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HCH021 – Aufsätze zur Sozialisation

Eine kurze Folge in der ich über einige Aufsätze rede, die ich im Rahmen des Sozialkundeunterrichts zu lesen bekommen habe. Es gab einige bemerkenswerte Einlassungen zu Medien, Werten und Gender. Die Auswahl war rein impulsiv und hat mehr damit zu tun, was ich selbst spannend fand, als irgendwie gut.

Moralisches Handeln

Dieser Artikel lag schon länger in meiner virtuellen Schublade und jetzt ergab sich dank einer Twitterunterhaltung mit dem Sozioblogen die Möglichkeit ihn zu verwenden und in einen Kontext zu setzen und damit zu einem Beitrag des soziologischen Kaffeekränzchen zu machen. Doch, vorne anfangen ist ja toll.

Eine der alten Fragen der Philosophie ist die Frage nach dem moralischen Handeln und die Frage, welche Art von Handlungen gut und böse sind. Dabei ist neben der generellen Definition des Begriffspaares, aber auch noch wichtig, welche Dimensionen überhaupt eine Handlung beeinflussen. Doch eines nach dem anderen. Deswegen geht es jetzt erst einmal und die großen Dichotomien im Bereich Moral.

Gut und Böse – Richtig und Falsch

Wenn über Moral geredet wird, dann geht es aus der Sicht vieler Menschen immer um gut und böse. Das Problem damit ist, dass nirgendwo festgelegt ist, was dem jeweiligen Begriff zuzuordnen ist. Und weil wir uns alle Märchen darüber erzählen, wie unsere Welt aussieht, ist immer das, was wir selbst denken gut und das was andere anders denken böse. Das diese Sicht auf die eigene Weltkonstruktion menschlich, aber auch für Diskurs schwierig ist, wurde an diesem virtuellen Kaffeetisch schon gut dargestellt.

Anders ist es mit der Frage nach richtig und falsch. Die Frage ob eine Handlung moralisch richtig oder falsch ist, lässt sich anhand von Kriterien treffen, die nicht die Wertung der anderen Person, die bei gut und böse immanent sind, sondern die Handlung in den Mittelpunkt stellen. Es ist also möglich mit anderen Personen unabhängig von ihrer Persönlichkeit über die moralische Richtigkeit der Handlung zu sprechen. Deswegen ist richtig und falsch nicht nur die bessere Richtschnur für das eigene Handeln, sondern auch die Kategorie mit der und über die sich Diskurs gestalten lässt.

Gut und Böse sind Fremdzuschreibungen, während richtig und falsch Analysekategorien sein können. Damit ist natürlich die Frage offen, wie jetzt eine Handlung beurteilt werden kann.

Gründe – Intention – Ergebnis

Wenn eine Handlung moralisch bewertet werden soll, dann müssen die drei oben genannten Ebenen betrachtet werden. Diese sind miteinander verbunden, wobei aus der Sicht vieler Menschen das Ergebnis natürlich immer eine hohes Gewicht hat, obwohl diese Analyseform die Trügerischste ist. Nur weil einem das Ergebnis gefällt, heißt das nicht, dass die Handlung gutzuheißen ist. Denn auch die Gründe und die Absicht, die mit einer Handlung verbunden sind, bestimmen, ob diese tatsächlich moralisch richtig oder falsch ist. Die Folterung eines Kriminellen zur Rettung eines Kindes, ist falsch, egal wie sehr das Kind überlebt. Die Ermordung eines Diktators ist moralisch genauso falsch, wie die Bombardierung von Terroristen. Alle diese Handlungen haben gemein, dass die Ergebnisse positiv sein können, ((Und es langfristig dann eben aufgrund ihrer Mittel doch ihre positive Wirkung nicht entfalten.)) aber die Begründungen und Absichten, die dahinter stehen das Ergebnis entwerten.

Deswegen ist es eben nicht möglich aus den falschen Gründen das Richtige zu tun. Die falschen Gründe machen es schon falsch.

Fazit

Und damit komme ich zurück zum Impuls für diesen Text. Moral als Selbstzuschreibung ist tatsächlich schädlich für jeden Diskurs, weil es hier nur darum geht, dass jede beteiligte Person sich selbst die höhere Position zuschreiben will. Was aber dringend Thema im Diskurs sein sollte ist die Bewertung von Handlungen und die Prämissen nach denen das getan werden soll. Denn über Werte wird viel geredet, wenn es darum geht die Person gegenüber abzuwerten, aber wenig wenn es darum geht, welche überhaupt das gesellschaftliche und persönliche Handeln leiten sollten und welche Kriterien diesen Werten zugrundeliegen.

