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Über Essen, Geld und Gesellschaft

Dies wird der eine große Post in dem ich versuche das Phänomenfeld mal zusammenzutragen. Hauptsächlich, weil ich einen Ort haben will, auf den ich zeigen kann, damit ich es nicht immer wieder erzählen muss.

Am Anfang, ein blöder Witz…

“Wie erkennt man auf einer Party einen Veganer?”

„Gar nicht, er wird es dir nach zwei Minuten selbst sagen.”

So blöde der Witz ist, so richtig ist er in einer Beziehung: Menschen, die Veganismus leben, neigen zu etwas mehr Sendungsbewusstsein und das hat damit zu tun, dass für viele dieser Menschen Veganismus eine aktive politische Einstellung ist. Das findet sich auch bei Vegetariern, aber in einem niedrigeren Maße, weil mehr Menschen, die vegetarisch leben, das auch aus nicht-politischen Gründen tun können. Veganismus ist also eine politische Lebenseinstellung, die auf der Nichtausbeutung von Tieren beruht. Dazu kommt heutzutage meist noch eine Betonung auf die Umweltschäden, die industrielle Fleischproduktion verursacht und die Tatsache, dass eine hoch fleischhaltige Diät ungesund ist.

Doch jetzt wird’s ernst…

Während Nichtausbeutung von Tieren eine ethische Frage ist, die eine eigene längliche Diskussion wert ist, haben die Veganer mit den Umwelt- und Gesundheitskonsequenzen recht. Das Referenzwerk hierfür ist leider immer noch der Bericht Lifestock’s Long Shadow der Lebensmittelorganisation der Vereinten Nationen. Industrielle Fleischproduktion hat einen starken Einfluss auf Landgestaltung, globale Erwärmung und Wasserreinheit. Dazu werden pflanzliche Lebensmittel minderer Qualität in Massen produziert um Fleisch zu produzieren. Wenn Transportkosten dazukommen wird das alles noch viel bitterer.

Fleischzentrierte Ernährung gilt als zentraler Punkt bei vielen Zivilisationskrankheiten, vor allem Gicht, hoher Blutdruck und Übergewicht. Weniger Fleisch wäre hier also auch mehr.

Die Schlussfolgerung der Veganer ist, kein Fleisch und keine tierischen Produkte mehr zu essen. Dagegen lässt sich nichts sagen, aber die Einsprüche der Fleischesser kommen schnell und dann ist der Diskurs im Eimer und es gibt nur noch Glaubensdiskussionen. Deswegen muss das mal auseinanderdividiert werden.

Der Umweltaspekt

Im Zentrum der ganzen Kritik an modernem Fleischessen steht eigentlich eine Kritik an der industriellen Landwirtschaft. Dies ist ein hochoptimierter Prozess mit dem das rasante Bevölkerungswachstum der letzten 200 Jahre überhaupt möglich geworden ist. Anstatt auf natürliche Zyklen zu achten, wurden mit Hilfe von synthetischen Produkten eine immer höhere Ausbeute auf den selben Flächen erzielt. Dabei entstanden Monokulturen, die von Pestiziden und Herbiziden geschützt werden müssen. Die Tierhaltung wurde automatisiert und von den Flächen in kontrollierte Hallen verfrachtet. Die Preise für die so produzierten Lebensmittel sanken stetig, vor allem, weil die Kosten, die diese Landwirtschaft an der Umwelt verursacht nicht mit eingepreist wurden.

Das kann schön beobachtet werden, wenn der ökologische Landbau als Vergleich herangezogen wird. Hier steigen die Fleischpreise sofort, während die Obst- und Gemüsepreise nahezu gleich bleiben.1 Also, kostet umweltgerechteres und wahrscheinlich auch tierfreundlicher hergestelltes Fleisch weitaus mehr als im Discounter. Die Preise dort haben mit den Kosten in der Wertschöpfungskette nichts zu tun, und noch weniger mit den Umweltkosten. Das ist alles schon wunderbar prekär, wenn wir bis hier schauen, doch es geht weiter.

Der Gesundheitsaspekt

Schließt sich hier gleich an. Die Bedingungen unter denen preiswertes Fleisch produziert wird, sind nicht nur für die Tiere furchtbar, sondern auch für die Konsumenten. Antibiotika werden regelmäßig als Wachstumssteigerer eingesetzt und führen zu immer mehr Resistenzen bei den Konsumenten und damit zu direkter Lebensgefahr. Ein erhellende Unterhaltung mit einem Veterinärmediziner zu dem Thema findet sich beim Küchenstudio. Das bedeutet also, dass billiges Fleisch eine ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko darstellt. Das ist nicht unbedingt flächendeckend bekannt, aber interessiert auch weniger Leute und damit kommen wir zum Minenfeld der ganzen Angelegenheit.

Der soziale Aspekt

Billiges Fleisch ist also ein echte Problem für unsere Umwelt und eine Gefahr für uns selbst. Die Lösung der Veganer ist: wir lassen das einfach. Das ist valide und okay. Doch irgendwie will der Rest der Welt nicht folgen und weil ich mich hier mehrfach über Diskurs unterhalten habe, möchte ich versuchen das Problem von der religiös-ideologischen Seite auf eine verständnisbasierte zu stellen und weil ich gerne vorne anfange, geht es etwas zurück in die Geschichte.

