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The Non-Town Square – Warum sekundäre Oralität eben nur sekundär ist…

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie in meinem Literaturwissenschaftsstudium der Hypertext alle Vorstellungen von Literatur verändern wird. Netzartige Texte und sowas… ist jetzt alles irgendwie nicht passiert. Stattdessen haben wir Facebook, die dunkle Seite jeglicher textlicher Kultur. Und das ist auf die Dauer wahrscheinlich auch ein gesellschaftliches Problem.

Kommunikation ist die Methode der sozialen Umfeldgestaltung und Sprache das Mittel der Kommunikation. Die Medien in denen Sprache vermittelt wird wiederum beeinflussen die Botschaften, die gesendet werden können und wieviel Inhalt überhaupt vermittelt werden kann. Gesprochene Sprache, die von Gesicht zu Gesicht vorgetragen wird, ist die Art der Kommunikation für die Menschen biologisch geschaffen sind. Sprechen, Hören und Sehen sind alles Teile dieser Kommunikation. Wir hören nicht nur Lauten zu, denen wir Inhalte zuordnen, wir hören auch die Modulation der Stimme, auch produzieren wir diese Laute und schauen dabei dem Gegenüber ins Gesicht um dessen Ausdrücke zu deuten. Diese Art der Kommunikation ist nicht nur voller Redundanzen, sie ist auch diejenige Form, die die höchste Inhaltsdichte hat. Bei geschriebener Sprache wird das schon schwieriger. Hier müssen dann Ersatzkonstrukte her, die die Stimmflexion und ähnliches zur Not beschreiben. Das endet dann in Emojis und so. Bildlicher Ersatz für etwas, dass mit Text nicht zu vermitteln ist. Text ist nun einmal das abstrakteste Medium, das es so gibt. Bilder repräsentieren direkt, Text gar nicht. Technisch gesehen ist Text ja Bilder, die bestimmte Laute oder Lautkombinationen repräsentieren.

Und diese informationsarme Textform ist also die Basis der Internetkommunikation.1 Das trifft insbesondere für die Sprachverwendung in social media zu. Hierbei wird textbasiert kommuniziert, aber die Form ähnelt den oralen Verfahren der prä-Gutenberg Zeit. Dieses Phänomen des sekundären Oralität bedeutet, dass heutzutage orale Kommunikation mit schriftsprachlichen Mitteln durchgeführt wird. War nach Gutenberg und bis zur social media Schriftsprache hauptsächlich ein Medium, in dem Inhalte mit einer gewissen kulturellen Tragweite oder Offizialität vermittelt wurde2 und in dem im Endeffekt die großen Debatten der Gesellschaft verhandelt wurden, ist sie in der social media das Medium dessen geworden, was früher oral am Stammtisch oder Dorfbrunnen verhandelt wurde. Die These ist also, dass wir über social media zu einer weltweiten oralen Tradition zurückkehren, die allerdings auf literacy also Schriftsprache beruht. Damit wird die Zeit von Gutenberg bis zur social media zu einer Art Klammer in der Schriftsprache zur Verhandlung gesellschaftlich wichtiger Inhalte benutzt wurde, und hinter deren schließendem Teil wir nun wieder partikular in der Schriftform über unsere Nachbarn quatschen. Was das alles genau bedeutet, weiß ich auch erst einmal nicht.

Allerdings kann ich einen Beitrag leisten. Der oben genannte Unterschied zwischen gesprochener Sprache und Schriftsprache ist nämlich für die Kommunikation in der social media und damit dem virtuellen Dorfplatz durchaus wichtig. Dieser lebt nämlich von großen Mengen schriftlich übermittelter Information und wie ich oben schon gesagt habe, hat diese doch einige Defizite. Das bedeutet also, dass der Ort an dem ein Großteil der Kommunikation ausgeführt wird, auf einem Medium beruht, dass demjenigen, mit dem zwischenmenschliche Interaktion normalerweise abgehandelt wird, unterlegen ist. Das erhöht Missverständnisse und damit langläufig Konflikte, die dann auch weitaus schwerer aus der Welt geschafft werden können. Das bedeutet, dass auf dem neuen Marktplatz weitaus öfter Schlägereien ausbrechen werden, die dann auch weitaus weniger erfolgreich gelöst werden können. Der Ersatz der gesprochenen Sprache durch die Schriftsprache bedeutet eben auch, dass die gesprochene Sprache nicht adäquat ersetzt wird. Und das kann jetzt schon auf twitter und Facebook gesehen werden. Es wird unheimlich viel unheimlich ambivalenter Text produziert, der regelmäßig zu unbeabsichtigten Nebenwirkungen führt. Wenn die Beobachtung, dass schriftliche Medien die zentrale Kommunikationsform der sozialen Interaktion wird, stimmt, dann wird sehr wahrscheinlich auch gelten, dass diese soziale Interaktion sich im guten Fall neu strukturieren muss, um die sprachlichen Redundanzen zu schaffen,3 oder aber die gesellschaftlichen Konfliktlinien und die Störungen im Diskurs, die wir heute sehen, sind alles noch milde Phänomene.

  1. Ja, die Jugend spricht jetzt wieder in Mikrofone um sich Sprachnachrichten in Chats zu schicken. Das ist auch irgendwie… strange. Das Versprechen des Chats war es doch, dass mich nicht jeder Depp übergriffig anruft, oder? []
  2. Das ist auch im Schriftsprache vermittelnden Schulunterricht zu erkennen. Selbst der kitschige Liebesbrief hat eine gewisse Formailtät. []
  3. Emoji und die Sprachnachrichten sind ja da Zeichen. []

Keine Spiele…

Wer uns beim Soziologischen Kaffeekränzchen schon zuhört, der weiß schon, dass das Soziale eher so schwierig ist und zwischen Menschen sehr viel abgeht und es gleichzeitig komplex ist. Die sozialen Medien, die eigentlich gar nicht so sozial sind, haben das nicht leichter gemacht.