Diskursfindungsschwierigkeiten

Um auch weiterhin den Eindruck zu erwecken, dass sich hier das soziologische Kaffekränzchen Rundbriefe schreibt, möchte ich mich diesem Artikel vom sozioblogen äußern. Er verlangt danach, dass wir wieder mehr Diskurs brauchen. Dieser weisen Erkenntnis stimme ich zu. Mein Beitrag ist eher als Analyse gedacht, wo denn der Diskurs überhaupt hin verschwunden ist. Auch hier gilt mal wieder, wenig neues, aber wenn nicht bekannt ist, wo etwas herkommt, wird es mit dem wegkommen noch schwieriger.

In meiner Jugend…

Opa erzählt vom Krieg, oder besser von der Welt vor dem Jahr 2000. Da hatte er ein Festnetztelefon, einen Computer, der nicht an das Internet angeschlossen war und ein Fahrrad. Die Diskussion über Politik war gestützt auf Zeitung, Fernsehen und direkte Sprache. Wenn etwas medial neu geschehen ist, dann war das Einzige, was einen davon abhielt keine Ahnung davon zu haben, wovon der Rest sprach, kein Privatfernsehen zu haben.

Das Netz ist toll! wait…

So, und jetzt ist Medienwandel. Print liegt in den letzten Zügen, Radio ist nur noch Gedudel, Fernsehen ist für Rentner, Facebook ist für Rechte, twitter für Linke und die Jugend ist auf Snapchat1. Das ist so ungefähr und damit muss jetzt mal umgegangen werden. Es bedeutet aber auch etwas: der gesellschaftliche Diskurs ist komplett zersplittert, denn der Ort der ihn bisher vereinigt hat, sind die Massenmedien. Der Diskurs von Mensch zu Mensch wird dabei immer schwerer. In der Schule kann man erleben, dass Klassen keine Klassengemeinschaft mehr bilden, weil die Menschen, die im selben Raum sitzen, einen virtuellen sozialen Raum über den halben Landkreis aufspannen.

Das bedeutet dann aber auch, dass die Leute eben nicht mal mehr miteinander reden müssen, wenn sie im selben Raum sitzen. Und wir Lehrer wollen eigentlich auch, dass sie nur über unsere Themen reden, wenn sie miteinander reden. Der Diskurs mit anders denkenden Menschen ist also maximal mit Lehrern möglich, aber die sind soziales Hintergrundrauschen. Es ist für die meisten Leute technisch unmöglich einen Diskurs mit einer andersdenkenden Person zu führen.

Da die sozialen Medien dazu neigen den Nutzern nur Inhalte vorzuzeigen, die zur eigenen Weltwahrnehmung passen, also werden andere Weltsichten so antagonisiert, dass sie nur noch böse sind. Die einfachen Lösungen halt. Es wird aufgrund der enormen sozialen Beweislast gedacht, dass man selbst definitiv nicht falsch liegen kann, weil alle anderen es ja auch so sehen.

Das sind alles Bedingungen, in denen sozialer Diskurs eigentlich fast unmöglich geworden ist, außer er ist unvermeidbar, wie in Schulen oder größeren sozialen Anlässen, aber selbst da wird ja nicht mehr geredet, sondern gechattet und fotografiert.

Also, ja wir brauchen mehr Diskurs, aber vorher muss erstmal das Problem gelöst werden, dass die unterschiedlichen Gruppen wieder im selben Raum sind.

  1. oder so… []

Gewalt und Lehrer… – über ein falsches Berufsbild

Gestern oder so ging dieser Artikel vom Spiegel rum, in dem gar schauerlichste Dinge über das Lehrerdasein berichtet werden. Laut einer Studie wurden 6% der Lehrer Opfer von körperlicher Gewalt und run ein Viertel von psychischer Gewalt.

So ausm Gefühl raus, könnte das stimmen. Nach Schularten aufgerechnet würde es da sehr schnell sehr nüchtern werden. Ich möchte aber mal eine zweite Dimension aufführen: das ist leider auch Berufsrisiko. Lehrerinnen und Lehrer arbeiten in einem sozialen Rahmen, im Direktkontakt und das bedeutet auch, dass die sozialen Querschläger da auch dabei sind. Schön ist das nicht, vermeidbar ist es aber auch nicht. So, jetzt kann das alles beklagt werden und das ist wohl auch die Reaktion auf den Artikel, allein bringen tut es nix. Genauso übrigens wie der Appell bayrischer Lehrerinnen und Lehrer gegen Hassprache. Die Erfahrung hat ja gezeigt, dass solche Appelle sofort dazu führen, dass sich Schülerinnen und Schüler besser verhalten.

