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Ich bin wahlmüde…

Ihr habt die Überschrift gesehen, ich bin wahlmüde. Jetzt werden sich einige denken: „Aber du bist doch Sozilehrer!“ oder „Aber du bist doch immer so laut, was Politik angeht.“ Ja, bin ich und ich bin müde. Weil es dafür aber Gründe gibt und weil die wiederum viel mit der Welt da draußen zu tun haben, werde ich diese mal formulieren.

Scheiße, ist das langweilig.

Es ist so schon nervig dem Brimborium der Wahlen zu folgen. Mit Angela Merkel, die Einlullen als Politikmodus etabliert hat, und Martin Schulz, der als Person die Intensität eines weichen Kekses besitzt, hat das alles nun die anregende Wirkung einer Schlaftablette. Langweilige Menschen reden über langweilige Sachen und über sich selbst. Ist es nicht toll… also der Entertainmentwert ist so niedrig wie noch nie.

Nicht die Zielgruppe.

Ich bin anscheinend nicht die Zielgruppe dieser Wahl. Also so mit Mitte 30, gutem Einkommen, hoher Steuerlast und der Option eine Familie zu gründen, bin ich schon mal uninteressant. Aber weder meine FreundInnen mit Familie, meine FreundInnen in der Ausbildung, meine FreundInnen in der Wirtschaft noch irgendwer anders, nichtmal meine Eltern sind irgendwie die Zielgruppe dieser Wahl. Anscheinend soll hier die potente Gruppe der reichen Ausländerfeinde irgendwie Thema sein. Angesprochen fühle ich mich gerade so von einer Partei und die kompletten Themen berühren meine Realität nicht.

Selbstreferenzielles Mediengeblubber und abwehrendes AfD Gepushe

Die klassischen Medien scheinen mir auch komplett disjunkt von meiner Wirklichkeit zu sein. Ich weiß ja nicht worüber die reden, aber relevant für mich ist es nicht. Die Social Media Welt ist hingegen voller passiv-aggressiver Scheiße, die eine diffuse Angst vor der AfD verbreitet und gleichzeitig das beste tut, diese Partei immer wieder zu erwähnen. Anstatt endlich aufzuhören gegen die reden und stattdessen positive Botschaften zu senden. Wie wenig negative Botschaften bringen, kann Hillary Clinton erzählen. Sie machen nur die eigenen Reihen hysterisch, wenn das selbstaufgebaute „Böse“ dann doch im Bundestag sitzt. Konstruktiv wäre ja schön, positiv wäre auch schön. Bei der Hysterie möchte ich am liebsten allen Dildos schenken.1 Und bitte dabei nicht über die AfD reden, sondern darüber, was wir für eine Welt haben wollen. Und das immer wieder…

Und das macht mich unendlich müde. Ich muss mich ab Dienstag wieder vor SchülerInnen stellen und eine meine Hauptaufgaben ist es jungen Menschen, Ausbildung und Perspektive zu bieten. Und das nicht in dem ich mich einfach nur hinstelle und weine, wie schlimm die Welt ist. Denn ich habe es hier mit echten Menschen in einem direkten sozialen Verhältnis zu tun. Was ich da tu, hat weitaus mehr Konsequenzen als das Wahlkreuzchen und weitaus mehr Relevanz als dieser Blogeintrag oder ein verfickter agitierter Tweet. Es geht mir sowas von an die Löffel, dass ich mir diese selbstreferenzielle Scheiße von irgendwelchen Labertaschen anschauen muss, deren einziger Beitrag eine Tweetkette ist. Wenn ihr was bewegen wollt, dann nicht passiv-aggressiv von der Tastatur aus.

Absolutes Missverständnis des Wahlsystems und der Wahlen allenthalben

Es gibt da einen Politikunterricht zu. Hört ihn euch bitte an. Wahlen sind wichtig und der Mittelpunkt einer Demokratie. Es geht hier darum, das Gremium zu bestellen, dass die Regeln für unsere Gesellschaft festlegt. Wenn ihr der Meinung seid, dass das ein Sandkasten sein sollte, dann halte ich euch nicht auf, weil das meine politikphilosophische Überzeugung ist. Aber es macht mich auch müde zu sehen, wie die Diskurse über die Wahl von dem wegdriften, worüber wir reden sollten. Zwei Wochen vor dem Wahltermin überlegen, ob eine Satirepartei nicht eine tolle Gegenveranstaltung zu irgendwelchen abgehalfterten Rechtspopulisten im Parlament wäre, zeigt, dass wir anscheinend keine Probleme haben, die dringend gelöst werden müssen. Dem Sozialstaat geht’s ja blendend, die Leute sind alle glücklich und es regnet Zimtschnecken.

