arrogant und diese Art von Text ist es auch. Man soll emotional manipuliert werden, damit sich dann auch schön eine zumeist einseitige Botschaft festsetzen kann.

Das Problem hierbei ist, dass das alles von einer schlechten literarischen Kurzgeschichte nicht zu unterscheiden ist, und sich die Frage stellt, warum sowas überhaupt produziert wird. Wenn das Problem gesellschaftlich relevant ist, dann steht es für sich allein, wenn es das nicht ist, warum wird hier Lebenszeit von Leserinnen und Lesern verschwendet?

Die zweite Seite dieser Art von Text ist, dass es hier auch immer um Personen geht. Das bedeutet es werden zumeist Schicksale vermittelt. Das wiederum heißt, dass es auch Menschen geben muss, die diese erlebt oder produziert haben.1 Und deren Geschichten erscheinen dann überall und sie müssen sie erzählen. Dabei ist für den Autor vollkommen egal, wie es der Person dabei geht. Hauptsache es gibt den Betroffenheitseinstieg. Und der ist gar nicht so wichtig, weil es geht ja angeblich um den Inhalt.

Wie so viele Autoren hat auch diese/r das Problem, dass er/sie glaubt relevante Inhalte nur an die Frauen und Männer zu bringen, in dem es eine emotionale Ansprache gibt. Laut Prof. Pummeluff scheint das nicht nur ein Gefühl der eigenen Relevanz zu geben, sondern auch die Illusion der eigenen Wichtigkeit. Er sagt, dass diese meist dadurch bestärkt wird, dass Menschen aufgrund der emotionalen Ansprache die Qualität des Textes als höher und relevanter einstufen, als sie tatsächlich ist. Er nannte dann zum Beispiel die Arbeit von Prof. Raichu und Prof. Woingenau, die beide die These vertraten, dass diese Artikel ein Zeichen von Narzissmus und übermäßiger Selbsteinschätzung waren, die wiederum meist eine Kompensation zu Grund hatten.

Okay, jenseits der dreifachen ironischen Brechung, geht es im zweiten Teil des Textes auf einmal um ein wirkliche soziales Problem. Das soll der eigentliche Aufhänger sein, steht aber dank der ganzen persönlichen Laberei am Anfang nicht mehr im Mittelpunkt und wird in seiner sozialen Tragweite auch gar nicht reflektiert, denn das Beispiel grenzt die Menge an erzählbaren Informationen ein. Die volle Breite des sozialen Problems ist vor der Folie einzelner Geschehnisse und Schicksale eben nicht mehr erklärbar. Im verzweifelten Versuch der besseren Ansprache wird eine vollständige Erklärung des Phänomens geopfert. Nun kann man sagen, dass das bei journalistischen Texten soundso immer der Fall ist, aber erstens ist das unehrlich und zweitens entsteht aus einer fragwürdigen Praxis keine Selbstlegitimierung. Wir verbrennen ja auch keine rothaarigen Menschen mehr, weil das früher zu besseren Ernten geführt haben soll. Es könnte also überlegt werden, ob es denn überhaupt persönliche Betroffenheit als Vehikel für die Vermittlung gesellschaftlich relevanter Inhalte braucht und wie bei allen rhetorischen Fragen ist die Antwort auf diese auch schon vorher klar und lautet: nein.

Am Ende bleibt wieder festzuhalten, dass hier Relevanz durch soziale Konstrukte hergestellt wird, anstatt durch Inhalt. Diesmal ist es im Gegensatz zum ersten Beispiel dieser Serie reine emotionale Manipulation und nicht ein angeblich neutraler Stil. Das Persönliche wird als Mittel benutzt um etwas Sachliches zu erzählen und der Text verliert dabei seine komplette Legitimität und Relevanz. Wenn es nur noch um die gefühlte Realität geht, dann ist der Wahrheitsgehalt egal und damit sämtliche Ziele, die vielleicht zur Entstehung des Textes geführt haben, entwertet.

  1. Das ist ja schließlich Journalismus, da kann man sich die nicht einfach wie in der Literatur ausdenken. Okay, man lässt dann alles weg, was nicht passt, aber das ist natürlich nur zulässige Zuspitzung. []

Textwelten – Der klassische Nachrichtenartikel

Fangen wir bei der klassischen Schule an. Jeder kennt ihn, jeder hat ihn mal gelesen. Der Berichterstattungsartikel in der Zeitung. Hier wird ist wichtig, dass der Stil und die Wortwahl so tun, als wäre das alles objektiv geschrieben, als würde der Journalist neutral sein und das Gefühl vermittelt, dass in der Nachricht alles wichtige enthalten ist. Dafür bedient sich der Autor eines distanzierten Stils, der Referenzen auf ihn vermeidet und arbeitet meist über definierende Adjektive, wenn er doch Meinung unterbringen will. Wichtig ist beim ganzen Stil den Leser bitte vergessen machen, dass das jemand geschrieben hat. Das sind halt „nur die Fakten“.