Also, was tun? Zuerst einmal anerkennen, dass Gewalt von Schülerinnen und Schülern schlicht nicht verhinderbar ist. Pädagogik ist eine Zielaufgabe, keine Verhinderungsmöglichkeit. Wir erziehen Menschen zu etwas. Wenn das klar ist, dann gibt es zwei Wege, die beide was mit Lehrerbildung zu tun haben: zum einen braucht es in der Lehrerbildung endlich mal eine Vorbereitung auf das Lehrerleben, zu dem auch ein Resilienztraining gehört, zum anderen würde es schon mal helfen, den Beruf als das darzustellen was er ist: eine soziale Arbeit, bei der soziale Interaktion und damit kompetentes pädagogisches Handeln notwendig ist. Aus meiner Erfahrung wird von allen Beteiligten viel zu viel über Pädagogik geschwafelt anstatt sich die Frage zu stellen, was konkret gemacht werden soll. Wenn junge Menschen sich entscheiden Lehrerin und Lehrer zu werden, dann sollte denen klar gemacht werden, welchen Beruf sie sich da zulegen. Ein Beruf, in dem die größte Herausforderung nicht ist, irgendwelche Zettel rot anzumalen, sondern im Angesicht des anderen Menschen authentisch zu sein und zu handeln. Bildungsvermittlung und Erziehung sind alles soziale Prozesse. Das Soziale ist aber zu selten Thema in der Diskussion um Lehrerbildung und diese Diskussion über Gewalt greift, wie immer, zu kurz.

Am Ende des Alphabets – Die Generation Z, die Zukunft und warum sie nicht kommt.

Ich habe Ferien und deswegen Zeit für längliche Artikel. Im ganzen Input, der gerade so über mich drüber fließt, und auch in der Betrachtung meiner Seminarfahrt nach Berlin, will ich mal darüber reden, was wir am Horizont sehen, was wir wissen, das sich bald ändert und warum die aktuelle Generation an Studierenden und Schüler*innen wahrscheinlich an dieser Zukunft scheitern wird.

Die Zukunft der Wirtschaft

Die Automatisierung kommt, wenn sie nicht schon da gewesen ist. Als nächstes sind die ersten white collar jobs dran, die wir gegen neuronale Netze ersetzen. Je rationalistischer und sachbezogener ein Beruf ist, desto weniger braucht man dafür noch Menschen. Je kreativer und sozialer ein Beruf ist, desto mehr braucht man dafür Menschen, doch bezahlt wird dafür umso weniger. Die Religion des Rationalismus frisst sich langsam selbst. aber immerhin macht es Spaß dabei zuzusehen.

Die Zukunft der Gesellschaft

Gleichzeitig fragmentiert sich die soziale Realität immer mehr in kleine Stücke, die durch Algorithmen mit immer den gleichen Informationen versorgt werden und sich damit von einer geteilten medial vermittelten Wirklichkeit immer mehr entfernen. Die Gesellschaft zerfällt also in kleine Teile, die alle nebeneinander stehen, aber nicht mehr mit einer gemeinsamen Realitätserzählung verbunden werden. Jeder lebt in seiner Blase, die schön bequem und gleichzeitig unwirklich ist.

Die Zukunft der Politik

Und damit wird Politik zum Selbstläufer, weil es keinen Sinn mehr macht die einzelnen granularen Gesellschaftsbrocken noch zu fragen. Also wird einfach nach Bequemlichkeit regiert. Solange die meisten Leute keine offensichtlichen Nachteile haben, ist alles okay. Es geht nur noch um Zufriedenheit als Wert, genauso wie in den sozialen Netzwerken. Politik versucht aus der Wahrnehmung zu verschwinden und nur noch Wohlgefühl hervorzurufen. Dabei geht die Idee der Gesellschaftsgestaltung komplett unter. Aber dann, eine granulare Gesellschaft ist auch nicht mehr zu gestalten.

Die Zukunft der Bildung

Setzt dem allen nichts entgegen, sondern forciert es. Es werden einfache formelhafte Lösungen, gesellschaftliche Anpassung und berechenbares Verhalten belohnt. Das Ziel der Bildung wurde für Selektion und Qualifikation aufgegeben und an den Hochschulen wird noch mehr Schule betrieben als an den Schulen. Die Kreativität und Freiheit, die Innovation möglich macht, wird unter Strukturen erstickt, anstatt Lernen freier zu machen, wird versucht es durch Organisation zu zähmen. Die Bildungssysteme sollen Bildung produzieren, aber dieser Gedanke allein macht Bildung unmöglich.