Und so fängt dieser Eintrag mit ein paar Erkenntnissen an und mäandert sich in eine Handlungsaufforderung hinein. Bleibt dabei, es kann sich lohnen.

Also, generell neigen soziale Beziehungen dazu, dass Kommunikation in ihnen kommunal definierten Konstrukten entsprechen soll. Ein kommunal definiertes Konstrukt ist ein Stückchen heimlicher Konsens darüber wie eine Person und eine soziale Gruppe über ein bestimmtes soziales Phänomen zu sprechen und bevorzugt auch zu denken hat. Es definiert also, was zu einem Sachverhalt sagbar ist, und wer auf welche Art spruchfähig ist. Das ist natürlich ganz großer Quatsch. In einer sozialen Beziehung sind erst einmal alle Menschen gleich spruchfähig und alles ist sagbar. Die Konsequenzen errechnen sich aber aus den kommunalen Konstrukten, an die sich alle anderen erst einmal implizit halten. Die sozialen Strafen, die für das unhinterfragte Einhalten dieser Konstrukte gezahlt werden, sind aber fast genauso groß wie diejenigen, die es für das Nichteinhalten zu zahlen gibt. Um genau zu sein, sind diese Strafen sogar garantiert, während es bei Nichteinhalten immerhin die Chance geben kann, dass sich etwas an der kommunikativen Landschaft um einen herum ändert. Doch, die kommunalen Konstrukte sind stark und die Leute glauben, dass das Gerümpel, dass ihnen qua Sozialisation ins Hirn gelegt wurde, in ihrem Leben so imperativ sind, dass es sofort an die eigene Identität geht, wenn das Verhalten der Person gegenüber unerwartbar wird. Dabei wäre es eine große emanzipatorische Leistung, wenn diese Menschen die Konstrukte erkennen und reflektieren können und das ist nur die pädagogische Seite. Wichtiger ist noch: es würde viel persönliches Unglück vermeiden. Denn die Erfahrung der konstanten Identitätskrise ist weder sonderlich angenehm noch einem gesunden Leben förderlich.

Das ist jetzt schon eklig, furchtbar und ein Problem, doch es hört da nicht auf. Die Tatsache, dass viele Menschen vieles für unsagbar halten, führt dazu, dass sie versuchen Kommunikation auf impliziten Ebenen zu führen. Dabei muss die Person, die da kommuniziert davon ausgehen, dass ihre Sendung so verstanden wird, wie sie gemeint ist. Da aber implizit kommuniziert wird, kann sich der Sender gar nicht sicher sein, dass der Empfänger das „richtige“ versteht. Das ist schon bei direkter Kommunikation ein großer Spaß, herauszufinden, ob und wie man verstanden wurde. Implizit ist es Gänseblümchensuchen im nächtlichen Minenfeld. Das hält Menschen natürlich nicht auf. Direkte Ansprache ist meist aus Gründen der eigenen als wahr und unumstößlich angenommenen kommunalen Konstrukte nicht möglich, weil es dann ja wieder an die eigene Realität und Identität geht und Verwundbarkeit ja die Katastrophe an sich ist. Also wird versucht implizit über diese kommunalen Konstrukte zu kommunizieren. Da wird es halt spaßig, wenn die andere Person die Konstrukte nicht teilt, oder aber kennt und dann ignoriert. Die Peinlichkeit des ganzen Verfahrens ist also greifbar. Man könnte auch sagen: das sind alles Spiele, die gespielt werden, damit Menschen ihre eigene Welt in Konsistenz halten. Kognitive Dissonanz ist halt schrecklich und wenn man im Rahmen der eigenen kommunalen Konstrukte kommunikativ handelt, dann glaubt man, dass das auch die passende Wirkung hat. Nichts ist natürlich weiter von der Wahrheit entfernt. Direkte Kommunikation ist die einzige, die uns am Ende die Möglichkeit des Verstandenwerdens ermöglicht. Aber diese bürgt halt auch die Möglichkeit, dass man selbst verstehen muss, dass die eigene Welt und die eigenen Vorstellungen nicht kongruent mit der Welt und der Realität der anderen Menschen um einen ist und im Zweifel vielleicht nicht mit der von Menschen, die einem etwas bedeuten. Im Ernstfall können da halt komplette Lebenslügen auffliegen und das ist furchtbar. Also, schön indirekt kommunizieren und hoffen, dass die Welt schon mitkriegt was gemeint ist. Oder anders: schön Spiele spielen.

Und damit sind wir an der Stelle, wo wir von der Analyse zur Handlungsaufforderung kommen. Liebe Leserschaft, versucht nicht Spiele zu spielen. Ich selbst habe langsam keine Lust mehr darauf und ich kann verstehen, warum es vielen anderen Menschen auch so geht. Wir haben das alle nicht nötig, und wenn wir glauben, dass wir es nötig haben, sagt das doch auch etwas und das ist nicht charmant.

Also… keine Spiele. Wir haben besseres zu tun…

Moralisches Handeln

Dieser Artikel lag schon länger in meiner virtuellen Schublade und jetzt ergab sich dank einer Twitterunterhaltung mit dem Sozioblogen die Möglichkeit ihn zu verwenden und in einen Kontext zu setzen und damit zu einem Beitrag des soziologischen Kaffeekränzchen zu machen. Doch, vorne anfangen ist ja toll.

Eine der alten Fragen der Philosophie ist die Frage nach dem moralischen Handeln und die Frage, welche Art von Handlungen gut und böse sind. Dabei ist neben der generellen Definition des Begriffspaares, aber auch noch wichtig, welche Dimensionen überhaupt eine Handlung beeinflussen. Doch eines nach dem anderen. Deswegen geht es jetzt erst einmal und die großen Dichotomien im Bereich Moral.

