Über Essen, Geld und Gesellschaft

Dies wird der eine große Post in dem ich versuche das Phänomenfeld mal zusammenzutragen. Hauptsächlich, weil ich einen Ort haben will, auf den ich zeigen kann, damit ich es nicht immer wieder erzählen muss.

Am Anfang, ein blöder Witz…

“Wie erkennt man auf einer Party einen Veganer?”

„Gar nicht, er wird es dir nach zwei Minuten selbst sagen.”

So blöde der Witz ist, so richtig ist er in einer Beziehung: Menschen, die Veganismus leben, neigen zu etwas mehr Sendungsbewusstsein und das hat damit zu tun, dass für viele dieser Menschen Veganismus eine aktive politische Einstellung ist. Das findet sich auch bei Vegetariern, aber in einem niedrigeren Maße, weil mehr Menschen, die vegetarisch leben, das auch aus nicht-politischen Gründen tun können. Veganismus ist also eine politische Lebenseinstellung, die auf der Nichtausbeutung von Tieren beruht. Dazu kommt heutzutage meist noch eine Betonung auf die Umweltschäden, die industrielle Fleischproduktion verursacht und die Tatsache, dass eine hoch fleischhaltige Diät ungesund ist.

Doch jetzt wird’s ernst…

Während Nichtausbeutung von Tieren eine ethische Frage ist, die eine eigene längliche Diskussion wert ist, haben die Veganer mit den Umwelt- und Gesundheitskonsequenzen recht. Das Referenzwerk hierfür ist leider immer noch der Bericht Lifestock’s Long Shadow der Lebensmittelorganisation der Vereinten Nationen. Industrielle Fleischproduktion hat einen starken Einfluss auf Landgestaltung, globale Erwärmung und Wasserreinheit. Dazu werden pflanzliche Lebensmittel minderer Qualität in Massen produziert um Fleisch zu produzieren. Wenn Transportkosten dazukommen wird das alles noch viel bitterer.

Fleischzentrierte Ernährung gilt als zentraler Punkt bei vielen Zivilisationskrankheiten, vor allem Gicht, hoher Blutdruck und Übergewicht. Weniger Fleisch wäre hier also auch mehr.

Die Schlussfolgerung der Veganer ist, kein Fleisch und keine tierischen Produkte mehr zu essen. Dagegen lässt sich nichts sagen, aber die Einsprüche der Fleischesser kommen schnell und dann ist der Diskurs im Eimer und es gibt nur noch Glaubensdiskussionen. Deswegen muss das mal auseinanderdividiert werden.

Der Umweltaspekt

Im Zentrum der ganzen Kritik an modernem Fleischessen steht eigentlich eine Kritik an der industriellen Landwirtschaft. Dies ist ein hochoptimierter Prozess mit dem das rasante Bevölkerungswachstum der letzten 200 Jahre überhaupt möglich geworden ist. Anstatt auf natürliche Zyklen zu achten, wurden mit Hilfe von synthetischen Produkten eine immer höhere Ausbeute auf den selben Flächen erzielt. Dabei entstanden Monokulturen, die von Pestiziden und Herbiziden geschützt werden müssen. Die Tierhaltung wurde automatisiert und von den Flächen in kontrollierte Hallen verfrachtet. Die Preise für die so produzierten Lebensmittel sanken stetig, vor allem, weil die Kosten, die diese Landwirtschaft an der Umwelt verursacht nicht mit eingepreist wurden.

Das kann schön beobachtet werden, wenn der ökologische Landbau als Vergleich herangezogen wird. Hier steigen die Fleischpreise sofort, während die Obst- und Gemüsepreise nahezu gleich bleiben.1 Also, kostet umweltgerechteres und wahrscheinlich auch tierfreundlicher hergestelltes Fleisch weitaus mehr als im Discounter. Die Preise dort haben mit den Kosten in der Wertschöpfungskette nichts zu tun, und noch weniger mit den Umweltkosten. Das ist alles schon wunderbar prekär, wenn wir bis hier schauen, doch es geht weiter.

Der Gesundheitsaspekt

Schließt sich hier gleich an. Die Bedingungen unter denen preiswertes Fleisch produziert wird, sind nicht nur für die Tiere furchtbar, sondern auch für die Konsumenten. Antibiotika werden regelmäßig als Wachstumssteigerer eingesetzt und führen zu immer mehr Resistenzen bei den Konsumenten und damit zu direkter Lebensgefahr. Ein erhellende Unterhaltung mit einem Veterinärmediziner zu dem Thema findet sich beim Küchenstudio. Das bedeutet also, dass billiges Fleisch eine ernstzunehmendes Gesundheitsrisiko darstellt. Das ist nicht unbedingt flächendeckend bekannt, aber interessiert auch weniger Leute und damit kommen wir zum Minenfeld der ganzen Angelegenheit.

Der soziale Aspekt

Billiges Fleisch ist also ein echte Problem für unsere Umwelt und eine Gefahr für uns selbst. Die Lösung der Veganer ist: wir lassen das einfach. Das ist valide und okay. Doch irgendwie will der Rest der Welt nicht folgen und weil ich mich hier mehrfach über Diskurs unterhalten habe, möchte ich versuchen das Problem von der religiös-ideologischen Seite auf eine verständnisbasierte zu stellen und weil ich gerne vorne anfange, geht es etwas zurück in die Geschichte.