Historisch gesehen ist Fleisch ein Lebensmittel der Reichen. Die englischen Wörter für die fleischproduzierenden Tiere sind allesamt germanischen Ursprungs, während die Wörter, die für das Fleisch verwendet werden alle französische Wurzeln haben, weil nur der französisch-sprechende Adel das Fleisch zu essen bekam. Diese Struktur zieht sich in Deutschland bis nach dem ersten Weltkrieg durch. Erst in der Weimarer Republik und später nach dem 2. Weltkrieg etabliert sich Fleisch als Grundlebensmittel. Dieses Zeichen des Reichtums will plötzlich jeder haben. Das Standardprestige von Fleisch setzte sich so sehr durch, dass Fleischkonsum „normal“ wurde und damit Ziel von alternativen gesellschaftlichen Strömungen, die ab den 70ern Fleischessen auch als Zeichen des Bürgertums ablehnte. Vegetarismus und Veganismus folgten dem und sind nun anerkannte Lebenseinstellungen, die von Menschen im Alter zwischen 16 und 40 als normal oder positiv angesehen werden.

Die ältere und konservativere Gruppe in der Gesellschaft kann mit diesen Einstellungen allerdings wenig anfangen, schließlich fühlt sich Fleischkonsum als traditionell überkommen und heimisch an. Dazu kommt, dass ein größerer Teil dieser Menschen in einer Situation lebt, in der eine bewusste Auswahl der Lebensmittel eine niedrige persönliche Präferenz einnimmt, zumeist weil aus ihrer Perspektive das Geld fehlt um sich fleischfrei zu ernähren. Schließlich sind ironischerweise die billigsten Convenienceprodukte im Discounter fleischhaltig und teurer als das Gemüse. Hier entsteht dann ein argumentativer Grabenkrieg zwischen den „linken Ökofritzen“, die darauf hinweisen, dass gesundes fleischfreies Leben wichtig ist und den „konservativen Fleischfressern“, die darauf hinweisen, dass sie sich diesen teuren Scheiß nicht leisten können und vor der Umwelt nun einmal die Moral kommt.

Dieser Streit ist emotionalisiert und lässt sich auf dieser Ebene eigentlich nicht lösen. Die Vorwürfe sind genauso sinnlos wie berechtigt und zeigen das wahre Problem eigentlich nicht auf. Der Streit, der hier so emotional geführt wird, kann besser diskutiert werden, wenn man sich ein paar Ideen aus dem Resonatorpodcast zur Umweltökonomie ansieht. Zum einen muss die alternativ-progressive Seite verstehen, dass es das 1-10-90 Phänomen gibt: eine Person ändert ihr Verhalten, sie kann neun weitere überzeugen ihr zu folgen, aber die anderen neunzig werden so weitermachen wie vorher. Es bringt nichts die neunzig Prozent dafür anzuschreien, dass sie aus ihrer Sicht „normal“ sind. Das bedeutet jetzt etwas ganz Schreckliches für dieses gesellschaftliche Problemfeld…

es braucht Politik…

Politik heißt ja verbindliches gesellschaftliches Konfliktlösen. Das könnte man jetzt auch machen. Und weil es hier am Ende um Kompromisse geht, fallen Radikallösungen aus. Also das Verbot von industrieller Landwirtschaft genauso wie die Idee, dass das alles einfach so weitergeht. Bevölkerungserziehung ist die feuchte Wichsfantasie der Innenpolitiker, also auch eine schlechte Idee. Dann bleibt eigentlich nur noch der Weg, den der Umweltökonom in oben genanntem Podcast zeichnet: wir müssen die Umweltkosten von Lebensmittelproduktion einpreisen. Das geht über Steuern ziemlich einfach.

Doch hier kommt das verborgene Problem hinter der Diskussion. Werden die Umweltkosten eingepreist, dann werden die unteren Statusgruppen sich wieder ernähren müssen wie vor 200 Jahren und damit wäre der kollektive Traum des gesellschaftlichen Aufstiegs bestmöglich widerlegt. Deswegen ist die Frage des Fleischessen eine der sozialen Gerechtigkeit. Möchte die Gesellschaft auf der einen Seite nachhaltige, ökologische und gesunde Lebensmittelproduktion, dann muss sie auf der anderen Seite dafür sorgen, dass die Kosten, die diese Produktion erzeugt auch von allen ihrer Teile bezahlt werden können. Das bedeutet, dass Sozialsstaatlichkeit die Grundlage von strukturellem Umweltschutz ist.

Doch diese Sozialsstaatlichkeit ist noch schwerer durchzusetzen als ein Veggie Day.

  1. Insbesondere in der Saison. Im Biomarkt ändert sich das Sortiment mit der Saison mehr. Das die Stabilität der Obst/Gemüseabteilung gleichbedeutend mit höherer Umweltbelastung durch Transport ist, kann man sich denken. []

Diskursfindungsschwierigkeiten

Um auch weiterhin den Eindruck zu erwecken, dass sich hier das soziologische Kaffekränzchen Rundbriefe schreibt, möchte ich mich diesem Artikel vom sozioblogen äußern. Er verlangt danach, dass wir wieder mehr Diskurs brauchen. Dieser weisen Erkenntnis stimme ich zu. Mein Beitrag ist eher als Analyse gedacht, wo denn der Diskurs überhaupt hin verschwunden ist. Auch hier gilt mal wieder, wenig neues, aber wenn nicht bekannt ist, wo etwas herkommt, wird es mit dem wegkommen noch schwieriger.

In meiner Jugend…

Opa erzählt vom Krieg, oder besser von der Welt vor dem Jahr 2000. Da hatte er ein Festnetztelefon, einen Computer, der nicht an das Internet angeschlossen war und ein Fahrrad. Die Diskussion über Politik war gestützt auf Zeitung, Fernsehen und direkte Sprache. Wenn etwas medial neu geschehen ist, dann war das Einzige, was einen davon abhielt keine Ahnung davon zu haben, wovon der Rest sprach, kein Privatfernsehen zu haben.