Gut und Böse – Richtig und Falsch

Wenn über Moral geredet wird, dann geht es aus der Sicht vieler Menschen immer um gut und böse. Das Problem damit ist, dass nirgendwo festgelegt ist, was dem jeweiligen Begriff zuzuordnen ist. Und weil wir uns alle Märchen darüber erzählen, wie unsere Welt aussieht, ist immer das, was wir selbst denken gut und das was andere anders denken böse. Das diese Sicht auf die eigene Weltkonstruktion menschlich, aber auch für Diskurs schwierig ist, wurde an diesem virtuellen Kaffeetisch schon gut dargestellt.

Anders ist es mit der Frage nach richtig und falsch. Die Frage ob eine Handlung moralisch richtig oder falsch ist, lässt sich anhand von Kriterien treffen, die nicht die Wertung der anderen Person, die bei gut und böse immanent sind, sondern die Handlung in den Mittelpunkt stellen. Es ist also möglich mit anderen Personen unabhängig von ihrer Persönlichkeit über die moralische Richtigkeit der Handlung zu sprechen. Deswegen ist richtig und falsch nicht nur die bessere Richtschnur für das eigene Handeln, sondern auch die Kategorie mit der und über die sich Diskurs gestalten lässt.

Gut und Böse sind Fremdzuschreibungen, während richtig und falsch Analysekategorien sein können. Damit ist natürlich die Frage offen, wie jetzt eine Handlung beurteilt werden kann.

Gründe – Intention – Ergebnis

Wenn eine Handlung moralisch bewertet werden soll, dann müssen die drei oben genannten Ebenen betrachtet werden. Diese sind miteinander verbunden, wobei aus der Sicht vieler Menschen das Ergebnis natürlich immer eine hohes Gewicht hat, obwohl diese Analyseform die Trügerischste ist. Nur weil einem das Ergebnis gefällt, heißt das nicht, dass die Handlung gutzuheißen ist. Denn auch die Gründe und die Absicht, die mit einer Handlung verbunden sind, bestimmen, ob diese tatsächlich moralisch richtig oder falsch ist. Die Folterung eines Kriminellen zur Rettung eines Kindes, ist falsch, egal wie sehr das Kind überlebt. Die Ermordung eines Diktators ist moralisch genauso falsch, wie die Bombardierung von Terroristen. Alle diese Handlungen haben gemein, dass die Ergebnisse positiv sein können, ((Und es langfristig dann eben aufgrund ihrer Mittel doch ihre positive Wirkung nicht entfalten.)) aber die Begründungen und Absichten, die dahinter stehen das Ergebnis entwerten.

Deswegen ist es eben nicht möglich aus den falschen Gründen das Richtige zu tun. Die falschen Gründe machen es schon falsch.

Fazit

Und damit komme ich zurück zum Impuls für diesen Text. Moral als Selbstzuschreibung ist tatsächlich schädlich für jeden Diskurs, weil es hier nur darum geht, dass jede beteiligte Person sich selbst die höhere Position zuschreiben will. Was aber dringend Thema im Diskurs sein sollte ist die Bewertung von Handlungen und die Prämissen nach denen das getan werden soll. Denn über Werte wird viel geredet, wenn es darum geht die Person gegenüber abzuwerten, aber wenig wenn es darum geht, welche überhaupt das gesellschaftliche und persönliche Handeln leiten sollten und welche Kriterien diesen Werten zugrundeliegen.

Works for Me – Diskurs und Identität

So, wir kommen zum soziologischen Kaffekränzchen zurück. Es gibt da jetzt einen Tag für. Nachdem ich mich das letzte Mal auf die Erklärung der Schwierigkeiten beim finden von Diskursen bezogen haben, hat die Vrouwelin das einmal zusammengefasst und so geendet:

Und doch höre und lese ich Stimmen, die darauf hinweisen, dass es mit den rechten Stimmen in der heutigen Gesellschaft und Politiklandschaft eh keinen Diskurs geben kann, dass es heißt, wir oder die. Ich befürchte, dass das der momentanen Realität deutlich näher kommt. Mit rechts-extremistischem Gedankengut ist nicht zu verhandeln, weil es menschenfeindlich ist. Und dabei ist es egal, wie weit diese Einstellungen in die „Mitte“ eingesickert sind, sie werden dadurch nicht verhandelbarer. Doch wenn mit den Einstellungen von dreißig bis teilweise fast siebzig Prozent der Bevölkerung nicht mehr zu verhandeln ist? Wie funktioniert Demokratie wenn große Teile der Bevölkerung sie nicht mehr wollen? Weil sie zum Teil nicht wissen, wie es geht?

Als ich das so las, musste ich an einen weiteren Impuls denken, der mir die Tage gegeben wurde. Nämlich die Frage nach der Identität. Die grundlegende Idee „wir oder die“ widerstrebt mir nämlich zutiefst, kann eine Gesellschaft doch nur funktioniert, wenn ihre Mitglieder ein grundlegendes „wir gemeinsam“ Gefühl haben. Und so kommt es auch, dass das Motto des diesjährigen Chaos Communication Congress in die Überschrift geschlichen hat. Auch dieser beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern gesellschaftliche Probleme nicht auch gesellschaftlich gelöst werden müssen. Works for me ist dabei die Aussage, dass man sich ja nicht um Probleme kümmern muss, wenn sie einen selbst nicht betreffen. Das funktioniert nur für gesellschaftliche Probleme nicht. Bringen wir jetzt die beiden Linien das erste Mal zusammen, dann scheint das wichtigste Problem, das der Identität zu sein. Doch, wo kommt eigentlich unsere Identität her?