Die Zukunft des Planeten

Es wird über viele Dinge nicht ausreichend diskutiert, weil die überalternden Gesellschaften des Westens kein Interesse mehr an Zukunftsgestaltung haben. Konservativismus erstickt die sozialen, diplomatischen und ökologischen Diskussionen, die wir führen müssten.

Generation Z

Und in diesem Umfeld wächst eine junge Generation auf, der eingeredet wird, dass sie in den jetzt schon versagenden Regeln nur Erfolg haben wird, wenn sie diesen folgt. Dabei wird sie wie keine Generation zuvor mit falschen Aufstiegsversprechen gelockt und mit Existenzverlust bedroht. Uniformität und Anpassung an ein System, das jetzt schon ungeeignet ist Menschen auf die Zukunft vorzubereiten, wird als Allheilmittel gesehen und ist dabei nur ein Cargo Cult, dem sinnlos in der Hoffnung hinterhergerannt wird, dass man das alles noch gesund beten kann. Die Generation Z steckt zwischen Anforderungsüberfrachtung, Zukunftsangst und sinnfreien Ritualen fest und hat Angst sich zu bewegen, weil man da etwas falsch machen kann. Also wird Eskapismus zur größten Aufgabe, lieber noch mal schnell auf Snapchat, als in eine Welt blicken, die einem Angst macht. Irgendwo zwischen Duldungsstarre und Disengagiertheit versuchen den letzten sicheren Job zu kriegen, damit die Eltern nicht meckern.

Noch nie waren Jugendliche so angepasst wie heute, noch nie hatten Jugendliche so viel Angst sich selbst zu verwirklichen, noch nie haben die Alten so gut dafür gesorgt, dass sich Fortschritt nicht mehr durchsetzt und noch nie haben es junge Leute so bereitwillig akzeptiert.

In einem neuen Biedermeier werden Instagramfotos getauscht und sich selbst beweihräuchert, während die Welt um einen herum durch das Missmanagement der Großelterngeneration verrottet. Und während die Generation Y sich noch darüber streitet, welche Soja-Latte jetzt bei gleichzeitiger Umweltfreundlichkeit besser schmeckt und wie sie am besten gegendert wird, ist das der nächsten Generation schon egal, weil die nur noch hoffen kann, dass sie einen Arbeitsplatz bekommt, an dem sie nicht offensichtlich ausgebeutet wird.

Digitalisierung im Unterricht – über einen abgefahrenen Zug

Ich mag das Bild mit dem abgefahrenen Zug derzeit sehr. Irgendwie fühlen sich unheimlich viele Dinge so an, als könnte am Horizont gerade noch so die roten Rücklichter sehen, während man das vollgeheulte Taschentuch wegsteckt. Okay, zumeist stecken die anderen das Taschentuch weg und setzen sich noch etwas verheult auf den Bahnsteig. Wir als Gesellschaft sind nämlich der Zug, der da fährt und der hält eigentlich nicht einmal an.

Doch genug von überstrapazierten Metaphern und zurück zum eigentlichen Thema dieses Textes. Angefangen hat alles mit der Bildungsministerin, die in den nächsten Jahre fünf Milliarden Euro in die Neuausstattung von Schulen mit Rechnern stecken möchte. Daraufhin folgten zweierlei negative Reaktionen: zum einen der Hinweis, dass Schule ja etwas anderes bräuchten als neue Rechner, wenn die Bausubstanz kaputt ist, zum anderen die Digitalisierungsfeinde, die den Untergang des Abendlandes herbeibeschwören. Den ersten sei gesagt: Bausubstanz ist Aufgabe des Sachaufwandsträgers. Das sind die Kommunen und wer hat die mit neoliberaler Scheißpolitik kaputtgespart? Die selben bornierten Statuswichser, die jetzt darüber meckern, dass der Flügel im Musiksaal nur einmal im Jahr gestimmt werden kann.

