HCH034 Kompetenzorientierung - der Rant

Ich habe mein Englischbuch gelesen und bin dabei wieder über die neue didaktische Sau, der wir beim Durchqueren des Dorfes zusehen. Das ist ein Rant… ich rege mich halbwegs begründet auf, aber es ist kathartisch.

4 Gedanken zu „HCH034 Kompetenzorientierung - der Rant

  1. Zero Hour

    Warum künstlich aufgeblähte Grammatikübungen nun das ultimative pädagogische Allzweckheilmittel sein sollen, erschließt sich mir zwar auch nicht, aber immerhin scheint man den Schülern heutezutage ein bißchen mehr Kreativität zuzubilligen als noch zu meiner Zeit. Das ist jetzt 20+ Jahre her, PISA gab es nocht nicht, und selbstverständlich hatten wir die besten Schulen der Welt!
    So etwa ab der 9. Klasse war Schluss mit lustig. Eigene Texte schreiben? Das brauchte ja kein vernünftiger Mensch – stattdessen wurde analysiert, interpretiert und beurteilt was immer irgendwelche unerreichbaren Koryphäen uns übermittelt hatten.
    Besonders absurd war das im Lateinunterricht. Bekanntlich legten die gebildeten Römer der Republik Wert darauf, dass ihre Kinder auch die Kunst der Rede erlernten, weil man damit ganz prima andere Leute für seine Ideen einnehmen kann, sei es als Politiker, Anwalt oder in anderen Bereichen des Lebens. Was wurde mehr als 2000 Jahre später daraus? Schüler suchen die Alliterationen, Parallelismen und anderen rhetorischen Stilmittel in ihrem Lateintext und erklären dann, wozu diese gut sind. Aber bringt man den Jugendlichen bei, ihre eigenen Ideen so zu artikulieren, dass sie Gehör finden? Nein, lieber analysieren wir noch ein Gedicht von XXX. Toter kann eine Sprache nicht mehr sein.
    Gut, soviel zu meinem eigenen schulischen Kindheitstrauma. Ich habe ja immer noch die Hoffnung, dass die Schule irgendwann einmal etwas mehr ist als eine überlange Warteschleife bis zum Eintritt ins “echte” Leben.
    Eine Frage noch: Wird an heutigen Gymnasien eigentlich unterrichtet, wie man englischsprachige Briefe schreibt? Gabs damals natürlich auch nicht, ist aber, wie ich mittlerweile erfahren habe, im Leben “da draußen” immer wieder sehr nützlich.

    P.S.: Das Abitur – ein sadistischer Übergangsritus?

    Antworten
    1. advi Beitragsautor

      Das ist heute schon anders. Die zentrale Aufgabe im Englisch-Fachabitur an den FOS/BOS ist eine Textproduktion, die mittlerweile so komplex geworden ist, dass das Erstellen, Bearbeiten und Korrigieren eine ordentliche Herausforderung ist. Grammatikaufgaben, also sogenannte Pattern Drills, sind an bestimmten Stellen sinnvoll. Ich bevorzuge aber reflektierende Grammatikaufgaben am lebenden Text der SchülerInnen.

      Der eigenständige Text steht auch in Deutsch mittlerweile im Mittelpunkt.

      Latein ist ein reine Logikübung und hat weder was mit der historischen Sprache zu tun noch Sprachunterricht. Ich bin aber Englischlehrer und halte mich über diesen Kommentar da raus. Die Beschwerden äußerst du bitte gegenüber Lateinlehrkräften. 😉

      Na mit den aktuellen Aufgaben ist sie sogar verlogen, sie tut so als wäre sie echtes Leben, simuliert aber alles durch.

      Ja, das wird unterrichtet und teilweise auch gefordert, ist aber eine Randgeschichte, weil die Haupttextform der Aufsatz und ähnliches ist. Briefformalien bringe ich dir in zwei Unterrichtsstunden bei und dann hast du die zum Nachschlagen da…

      Hm, nein. Ich sage da immer: das Abitur ist Sozialstatus und um den zu bekommen, müssen die Leute durch mehr oder weniger sinnlose Ringe springen.

      Antworten
  2. Chris G.

    Hi,
    ich hab aufmerksam zugehört (und hoffe, durchs löchrige Sieb namens Gehirn ist nicht zuviel durchgerutscht). Deine Kritik/der Rant ist ja total nachvollziehbar, so gesehen hat das alles Hand & Fuß. Aber interpretiere ich da zu viel rein, wenn ich die Wahrnehmung hatte, es geht Dir eigtl. nicht um Kompetenzorientierung an sich, sondern eher um die konkrete Umsetzung im vorliegenden Englischbuch?
    Mich treibt das aktuell ein wenig um, weil ich gerade mehrere Studienbriefe zum Thema (haha) Kompetenzen hatte. Und irgendwie hatte ich zunächst auch das Gefühl, das ganze ist unheimlich abstrakt, realitätsfern, und eigentlich unerreichbar (wenn nicht klar ist was ich meine, kann ich Sauter & Erpenbecks Herleitung von Wertekernen und Wertinteriorisation aus der Psychotherapie auf ca. 100 Seiten sehr empfehlen). Gleichzeitig hatte ich auch den Eindruck von der Sau, die durchs Dorf getrieben wird. In der Erwachsenenbildung gleiches Spiel – sogar was die curriculare Abbildung/Nomenklatur angeht.
    AAAAaaabbbbber – und hier liebäugle ich doch etwas mit dem Kompetenzbegriff – deutlich wurde es für mich, als ich es mental einer anderen Idee gegenübergestellt habe. Dem Lehrziel. (Bewusst nicht Lernziel). Dabei gehts doch (wie bei vielen Lehrplänen auch) viel mehr um ein Programm, das abgespult werden muss. Am Ende des Jahres durch mit dem Lehrplan – Super, alles perfekt gelaufen. Was die Teilnehmer (in deinem Fall SuS) dann wissen oder können, spielt ja nur nachgeordnet ne Rolle. (NICHt bei der Einstellung der Lehrer – das ist mir schon klar) . Aber ein Lehrplan ist glaub ich nicht das hilfreichste Mittel, wenn es drum geht, dass Menschen NACH einer Zeit xyz mehr KÖNNEN und ANWENDEN sollen, als VOR der Zeit. BEsonders gut am Kompetenzbegriff (und das grenzt es in meinem Bereich von klassischen Lehr, Lern- und sonstigen Zielen etwas ab) ist die Forderung von “K. sollen handeln ermöglichen unter Unsicherheit”. Ja, irgendwie ist das Transfer – aber sprachlich und logisch viel schöner, finde ich.