Historisch gesehen ist Fleisch ein Lebensmittel der Reichen. Die englischen Wörter für die fleischproduzierenden Tiere sind allesamt germanischen Ursprungs, während die Wörter, die für das Fleisch verwendet werden alle französische Wurzeln haben, weil nur der französisch-sprechende Adel das Fleisch zu essen bekam. Diese Struktur zieht sich in Deutschland bis nach dem ersten Weltkrieg durch. Erst in der Weimarer Republik und später nach dem 2. Weltkrieg etabliert sich Fleisch als Grundlebensmittel. Dieses Zeichen des Reichtums will plötzlich jeder haben. Das Standardprestige von Fleisch setzte sich so sehr durch, dass Fleischkonsum „normal“ wurde und damit Ziel von alternativen gesellschaftlichen Strömungen, die ab den 70ern Fleischessen auch als Zeichen des Bürgertums ablehnte. Vegetarismus und Veganismus folgten dem und sind nun anerkannte Lebenseinstellungen, die von Menschen im Alter zwischen 16 und 40 als normal oder positiv angesehen werden.

Die ältere und konservativere Gruppe in der Gesellschaft kann mit diesen Einstellungen allerdings wenig anfangen, schließlich fühlt sich Fleischkonsum als traditionell überkommen und heimisch an. Dazu kommt, dass ein größerer Teil dieser Menschen in einer Situation lebt, in der eine bewusste Auswahl der Lebensmittel eine niedrige persönliche Präferenz einnimmt, zumeist weil aus ihrer Perspektive das Geld fehlt um sich fleischfrei zu ernähren. Schließlich sind ironischerweise die billigsten Convenienceprodukte im Discounter fleischhaltig und teurer als das Gemüse. Hier entsteht dann ein argumentativer Grabenkrieg zwischen den „linken Ökofritzen“, die darauf hinweisen, dass gesundes fleischfreies Leben wichtig ist und den „konservativen Fleischfressern“, die darauf hinweisen, dass sie sich diesen teuren Scheiß nicht leisten können und vor der Umwelt nun einmal die Moral kommt.

Dieser Streit ist emotionalisiert und lässt sich auf dieser Ebene eigentlich nicht lösen. Die Vorwürfe sind genauso sinnlos wie berechtigt und zeigen das wahre Problem eigentlich nicht auf. Der Streit, der hier so emotional geführt wird, kann besser diskutiert werden, wenn man sich ein paar Ideen aus dem Resonatorpodcast zur Umweltökonomie ansieht. Zum einen muss die alternativ-progressive Seite verstehen, dass es das 1-10-90 Phänomen gibt: eine Person ändert ihr Verhalten, sie kann neun weitere überzeugen ihr zu folgen, aber die anderen neunzig werden so weitermachen wie vorher. Es bringt nichts die neunzig Prozent dafür anzuschreien, dass sie aus ihrer Sicht „normal“ sind. Das bedeutet jetzt etwas ganz Schreckliches für dieses gesellschaftliche Problemfeld…

es braucht Politik…

Politik heißt ja verbindliches gesellschaftliches Konfliktlösen. Das könnte man jetzt auch machen. Und weil es hier am Ende um Kompromisse geht, fallen Radikallösungen aus. Also das Verbot von industrieller Landwirtschaft genauso wie die Idee, dass das alles einfach so weitergeht. Bevölkerungserziehung ist die feuchte Wichsfantasie der Innenpolitiker, also auch eine schlechte Idee. Dann bleibt eigentlich nur noch der Weg, den der Umweltökonom in oben genanntem Podcast zeichnet: wir müssen die Umweltkosten von Lebensmittelproduktion einpreisen. Das geht über Steuern ziemlich einfach.

Doch hier kommt das verborgene Problem hinter der Diskussion. Werden die Umweltkosten eingepreist, dann werden die unteren Statusgruppen sich wieder ernähren müssen wie vor 200 Jahren und damit wäre der kollektive Traum des gesellschaftlichen Aufstiegs bestmöglich widerlegt. Deswegen ist die Frage des Fleischessen eine der sozialen Gerechtigkeit. Möchte die Gesellschaft auf der einen Seite nachhaltige, ökologische und gesunde Lebensmittelproduktion, dann muss sie auf der anderen Seite dafür sorgen, dass die Kosten, die diese Produktion erzeugt auch von allen ihrer Teile bezahlt werden können. Das bedeutet, dass Sozialsstaatlichkeit die Grundlage von strukturellem Umweltschutz ist.

Doch diese Sozialsstaatlichkeit ist noch schwerer durchzusetzen als ein Veggie Day.

  1. Insbesondere in der Saison. Im Biomarkt ändert sich das Sortiment mit der Saison mehr. Das die Stabilität der Obst/Gemüseabteilung gleichbedeutend mit höherer Umweltbelastung durch Transport ist, kann man sich denken. []

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.