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Über Essen, Geld und Gesellschaft

Dies wird der eine große Post in dem ich versuche das Phänomenfeld mal zusammenzutragen. Hauptsächlich, weil ich einen Ort haben will, auf den ich zeigen kann, damit ich es nicht immer wieder erzählen muss.

Am Anfang, ein blöder Witz…

“Wie erkennt man auf einer Party einen Veganer?”

„Gar nicht, er wird es dir nach zwei Minuten selbst sagen.”

So blöde der Witz ist, so richtig ist er in einer Beziehung: Menschen, die Veganismus leben, neigen zu etwas mehr Sendungsbewusstsein und das hat damit zu tun, dass für viele dieser Menschen Veganismus eine aktive politische Einstellung ist. Das findet sich auch bei Vegetariern, aber in einem niedrigeren Maße, weil mehr Menschen, die vegetarisch leben, das auch aus nicht-politischen Gründen tun können. Veganismus ist also eine politische Lebenseinstellung, die auf der Nichtausbeutung von Tieren beruht. Dazu kommt heutzutage meist noch eine Betonung auf die Umweltschäden, die industrielle Fleischproduktion verursacht und die Tatsache, dass eine hoch fleischhaltige Diät ungesund ist.

Doch jetzt wird’s ernst…

Während Nichtausbeutung von Tieren eine ethische Frage ist, die eine eigene längliche Diskussion wert ist, haben die Veganer mit den Umwelt- und Gesundheitskonsequenzen recht. Das Referenzwerk hierfür ist leider immer noch der Bericht Lifestock’s Long Shadow der Lebensmittelorganisation der Vereinten Nationen. Industrielle Fleischproduktion hat einen starken Einfluss auf Landgestaltung, globale Erwärmung und Wasserreinheit. Dazu werden pflanzliche Lebensmittel minderer Qualität in Massen produziert um Fleisch zu produzieren. Wenn Transportkosten dazukommen wird das alles noch viel bitterer.

Fleischzentrierte Ernährung gilt als zentraler Punkt bei vielen Zivilisationskrankheiten, vor allem Gicht, hoher Blutdruck und Übergewicht. Weniger Fleisch wäre hier also auch mehr.

Die Schlussfolgerung der Veganer ist, kein Fleisch und keine tierischen Produkte mehr zu essen. Dagegen lässt sich nichts sagen, aber die Einsprüche der Fleischesser kommen schnell und dann ist der Diskurs im Eimer und es gibt nur noch Glaubensdiskussionen. Deswegen muss das mal auseinanderdividiert werden.

Der Umweltaspekt

Im Zentrum der ganzen Kritik an modernem Fleischessen steht eigentlich eine Kritik an der industriellen Landwirtschaft. Dies ist ein hochoptimierter Prozess mit dem das rasante Bevölkerungswachstum der letzten 200 Jahre überhaupt möglich geworden ist. Anstatt auf natürliche Zyklen zu achten, wurden mit Hilfe von synthetischen Produkten eine immer höhere Ausbeute auf den selben Flächen erzielt. Dabei entstanden Monokulturen, die von Pestiziden und Herbiziden geschützt werden müssen. Die Tierhaltung wurde automatisiert und von den Flächen in kontrollierte Hallen verfrachtet. Die Preise für die so produzierten Lebensmittel sanken stetig, vor allem, weil die Kosten, die diese Landwirtschaft an der Umwelt verursacht nicht mit eingepreist wurden.

Das kann schön beobachtet werden, wenn der ökologische Landbau als Vergleich herangezogen wird. Hier steigen die Fleischpreise sofort, während die Obst- und Gemüsepreise nahezu gleich bleiben.1 Also, kostet umweltgerechteres und wahrscheinlich auch tierfreundlicher hergestelltes Fleisch weitaus mehr als im Discounter. Die Preise dort haben mit den Kosten in der Wertschöpfungskette nichts zu tun, und noch weniger mit den Umweltkosten. Das ist alles schon wunderbar prekär, wenn wir bis hier schauen, doch es geht weiter.