Die Digitalisierungsfeinde sind da schon amüsanter. Sind es doch Leute, die selbst keine Angst mehr zu haben brauchen in der granularen, digitalisierten Welt der Zukunft einen Platz und vielleicht sogar Erfolg haben zu müssen. Das ist eine Angst, die ich auch nicht mehr haben muss, und die mich nur beschäftigt, weil meine Klientel sie haben sollte. Immerhin wird denen von allen Seiten erklärt, dass sie Erfolg haben müssen, weil das a) ihr einziger Wertbeweis für diese Gesellschaft ist und b) sie auf Dauer die ganzen ganzen grantelnden Rentner und Pensionisten durchfüttern müssen, die da gerade gegen eine Welt wettern, die sie nicht mehr verstehen müssen. Diese Rentner wiederum können ihr Bildungsbürgertum und die damit einhergehende Technikfeindlichkeit gerne als Distinktionsmerkmal ins Grab nehmen, allein hilft es gesellschaftlich nicht, wenn die Institution, die für die Bildung der zukünftigen Generationen zuständig ist, in ihrer Ausrichtung religiös rückständig ist. Das wird sie aber weiterhin sein, wenn Präsidenten des Lehrerverbands im Jahre 2016 noch nicht klar ist, dass Digitalisierung nicht nur sofort stattfinden muss, sondern eigentlich schon länger fertig sein sollte als der Berliner Großflughafen. Der Abstand der Bildungsrealität dieser Leute zur Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler ist mittlerweile nur noch in Parsec zu messen.

Deswegen gibt es hier kurz die Liste zum modernen digitalen Unterricht:

  • Das Internet ist eine Quelle an Information, die in Schulen genutzt werden muss, weil sie es im Rest des Lebens auch schon genutzt wird.
  • Prozedurales Wissen ist in der Wissensgesellschaft das wichtige Wissen. Inhalten ist einfach beizukommen. Will Schule relevant sein, dann müssen wir aufhören von Skills, Kompetenzen so einen Quatsch zu reden und diese endlich vermitteln. Dabei bleibt klassischer Unterricht auf der Strecke, Punkt, Ende aus die Maus.
  • Jede Schule braucht WLAN und anständig Netz (100Mbit+!), alle Schülerinnen und Schüler sollten Zugang zu Hardware haben.
  • Code lesen können und grundlegendes Verstehen digitaler Geräte ist kein Spartenwissen, wollen wir die Hoheit über die Geräte und Informationen behalten. Informatik ist dafür nicht einmal im geringsten ausgestattet dies zu leisten. Der Lehrplan ist ein Witz, die Ausrichtung veraltet und der Fokus zu eng.
  • Kleinschrittiger Unterricht ist in der digitalen Gesellschaft kompletter Quark.
  • Es gibt Tastaturen, Mäuse und Trackpads. Es gäbe erstaunlich viele Schülerinnen und Schüler, deren Schriftbild und Lesbarkeit sich verbessern würde, es gäbe noch mehr von meinen, die sich wünschen würden, ich würde gar nichts mit der Hand schreiben.
  • Wir können es uns nicht leisten, Annahmen über die Leistungsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler zu treffen.
  • Nur weil komplexe Aufgabenformen mit aktueller Lernsoftware nicht möglich sind, heißt das nicht, dass man sie nicht stellen sollte. Man sollte die Lernsoftware wegwerfen.

Der Zug der Digitalisierung ist aus dem Bahnhof draußen, der ist weg. Wir können heulend hinterwinken oder die Schulen auf ein Pferd setzen und ihn einholen. Das wird ein teures Pferd, doch so ist, wenn man einen beschleunigenden Zug mit 20 Jahren Vorsprung einholen will. 

Doing teacher… wrong…

Aus den Gender Studies gibt es die Idee des “doing gender“ , die sagt, dass Geschlecht eigentlich eine kulturelle und sozial konstruierte Funktion rituellen Handelns ist. Geschlecht wird also darüber konstruiert, dass man bestimmte Handlungen durchführt. Weil sich die Pädagogik nicht entblödet jedem Ansatz hinterherzurennen, gibt es jetzt „doing teacher“, also die Konstruktion des Lehrers durch das Lehrerhandeln. Der Witz ist, da ist mehr dran als man so denkt. Folgt mir mal in den Lehreralltag und die verschiedenen Arten, wie wir Lehrer und Lehrerinnen falsch Lehrer „do-en“.

Die Art, wie Lehrkräfte sich gegenüber Schülerinnen und Schülern äußern, sind grundlegend für deren Erfolg und zwar weniger auf einer inhaltlichen, als auf einer pädagogisch-konstruktivistischen Ebene. Geht die Lehrkraft davon aus, dass alle Schülerinnen und Schüler fähig und intelligent sind, ist das einzige, was deren Erfolg aufhält Phänomene, die als Verständnis- oder Übungsprobleme wahrgenommen werden können. Das hat natürlich nicht immer Erfolg, aber es ist weitaus besser als die Prämisse, dass die Schülerschaft schlicht zu blöde ist. Denn dann werden weder Herausforderungen gestellt noch eine positive Einstellung zu eigenen Handlungsfähigkeit und Wirksamkeit an die Schülerinnen und Schüler vermittelt.