Dazu gehören auch die unsäglichen Wahlempfehlungen. Also Empfehlungen, dass ich wählen gehen soll und dann bitte nur die etablierten Parteien, weil wir ja die AfD verhindern müssen. Was für ein Bullshit. Die Menschen haben die Freiheit wählen zu gehen, und das ist gut so. Genauso wie sie die Freiheit haben, zu wählen was sie wollen, nach ihren eigenen Prinzipien. Wer empfiehlt, dass jemand etablierte Parteien wählen soll, um eine andere Partei zu verhindern hat damit den Traum des rechten Einheitsstaats auch erfüllt. Aus Angst seine persönliche Freiheiten einschränken ist nicht freiheitlich und der Traum der Rechtspopulisten.

Realität statt Fiktion

Ich bin also müde, dass ein Großteil dieser Wahl, die am Ende ein Parlament und mittelbar eine Regierung wählt, die über unsere Zukunft die nächsten vier Jahre entscheiden, anhand von Fiktionen diskutiert wird. Weder Satiriker noch nicht-satisfaktionsfähige Rechtspopulisten sind eine Bedrohung für die freiheitlich demokratische Grundordnung. Eine Wahlbevölkerung, die komplett nicht mehr miteinander spricht, die schon in ihren Medien, und damit auch Realitätsfiktionen, gespalten ist und in der jeder glaubt, dass die Welt untergeht, wenn sie sich nicht genau nach den eigenen Vorstellungen entwickelt, die wiederum ist eine Gefahr für die komplette Gesellschaft.

Und weil ich zu der Gruppe gehöre, die versucht die Risse in dieser Bevölkerung zu überbrücken, bin ich müde… denn einfacher ist das nicht geworden…

  1. Wer das nicht versteht: Dildos waren das „Heilmittel“ gegen Hysterie im Viktorianismus. []

Wahlen in Bayern – persönliche Eindrücke

Habt ihr es schon mitbekommen? Es sind Wahlen! Politiker tun so, als würden wir sie interessieren und die ganzen Straßen sind mit Wahlplakaten voll. Es ist etwas wie Weihnachten, nur die Straßendekoration ist bunter. Ich stehe natürlich auch vor der Wahl1 und weil ich das mit dem politischen Meinungsbilden professionell gelernt habe, begab ich mich letztens in die Innenstadt um mich von den Parteien informieren zu lassen. Ich habe jede relevante Partei gefragt, was ihre Claims sind, in drei Begriffen und mir den relevanten Wahlkampfflyer mitgeben lassen. Bei Abweichungen habe ich das vermerkt.

Piratenpartei

Hier muss ich gleich sagen, dass ich das Personal der Piratenpartei persönlich kenne, und dass ich keinen Flyer mitgenommen habe, weil mir die Positionen durchgehend bekannt sind. Das Personal war deswegen natürlich sehr offen und wir hatten eine gute Unterhaltung. Mein Eindruck des Wahlkampfes der Piratenpartei ist, dass hier solide intelligente Menschen gegen eine Hypothek kämpfen müssen, die ihnen egomanische Vollpfosten eingebrockt haben. Inhaltlich sind sie progressiv auf eine sozialliberale Art. Ich denke, dass die Piraten eine sehr heterogene Gruppe von Menschen ansprechen können, aber es sehr schwer ist das zu tun, wenn die Leute dich auf journalistisch erarbeitete Klischees reduzieren.

Die Grünen

Die Grünen machen hier Lokalwahlkampf und tradieren ihre Bundeswerte für die Bundestagswahl. Die Kandidatin für den Bundestagswahlkampf wollte ein Bild mit mir für die Internetseite, weil ich interessant2 aussehe. Nachdem ich ihr erklärte, dass ich das aus Berufsgründen nicht machen kann und werde3, war sie etwas verwirrt. Aber die inhaltliche Diskussion war sehr fruchtbar. Sie hat sich klar als Spartenpolitikerin bekannt und ich traue ihr in dieser Sparte auch Kompetenz zu. Ich fand das erfrischend ehrlich. Der Flyer der Grünen enthält Thementexte und die meisten Forderungen in bestem Neusprech “Schuldenbremse für Banken” als Listen auf der rechten Seite. Dabei wird mal gar nicht darauf eingegangen, was das alles bedeutet. Nunja, als unwissender Bürger wüsste ich nur das, was ich mir so einbilde zu wissen. Generell wirkt der Flyer vage und soll das wahrscheinlich auch sein. Die Hauptpunkte sind wohl: Umwelt, sozial und bitte schnell vergessen unter welcher Regierung der soziale Kahlschlag begonnen hat.