Identität ist eine Konstruktion, wie alles das wir so in unserem Kopf haben. Sie ist ein Ergebnis von Kommunikation mit unserer Umwelt und etwas, das wir für zutiefst für wahr halten, während es gleichzeitig eine der größten Lügen ist.1 Menschen sind also das, was sie denken, das sie sind. Diese Identität wird aber auf zwei Arten während unserer andauernden Sozialisation generiert. Die übliche Variante funktioniert durch negative Selbstzuschreibung. Das bedeutet, dass Identität darüber generiert wird, dass die Person ein außen wahrnimmt und sich von diesem Außen abgrenzt. Daraus wird dann gedacht, dass sich auch ein definiertes Innen also eine definierte Identität ergibt. Das ist aber nicht wahr. Die unübliche Variante, der positiven Selbstzuschreibung generiert eine Identität, in dem die Person selbst sagt, wer sie ist und warum. Damit ist die Identität allerdings positiv besetzt, weil die Person sie sich selbst gegeben hat. Doch, wie gesagt, die Standardvariante ist die negative Zuschreibung darüber, dass die Person sagt, wer sie nicht ist.2 Diese Art von Identitätsgeneration führt dann wieder zurück zum 33c3 Motto, denn nur aus dieser Identitätsvorstellung, des ich bin nicht wie die anderen, kann man sagen „Works for me“ und daraus schließen, dass die Interessen der anderen egal sind. Die sind ja diejenigen gegen die sich abgegrenzt wird. Die positive Selbstzuschreibung wiederum eröffnet die Möglichkeit andere Menschen anzuerkennen, weil die Person selbst möchte, dass ihre Identität, die sie sich gegeben hat anerkannt wird. 

Und damit kommen wir zum Neuzugang am digitalen Kaffeetisch Kolame hat sich hinzugesetzt und auf eine bewundernswert-erschreckend soziologisch-systemtheoretische Art, die Rolle der Moral im Diskurs thematisiert hat. Eine Frage, die sie stellt ist:

Wie kriegt man die Personen wieder in einen Raum, ohne aber in vormoderne und noch sexistischere (als heute), patriachelere (als heute) und diskriminierende (als heute) Diskurspraktiken zurückzufallen?

Ich denke eine Antwort ist, dass dieser Diskurs, den sie da beschreibt, sich über Identitäten generiert und damit über die Betonung von Unterschieden, die viele dringend benötigen um sich sicher zu sein, wer sie sind. Dabei gilt dann „Works for me“ als Ausgangspunkt für Kompromissbereitschaft und das ist dann das Problem. Wenn es das Ziel ist, dass die verschiedenen Gruppen wieder miteinander in den Diskurs treten, dann muss neben den ganzen technisch-praktischen Problemen, die erörtert wurden, auch ein Raum geschaffen werden, in dem Identität in den Hintergrund tritt. Ein sozialer Raum in dem das wer ich bin nicht so wichtig ist, wie das was ich möchte. In dem aus dem „works for me“ ein „works for us“ oder wenigstens ein „works for most of us“ wird.

Der Weg zu diesem Raum kann aus meiner Sicht nur über zwei unterrepräsentierte Konzepte aus dem pädagogischen Arsenal führen: zum einen Selbstfindung als Kulturtechnik, zum anderen Empathie. Ich kann zu beidem sagen, dass es im Schulsystem nicht stattfindet und kein Ziel ist. Gleichzeitig stelle ich gerade dieses Schuljahr fest, dass Empathie etwas ist, dass Schüler*innen kaum erleben und das Selbstfindung eine Sehnsucht und ein Gegengift zur allgegenwärtigen Zukunftsangst ist, die sie erleben. Doch diese Eigenschaften und Kulturtechniken brauchen direkte Kommunikation und einen Diskurs in dem Identitäten und Rollen unwichtig sind. Beides ist in Schulen leider selten.

  1. Igitt wie philosophisch… []
  2. Schonmal aufgefallen, dass das die AfD Methode ist? Sie ist so einfach, weil die meisten Leuten genauso ticken. []

Einfach mal die Fresse halten und machen…

Nach dem letzten, eher depressiven Beitrag, kommt hier jetzt der Krawall zurück. Es wird nämlich mal Zeit sich darüber zu unterhalten, warum das ganze soziale Gerechtigkeitsgelaber vielleicht doch nicht so gut ist, keinen Fortschritt bringt und am Ende nur den Konservativen in die Hand spielt. Wenn ich das aber tue, dann muss ich ja auch erzählen, wie es anders geht.

Hört doch mal auf zu quatschen.

Eine Weisheit der Soziologie ist, dass wenn über etwas geredet wird, es von den Kräften der Gesellschaft verarbeitet wird. Das ist dann das, was in Politik endet. Die landläufige Idee, wie Gesellschaftsänderung vonstatten geht, ist:

  1. Thema aufbringen
  2. Agenda Setting
  3. Politischer Diskurs
  4. Bessere Welt
  5. Rinse Repeat

Jetzt ist die Bevölkerung überaltert und das funktioniert nicht mehr, weil die Leute die Mehrheit im Diskurs haben, die gerne die Welt so hätten, wie es früher war. Dazu kommt, dass die einzelnen Teile der Gesellschaft eigentlich gar nicht mehr miteinander reden und wenn dann nur durch Vorwürfe und in schreiendem Ton. Gesellschaftliche Probleme werden als öffentlich nur noch als Spektakel behandelt und nicht mehr diskutiert, weil soundso jede Seite glaubt, dass sie recht hat und am Ende die alte konservative Mehrheit mit dem Stillstand gewinnt.

Die ganzen Versuche neue Ideen auf die Agenda zu setzen, in dem darüber geredet wird, sind also sehr kontraproduktiv. Zum einen reißen sie nur noch mehr Nebenschauplätze auf, zum anderen ist nur noch der Konflikt interessant nicht der Inhalt. Hinzu kommt, dass die konservative alte Mehrheitsgesellschaft das Thema dann in Ruhe versanden oder konservativ umdeuten kann. Das schafft wahlweise Perversionen des Fortschritts (Mindestlohn, Rentesystem) oder einfache Feindbilder („Feminazi“), die dann halt auch gerne wieder verschwinden. Gesellschaftlicher Fortschritt findet also nicht mehr statt.