Das Netz ist toll! wait…

So, und jetzt ist Medienwandel. Print liegt in den letzten Zügen, Radio ist nur noch Gedudel, Fernsehen ist für Rentner, Facebook ist für Rechte, twitter für Linke und die Jugend ist auf Snapchat1. Das ist so ungefähr und damit muss jetzt mal umgegangen werden. Es bedeutet aber auch etwas: der gesellschaftliche Diskurs ist komplett zersplittert, denn der Ort der ihn bisher vereinigt hat, sind die Massenmedien. Der Diskurs von Mensch zu Mensch wird dabei immer schwerer. In der Schule kann man erleben, dass Klassen keine Klassengemeinschaft mehr bilden, weil die Menschen, die im selben Raum sitzen, einen virtuellen sozialen Raum über den halben Landkreis aufspannen.

Das bedeutet dann aber auch, dass die Leute eben nicht mal mehr miteinander reden müssen, wenn sie im selben Raum sitzen. Und wir Lehrer wollen eigentlich auch, dass sie nur über unsere Themen reden, wenn sie miteinander reden. Der Diskurs mit anders denkenden Menschen ist also maximal mit Lehrern möglich, aber die sind soziales Hintergrundrauschen. Es ist für die meisten Leute technisch unmöglich einen Diskurs mit einer andersdenkenden Person zu führen.

Da die sozialen Medien dazu neigen den Nutzern nur Inhalte vorzuzeigen, die zur eigenen Weltwahrnehmung passen, also werden andere Weltsichten so antagonisiert, dass sie nur noch böse sind. Die einfachen Lösungen halt. Es wird aufgrund der enormen sozialen Beweislast gedacht, dass man selbst definitiv nicht falsch liegen kann, weil alle anderen es ja auch so sehen.

Das sind alles Bedingungen, in denen sozialer Diskurs eigentlich fast unmöglich geworden ist, außer er ist unvermeidbar, wie in Schulen oder größeren sozialen Anlässen, aber selbst da wird ja nicht mehr geredet, sondern gechattet und fotografiert.

Also, ja wir brauchen mehr Diskurs, aber vorher muss erstmal das Problem gelöst werden, dass die unterschiedlichen Gruppen wieder im selben Raum sind.

  1. oder so… []

Am Ende des Alphabets – Die Generation Z, die Zukunft und warum sie nicht kommt.

Ich habe Ferien und deswegen Zeit für längliche Artikel. Im ganzen Input, der gerade so über mich drüber fließt, und auch in der Betrachtung meiner Seminarfahrt nach Berlin, will ich mal darüber reden, was wir am Horizont sehen, was wir wissen, das sich bald ändert und warum die aktuelle Generation an Studierenden und Schüler*innen wahrscheinlich an dieser Zukunft scheitern wird.

Die Zukunft der Wirtschaft

Die Automatisierung kommt, wenn sie nicht schon da gewesen ist. Als nächstes sind die ersten white collar jobs dran, die wir gegen neuronale Netze ersetzen. Je rationalistischer und sachbezogener ein Beruf ist, desto weniger braucht man dafür noch Menschen. Je kreativer und sozialer ein Beruf ist, desto mehr braucht man dafür Menschen, doch bezahlt wird dafür umso weniger. Die Religion des Rationalismus frisst sich langsam selbst. aber immerhin macht es Spaß dabei zuzusehen.

Die Zukunft der Gesellschaft

Gleichzeitig fragmentiert sich die soziale Realität immer mehr in kleine Stücke, die durch Algorithmen mit immer den gleichen Informationen versorgt werden und sich damit von einer geteilten medial vermittelten Wirklichkeit immer mehr entfernen. Die Gesellschaft zerfällt also in kleine Teile, die alle nebeneinander stehen, aber nicht mehr mit einer gemeinsamen Realitätserzählung verbunden werden. Jeder lebt in seiner Blase, die schön bequem und gleichzeitig unwirklich ist.

Die Zukunft der Politik

Und damit wird Politik zum Selbstläufer, weil es keinen Sinn mehr macht die einzelnen granularen Gesellschaftsbrocken noch zu fragen. Also wird einfach nach Bequemlichkeit regiert. Solange die meisten Leute keine offensichtlichen Nachteile haben, ist alles okay. Es geht nur noch um Zufriedenheit als Wert, genauso wie in den sozialen Netzwerken. Politik versucht aus der Wahrnehmung zu verschwinden und nur noch Wohlgefühl hervorzurufen. Dabei geht die Idee der Gesellschaftsgestaltung komplett unter. Aber dann, eine granulare Gesellschaft ist auch nicht mehr zu gestalten.

Die Zukunft der Bildung

Setzt dem allen nichts entgegen, sondern forciert es. Es werden einfache formelhafte Lösungen, gesellschaftliche Anpassung und berechenbares Verhalten belohnt. Das Ziel der Bildung wurde für Selektion und Qualifikation aufgegeben und an den Hochschulen wird noch mehr Schule betrieben als an den Schulen. Die Kreativität und Freiheit, die Innovation möglich macht, wird unter Strukturen erstickt, anstatt Lernen freier zu machen, wird versucht es durch Organisation zu zähmen. Die Bildungssysteme sollen Bildung produzieren, aber dieser Gedanke allein macht Bildung unmöglich.

Die Zukunft des Planeten

Es wird über viele Dinge nicht ausreichend diskutiert, weil die überalternden Gesellschaften des Westens kein Interesse mehr an Zukunftsgestaltung haben. Konservativismus erstickt die sozialen, diplomatischen und ökologischen Diskussionen, die wir führen müssten.