Doch besser geht das mit einem Beispiel:

(tb) Am Morgen des 12.Juli 2016 wurden in der Kleingartenanlage „Zur fröhlichen Wassertonne“ in Bamberg Süd, mehrere Pokémon aus ihrem Gehege entwendet. Wie der Besitzer der Pokémon am nächsten Morgen der Polizei erklärte, handelt es sich um Pokémon des Typs Bisasam, Bisaflor, Schiggy und Evoli in einem Gesamtwert von über 2.500€. Der Besitzer erlitt aufgrund des Verlustes einen Nervenzusammenbruch und musste in der örtlichen Nervenklinik behandelt werden. Die Polizei bittet um sachdienliche Hinweise zur Aufklärung des Verbrechens.

So. Das kann man jetzt mal einfach abdrucken und schauen, wie vielen Zeitungslesern überhaupt auffällt, dass das Quatsch ist.1 Wichtig ist hier vor allem, dass der Duktus passt. Bloß keine Schnörkel, keine Adjektive, bitte trockene Vokabeln und schon läuft das. Wenn man die Pokémon gegen Fahrräder oder Kaninchen tauscht, kriegt man den Lokalteil auch locker mit sowas gefüllt.

Interessant ist hierbei, dass dieser Artikel überhaupt nicht den Anschein erweckt, als wäre er von einer Person geschrieben, was er natürlich ist. Die Frage, warum dieser Inhalt, wie in der Zeitung landet wird super webabstrahiert, in dem Persönlichkeit aus dem Artikel entfernt wird. Wie wird aber ausgewählt und sind das wirklich alle Fakten, oder war für weitere Details vielleicht kein Platz? Alles Fragen, die allein schon stilistisch nicht naheliegen. Wenn etwas so geschrieben wird, dann ist es richtig und wahr, auch wenn das am Ende gar kein Evoli sondern ein Vulpix war. Wichtig ist auch, dass dieser Text eben nicht emotional ansprechen soll und deswegen so wirksam ist. Wir verbinden mit Rationalität automatisch das bessere Argument und Seriösität. Dabei kann man wirklich alles rational und seriös formulieren, was ich noch an weiteren Beispielen zeigen werde.

  1. Man kann das auch mal Jan Hofer vorlesen lassen. Da fällt es vielleicht erst auf, wenn im Hintergrund ein weinendes Schiggy abgebildet ist. []

Textwelten – Wie man so klingt, wie man klingen soll.

Eine grundlegende Erkenntnis der Literatur- und Sprachbeschäftigung ist, dass alles Text sein kann. Allerdings haben Texte soziale Funktionen, die von verschiedenen Merkmalen abhängen: Vokabular, Ansprechhaltung und Komplexität des Satzbaus sind nur ein paar der Stellschrauben an denen mal so drehen kann, damit ein passender Text herauskommt.

Das bedeutet auch, dass jegliche Art von Text einfach gefaked werden kann, wenn man weiß, nach welchen Regeln diese Art von Text geschrieben werden und damit auch, was Leser von einem Text erwarten. Das ist insbesondere kritisch, wenn es sich um wissenschaftliche oder journalistische Texte handelt, da diesen beiden Kategorien eine soziale und politische Relevanz zugeordnet wird, die Auswirkung auf die Realität hat. Dabei könnte jeder wissenschaftliche und journalistische Text auch reine Fiktion sein.

Im neuen Projekt „Textwelten“ werde ich versuchen möglichst viele Arten von Texten zu erklären, in dem ich einfach Beispiele fiktionalen Inhalts schreibe und an denen erkläre, was die Art des Textes ausmacht. Diese Übung ist hauptsächlich dafür gedacht, sich in bester Jonathan Swift Tradition über die meisten Leute, die Texte produzieren und glauben, dass diese einen Anspruch auf Wahrhaftigkeit oder Glaubwürdigkeit haben, lustig zu machen. Diese Kategorien werden allesamt sozial mit der Art des Textes generiert und sind damit ein wunderbares Beispiel darüber, wie soziale Konstruktionen Realität erschaffen, ohne dass es dafür eine Sachbasis geben muss. Wer also glaubt, dass das was er oder sie wahrnimmt und dann in Sprache wiedergibt irgendwie Realität abbildet, irrt sich: es generiert Realität. Das bedeutet dann auch, dass hier genauso der Suspence of Disbelief ausgeschaltet werden muss und das passiert über die Konventionen, die hier gezeigt werden sollen. 