Deswegen wäre es vielleicht mal gut, weniger zu quatschen, weniger anzuklagen, weniger zu schreien. Wenn dann sollte gefragt, erklärt und sich ausgetauscht werden.

Wer macht hat Recht!

Und das fragen, erklären und austauschen funktioniert viel besser, wenn die Leute einfach machen. Die normative Kraft des Faktischen gilt in postfaktischen Zeiten umso mehr. Wird eine Realität geschaffen, dann kann man sich darüber unterhalten und vor allem in dieser leben. Das bedeutet also, dass sich das Schaffen einer eigenen Realität gut dazu eigenen eine zu haben, in der man leben will. Das führt dann schon zum gesellschaftlichen Diskurs. Dieser wird aber nicht unter der Annahme geführt, dass alternative Lebensformen und Realitäten Spinnereien einer Minderheit sind, sondern mit den existierenden Phänomenen einer pluralen Gesellschaft. Will heiße, wenn eine Familie aus mehreren Elternteilen (2+) bestehen möchte, dann sollte sie das. Legal lässt sich das regeln. Wenn dann jemand fragt, wie das funktioniert, dann erzählt und erklären die Menschen das, die dieses Modell leben. Dabei müssen sie nicht die Person gegenüber überzeugen und auch keine große gesellschaftliche Debatte vom Zaun brechen. Die Gesellschaft ändert sich hier schon durch die neuen Lebensformen, die einfach gelebt werden.

Wer macht hat also erstmal Recht und muss nur erkennen, dass es keinen Grund gibt sich für das eigene Leben und die eigene Realitätsgestaltung rechtfertigen zu müssen, genauso wie es keinen Grund gibt, andere für deren Version anzugehen. Am Ende gelingt so ein Zusammenleben unheimlicher vieler verschiedener Menschen. Es muss zwar noch ein Rechtssystem, das die allgemeinen Regeln des Zusammenlebens durchsetzt, doch je mehr Dinge als alltäglich gelebt werden desto weniger können diese Regeln in alternative Lebensmodelle hineinpfuschen. Gelebter Pluralismus führt am ehesten dazu, dass sich sinnlose soziale Schranken auflösen.

Es ist also sinnvoller, zu versuchen ein Leben zu leben, dass einem selbst gefällt und erfüllt, als sich die ganze Zeit hinzustellen und anklagend zu versuchen die Welt von oben nach unten besser zu machen. Akzeptanz von alternativen Lebensvorstellungen führt zu gesellschaftlichem Fortschritt, nicht das heulende Einklagen diffuser Rechte, das immer in einem sinnlosen Vergleich der Privilegien endet. Anstatt Privilegien mit gesetzlicher Gewalt zu minimieren, hilft es mehr Menschen die Möglichkeit und Einstellung zu geben, dass sie sich Privilegien anderer nehmen können, wenn sie vergleichbares nur anders tun. Neid und Einklagen sind kontraproduktiv, sich selbst einen Platz zu schaffen nicht. Wenn das zum Standard unserer Sicht auf Pluralismus wird, dann wird es am Ende auch zu einer Politik führen, die Möglichkeitsräume öffnen muss, anstatt sich in Konflikten zu schließen.

Update: Die Vrouwelin hat sich in einem eigenen Artikel hierzu geäußert und eine wichtige Dimension hinzugefügt: Solidarität und Empathie. Ich möchte mich bedanken und ihr ausdrücklich zustimmen. Ich gehe implizit davon aus, dass Empathie und die daraus folgende Solidarität in jedem Menschen angelegt sind. Das ist vielleicht zu idealistisch gedacht, aber dann eine Aufgabe für unser Bildungssystem.

Update 2: Der Soziobloge hat sich mit einem zweiten Beitrag gemeldet, der vielleicht den wichtigsten Punkt aufmacht: mal entspannen im Diskurs. Ich schließe mich auch hier vollständig an und bedanke mich für den Beitrag.

Textwelten – Wie man so klingt, wie man klingen soll.

Eine grundlegende Erkenntnis der Literatur- und Sprachbeschäftigung ist, dass alles Text sein kann. Allerdings haben Texte soziale Funktionen, die von verschiedenen Merkmalen abhängen: Vokabular, Ansprechhaltung und Komplexität des Satzbaus sind nur ein paar der Stellschrauben an denen mal so drehen kann, damit ein passender Text herauskommt.

Das bedeutet auch, dass jegliche Art von Text einfach gefaked werden kann, wenn man weiß, nach welchen Regeln diese Art von Text geschrieben werden und damit auch, was Leser von einem Text erwarten. Das ist insbesondere kritisch, wenn es sich um wissenschaftliche oder journalistische Texte handelt, da diesen beiden Kategorien eine soziale und politische Relevanz zugeordnet wird, die Auswirkung auf die Realität hat. Dabei könnte jeder wissenschaftliche und journalistische Text auch reine Fiktion sein.

Im neuen Projekt „Textwelten“ werde ich versuchen möglichst viele Arten von Texten zu erklären, in dem ich einfach Beispiele fiktionalen Inhalts schreibe und an denen erkläre, was die Art des Textes ausmacht. Diese Übung ist hauptsächlich dafür gedacht, sich in bester Jonathan Swift Tradition über die meisten Leute, die Texte produzieren und glauben, dass diese einen Anspruch auf Wahrhaftigkeit oder Glaubwürdigkeit haben, lustig zu machen. Diese Kategorien werden allesamt sozial mit der Art des Textes generiert und sind damit ein wunderbares Beispiel darüber, wie soziale Konstruktionen Realität erschaffen, ohne dass es dafür eine Sachbasis geben muss. Wer also glaubt, dass das was er oder sie wahrnimmt und dann in Sprache wiedergibt irgendwie Realität abbildet, irrt sich: es generiert Realität. Das bedeutet dann auch, dass hier genauso der Suspence of Disbelief ausgeschaltet werden muss und das passiert über die Konventionen, die hier gezeigt werden sollen. 