Generation Z

Und in diesem Umfeld wächst eine junge Generation auf, der eingeredet wird, dass sie in den jetzt schon versagenden Regeln nur Erfolg haben wird, wenn sie diesen folgt. Dabei wird sie wie keine Generation zuvor mit falschen Aufstiegsversprechen gelockt und mit Existenzverlust bedroht. Uniformität und Anpassung an ein System, das jetzt schon ungeeignet ist Menschen auf die Zukunft vorzubereiten, wird als Allheilmittel gesehen und ist dabei nur ein Cargo Cult, dem sinnlos in der Hoffnung hinterhergerannt wird, dass man das alles noch gesund beten kann. Die Generation Z steckt zwischen Anforderungsüberfrachtung, Zukunftsangst und sinnfreien Ritualen fest und hat Angst sich zu bewegen, weil man da etwas falsch machen kann. Also wird Eskapismus zur größten Aufgabe, lieber noch mal schnell auf Snapchat, als in eine Welt blicken, die einem Angst macht. Irgendwo zwischen Duldungsstarre und Disengagiertheit versuchen den letzten sicheren Job zu kriegen, damit die Eltern nicht meckern.

Noch nie waren Jugendliche so angepasst wie heute, noch nie hatten Jugendliche so viel Angst sich selbst zu verwirklichen, noch nie haben die Alten so gut dafür gesorgt, dass sich Fortschritt nicht mehr durchsetzt und noch nie haben es junge Leute so bereitwillig akzeptiert.

In einem neuen Biedermeier werden Instagramfotos getauscht und sich selbst beweihräuchert, während die Welt um einen herum durch das Missmanagement der Großelterngeneration verrottet. Und während die Generation Y sich noch darüber streitet, welche Soja-Latte jetzt bei gleichzeitiger Umweltfreundlichkeit besser schmeckt und wie sie am besten gegendert wird, ist das der nächsten Generation schon egal, weil die nur noch hoffen kann, dass sie einen Arbeitsplatz bekommt, an dem sie nicht offensichtlich ausgebeutet wird.

Unsere Moderne ist nicht so modern…

Ich habe gerade auf piqd einen Anreißer gelesen, in dem eine Guardian Autorin mit dieser Perle zitiert wird:

We are finally beginning to recognise that sexuality is neither a binary nor fixed. That love, attraction, identity, attachment and sexuality are more layered and interesting than they have been allowed to be represented in public space until now and that as their complexity is opened to us the crudity of realising you were always gay or always straight is for many people a nonsense.

Dazu fiel mir dann mal wieder auf, wie selbstbesoffen diese Diskussion geführt wird. Das hat zwei Gründe:

Zum einen wird davon ausgegangen, dass irgendwelche avantgardistischen Diskussionen in irgendwelchen Zeitungen1 irgendeine Relevanz für einen Großteil der Welt haben. Das trifft nicht einmal für die Gesellschaften zu aus denen die Beiträge stammen. Im abgehängten Viertel irgendeiner Stadt interessiert es niemanden, dass wir jetzt Sexualität und Partnerschaft so komplex sehen, wie sie sind. Dort wird das nur gelebt. Teilweise in aller Privatesse, aber auch öffentlich. Geredet wird darüber nur in Medien, die jetzt mitbekommen, dass der Zeitgeist gegen die, von ihnen produzierten, Normalitäten weht. Da müssen jetzt Sachen öffentlich diskutiert werden, die soundso stattfinden, und deren mangelnde Öffentlichkeit hauptsächlich mit den selben Gatekeepern zu tun hat, die das jetzt als Thema entdecken.

Zum anderen ist das doch gar keine neue Erkenntnis. Sie wurde nur bisher nicht von gesellschaftlich als relevant angesehenen Medien ausgesprochen. Jedenfalls seit ungefähr 200 Jahren nicht mehr. Vorher war es eher so normal, weil die sozialen Kreise kleiner waren und damit auch permissiver, wenn es darum ging Abweichungen in ihrem Inneren zu erdulden. Diese Permissivität würde irgendwann mal gegen die Anonymität der Stadt ersetzt, aber dass Liebe und Sexualität komplex sind, ist nur eine Neuigkeit für die Moderne, wie sie medial verbreitet wird. Und diese orientiert sich in ihrer Modernitätserzählung spätestens am 19. Jahrhundert. Nur wurde da schon einiges an gesellschaftlichem Liberalismus durch Konventionen ersetzt, die dann später ernst genommen wurden. Was vorher war, können wir nur an wenigen Artefakten nachweisen, die von engen Bevölkerungsschichten mit konkreten Absichten erstellt wurden. Dementsprechend ist es vielleicht gewagt davon zu reden, dass in der Öffentlichkeit Sexualität und Geschlecht noch nie so offen verhandelt wurden. Wir wissen nicht, wie das so vor 1000 Jahren war und damit ist die Aussage doch etwas gewagt.

Man sollte sich vielleicht weniger auf die eigene Modernität etwas einbilden als sich die Frage zu stellen, warum Dinge für unsere Gesellschaft außergewöhnlich sind, die in anderen Kulturkreisen und Zeiten vielleicht schon total normal waren, bevor wir sie kolonialistisch wegmcdonaldisiert haben.

  1. Oder solchen Blogs hier… []

Über Selbstwirksamkeit…

Ich habe die letzten Tage mit verschiedenen Menschen über die Zukunft und den Sinn im Leben geredet. Dabei drehte es sich um das Konzept des Ikigai. Bei dieser Technik stellt man sich vier Fragen:

  • Was liebst du?
  • Was kannst du gut?
  • Wofür kannst du bezahlt werden?
  • Was braucht die Gesellschaft?