Der Gesundheitsaspekt

Schließt sich hier gleich an. Die Bedingungen unter denen preiswertes Fleisch produziert wird, sind nicht nur für die Tiere furchtbar, sondern auch für die Konsumenten. Antibiotika werden regelmäßig als Wachstumssteigerer eingesetzt und führen zu immer mehr Resistenzen bei den Konsumenten und damit zu direkter Lebensgefahr. Ein erhellende Unterhaltung mit einem Veterinärmediziner zu dem Thema findet sich beim Küchenstudio. Das bedeutet also, dass billiges Fleisch eine ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko darstellt. Das ist nicht unbedingt flächendeckend bekannt, aber interessiert auch weniger Leute und damit kommen wir zum Minenfeld der ganzen Angelegenheit.

Der soziale Aspekt

Billiges Fleisch ist also ein echte Problem für unsere Umwelt und eine Gefahr für uns selbst. Die Lösung der Veganer ist: wir lassen das einfach. Das ist valide und okay. Doch irgendwie will der Rest der Welt nicht folgen und weil ich mich hier mehrfach über Diskurs unterhalten habe, möchte ich versuchen das Problem von der religiös-ideologischen Seite auf eine verständnisbasierte zu stellen und weil ich gerne vorne anfange, geht es etwas zurück in die Geschichte.

Historisch gesehen ist Fleisch ein Lebensmittel der Reichen. Die englischen Wörter für die fleischproduzierenden Tiere sind allesamt germanischen Ursprungs, während die Wörter, die für das Fleisch verwendet werden alle französische Wurzeln haben, weil nur der französisch-sprechende Adel das Fleisch zu essen bekam. Diese Struktur zieht sich in Deutschland bis nach dem ersten Weltkrieg durch. Erst in der Weimarer Republik und später nach dem 2. Weltkrieg etabliert sich Fleisch als Grundlebensmittel. Dieses Zeichen des Reichtums will plötzlich jeder haben. Das Standardprestige von Fleisch setzte sich so sehr durch, dass Fleischkonsum „normal“ wurde und damit Ziel von alternativen gesellschaftlichen Strömungen, die ab den 70ern Fleischessen auch als Zeichen des Bürgertums ablehnte. Vegetarismus und Veganismus folgten dem und sind nun anerkannte Lebenseinstellungen, die von Menschen im Alter zwischen 16 und 40 als normal oder positiv angesehen werden.

Die ältere und konservativere Gruppe in der Gesellschaft kann mit diesen Einstellungen allerdings wenig anfangen, schließlich fühlt sich Fleischkonsum als traditionell überkommen und heimisch an. Dazu kommt, dass ein größerer Teil dieser Menschen in einer Situation lebt, in der eine bewusste Auswahl der Lebensmittel eine niedrige persönliche Präferenz einnimmt, zumeist weil aus ihrer Perspektive das Geld fehlt um sich fleischfrei zu ernähren. Schließlich sind ironischerweise die billigsten Convenienceprodukte im Discounter fleischhaltig und teurer als das Gemüse. Hier entsteht dann ein argumentativer Grabenkrieg zwischen den „linken Ökofritzen“, die darauf hinweisen, dass gesundes fleischfreies Leben wichtig ist und den „konservativen Fleischfressern“, die darauf hinweisen, dass sie sich diesen teuren Scheiß nicht leisten können und vor der Umwelt nun einmal die Moral kommt.

Dieser Streit ist emotionalisiert und lässt sich auf dieser Ebene eigentlich nicht lösen. Die Vorwürfe sind genauso sinnlos wie berechtigt und zeigen das wahre Problem eigentlich nicht auf. Der Streit, der hier so emotional geführt wird, kann besser diskutiert werden, wenn man sich ein paar Ideen aus dem Resonatorpodcast zur Umweltökonomie ansieht. Zum einen muss die alternativ-progressive Seite verstehen, dass es das 1-10-90 Phänomen gibt: eine Person ändert ihr Verhalten, sie kann neun weitere überzeugen ihr zu folgen, aber die anderen neunzig werden so weitermachen wie vorher. Es bringt nichts die neunzig Prozent dafür anzuschreien, dass sie aus ihrer Sicht „normal“ sind. Das bedeutet jetzt etwas ganz Schreckliches für dieses gesellschaftliche Problemfeld…

es braucht Politik…

Politik heißt ja verbindliches gesellschaftliches Konfliktlösen. Das könnte man jetzt auch machen. Und weil es hier am Ende um Kompromisse geht, fallen Radikallösungen aus. Also das Verbot von industrieller Landwirtschaft genauso wie die Idee, dass das alles einfach so weitergeht. Bevölkerungserziehung ist die feuchte Wichsfantasie der Innenpolitiker, also auch eine schlechte Idee. Dann bleibt eigentlich nur noch der Weg, den der Umweltökonom in oben genanntem Podcast zeichnet: wir müssen die Umweltkosten von Lebensmittelproduktion einpreisen. Das geht über Steuern ziemlich einfach.

