Rezension – Phoebe Gloeckner – Diary of a Teenage Girl

Im Urlaub fand ich in einem Comicladen eines dieser Bücher, das man einfach mal so mitnimmt. Diesmal war es Diary of a Teenage Girl von Phoebe Gloeckner. Das Buch wird wohl zeitnah in den Kinos erscheinen und ist etwas älter.

Das Buch ist das bebilderte Tagebuch von Minni Goetze (gesprochen: „Getz“), die im Alter von 15 Jahren im San Francisco der späten 70er Jahre wohnt und direkt am Anfang des Buches ihre Jungfräulichkeit an den eher schleimigen Freund ihrer Mutter. Ab da folgt der Leser Minnie durch ihre Tagebucheinträge und ungefähr ein Jahr ihres Lebens, das sie mit Angst, Unsicherheit, anfangendem Erwachsensein und Abscheu gegenüber den echten Erwachsenen verbringt. Dabei schwankt sie von absolut zufälligem Verhalten und Assoziieren, meist auch in passenden Bildern zu Kommentaren über die Welt, die in ihrer Zerstreutheit auch pointiert sind. Dazwischen hat sie die ganze Zeit Sex mit Männern und Teenagern, die absolut schlecht für sie sind, zerstreitet sich mit ihren Freunden und kommt wieder zusammen, nimmt Drogen, trinkt Alkohol und das meiste davon unter Aufsicht oder Betreiben von Erwachsenen, von denen der ihr leicht selbstzentrierter Ziehvater Pascal der einzige zu sein scheint, der sich ernsthaft für Minnie interessiert, die den Egozentrismus ihrer Umgebung spiegelt. Dieser bricht erst am Ende des Buches, wenn ihre Mutter das Tagebuch entdeckt und damit auch herausfindet, dass Minnie regelmäßig mit ihrem Freund Monroe schläft, der ansonsten nur durch Alkoholismus und Ponzi-Scheme ähnlichen Vertrieb von Nahrungsergänzungsmitteln auffällt. Ihre Mutter scheint das auch nur zu stören, weil Monroe auch mit ihr schläft und ihr damit untreu wird.

Das ganze Buch liest sich wie ein Horrorroman für Jugensozialarbeiter und zeigt wie gefährlich die Welt in den 70er Jahren war, als sich Erwachsene primär um sich selbst gekümmert haben und nicht die ganze Zeit panisch um ihre Kinder. Minnies Reise zur eigenen Mündigkeit ist eine Strasse voller ungeschütztem Sex, Drogen und mangelnder Fürsorge. Trotzdem kommt sie am Ende an einer Stelle an, von der sie in ein Leben starten kann, dass eine tiefere Bedeutung für sie hat. Damit ist Diary of a Teenage Girl ein Bildungsroman der Moderne, der durch die Zeichnungen und Gedichte wächst, die zwischen die Tagebucheinträge gestreut sind. Der Modus des fiktiven Tagebuchs bringt den Lesenden der Hauptfigur intim nahe, aber lässt einen auch immer Distanz gewinnen. Minnie scheint keine verlässliche Erzählerin zu sein, und damit schwebt das Buch in einer spannenden Ungewissheit.

Diary of a Teenage Girl scheint in amerikanischen Literaturkursen angekommen zu sein, und ich sehe warum dies der Fall ist. Man kann schön (sinnlos) an diesem Buch heruminterpretieren, ohne sich zu weit aus dem Fenster zu hängen. Allen anderen ist das Buch empfohlen, wenn sie sich auf eine persönliche Geschichte einlassen können ohne sofort in tausend Empörungen und Definitionen zu denken. Es ist ein anderes Leben, dass man erleben kann und das ist alles was Literatur leisten kann.

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