Nun möchte ich nicht aufschreiben, wie man damit den Sinn des Lebens findet. Da ist Google euer Freund. Die Fragen sollen helfen, herauszufinden, was einen antreibt, womit man wirtschaftlichen Erfolg haben kann und welche Fähigkeiten man hat. Die letzte Frage zeigt die japanische Herkunft des Prinzips und stellt die Frage nach der gesellschaftlichen Wirkung. Meine beiden Gesprächpartner hatten mit dieser Frage das größte Problem und beide aus ähnlichen Gründen. Wir sind kulturell darauf getrimmt unsere Selbstwirksamkeit in dieser Welt und diese Dimension unserer Existenz zu unterschätzen. Das ist tragisch, doch weil ich einen Bildungsauftrag habe, erkläre ich erstmal kurz, wo es herkommt.

Exkurs: Prädestination und das Lied der eigenen Unfähigkeit

Das Christentum beruft sich auf die Aussagen eines Zimmermanns, der vor ungefähr 2000 Jahren in Vorderasien gewohnt hat. Das, was dieser laut verschiedener schriftlicher Überlieferungen so erzählt hat, war eine Menschenbild, das darauf beruhte Menschen als das zu akzeptieren, wer sie waren und jeder Person einen Wert zuzugestehen, der weder vehandelbar noch von sozialem Status abhängig ist. Ethisch großes Tennis, dann folgten 2000 Jahre Menschheit und die Verwässerung dieser Idee durch Hierarchie, Macht und zu kurze Penisse.1

Das wurde so schlimm, bis am Ende des 15. Jahrhunderts Leute das System rebooten wollten. Einer davon war Luther, ein anderer hieß Calvin. Calvin hatte ne Superidee: Was, wenn Gott schon vor unserer Geburt festlegt, wieviel wir in seiner Gunst stehen oder auch: wieviel Erfolg wir im Leben haben. Der Fachbegriff ist Prädestination. Unsere Bestimmung ist von Gott vorher festgelegt. Doch wir können herausfinden, ob Gott es gut mit uns meint

Daraus wurde dann in den nächsten 200-300 Jahren das, was Max Weber als protestantische Ethik beschreibt. Die Idee, dass nur der eigene Erfolg einen zu einem guten Menschen macht, ist so wirkmächtig geworden, dass Erfolg und Leistung zu den nahezu einzigen Dimensionen des Lebens geworden sind, die Relevanz zu besitzen scheinen. Dabei gibt es weder für Erfolg noch Leistung eines Menschen eine Messbarkeit. Genau dieser Umstand wird seitdem dazu genutzt Menschen anzutreiben, sich selbst auszubeuten. Das geschieht in dem Erfolg und Leistung schlicht immer als mehr als was du gerade tust operationalisiert wird.

Diese Idee wird in alle Menschen von verschiedenen Akteuren hineinsozialisiert. Ganz vorne stehen hierbei die Schulen und die Wirtschaft. Wichtig ist auch, dass Minderleistung immer als persönliches Defizit und nie als Chance oder naturgegeben gesehen werden kann. Um es salopp auszudrücken: wir werden alle dazu erzogen uns selbst ein Lied unserer eigenen Unfähigkeit vorzusingen und danach zu streben ein besserer Mensch zu werden, in dem wir uns selbst ausbeuten.

Selbstwirksamkeit erkennen und entwickeln

Wie alle sozialen Konstrukte braucht auch dieses Viabilität, wir müssen also die Wirklichkeit dahingehend prüfen, ob das, was wir uns erzählen damit übereinstimmt. Schauen wir doch erst einmal auf die Auswirkungen dieses Konstruktes:

Die Europäische Organisation für Sicherheit und Gesundheit sagt, dass es zwar keine europäischen Zahlen für Burnout gibt, nennt aber Werte von 2-10% der Bevölkerung, die darunter leiden. Die Anzahl der Menschen, die unter arbeitsbegründetem Stress leiden liegt bei 20%. Das kostet uns 20 Milliarden Euro jedes Jahr.

Die Unzufriedenheit mit dem beruflichen Erfolg und ähnliche Phänomene führen zu Depressionen, die 25% der Ausfalltage pro Jahr verursachen.

Soweit, so traurig… doch das ist noch nicht alles. Der Umgang mit Menschen, die sich selbst als unfähig wahrnehmen ist auch pädagogisch relevant. In einem Schulsystem, das rein auf Performance abgestellt ist, haben gerade misserfolgsmotivierte Personen ein Problem, da ihnen das Versagen auf der Sachebene immer ein Versagen auf der menschlichen Ebene attestiert. Hier müssen dann Lehrkräfte und pädagogisches Unterstützungspersonal unheimlich viel Arbeit leisten, um dieses Problem zu behandeln.

Und im Kern hiervon steht die große Frage: was braucht die Welt? Deren Antwort aber grundlegend immer: „DICH!” lautet. Die Tatsache, dass so viele Menschen nicht an ihrer Wirksamkeit für die Welt glauben, ist ein Ergebnis dessen, dass die tägliche soziale Arbeit, die sie an ihrer Umwelt verrichten, genauso wenig gewürdigt wird, wie diese Menschen angeleitet werden zu erkennen, dass ihr Beitrag zur Gesellschaft immer mehr als das Verkaufen der eigenen Arbeitskraft ist. Ihre Selbstwirksamkeit in der Welt zu erkennen und entgegen ihrer Sozialisation anzunehmen ist eine der wichtigsten Aufgaben, die wir als Gesellschaft zu bewältigen haben. Es muss davon weggehen, dass der Mensch nur eine wirtschaftliche Relevanz und hin zu einer holistischen Betrachtung einer Person. Dazu muss es Ziel von Bildung und Erziehung sein, dass jede Person ihre Selbstwirksamkeit in dieser Welt aktiv erlebt und richtig einschätzt. Viel zu oft wird geglaubt, dass eine Person zu wenig für die Welt tut, dass das Menschenmögliche nicht genug ist, dass ich nicht genug bin, dass mein Beitrag zu wenig ist.