Doch hier kommt das verborgene Problem hinter der Diskussion. Werden die Umweltkosten eingepreist, dann werden die unteren Statusgruppen sich wieder ernähren müssen wie vor 200 Jahren und damit wäre der kollektive Traum des gesellschaftlichen Aufstiegs bestmöglich widerlegt. Deswegen ist die Frage des Fleischessen eine der sozialen Gerechtigkeit. Möchte die Gesellschaft auf der einen Seite nachhaltige, ökologische und gesunde Lebensmittelproduktion, dann muss sie auf der anderen Seite dafür sorgen, dass die Kosten, die diese Produktion erzeugt auch von allen ihrer Teile bezahlt werden können. Das bedeutet, dass Sozialsstaatlichkeit die Grundlage von strukturellem Umweltschutz ist.

Doch diese Sozialsstaatlichkeit ist noch schwerer durchzusetzen als ein Veggie Day.

  1. Insbesondere in der Saison. Im Biomarkt ändert sich das Sortiment mit der Saison mehr. Das die Stabilität der Obst/Gemüseabteilung gleichbedeutend mit höherer Umweltbelastung durch Transport ist, kann man sich denken. []

Crowdfunderei

Diesmal etwas anderes… mir fiel auf, dass ich relativ viel Zeug in letzter Zeit gefunded habe und da dachte ich mir, das kannste ja auch mal erzählen, vielleicht will ja noch jemand mitmachen.

Los geht es mit dem wohl moralischsten Funding: All Creatures Welcome ist ein Film über das CCCamp und die Congresse. Wenn genug Geld zusammenkommt, dann ist der Film komplett frei. Gehet hin, gebet.

Dann kommt ein Produkt von dem ich mir viel verspreche. Die Prepd Lunchbox ist ein modulares System mit angeschlossener App, bei dem hoffentlich am Ende gesünderes Mittagessen in der Schule rausfällt. Weil das könnte ich dringend gebrauchen.

Wo wir schon in der Schule sind, kommt mit dem Everyday Backpack etwas, was ich sogar schon habe. Mein getreuer Schulrucksack ging nach mehr als 7 Jahren den Weg allen Irdischens und ich suchte einen Ersatz, der nicht so schrecklich lehrerhaft ist wie z.B. die Maxima Classic (Achtung Link führt zu einem wunderbaren Produktvideo.) Der Rucksack ist kleiner als sein Vorgänger, aber es geht alles rein, was ich heute noch brauche: Lehrerkalender, Zettelorganiser und Laptop und Stiftsammlung. Dazu ist das Everyday Backpack noch unheimlich flexibel und sieht nicht scheiße aus.

Wo wir bei Zeug für die Schule sind, kommt jetzt etwas eigenartiges. Ich habe das Butterfly Board gesehen und sofort erkannt, warum ich das haben will. Ich mache regelmäßig impromptu Lernsessions und Nachhilfe mit Leuten und die magischen Worte sind dann meist: „Hast du nen Zettel und nen Stift?“ Nachdem die Jugend dann eh den Zettel sinnlos fotografiert, kann ich Dinosaurier mein kleines flexibles Whiteboard mitschleppen.

Weiter geht es mit Skinners. Nachdem mir aufn Congress viele Leute gesagt haben, dass ich nicht so aussehe, wie ich klinge, kommt jetzt vielleicht der zweite Schock: ich laufe unheimlich gern barfuß rum, wenn es nicht dienstlich ist und die Dinger passen da sehr gut hin.

Als letztes von indiegogo gibt es noch Musik, nämlich ThunderCrow. Rob und Daphyd spielen auch bei Omnia mit und das war Grund genug.