    Das man dazu ne ganz andere Art des Unterrichts und Curriculums braucht, ist ein ganz anderes Thema – zumindest im Weiterbildungsbereich sehe ich das so, für Schulen kann ich mir glaube ich fachlich kein Urteil erlauben – würde aber ähnliches unterstellen.

    Lange Rede, kurzer Sinn: Ich finde den Kompetenzbegriff super, und bin täglich aufs neue entsetzt, wie sehr der eigentlich gute Begriff/die gute Idee von dem, was tagtäglich an Bürokratie/Vorgaben etc. da ist, konterkariert wird.
    Meine Frage zum Schluss: nervt Dich der Kompetenzbegriff an sich, oder gehts Dir tatsächlich eher um die konkrete Umsetzung (zum Beispiel mit dem Cornelsen Englischbuch)?

    Wenn ich nur abstrusen Quatsch geschrieben habe, dann fühl Dich nicht genötigt zu antworten 🙂

    Viele Grüße
    Chris

    Antworten
    1. advi Beitragsautor

      Deine Kritik/der Rant ist ja total nachvollziehbar, so gesehen hat das alles Hand & Fuß. Aber interpretiere ich da zu viel rein, wenn ich die Wahrnehmung hatte, es geht Dir eigtl. nicht um Kompetenzorientierung an sich, sondern eher um die konkrete Umsetzung im vorliegenden Englischbuch?

      Die war der Auslöser. Die Aufgaben, die wir als Beispiele für die neuen Prüfungsformate bekommen haben, sind ähnlich fake. Was mich besonders stört ist, dass fiktive Situationen herbeibeschworen werden. Dazu wurde das schon so auf die Spitze getrieben, dass SchülerInnen so getäuscht wurden, dass sie am Ende als herauskam, dass das alles fake war, komplett demotiviert waren. Böswillige Täuschung als Unterrichtsprinzip halte ich für amoralisch und scheiße. Täuschung und Fiktion als Grundlage für Unterricht ist falsch und unnötig.

      BEsonders gut am Kompetenzbegriff (und das grenzt es in meinem Bereich von klassischen Lehr, Lern- und sonstigen Zielen etwas ab) ist die Forderung von “K. sollen handeln ermöglichen unter Unsicherheit”. Ja, irgendwie ist das Transfer – aber sprachlich und logisch viel schöner, finde ich.

      Ich zitiere nur das, stimme dir da aber zu. Kompetenz in der Definition ist weitaus besser als Inhaltsbeschreibung in Lehrplänen. Aber: erstens gilt bei uns der bayerische Kompetenzbegriff:

      Kompetent ist eine Person, wenn sie bereit ist,neue Aufgaben- oder Problemstellungen zu lösen,und dieses auch kann.
      Hierbei muss sie Wissen bzw. Fähigkeiten erfolgreich abrufen, vor dem Hintergrund von Werthaltungen reflektieren sowie verantwortlich einsetzen.
      Bayerische Kompetenzdefinition

      Oder auch: “wie definiere ich Kompetenz so, dass man nix an den Logiken der Lehrpläne bis auf den Wortlaut ändern muss?” Ich hoffe, du verstehst, warum ich da so zynisch bin. Mit der Definition, die du hier gibst gehe ich mit und würde antworten: lasst die Lehrpläne weg. Die brauche ich dann nicht mehr. Leider, leider ist dann aber nichts mehr prüfbar und das ist schon ein Drama…

      Lange Rede, kurzer Sinn: Ich finde den Kompetenzbegriff super, und bin täglich aufs neue entsetzt, wie sehr der eigentlich gute Begriff/die gute Idee von dem, was tagtäglich an Bürokratie/Vorgaben etc. da ist, konterkariert wird.
      Meine Frage zum Schluss: nervt Dich der Kompetenzbegriff an sich, oder gehts Dir tatsächlich eher um die konkrete Umsetzung (zum Beispiel mit dem Cornelsen Englischbuch)?

      Dann hat dir der kleine Exkurs oben bestimmt gerade sehr viel Freude gemacht. 🙂 Nein, der Kompetenzbegriff und sein Vorgänger der der Bildungsstandards war immer gut. Ich möchte gerne relevanten Unterricht machen, in dem weder meine SchülerInnen noch ich in der Intelligenz beleidigt werden.

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.