Der schlimmste Fall ist derjenige, in dem die Lehrkraft bewusst negative Selbstbilder der Schülerinnen und Schüler verstärkt, weil sie selbst einem falschen Schülerbild aufsitzt. Dieses muss irgendwie immer hinterfragt werden, sonst drückt die Lehrkraft auf Knöpfe, die Schülerinnen und Schüler behindern. Das hat natürlich seine Grenzen zum einen muss es ein bewusstes Verhalten sein, zum anderen sind Interaktionen wahnsinnig vielfältig. Selbst wenn man als Lehrkraft ein positives Weltbild hat aus dem gehandelt wird, heißt das nicht, dass die Schülerschaft das glaubt.

Noch besser wird es, wenn besagte Schülerschaft Erwartungen an das Lehrerverhalten hat, die nichts mit formalen und didaktischen Vorraussetzungen zu tun haben, sondern mit erlernten Bildern. Kommt dann eine Lehrkraft um die Ecke, die sich schlicht nicht an „die Regeln“ hält, die in den Köpfen der Schülerinnen und Schüler festgebacken sind, dann kommt es gerne mal zur Revolte.1

Das Spannende hierbei ist, dass es meist um kommunikative Probleme geht. Es wird angenommen, dass Lehrerinnen und Lehrer auf eine bestimmte Art funktionieren, dass sie die Regeln kenne und die Lehrer deswegen ausmaneuverieren können, und dass Leistung nicht der einzige Weg sei, gute Noten zu bekommen. Aus der Sicht dieser Schülerinnen und Schüler do-en Lehrkräfte teacher wrong, weil sie sich nicht verhalten, wie es aus der Sicht der Schülerschaft im Kodex zwischen Lehrern und Schülern steht. Das ist natürlich eine Katastrophe. Also für die Schülerschaft… weil die Regeln nicht mehr gelten und Schule ihr immer vermittelt hat, dass Regeln heilig sind.

Doing teacher existiert natürlich und kann katastrophale Effekte auf Schülerinnen und Schüler haben, wenn dieses Handeln auf falschen Prämissen auf Schüler- wie auf Lehrerseite beruht.

  1. Jap, das ist ein Hobby von mir. Bildung kann nur entstehen, wenn Regeln herausgefordert werden. Emanzipation fängt beim Hinterfragen der eigenen Bilder und der Erfahrung statt, dass die Welt komplexer ist als gedacht. []

Schulsprecher

Ja, nachdem das Ei gelegt ist, kann ich nun „Gack“ machen.

Letztes Jahr wurde ich von Christoph Herburg angesprochen, ob ich mir vorstellen kann, einen Podcast über Schule zu machen. Nachdem wir erst einmal planen und Schule aus dem Weg räumen mussten, hat es noch etwas gedauert, aber nun ist das Baby da.

Ich danke hier nochmal Christoph für die Idee, Sandra von Jackalope Media für das tolle Logo und meinem früheren ich für die Lebensentscheidung, die mir die Möglichkeit eröffnet, hier darüber zu reden.

Die Schulsprecher finde auf http://www.schulsprecher-podcast.de

Literaturdidaktik braucht kein Big Data

Mir kam vorhin dieser Artikel unter die Nase und ich möchte mich da mal ein bisschen zu äußern. Er ist insofern ein gutes Beispiel, weil er mehrere Dinge zeigt, die ich immer wieder im Bereich der Didaktiken beobachte. Zum einen wird hier einem Trend sinnlos hintergerannt, der dann strukturelle Probleme als Allheilmittel der Didaktik lösen soll. Zum anderen beruhen die Ideen, wie immer auf nichtüberprüften Prämissen, die über die Welt, das Thema und die Schülerschaft gesetzt werden. Also, eigentlich alles wie immer, aber das hält mich jetzt nicht davon ab, das einmal abzuhandeln. ich hab ja Ferien und so.1