Brexit – Wenn WarGames auf politische Realität trifft

Was wir jetzt mit Brexit sehen, ist die Fragmentierung der Gesellschaft entlang ihrer Weltkonstruktionen und deren kommunikative Grenzen. In einer granularen Welt, in der man keinen Überblick mehr darüber hat, wer für wen, wie und warum Informationen generiert, werden politische Entscheidungen nicht mehr auf Basis der realer Informationen sondern von Geschichten getroffen.

Ich habe schon früher erklärt, dass Menschen viel einfacher von Geschichten gelenkt werden, die ihren Vorstellungen entsprechen, als sich mit Fakten zu beschäftigen. Die Realität wird zu einem Computerspiel, das reale Konsquenzen hat. Das Thema kam in den 80ern im Film WarGames vor und beim Brexit können wir das jetzt als nicht-fiktionales Phänomen beobachten:

  • Sämtliche Politiker, die das zu verantworten haben, erklären jetzt, dass sie gelogen haben und tun so, als wäre das alles klar gewesen. Dabei werden heutzutage Informationen, die auf Facebook geteilt werden, als erstaunlich vertrauenswürdig gesehen. Die Illusion der persönlichen Bindung an die Politiker, verleitet die Menschen dazu die Geschichten zu glauben.
  • Die Bevölkerung realisiert, dass sie der Souverän ist, zu ihrem Nachteil entschieden hat, und dass alle diese Entscheidung ernst nehmen. Das entspricht nicht den Geschichten, die sich alle über die Rolle der Bevölkerung in einer Demokratie erzählen. Es ist sogar das Gegenteil.
  • Die gesamten Kampagnen, außer wahrscheinlich die der SNP, waren Schaudergeschichten: von der bösen EU, dem wirtschaftlichen Schaden und so weiter. Information wurde nicht positiv dargestellt und nicht relevant gemacht.
  • Die realen Konsequenzen ihres Handeln wars den Menschen nicht bewusst. Sie konnten intuitiv nicht mehr zwischen fiktionalen und realitätsbezogenen Botschaften unterscheiden. Insbesondere, weil die fiktionalen Texte genauso daher kommen, wie die realitätsbezogenen und sämtliche journalistische Rituale, die Glaubwürdigkeit herstellen sollen, als das Schauspiel erkannt wurden, das es ist.

Alle spielen also mit Computern Kommunikation nach und basieren auf diesen Erfahrungen dann reale Entscheidungen. Unser Umgang mit sozialen Medien hat jetzt also dazu geführt, dass WarGames real geworden ist. Unheimlich viele Leute haben das, was sie vor Bildschirmen gesehen haben, nicht ernst genommen, weil es ist ja nur Gerede. Und jetzt wundern sie sich, dass der thermonukleare Krieg tatsächlich ausgebrochen ist…

Über Geschichten, Wahrheit und kaputte Gemeinschaft

Wisst ihr noch, wie das so in alten Romanen auftaucht? So die Dorfgemeinschaft, die sich eine Meinung über einen gebildet hat und jedes Argument aus deren Warte sieht, aber nie mit der Person offen redet? Wo alles ein Beweis dafür ist, dass die Geschichten, die erzählt werden, wahr sind? Das ist jetzt für die komplette Welt normal. Jeder kann eine Geschichte erzählen und ihre Wahrheit spielt keine Rolle, solange die Geschichte gut ist.

Die AfD erzählt Geschichten vom alten guten Deutschland, die Medien erzählen Geschichten von der eigenen Wichtigkeit, die Radikalfeministinnen vom bösen dauervergewaltigenden Mann, die Veganer vom bösen weltzerstörenden Fleischfresser und alle erzählen diese Geschichten hauptsächlich sich selbst.

Jake Applebaum is anscheinend ein Arschloch und vielleicht ist er ein Vergewaltiger und Nötiger. Schön, dann möge man ihn bitte anzeigen. Wenn die Menschen, die betroffen sind das Gefühl haben, dies nicht zu können, dann hat die Gesellschaft, in der sie leben, versagt und muss sich darum kümmern, dass dies nicht mehr passiert.

Was definitiv nicht hilft, weder den Betroffenen noch der Gesellschaft, ist, sich hinzustellen und allen Geschichten zu glauben und eine Welt zu befürworten, wo die beste Geschichte gewinnt und nicht die Fakten. Das ist übrigens dieselbe Welt in der Menschen glauben müssen, dass wenn sie fundierte Anschuldigungen gegen jemanden haben, sie nicht zur Polizei gehen können. Das ist nämlich auch eine Geschichte, die zu gerne geglaubt und erzählt wird.

Wir können uns kein globales Gemeinwesen leisten, in dem jegliche Wahrheit von der Performance der Geschichtenerzähler und unserer Vorliebe für bestimmte Geschichten abhängt. Dann sind wir nämlich in einer totalitären Willkürdystopie angekommen, in der Demagogen immer Recht haben.

 

Ich und Du und die Distinktion

Ich war die Tage bei einem Konzert der Brass Band Bamberg. Es war sehr gut und hat mir großen Spaß bereitet. Allerdings war ich eher zufällig dort, weil Isa als Fotografin da war und mich mitgenommen hat. Während des Konzertes sprachen wir über die verschiedene Musik und was sie für uns bedeutet und was nicht. Und dabei fiel mir wieder auf, dass es verschiedene Arten gibt über sowas wie klassische Musik und Konzerte zu denken und dass das davon abhängt, welche Ziele und Ideen man mit Musik verbindet.