Diese Perspektive ist zutiefst schädlich für diejenigen, die sie einnehmen und für eine Welt, die eigentlich hofft, dass diese Menschen ihr Bestes geben. Diese Erwartung muss beinhalten, dass klar ist, dass diese Leistung ihre Grenzen im Möglichen hat und nur vollkommen ausgeschöpft werden kann, wenn sich die Person ihrer Selbstwirksamkeit, deren Grenzen, und der entsprechenden Verantwortung gegenüber sich und der Welt bewusst ist.

  1. Das ist bei der Kirche kein Sexismus… []

HCH018 Nach Mecklenburg-Vorpommern

In dieser eher denkerischen Folge gibt es den Blick aus der Distanz auf die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Irgendwo zwischen Dystopie und Resignation erwächst auch hier wieder die Hoffnung im Kleinen.

Als kleine Anregung sei noch auf This is Water von David Foster Wallace hingewiesen, das einen ähnlichen Gedanken, wie ich ihn formuliere besser aufgreift.

Lasst uns mehr über Geld reden…

In einem der geschützten Kommunikationsräume in diesem Netz bekam ich gerade einen Impuls meine Finanzen mal aufzuschreiben und darüber zu schreiben, wie die so aussehen. Es ist ein sehr interessantes Experiment, das hier seinen Ursprung hat. Dazu gibt es jetzt ein paar Gedanken…

Das verbotene Thema

Über Geld zu reden gilt als Tabu. Es bringt Neid, Ungerechtigkeit und so weiter. Das ist jedenfalls etwas, das meine Eltern sagen. Ich habe das nie so empfunden, was unter anderem daran liegt, dass mein Gehalt öffentlich ist. Doch es ist ein verbotenes Thema, aber warum eigentlich?

Status, Status, fuck you…

Es geht hier eigentlich um Status und es geht auch wieder um die Annahme, dass die neoliberale Denke des selbstbezogenen rational denkenden Konkurrenzmenschen, tatsächlich eine realistische Beschreibung von Menschen ist. Dass das Quatsch ist, habe ich nun mittlerweile so länglich beschrieben, dass ich es nicht noch einmal mache. Die Frage, die sich aber stellt ist: wer hat eigentlich davon noch einen Vorteil, dass die Gesellschaft nicht großflächig anfängt über ihr Einkommen zu reden? Es ist die neoliberal organisierte Wirtschaft, die Vorteile davon hat, dass Menschen Neid aufeinander haben und eben nicht vergleichen können, ob sie genauso viel Geld bekommen wie andere. Dann kann man nämlich jeder Person etwas anderes erzählen und mit dem angeblichen Gehalt der anderen den Preis drücken.

Dieses soziale Konstrukt hat wie in vielen anderen Bereichen unser Denken vergiftet. Nun gibt es Neid schon immer, aber man weiß trotzdem grob, welche finanziellen Verhältnisse andere Menschen haben und meist ist es gar nicht so wichtig. Geld ist für erstaunlich viele Menschen nicht der Mittelpunkt der Welt und wenn es für das für Menschen ist, dann eigentlich nur aus zwei möglichen Gründen: sie haben zuviel oder zuwenig davon. Letztere sind in ihrer Existenz bedroht, erstere wissen nicht was sie mit der Kohle anfangen sollen oder haben Angst sie zu verlieren. Beides verbaut die Sicht auf die wichtigen Dinge im Leben. Das bedeutet umso mehr, dass Geld ein Thema werden muss, über das man redet, allein schon aus gesellschaftlichen Gerechtigkeitserwägungen. Solange Geld von Menschen als Neidmotor gesehen wird, solange kann es einfach zur gesellschaftlichen Manipulation genutzt werden.

Lasst uns mehr über Geld reden…

Deswegen denke ich, dass es besser ist, wenn wir mehr über Geld reden. Nicht unbedingt mit der lieben weiten Welt, dafür ist die Zelt noch nicht bereit.1 Denn dafür müssten die Deutschen in der Breite die Heterogenität der eigenen Gesellschaft akzeptieren und sich dann mit der Frage beschäftigen, was eigentlich die einzelnen sozialen Gruppen so ausmacht. Doch mit Freunden, Bekannten und so weiter, sollte man vielleicht regelmäßig über Geld reden, allein schon, weil die Person gegenüber vielleicht sogar eine Hilfestellung hat, wie man das eigene Problem lösen kann.

  1. Wir sind ja nicht Norwegen, wo die Steuerdaten von allen öffentlich sind. []

Aus der Zeitung – die Generation Z liegt auf der Gamescom rum…

„Pointiert gesagt: Man wurde – nach der „Prosumenten„-Phase des Web 2.0 – mit Haut und Haar wieder zum Konsumenten. Kann das ohne soziale Folgen bleiben? Schon heute halten es viele Jüngere ja für weniger absurd, große Umwege auf sich zu nehmen, um Pokémons einzusammeln, als sich etwa gegen den Zerfall Europas zu engagieren. Mit dem Übergang in die neue Epoche der Virtual-Reality-Spiele könnte der Abstand zur Lebenswirklichkeit noch einmal zunehmen. Innere Emigration darf man es vielleicht nicht nennen, wenn ein ganzes Subsystem der Gesellschaft diesen so viel logischer als die Wirklichkeit strukturierten Raum kollektiv aufsucht. Weltflucht aber allemal.“

Aus: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/auf-der-gamescom-in-koeln-herrscht-die-virtuelle-realitaet-14396612-p3.html

Oder um es anders zu sagen: die Generation Y hinterfragt gerade die Welt, während die Generation Z die Gegenbewegung ausführt und sich in eine konservative Duldungsstarre ergibt in der sie hofft, dass die schöne alte Welt, die ihre Vorgänger aus der Erkenntnis der dauerhaften Veränderung hinterfragen, wieder zurückkommt und sie auch alle tolle 9-5 Jobs mit Einfamilienhaus und Garten haben können.