Distant Reading ist kein Reading

Okay. Es geht in dem Artikel um „distant reading“, das allein schon für seinen Namen einen Preis verdient. Es ist nämlich gar nicht mehr “reading“.2 Also, „close reading” heißt anscheinend das, was man ansonsten so im Deutschunterricht macht. Das ist diese sinnlose Zerlegen von literarischen Texten unter der Lupe des angeblich Wissenden. Es ignoriert den Text als kulturelles Artefakt genauso, wie den Rezipienten und nimmt damit eigentlich nur die Interpretation ernst. Die kommt dann in der Schule meist noch gefühlt von oben und damit ist das alles eher unglücklich. „Distant reading“ macht das anders. Es ignoriert sogar die Interpretation des Textes und schmeißt sich an der Hals der Big Data. Damit wird ist das Name dann auch falsch. Es ist gar nicht mehr lesen sondern computergestütztes Wörterzählen. Das hat durchaus seinen Sinn. Die Computerlinguistik, Korpuslinguistik und ähnliche Disziplinen tun sowas schon lange und haben ihre Berechtigung, da sprachliche Strukturen sich in Verfahren mit großen Datenmengen zeigen können. Doch hier geht es jetzt um dieselben Verfahren als Methode der literarischen Analyse. „Distant reading“ ist also gar kein „reading“ mehr, sondern wir schmeißen einen Text in einen Computer, lassen diesen Wörter zählen und mache Wortwolken und ähnliches. Daraus soll dann eine literarische Analyse folgen und das nachdem die Literatur weggelassen wurde.

Die Idee geht auf einen amerikanischen Literaturwissenschaftler Franco Moretti zurück, der mit Big Data herausfinden will, welche Gefühle mit verschiedenen Londoner Stadtteilen in Verbindung gebracht werden3 oder ein Netzwerk der Figuren in Hamlet.4 Die Frage, die sich hier für mich anschliesst und die nicht beantwortet wird ist: „Und dann?“ Ähnlich wie mit dem Boom der Neurowissenschaften, wird hier auf Teufel komm raus Big Data gemacht ohne sich die Frage zu stellen, was denn dabei rauskommen soll. Ist das mit sprachlichen Strukturen in Texten sinnvoll, stellt sich für die Literaturanalyse die Frage, wie etwas, das eigentlich hermetisch ist, durch das Anhäufen von Daten besser gehen soll.

Literatur ist wie ein Glas Wein

Der Literaturwissenschaft wird zurecht vorgeworfen, dass sie von Alchemie nicht zu unterscheiden ist. Alles ist Text, alles ist hermetisch, alles ist möglich, solange es argumentiert werden kann. Der Text trägt die Möglichkeiten aller Blickwinkel in sich. Das scheint beliebig und genau darin liegt die Stärke der Literaturwissenschaft. Ähnlich wie bei der Philosophie geht es hier um die Frage des Menschlichen, im Text, in der Rezeption wie auch im Leser. Die Leitfragen sollten sein: was sagt uns dieser Text über die Welt aus der er stammt, die Welt hinter den Augen des Autors und die Welt hinter unseren Augen. Das sind alles Fragen, die nur uneindeutig beantwortbar sind und genau das ist das Spannende. Das lässt sich vielleicht am besten mit dem Streit der Alchemisten mit den Chemikern vergleichen, der in folgendem einfachen Gleichnis zusammengeführt werden kann:

Wir können ein Glas Wein aufteilen und in seine Bestandteile zerlegen, doch wenn man diese wieder zusammenfügt, dann ist das nicht derselbe Wein. 

Ich will nicht in den Streit einsteigen, aber die Idee dahinter ist, dass es jenseits aller rationaler Analyse auch etwas gibt, dass eben nicht durch Naturwissenschaft erklärbar ist. Das ist eben genau das, was in unserem Kopf abgeht und was Menschen besonders macht: die Welten hinter den Augen. das ist der Fehler, den „distant reading“ macht. Es versucht mit Daten an ein Phänomen heranzugehen, das sich eben nicht mit Daten erfassen lässt. Die Häufigkeit eines Wortes in einem Text lässt eben keine Rückschlüsse darauf zu, was der Text mit einem macht und nur weil ich weiß, welche Gefühle Autoren mit Londoner Stadtteilen verbunden haben, erschließt sich mir eben keine weitere Bedeutung. Der naturalistische Fehlschluss, dass nur Messbares die Welt bestimmen soll, der Fehlschluss auf dem das Silicon Valley zu Fußen scheint, ist hier sehr gut sichtbar. Literaturanalyse ist eben mehr als Wörter zählen.5

