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The Non-Town Square – Warum sekundäre Oralität eben nur sekundär ist…

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie in meinem Literaturwissenschaftsstudium der Hypertext alle Vorstellungen von Literatur verändern wird. Netzartige Texte und sowas… ist jetzt alles irgendwie nicht passiert. Stattdessen haben wir Facebook, die dunkle Seite jeglicher textlicher Kultur. Und das ist auf die Dauer wahrscheinlich auch ein gesellschaftliches Problem.

Kommunikation ist die Methode der sozialen Umfeldgestaltung und Sprache das Mittel der Kommunikation. Die Medien in denen Sprache vermittelt wird wiederum beeinflussen die Botschaften, die gesendet werden können und wieviel Inhalt überhaupt vermittelt werden kann. Gesprochene Sprache, die von Gesicht zu Gesicht vorgetragen wird, ist die Art der Kommunikation für die Menschen biologisch geschaffen sind. Sprechen, Hören und Sehen sind alles Teile dieser Kommunikation. Wir hören nicht nur Lauten zu, denen wir Inhalte zuordnen, wir hören auch die Modulation der Stimme, auch produzieren wir diese Laute und schauen dabei dem Gegenüber ins Gesicht um dessen Ausdrücke zu deuten. Diese Art der Kommunikation ist nicht nur voller Redundanzen, sie ist auch diejenige Form, die die höchste Inhaltsdichte hat. Bei geschriebener Sprache wird das schon schwieriger. Hier müssen dann Ersatzkonstrukte her, die die Stimmflexion und ähnliches zur Not beschreiben. Das endet dann in Emojis und so. Bildlicher Ersatz für etwas, dass mit Text nicht zu vermitteln ist. Text ist nun einmal das abstrakteste Medium, das es so gibt. Bilder repräsentieren direkt, Text gar nicht. Technisch gesehen ist Text ja Bilder, die bestimmte Laute oder Lautkombinationen repräsentieren.

Und diese informationsarme Textform ist also die Basis der Internetkommunikation.1 Das trifft insbesondere für die Sprachverwendung in social media zu. Hierbei wird textbasiert kommuniziert, aber die Form ähnelt den oralen Verfahren der prä-Gutenberg Zeit. Dieses Phänomen des sekundären Oralität bedeutet, dass heutzutage orale Kommunikation mit schriftsprachlichen Mitteln durchgeführt wird. War nach Gutenberg und bis zur social media Schriftsprache hauptsächlich ein Medium, in dem Inhalte mit einer gewissen kulturellen Tragweite oder Offizialität vermittelt wurde2 und in dem im Endeffekt die großen Debatten der Gesellschaft verhandelt wurden, ist sie in der social media das Medium dessen geworden, was früher oral am Stammtisch oder Dorfbrunnen verhandelt wurde. Die These ist also, dass wir über social media zu einer weltweiten oralen Tradition zurückkehren, die allerdings auf literacy also Schriftsprache beruht. Damit wird die Zeit von Gutenberg bis zur social media zu einer Art Klammer in der Schriftsprache zur Verhandlung gesellschaftlich wichtiger Inhalte benutzt wurde, und hinter deren schließendem Teil wir nun wieder partikular in der Schriftform über unsere Nachbarn quatschen. Was das alles genau bedeutet, weiß ich auch erst einmal nicht.

Allerdings kann ich einen Beitrag leisten. Der oben genannte Unterschied zwischen gesprochener Sprache und Schriftsprache ist nämlich für die Kommunikation in der social media und damit dem virtuellen Dorfplatz durchaus wichtig. Dieser lebt nämlich von großen Mengen schriftlich übermittelter Information und wie ich oben schon gesagt habe, hat diese doch einige Defizite. Das bedeutet also, dass der Ort an dem ein Großteil der Kommunikation ausgeführt wird, auf einem Medium beruht, dass demjenigen, mit dem zwischenmenschliche Interaktion normalerweise abgehandelt wird, unterlegen ist. Das erhöht Missverständnisse und damit langläufig Konflikte, die dann auch weitaus schwerer aus der Welt geschafft werden können. Das bedeutet, dass auf dem neuen Marktplatz weitaus öfter Schlägereien ausbrechen werden, die dann auch weitaus weniger erfolgreich gelöst werden können. Der Ersatz der gesprochenen Sprache durch die Schriftsprache bedeutet eben auch, dass die gesprochene Sprache nicht adäquat ersetzt wird. Und das kann jetzt schon auf twitter und Facebook gesehen werden. Es wird unheimlich viel unheimlich ambivalenter Text produziert, der regelmäßig zu unbeabsichtigten Nebenwirkungen führt. Wenn die Beobachtung, dass schriftliche Medien die zentrale Kommunikationsform der sozialen Interaktion wird, stimmt, dann wird sehr wahrscheinlich auch gelten, dass diese soziale Interaktion sich im guten Fall neu strukturieren muss, um die sprachlichen Redundanzen zu schaffen,3 oder aber die gesellschaftlichen Konfliktlinien und die Störungen im Diskurs, die wir heute sehen, sind alles noch milde Phänomene.

  1. Ja, die Jugend spricht jetzt wieder in Mikrofone um sich Sprachnachrichten in Chats zu schicken. Das ist auch irgendwie… strange. Das Versprechen des Chats war es doch, dass mich nicht jeder Depp übergriffig anruft, oder? []
  2. Das ist auch im Schriftsprache vermittelnden Schulunterricht zu erkennen. Selbst der kitschige Liebesbrief hat eine gewisse Formailtät. []
  3. Emoji und die Sprachnachrichten sind ja da Zeichen. []