So, bei Kickstarter habe ich hauptsächlich Gaming Kram. Zum einen das Gamefolio System mit dem ich hoffe meine Brettspiele etwas besser zu verstauen. Das müsste eigentlich bald hier eintreffen. Im Endeffekt ist das ne Tasche mit den Folios drin, mit der Spiele einfach transportiert werden können.

Das Spiel, was sicher nicht hineinpasst ist Kingdom Death Monster 1.5. Der höchste Betrag, den ich je in ein Crowdfundig geworfen habe, aber auch ein Spiel, dass ich UNBEDINGT haben wollte. Ich mein, schaut euch die Minis an, und das Feld und die Minis!!!

Als letztes und wohl am längsten laufendes Spiel habe ich noch Geld für die PDFs des Infinity RPGs abgeworfen. Es ist immer noch nicht vollständig fertig, aber nunja… RPG geht immer.

2016 – Wrap Up

So, das Jahr nähert sich dem Ende und dem Lärm auf der Strasse folgend, bereiten sich alle darauf vor möglichst laut und schnell raus zu kommen.

Rückblick

So, dann schauen wir mal. Eigentlich war 2016 ganz okay. Ich hatte weniger Stress, mehr Bewegung und generell mehr Wurschtigkeit, alles gute Dinge.

Projekte

Fotografisch hat sich wenig getan, aber ich hab ein paar schöne Bilder in London und in Bamberg hinbekommen. Infinity hat sich stabilisiert, auch wenn nächstes Jahr endlich mal anstehen müsste, das Turnierspiel hier zu etablieren. Dazu kam ein neuer Podcast, den wir gleich mal auf die Bühne des 33c3 gebracht haben.

Alles in allem lief 2016 ziemlich gut, auch wenn die Politik und Welt sich nicht im Sinne des liberalen Westeuropäers mit mittleren bis hohen Sozialstatus entwickelt hat.

Wie immer gibt es hier den Hinweis, dass selbst sozial genierte Grenzen Macht haben und wir an ihnen am ehesten auf die Idee kommen, dass wir Selbstwirksamkeit und Agency in der Welt haben. Wir haben die immer, aber an Grenzen kann jeder sie sehen und warhnehmen.

Ich wünsche euch allen einen schönen Jahresübergang, trefft die Entscheidungen, die ihr euch nicht zu treffen trautet, schaut neu auf die Welt und tut was damit sie besser wird.

Und: Glitzer im Bart ist in!

#33c3 Tag 3 und 4

Ich bin wieder daheim und schaue dann mal final auf den Congress zurück. Es war der zweite und damit weitaus entspannter, weil irgendwie alles gewohnt war. Ins Sendezentrum zurückzukehren war eine schöne Erfahrung, mehrfach auf diese Bühne zu steigen noch interessanter. Ich habe mich dazu entschlossen mich den PodcastpatInnen anzuschließen.

Irgendwie habe ich zu jedem Congress einen Soundtrack im Ohr. Dieses Mal war es der Freedom Song von Omnia:

Das Lied resoniert schön mit dem Congress. Es ging diesmal mehr darum positiv und aktiv in das neue Jahr zu gehen und ja, wir sollten das tun. Ich saß ja auch beim Realitätsabgleich auf der Couch und bekräftige da noch mal: wir sollten uns mehr entspannen und unseren Gegnern nicht die Genugtuung geben, dass wir uns aufregen.

Eine Liste mit empfehlenswerten Talks kommt später, vorher kommt hier die komplett ungeordnete Liste an Congressimpressionen und -kommentaren:

  • Noch einmal einen schönen Gruß an alle, mit denen ich mich austauschen konnte. Es war wie immer spannend.
  • Einen herzlichen Dank an das Sendezentrum.
  • Viele Leute haben mir gesagt, dass mein Aussehen nicht zu Stimme passt. Das tut mir leid. *prust*
  • Podcastet mehr!
  • Wir brauchen mehr Einhorn.
  • Der Congress ist immer noch eine arschlochfreie Zone.
  • Weniger reden, mehr tun.

Ansonsten: this is our freedom song, sing along!