Distinktion und Habitus

Doch vorher, eine kurze dreckige Wiederholung von Sachen, die ich schon öfter erzählt habe. Der Soziologe und Ethnologe Pierre Bourdieu sagt in seinem Buch Die feinen Unterschiede, dass sich soziale Schichten nicht nur durch unterschiedliche Mengen an Kapital, sondern auch durch ihren Habitus unterscheiden. Der Habitus ist dabei als eine bestimmte Art die Welt zu sehen und sich in ihr zu verhalten. Je nachdem, in welchen sozialen Schichten eine Person sozialisiert wurde, erwirbt sie bestimmte Habitus, die dann aber auch beschränken, in welche Schichten diese Person sich holperfrei eingliedern kann. Bourdieu sagt, dass die Unterschiede im Verhalten einer Person den Zugang zu anderen sozialen Statusgruppen verwehrt, solange diese Person nicht weiß, wie sie sich zu verhalten hat. Damit werden bestimmte Verhaltensweisen zu Distinktionsmerkmalen, mit denen sich Menschen von anderen in ihrem sozialen Status unterscheiden lassen. Das wichtige ist hierbei, dass diese Merkmale sozial generiert, verteilt und erlernt werden. Der soziale Unterschied wird also weitergegeben und kultiviert. Man kommt nur in den sozialen Kreis, wenn man das geheime Verhalten und Wort kennt.

E und U und so weiter

Und das ist auch bei Musik so. Die große Unterteilung, die den meisten Menschen wahrscheinlich bekannt ist, ist die zwischen E- und U- Musik. E steht dabei für „ernsthaft“ und U für „Unterhaltung“. E-Musik ist damit definiert als etwas mit dem man sich auseinandersetzen muss, U-Musik ist etwas für alle und hat keinen Anspruch oder anders ausgedrückt, man muss angeblich dabei nicht nachdenken. Damit ist dann Math Metal definitiv E-Musik. E-Musik ist also Musik, die ähnlich der modernen Kunst Deutung braucht und den Menschen nicht nur emotional, sondern auch kognitiv herausfordert. Je moderner die Musik, desto schlimmer wird das. Bei der „alten“ klassischen Musik gibt es durchaus Unterhaltungsstücke, die aber so fremdartig für die modernen Hörgewohnheiten sind, dass die Dekodierung immer noch ein kognitiver Prozess wird. Man kann sich diese Musik auch einfach so anhören, aber die reine Unterscheidung in schön und nicht-schön ist dann halt auch sehr einfältig.

Distinktionmerkmale

Denn in Wirklichkeit gibt es hier natürlich sozialen Grenzen, die durch die Art des Musikgenusses gekennzeichnet sind. Und da gibt es im Endeffekt drei Arten von Leuten: diejenigen, die selbst Musik machen und deswegen eine persönliche Verbindung zu einem Musikstück haben, dann diejenigen, die keine Musik machen, aber sich für sie interessieren, sie verstehen und genießen, und dann gibt es die dritte Gruppe: diejenigen, die Musik konsumieren, weil dieser Konsum zu ihrem angestrebten Habitus gehört. Die dritte Gruppe gibt es, weil es traditionell zum Habitus des Bildungsbürgertums und der Oberschicht gehört, dass man Kunst und Musik schätzt. Schon in den feinen Unterschieden macht Bourdieu an der Kunst fest, wo der Unterschied zwischen den verschiedenen sozialen Statusgruppen ist. Er sagt allerdings auch, dass das Geheimnis des Habitus der gehobenen Statusgruppen ist, das eben das erhöhte Verständnis von Musik und Kunst ein Zeichen des Status ist, nicht die Teilnahme an entsprechenden Veranstaltungen. Man muss also auf eine bestimmte Art über Kunst und Musik reden können, wenn man Teil der Gruppe sein will, nicht zwingend Konzerte besuchen. Deswegen achten Menschen in den gehobenen Statusgruppen dann die Musiker, denn dort verbinden sich der Habitus beider Gruppen, obwohl Musiker ja eigentlich sozial niedriger stehen.

Zusammengefasst kann also gesagt werden: es gibt Leute, die E-Musik hören, weil ihnen diese etwas gibt und es gibt Leute, die E-Musik hören, weil sie glauben, dass das Erscheinen bei entsprechenden Konzerten zum sozialen Status gehört, den sie haben möchten: dem des intellektuellen Schöngeists und der bürgerlichen Oberschicht. Jenseits von Überlappungen, die es da natürlich geben kann, bedeutet das allerdings auch, dass die Leute, die sich vom Besuch des Sinfoniekonzerts einen Vorteil für den sozialen Status versprechen, eigentlich keinen Zugang zu dem haben, was die entsprechenden Statusgruppen schon per Erziehung mitbekommen und Musiker und Musikliebhaber durch ihr Hobby erhalten: nämlich die Fähigkeit E-Musik zu deuten, ein Orchester zu lesen und damit den eigenen Horizont durch die kognitive Interaktion mit der Musik zu erweitern. Dafür entlarven sich diese Menschen dann als diejenigen, die nur aus sozialer Erwünschbarkeit oder Geltungsverlangen kulturelle Veranstaltungen aufsuchen. Das ist so etwas wie das soziale Shibboleth. Um das zu beschreiben kann ich anekdotisch noch folgende Aussage eines Dauerkarteninhabers der lokalen Sinfoniker anführen:

Ja, der Sparkassenvorstand ist die „Schüttelfraktion“. Die sind nur da, um sich gegenseitig die Hände zu schütteln. Aber ich bin froh, dass die da sind. Sie bezahlen ja die Sinfoniker und ich genieße die Musik.

Das Distinktionsmerkmal im Bereich Musik ist, wie in nahezu jedem sozialen Bereich also das Wissen um die Deutung des Phänomens und je vielfältiger und breiter dieses Wissen ist, desto anerkannter ist man. Das gilt für alle sozialen Statusgruppen und meist dreht sich die Betonung, was man wie sehr deuten können muss, von den oberen Statusgruppen zu den niedrigen um: muss man für den hohen Status einen Monet erkennen können, muss man im niedrigen Bereich die Konnotationen und Grenzen des rassistischen Witzes kennen.