FDP

Die FDP hat es ja nicht leicht, aber schlägt sich tapfer. Spannend war im Gespräch mit dem Bezirkstagskandidaten, dass der kalten Liberalismus super über so eine Verantwortungsschiene verkaufen konnte. Im Land kam hier das Argument, dass eine starke FDP vielleicht die renitente CSU beeinflussen kann.((Moment… *bwahahahaaa*)) Alles in allem wird hier sehr viel Wahlkampf gemacht, der darauf zielt, dass die FDP die einzigen sind, die den Konservativen etwas Menschlichkeit abringen können. Da passt dann auch der Flyer, der mit dem Slogan aufmacht: “Geld ist einfach heller als Schwarz.” Gut, das trifft jetzt auf jede Farbe zu, aber der Versuch wird respektiert. Das Programm ist auch kurz gehalten und dreht sich um Deregulierung, die aber gerne als Förderung von Eigenverantwortung getarnt wird, und um Bürgerrechte. Letzteres ist ihnen dankt der Justizministerin wenigstens teilweise abzunehmen.

Die Linke

Hatte ich an diesem Tag nicht gesehen, aber vorher schon getroffen. Das spannende war der minderjährige Wahlhelfer, der zuviel Marx gelesen hat und etwas an der Tatsache verzweifelte, dass ich nicht so idealistisch bin. Die Unterhaltung war auch gut. Die Linke ist sich ihrer Rolle als Underdog bewusst und deshalb umso schamloser in der Platzierung ihrer Inhalte. Hier wird klar gesagt, was alles in diesem Land stinkt und versucht Antworten zu geben. Mit denen kann man dann glücklich sein, oder eben nicht. Wichtig ist: sie geben welche.

SPD

Die SPD kämpft natürlich auf allen Fronten und da lokal die SPD den Bürgermeister stellt, spielt der auch eine Rolle bei der Wahl. Im Land ist die SPD seit über 50 Jahren die zweite Geige und will das mit dem Münchner Oberbürgermeister Ude als Spitzenkandidat ändern. Hier wird Personenwahl gemacht, egal wo. Da verwundert es einen nicht, dass der Wahlflyer voller Gesichter ist. Generelle Claims: alles einfach in sozial. Also soziale Energiewende, soziales Bildungssystem und so weiter. Konkret ist da nichts, warum man die jetzt der CSU vorziehen sollte, keine Ahnung, wurde mir nicht gesagt.

CSU

Die CSU hatte schon abgebaut, als ich kam: 13 Uhr ist eindeutig zu spät um den Bürger zu informieren. Immerhin weiß ich jetzt, dass die Kandidatin für Bamberg, die mir bisher nichts sagte wohl Gesundheitsministerin werden könnte.

AfD

Zu guter Letzt die aufstrebende Partei des gepflegten Nationalismus. Die gaben mir gleich zwei Flyer, haben aber nicht mit mir geredet.4 Die Flyer sind voller Vorwürfe an die Politik und komplett ohne Lösungsvorschläge. Dazu kommt dann noch Pseudo-identifikation mit “Wir sind keine Berufspolitiker sondern Bürger!” Darunter stehen dann nur Menschen mit Doktoren und Professorentitel. Das ist klar, dass die Menschen, die diese Partei führen auf keinen Fall das Wahlvolk geringschätzen oder missachten werden. Mein Lieblingsslogan ist: “Der Euro spaltet Europa.” Das man sowas ironiefrei schreiben kann zeugt von einer Wahrnehmungsverzerrung, die dringend psychologisch untersucht gehört.

Fazit

Je näher eine Partei der tatsächlich Machterlangung ist, desto weicher werden die Inhalte, bis sie dann komplett verschwinden. Immerhin gibt man sich gegenüber dem geübten Auge nicht mal mehr die Mühe vorzugeben man hätte diese Inhalte. Die AfD ist zu beobachten, sie fischt mit plumpen Wutparolen den Stammtisch ab, verachtet diesen jedoch in dem, was man beim Programm sehen kann.

  1. Hier in Bayern auch Landtags- und Bezirkstagswahl. []
  2. Lies: Eigenartig genug. []
  3. Der goldene Engel, den sie da hielt war auch ein Argument. []
  4. Ist auch besser so. []