#33c3 Tag 2

So, es nähert sich dem Mittag von Tag 3 und ich komme mal dazu, dass ich über Tag 2 schreibe. Mein persönlicher Mittelpunkt war natürlich der Auftritt im Sendezentrum. Christoph und meine Wenigkeit waren mit dem Schulsprecher Podcast auf der Bühne. Ich hatte ja erstmal Angst, dass wir nur die Fragen von der Präsentation nehmen müssen, doch stattdessen hatte das Publikum viel zu fragen. Etliches davon zeigte auch schön den Widerspruch zwischen dem, was Lehrer wissenschaftlich-pädagogisch wissen und dem, was politisch möglich ist. Die Folge erscheint dann auch zeitnah.

Es gab noch etliche Talks, die ich verpasst habe, aber dafür habe ich mich mit spannenden Menschen unterhalten und das in weitaus mehr Englisch als ich dachte.

Heute ist Tag 3 und es gibt viele Talks, die ich sehen will, wobei es auch tolle torrents von allen Aufnahmen gibt und die Menschen, die da sind vor denen, die aufgezeichnet werden, vorgehen.

Onward to the future:

gestreamte Talks: 4

live gesehene Talks: 1

#33c3 Tag 1

Es ist am frühen morgen des zweiten Tags des 33. Chaos Communication Congress und in den kribbelbunt beleuchteten Räumen erwacht langsam das Leben. Die ersten Referenten schauen sich noch einmal ihre Folien an und es herrscht eine ruhige Geschäftigkeit, die sich irgendwo zwischen dem Kater der letzten Feiernden und der Wachheit der Neuangekommenden langsam entwickelt.

Gestern war Tag 1 und irgendwie blieb ich in einem sehr entspannten Networking stecken. Viele Leute mit denen man reden kann und das sehr entspannt. Ich traf holgi, Kadda und die Herren vom Aufwachen Podcast. Dazu noch Leute vom Hackerspace in Dublin.

Heute kommt die Sprechstunde. Christoph möchte mit mir über Schule reden, vor Leuten und wir haben Fragen mitgebracht, aber wünschen uns auch, dass das Publikum mit uns über Schule redet.

gestreamte Talks: 0

live gesehene Talks: 0,5

Sonnenwende 2016

Die längste Nacht des Jahres steht vor uns. Viele denken, dass 2016 ein furchtbares Jahr war und vermuten, dass die Nacht in der Welt niemals endet. Angst vor der Zukunft und vor dem, was kommt und uns herausfordert. In der Dunkelheit haben wir immer Angst gehabt. Die Menschen kriechen in ihre Höhlen und zünden Feuer an, damit die Dunkelheit und die Ungewissheit nicht an sie herankommt. Heute sitzen wir in bequemen Häusern, aber sie sind nicht anders als die Höhlen.

Doch es gibt mehr als diese realen Höhlen in unserer Welt. Es gibt auch die Höhle in unserem Kopf in der wir uns vor der schlimmen Welt verstecken. Wir wollen die Dunkelheit, die da draußen zu sein scheint nicht in unsere Gedanken lassen.

Die Sonnenwende war lange das Ende des Jahres. Die Menschen gingen hinaus und entzündeten Feuer in der Nacht. Sie glaubten, dass wenn sie dem Feuer huldigen, die Sonne wieder aufgeht. Dieses Licht können wir auch in dieser Nacht entzünden, real und metaphorisch. Denn dann verschwindet die Dunkelheit und die Sonne geht am nächsten Morgen wieder auf.

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Moralisches Handeln

Dieser Artikel lag schon länger in meiner virtuellen Schublade und jetzt ergab sich dank einer Twitterunterhaltung mit dem Sozioblogen die Möglichkeit ihn zu verwenden und in einen Kontext zu setzen und damit zu einem Beitrag des soziologischen Kaffeekränzchen zu machen. Doch, vorne anfangen ist ja toll.

Eine der alten Fragen der Philosophie ist die Frage nach dem moralischen Handeln und die Frage, welche Art von Handlungen gut und böse sind. Dabei ist neben der generellen Definition des Begriffspaares, aber auch noch wichtig, welche Dimensionen überhaupt eine Handlung beeinflussen. Doch eines nach dem anderen. Deswegen geht es jetzt erst einmal und die großen Dichotomien im Bereich Moral.