Interesant ist dabei dann folgendes: egal welche soziale Statusgruppe, egal welcher Habitus, alle erkennen Menschen, die aufgrund mangelnden Wissens nicht dazu gehören, sofort. Deswegen wird die „Schüttelfraktion“ genauso belächelt wie der Uniprofessor auf der Baustelle und deswegen ist sozialer Aufstieg, wenn man ihn sich ersehnt, nur darüber machbar, dass man neue Deutungsebenen erkennen kann, also die Fähigkeit besitzt, die Wilhelm von Humboldt Bildung nannte.

A Conversation with a Caterpillar

Heute ging auf twitter das Alice in Wonderland Fandom rum und mir fiel dann ein, dass ich doch mal diesen Text über die Unterhaltung zwischen der Raupe und Alice schreiben wollte.

Wir fangen mal mit dem Text an und bewegen uns dann von ihm weg.

The Caterpillar and Alice looked at each other for some time in silence: at last the Caterpillar took the hookah out of its mouth, and addressed her in a languid, sleepy voice.
‘Who are YOU?’ said the Caterpillar.
This was not an encouraging opening for a conversation. Alice replied, rather shyly, ‘I—I hardly know, sir, just at present—at least I know who I WAS when I got up this morning, but I think I must have been changed several times since then.’
‘What do you mean by that?’ said the Caterpillar sternly. ‘Explain yourself!’
‘I can’t explain MYSELF, I’m afraid, sir’ said Alice, ‘because I’m not myself, you see.’
‘I don’t see,’ said the Caterpillar.
‘I’m afraid I can’t put it more clearly,’ Alice replied very politely, ‘for I can’t understand it myself to begin with; and being so many different sizes in a day is very confusing.’
‘It isn’t,’ said the Caterpillar.
‘Well, perhaps you haven’t found it so yet,’ said Alice; ‘but when you have to turn into a chrysalis—you will some day, you know—and then after that into a butterfly, I should think you’ll feel it a little queer, won’t you?’
‘Not a bit,’ said the Caterpillar.
‘Well, perhaps your feelings may be different,’ said Alice; ‘all I know is, it would feel very queer to ME.’
‘You!’ said the Caterpillar contemptuously. ‘Who are YOU?’

Alice in Wonderland by Lewis Carroll

So, wir bewegen uns da jetzt ein bißchen rum und machen Ebenen auf, und wieder zu.

Falsche Annahmen und Kommunikationszusammenbrüche

Die Kommunikation zwischen Alice und der Raupe ist irgendwie gestört und irgendwie auch nicht. Carroll hat sehr viel Spaß damit Sachen wörtlich zu nehmen, die metaphorisch gemeint sind um aufzuzeigen wie bekloppt die sozialen Konventionen in Sprache sein können. Alice ist durchgehend verwirrt vom Wunderland und hat mehrfach ihre relative Größe geändert, etwas, das Menschen normalerweise nicht tun. Raupen wiederum tun es den ganzen Tag zur Fortbewegung und so nimmt das Unheil seinen Lauf. Alice antwortet auf die erste Frage komplett selbstreferenziell und ab da geht’s bergab, weil die Raupe nicht anderes tut. Alices ungeduldiges „you see.“ funktioniert dann auch nicht, weil Raupen nicht sehen können und der letzte Versuch ihre Erfahrung über das Beispiel der natürlichen Entwicklung, die man so als Raupe durchmacht, ist dann auch zum Scheitern verurteilt. Während Alice sich nur auf ihre eigene Verwirrung und Erfahrung konzentriert, die sie über ihre eigene körperliche Identität zweifeln lässt, macht die Raupe dasselbe, allerdings bestätigen sie Alices Ausführung in der Normalität ihrer eigenen Erfahrung. Damit bricht die Kommunikation hier komplett zusammen.

Kindeserfahrungen und Albträume

Alice in Wonderland ist ein Kinderbuch und damit kann man auch darauf abstellen, dass Kindeserfahrungen im Mittelpunkt stehen. Für Alice scheinen Größen- und damit auch Perspektivänderungen sehr verwirrend zu sein. Das Wunderland wirkt manchmal nahezu albtraumhaft in seiner Enttäuschung aller Erwartungen an die Welt, die man gerade erst entwickelt hat. Doch sind diese Veränderungen nicht auch die Erfahrung von Kindern? Größenänderung, eine Welt, die ihre Erwartungen an einen immer wieder ändert und in ihrer Komplexität erhöht, und eine dauerhafte Zunahme von sozialen Konstrukten, deren Realität nur auf der gegenseitigen Versicherung ihrer Existenz beruhen, sind hochgradig verwirrend für Kinder und die Welt der Erwachsenen vermittelt ihnen gerne mal, dass das alles nur an ihnen liegt, dabei sehen sie die Welt noch nicht durch die ganzen sozialen Filter, die wir im Laufe des Lebens erwerben und mit denen wir uns und allen anderen die Realität unserer Welterfahrung versichern.

Identität

Das bringt uns dann zum philosophischen Teil: die Frage nach der eigenen Identität, die Alice hier gestellt wird. „Who are you?“ fragt die Raupe und Alice antwortet aus einer reinen Körperlichkeit heraus, die sie an der Beantwortung der Frage scheitern lässt. Doch, wer sind wir eigentlich, wenn wir unsere physischen Dimensionen weglassen. Wer sind wir, wenn wir unsere Namen, diese von Fremden gegebenen Lautzuordnungen, weglassen? Was kann Alice also überhaupt antworten, worüber sie sich sicher sein kann? Die Raupe stellt also die Frage nach der eigenen Identität, die verloren geht, wenn wir uns der Welt nicht mehr sicher sein können. Die Antwort auf die Frage ist dann auch die Herausforderung vor der nicht nur Alice steht, wenn sie gefragt wird:

Who are you?