Diesen Traum hat aber die Generation der Babyboomer mit ihrem Raubbau an der Welt zerstört und jetzt deren Verhalten zu simulieren dreht die Uhr nicht zurück.

Über die bröckelnde Wirklichkeit

Es heißt ja so schön, dass die moderne Technologie die Welt entzaubert und uns immer mehr Wahrheiten zeigen kann. Information ist unheimlich schnell und kann immer ungefilterter wahrgenommen werden. Das ist jedenfalls das Märchen, das sich da gegenseitig erzählt wird und das nur für wenige Menschen an sich wahr ist. In Stefan Schulz’ Buch Redaktionsschluss stellt er die Frage, ob und wie wir uns eigentlich noch darüber verständigen können, was uns betrifft. Paraphrasiert ist das die Frage nach der gesamtgesellschaftlichen Realitätskonstruktion, die durch Medien und gegenseitige Erzählung generiert wird.

Die wird eigentlich immer friedfertiger, weil der oder die Einzelne in der Facebooktimeline nur noch Sachen findet, die die eigene Realitätskonstruktion unterstützt und bevorzugt alles wegfiltert was ein Ausloggen verhindern kann. Der Anwender denkt also, dass das was ihn betrifft alle betrifft und seine Meinung die Mehrheitsmeinung ist. Das scheitert nur, wenn die Benutzer aus ihrer Weltsicht heraus versuchen ihre nichtvorhandene Reichweite auf Facebook zu benutzen, um die „Andersdenkenden“, die solche Nachrichten gar nicht zu sehen bekommen zu bekehren oder wenn die eigene Blase aus sozialen Gründen Menschen beinhaltet, die eine andere Realität haben.

Letztere sind dann meist der rassistische Onkel, dessen NPD Beiträge man lesen muss und erstere die Veganer und Vegetarier, die anderen Veganern und Vegetariern die ganze Zeit gequälte Tiere zeigen, damit diese aufhören Fleisch zu essen. Daran kann man auch erkennen, dass Realität für viele nur noch in Medien existiert und die meisten Menschen sich nach einer heilen Welt sehen, die ihnen digital vorgegaukelt wird und dann in einer massiven kognitiven Dissonanz mit der wahrgenommenen Realität endet, die sich dann halt auch entlädt. Dabei ist die Wirklichkeit, die uns verbindet meist ganz anders strukturiert als die Geschichten, die man sich erzählt und die Frage, was das Gute ist, hängt dann doch sehr von der eigenen Weltkonstruktion ab. Was dann passiert kann man sich nun immer wieder ansehen. Alle wollen nur das Gute, aber das gibt es nicht, denn die Welt ist komplex und wird nicht mehr verstanden. Stattdessen stehen sich Menschen mit ihren partikularen Weltkonstrukten gegenüber und schreien sich gegenseitig in Unverständnis an. Und weil es so schön ist, gibt es jetzt mal das aktuelle Beispiel.

Panama und Böhmermann, Edogan und PEGIDA, AfD und GEZ

Was hat das alles miteinander zu tun? Wenig? Nichts? Etwas? Das ist alles Realität, aber erstmal die groben Fakten.1

Die Fakten

Die Panamapapers sind das Ergebnis einer einjährigen Recherche von Datenleaks aus einer Anwaltskanzlei, die Briefkastenfirmen in Panama besorgt hat. Das Ergebnis ist erstaunlich: die Reichen haben Briefkastenfirmen und hinterziehen damit vielleicht(!) sogar Steuern. 

Jan Böhmermann hat den türkischen Staatspräsidenten Erdogan (und die komplette Türkei) in einem Schmähgedicht mit metaphorischer Gülle übergossen und vorher gesagt, dass man das nicht darf. Das ZDF hat das gelöscht, die Staatsanwälte ermitteln.

PEGIDA steht regelmäßig auf allen möglichen Plätzen und hetzt mehr oder weniger offen gegen die regierende Politikerkaste. Die selbe Gruppe an Menschen wählt die AfD und hofft, dass Politik mit dieser wieder ehrlich wird.

Dazu betiteln sie die Medien gerne als Lügenpresse, was dann AfD Europaparlamentarierin Beatrix von Storch ein gepfändetes Konto beschert, weil sie zwar bei Anne Will sitzt, aber das eigene Honorar nicht mitbezahlen möchte.

Die Sichtweisen

Bei den Panamapapers sind sich alle einig, dass sowas2 nicht okay ist. Was immer das auch sein mag. Hier eine kurze unvollständige Liste:

  • Briefkastenfirmen an sich
  • Der Großkapitalismus
  • Steuerhinterziehung allgemein
  • Steuerhinterziehung des Cellisten von Vladimir Putin
  • Dass die da oben mit allem durchkommen
  • die Presse eh wieder lügt
  • bekannt wird, wer Briefkastenfirmen hat
  • in Idomeni Menschen sitzen und uns das hier interessiret
  • die immer noch alle Fleisch essen!
  • sinnloser Datenjournalismus ohne das Aufdecken einer Struktur

Im allgemeinen kann man hier sehr gut seine ungerichtete Unzfriedenheit gut wiederfinden. Es gibt nahezu niemanden der die Komplexität des Materials versteht und die Frage, wo eigentlich der Nachrichtenwert ist, also jetzt mal jenseits der SZ, die sehr viel Papier und Klickwerbung verkauft hat in den letzten Tagen. Das Ergebnis und die Wirkung dieses „größten Leaks in der Geschichte des Journalismus“ werden wohl in einem halben Jahr mit dem Wort „überschaubar“ gewertet werden. Sicher ist nur eins, man konnte sich empören, konnte sich ablenken und Gerechtigkeiten fordern, die dann nicht geliefert werden.