Gut und Böse – Richtig und Falsch

Wenn über Moral geredet wird, dann geht es aus der Sicht vieler Menschen immer um gut und böse. Das Problem damit ist, dass nirgendwo festgelegt ist, was dem jeweiligen Begriff zuzuordnen ist. Und weil wir uns alle Märchen darüber erzählen, wie unsere Welt aussieht, ist immer das, was wir selbst denken gut und das was andere anders denken böse. Das diese Sicht auf die eigene Weltkonstruktion menschlich, aber auch für Diskurs schwierig ist, wurde an diesem virtuellen Kaffeetisch schon gut dargestellt.

Anders ist es mit der Frage nach richtig und falsch. Die Frage ob eine Handlung moralisch richtig oder falsch ist, lässt sich anhand von Kriterien treffen, die nicht die Wertung der anderen Person, die bei gut und böse immanent sind, sondern die Handlung in den Mittelpunkt stellen. Es ist also möglich mit anderen Personen unabhängig von ihrer Persönlichkeit über die moralische Richtigkeit der Handlung zu sprechen. Deswegen ist richtig und falsch nicht nur die bessere Richtschnur für das eigene Handeln, sondern auch die Kategorie mit der und über die sich Diskurs gestalten lässt.

Gut und Böse sind Fremdzuschreibungen, während richtig und falsch Analysekategorien sein können. Damit ist natürlich die Frage offen, wie jetzt eine Handlung beurteilt werden kann.

Gründe – Intention – Ergebnis

Wenn eine Handlung moralisch bewertet werden soll, dann müssen die drei oben genannten Ebenen betrachtet werden. Diese sind miteinander verbunden, wobei aus der Sicht vieler Menschen das Ergebnis natürlich immer eine hohes Gewicht hat, obwohl diese Analyseform die Trügerischste ist. Nur weil einem das Ergebnis gefällt, heißt das nicht, dass die Handlung gutzuheißen ist. Denn auch die Gründe und die Absicht, die mit einer Handlung verbunden sind, bestimmen, ob diese tatsächlich moralisch richtig oder falsch ist. Die Folterung eines Kriminellen zur Rettung eines Kindes, ist falsch, egal wie sehr das Kind überlebt. Die Ermordung eines Diktators ist moralisch genauso falsch, wie die Bombardierung von Terroristen. Alle diese Handlungen haben gemein, dass die Ergebnisse positiv sein können, ((Und es langfristig dann eben aufgrund ihrer Mittel doch ihre positive Wirkung nicht entfalten.)) aber die Begründungen und Absichten, die dahinter stehen das Ergebnis entwerten.

Deswegen ist es eben nicht möglich aus den falschen Gründen das Richtige zu tun. Die falschen Gründe machen es schon falsch.

Fazit

Und damit komme ich zurück zum Impuls für diesen Text. Moral als Selbstzuschreibung ist tatsächlich schädlich für jeden Diskurs, weil es hier nur darum geht, dass jede beteiligte Person sich selbst die höhere Position zuschreiben will. Was aber dringend Thema im Diskurs sein sollte ist die Bewertung von Handlungen und die Prämissen nach denen das getan werden soll. Denn über Werte wird viel geredet, wenn es darum geht die Person gegenüber abzuwerten, aber wenig wenn es darum geht, welche überhaupt das gesellschaftliche und persönliche Handeln leiten sollten und welche Kriterien diesen Werten zugrundeliegen.

Works for Me – Diskurs und Identität

So, wir kommen zum soziologischen Kaffekränzchen zurück. Es gibt da jetzt einen Tag für. Nachdem ich mich das letzte Mal auf die Erklärung der Schwierigkeiten beim finden von Diskursen bezogen haben, hat die Vrouwelin das einmal zusammengefasst und so geendet:

Und doch höre und lese ich Stimmen, die darauf hinweisen, dass es mit den rechten Stimmen in der heutigen Gesellschaft und Politiklandschaft eh keinen Diskurs geben kann, dass es heißt, wir oder die. Ich befürchte, dass das der momentanen Realität deutlich näher kommt. Mit rechts-extremistischem Gedankengut ist nicht zu verhandeln, weil es menschenfeindlich ist. Und dabei ist es egal, wie weit diese Einstellungen in die „Mitte“ eingesickert sind, sie werden dadurch nicht verhandelbarer. Doch wenn mit den Einstellungen von dreißig bis teilweise fast siebzig Prozent der Bevölkerung nicht mehr zu verhandeln ist? Wie funktioniert Demokratie wenn große Teile der Bevölkerung sie nicht mehr wollen? Weil sie zum Teil nicht wissen, wie es geht?