Literaturdidaktik braucht vieles, aber kein Big Data

Eine grundlegende Erkenntnis des Literaturunterrichts ist, dass sich die Schülerinnen und Schüler wenig mit Literatur auseinandersetzen möchten. Wer kann es ihnen verübeln? Für den digital Native ist toter Baum total unsexy. Verschwurbelte und lange (mehr als 1000 Zeichen!) Texte sind ungewohnt und die Sprache vergangener Zeiten unverständlich. Das sind alles Hürden, die tatsächlich überwunden werden müssen. Die Schülerinnen und Schüler per Computer Wörter zählen lassen und dann Hypothesen bilden hat mit Literatur aber nichts zu tun. Wie auch die Interpretationshechelei des restlichen Literaturunterrichts. Beide vergessen, dass Literatur etwas in unserem Kopf anstellt, etwas mit uns tut. Jede sprachliche Botschaft hat mehrere Ebenen, die im Sendenden und Rezipierenden angelegt sind. Diese sollten der Mittelpunkt von Literaturunterricht sein, genauso wie die Beschäftigung mit der Frage als geschichtliche Artefakte, denen nicht vertraut werden kann. Und jetzt nochmal zum mitklöppeln: Das sind alles Dinge für die man ein menschliches Gehirn braucht, und keine riesigen Datenmengen. Diese können bei den Fragen, die Literatur an uns stellt und an die Welt nicht helfen. Diese Fragen sind aber die Legitimation von Literaturunterricht.

Wenn moderne Medien benutzt werden um sich mit Literatur zu beschäftigen, dann sollte man doch vielleicht mal mit Big Data aufhören und produktiv werden: schreiben, vertonen und aufnehmen sind doch viel besser um sich mit den Welten hinter unseren Augen auseinanderzusetzen als zu versuchen alles über das Wenden von Datenhaufen zu gestalten. Literatur kann Wunder zeigen, die man mit Daten niemals sehen kann.

  1. Um euren Hass auszudrücken, klickt einfach auf den grünen Knopf oben im Artikel… []
  2. Vor allem: der Text beschäftigt sich mit dem Deutschunterricht und nicht mit Englisch. []
  3. Pro-Tip: das kann man nach der Vorlesung zur sozialen Mobilität aus dem Wikipediaartikel ableiten… Wahlweise: einfach nur Dickens lesen. []
  4. Das ist übrigens eine Aufgabe, die Schüler in der Schule regelmäßig aufbekommen. []
  5. Sprachwissenschaft übrigens auch! []

Digitale Geräte und Unterricht – wir könnten auch einfach aufgeben…

Es sind wieder Abiturprüfungen im Lande und damit fängt wieder einmal der archaischste Leistungstest an, den wir im Bildungssystem zu bieten haben. Alles bitte handschriftlich, in ewig langer Zeit aufgeschrieben, streng reglementiert. Wäre nicht bewiesen, dass Schulabschlüsse an sich immer wertloser werden, man könnte dem Ritual fast glauben.

Dazu gehört auch, dass natürlich alle digitalen Geräte verboten sind. Dieselben Schülerinnen und Schüler, die die moderne Didaktik mit Webquests, produkt- und handlungsorientierten Methoden total eigenständig, aber komplett geplant, lernen lassen möchte, sitzen am Ende ihrer Schullaufbahn in Reihen und schreiben aus dem Kopf Wissen auf toten Baum. Da wird dann natürlich das Smartphone verboten, man könnte sich ja AM WISSEN DER FUCKING WELT BEDIENEN ANSTATT ES FÜR VIER STUNDEN NUTZLOS IM HIRN RUMZUTRAGEN! Und jetzt kommen die Smartwatches! Und die müssen auch verboten werden.

ODER: Wir könnten auch einfach aufgeben…

Und mal was Neues(™) machen. Zum Beispiel mal die großen Fragen stellen… wie es Sugata Mitra vormacht und damit zeigt, dass Kinder mit Computern nicht dümmer, sondern emanzipierter werden. Wir könnten einfach mal Abiturfragen stellen, für die wir selbst keine vorgefertigten Antworten haben und wir könnten den Prozess bewerten, mit dem Schülerinnen und Schüler dort ankommen.

Die Abschottung der Schule gegenüber dem Digitalen hat schon Jöran Muuß-Merholz in seinem Talk auf dem 28c3 thematisiert. Das war vor 5 Jahren! Da hat sich nix geändert, aber vieles verschlechtert. Wenn wir jetzt einfach aufgeben und sagen:“Okay, diese Computer und dieses Internet geht nicht weg.“1, dann könnten wir wieder das machen, was da draußen an den Schulen und Universitäten dransteht: Bildung.

Also, wie wäre es, wenn wir da einfach aufgeben… es tut nicht weh…

  1. Total unbeliebt, man frage mal die Medienleute oder Politiker… []