Zu Jan Böhmermann gibt es eher so Aussagen, dass es doch nicht sein kann, dass:

  • jemand das nicht lustig findet
  • jemand das lustig findet
  • jemand sich dadurch beleidigt fühlt
  • jemand sich nicht dadurch beleidigt fühlt
  • Satire alles können sollte
  • Satire nicht alles können sollte
  • das keine Kunst ist
  • das Kunst ist
  • Böhmermann angeklagt wird
  • Böhmermann nicht angeklagt wird
  • Erdogan das Ziel von Beleidigungen ist
  • Erdogan nicht das Ziel von Beleidigungen ist

Was dabei komplett verloren ging sind zwei Fragen, die mich hierzu auch umtreiben: 

Erstens wie möchten wir überhaupt miteinander kommunizieren. Kritik und Meinungsäußerung gegenüber Politikern ist nötig, sinnvoll und wichtig für eine Demokratie3. Doch nur einfach nur Leute anpissen, ja auch mit der ironischen Brechung vorneweg, dass man sagt, dass es verboten ist, zeigt dann doch eine Art der Kommunikation, die einfach Beifall bekommt, aber von der niemand Ziel sein möchte. Deswegen gibt es Regeln, die bestimmte Arten von Äußerungen justiziabel machen. Dazu haben wir eh kaum eine moralisch bessere Position gegen Erdogan, kurz nachdem der uns vertraglich zugesichert hat uns schön die ganzen flüchtenden Syrer und Syrerinnen vom Leibe zu halten.

Das zweite ist die Frage, wer da eigentlich das Ziel der Aktion war. Immerhin haben sich viele Menschen dazu geäußert. Böhmermann ist, auch hier, Thema, aber ist es nicht auch die eigene Bigotterie in Deutschland? Zum einen haben wir Beleidigungsgesetze, zum anderen scheint es für Böhmermann nur soviel Zustimmung von den billigen Rängen zu geben, weil er einen aufgebauten Feind der Demokratie als Ziel hatte. Erdogan ist also das Ziel und als solches akzeptabel, weil er selbst eher zum Großherrschergebahren neigt. Wenn das Ziel die Bundeskanzlerin ist, ist es nicht mehr okay.

Das merkt man dann bei PEGIDA oder Beatrix von Storch. Die wollen ja die Kanzlerin gern im Gefängnis oder der Irrenanstalt sehen. Das ist natürlich überhaupt nicht okay für die mit leichtem Merkelfetisch ausgestattete Mehrheitsgesellschaft. Doch: die Kanzlerin darf auch öffentlich so angegangen werden. Interessieren tut sie das eh nicht und die Meinungsfreiheit deckt halt auch den Wunsch, den politischen Gegner ins Sanatorium zu schicken. Doch hier wird dann wieder die Abneigung groß. Das ist das dunkle Deutschland, weil ja der Rest das Licht gesehen hat. Im Schatten rotten sich dann die Zurückgelassenen und Enttäuschten zusammen und sind der Meinung die regierende Elite gehört ins Gefängnis, genauso wie die angeblich Mitte der Gesellschaft das mit Erdogan macht.

Doch eines aus der Liste führt den „Dunkeldeutschen“ mit dem „Lichtdeutschen“ zusammen: der Rundfunkbeitrag. Denn egal, wieviel Fernsehen sich der Einzelne da antut, wie sehr er am Montagabend Lügenpresse ruft und wie oft er indiskutabel schlechte Tatorte sieht, sie alle finden, dass sie nicht dafür bezahlen sollten. Schon gar nicht so viel!

Synthese

Und damit kommt die Frage zurück, die am Anfang stand. Schaut man sich die ganzen Listen und Erläuterungen an, fällt auf, dass Einigkeit eigentlich nur noch auftaucht, wenn es irgendwie eine viable Realitätskonstruktion gibt, die alle aufgrund der universellen Viabilität vereint. Wir können uns noch darauf einigen, dass die Sonne scheint und Bus zu spät kommt. Alles andere ist nur noch in Gruppen von Meinungen zu sehen und verhandelbar. Eine einheitliche Erzählung, was der Gesellschaft wichtig ist, wird immer schwieriger zu gestalten, dabei geben uns die ganzen Themen von oben durchaus einen Weg vor.

Lösungsmöglichkeiten

Denn es gibt eine Art, wie man die ganzen zersplitterten Gruppen wieder einfangen kann: in dem man versucht wieder in einen Dialog zu kommen. Dazu braucht es aber Stellen, die nicht aufgeladen sind, die nicht direkt und nicht medial sind. Und es braucht Energie, denn den anderen mit seiner anderen Meinung zu ertragen ist schwer, wenn das Welterlebnis uns immer wieder bestätigt, dass sich alles nur um uns dreht. Gelingt es nicht das zu Überwinden, bleibt irgendwann nur noch der Sonnenaufgang, der uns verbindet und selbst über dessen Bedeutung kann man streiten.

  1. Details interessieren uns hier nicht. Die lenken eh nur ab. []
  2. das ist nicht näher definiert []
  3. Siehe dann auch den nächsten Teil… []