Als ich das so las, musste ich an einen weiteren Impuls denken, der mir die Tage gegeben wurde. Nämlich die Frage nach der Identität. Die grundlegende Idee „wir oder die“ widerstrebt mir nämlich zutiefst, kann eine Gesellschaft doch nur funktioniert, wenn ihre Mitglieder ein grundlegendes „wir gemeinsam“ Gefühl haben. Und so kommt es auch, dass das Motto des diesjährigen Chaos Communication Congress in die Überschrift geschlichen hat. Auch dieser beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern gesellschaftliche Probleme nicht auch gesellschaftlich gelöst werden müssen. Works for me ist dabei die Aussage, dass man sich ja nicht um Probleme kümmern muss, wenn sie einen selbst nicht betreffen. Das funktioniert nur für gesellschaftliche Probleme nicht. Bringen wir jetzt die beiden Linien das erste Mal zusammen, dann scheint das wichtigste Problem, das der Identität zu sein. Doch, wo kommt eigentlich unsere Identität her?

Identität ist eine Konstruktion, wie alles das wir so in unserem Kopf haben. Sie ist ein Ergebnis von Kommunikation mit unserer Umwelt und etwas, das wir für zutiefst für wahr halten, während es gleichzeitig eine der größten Lügen ist.1 Menschen sind also das, was sie denken, das sie sind. Diese Identität wird aber auf zwei Arten während unserer andauernden Sozialisation generiert. Die übliche Variante funktioniert durch negative Selbstzuschreibung. Das bedeutet, dass Identität darüber generiert wird, dass die Person ein außen wahrnimmt und sich von diesem Außen abgrenzt. Daraus wird dann gedacht, dass sich auch ein definiertes Innen also eine definierte Identität ergibt. Das ist aber nicht wahr. Die unübliche Variante, der positiven Selbstzuschreibung generiert eine Identität, in dem die Person selbst sagt, wer sie ist und warum. Damit ist die Identität allerdings positiv besetzt, weil die Person sie sich selbst gegeben hat. Doch, wie gesagt, die Standardvariante ist die negative Zuschreibung darüber, dass die Person sagt, wer sie nicht ist.2 Diese Art von Identitätsgeneration führt dann wieder zurück zum 33c3 Motto, denn nur aus dieser Identitätsvorstellung, des ich bin nicht wie die anderen, kann man sagen „Works for me“ und daraus schließen, dass die Interessen der anderen egal sind. Die sind ja diejenigen gegen die sich abgegrenzt wird. Die positive Selbstzuschreibung wiederum eröffnet die Möglichkeit andere Menschen anzuerkennen, weil die Person selbst möchte, dass ihre Identität, die sie sich gegeben hat anerkannt wird. 

Und damit kommen wir zum Neuzugang am digitalen Kaffeetisch Kolame hat sich hinzugesetzt und auf eine bewundernswert-erschreckend soziologisch-systemtheoretische Art, die Rolle der Moral im Diskurs thematisiert hat. Eine Frage, die sie stellt ist:

Wie kriegt man die Personen wieder in einen Raum, ohne aber in vormoderne und noch sexistischere (als heute), patriachelere (als heute) und diskriminierende (als heute) Diskurspraktiken zurückzufallen?

Ich denke eine Antwort ist, dass dieser Diskurs, den sie da beschreibt, sich über Identitäten generiert und damit über die Betonung von Unterschieden, die viele dringend benötigen um sich sicher zu sein, wer sie sind. Dabei gilt dann „Works for me“ als Ausgangspunkt für Kompromissbereitschaft und das ist dann das Problem. Wenn es das Ziel ist, dass die verschiedenen Gruppen wieder miteinander in den Diskurs treten, dann muss neben den ganzen technisch-praktischen Problemen, die erörtert wurden, auch ein Raum geschaffen werden, in dem Identität in den Hintergrund tritt. Ein sozialer Raum in dem das wer ich bin nicht so wichtig ist, wie das was ich möchte. In dem aus dem „works for me“ ein „works for us“ oder wenigstens ein „works for most of us“ wird.