Alice hinter den Spiegeln – Review

Ich war mit Isa im Kino, um Alice hinter den Spiegeln zu sehen. Während der erste Alice Film als das dritte Buch der Alice Serie gesehen werden kann1 ist hinter den Spiegeln eine neue eigenständige Geschichte, die den erwachsenen Umgang mit dem Alice Stoff, der schon im ersten Film angefangen wurde, weiterführt.

Während die Alice Bücher eine kindliche Perspektive auf die Welt einnehmen, sind die Filme allegorische Verarbeitungen mit einem Coming of Age Feeling. Sie behandeln philosophische Themen einer im Viktorianismus erwachsen werdenden Alice. Beschäftigt sich der erste Film mit der Wichtigkeit der Phantasie und eigenen Selbstbestimmung, nimmt der zweite zu diesen Themen auch noch die Frage der Vergänglichkeit hinzu. Alice sieht sich mit einer Welt konfrontiert in der ihr als junger Frau nur eine Nebenposition zugewiesen wird, obwohl sie sich im ersten Film schon etwas Autonomie erarbeitet, schlägt diese nun zurück. Der Volldepp Hamish, dessen Hochzeit sie ausgeschlagen hat, will sich nach ihrer Rückkehr aus China an ihr rächen und ihr, ihren Platz zeigen. Stattdessen fällt Alice durch den Spiegel und muss sich um die Familie des Mad Hatters kümmern. Dazu trifft sie Zeit und versucht mit dessen Chronosphäre die Geschichte zu verändern um am Ende festzustellen, dass Zeit nicht ihr Feind ist und man seine Geschichte nicht verändern kann.

Trotzdem ist diese Geschichte wieder eine der weiblichen Ermächtigung. Alice ist sehr eigenständig und wird von den Bewohnern des Wunderlands dazu angestachelt es noch mehr zu sein. Die viktorianische Wirklichkeit, die in diesem Film eine etwas größere Rolle einnimmt wird in ihrem Sexismus realistisch dargestellt. Trotzdem steht am Ende wieder die Botschaft des ersten Films: Phantasie und Eigenständigkeit sind die wichtigsten Eigenschaften, die wir haben können. Wir sollten sie uns nicht von einer engen Gesellschaft nehmen lassen.

Oder wie es Alice sagt: „I’m able to do seven impossible things before breakfast.”

  1. Und ich schlicht und ergreifend nicht mehr dazu sage, bis jemand mich nervt es zu tun. []

Sommermorgen 13.06.2016

Mühsam reckt sich das Morgengrauen der Sonne entgegen, streckt seine Arme und versucht im grauen Nieselregen aufzustehen. Die Frische der wässrigen Luft unter dem dauerhaft bedeckten Himmel verspricht eine Kühle, die nach der Hitze der Nacht nur klärend wirken kann. Der neue Tag sieht sich in den Trümmern der Nacht um. Hier liegt eine schwarz-weiß-rote Fahne, dort eine Patronehülse, hier ein verbrannter Regenbogen, dort ein zertretener Bierbecher.

Im nationalen Freudentaumel über ein gewonnenes Spiel ist zu erkennen, dass Exzess gefährlich und wieder üblich ist. Sport ist die Ersatzdroge für Völker, die glauben, dass sie nationale Identität brauchen, weil die Identität des Einzelnen schon aufs Feinste zermahlen ist und Gemeinschaft nur darüber herzustellen ist, vor dem Fernseher den Volksvertretern beim Rasenkampf zuzusehen. Und so sitzen tausende Nationaltrainer in der Etappe und warten auf den Sieg, auf das wir in Glorie aufgehen.

Gleichzeitig leckt das Blut unter der verschlossenen Tür eines Nachtklubs hervor. Auch hier erkennt man die Gefährlichkeit des Exzesses, wenn die Identität verwundet wird. Denn allein die Tatsache, dass jemand anders liebt, bedeutet schon eine Bedrohung des Seins, die in Pulverrauch untergehen muss, aber kein Thema ist, solange man die Überreaktion aus Angst einem dämonischen Bösen unterschieben kann, das noch mehr Überreaktion und Angst rechtfertigt. Denn Angst ist irrational und damit der Freibrief für das Gewissen, wenn man die Trümmer des eigenen Handeln sieht.

Der Tag ist grau, der Regen leicht, aber dauerhaft und der Kater am Morgen nach einer Nacht voller Drogen umso schmerzhafter. Es ist der Moment in dem der Vorsatz wächst, nie wieder so über die Stränge zu schlagen und der in Kürze vergessen ist, wenn die Realität wieder so sehr weh tut, dass es nur noch mit Drogen zu ertragen ist.