Der Weg zu diesem Raum kann aus meiner Sicht nur über zwei unterrepräsentierte Konzepte aus dem pädagogischen Arsenal führen: zum einen Selbstfindung als Kulturtechnik, zum anderen Empathie. Ich kann zu beidem sagen, dass es im Schulsystem nicht stattfindet und kein Ziel ist. Gleichzeitig stelle ich gerade dieses Schuljahr fest, dass Empathie etwas ist, dass Schüler*innen kaum erleben und das Selbstfindung eine Sehnsucht und ein Gegengift zur allgegenwärtigen Zukunftsangst ist, die sie erleben. Doch diese Eigenschaften und Kulturtechniken brauchen direkte Kommunikation und einen Diskurs in dem Identitäten und Rollen unwichtig sind. Beides ist in Schulen leider selten.

  1. Igitt wie philosophisch… []
  2. Schonmal aufgefallen, dass das die AfD Methode ist? Sie ist so einfach, weil die meisten Leuten genauso ticken. []

Diskursfindungsschwierigkeiten

Um auch weiterhin den Eindruck zu erwecken, dass sich hier das soziologische Kaffekränzchen Rundbriefe schreibt, möchte ich mich diesem Artikel vom sozioblogen äußern. Er verlangt danach, dass wir wieder mehr Diskurs brauchen. Dieser weisen Erkenntnis stimme ich zu. Mein Beitrag ist eher als Analyse gedacht, wo denn der Diskurs überhaupt hin verschwunden ist. Auch hier gilt mal wieder, wenig neues, aber wenn nicht bekannt ist, wo etwas herkommt, wird es mit dem wegkommen noch schwieriger.

In meiner Jugend…

Opa erzählt vom Krieg, oder besser von der Welt vor dem Jahr 2000. Da hatte er ein Festnetztelefon, einen Computer, der nicht an das Internet angeschlossen war und ein Fahrrad. Die Diskussion über Politik war gestützt auf Zeitung, Fernsehen und direkte Sprache. Wenn etwas medial neu geschehen ist, dann war das Einzige, was einen davon abhielt keine Ahnung davon zu haben, wovon der Rest sprach, kein Privatfernsehen zu haben.

Das Netz ist toll! wait…

So, und jetzt ist Medienwandel. Print liegt in den letzten Zügen, Radio ist nur noch Gedudel, Fernsehen ist für Rentner, Facebook ist für Rechte, twitter für Linke und die Jugend ist auf Snapchat1. Das ist so ungefähr und damit muss jetzt mal umgegangen werden. Es bedeutet aber auch etwas: der gesellschaftliche Diskurs ist komplett zersplittert, denn der Ort der ihn bisher vereinigt hat, sind die Massenmedien. Der Diskurs von Mensch zu Mensch wird dabei immer schwerer. In der Schule kann man erleben, dass Klassen keine Klassengemeinschaft mehr bilden, weil die Menschen, die im selben Raum sitzen, einen virtuellen sozialen Raum über den halben Landkreis aufspannen.

Das bedeutet dann aber auch, dass die Leute eben nicht mal mehr miteinander reden müssen, wenn sie im selben Raum sitzen. Und wir Lehrer wollen eigentlich auch, dass sie nur über unsere Themen reden, wenn sie miteinander reden. Der Diskurs mit anders denkenden Menschen ist also maximal mit Lehrern möglich, aber die sind soziales Hintergrundrauschen. Es ist für die meisten Leute technisch unmöglich einen Diskurs mit einer andersdenkenden Person zu führen.

Da die sozialen Medien dazu neigen den Nutzern nur Inhalte vorzuzeigen, die zur eigenen Weltwahrnehmung passen, also werden andere Weltsichten so antagonisiert, dass sie nur noch böse sind. Die einfachen Lösungen halt. Es wird aufgrund der enormen sozialen Beweislast gedacht, dass man selbst definitiv nicht falsch liegen kann, weil alle anderen es ja auch so sehen.

Das sind alles Bedingungen, in denen sozialer Diskurs eigentlich fast unmöglich geworden ist, außer er ist unvermeidbar, wie in Schulen oder größeren sozialen Anlässen, aber selbst da wird ja nicht mehr geredet, sondern gechattet und fotografiert.

Also, ja wir brauchen mehr Diskurs, aber vorher muss erstmal das Problem gelöst werden, dass die unterschiedlichen Gruppen wieder im selben Raum sind.

  1. oder so… []